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Wladiwostok – guten Tag! Dobri Djen! Jetzt bin ich also angekommen. Ich war auf allen bewohnten Kontinenten, und viele Städte haben mir sehr gut gefallen, aber hier spüre ich sofort das gewisse Etwas. Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Aber so ist das eben mit Gefühlen … Supercity Moskau – Metropole Europas! Das wunderschöne Moskau ist nicht einfach eine Stadt, es ist mit seinen über elf Millionen Einwohnern die Metropole Europas. Ein erster Spaziergang zum Roten Platz. Wahnsinn! Super! Toll! Ist hier eigentlich halb China unterwegs? Ich laufe überall herum und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Ich bin so begeistert, ich kann es kaum in Worte fassen. Moskau – hier bin ich! Wer hat nicht schon von der Transsibirischen Eisenbahn gehört? Wer allerdings einen Transsibirienexpress oder einen Eisenbahnzug erwartet, der sucht vergebens. Denn die Transsibirische Eisenbahnlinie ist kein Zug, sondern eine 9288 Kilometer lange Bahnstrecke, die 1916 fertig erbaut wurde. Die Autorin schreibt über persönliche Erfahrungen und Abenteuer während einer individuell geplanten Reise quer durch Russland und Sibirien, von Wladiwostok nach Moskau – eine Mischung aus Erlebnissen und Fakten, Schilderungen aus Geschichte mit unglaublich vielen deutschen Spuren, Kultur und Geografie sowie aus dem konkreten Leben und Alltag der Menschen. Wer in Russland den Menschen auf Augenhöhe begegnet, erlebt eine unvergessliche Gastfreundschaft, Herzenswärme und Hilfsbereitschaft. Reiseziele zwischen Wladiwostok und Moskau: Vorsicht vor dem Charme von Chabárowsk! Jakutsk – die kälteste Großstadt der Welt Tschitá in Transbaikalien Ulan-Ude – Buddhismus in Burjatien Irkutsk – das ehemalige Paris Sibiriens Nowosibirsk – die wunderschöne Stadt Tomsk – ein Kunstwerk aus Holz Krasnojarsk – die schöne Stadt am Jenissej – von hier kommt also Helene Fischer Jekaterinburg – die Stadt des Zarenmordes Perm – die Stadt Doktor Schiwagos Nischni Nowgorod – die reiche Stadt an der Wolga – mit dem Geburtshaus Maxim Gorkis
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Wladiwostok – Supercity am Pazifik
Vorsicht vor dem Charme von Chabárowsk!
Jakutsk – die kälteste Großstadt der Welt
Tschitá in Transbaikalien
Ulan-Ude – Buddhismus in Burjatien
Irkutsk und die Insel Olchon im Baikalsee
Nowosibirsk – die schöne Stadt
Tomsk – ein Kunstwerk aus Holz
Krasnojarsk – von hier kommt also Helene Fischer
Jekaterinburg – die Stadt des Zarenmordes
Perm – die Stadt Doktor Schiwagos
Nischni Nowgorod – die schöne reiche Stadt an der Wolga
Supercity Moskau – die einzige Metropole Europas
Für meine Carla und UR, die mir in schwerer Zeit beistanden
2016 jährte sich zum 100. Mal der Jahrestag der vollständigen Errichtung der legendären Transsibirischen Eisenbahnlinie, 2017 der 100. Jahrestag der sogenannten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und 2018 der 100. Jahrestag der Erschießung der Zarenfamilie in Jekaterinburg.
Vorliegendes Buch sollte schon viel früher erarbeitet worden sein, aber ausgerechnet im Jahre 2014 erkrankte ich das erste Mal in meinem Leben ernsthaft (ich meine damit nicht etwa die Erkältung, die mich auf der zweiten Transsibreise treu begleitete!). Diese Erkrankung, mit deren Details ich den geneigten Leser nicht behelligen werde, hatte zur Folge, dass ich erstens die Reise verschieben musste. Zweitens hatte eine fatale Fehleinschätzung meiner wiedererlangten Leistungsfähigkeit zur Folge, dass ich meine Erkundungen auf zwei Reisen verteilen musste. Im Nachhinein muss ich allerdings gestehen, dass mich auch die Städte Wladiwostok und Chabárowsk derart fasziniert hatten, dass ich keinen Tag in eben jenen Städten bereue.
Vorliegendes Buch enthält meine Erfahrungen und Abenteuer während meiner Reisen. Dieses Buch ist also kein Reiseführer! Das Buch stellt eine Mischung aus Erlebnissen und Fakten dar. So kann der Leser hoffentlich etwas über Land und Leute erfahren.
Meine persönlichen Eindrücke erheben nicht den Anspruch, das allein Seligmachende darzustellen. Jeder erlebt eine Situation anders, abhängig von den persönlichen Reiseerfahrungen, von der Einstellung zum Land oder vielleicht auch von den Sprachkenntnissen.
Die gelegentliche namentliche Nennung von Hotels oder Restaurants im Text oder Anhang stellt weder eine Werbung noch eine Wertung dar. Es kann sogar sein, dass einige davon während der Verkaufsperiode dieses Buches gar nicht mehr existieren, denn in Russland ist vieles im Umbruch. Auf das Einfügen von (meist) russischsprachigen Websites habe ich weitestgehend verzichtet.
Die Reise war von vornherein individuell geplant, um Aufenthalte nach eigenem Gutdünken zu verlängern oder abzukürzen. Und ja – ich spreche und schreibe Russisch. Das hilft natürlich ungemein, aber die mitteleuropäischen Reisenden, denen ich unterwegs begegnete, kamen auch ohne Russischkenntnisse und individuell ans Ziel.
Übrigens: ich war vor Beginn meiner Transsibreisen in keiner Weise darauf vorbereitet, auf wie viele Spuren deutscher Entdecker, Wissenschaftler und sogar Kaufleute ich während meiner Reisen stoßen würde!
Immer wieder hört man, dass der und der mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren sei oder dies beabsichtige. Wenn Sie nun einen Transsibirienexpress oder die Transsibirische Eisenbahn suchen – vergessen Sie's!
Die Transsibirische Eisenbahn ist kein Zug, sondern eine Bahnstrecke, die auf Russisch Transsibirische Magistrale (Transsibirskaja Magistral) heißt. Wer würde schon eine 9.288 km lange Eisenbahnlinie für einen einzigen Zug bauen lassen? Selbst im zaristischen Russland wäre man nicht so naiv gewesen.
Es gibt sicher viele Arten, sich auf eine individuelle Reise vorzubereiten: Reiseführer studieren, sich im Internet, darunter in YouTube, auf die Orte entlang der Strecke und deren Auswahl und, falls vorhanden, auch auf einzelne Sehenswürdigkeiten vorbereiten, Fahrpläne auswerten, Hotelbuchungsportale konsultieren, bei Google Maps prophylaktisch Stadtpläne oder Ausschnitte daraus erstellen. Ach ja, das Russlandvisum muss ja auch noch beschafft werden. Es soll nicht verschwiegen werden, dass auch eine Kalkulation zu meinen Vorbereitungen gehörte. All das habe ich mit wachsender Vorfreude getan. Das Ganze endete mit Flugbuchung, Buchung der ersten beiden Hotels in Nowosibirsk und Wladiwostok sowie der Bemühung eines Visaservice.
Wie sollte ich die Reise durchführen? Von Moskau nach Wladiwostok oder umgekehrt? Ich entschloss mich für die Variante Wladiwostok – Moskau.
Reisen ist heute so bequem. In rund 5 –7 Tagen könnte man – ohne Fahrtunterbrechungen – auf der längsten Bahnstrecke der Welt von Moskau aus bis Wladiwostok gelangen. Sicher eine lange Zeit, für einige auch eine endlos scheinende Zeit, aber ein Blick zurück könnte helfen, nicht in Larmoyanz zu verfallen. Bei der Vorbereitung zu dieser Reise faszinierte mich mehr und mehr das Handelsimperium von Kunst & Albers in Russisch-Fernost und China. Gustav Kunst & Gustav Albers – wie reisten sie im 19. Jahrhundert? Allerdings nicht in das damals winzige Wladiwostok, sondern nach Schanghai.
Der erst 27-jährige Gustav Kunst reiste im Winter 1864/65 von Hamburg aus über Land an das andere Ende der Welt. Seit 1862 konnte man auf der neu errichteten Bahnstrecke von Moskau aus nach Nishni Nowgorod fahren. Aber das waren nur die ersten 400 km der Reise. Also hieß es, in Nishni Nowgorod auf Pferdeschlitten oder Pferdekutschen umsteigen, natürlich ungeheizt, natürlich ungefedert, zum Teil waren die Gefährte offen. 6.000 unvorstellbar lange Kilometer von Poststation zu Poststation nach Irkutsk. Ich musste unwillkürlich an Alexander Puschkins Novelle »Der Postmeister« denken, auch wenn das Buch keinen geografischen Bezug zur Transsibstrecke hat. Von Irkutsk aus sind es »nur noch « 70 km bis zum Baikalsee, der von Irkutsk aus über die Angara per Schiff erreichbar war und ist. Im Winter konnte man den etwa 50 km breiten Baikalsee ebenfalls per Pferdeschlitten überqueren, danach ging es weiter bis Sretensk, jahreszeitabhängig per Pferdekutsche oder Schlitten. Bis zur Fertigstellung der Transsibirischen Magistrale im Jahre 1916 mussten die Reisenden in Sretensk, damals eine Ansammlung schäbiger Holzhütten im Nirgendwo, auf einen Dampfer in Richtung Chabárowsk warten. Gustav Kunst reiste wahrscheinlich im Frühjahr 1864 von Sretensk aus weiter, denn die Flüsse Schilka und Amur sind erst ab Mai eisfrei. Also saßen zahlreiche Reisende teilweise wochenlang in Sretensk unter heute kaum noch vorstellbaren Umständen fest.
Da wo die Schilka in den Ergun mündet, entsteht der Amur, der die nächsten 2.000 km die Grenze zu China bildet.
Dampferfahrten auf der Schilka, dem Ergun und dem Amur waren riskant. Unterwasserklippen und Sandbänke machten es erforderlich, dass am Bug ein Mann mit Stange ständig die Tiefe des Wassers maß und laut verkündete. Trotzdem liefen immer wieder Dampfer auf Grund und die Passagiere mussten sich am Ufer einrichten, bis Lecks gefunden und beseitigt wurden.
Gustav Kunst erreichte nach 870 km auf dem Amur endlich den Ort Blagowestschensk, den man wohl für damalige Verhältnisse tatsächlich als Stadt bezeichnen konnte. Etwa 2.000 bis 3.000 Einwohner, sogar einigermaßen befestigte Straßen, einen Wochenmarkt, den chinesische Händler regelmäßig beschickten, das war damals schon viel. Hier sollte die Firma Kunst & Albers später ein prächtiges Kaufhaus errichten, dessen Gebäude heute noch existiert. Nach Blagowestschensk waren es nur noch etwa 1.000 km flussabwärts in den Ort Chabarowka im Niemandsland am Amur, gegründet erst 1858 als Militärposten, 1860 zur Stadt ernannt. Für Hamburger muss auch dieser Ort mit seinen Holzhäusern und schlammigen Wegen ein Schock gewesen sein.
Schließlich erreichte Gustav Kunst nach weiteren 600 km Nikolajewsk (heute Nikolajewsk am Amur), 11.000 km von Hamburg entfernt. Der Fluss Amur mündet in vielen Seitenarmen, die ein Delta bilden, in das Ochotskische Meer. Nikolajewsk wurde 1850 gegründet und 1856 zur Stadt erhoben. Zu Kunsts Überraschung gab es ausgerechnet im fernen Nikolajewsk ein Hamburger Konsulat. Friedrich August Lühdorf, Vertreter der Hamburger Firma Godeffroy, wurde 1862 zum Konsul ernannt. Gustav Kunst prüfte vor Ort die Bedingungen und entschloss sich danach zur Weiterreise. Der Hafen von Nikolajewsk ist nur im Sommer eisfrei, Viehzucht durch Amurtiger ebenso wenig begünstigt wie Ackerbau durch das unsagbar harte Klima. So reiste Gustav Kunst im Sommer 1864 per Schiff nach Schanghai weiter.
Ich beneide Gustav Kunst einerseits um seinen abenteuerlichen Reiseweg, andererseits: Das wäre in meinen maximal sechs Wochen Jahresurlaub nicht zu schaffen (auch wenn es den damals nicht gab) und wäre schon gar nichts für Frauen gewesen, denn die Reiseroute führte entlang eines eher mehr als weniger rechtsfreien Raumes.
Völlig anders, nämlich auf dem Seeweg auf einem Segelschiff, verlief die Anreise von Gustav Ludwig Albers, damals 26-jährig und Besitzer eines Patents als Steuermann. An Bord der Hamburger Bark »Oscar« reiste er fast neun Monate lang über das Kap der Guten Hoffnung am südlichen Afrika (der Sueskanal wurde erst im November 1869 eröffnet und verkürzte die Reise auf ungefähr 130 Tage) über den Indischen Ozean und Hongkong nach Schanghai. Allerdings lief das Segelschiff an der mandschurischen Küste auf Grund und er musste sich nach Schanghai durchschlagen.
Bahnfans mögen es mir verzeihen, aber ich bin per Flugzeug in Wladiwostok angekommen, mit Zwischenstation in Nowosibirsk.
Ich hatte nicht die geringste Vorstellung vom Wladiwostoker Flughafen. Umso mehr erstaunt das moderne Gebäude. Als ich in der Ausgangshalle ankam, ging ich sofort nach draußen, um die Abfahrtsstelle für den Bus Nr. 107 zu suchen. Das stellte sich als Fehler heraus, denn der Bus war gerade weg. Innerhalb der Halle befindet sich auf der rechten Seite (wenn man von innen kommt) eine sehr unscheinbare und nicht beschriftete Tür, die zum neuen Bahnhof der Elektritschka (Vorortzug) führt. Na bravo. Die war nun auch gerade weg und ich musste anderthalb Stunden warten. Eigentlich hätte ein anderer Bus nach Artjom kommen müssen. Von dort aus wäre es dann ein Katzensprung in die Stadt gewesen, aber ... keine Spur von ihm. Egal. Für 220 Rubel erwarb ich ein Ticket für den Zug und konnte die Sperre zum modernen Bahnhof passieren. Der Zug stand schon bereit, konnte aber noch nicht betreten werden, da der Reinigungstrupp seiner Pflicht nachkam. Schließlich ging es los und der halb leere Wagen füllte sich an den Zwischenhalten nur zögerlich.
Endlich kam ich am berühmten Wladiwostoker Bahnhof an und im Fluss mit den anderen Fahrgästen gelangte ich nach draußen. Autos, Busse, Lärm und Hupen empfingen mich. Gegenüber dem Bahnhof fällt mein Blick auf das hügelan stehende Lenindenkmal, um das herum sich Alkoholsüchtige eingerichtet haben. Oben ist die Posjetskajastraße, und nach einigem Zögern gehe ich nach links zu meinem Hotel. Der freundliche Empfang wurde mir vermiest, da ich sofort bar zahlen sollte. Die sofortige Zahlung ist in Russland nicht ungewöhnlich. Aber laut Buchungsbestätigung wäre Kreditkartenzahlung möglich gewesen. Also in die nebenan befindliche Sberbank, aber alle Geldautomaten schienen leer gewesen zu sein. Nichts. Ich war hundemüde vom Nachtflug aus Nowosibirsk und sollte jetzt allen Ernstes einen funktionierenden Geldautomaten suchen? Ich hatte noch Rubel, die ich in Nowosibirsk am Geldautomaten gezogen hatte, aber eben nicht die volle Summe. Schließlich hatte die junge Rezeptionistin Erbarmen mit mir und gewährte mir Zahlungsaufschub bis zum Folgetag. Sie begleitete mich sogar bis zu meinem Zimmer.
Wladiwostok – Guten Tag, Dobri Djen! Jetzt bin ich also angekommen. Ich war auf allen bewohnten Kontinenten, und viele Städte haben mir sehr gut gefallen, aber hier spüre ich sofort das gewisse Etwas. Eine Erklärung habe ich dafür nicht. Aber so ist das eben mit den Gefühlen.
In irgendeinem Reiseführer hatte ich gelesen, dass man in Wladiwostok höchstens eine Nacht bleiben solle, mehr lohne sich nicht. Ich weiß nicht, wann der Autor hier war, aber ich werde mich hier bald so heimisch fühlen, dass ich um den weiteren Verlauf meiner Reise bis Moskau bangen muss. Aber das wusste ich zum Ankunftszeitpunkt noch nicht. So hatte ich mir für Wladiwostok drei Besichtigungsschwerpunkte vorgenommen, als da wären das ehemalige Luxuskaufhaus der Hamburger Kunst & Albers, das Yul-Brunner-Haus und natürlich das Arsenjew-Museum. Es sollte alles ganz anders kommen, und das war gut so!
Anmerkung: In Wladiwostok und später auch in Chabárowsk hatte es mir so gut gefallen, dass ich mich dort beinahe verzettelt hätte. Aber vor allem musste ich Zugeständnisse aufgrund meiner gesundheitlichen Situation machen. Nach meinem ersten Aufenthalt in Wladiwostok bin ich mit dem sehr bequemen Nachtzug nach Chabárowsk weitergereist, nach dem zweiten Aufenthalt mit dem Flugzeug nach Jakutsk geflogen und von dort aus weiter nach Chabárowsk. Die zweite Reise führte mich dann tatsächlich von Wladiwostok nach Moskau.
Schon bevor auf dem Gebiet der heutigen Stadt im Jahre 1860 ein Marinevorposten errichtet wurde, lebten hier Siedler vom Stamme der Jurchen und Mandschu. Der Ort hieß auf Mandschu Hai-Schen-Wai (dt. Seegurkenbucht).
Graf Murawjow-Amurski, der Gouverneur Ostsibiriens, erkannte die exzellente Lage der Stadt, deren natürlicher Hafen nur rund 70 Tage im Jahr zugefroren ist. Er wollte seine Pläne zur Stadtgründung schon durch die Namensgebung unterstreichen, denn er nannte die Bucht einfach Wladiwostok, zu Deutsch »Beherrsche den Osten«. Die Namensgebung erfolgte in Anlehnung an die Bezeichnung des Städtchens Wladikawkas (dt. »Beherrsche den Kaukasus«). Schon 1862 wurde mit dem Bau von Hafenanlagen begonnen, 1872 eine Marinebasis eröffnet.
Den entscheidenden Impuls für das rasante Wachstum des Ortes, der sich schließlich zur heutigen Halbmillionenstadt mausern sollte, gab 1891 der Zarewitsch Nikolai, der spätere Zar Nikolai II. Im Jahre 1891 führte er den symbolischen Spatenstich für den Baubeginn der Ost-West-Trasse der Transsibirischen Eisenbahnlinie aus.
1905 erlebte Wladiwostok einen ersten herben Rückschlag. Da das zaristische Russland den Russisch-Japanischen Krieg verlor, wurde die Stadt von japanischen Kriegsschiffen belagert.
1916 war die Transsibirische Eisenbahnlinie von Moskau bis Wladiwostok über 9.288 km Länge fertiggestellt. Der von den Bolschewiken 1917 in Petersburg angezettelte Bürgerkrieg erreichte die Stadt Anfang der 1920er Jahre.
Von 1958 bis 1991 war Wladiwostok wegen des Marinehafens der sowjetischen Pazifikflotte eine geschlossene Stadt. Ausländern war sie nun gänzlich unzugänglich und selbst Sowjetbürger durften nur mit Sondergenehmigung einreisen. Die ehemalige Sowjetunion löste sich fast 70 Jahre nach ihrer Gründung wieder auf, nämlich im Dezember 1991. Die Staatsmacht brach damals auch in Wladiwostok zusammen und diesen quasi rechtsfreien Raum nutzte die Mafia weidlich aus. Viele Einwohner verließen die Stadt, auch in Richtung Ausland.
Da im Jahre 2012 auf der Russki-Insel ein Gipfeltreffen der Mitgliedsländer der Asian Pacific Economic Cooperation (APEC) stattfinden sollte, nahm man viel Geld in die Hand. Allein die Renovierung der Stadt soll 20 Millionen USD gekostet haben. Zusätzlich wurden noch zwei spektakuläre Brücken errichtet. Die Murawjow-Amurski-Halbinsel, an deren Südspitze Wladiwostok liegt, teilt die nach Peter dem Großen benannte Bucht in die Amur- und die Ussuribucht. Das Stadtzentrum liegt an der Bucht Goldenes Horn (russ. Solotoj Rog). Südlich der Stadt trennt der Östliche Bosporus die Stadt von der Russki-Insel. Zur Russki-Insel führt die Russki-Brücke (russ. Russki Most). Diese imposante Schrägseilbrücke wurde 2012 eröffnet und hat mit 1.104 m die weltweit größte Stützweite. Sie wurde in nur 43 Monaten Bauzeit fertiggestellt. Die Brückenkonstruktion muss Temperaturschwankungen von fast 70 °C aushalten können, denn im Winter kann es in Wladiwostok schon einmal –30 °C kalt werden, im Sommer wurden schon 37 °C gemessen. Obwohl der Hafen nur wenige Monate im Jahr zugefroren ist, kann die Eisdecke eine Mächtigkeit von 70 bis 80 cm aufweisen. Die Pylonen, die das Konstrukt mittels Seilen tragen müssen, sind 320 m hoch.
Parallel dazu wurde noch die Goldene Brücke gebaut und ebenfalls im Jahre 2012 nach 49 Monaten Bauzeit dem Verkehr übergeben. Sie führt vom Stadtzentrum nach Tschurkina über das Goldene Horn. Interessant für mich zu erfahren, dass die Wladiwostoker über Internet Namensvorschläge für die Goldene Brücke einreichen und schließlich über die Vorschläge abstimmen konnten. So erhielt die Brücke schließlich ihren Namen: Goldene Brücke.
Neben den Brücken wurde aus zwei Flughäfen einer gemacht und dieser neue Flughafen Knewitschi gründlich modernisiert. 2011 erhielt er eine zweite Landebahn, 2013 wurde der Bahnanschluss zwischen dem Flughafen und dem Wladiwostoker Bahnhof fertiggestellt. Über weitere Verkehrsverbindungen kann man sich, auch auf Englisch, auf der Website www.vvo.aero informieren.
Wladiwostok ist heute mit fast 600.000 Einwohnern der wichtigste Hafen Russlands am Pazifik (Stillen Ozean), das Wirtschafts- und Verwaltungszentrum der Region Primorje (russ. für Küstengebiet) und eine bedeutende Universitätsstadt. Die Region Primorje gehört zum Fernen Osten Russlands, also nicht mehr zu Sibirien.
Vom Hotel aus gehe ich in Richtung Swetlanskaja uliza, der Swetlanastraße. Ich gehe bergab und quere die Alëutskaja. Die schöne Swetlanskaja wird von prächtigen Gebäuden gesäumt. Unzählige Autos, vor allem aus Japan und Südkorea, sorgen für einen unaufhörlichen Verkehrsstrom. Das Lenkrad befindet sich fast immer auf der rechten Seite. Kleinwagen erblicke ich übrigens niemals.
Die Swetlanskaja ist die älteste Straße der Stadt und erhielt ihren Namen zum Gedenken an die Fregatte »Swetlana«, mit der 1873 Großfürst Alexej anreiste, um sich von den Fortschritten bei der Stadtgründung im Auftrag des Zaren zu überzeugen. Nach dem Tode Lenins 1924 wurde sie in Leninstraße umbenannt, 1992 erhielt sie wieder ihren alten Namen.
Zur Zeit des Entstehens der heutigen Stadt Wladiwostok gab es neben einer Vielzahl mittlerer und kleinerer Geschäfte drei »Platzhirsche«, die hier mit ihren Handelshäusern das Geschehen bestimmten. Das waren die Handelshäuser Langelütje & Co., Kunst & Albers sowie Tschurin & Co. Es waren also drei Hamburger (Langelütje, Kunst & Albers) und ein Thüringer (Dattan), die hier zunächst zu Millionären wurden. Das sieht man am besten auf der Swetlanskaja-Straße.
An der Ecke der Swetlanskaja Nr. 29 und des heutigen Okeanski Prospekts fällt ein Eckhaus auf, heute mit moderner Verglasung im Obergeschoss. Hier befand sich das Handelshaus Langelütje & Co.
Johann Langelütje kam 1871 als Bevollmächtigter der Hamburger Firma Dieckmann & Co. nach Wladiwostok und erkannte seine Chance. Für einen Spottpreis konnte er damals Grundstücke zur Errichtung von Lagerräumen und Geschäften kaufen. 1875 eröffnete er sein Handelshaus, sein Bruder Iwan Langelütje, Baron Georg-Friedrich von Tolle und andere stiegen nach und nach als Kompagnons ein.
Das Haus Langelütje betrieb einen Groß- und Einzelhandel mit Werkzeugen zur Holzbearbeitung, Eisenwaren, elektrische Geräte und Reisebedarf (z. B. Pferdekummete und -geschirre). Aufgrund des Baubooms in Wladiwostok war die Nachfrage riesig. Er stieg zu einem Kaufmann der Ersten Gilde auf. Durch den Bau der Ussuri-Bahn lief das Geschäft in den 1890er Jahren blendend. Schon 1896 expandierte er nach Nikolsk-Ussurijsk (heute Ussurijsk). 1898 eröffnete er Vertretungen in Petersburg und Hamburg, und bis zum Jahre 1902 wurden weitere Agenturen u. a. in Moskau, Nagasaki und San Francisco eröffnet. Letztere Agenturen allerdings von seiner Frau, denn 1900 verstarb Johann Langelütje sen. in Hamburg. Seine Frau Helena führte die Geschäfte weiter und stieg zu einem Kaufmann der Zweiten Gilde auf. Das war damals sehr ungewöhnlich, zumal die Familie insgesamt sechs Kinder hatte. Im Jahre 1901 ließ sie das o. g. Eckgebäude erbauen, in dessen Erdgeschoss sich ein Kaufhaus befand. In den Obergeschossen wohnten der Bruder von Langelütje sowie Baron von Tolle. Nach dem Tod des Vaters stiegen die Söhne Alfred, Johann und Georgi in das Geschäft ein. Georgi wurde zum Kaufmann der Ersten Gilde berufen und blieb bis zu dessen Schließung der Chef des Hauses.
Das ehemalige Kaufhaus Langelütje
Auch nahmen sie die russische Staatsbürgerschaft an; genützt hat es ihnen letztendlich nichts. Als der Erste Weltkrieg ausbrach und das Deutsche Kaiserreich dem zaristischen Russland plötzlich den Krieg erklärte, traf das »Komitee zur Bekämpfung der deutschen und österreichischen Herrschaft« die Entscheidung, das Handelshaus zu schließen. Als Begründung dienten u. a. die deutsche Abstammung und die deutschen Angestellten, die im Handelshaus arbeiteten. Sie wurden der Spionage verdächtigt.
Für kurze Zeit war Langelütje eines der reichsten Unternehmen im gesamten Küstengebiet. Sie erreichten dies durch Fleiß, Handeln mit Sinn und Verstand und Unternehmergeist.
In der Swetlanskaja No. 35 befindet sich das noch immer imposante Gebäude des ehemaligen Luxuskaufhauses von Kunst & Albers (im Folgenden K&A), das heute GUM (Staatliches Kaufhaus) heißt.
Aus Schanghai kommend traf im Jahre 1864 Gustav Albers (1838 –1911), der Juwelierssohn aus Hamburg, ein. Damals gab es in Wladiwostok kaum 50 Holzhütten, keine befestigten Straßen, weder elektrisches Licht noch Kanalisation. Ein Jahr später folgte ihm Gustav Kunst und wurde sein Kompagnon. Im gleichen Jahr –1865 – eröffneten die beiden Gustavs zunächst einen Gemischtwarenladen.
Gustav Albers beschäftigte in Hamburg den jungen Adolph Dattan (1854–1924), einen Pfarrerssohn aus Rudersdorf bei Sömmerda in Thüringen, als Hilfsbuchhalter.
Ihn holte G. Albers 1874 nach Wladiwostok, wo er zunächst für 50 Rubel Monatslohn als Buchhalter und erster Angestellter der Firma arbeitete. Dattan segelte mit der »Saturnus« nach Schanghai, an Bord die ersten europäischen Waren für das Geschäft. Im Jahre 1884 wurde mit dem ersten Kaufhaus aus Stein das vormalige Holzhaus, in dem das Geschäft geführt wurde, ersetzt. Unvorstellbar heute: Bis auf die Ziegelsteine wurde das gesamte Baumaterial per Schiff aus Hamburg herbeigeholt. 1875 kehrte Gustav Albers mit seiner zweiten Frau Elise nach Wladiwostok zurück. Gustav Kunst verlässt jedoch Wladiwostok, lässt sich in Hamburg nieder und stellt die erste Schiffsexpedition für K&A von Hamburg aus zusammen.
Im Laufe der folgenden Jahre besaßen K&A mehrere Einkaufskontore, u. a. in Hamburg, Odessa, Warschau und Moskau, zu denen auch entsprechende Kontakte zu kreditgebenden Banken gehörten, selbständige Filialen, u. a. in Ussurijsk (damals Nikolsk-Ussurijsk), Blagowestschensk, Chabárowsk und Harbin/China. Weiterhin gehörten im gesamten Gebiet des Fernen Ostens Russlands zahllose Verkaufsfilialen dazu. Sie expandierten quasi im Niemandsland, in dem es damals bestenfalls ein paar Dorfkrämer gab. Diese konnten die ihnen überlassenen Waren fast immer erst nach Weiterverkauf zahlen. Also wurden eigene Filialen gegründet, um das leidige Problem der Bezahlung zu umgehen. Ein weiteres Problem war die Sicherheit in dem Gebiet, das damals noch viel dünner besiedelt war als heute. Die Pferdewagen oder Pferdeschlitten, mit denen die Waren transportiert werden mussten, wurden oft überfallen, sollen aber auch von den damals noch häufig vorkommenden Amurtigern angegriffen worden sein. Andererseits wurden in vielen Orten Garnisonen gegründet und bildeten eine neue, zahlungskräftige Käuferschicht. Die dorthin befohlenen Offiziere konnten ihre Familien mitnehmen.
1889 feierte das Unternehmen sein 25-jähriges Firmenjubiläum. Im Mai 1891 trifft an Bord der Fregatte »Pamjat Asowa« der damals 23-jährige Thronfolger Nikolai, Sohn des Zaren Alexander III. in Wladiwostok ein. Erstmals überhaupt ist ein Vertreter der Romanow-Dynastie im Fernen Osten Russlands unterwegs. Am 19. Mai 1891 führt er symbolisch den ersten Spatenstich zum Bau der Transsibirischen Eisenbahnstrecke aus.
Im gleichen Jahr wurde von K&A in Wladiwostok das erste Elektrizitätswerk der Stadt errichtet. K&A besaßen 1894 bereits 16 Niederlassungen im Fernen Osten und in der Mandschurei (damalige Bezeichnung für Nordostchina), ein eigenes Bankhaus (noch vor der Russischen Staatsbank), eine Reederei, eine Schifffahrts- und Versicherungsagentur. Und das elektrische Licht aus ihrem Kraftwerk beleuchtete nicht nur das Kaufhaus von K&A, sondern auch die Gebäude der Mitbewerber, z. B. Langelütje, Kusnezow & Co. sowie von Jankowski & Bryner.
1898 schied Gustav Kunst aus dem Unternehmen aus und Adolph Dattan stieg zum Teilhaber auf. Gustav Kunst pflegte fortan einen exaltierten Lebensstil in der Südsee, z. B. in Waikiki auf Hawaii. Nach der Annexion Hawaiis durch die USA im Jahre 1898 übersiedelte er nach Samoa. Er starb am 10.09.1905 in Hamburg. Den beträchtlichen Rest seines Vermögens hinterließ er der Allgemeinen Armenanstalt Hamburgs.
Im Jahre 1903 wird das Dattanhaus gegenüber dem heutigen GUM in der Swetlanskaja fertig. Es beherbergt nicht nur das Wohnhaus der Familie Dattan, sondern auch den Speisesaal für die Angestellten, die Firmenbibliothek, Empfangsräume und das deutsche Konsulat. Seit etwa 1930 beherbergt es allerdings ein Krankenhaus und ist daher nicht mehr zugängig.
Als 1904 der Russisch-Japanische Krieg ausbricht, wird Wladiwostok beschossen und stark zerstört.
Adolph Dattan reiste nach Hamburg und forderte von seinem Partner Gustav Albers nachdrücklich eine Neuregelung der Teilhaberschaft, wodurch er zum 50-prozentigen Teilhaber wurde!
Im Jahre 1905 kam es in Wladiwostok zu Ausschreitungen durch marodierende Kriegsgefangene und Soldaten. Das Kaufhaus wurde gestürmt und ging schließlich in Flammen auf.
1906/1907 wurde an gleicher Stelle wie das vormalige Kaufhaus der heute noch bestehende Prachtbau errichtet. Auch wenn er durch die Sowjetzeit viel von seiner einstigen Pracht eingebüßt hat, so gilt es noch immer als eines der schönsten Gebäude der Stadt. Die Ausstattungswünsche Adolph Dattans mit den daraus resultierenden hohen
Das ehemalige Luxuskaufhaus Kunst & Albers
Kosten sorgten oft für Verstimmung zwischen Dattan und Gustav Albers. Aber Dattan setzte sich durch. Der Architekt Junghändel errichtete einen Jugendstilbau. Elegante Vitrinen und Leuchter im Innern, Holztäfelung, eine mit Spiegeln dekorierte gusseiserne Treppe (auf der obersten Treppenstufe des unteren Abschnitts steht noch heute »Eisenwerk Joly, Wittenberg«, ein Fahrstuhl sowie – an der Rückseite des Gebäudes – ein Lastenaufzug, Fußbodenfließen von Villeroy und Boch, große Schaufenster mit verstellbaren Markisen, Straßenpflaster vor dem Gebäude und natürlich Straßenbeleuchtung. Außerdem gab es in diesem Gebäude Kanalisation.
Es wurde eine Firmenfeuerwehr gegründet, die sich später noch bewähren sollte, wenn auch nicht bei der Feuerbekämpfung. Die Insel Sachalin war zeitweise zur Gefängnisinsel umfunktioniert worden. Ausgebrochene Sträflinge, die auf Sachalin als Bergarbeiter schuften mussten, wendeten ihre unfreiwillig erworbene Qualifikation zum Bergarbeiter nun beim Tunnelbau in Wladiwostok an. Zweimal hatten sie es fast bis ins Kaufhaus von K&A geschafft, aber aufmerksame Mitarbeiter nahmen Geräusche wahr, die nichts mit dem normalen Geschäftsablauf zu tun hatten.
Alfred Albers, Sohn von Gustav Albers, promovierter Jurist, reiste 1906 auf der 1903 eröffneten vorläufigen Transsibstrecke (über die Mandschurei) an Bord des zweimal wöchentlich verkehrenden »Sibirischen Express« nach Wladiwostok. Mit 30 km/h reiste er in hochkomfortablen Waggons erster Klasse. Was für eine Enttäuschung muss es für den jungen Albers gewesen sein, dass er in Wladiwostok auf Geheiß von Adolph Dattan von ganz unten anfangen musste.
Das Jahr 1909 war zunächst für alle Unternehmen in Wladiwostok kein gutes Jahr. Der Freihafenstatus wurde aufgehoben. Es mussten nun Zölle entrichtet werden. K&A konnte die kaufmännische Vertretung der AEG (Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft Berlin) übernehmen. Auch die russische Firma Nobel & Co. der Gebrüder Robert und Ludwig Nobel, die in der damaligen Boomtown Baku am Kaspischen Meer ins Ölgeschäft eingestiegen waren, ließ sich von K&A vertreten.
Adolph Dattan will endlich nach Deutschland abreisen. Vor seiner Abreise hatte er die Firma wegen einer Änderung des russischen Erbrechtes, das Ausländern den Besitz von russischem Grund und Boden verbot, Alfred Albers überschreiben müssen. Adolph Dattan war russischer Staatsbürger, nicht aber Alfred Albers. So nahm Albers in aller Eile die russische Staatsbürgerschaft an, denn sein in Hamburg lebender Vater war schwer erkrankt. Im Jahre 1911 wird Albers dann alleiniger Besitzer der Firma in Russisch Fernost. Sein Vater verstirbt am 15. Juni 1911 im Alter von nur 72 Jahren in Deutschland. Sein Sohn erhielt die Nachricht telegrafisch, konnte aber aufgrund der Entfernung nicht zur Beerdigung reisen.
Unter Alfred Albers expandierte die Firma weiter und besaß schließlich im russischen Küstengebiet 32 Niederlassungen, vertrat 14 internationale Reedereien und 15 Versicherungsgesellschaften. In Wladiwostok konnte er die Mercedes-Benz-Vertretung übernehmen. Prinz Heinrich, der Bruder des deutschen Kaisers Wilhelm II., stieg zum dritten Mal bei K&A ab, als er auf dem Weg nach Japan war. Welche Steigerung sollte es jetzt noch geben? Was sollte jetzt noch kommen?
Adolph Dattan wollte nach Naumburg übersiedeln. Unglücklicherweise begibt er sich jedoch noch nach Blagowestschensk auf Inspektionsreise. Dort ereilt ihn die Nachricht vom Attentat auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo. Am 2. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg.
Es sollte noch schlimmer kommen: Die Bank von K&A wurde gestürmt, denn die Anleger wollten ihr Geld in Sicherheit bringen. Auf den Straßen von Wladiwostok, aber auch in Petrograd (Petersburg klang zu Deutsch und war nun umbenannt worden) kommt es zu antideutschen Demonstrationen. Als die Menge in Wladiwostok das Kaufhaus passierte, skandierte sie: »Nieder mit Deutschland!«
Am 20. Juli 1914 (nach alter Zeitrechnung) erließ der Festungskommandant der Stadt Wladiwostok den Befehl, dass alle deutschen Staatsangehörigen die Stadt innerhalb von 24 Stunden zu verlassen haben. Sie bestiegen in aller Eile Dampfer nach Japan, aber auch ins chinesische Tsingtao, damals eine deutsche Kolonie.
Was noch niemand ahnt: Dies ist der Anfang vom Ende des Handelsimperiums Kunst & Albers! Schon im August 1914 begann in Wladiwostok eine beispiellose Hetzkampagne gegen Kunst & Albers. Sie werden in der Presse als Spionagenetzwerk verleumdet.
Am 11. Oktober 1914 kam es nach Mitternacht zu einer spektakulären Hausdurchsuchung im Dattanhaus gegenüber dem Kaufhaus von K&A, in dem auch das Ehepaar Albers wohnte. Schon am nächsten Tag war diese Hausdurchsuchung das Stadtgespräch! Adolph Dattan wird zunächst verhaftet. Da traf ein verhängnisvolles Schreiben seiner Frau Marie aus Naumburg ein. Darin hatte sie sich von Prinz Heinrich von Preußen bestätigen lassen, dass ihr Mann nur um des Handels willen die russische Staatsbürgerschaft angenommen hätte. Der Brief wurde natürlich abgefangen und zu einem gefundenen Fressen für Verschwörungstheorien.
Am 14. Januar 1915 wird Dattan erneut verhaftet und schließlich nach Tomsk westlich des Baikalsees verbracht, wo man entschied, dass er in dem Dorf Kolpaschewo bei Tomsk zu verbleiben hat. Die Verbannung sollte fünf lange Jahre dauern, den Grund dafür wird er nie erfahren. Nie mehr wird er sich davon wirklich erholen, weder physisch noch psychisch.
Gleichzeitig erscheint ein Buch mit dem Titel »Die leisen Eroberer«, das ein gewisser Mark Tschertwan, Synonym für Ferdinand Anton Ossendowski, geschrieben hatte. Die Verleumdungskampagne gegen alles Deutsche geht also weiter. Obwohl die Nerven bei K&A blank liegen, ereilt sie eine neue Hiobsbotschaft: Es werden Regierungsbeamte abgestellt, die den Geldverkehr im Unternehmen überwachen sollen. Schließlich wendet sich Ossendowski an Alfred Albers und fordert 20.000 Rubel, andernfalls wird er sein Hetzbuch verfilmen lassen und weitere Artikel in der Presse veröffentlichen. Alfred Albers, seines Zeichens ja Jurist, reicht nun beim Petrograder Kreisgericht Zivilklage wegen Verleumdung und Beleidigung ein. Es folgt eine Hausdurchsuchung bei Ossendowski, wobei zahlreiche Briefe Kasjanows, des Seniorchefs des Konkurrenzunternehmens Tschurin & Co., sowie Schecks von ihm gefunden werden. Es kam jedoch zu keinem Prozess. Vielleicht hatte man aber im vorrevolutionären Petrograd inzwischen ganz andere Probleme.
Deutschstämmige im Fernen Osten waren vom Wehrdienst befreit. Trotzdem erhielt Alfred Albers einen Gestellungsbefehl nach Irkutsk (westlich vom Baikalsee). Über verschiedene Stationen verbrachte er seinen »Wehrdienst« stets unter Bewachung, bis er schließlich irgendwo im Nordwesten Russlands dienen musste. Seine Frau Ita hatte ihn stets begleitet, war entweder voraus- oder nachgefahren. Alfred Albers hatte insofern Glück, als er von den Beziehungen seiner Frau zur Petrograder Großfürstin Maria Pawlowna, die altem Mecklenburger Adel entstammte, profitieren konnte. Ihr gehörte ein Sanitätsbataillon, in dem Albers pro forma als Fahrer arbeitete.
Im Chaosjahr 1920 verlässt Adolph Dattan Wladiwostok endlich und trifft im Februar 1921 in Naumburg ein. Er war damals 66 Jahre alt und ein gebrochener Mann. Seine Ehe war zerrüttet. Nie konnte er verwinden, dass möglicherweise der Brief seiner Frau Marie den Ausschlag für seine fünfjährige Verbannung gab.
1922 sollte die »ruhmreiche Revolution« auch in Wladiwostok ankommen und das Schicksal des Unternehmens Kunst & Albers besiegeln.
Albers jun. verblieb zwar als alleiniger Besitzer in Wladiwostok und versuchte zunächst, die Firma in Wladiwostok wieder aufzubauen. Die Ereignisse in der Stadt veranlassten ihn schließlich, die Geschäfte künftig wieder in China abzuwickeln, denn er verlegte den Sitz der Firma nach Harbin.
Ende 1924 kehrte Alfred Albers mit seiner Familie endgültig von Harbin nach Hamburg zurück. Er hatte nicht mehr die Kraft, einer erneuten Verleumdungskampagne die Stirn zu bieten. Das Unternehmen Kunst & Albers bestand zwar vorerst weiter in Wladiwostok, aber es kam erneut zu abenteuerlichen Steuerforderungen, die nicht mehr beglichen werden konnten. Am 27. Juni 1930 wurde das noch bestehende Restguthaben der Bank beschlagnahmt, und ein florierendes, 66 Jahre bestehendes Unternehmen, ein Wirtschaftsimperium, bestand nicht mehr.
1925 wurden zunächst die Grundstücke, die von K&A rechtmäßig erworben wurden, enteignet. Die noch bestehende Schifffahrtsabteilung musste 1931 ebenfalls schließen.
Während meiner Besuche in der Stadt nahm eine spanische Modekette beide Etagen in Beschlag. Die Warenpräsentation unterscheidet sich nicht von der in vergleichbaren europäischen Häusern, aber ein Luxuskaufhaus ist es definitiv nicht mehr. Hauptsächlich chinesische Touristen interessieren sich für die Ware.
Als ich wieder auf der Straße bin, inspiziere ich die Hauswand nach einer Gedenktafel für die Firma K&A, leider ergebnislos.
Ich folge der Straße und erreiche nach dem Kino Ussuri schließlich ein Modegeschäft mit der Hausnummer 37A. Den kleinen Durchgang würde man wohl gar nicht wahrnehmen ohne Kenntnis der Geschichte des Hauses K&A. Ich biege also nach links ein und sehe eine kleine Treppe, oben noch immer die beiden Wohnhäuser für die Angestellten von Kunst & Albers, nämlich das Haus Sibir und das Haus Karlsruhe, zwei von mehreren Wohnhäusern für die bis zu 124 Angestellten. Der Name Karlsruhe soll sich von »Karls Ruhe« ableiten, nicht von der gleichnamigen Stadt.
Ich gehe auf der Swetlanskajastraße weiter, bis ich zur Hauptpost komme. Das im Jahre 1900 errichtete Gebäude, vormals das dänische Telegrafenamt, fällt schon von weitem durch seinen Baustil auf. Es grenzt an eine etwas zurückgesetzte Mauer, der sich eine Treppe anschließt. Genau an der Stelle befindet sich die eher unauffällige Statue einer Frau. Es handelt sich um die US-Amerikanerin Eleanora Pray, geborene Lord. Sie lebte von 1894 bis 1930 in der Stadt und soll über 2.100 Briefe geschrieben haben. Den Briefen fügte sie auch zahllose Fotografien bei, die ihre Beschreibungen des Lebens in der damals etwa 20.000 Einwohner zählenden Stadt, der verschiedenste Nationalitäten angehörten, ergänzten. Eleanora Pray heiratete 1894 den Kaufmann Frederick Pray. Seine Schwester Sarah war die Ehefrau des Kaufmanns Charles Smith, der in Wladiwostok den »American Store« (Waffen und Schießpulver) führte. Nach der Hochzeit war geplant, dass Eleanora und ihr Mann für drei Jahre nach Wladiwostok übersiedelten, 36 Jahre sollten es am Ende werden. Nach der sogenannten Oktoberrevolution musste der »American Store« schließen, kurz danach starb ihr Mann Frederick. Zunächst findet sie Anstellungen in Wladiwostoker Kaufhäusern als Buchhalterin und Dolmetscherin. Nachdem die Kommunisten auch diese schlossen, war sie arbeitslos und übersiedelte mit ihrer Tochter nach Schanghai. Das Denkmal für Eleanora Pray steht an einer Treppe, so als käme sie von oben herunter, um ins Telegrafenamt zu gehen. Diese kurze Treppe gehe ich hinauf und finde gleich auf der linken Seite die Postgasse Nr. 5, die Potschtowaja. Hier befand sich das Dom Smitow, in dem Eleanora Pray gewohnt hatte.
Gegenüber dem Kaufhaus befindet sich in der Swetlanskaja No. 40 das ehemalige Wohnhaus der Familie Adolph Wassiliewitsch Dattan. Dattan hieß eigentlich Adolph Traugott Dattan, aber nach Annahme der russischen Staatsbürgerschaft wählte er als Vatersnamen »Wassiliewitsch«. Das Gebäude fällt sofort durch Größe und Baustil auf.
Adolph Dattan konnte in Wladiwostok eine wirklich steile Karriere machen. Als er 1874 nach Wladiwostok kam, bekam er als Buchhalter mit 50 Rubel Monatslohn kaum mehr als die Gleisarbeiter der Transsibirischen Eisenbahn. 1881 war er schon Prokurist mit 10 % Gewinnbeteiligung, später gehören ihm 50 % des Unternehmens in Wladiwostok.
Über die Verhaftung und Verbannung Dattans sowie das Scheitern seiner Ehe habe ich bereits geschrieben.
Mäzenatentum Dattans
Wenig war zunächst über seine weiteren Interessen bekannt. In diversen Archiven Russlands tauchte immer wieder sein Name in Verbindung mit zahlreichen russischen Orden auf, aber auch Orden aus diversen anderen Ländern. Dazu erhält er zahllose Ehrentitel. Schon 1887 wird er zum Handelsagenten für das Amurgebiet und Wladiwostok ernannt, später erteilt man ihm den Titel Kaiserlicher Konsul. In der russischen Kaiserlichen Hierarchie steigt er ebenso auf. 1900 vom Zaren persönlich zum Kommerzienrat ernannt, wird er 1904 Staatsrat und 1911 Wirklicher Staatsrat. Die größte Anerkennung erhält er 1914, als er, seine Frau und seine Kinder in den erblichen russischen Adelsstand erhoben werden. Dies geschieht nicht zuletzt in Würdigung seiner Rolle als Mäzen, wir würden es heute Sponsor nennen, bei der Gründung der ersten Hochschule in Wladiwostok, nämlich des Orientalischen Instituts. So sponserte er auch den Bau der evangelischen Pauluskirche und, wenn ich mich recht erinnere, wahrscheinlich auch die Ikone, die sich an der Wand des Warteraums des Wladiwostoker Bahnhofs noch heute befindet.
Insgesamt erhält er 24 Orden, nämlich 12 aus Russland und 12 aus anderen Staaten.
Auf seinen Reisen durch den Osten Sibiriens interessierten ihn die indigenen Völker sehr und er sammelte, was ihm interessant erschien. Diese Exponate schenkte er europäischen Museen, die sie noch heute ausstellen. So profitieren das Naturhistorische Museum und das Städtische Museum in Braunschweig, die Museen für Völkerkunde in Dresden und Wien, das Völkerkundemuseum in Leiden/Niederlande und die Ethnografische Sammlung der Universität Oslo davon.
Was für ein Mann! Für mich ein Machertyp. Am 14. August 1924 verstirbt Adolph Dattan in Naumburg an der Saale, wo sich auch seine Grabstätte befindet.
Abstecher nach Naumburg an der Saale
Einige Zeit nach meiner Rückkehr nach Deutschland sollte mich mein Weg nach Naumburg an der Saale führen. Das Grab der Familie Dattan befindet sich auf dem Friedhof in der Weißenfelser Straße. Nach Durchschreiten des Eingangsgebäudes wende man sich nach rechts, wo die Grabstätte an einer Wand sofort ins Auge fällt. Dank auch an die Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung, die mir in Naumburg die einzige Unterstützung in der Angelegenheit Dattan zuteilwerden ließen! Die Familie Dattan hatte sieben Kinder. Während des Ersten Weltkriegs fällt sein ältester Sohn Alexander (geb. am 31.3.1890 in Wladiwostok) als Kornett im 9. Kiewer Husarenregiment am 19. August 1916 in Galizien (heute Westukraine), sein Sohn Adolf Nikolaus (geb. 1894) an der Westfront als deutscher Unteroffizier des 9. Rheinischen Husarenregiments bei Lunéville. Nach den Nachtkämpfen am 22.6.1915 wird er »vermisst«. Es geht mir sehr nahe, als ich die Gedenkplatten für die beiden Brüder auf dem Familiengrab sehr.
Das Familiengrab Dattan in Naumburg a. d. Saale
Im Wenzelsring 12/Ecke Bürgergartenstraße steht noch heute seine Villa, die während meines Aufenthalts zum Verkauf stand. Im benachbarten Gebäude in der Bürgergartenstraße 1 lebte die Familie seiner Frau Marie geb. Fendler. Auch dieses Haus steht noch und wurde renoviert.
Die dreigeschossige Villa am Wenzelsring, damals Wenzelspromenade, wurde von Marie Dattan am 1.3.1902 erworben. Die Villa hatte sage und schreibe 29 Zimmer und 5 Dienstbotenzimmer. Das erwähnte Doppelhaus in der Bürgergartenstraße hatte 10 Zimmer und 3 Dienstbotenzimmer. Die Familie kaufte auch ein Haus in der Körnerstaße 1, das 8 bis 10 Zimmer gehabt haben soll und zur Unterbringung von weiteren Dienstboten bestimmt war. Zum Dattanbesitz gehörten noch Ställe und Garagen.
Nach Adolph Dattans Tod wurde die Villa in Wohnungen aufgeteilt und vermietet. Bis 1945 wurde das Haus von der damaligen Halleschen Bank im Namen der fünf Erben verwaltet. Ab 1930 traten im damaligen Deutschen Reich Restriktionen ein bezüglich des Geldtransfers ins Ausland. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, erhielten die steuerpflichtigen Erben noch am 31.1.1938 einen Kontoauszug von der Halleschen Bank. Am 11.12.1941 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg. Im April 1945 besetzte die 1. Armee der USA die Stadt Naumburg und zog in Übereinkunft mit dem Abkommen von Jalta im Juli 1945 wieder ab. Die Sowjetarmee besetzte Naumburg. Später kam Naumburg daher zur ehemaligen DDR, ob es das wollte oder nicht. Auch das waren keine guten Zeiten für die Erben.
Und weiter auf der Swetlanskajastraße zum Admiralsplatz:
Eigentlich könnte ich jetzt die Peter-I.-Straße zum Theaterplatz hinaufgehen, aber ich habe im Moment keine Lust dazu. Stattdessen überquere ich die Swetlanskaja und schlendere weiter, bis ich rechts den Admiralsplatz, eigentlich eine Grünanlage, erreiche. Mein Ziel ist das U-Bootmuseum. In der gepflegten Anlage sehe ich ein Denkmal, das sich als Denkmal für den in der russisch-orthodoxen Welt als Heiliger verehrten Ilja Muromez-Petscherski herausstellt. Eine Inschrift verrät: »Dem Beschützer der russischen Grenzen«. Ilja Muromez (Ilja aus Murom) ist eine russische Sagengestalt.
Ich gehe weiter und laufe durch den frisch restaurierten Nikolai-Triumphbogen im russisch-byzantinischen Stil, dessen Bau zu Ehren des Zarewitschs Nikolai von den Wladiwostoker Bürgern gesponsert wurde. Es soll diese Uferstelle gewesen sein, an der der Zarewitsch 1891 an Land gegangen ist, um in Wladiwostok den ersten Spatenstich zur Errichtung des Wladiwostoker Bahnhofs auszuführen. Die Kommunisten ließen den Bogen 1930 abreißen, 2003 wurde er wieder errichtet. Auch das kleine Kirchlein zur rechten, die Andrej der Erstberufene-Kirche, stand früher auf dem Platz, auf dem sich heute die Gedenkwand für die im Pazifik gefallenen Seeleute (Museumskomplex Kampfesruhm der pazifischen Rotbannerflotte) befindet. Sie wurde einfach abgetragen und ein paar Meter weiter wieder aufgebaut.
Für 100 Rubel Eintritt gelange ich hinein. Der erste Raum zeigt alte Fotos und Urkunden, leider alles nur auf Russisch. Danach stocke ich an einer runden Luke, über der sich eine waagerechte Stange zum Durchschwingen in den nächsten Raum befindet. Die Seeleute müssen also sehr sportlich gewesen sein. Mir gelingt es schon mal nicht. Der Besucher hat Gelegenheit, den Hauptraum mit dem Periskop, die Räume mit den beiden Dieselmotoren und Elektromotoren, einen Mannschaftsraum und einen Torpedoraum zu besichtigen.
Das auf der Baltikwerft im Jahre 1936 errichtete U-Boot wurde nach seiner Fertigstellung wieder auseinandergenommen und in Einzelteilen per Zug nach Wladiwostok transportiert, erneut zusammengebaut, am 25.12.1939 getauft und 1941 der Pazifikflotte der Sowjetunion unterstellt. Aber schon 1942 sollte es die Polarmeerflotte der Sowjetunion verstärken und fuhr daher fast fünf Monate lang vom Pazifischen durch den Atlantischen Ozean über 17.210 Seemeilen zum Polarmeer. Unterwegs lief es neun Häfen an, u. a. die Häfen von Dutch Harbour und San Francisco (USA), Coco Sola (Panama), Guantanamo (Kuba), Halifax (Kanada) sowie Lerwick (Großbritannien). Kommandeur war Oberstleutnant Grigori Schtschedrin, der später zum Vizeadmiral befördert wurde. Das Boot nahm an acht Seeschlachten teil und hat zehn feindliche Kriegsschiffe versenkt, vier weitere beschädigt. 3.000 feindliche Wasserminen konnten es nicht versenken.
Das S-56 erhielt im März 1944 den Rotbannerorden und Kapitän Schtschedrin im November 1944 den Orden »Held der Sowjetunion«. Tja, die einen kriegen diesen Orden, die anderen das »Eiserne Kreuz«. Und wie viele sind jämmerlich ersoffen? Mir wäre es lieber, die jungen Männer der »verfeindeten« Länder hätten sich bei einem Bier getroffen und von ihren Herzdamen geschwärmt.
Am 9. Mai 1954 wurde das S-56 an seinem jetzigen Platz aufgestellt und Teil des Historischen Museums der Pazifikflotte. Obwohl das S-56 nur knapp 78 m lang ist, hatte es 45 Mann Besatzung, nämlich 8 Offiziere, 16 Unteroffiziere und 21 Matrosen. Wie eng muss es darin gewesen sein! Denn auch die 12 Torpedos benötigten Platz sowie die vier Torpedoabschussrohre im Bug und die beiden im Heck, dazu noch je zwei Dieselmotoren und zwei Elektromotoren. Das S-56 fuhr normalerweise 80 m tief, konnte aber 100 m tief tauchen.
Beim Hinausgehen frage ich an der Kasse nach einer Broschüre. Mir wird bedeutet, dass es sowohl auf Englisch als auch auf Russisch ein Faltblatt gibt. Es kostet nichts und gehört zur Eintrittskarte dazu. Na toll, hätten wir das auch geklärt.
Das Kaufhausgebäude wirkt etwas eigenartig auf mich. Links das »Mali GUM«, das kleine Staatliche Kaufhaus im »modernen« Stil, die rechte Hälfte im alten vorrevolutionären Stil erbaut. Das war das Kaufhaus Tschurin, Kasjanow & Co.
Iwan Jakowlewitsch Tschurin, Kaufmann der Zweiten Gilde, wurde 1834 in ärmlichsten Verhältnissen geboren. Im Alter von ungefähr 20 Jahren hörte er vom Grafen Murawjow-Amurski und dessen Landeroberungen im Fernen Osten. Zusammen mit gleichaltrigen Freunden belud Tschurin ein paar Pferdewagen mit Waren und gemeinsam reisten sie von Irkutsk zum Fluss Schilka, zimmerten Flöße zusammen und reisten so auf dem Fluss entlang. Es heißt, dass ihnen die Waren praktisch vom Floß weggekauft worden sein sollen. Sie verkauften alles, was die Leute damals benötigten, z. B. Salz, Stiefel, Schießpulver u. a. Gemeinsam mit den Gebrüdern Nikolai und Wassili Babinzew gründeten sie daher eine Firma und expandierten in Richtung Fernost. Bald hatten sie zahlreiche Filialen nicht nur in Wladiwostok, sondern sogar auf Kamtschatka und in China.
Der ebenfalls aus Irkutsk stammende Jurist Alexander Kasjanow, der maßgeblich an der Verleumdungskampagne gegen Kunst & Albers beteiligt war (s. o.), stieg schon sehr jung zum SeniorchefTschurins auf. Obwohl der Russisch-Japanische Krieg von 1904 –1905 die Geschäfte negativ beeinflusste, besaß das Unternehmen zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein Stammkapitel von 35 Millionen Rubel. Ab dem Jahre 1917 hieß das Handelshaus Tschurin & Kasjanow & Co. Das Glück währte jedoch nicht lange. Auch diese Firma wurde 1922 praktisch in die Mandschurei vertrieben. Dort versuchte Tschurin sein Glück nochmals mit dem Aufbau mehrerer kleiner Firmen, zum Beispiel zur Herstellung von Farben und Lacken, er gründete Metzgereien zur Wurstherstellung oder ließ Weinhandlungen einrichten. Als 1930 die japanische Intervention in China begann, wurden Tschurin & Kasjanow enteignet und das Ende des Unternehmens besiegelt. Tschurin starb wahrscheinlich in den 1920er Jahren, das genaue Sterbejahr konnte ich nirgends finden. Sein Leichnam wurde nach Irkutsk überführt und dort mit allen Ehren an der Mauer der Charlampiewer Kathedrale bestattet. Keine zehn Jahre später rissen die Bolschewiken die Kirche nieder, um an dieser Stelle ein Studentenwohnheim zu errichten.
Der Theaterplatz ist nach meinem Empfinden eher eine Grünanlage und trägt seinen Namen aufgrund des dortigen Maxim-Gorki-Theaters. Ich suche den Platz vor allem auf wegen dreier Denkmäler, nämlich ganz oben auf dem ansteigenden Gelände das Denkmal für den Stadtgründer Graf Murawjow-Amurski (zu ihm siehe Kapitel Chabárowsk). Weiterhin das Wyssozkidenkmal (siehe unter Jekaterinburg) und das Denkmal für Sergej Lasò. Wyssozki sitzt mit seiner Gitarre auf Treppenstufen, Lasò steht mit übergeworfenem Mantel auf einem hohen Sockel.
Das Lasò-Denkmal lässt mich etwas ratlos zurück, aber der Reihe nach:
Sergej Grigorjewitsch Lasò (mit Betonung auf dem Schluss-o) wurde am 23. Februar (jul)/7.
