Ausgesetzt oder Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit - Evelyne Leandro - E-Book

Ausgesetzt oder Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit E-Book

Evelyne Leandro

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Beschreibung

Eine Brasilianerin zieht mit ihrem deutschen Mann nach Berlin. Sie ist jung, gebildet und voller Elan und freudiger Erwartung. Alsbald beherrscht sie die deutsche Sprache, findet Freunde und eine Arbeit, die sie fordert und ihr Freude bereitet. Alles ist gut. Bis sie eines Tages Flecken entdeckt. Am linken Arm, am rechten Knie und an der Wade. Sie nimmt die Sache nicht sonderlich ernst, befragt ihren Hausarzt, konsultiert die Hautklinik und befindet sich, ohne es zu ahnen, am Beginn einer unglaublichen Odyssee. Nach vielen vergeblichen Untersuchungen bekommt sie endlich die Diagnose: Es ist Lepra. Eine Krankheit, die man in Europa längst vergessen hat, die man in seinem Bewusstsein mit der Pest und der Cholera ins Mittelalter oder mit Ebola und Malaria in unzivilisierte Welten verdrängt hat. Verzweifelt und tapfer, aber nicht humorlos und stets mit kritischem Sinn hat sie sich dieser biblischen Herausforderung gestellt. Und hat sich selbst eine Therapie verordnet, die sie neben der intensiven medizinischen Behandlung geheilt hat: Sie hat über die ganze, schreckliche Zeit Tagebuch geführt. Ihre Geschichte zu lesen bedeutet nicht nur, etwas über die vergessene Krankheit Lepra zu erfahren, es bedeutet vor allem, den mutigen Kampf einer jungen Frau zu begleiten, die trotz aller Verzweiflung, trotz aller Schmerzen niemals aufgehört hat, an sich und das Leben zu glauben. Auf ihrem qualvollen Weg hat sie dieses Wort der brasilianischen Dichterin Cora Coralina begleitet und ermutigt: "Auch wenn es scheint, dass alles zusammenbricht, liegt es an mir, mich zu entscheiden zwischen Lachen oder Weinen, Weitergehen oder Stehenbleiben, Aufgeben oder Kämpfen; denn ich habe auf dem ungewissen Weg des Lebens entdeckt, dass das Wichtigste das Entscheiden ist".

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Evelyne Leandro

Ausgesetzt

oder

Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit

Copyright © 2014, Evelyne Leandro Alle Rechte vorbehalten

Kontakt: www.facebook.com/EinTagebuchAusBerlin

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Burkhard Puwalla

Lektorat: Alfred Cordes, Osnabrück www.alfred-cordes.de

Umschlagbild: Sibylle Cordes & Evelyne Leandro

Umschlagdesign: Giannina Mihalic, Berlin

published by: epubli GMBH, Berlin www.epubli.de

Ich verbiete dir, eine Kirche, ein Kloster, einen Jahrmarkt, eine Mühle, einen Markt oder eine Versammlung von Menschen zu besuchen.

Ich verbiete dir, dein Haus ohne die dich ausweisende Kleidung und ohne Schuhe zu verlassen.

Ich verbiete dir, deine Hände oder andere Sachen an einem Fluss oder einer Quelle zu waschen oder daraus zu trinken, es sei denn, du benutzt eine eigene Schöpfkelle.

Ich verbiete dir, bei einem Kauf oder Tausch etwas zu berühren bevor es dein Eigentum ist.

Ich verbiete dir, ein Gasthaus zu betreten; und wenn du Wein kaufst oder angeboten bekommst, muss er in dein eigenes Gefäß gefüllt werden.

Ich verbiete dir, dein Haus mit einer anderen Frau als deinem Weib zu teilen.

Solltest du auf der Straße angesprochen werden, so befehle ich dir, dich windabwärts zu stellen bevor du antwortest.

Ich verbiete dir, enge Gassen zu betreten, um ungewollte Berührungen mit Bürgern zu vermeiden.

Ich verbiete dir, den Rand oder das Seil eines Brunnens zu berühren, es sei denn, du trägst Handschuhe.

Ich verbiete dir, Kinder zu berühren oder ihnen etwas mit der Hand zu reichen.

Inhalt

Prolog

Ausgesetzt

Berlin Calling

Leben auf der Achterbahn

Summer in the City

Nächster Halt: Würzburg

Prosit Neujahr

Rehabilitation

365 Tage danach

Epilog

Prolog

»Auch wenn es scheint, dass alles zusammenbricht, liegt es an mir, mich zu entscheiden zwischen Lachen oder Weinen, Weitergehen oder Stehenbleiben, Aufgeben oder Kämpfen; denn ich habe auf dem ungewissen Weg des Lebens entdeckt, dass das Wichtigste das Entscheiden ist.«

Dieser Satz der brasilianischen Dichterin Cora Coralina hat mich begleitet und ermutigt, als ich den Weg antreten musste, von dem ich nicht ahnen konnte, wie lang und beschwerlich er werden würde. Er hat mir mein Lachen erhalten und mich auf diesem Weg geleitet. Denn ich hatte viele Entscheidungen zu treffen. Dieser Satz hat bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren, mehr noch: er hat sich in mir bewiesen und ich werde ihn für den Rest meines Lebens in mir tragen.

Dieses Buch ist eine Erinnerung, ein Tagebuch aus Vergangenheit und Gegenwart und in gewisser Weise bin ich Cora Coralina, die ihre Geschichte im Laufe dieser unbegreiflichen Zeit erzählen wird. Zunächst sei nur so viel gesagt: ich bin eine Brasilianerin, die seit etwas mehr als zwei Jahren in Berlin lebte, als sie im Januar 2012 von einer Krankheit überfallen wurde, die niemand mehr in Europa erwartet: die Hansen-Krankheit.

In Deutschland besser bekannt als Lepra.

Von Anbeginn wollte ich nicht zulassen, dass diese Krankheit mein Leben zerstört oder mich daran hindert, das zu erreichen, was ich erreichen will. Denn ich will meinen Weg fortsetzen. Dieser Weg ist lang, schmerzhaft und manchmal auch einsam. Ich möchte meine Geschichte zu etwas Greifbarem werden lassen. Etwas, das mir irgendwann erlaubt, das Buch zu schließen und sagen zu können: »Ich habe gesiegt!«

Denn, wie mir mein Onkel schrieb: »Es ist nicht der Pausenhof, auf dem wir lernen.«

Ohne zu ahnen, dass ich eine Krankheit in mir trug, flüsterte mir das Universum eine Idee zu. Ich, die immer Lust hatte, ein Buch zu schreiben und häufig etwas angefangen hatte, ohne es zu Ende zu führen, hatte einen Geistesblitz, als ich in einem Papiergeschäft ein wunderschönes Tagebuch sah: ein Buch in Form eines Tagebuches zu schreiben, über eine Frau, die für einige Tage in einem Krankenhaus interniert ist.

Die Geschichte würde aus der Perspektive der Patientin erzählt werden, über ihre Gefühle und Empfindungen, ihre Anpassungsprobleme, ihren emotionalen Zustand, über die Personen in ihrem Umfeld, ihre Kommunikation mit der Umwelt, ohne notwendigerweise die Krankheit in den Vordergrund zu stellen. Die Krankheit würde nur ein Anlass für die Geschichte sein. Sie wäre nebensächlich.

Diese Idee ging mir nicht mehr aus dem Kopf, bis ich, zwei Wochen später, entdecken musste, dass es sich bei dieser kranken Frau um mich selbst handelte. Ich lachte über die Ironie des Schicksals, lachte darüber, wie mir das Universum ins Gesicht grinste. Bevor ich also wusste, dass ich krank war, keimte schon die Idee in meinem Kopf. Und seitdem geht sie nicht mehr fort.

Die Geschichte basiert auf realen Tatsachen, hält sich aber nicht notwendigerweise minutiös an sie. Einige Momente habe ich nicht mehr in Erinnerung und andere werde ich aus verständlichen Gründen weglassen oder ein wenig schönfärben müssen. Nennen wir es so: Das Leben nach dem Aufprall. Über alle die Zufälle, die kommen werden. Oder sollte ich besser Vorsehung sagen? Ergänzend zu meinem Tagebuch werde ich Mails von meinen Verwandten und Freunden, Dialoge mit Ärzten und eigene Anmerkungen veröffentlichen und alles, was ich für erforderlich halte, um die jeweilige Situation verständlich zu machen, aber auch, um das Lesen angenehmer zu gestalten.

Es ist ein Stück von mir. Und ich möchte es teilen.

Ausgesetzt

Im September 2011 entdeckte ich Flecken an meinem linken Arm, am rechten Knie und an der Wade. Der Arzt diagnostizierte Borreliose, eine durch Zecken übertragene Krankheit, die eher in Deutschland als in Brasilien vorkommt. Er verschrieb mir Antibiotika und im Laufe der Zeit verschwanden die Flecken teilweise. Ich achtete nicht weiter darauf.

Zwei Monate später feierte ich meinen 30. Geburtstag. Ich war zufrieden mit meinem Leben. Ich hatte ein paar enge Freunde zu einer kleinen Party bei mir zu Hause eingeladen, und ich erinnere mich an ihre Kommentare über meine gute Laune und die amüsanten Gespräche.

Ich war einfach glücklich. Ein paar Wochen vorher hatte ich in einer neuen Firma angefangen, war hochmotiviert, denn ich arbeitete nun in einem großen Unternehmen, das mir eine Reihe von Möglichkeiten bieten konnte. Mein zweites Jahr in Deutschland ging zu Ende und ich war voller Erwartungen für das kommende Jahr.

Mein Mann hatte mich in Brasilien vorgewarnt. Er hatte mir damals gesagt, das erste Jahr in einem neuen Land sei interessant und wunderbar, wenn alles noch neu und exotisch ist. Im zweiten Jahr käme dann die Krise, wenn der Alltag einkehre und damit die Schwierigkeiten, ihn trotz Sprachproblemen und unterschiedlichen kulturellen Gewohnheiten zu bewältigen. Seiner Meinung nach würde man erst ab dem dritten Jahr so richtig Fuß fassen.

An diesem Tag, meinem 30. Geburtstag, fühlte ich mich voller Energie, durchzustarten. Ich ahnte nicht, dass zwei Monate später der größte Albtraum meines bisherigen Lebens seinen Anfang nehmen sollte.

In den ersten Wochen des Januar 2012 kamen die Flecken zurück. Sie wurden größer, und der linke Ellenbogen schmerzte. Der Arzt vermutete Erysipel, auch bekannt als Wundrose oder Rotlauf. Ich nahm weitere Antibiotika. Es funktionierte nicht. Natürlich nicht.

Ohne irgendwelche Verbesserungen im Krankheitsbild wurde ich für weitere Untersuchungen in eine Hautklinik in Berlin eingewiesen. Hier beginnt meine Geschichte. Die Krankheit steht nicht im Fokus. Aber alles, was mit meinem Leben seitdem passiert ist.

Der Tag zuvor

Ich sollte zur Nachuntersuchung kommen, um zu sehen, ob das Antibiotikum anschlägt. Auf der Arbeit, im hellen Licht der Toilette, bemerkte ich nun auch noch Flecken in meinem Gesicht, die mir vorher noch nicht aufgefallen waren.

An diesem Nachmittag hatte ich zwei wichtige Meetings im Unternehmen. Mein Arm schmerzte. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Wäre es wichtiger, an den Meetings teilzunehmen oder sofort zum Arzt zu gehen? Ich beschloss, an den Sitzungen teilzunehmen, im Anschluss nach Hause zu gehen und zu versuchen, den Arzt noch zu erreichen.

Ich hatte Panik. Die neuen Ausschläge im Gesicht machten mir große Sorgen. Wie konnte sich etwas so schnell entwickeln? Praktisch über Nacht.

In den folgenden Stunden wurde die Panik immer größer und ich ging zu meinem Chef, der mich sofort nach Hause schickte. Ich ging weinend heim. Die Tränen konnte ich nicht mehr kontrollieren. Ich wusste nicht, was ich hatte. Ich wollte diese wichtigen Sitzungen nicht verpassen müssen. Ich wollte meinen Mann treffen, damit er mich beruhigt. Ich erinnere mich, dass ich ihn heulend anrief, in Erwartung einer Lösung von ihm, die er mir natürlich nicht geben konnte. Und ich hatte überhaupt keine Idee, was mit mir los sein könnte.

Zu Hause angekommen, rief ich bei meinem Arzt an, der mir aber nur einen Termin für den nächsten Vormittag geben konnte. Ich beschloss, den Kopf ein wenig frei zu bekommen und zu schlafen, aber meine Panik war groß. Ich wusste, dass etwas sehr verkehrt lief. Ich fühlte es, und es fing an, mich zutiefst zu verstören. Aber zumindest an diesem Tag gab es nichts mehr zu tun.

1. Tag

Am nächsten Morgen ging ich zum Hautarzt. Es hatte sich nichts verbessert. Ganz im Gegenteil. Der Arzt erklärte mir offen, dass er keine Ahnung habe, was es sein könnte und überwies mich in ein Krankenhaus. Er sagte, dass man dort in der Lage sei, meine Krankheit zu diagnostizieren.

Die Sprechstunde im Krankenhaus begann am Nachmittag und ich ging deswegen erst einmal nach Hause. Der Arzt hatte mir geraten, mich auf ein paar Tage im Krankenhaus einzustellen. Das bedeutete, meinen Koffer mit dem Nötigsten zu packen. Ich rechnete mit vier Tagen, also bis zum Wochenende.

Diese Aussicht erschreckte mich. Ich war noch niemals für längere Zeit in einem Krankenhaus gewesen. Und nun auch noch in Deutschland. Medizinische Probleme sind natürlich in der Muttersprache viel einfacher zu erklären.

Mit gepacktem Koffer saß ich auf dem Bett, wartete auf meinen Mann und weinte. Was würde mich erwarten? Was hatte ich?

Im Internet hatte ich alle möglichen Hautprobleme recherchiert, aber nichts gefunden, was mich überzeugen konnte, dass das, was mit mir geschah, eine »normale« Krankheit wäre.

Das Krankenhaus liegt am anderen Ende der Stadt. Wir kamen um 14.30 Uhr an. Während wir darauf warteten, aufgerufen zu werden, gingen mir tausend Dinge durch den Kopf. Die Krankheit an sich beunruhigte mich gar nicht so sehr. Was mich beunruhigte, war das Fehlen von Informationen, diese schreckliche Ungewissheit, und die Tatsache, dass ich mich in ein Krankenhaus begeben musste, um herauszufinden, was ich hatte. Wenigstens war mein Mann an meiner Seite. Seine Anwesenheit beruhigte mich über die Stunden, die so langsam vergingen.

Gegen 17 Uhr wurde ich aufgerufen. Ich betrat den Raum des Chefarztes und schilderte ihm die Situation. Auch er konnte mir nicht sagen, was es war. Er bezweifelte sogar einige meiner Informationen. Vom ersten Moment an ging mir seine arrogante Art auf die Nerven.

Er wollte, dass ich in den nächsten Tagen für diverse Untersuchungen wiederkäme. Ich aber wollte das Sprechzimmer mit einer Antwort verlassen. Und sei es die, im Krankenhaus bleiben zu müssen. Ich wollte nicht, dass sich mein Zustand noch weiter verschlechterte, denn ich hatte erkannt, dass immer mehr neue Flecken auf meinem Körper auftauchten, je mehr Zeit verging. Durch die Unklarheit der Situation war ich vollkommen irritiert. Ich beharrte auf einer Aussage.

Schließlich, nach langer Diskussion, wurde entschieden, dass ich im Krankenhaus bleiben solle und man sofort mit den Untersuchungen beginnen werde.

Gegen 20 Uhr kam ich in das Zimmer, das für die nächsten Tage mein Zuhause sein würde: müde, traurig, verwirrt und einsam. Mein Mann war nach der Untersuchung zu den Kindern gefahren.

Die Nachtschwester beruhigte mich schließlich. Sie empfing mich mit einem Lächeln und versuchte, mir die Nacht so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie brachte mir eine heiße Schokolade.

Im Verlauf des Tages hatte sich mein linker Arm entzündet und die Ausschläge auf den Beinen hatten sich vermehrt.

Wegen meiner Bettnachbarin wollte ich mich zusammennehmen und konnte in jener Nacht nicht losheulen. Es würde später andere Gelegenheiten und bessere Gründe dafür geben.

Es war der 24. Januar 2012.

2. Tag(25. Januar 2012)

Völlig verstört wachte ich auf. Aus einem Lautsprecher hörte ich irgendetwas in deutscher Sprache. Ich war so benommen, dass ich kein einziges Wort verstand.

Ich hatte schlecht geschlafen: in einem fremden Bett, in einem Zimmer ohne Vorhänge und immer wieder durch die Blaulichter der Krankenwagen geweckt. Bisweilen waren Schwestern in das Zimmer gekommen, hatten das Deckenlicht eingeschaltet, um nach, was weiß ich, zu sehen. Das grelle Licht machte mich verrückt. Höchstens vier Stunden hatte ich geschlafen, ausgerechnet ich, für die der Schlaf ein so wichtiger Teil des Tages ist.

Zwei Ärztinnen kamen früh in mein Zimmer. Sie glaubten, dass ich zwei voneinander unabhängige Probleme hätte, die gleichzeitig aufträten. Zum einen die Krankheit selbst und zum anderen eine Reaktion auf das Antibiotikum, das ich genommen hatte. Ich versuchte, ihnen nochmals zu erklären, dass die Ausschläge schon vor der Einnahme des Antibiotikums aufgetreten waren. Aber ich war es auch Leid, ständig die gleiche Geschichte erzählen zu müssen. In weniger als zwei Tagen musste ich die Geschichte wohl fünf Mal wiederholen.

Zur Visite kam später der Chefarzt mit anderen Ärzten. Sie beschlossen, Hautproben von meinem rechten Arm zu nehmen, um sie untersuchen zu lassen, um eventuell Bakterien zu identifizieren. Ich kann nicht sagen, ob ich froh darüber war, dass sie nun der Sache auf den Grund gingen, oder traurig, weil man mir noch mehr Schmerzen zufügen würde, als ich schon hatte.

Am Nachmittag wurden die Hautproben genommen. Drei kleine Fleischstücke von den Flecken am rechten Arm.

Ich mochte die junge Ärztin. Sie war sehr einfühlsam und versuchte, die Situation möglichst unkompliziert zu gestalten. Am wichtigsten war für mich, dass sie mir alles erklärte: die Ideen der Ärzte und die nächsten Schritte.

Demgegenüber war ein normaler Dialog mit dem Chefarzt unmöglich. Er war der Alleswisser und ich die Ausländerin aus dem tiefsten Amazonas-Urwald, ohne dass ich jemals dort gewesen wäre. Eine seiner Fragen war, ob ich häufig im Urwald gewesen wäre, Wildtiere gegessen hätte und so weiter. Als ich verneinte, schaute er mich an, als ob ich ihn angelogen hätte. Wenigstens überlegte er schon, ob ich eine »importierte« Krankheit hätte.

Von diesem Tag an wurde ich ständig nervöser. Ich wartete sehr ungeduldig auf das Ergebnis der Hautproben. Für mich war klar: je schneller die Diagnose kam, desto schneller konnte die Behandlung beginnen.

Seit weniger als 24 Stunden war ich im Krankenhaus und wollte unbedingt nach Hause.

***

E-Mail an meine Mutter

Liebe Mama, wie geht es?

Ich schreibe Dir, um Dir ein paar Informationen über Deine Göre in Deutschland zu geben.

Letztes Jahr im September hatte ich ein Hautproblem und es erschienen einige Flecken auf meinem Körper. Ich ging zum Arzt und er sagte, es seien Bakterien. Ich nahm Medizin und die Flecken gingen weg.

Vor ungefähr zwei Wochen kamen die Flecken wieder. Und dieses Mal sehr heftig. Am linken Arm verfärbte sich eine große Fläche und schmerzte. Auch an den Beinen, Waden und Füßen traten viele Ausschläge auf.

Ich ging erneut zum Arzt, doch er konnte mir nicht sagen, was ich hatte und überwies mich in eine Hautklinik für weitergehende Untersuchungen.

Aber auch dort konnte mir der Arzt nicht sagen, was ich hatte. Ergebnis? Sie behielten mich dort und seit Dienstag liege ich nun im Krankenhaus und muss so lange bleiben, bis sie eine Diagnose haben. Davon abgesehen geht es mir gut und die Flecken (und auch die Schmerzen an einigen Stellen) werden schwächer. Weil sie austrocknen, muss ich immer kratzen. Du weißt ja, wie verrückt mich das macht. :)

Eigentlich würde ich Dir so etwas nicht per E-Mail mitteilen, aber ich weiß nicht, ob ich dieses Wochenende zu Hause sein werde und Dich anrufen kann.

Die Ärzte haben bereits eine Idee, was es sein könnte, aber sie sind sich noch nicht sicher. Deshalb machen sie noch weitere Untersuchungen und testen verschiedene Salben.

Das einzige Nervige, abgesehen davon, dass ich zum ersten Mal im Krankenhaus liege und noch nicht einmal meine Mama hier habe, ist, dass das Bett unmöglich ist und ich sehr schlecht schlafe. Ansonsten ist das Personal super sympathisch und sie sprechen meinen Namen vollständig und ganz süß aus. In Deutschland hat man gewöhnlich nur einen Nachnamen und »da Silva« finden sie wohl adelig. Witzig. Wenn sie wüssten, dass das so häufig wie hier Müller, Meier, Schmidt ist…

Ich bin in Ordnung, nur etwas liebesbedürftig. ;)

Küsschen, ich liebe Dich. Deine Göre

Ihre Antwort

Meine liebe Tochter, wie geht es Dir?

Fühlst Du Dich heute schon besser? Gibt es bereits Ergebnisse der Untersuchungen? Wir machen uns Sorgen und es tut uns leid, dass wir nicht bei Dir sein können. Aber das wussten wir ja. Ich hoffe, dass alles bald vorüber ist und Du die Behandlung wieder an der Seite Deines Mannes fortführen kannst. OK?

Vertraue auf Gott, dass er Dir die Gelassenheit gibt, das zu akzeptieren, was Du nicht ändern kannst, und die Kraft und Weisheit, das zu ändern und zu machen, was Du tun kannst. Heute Abend um 19:00 Uhr werde ich im Spirituellen Zentrum sein und Dir Schwingungen senden. Verbinde Dich, damit der Effekt sicher und effizient ist.

Dein Vater ist auch zu Hause und auch besorgt und traurig. Aber das ist ja normal, wegen der großen Entfernung und dem Gefühl der Hilflosigkeit, die uns bedrückt.

Demnächst werde ich Internet haben und dann wird es für uns leichter. Ich werde es mir mit Deinem Onkel teilen und bin schon dabei, mir einen Computer zu besorgen.

Werde nicht niedergeschlagen oder verzweifelt wegen Deines ersten Krankenhausaufenthalts. Immer gibt es ein erstes Mal, nicht wahr?

Ohne es zu wollen, kam mir der Gedanke, dass das auch Symptome von Lepra sind, nicht wahr? Wenn es so wäre, beunruhige Dich nicht, denn dort wird alles schneller und effizienter behandelt als hier, was auch immer es sei.

Gottes Schutz ist groß und seine Barmherzigkeit unendlich. Vertraue und alles wird einfacher sein. Bleib weiterhin die gute Tochter, die Du bist. Für Ihn und für mich. OK?

Eine liebevolle Umarmung und viele Küsse für Dich. Und vergiss nicht, dass Jesus Dich liebt und ich Dich auch.

Deine verrückte Mama. ;)

***

Ich bin die Tochter eines Fernfahrers und einer Hausfrau. Mein Vater hatte nur die Grundschule besucht und kann nur wenig lesen und schreiben. Meine Mutter hatte damals einen Job als Sekretärin in einer Fabrik, den sie aufgab, um zu heiraten und mit meinem Vater in das besser entwickelte Südbrasilien zu ziehen. Dort kam ich 1981 zur Welt.

Drei Jahre später wurde mein Bruder geboren. Als er sechs Monate alt war, beschlossen meine Eltern, nach Bahia zurückzukehren, um näher bei ihrer Familie zu sein. Bahia ist ein Bundesstaat im armen Nordosten des Landes, der auch als das „Afrika Brasiliens“ bezeichnet wird. Dort leben sie heute noch.

***

In Berlin kamen mir die Dinge irgendwie seltsam vor. Die Ärzte schienen nicht zu wissen, was sie mit mir anstellen sollten. Aber ich fühlte auch, dass sie nicht hundertprozentig ehrlich mit mir waren. Ich hatte den Eindruck, dass sie irgendeinen Verdacht hatten, aber darüber nicht mit mir reden wollten. Entweder weil sie sich noch nicht ganz sicher waren, oder weil sie mich nicht noch mehr aus der Fassung bringen wollten.

Ich erinnere mich, dass ich selbst die Hypothese einer Lepra ansprach. Ich hatte zwei Hinweise von verschiedenen Personen erhalten, die mich an die Krankheit erinnerten. Eine davon war meine Mutter. Ich erwähnte diese Möglichkeit gegenüber dem Chefarzt. Er fragte mich, ob ich mich erinnern könnte, mit einem Leprainfizierten Kontakt gehabt zu haben, was ich verneinte. Wirklich, ich erinnerte mich nicht an solch einen Moment. Ich kannte niemanden in Brasilien, der Lepra hatte und schon gar nicht aus dem Kreis meiner Familie und Freunde. Er schloss die Hypothese aus. Trotzdem merkte ich, dass er einfach nicht ehrlich war. Ich sah die Blicke, die er mit den Ärztinnen tauschte.

Zu schlafen in dem Bewusstsein, eine schwere Krankheit zu haben, zu sehen, wie die Ausschläge und die Schmerzen im Körper zunahmen, und dazu noch die Unsicherheit der Ärzte zu ertragen, war zu viel für meinen Kopf.

Zudem begann ich an die ungewisse Zeit zu denken, die ich noch im Krankenhaus bleiben musste. Ich dachte an die Dinge, die ich zurückgelassen hatte. Und an die, die ich dabei war zu verlieren. Die Sehnsucht nach meinem Zuhause und all die Hoffnungen, die sich in den letzten zwei Jahren meines Lebens in Deutschland entwickelt hatten.

Ich hatte geglaubt, dass dieses dritte Jahr in Deutschland für mich das Jahr der Ernte werden würde. Das Jahr, das mir die Gewissheit geben würde, dass meine eingeschlagenen Wege die richtigen waren. Das Jahr, in dem ich die Früchte meiner Anstrengungen einfahren würde, in dem meine Entscheidung, etwas Neues zu beginnen, sich bestätigen würde. Ich dachte an meine Arbeit und an das, was ich noch alles erreichen wollte.

Aber ich fühlte mich verloren, physisch und psychisch gequält nach all den Untersuchungen und den unbeantworteten Fragen. Die Unsicherheit der Ärzte ließ auch mich unsicher werden. Die Diagnose sollte schon längst da sein. Am Freitag kam sie dann.

Und von nun an beginnt die Geschichte wirklich.

4. Tag(27. Januar 2012)

Die Ärztinnen testeten die Empfindlichkeit meiner Ausschläge. Auch wenn ich bereits vermutete, Lepra zu haben, hatte ich nicht bemerkt, dass einige der Stellen schon taub waren. Weil sie geschwollen und entzündet waren, hatte ich das Gefühl als normal empfunden. Das war das Indiz, was mir zur Gewissheit fehlte. Auch wenn die Ärztinnen weiterhin erklärten, dass es nur ein Verdacht wäre, dass zwar ein Bakterium in den Proben gefunden, es aber noch nicht identifiziert worden sei.

Man verlegte meine Bettnachbarin in ein anderes Zimmer. Sie war schwanger.

Es muss schon eine ziemlich große Ironie des Schicksals sein, die Idee zu haben, ein Buch über eine Kranke und die Tage ihrer Behandlung in Form eines Tagebuchs schreiben zu wollen und kurz darauf selbst im Krankenbett zu liegen und darauf zu warten, dass man die Diagnose Lepra bestätigt. Zwar handelt es sich nicht um eine tödliche Krankheit, aber um eine komplizierte Behandlung, mit unvorhersehbaren Nebenwirkungen, die das Leben massiv beeinträchtigen können.

Es kommt mir vor wie eine schicksalsschwere Ironie, dass ich an einem der glücklichsten Tage dieses Jahres zum Arzt ging. Mein Chef hatte meine Arbeit sehr gelobt, und ich hatte Erfolg in einem Projektmanagement-Kurs, den ich derzeit absolvierte. Alles lief gerade wunderbar und ich fühlte, dass mein wirkliches Leben in Deutschland endlich beginnen würde, um im selben Moment zu entdecken, dass ich eine schwere Krankheit in mir trage, die dringend behandelt werden muss.

Noch niemals war ich im Krankenhaus gewesen, noch nie ernsthaft krank, abgesehen von den Windpocken in meiner Kindheit. Nach zwei Jahren, in denen ich alles gegeben hatte, mich in Deutschland zu integrieren, in dem Moment, als absehbar ist, hier eine Zukunft zu haben, fällt mir diese Bombe in den Schoß.

Diese Buch-Idee kommt mir vor wie eine schlecht interpretierte Vorahnung. Es ging um eine ernste Erkrankung, um sechs Monate Behandlung, um das Tagebuch eines Lebens. Meines Lebens! Besonders jetzt, in dem Moment, in dem es mir so gut ging, hatte ich eine große Angst, das zu verlieren, was ich noch nicht erreicht hatte, was aber auf einem guten Weg gewesen ist. Ich hatte so viel zu tun, zu organisieren, umzusetzen, und jetzt das!

Und ich frage mich: Weshalb? Womit habe ich das verdient? Warum gerade jetzt? Warum? Wann werde ich denn meinen Frieden finden? Wann werde ich mit meinem Leben glücklich sein können? – Es tut sehr weh.

***

Den Freitagabend habe ich mit meinem Mann am Telefon verbracht. Ich habe ihm heulend von dem Verdacht berichtet und von den Informationen, die ich im Internet gefunden hatte. Wir beschlossen, dass es das Beste wäre, um Erlaubnis zu bitten, für den Samstag zu Hause sein zu dürfen. Man gab mir zwar die Auflage, die Nacht wieder im Krankenhaus zu verbringen, aber die Gelegenheit, einige Stunden zu Hause zu verbringen und ein ordentliches Bad zu nehmen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Daheim konnte ich mich von meinem Mann umarmen lassen und weinen. Ich heulte wegen jeder Kleinigkeit. Und ich hatte die Sorge, ihn und die Kinder angesteckt haben zu können und fühlte mich schuldig, elendig. Ich war untröstlich.

Im Badezimmer sah ich nach den Tagen der Evolution der Ausschläge meinen Körper zum ersten Mal völlig nackt, was bei mir einen Schock auslöste. Die totale Verzweiflung überkam mich. Die dunklen und großen Flecken, die sich auf meinen Armen und Beinen ausbreiteten! Die Knoten, die in meiner Haut wuchsen! Die entzündeten Stellen! Es gab tausend Gründe zu verzweifeln.

Mein Mann hielt mich fest, damit ich in meinem Heulkrampf nicht auf den Fußboden stürzte, und es brauchte eine Zeit, um wieder zur Vernunft zu kommen und zu versuchen, meinen Tag in Frieden zu leben. Ich versuchte, die Stunden in der Familie zu nutzen, um mich aufzubauen, um meine Batterien aufzuladen. Es fiel mir sehr schwer, am Abend wieder in das Krankenhaus zurückzukehren.

6. Tag(29. Januar 2012)

Die Tage allein im Krankenzimmer taten mir gut und gaben mir die Freiheit, meine Gefühle rauszulassen und zu ordnen. Für ein paar Stunden zu Hause gewesen zu sein, hatte mir trotz der Panikattacke ebenfalls gut getan.

Man muss die Verzweiflung und Wut rauslassen, um sich danach wieder aus der Asche zu erheben. Diese Tage mit etwas Privatsphäre brachten mich zu dem Entschluss, dass ich es nicht zulassen werde, dass diese Krankheit mich zunichtemacht. Ich werde das nicht erlauben. Denn ich werde stärker sein als sie. Ich werde mein Comeback schaffen. Ich schaffe immer ein Comeback.

Die kleinen Siege in der Firma und in dem Kurs waren da, um mir zu zeigen, dass ich stark bin und erreiche, was ich will. Und dieses Mal wird es auch so sein. Die Angst, mein Leben zu verlieren oder zu lähmen, hält an. Aber ich darf mich nicht von diesen Gedanken dominieren lassen. Denn die Krankheit ist heilbar. Es ist ein heftiger Schlag, wenn man glaubt, gesund zu sein, um Tage darauf erfahren zu müssen, dass man es nicht ist. Aber, es gibt Heilung. Und eines Tages, früher oder später, werde ich mein Leben fortführen können.

7. Tag(30. Januar 2012)

Heute erhielt ich die endgültige Diagnose der Berliner Ärzte: Ich habe Lepra. Das Bakterium wurde identifiziert. Eine weitere Ironie in meinem Leben: Gestern, am 29. Januar, war der Weltgedenktag zur Bekämpfung der Lepra.

Ich musste der Entnahme einer weiteren und größeren Gewebeprobe von meinem linken Arm zustimmen, an einer Stelle, wo ich es wegen der Entzündung auf keinen Fall wollte. Aber es war nötig, um den Typus der Lepra zu bestimmen: pauci- oder multibazillär, was von der Anzahl der Bakterien abhängt.

Der Eingriff verlief gut. Nur dass ich danach sehr starke Schmerzen hatte, was aber auch nicht verwunderlich ist. Wegen der Krankheit und meiner psychischen Verfassung war ich in Bezug auf Schmerzen äußerst sensibel. Schon wegen einer einfachen Blutabnahme bekam ich eine Gänsehaut am ganzen Körper. Jede falsche Bewegung tat weh. Die Aussicht auf weitere Schnitte in meine Haut machte mir Angst.

Nach der Bestätigung der Diagnose, entschied ich mich, eine E-Mail an meine Familie und meine nächsten Freunde zu schreiben.

***

E-Mail an meine Verwandten und Freunde in Brasilien

Ihr Lieben,

Dies ist eine E-Mail, die niemand gerne schreiben möchte und schon gar nicht aus 8.000 km Entfernung.

Ich bitte Euch, die folgenden Zeilen mit Aufmerksamkeit zu lesen.

Seit Dienstag, den 24. Januar, liege ich in einem Krankenhaus in Berlin. Wegen eines Hautproblems, das die Ärzte nicht identifizieren konnten, musste ich eine Reihe von Untersuchungen machen lassen und es war am praktischsten, hier zu bleiben. Zumindest habe ich ein Zimmer nur für mich in einem ruhigen Flügel der Dermatologie. Das Essen ist auch nicht soooo schlecht. ;)

Ich bin schon die ganze Woche im Krankenhaus, weil die Ärzte die Krankheit nicht so schnell und präzise diagnostizieren konnten, zumal es sich um eine in Deutschland ausgestorbene Krankheit handelt. Seit ewiger Zeit gibt es hier kaum mehr Fälle. Deshalb konnten die Ärzte die Symptome auf meiner Haut nicht sofort einordnen: rote Flecken in unterschiedlicher Größe, manche davon schmerzhaft und der größte an meinem linken Arm seit ein paar Tagen schon ohne Gefühl.

Die Ärzte machten Blutuntersuchungen und entnahmen Hautproben, um den Mikroorganismus in meinem Körper zu identifizieren. Durch die oben genannten Charakteristika werdet Ihr Euch schon vorstellen können, was es ist. Es wurde Hanseniase diagnostiziert.

Dadurch, dass es sich um eine Krankheit handelt, die in Deutschland praktisch nicht mehr existiert (und die hier noch Lepra genannt wird), kann ich mir das Bakterium nur in Brasilien eingehandelt haben.

Das Bakterium kann im Körper bis zu 7 Jahren, oder anderen Quellen zufolge bis zu 30 Jahren, inaktiv bleiben. Man kann sich auch nicht leicht anstecken, zum Beispiel durch einen Händedruck oder dadurch, dass man aus demselben Glas trinkt. Um die Krankheit übertragen zu können, muss ein Kranker einen aktiven, roten, geschwollenen und eitrigen Hautausschlag haben. Das ist bei mir nicht der Fall. Ich habe auch kein Fieber und keine Schädigung der Nerven. Gott sei Dank bestehen meine Symptome nur aus den Flecken und Schmerzen an einigen Stellen. Sonst nichts. Von daher ist es fast ausgeschlossen, dass ich irgendjemanden angesteckt haben könnte.

Da es eine sehr schwer übertragbare Krankheit ist und längerer und näherer Kontakt mit einer kranken Person nötig ist, um das Bakterium zu übertragen, kann ich mir vorstellen, dass ich sie durch einen häufigen Kontakt mit jemanden aus meinem Kreis (Familie oder engere Freunde) bekommen habe. Von jemandem, der gar nicht weiß, dass er krank ist.

Ich habe über die letzten zehn Jahre nachgedacht, wann oder in welchen Umständen ich Kontakt mit jemandem gehabt haben könnte, der diese Krankheit in sich trägt. Mir fällt niemand ein. Es wird »der große Unbekannte« für den Rest meines Lebens bleiben.

Deswegen schreibe ich Euch, meine Lieben. Bleibt aufmerksam und achtet auf jegliche rötliche Flecken auf weißer Haut oder weißliche auf dunkler Haut. Falls Ihr eine Verfärbung feststellen solltet, geht bitte sofort zu einem Hautarzt. Falls Ihr ein Fehlen von Sensibilität verspüren solltet, ist es noch dringender. Ein einfacher Test mit Wärme und Kälte reicht schon. Der beste Schutz ist in diesem Fall die Beobachtung.

Abgesehen davon bin ich in einem Krankenhaus mit guter Infrastruktur, werde gut behandelt und beginne in den nächsten Tagen die Behandlung durch Antibiotika. Die Behandlung dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr, abhängig von der Art der Lepra. Sie muss erst noch durch weitere Untersuchungen bestimmt werden, was hier durch die Tropeninstitute gemacht wird. Wie schon gesagt, hier kennt man die Krankheit nicht mehr und deshalb all dieser Aufwand.

Auch wenn die Behandlung lange dauert: es sind nur Antibiotika. Es wird mein Leben nicht beeinträchtigen. Ich würde das auch nicht zulassen. Auch werde ich nicht endgültig die Sensibilität der betroffenen Stellen verlieren. Kurz, es werden keine Folgen zurückbleiben. Bleibt unbesorgt.

Es gibt für Euch keinen Grund, panisch zu werden. Ihr solltet Euch selbst nur gut beobachten.

Bis zum nächsten Wochenende werde ich wieder nach Hause können. Ihr könnt mir E-Mails schicken, die ich versuchen werde, von hier aus dem Krankenhaus oder von zu Hause zu beantworten.

Noch eine Bitte: ich schicke diese Nachricht nur an einige wenige Personen, die mir sehr nahe sind, und ich möchte nicht, dass ganz Brasilien erfährt, was mir passiert. Es gibt noch große Vorurteile.

Liebe Grüße und Küsse!

Ich

P.S. Brasilien ist eines der letzten 11 Länder auf der Welt, die es bislang nicht geschafft haben, die Krankheit zu eliminieren. Traurig, nicht?

***

Ich wuchs in einer Stadt auf, die ich nie mochte. Ich kann nicht mehr den Zeitpunkt bestimmen, wann dieses Gefühl in mir hochkam, aber ich erinnere mich, dass ich im Alter von neun Jahren zu Hause verkündete, dass ich in neun Jahren erwachsen sei und dann wieder nach Südbrasilien ziehen würde. Dort sei mein Platz: Südbrasilien, die Region der deutschen Immigranten…

Die Stadt, in der meine Eltern leben, ist sehr klein und ohne Infrastruktur, um intelligenten Kindern, die etwas anderes werden könnten als Fernfahrer oder Friseurin, angemessene Bildungschancen zu ermöglichen. Zumindest vor 30 Jahren war das so.

Ein paar Jahre nach der Rückkehr in ihre Heimat absolvierte meine Mutter einen Friseurkurs und eröffnete einen Frisiersalon neben unserem Haus. Ich war sieben Jahre alt und erinnere mich noch an den Tag der Einweihung. Meine Mutter war immer ein Kämpfertyp, und ich habe ihr sehr viel zu verdanken.

Nach Beendigung der Grundschule gab es für mich keine geeignete weiterführende Schule in der Stadt, in der wir lebten. Seit meinem elften Lebensjahr musste ich deswegen jeden Tag 35 Kilometer in die nächstgrößere Stadt fahren, um zur Schule zu gehen. 35 Kilometer erscheinen wenig, wenn es gute Verkehrsmittel wie in Deutschland gibt. Das war bei uns allerdings nicht der Fall und ist es bis heute nicht. Ich musste jeden Tag um 5:30 Uhr aufstehen, um einen klapprigen Schulbus mit abgefahrenen Reifen und losen Sitzen zu nehmen. Und zurück das Gleiche.

***

Die letzten Tage im Krankenhaus in Berlin waren schrecklich für mich. Am Dienstag wollte der Chefarzt erneut eine Gewebeprobe von meinem linken Arm entnehmen und begründete das damit, »mein Fall sei sehr interessant für ihn.«

Ich fühlte mich ausgenutzt. Die Ärzte hatten noch nie einen Lepra-Fall aus der Nähe erlebt und durch den Kommentar kam es mir vor, als ob sie mich aus akademischem Interesse als Studienobjekt im Krankenhaus behalten wollten. Ich war so niedergeschlagen, dass ich diesem zweiten chirurgischen Eingriff zunächst die Zustimmung verweigerte.

Mein Mann war bei mir und wir sprachen später mit den Ärztinnen. Sie versuchten mich zu überzeugen, dass die zweite Gewebeentnahme als Gegenprobe wichtig sei. Die Probe würden sie an ein Speziallabor in Borstel bei Hamburg schicken.

Meine Nerven lagen blank. Wem konnte ich noch vertrauen? Ich verstand nicht, warum nicht mit der Behandlung begonnen wurde, obwohl die Diagnose vorlag. Die Tage vergingen und die Ausschläge und Schmerzen nahmen zu. Worauf wollte man denn noch warten?

Am Mittwoch wurde dann die zweite Gewebeprobe entnommen. An einer noch sensibleren und schmerzhafteren Stelle als zuvor. Auf dem Zimmer weinte ich so lange vor Schmerzen, bis die Schmerzmittel zu wirken begannen.

Wegen meines seelischen Zustandes versprach man mir, mich am Donnerstag nach Hause zu entlassen. Es wurde vereinbart, das Ergebnis der Biopsie abzuwarten, um die notwendige Behandlung zu bestimmen. Falls ich sehr viele Bakterien im Körper haben sollte, würde ich mehrere Antibiotika einnehmen müssen. Das Ergebnis wurde für die kommende Woche erwartet und bis dahin würde ich zu Hause bleiben dürfen.

Den Schock meines Befundes hatte ich noch nicht verdaut. Innerhalb von drei Tagen hatte ich die fürchterliche Diagnose bekommen, über die zuvor entnommenen Gewebeproben hinaus zwei Eingriffe hinter mich gebracht, die Hautausschläge nahmen zu und meine Gelenke schmerzten. Es reichte! In dieser Nacht dachte ich an alles, was um mich herum geschah, an alles, was noch geschehen würde, an mein ausgesetztes Leben, und ich geriet völlig außer Kontrolle. Ich hatte nicht die leiseste Idee, was mich in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten erwarten würde.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und freute mich darauf, in wenigen Stunden zu Hause zu sein. Doch dann teilten sie mir bei der Arztvisite mit, dass ich am nächsten Tag nach Hamburg müsse. Sie hätten mit dem dortigen Tropeninstitut Kontakt aufgenommen, über die Zunahme der Ausschläge und Schmerzen berichtet und ich müsse mich dort vorstellen. Das brachte für mich das Fass zum Überlaufen. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, wieder zu Hause sein zu können. Und nun sollte ich nach Hamburg. Weit weg von Berlin. In das einzige Krankenhaus in Norddeutschland, das Erfahrung mit Leprafällen hat.

Man gab mir das Versprechen, dort nur die Behandlung zu beginnen und danach wieder nach Hause zu können. Es sollte eine Sache von ein paar Tagen sein. Was mich allerdings auch nicht besonders tröstete.

Es begann eine weitere Phase.

***

Als ich am Freitag, den 3. Februar in Hamburg ankam, hatte ich einen merkwürdigen Dialog mit dem für mich zuständigen Arzt. Ich saß in meinem Krankenzimmer und beantwortete die Fragen eines Assistenzarztes, als die Tür aufging und jemand, ohne einzutreten oder sich vorzustellen, fragte:

»Sie wissen, weshalb Sie hier sind?«

»Ja. Die Ärztin in Berlin sagte mir, dass ich hier nach dem Ergebnis der Biopsie meine Behandlung beginnen werde.«

»Korrekt. Aber Sie wissen, dass das zirka zwei Wochen oder länger dauern kann?«

»Wie bitte? Die Rede war von einigen Tagen.«

»Das ist keine einfache Behandlung, es können Komplikationen auftreten und wir gehen zunächst von zwei Wochen aus. Dann sehen wir weiter.«

Er machte die Tür zu und ging.

Für mich brach wieder einmal die Welt zusammen. Ich war niedergeschlagen durch die Vorstellung, mich weiterhin wochenlang im Krankenhaus quälen zu müssen. Dazu noch in einer anderen Stadt. Also noch einsamer.

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E-Mail an meine Expatriat-Freundinnen

Meine lieben virtuell-realen Freundinnen,

Geht es Euch gut?

Mir geht es so mehr oder weniger. Um nicht zu sagen schlecht. :(

Wie einige von Euch wissen, liege ich seit dem 24. Januar wegen Hautausschlägen auf dem ganzen Körper im Krankenhaus. Was zuerst wie eine Borreliose erschien, stellte sich dann am Montag als Hanseniase heraus. Genau. Ich habe, wie man es in Deutschland nennt, Lepra.

Was schon nicht leicht ist, wurde nun noch problematischer dadurch, dass ich nun auch noch eine Reaktion des Immunsystems und alle Symptome gleichzeitig habe. Jeden Tag treten neue Flecken unterschiedlichster Art auf und ich habe Schmerzen. Das Einzige, was bislang noch nicht passierte, ist, dass die Bakterien die Nerven angegriffen haben, auch wenn schon ein oder zwei Bereiche entzündet sind. Noch habe ich in Händen und Füßen Kraft und Gleichgewicht.

Also, ich versuche diesen Schlag und die Symptome zu verdauen und zu akzeptieren, dass ich ein Jahr oder länger Medikamente mit starken Nebenwirkungen nehmen muss und im Laufe dieser Zeit auch noch mit Reaktionen wie jetzt rechnen muss. Gar nicht zu reden vom bisherigen Leben, das jetzt erst einmal paralysiert ist. Meine große Sorge ist, auch noch das bislang Erreichte zu verlieren.

Es ist nicht einfach für mich. Die Krankenhausumgebung macht mich noch zerbrechlicher. Und um das Maß voll zu machen, wurde ich jetzt noch nach Hamburg verlegt, in ein Tropeninstitut mit Erfahrung in Leprafällen.

Ich schreibe Euch diese Nachricht wegen unserer Beziehung, die wir im Laufe der Zeit aufgebaut haben. Wegen meiner Zuneigung zu Euch. Aber auch wegen meines Bedürfnisses, diesen Moment mit anderen zu teilen. Meine Familie ist weit weg und kann nicht helfen. Meine Mutter reagiert übertrieben verzweifelt, was mich jetzt noch zusätzlich belastet und ich nicht will, dass sie sich noch mehr hineinsteigert. Mein Mann ist ziemlich überlastet durch die Arbeit und seine Kinder, die vor zwei Monaten zu uns gezogen sind und sich gerade in Deutschland einleben. Davon abgesehen ist er auch nicht mehr ein 30jähriger Jüngling voller Energie.

Wenn Ihr mich fragt, wie mich die Krankheit erwischt hat? Ich weiß es nicht. Die Inkubationszeit dauert Jahre. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben Kontakt mit einem Leprakranken gehabt zu haben. Zumal ein sehr enger Kontakt nötig ist, um sich anstecken zu können. Man kriegt keine Lepra wie man sich eine Grippe oder Erkältung einfängt. Noch nicht einmal bei mir besteht eine besondere Ansteckungsgefahr.

Ich habe mich entschieden, die Krankheit nicht in meinem Blog zu erwähnen. Wer weiß, vielleicht kann ich zu einem späteren Zeitpunkt darüber auch zu anderen sprechen, wenn ich sie akzeptiert habe und Teil meines Lebens geworden ist. Aber bis dahin halte ich über E-Mail Kontakt mit Euch.

Ich will aus der Krankheit kein Tabu machen und mir damit ein noch größeres Problem aufhalsen, als es bereits ist. Aber, so lange ich nicht weiß, was noch auf mich zukommen wird, ist es schwer, die Ruhe zu bewahren und mein Gleichgewicht zu finden.

Die Ärzte wollen in Kürze mit der Behandlung beginnen. Ich soll hier in Hamburg so lange im Krankenhaus bleiben, bis sie Gewissheit haben, dass ich keine negativen Reaktionen auf die Medikamente habe. Bis dahin, glaube ich, habe ich genügend Bücher zum Lesen mitgenommen.

Niemand hat gesagt, dass es einfach sei, aber diesmal bin ich wirklich angepisst.

Küsschen!

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Als ich nach Deutschland kam, hatte ich einen Blog über meine Erlebnisse und Erfahrungen in meinem neuen Leben kreiert. Im Laufe der Jahre habe ich dadurch viele nette Brasilianerinnen kennengelernt, die auch im Ausland leben und über die ganze Welt verteilt sind.

12. Tag(4. Februar 2012)

Die Wahrheit ist, dass ich die Krankheit noch nicht akzeptiert habe.