Ausgewählte Briefe, Band 2 - Sophronius Eusebius Hieronmyus - E-Book

Ausgewählte Briefe, Band 2 E-Book

Sophronius Eusebius Hieronmyus

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Beschreibung

Eusebius Sophronius Hieronymus war ein lateinischer Priester, Beichtvater, Theologe und Historiker, der allgemein als Heiliger Hieronymus bekannt ist. Die Liste seiner Schriften ist umfangreich, und neben seinen biblischen Schriften verfasste er auch polemische und historische Abhandlungen, immer aus der Sicht eines Theologen. Hieronymus war bekannt für seine Lehren über das christliche Sittenleben, die vor allem für diejenigen gedacht waren, die in kosmopolitischen Zentren wie Rom lebten. In vielen Fällen richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Leben von Frauen und zeigte auf, wie eine Frau, die sich Jesus hingibt, ihr Leben führen sollte. Dieser Schwerpunkt ergab sich aus seinen engen Beziehungen zu mehreren prominenten weiblichen Asketen, die Mitglieder wohlhabender senatorischer Familien waren. Dank seines Beitrags zum Christentum wird Hieronymus von der katholischen Kirche, der östlich-orthodoxen Kirche, der lutherischen Kirche und der anglikanischen Gemeinschaft als Heiliger und Doktor der Kirche anerkannt. Sein Festtag ist der 30. September. Dieser zweite von zwei Bänden beinhaltet eine Auswahl seiner wichtigsten Briefe.

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Seitenzahl: 673

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Ausgewählte Briefe,Band 2

 

SOPHRONIUS EUSEBIUS HIERONYMUS

 

DIE SCHRIFTEN DER KIRCHENVÄTER

 

 

 

 

 

 

Ausgewählte Briefe 2, Sophronius Eusebius Hieronymus

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783849660482

 

Cover Design: Basierend auf einem Werk von Andreas F. Borchert, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35892522

 

Der Text dieses Werkes wurde der "Bibliothek der Kirchenväter" entnommen, einem Projekt der Universität Fribourg/CH, die diese gemeinfreien Texte der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Die Bibliothek ist zu finden unter http://www.unifr.ch/bkv/index.htm.

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT:

II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe. 2

23. An Marcella: Zum Tode Leas. 2

39. An Paula: Zu Blesillas Tod. 5

60. An Heliodor: Nachruf auf Nepotian. 16

75. An Theodora in Spanien: Zum Tode des Lucinus. 33

76. An Abigaus in Spanien. 38

118. Mahnschreiben an Julian. 40

III.a. Polemisch-apologetische Briefe:  In eigener Sache. 49

15. An Damasus. 49

16. An Damasus. 54

17. An den Presbyter Markus in Chalkis. 56

27. An Marcella. 59

40. An Marcella: Über Onasus. 62

45. An Asella. 65

48 (49). An Pammachius. 70

61. An Vigilantius. 73

81. An Rufin. 79

III.b. Polemisch-apologetische Briefe: Aufforderung zum Kampf gegen eine Irrlehre  82

138. An Riparius. 82

139. An Apronius. 84

151. An Riparius. 85

152. An Riparius. 87

153. An Bonifatius. 88

154. An Donatus. 90

III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt92

41. An Marcella. 92

49 (48). Verteidigungsschrift an Pammachius. 95

62. An Tranquillinus: Über die Art und Weise, Origenes zu lesen.120

126. An Marcellinus und Anapsychia2915123

133. An Ktesiphon. 126

IV.a. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Didaktische Briefe. 143

33. An Paula. 143

37. An Marcella. 148

53. An den Priester Paulinus. 151

57. An Pammachius: Über die beste Art zu übersetzen. 164

70. An Magnus, den Rhetor der Stadt Rom... 179

IV.b. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Exegetische Briefe. 185

21. An Damasus. 185

129. An Dardanus: Das Land der Verheißung. 207

V. Briefe kirchenrechtlichen  und pastoralen Inhaltes. 216

55. An den Priester Amandus. 216

69. An Oceanus. 219

71. An Lucinus aus Baetica3912234

146. An den Presbyter3973 Evangelus. 240

VI. Briefe an Theophilus von Alexandrien. 243

63. Hieronymus an Theophilus. 243

88. Hieronymus an Theophilus. 247

86. Hieronymus an Theophilus. 248

99. Hieronymus an Theophilus. 249

114. Hieronymus an Theophilus. 251

82. Hieronymus an Theophilus. 254

VII. Briefe an Augustinus von Hippo. 265

103. An Augustinus. 265

102. An Augustinus. 267

105. An Augustinus. 271

112. An Augustinus. 276

115. An Augustinus. 295

134. An Augustinus. 297

141. An Augustinus. 300

142. An Augustinus. 301

143. An Alypius und Augustinus. 302

Fußnoten. 304

 

 

Ausgewählte Briefe, Band 2

 

Bibliographische Angaben:

 

Titel Version: Briefe (BKV) Sprache: deutsch Bibliographie: Briefe In: Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte Briefe. (Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte Schriften Bd. 2-3; Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 16 und 18) Kempten; München : J. Kösel : F. Pustet, 1936-1937 Unter der Mitarbeit von: Heiner Bösch.

 

 

 

II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe

 

23. An Marcella: Zum Tode Leas

 

Einleitung

 Lea, eine vornehme Römerin, hatte sich als Witwe der aszetischen Richtung angeschlossen. Sie hatte diese Bewegung dem Ideale um einen wesentlichen Schritt nähergebracht, muß sie doch wohl als die erste Vorsteherin eines Nonnenklosters in Rom angesehen werden. Mit Marcella, der Seele des biblisch-aszetischen Zirkels um Hieronymus, war sie befreundet. Die unerwartete Todeskunde, die Marcella gelegentlich der gemeinschaftlichen Bibellesung erhielt, griff sie so an, daß Hieronymus noch am gleichen Tage ihr ein kurzes Trostschreiben zusandte. In diesem stellt er Leben und Tod Leas dem Schicksal des einige Tage vorher unvermutet verstorbenen designierten Konsuls Vettius Agorius Praetextatus 2126 gegenüber. Da dieser 384 gestorben ist, muß auch der Brief im gleichen Jahre geschrieben sein.  

  

1.

Heute morgen, um die dritte Tagesstunde etwa, hatten wir angefangen, den 72. Psalm, den ersten Psalm des dritten Buches, 2127 zusammen zu lesen. Ich glaubte mich verpflichtet, darauf aufmerksam zu machen, daß seine Überschrift teilweise zum Ende des zweiten Buches gehört, während nur das letzte Stück den Anfang des dritten Buches bildet. Die Worte: „Es endigen die Lieder Davids, des Sohnes Jesses“, 2128 sind der Abschluß des zweiten Buches, während das folgende Buch mit den Worten: „Ein Psalm Asaphs“ 2129 beginnt. Wir waren gerade zu der Stelle gelangt, an welcher der Gerechte spricht: „Ich dachte bei mir selbst: Wenn ich so rede, dann habe ich das Geschlecht deiner Kinder verworfen“, 2130 eine Stelle, die in den lateinischen Handschriften einen anderen Wortlaut hat. Da wurde uns unvermutet die Nachricht hinterbracht, daß unsere fromme und heiligmäßige Lea aus dem Leben geschieden sei. In diesem Augenblicke sah ich Dich so sehr erblassen, daß es mir klar wurde, es gibt nur selten oder nie eine Seele, die ohne Betrübnis sich aus dem zerbrochenen irdischen Gefäße freimacht. Nicht etwa die Unsicherheit über ihr zukünftiges Los war Deines Schmerzes Ursache, sondern es tat Dir leid, daß Du nicht einmal am Begräbnis teilnehmen und ihr damit den letzten traurigen Liebesdienst hattest erweisen können. Mitten in unsere weitere Unterhaltung drang nämlich die Kunde, daß ihre sterblichen Reste bereits nach Ostia überführt worden waren.

  

2.

Fragst Du mich: „Wozu diese Rückerinnerung?“, dann will ich Dich mit des Apostels Worten bescheiden: „Sie ist in jeder Hinsicht überaus nützlich.“ 2131 Zuerst müssen sich alle darüber freuen, daß Lea nach Überwindung des Teufels die sichere Krone erlangt hat. Dann will ich in kurzen Worten einen Überblick über ihr Leben geben. Zuletzt will ich diejenigen, welche sich gegen den Geist der neuen Zeit auflehnen, 2132 darüber belehren, daß der designierte Konsul im Schoße der Hölle begraben liegt. 2133 Wer könnte den Lebenswandel unserer Lea in würdiger Weise verherrlichen? Ihre Hingabe an den Herrn war so vollkommen, daß sie Vorsteherin eines Klosters und Mutter der Jungfrauen wurde. Früher an weichliche Kleidung gewöhnt, hat sie später ihre Glieder im rauhen Büßerhemd kasteit. Ganze Nächte brachte sie im Gebete zu. Ihre Mitschwestern unterwies sie weniger durch Worte als durch ihr gutes Beispiel. Sie, die einstige Herrin über viele, offenbarte solch tiefe Demut, daß man sie für eines Menschen Magd hätte halten mögen. Je weniger man in ihr die Herrin über Menschen vermutete, desto mehr wurde sie zur wahren  Dienerin Christi. Schlicht war ihre Kleidung, einfach ihr Tisch, unauffällig ihre Haartracht. Doch richtete sie es in allem so ein, daß sie keinerlei Aufmerksamkeit auf sich lenkte, um nicht schon in dieser Welt ihren Lohn zu erhalten. 2134

  

3.

Jetzt genießt sie für ihre kurze Lebensmühe die ewige Glückseligkeit. Die Chöre der Engel nehmen sie in Empfang. Sie ruht in Abrahams Schoß, und mit dem armen Lazarus erblickt sie den reichen in Purpur gekleideten Konsul, freilich nicht angetan mit dem Gewande des Triumphators, sondern dem ewigen Verderben geweiht. Sie sieht ihn lechzen nach einem Wassertropfen, gereicht von ihrem kleinen Finger. 2135 Wie doch die Dinge sich ändern! Noch vor wenigen Tagen standen ihm die höchsten Würden in Aussicht. Wie ein Triumphator nach seinem Sieg über die Feinde stieg er hinauf zur Burg des Kapitols. Mit Beifall und Jauchzen überschüttete ihn noch eben das Volk Roms, als die überraschende Nachricht von seinem Tode die ganze Stadt erschreckte. Und jetzt ist er einsam und verlassen, nicht im glänzenden Götterpalaste, 2136 wie seine unglückliche Gattin 2137 sich vortäuscht, sondern in Schmutz und Finsternis. Sie aber, die im Schutz ihres verborgenen Kämmerleins lebte, die arm und abgezehrt schien, die ein Leben führte, das man für töricht hielt, 2138 folgt Christus und spricht: „Alles, was wir gehört haben, das bekamen wir zu sehen in der Stadt unseres Gottes.“ 2139

  

4.

Daher bitte und beschwöre ich Dich unter Tränen und Seufzen: Solange wir auf der irdischen Bahn wandeln, wollen wir nicht zwei Röcke tragen oder uns, um  es anders auszudrücken, mit einem zwiefachen Glauben wappnen. Wir wollen uns nicht beschweren mit den ledernen Schuhen der toten Werke. Die Tasche des Reichtums soll uns nicht zur Erde drücken. Wir wollen uns nicht umschauen nach dem stützenden Stab 2140 des weltlichen Einflusses. Wir wollen uns nicht zwischen Christus und der Welt gleichmäßig aufteilen. Statt der kurzen und hinfälligen Güter soll uns vielmehr ewiges Glück zuteil werden. Während wir täglich, ich meine dem Leibe nach, im voraus sterben, wollen wir nicht leben, als ob wir das übrige ewig besitzen, damit wir einst zum ewigen Leben eingehen können.

 

 

 

 

39. An Paula: Zu Blesillas Tod

 

Einleitung

Wenige Monate, ehe dieser Brief geschrieben wurde, konnte Hieronymus in einem Schreiben an Marcella seiner Freude darüber Ausdruck verleihen, daß Blesilla, der heiligen Paula älteste Tochter, ihr Leben ganz Gott gelobt hatte. 2141 Weitgehende Erwartungen knüpften sich an diese Bekehrung. Aber unvermutet fiel ein rauher Reif in dieses Frühlingshoffen. Vier Monate nach ihrem heiligen Entschlusse raffte ein plötzlicher Tod die von schwerer Krankheit Genesene im Alter von zwanzig Jahren hinweg. Der Schlag traf die Mutter aufs härteste. Ohnmächtig mußte sie aus dem Leichenzuge weggetragen werden; ja, fast sah es aus, als ob das schwere Unglück für Paula zur religiösen Krise werden könnte. Hieronymus, der selbst im Innersten erschüttert war infolge des unerwarteten Todes seiner geistigen Schülerin, suchte die Mutter wieder aufzurichten durch vorliegenden Brief, bei dem man zweifeln kann, ob er mehr Trost- oder Mahnschreiben sein sollte. Die Sprache, die der Tröster führt, ist keineswegs weichlich süß, sondern  stellenweise hart und rauh. An rhetorischer Übertreibung, wie Cavallera meint, 2142 fehlt es gewiß nicht, besonders wenn Hieronymus zum Schlusse verspricht, auf jeder Seite, die er zu schreiben vorhat, der Verstorbenen zu gedenken.

Doch dürfte eine andere Erklärung für sein strenges Verhalten gegenüber der Frau, der er in edler, warmer Freundschaft zugetan war, richtiger sein. Mit dem Tode des Papstes Damasus war der letzte Damm gegen die lauernde Mißgunst hinweggespült, und den schlammigen Fluten des Volkshasses war die Bahn freigemacht. Hieronymus hatte sofort erfaßt, daß der Unwille, welcher nach Blesillas Tod bei den Feinden der aszetischen Kreise sich ungehindert Luft machte, nur durch eine stramme Haltung der fassungslosen Mutter einzudämmen war. Nur dann, wenn Paula sich als christliche Heldin zeigte, war die Krise der aszetischen Bewegung siegreich zu überwinden. Und Paula fand ihr seelisches Gleichgewicht wieder, wie ihre Übersiedlung ins Heilige Land, wo sie ein klösterliches Leben führen wollte, zur Genüge beweist. Immerhin mußten persönliche Opfer gebracht werden. Hieronymus, der einstige Anwärter auf den Stuhl Petri, für den er in weiten Kreisen gegolten hatte, mußte erkennen, daß er in Rom auf einem verlorenen Posten stand. Seine Heimkehr in den Orient war die Folge von Blesillas einer übertriebenen Aszese zugeschriebenem Tode.

Grützmachers vage Datierung (382—385) läßt sich näher bestimmen; 2143 denn Praetextatus, dessen Witwe erwähnt wird, starb 384. 2144 Kurz nach dem Feste Peter und Paul des gleichen Jahres nennt Hieronymus Blesilla bereits eine tiruncula des Gott geweihten Lebens. 2145 Ihr Tod liegt vier Monate später, so daß der Brief frühestens im November des gleichen Jahres geschrieben sein kann. Da die leidenschaftlichen Angriffe auf Hieronymus vor Damasus Tode im Dezember 384 nicht recht wahrscheinlich sind, dürfte dieser Monat oder der Anfang des Jahres 385 in Frage kommen. Cavalleras Einwurf, daß des Damasus Tod hätte erwähnt sein müssen,  falls der Papst nicht mehr unter den Lebenden weilte, ist rein gefühlsmäßig und im Texte des Briefes keineswegs begründet. 2146

  

1.

Wer wird meinem Haupte Wasser, meinen Augen einen Tränenquell geben, damit ich weinen kann — nicht, wie Jeremias sagt, über die Verwundeten meines Volkes, 2147 auch nicht mit Jesus über Jerusalems Unglück. 2148 Nein, ich will weinen über die Heiligkeit, die Barmherzigkeit, die Unschuld, die Keuschheit. Ich will in einer Person, die von uns ging, alle Tugenden in gleichem Maße beweinen, nicht als ob wir um die Dahingeschiedene trauern müßten, sondern weil unser Schmerz gerade dadurch so unerträglich wird, daß wir ausgerechnet sie nicht mehr unter uns sehen dürfen. Wer kann sich trockenen Auges daran erinnern, wie diese junge Frau von zwanzig Jahren das Banner des Kreuzes hochhielt, so daß ihr der Verlust ihrer Jungfräulichkeit schwerer fiel als der ihres Gatten? Wer könnte ohne Schluchzen vorübergehen an der Standhaftigkeit ihres Gebetes, an dem Glanze ihrer Sprache, an der Zähigkeit ihres Gedächtnisses, an der Schärfe ihres Geistes? Hörtest Du sie griechisch sprechen, so hättest Du geschworen, daß sie kein Latein versteht. 2149 Bediente sie sich der Sprache Roms, so verriet ihr Ausdruck auch nicht den geringsten fremden Beigeschmack. Während  der berühmte Origenes, worüber sich ganz Griechenland wundert, in wenigen Monaten Hebräisch lernte, überwand sie in wenigen Tagen die Schwierigkeiten der hebräischen Sprache, so daß sie im Erlernen und Singen der Psalmen mit ihrer Mutter wetteifern konnte. Hinter ihrem schlichten Nonnenkleide versteckte sich nicht, wie es recht häufig der Fall ist, hoffärtige Gesinnung, sondern ihre Demut kam von Herzen. Zwischen ihren jungfräulichen Dienstboten und ihr gab es in der Kleidung keinen anderen Unterschied als höchstens den, daß sie noch bescheidener auftrat. Nach überstandener schwerer Erkrankung war ihr Schritt unsicher, und der zarte Hals konnte das blasse und zitternde Gesicht kaum tragen. Trotzdem hielt sie immer einen Propheten oder das Evangelium in Händen. Meine Augen füllen sich mit Tränen, vor lauter Schluchzen erstickt meine Stimme, und die seelische Erregung vermag nicht, meine stockende Zunge zu lösen. Als die Fieberhitze ihren schwachen Leib ausdörrte und der Kreis der Verwandten das Lager der dem Tode Geweihten umstand, da lautete ihr letzter Wunsch: „Bittet den Herrn Jesus, daß er mir verzeihe, weil ich meinen Entschluß nicht mehr ausführen konnte!“ Beruhige Dich, meine Blesilla, wir leben in fester Zuversicht. Du selbst wirst als wahr erfahren haben, wenn wir sagen: „Eine Bekehrung kommt niemals zu spät.“ 2150 Der Schacher war der erste, bei dem das Wort zu Ehren kam: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ 2151 Nachdem sie die Last des Fleisches abgelegt hatte, die Seele zu ihrem Schöpfer zurückgeflogen und nach langer Wanderung zu ihrer ursprünglichen Heimat zurückgekehrt war, wurde die gebräuchliche Leichenfeier veranstaltet. Die Reihen der Adeligen gingen vorauf, und eine golddurchwirkte Hülle breitete sich über der Bahre aus. Mich deuchte es, als riefe sie vom Himmel herab:  „Dieses Gewand ist nicht das meine; diese Umhüllung gehört mir nicht; solcher Pomp ist mir fremd!“

  

2.

Doch was stelle ich an? Ich will der Mutter Tränen zum Versiegen bringen und weine selbst. Aber ich muß mich zu meinem Gefühl bekennen, dieser ganze Brief wird unter Tränen geschrieben. Jesus weinte ja auch über Lazarus, weil er ihn liebte. 2152 Freilich ist der nicht der beste Tröster, den der eigene Jammer drückt, dessen weiches Herz nur Tränen und kaum Worte findet. Meine Paula, ich rufe Jesus zum Zeugen an, dem Deine Blesilla jetzt folgt; ich rufe die heiligen Engel zu Zeugen an, in deren Gesellschaft sie jetzt weilt, daß ich die gleichen Schmerzen und Qualen erdulde wie Du. War ich ihr doch als ihr geistiger Vater, als ihr Erzieher in Liebe zugetan. Immer wieder sage ich: "Verwünscht sei der Tag, an dem ich geboren wurde!“ 2153 „Wehe mir, o meine Mutter, warum hast du einen Mann zur Welt gebracht, mit dem man hadert und zankt im ganzen Lande?“ 2154 Aber auch der folgenden Stelle gedenke ich immer wieder: „Gerecht bist du, o Herr, gleichwohl muß ich mit Dir rechten: Wie kommt es, daß der Sünder Weg glücklich ist? 2155 Meine Füße wären bald gestrauchelt, als ich den Frieden der Gottlosen sah. Und ich sagte: Weiß Gott darum Bescheid, hat der Allerhöchste Kenntnis von diesen Dingen? Siehe, sie sind Sünder, und doch haben sie Überfluß in der Welt und gelangten zu Reichtum.“ 2156 Und dann gedachte ich wieder jenes anderen Wortes: „Wenn ich so spreche, habe ich das Geschlecht deiner Söhne verworfen.“ 2157 Dringt folgende Gedankenflut nicht auch des öfteren auf meinen Geist ein? Warum genießen greise Bösewichte die Reichtümer dieser Welt? Warum wird die unberührte Jugend und die sündlose Kindheit vorzeitig in der Blüte des Lebens dahingerafft? Warum sind  zwei- und dreijährige Kinder, ja selbst solche, die noch an der Mutterbrust liegen, so oft vom Teufel besessen, mit Aussatz geschlagen und von der Gelbsucht heimgesucht, während im Gegensatze hierzu die Gottlosen, die Ehebrecher, die Mörder und Gottesräuber aus ihrer satten und strotzenden Gesundheit heraus gegen Gott freveln? Dies ist um so erstaunlicher, da die Ungerechtigkeit des Vaters nicht auf den Sohn übergeht, sondern weil die Seele, die gesündigt hat, sterben soll. 2158 Wenn aber der alte Satz noch Geltung hat, wonach der Väter Sünden an den Kindern vergolten werden, 2159 dann wäre es doch wirklich unbillig, die unschuldige Nachkommenschaft die zahllosen Vergehen eines langlebigen Vaters büßen zu lassen. Und ich sprach: „Also war es zwecklos, nach dem Rechten zu trachten und meine Hände in Unschuld zu waschen, wo ich doch den ganzen Tag gezüchtigt wurde.“ 2160 Doch während mich diese Gedanken bewegten, beruhigte mich das Wort des Propheten: „Ich sann nach, um es zu ergründen. Aber für mich war es zu mühsam, in Gottes Heiligtum einzudringen und zu erfassen, welches der Gottlosen Ausgang sei. 2161 Denn Gottes Gerichte sind ein tiefer Abgrund. 2162 O Tiefe der Weisheit, o Reichtum der Erkenntnis Gottes, wie unerforschlich sind seine Gerichte, wie unergründlich seine Wege!“ 2163 Gott ist gut, und alles, was der Gute tut, muß notwendig gut sein. Der Gatte wird mir entrissen. Ich bedauere den Verlust; aber weil es der Wille des Herrn ist, so unterwerfe ich mich, ohne zu murren. Mein einziger Sohn muß sterben. Ein hartes Los, und doch nehme ich es ergeben hin, weil Gott ihn mir genommen, der ihn mir auch geschenkt hat. Werde ich blind, so bleibt mir der Trost, daß ein Freund mir  vorlesen wird. Wenn ich taub werde und meine Ohren den Dienst versagen, werde ich gegen die Sünde gefeit sein und nur an den Herrn denken. Tritt zu alle dem noch hinzu drückende Armut, Kälte, Krankheit und Blöße, dann erwarte ich eben als letzten Ausweg den Tod. Ein Übel, auf das ein besseres Ende folgt, deucht mich kurz. Verweilen wir etwas bei dem Psalme, in dem David seine sittlichen Grundsätze darlegt! Er spricht: „Gerecht bist Du, o Herr, und billig sind Deine Gerichte.“ 2164 So kann nur der sprechen, der allem, was er erduldet, zum Trotz Gott lobpreist und seine Milde bei allen Widerwärtigkeiten, für die er sich selbst verantwortlich macht, rühmt. Es frohlockten nämlich Judas Töchter über alle Gerichte des Herrn. 2165 Wenn das Wort Judäa Lobpreis bedeutet, 2166 wenn ferner jede gläubige Seele Gott lobsingt, so folgt daraus mit Notwendigkeit, daß jeder, der seinen Glauben an Christus bekennt, auch an allen Gerichten Christi seine Freude hat. Bin ich gesund, so danke ich dafür meinem Schöpfer. Bin ich aber krank, ehre ich ebenfalb den Willen des Herrn. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark, und des Geistes Kraft findet in der Schwachheit des Fleisches seine Vollendung. Auch der Apostel muß gegen seinen Willen leiden, und dreimal bittet er den Herrn um Abhilfe. Doch der spricht zu ihm: „Meine Gnade genügt dir.“ 2167 Es wird ihm ein Warner beigegeben, der seinen Stolz niederhalten — war er doch besonderer Offenbarungen teilhaftig geworden — und ihn an die menschliche Gebrechlichkeit erinnern soll. 2168 Es erging ihm ähnlich wie den triumphierenden Feldherrn, hinter denen auf dem Wagen ein Begleiter zu stehen hatte, um ihnen jedesmal, wenn der Beifall der Menge  erbrauste, zu sagen: „Bedenke, daß du nur ein Mensch bist!“ 2169

  

3.

Aber warum trifft es uns denn gar so hart, wenn wir mitunter leiden müssen? Warum tut es uns so wehe, wenn jemand sterben muß? Sind wir denn dazu geboren, ewig hier zu bleiben? Abraham, Moses, Isaias, Petrus, Jakobus, Johannes und Paulus, das Gefäß der Auserwählung, 2170 sind gestorben, ja sogar der Sohn Gottes, und wir sind ungehalten, wenn eine Seele aus dem Körper scheidet, die vielleicht bloß deshalb hinweggenommen wurde, damit die Bosheit nicht ihren Sinn verkehre! Denn seine Seele war Gott wohlgefällig. Deshalb beeilte sich der Herr, ihn aus der ungerechten Umwelt hinwegzunehmen, 2171 damit er nicht auf einem langen Lebenswege von der Richtung abkomme und in die Irre gehe. Dann mag man über einen Toten trauern, wenn er der Hölle verfällt, wenn ihn die Unterwelt verschlingt, wenn ihn die strafenden Flammen in ewiger Glut peinigen. Uns aber, die beim Hinscheiden der Engel Schar begleitet, denen Christus entgegeneilt, sollte es mehr bedrücken, daß wir noch länger in diesem Todeszelte leben müssen. Wandeln wir doch fern vom Herrn, solange wir hier auf Erden leben. 2172 Möge auch uns der Wunsch beseelen: „Wehe mir, weil sich meine Pilgerfahrt verlängert hat! Ich verweilte bei den Bewohnern Cedars. Allzulange wanderte meine Seele umher.“ 2173 Wenn Cedar Finsternis bedeutet 2174 — und diese Welt ist Finsternis; denn das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen 2175 —, dann wollen wir unserer Blesilla Glück wünschen. Wanderte sie ja von der Finsternis zum Lichte, wo sie,  obgleich sie bereits im ersten Eifer der beginnenden Bekehrung von uns ging, dennoch die Krone der Vollendung erlangte. Gewiß, wenn sie ein unvorhergesehener Tod überrascht hätte, als der Hang zur Welt in ihr lebendig war, oder als sie — was Gott bei den Seinen verhüten möge — den Genüssen dieses Lebens nachhing, dann wäre Grund zur Trauer, und der Tränen könnten nicht genug fließen. Jetzt aber hat sie unter Christi gnädigem Beistande vor ungefähr vier Monaten sozusagen in der zweiten Taufe ihres heiligen Entschlusses sich gereinigt und des weiteren so gelebt, daß sie die Welt preisgab und ständig ans Kloster dachte. Fürchtest Du da nicht, daß der Erlöser zu Dir sprechen möchte: „Zürnst Du etwa, o Paula, weil Deine Tochter meine Tochter geworden ist? Bist Du unzufrieden mit meinem Ratschlusse? Verbirgt sich unter Deinen Tränen Deine Empörung und Deine Eifersucht, weil sie jetzt in meinem Besitze ist? Du weißt doch, was ich über Dich und über Deine übrigen Angehörigen denke! Du versagst Dir die Nahrung nicht aus Bußeifer, sondern im Übermaße des Schmerzes. Solche Enthaltsamkeit liebe ich nicht. Wer in dieser Weise fastet, macht sich zu meinem Feinde. Ich nehme keine Seele auf, die sich wider meinen Willen vom Körper trennt. Eine törichte Philosophie mag solche Märtyrer schaffen, einen Zeno, Kleombrotos oder Cato. 2176 Mein Geist läßt sich nur über dem Demütigen, dem Friedfertigen nieder, sowie über dem, der vor meinen Worten erzittert. 2177  Du hast mir ein klösterliches Leben versprochen, Du hast Dich durch Deine Kleidung von den anderen Frauen abgesondert, um ein Leben tieferer Frömmigkeit zu führen. Ist dies etwa die Wirkung Deines Entschlusses? Dieser Geist, welcher trauert, stammt noch von den seidenen Kleidern her. Eines Tages wird Dich der Tod unverhofft wegraffen, und gleich als ob Du meinen Händen entgehen könntest, suchst Du vor dem grausamen Richter zu fliehen. Auch Jonas, der beherzte Prophet, ergriff einst die Flucht, aber selbst in der Tiefe des Meeres war er mein. 2178 Wenn Du glaubtest, daß Deine Tochter lebt, so würdest Du niemals darüber klagen, daß sie in ein besseres Jenseits hinübergegangen ist. Ich habe doch durch meinen Apostel die Anweisung gegeben, daß Ihr nicht nach Art der Heiden über die Entschlafenen trauern sollt. 2179 Schäme Dich, daß eine Heidin über Dir steht! 2180 Des Teufels Magd ist besser als die meine. Sie bildet sich ein, daß ihr ungläubiger Gatte in den Himmel aufgenommen wurde, Du hingegen glaubst nicht, daß Deine Tochter bei mir weilt, oder am Ende wünschst Du es gar nicht einmal.“

  

4.

Du magst einwenden: „Warum lassest du mich nicht trauern? Auch Jakob legte ein Trauerkleid an und beweinte seinen Sohn Joseph. Als alle seine Verwandten zu ihm kamen, wollte er sich nicht trösten lassen, sondern sprach: Trauernd will ich zu meinem Sohne hinabsteigen ins Totenreich. 2181 Auch David trauerte entblößten Hauptes über Absalom und brach immer wieder in die Worte aus: Absalom, mein Sohn, Absalom, mein Sohn, hätte ich doch statt deiner sterben können, o Absalom, mein Sohn! 2182 Auch für Moses und Aaron sowie für andere wurde eine feierliche Trauer veranstaltet.“ 2183 Auf diesen Einwurf ist leicht zu antworten. Jakob trauerte über seinen Sohn, den er für tot hielt, zu dem er  selbst in die Unterwelt hinabsteigen wollte, indem er sprach: „Trauernd will ich hinabsteigen zu meinem Sohn ins Totenreich“, 2184 weil Christus die Pforte zum Paradiese noch nicht geöffnet hatte. Sein Blut hatte noch nicht das flammende und zuckende Schwert der Wache haltenden Cherubim 2185 zum Erlöschen gebracht. Deshalb wird uns auch von Abraham berichtet, daß er mit Lazarus, wenn auch an einem Orte der Erquickung, so doch immerhin in der Unterwelt weilte. 2186 Auch Davids Trauer über seinen Sohn, der den Vater ermorden wollte, war berechtigt. Dagegen weinte er nicht, als er den Tod seines kleinen Sohnes, von dem er wußte, daß er sündlos war, durch seine Bitten nicht abwenden konnte. 2187 Daß man für Moses und Aaron nach alter Sitte eine Trauerfeier anordnete, ist ganz natürlich. Berichtet doch die Apostelgeschichte zu einer Zeit, in der bereits das Evangelium in die Welt hineinleuchtete, daß die Brüder in Jerusalem eine große Trauer für Stephanus ansetzten. 2188 Aber diese Trauer bestand nicht in einer seelischen Zermürbung der Trauernden, sondern man hat darunter das feierliche Begräbnis und eine Bestattung unter reger Teilnahme zu verstehen. In diesem Sinne erzählt auch die Schrift von Jakob: „Und Joseph zog hinauf, um seinen Vater zu begraben. Mit ihm zogen alle Söhne Pharaos und alle Ältesten seines Hauses, alle Vornehmen Ägyptens sowie das ganze Haus Josephs samt seinen Brüdern.“ 2189 Und gleich geht es weiter: „Und mit ihm zogen hinauf Viergespanne und Reiter, und es mußte ein gar großes Lager errichtet werden.“ 2190 Noch etwas später heißt es: „Und sie beklagten ihn in gar großer und heftiger Klage.“ 2191 Diese feierliche Trauer forderte von den Ägyptern keineswegs einen Strom von Tränen, sondern es handelt sich hier nur um eine Schilderung des pompösen Leichenbegängnisses. Damit wird auch klar, in welcher Weise Moses und Aaron  beweint wurden. Ich kann die Geheimnisse der Schrift nicht genügend rühmen und den göttlichen Sinn in den schlichten Worten nicht hinreichend bewundern, wenn ich daran denke, daß Moses beweint wird, während sie erzählt, daß Josue, der Sohn des Nun und ein heiliger Mann, bestattet wurde, ohne daß einer Trauer Erwähnung geschieht. 2192 Damit wird nämlich angedeutet, daß unter Moses, d.h. unter dem alten Gesetz, alle dem Fluche der Sünde unterworfen waren und ganz natürlich ihnen auch die Tränen in die Unterwelt nachfolgten gemäß dem Ausspruche des Apostels: „Und es herrschte der Tod von Adam bis Moses auch über die, welche nicht sündigten.“ 2193 Unter Jesus aber, der das Paradies eröffnete, d.h. im Zeitalter des Evangeliums, folgt auf den Tod die Seligkeit. 2194 Nur die Juden weinen bis heute und gehen barfuß, wälzen sich in Asche und legen sich auf eine härene Decke. Damit ihr Aberglaube sich in seiner ganzen Albernheit bloßlege, nehmen sie nach einem törichten Brauch der Pharisäer zuerst ein Linsenmus zu sich, offenbar um dadurch anzudeuten, wie sie durch ein ähnliches Gericht ihrer Erstgeburt verlustig gingen. 2195 Sie trauern mit Recht, weil sie nicht auf die Auferstehung des Herrn hoffen, sondern dem Antichrist bei seiner Ankunft überantwortet werden. Wir aber, die wir Christus angezogen haben und nach dem Apostel ein königliches und priesterliches Geschlecht geworden sind, sollen uns nicht wegen der Toten betrüben. 2196 Es heißt in der Schrift: „Und es sprach Moses zu Aaron und zu dessen Söhnen Eleazar und Ithamar, die ihm geblieben waren: Euer Haupt sollt ihr nicht entblößen und euere Kleider nicht zerreißen, damit ihr nicht sterbet und mein Zorn nicht über die ganze Gemeinde  komme.“ 2197 Wollet, heißt es also, nicht eure Kleider zerreißen und trauern nach Art der Heiden, damit ihr nicht sterbet! Unser Tod ist die Sünde. Im gleichen Buche Leviticus lesen wir — es mag dem einen oder anderen vielleicht hart vorkommen, aber dem Gläubigen erscheint es notwendig —, wie dem Hohenpriester untersagt wird, hinzuzutreten zu der Leiche seines Vaters, seiner Mutter und seiner Kinder. 2198 Seine Seele, die nur auf den göttlichen Opferdienst eingestellt sein und ganz in diesem Amte aufgehen sollte, durfte durch keine irdische Anhänglichkeit gehemmt werden. Verlangt nicht das Evangelium, nur mit anderen Worten, dasselbe, wenn es vorschreibt, daß der Jünger seiner Familie entsage, oder verbietet, den toten Vater zu begraben? 2199 „Und aus dem Heiligtume“, so steht geschrieben, „soll er nicht hinausgehen, und das Haus seines Gottes soll nicht befleckt werden, weil das heilige öl der Salbung seines Gottes auf ihm ist.“ 2200 Gewiß tragen wir Christus in uns, seitdem wir an ihn glauben und das öl seiner Salbung empfangen haben. Nun aber dürfen wir nicht aus dem Tempel hinausgehen, den einmal erwählten heiligen Beruf nicht preisgeben. Wir dürfen nicht hinausgehen und eins werden mit der ungläubigen Heidenwelt, sondern wir müssen stets im Innern bleiben, mit anderen Worten, dem Willen Gottes dienen.

  

5.

Dieses alles habe ich angeführt, damit die Unkenntnis der Heiligen Schrift Dir nicht einen Schein von Recht zur Trauer gebe und Deinen Irrtum entschuldige. Bisher habe ich zu Dir gesprochen, als ob ich eine Christin schlechthin vor mir hätte. Nun aber weiß ich, daß Du der ganzen Welt entsagt hast, daß Du auf ihre Freuden verzichtest und geringschätzig herabblickst. Dagegen widmest Du Dich Tag um Tag dem Gebete, dem Fasten, der geistlichen Lesung. Nach  dem Beispiel Abrahams willst Du wegziehen aus Deinem Lande und aus Deiner Verwandtschaft. 2201 Du willst Chaldäa und Mesopotamien verlassen, um einzuwandern ins Land der Verheißung. Dein ganzes Vermögen hast Du an die Armen verschenkt oder Du hast es, weil der Welt abgestorben, bereits vor Deinem Tode Deinen Kindern abgetreten. Da muß ich mich allerdings wundern, daß Du auf eine Art handelst, daß jede andere, die so handelte, Tadel verdiente. Du erinnerst Dich an die Unterhaltung mit Blesilla, an ihr liebes Wesen, ihre Art zu sprechen, ihre Gesellschaft, und kannst nicht ertragen, daß Du dies alles entbehren sollst. Wir verzeihen der Mutter die Tränen, aber Maß soll sie halten in ihrem Schmerze. Wenn ich daran denke, daß Du die Mutter bist, so tadle ich Deine Trauer nicht. Wenn ich mir aber vorstelle, daß Du eine Christin, eine christliche Nonne bist, dann wird dadurch das mütterliche Gefühl ausgeschaltet. Noch zu neu ist die Wunde, Rührt man daran, und wenn es noch so zart geschieht, so heilt sie nicht zu, sondern reißt wieder von neuem auf. Aber warum soll nicht schon vernünftige Erwägung eines Zustandes Herr werden, den schließlich die Zeit mildern muß? Als Noemi vor dem Hunger ins Land Moab floh, verlor sie ihren Mann und ihre Söhne. Und als sie der Hilfe der Ihrigen entbehren mußte, da wich die fremde Ruth nicht von ihrer Seite. 2202 Siehe, wie verdienstlich es ist, einer Verlassenen Trost zu spenden; denn sie wurde zur Stammutter Christi erhoben. 2203 Betrachte, wie sehr Job heimgesucht wurde! Dann wirst Du erkennen, wie überempfindlich Du bist, während er den Blick aufwärts zum Himmel richtete trotz des Unterganges seines Hauses, trotz der Qualen des Aussatzes, trotz des Verlustes seiner vielen Kinder und zuletzt auch trotz der hinterhältigen Spöttereien seines Weibes. 2204 Unbesiegt blieb seine Geduld. Ich weiß, was  Du mir antworten wirst: „Ihm ist dies alles widerfahren, um ihn, den Gerechten, in der Tugend zu prüfen.“ Auch Du hast die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder Du bist heilig, dann bewähre auch Du Dich! Oder Du bist eine Sünderin, dann hast Du kein Recht zur Klage; denn was Du leidest, ist geringer als das, was Du zu leiden verdienst. Aber wozu halte ich mich mit Beispielen aus alten Zeiten auf? Richte Dich nach den Vorbildern unserer Tage! Die heilige Melania, 2205 unter den Christen unserer Zeit eine wahrhaft edle Frau, deren Los der Herr Dich und mich am Tage seines Gerichtes teilen lassen möge, hat, als der Leichnam ihres Mannes noch nicht erkaltet und noch unbestattet war, zwei Söhne auf einmal verloren. Was ich jetzt sage, klingt unglaublich; aber Christus ist mein Zeuge, daß ich die reine Wahrheit rede. Wer hätte nicht erwartet, daß sie wie wahnsinnig, mit aufgelösten Haaren und zerrissenen Kleidern ihre wunde Brust zerfleischen würde? Aber keine Träne perlte. Sie blieb unerschüttert und warf sich zu den Füßen Jesu Christi nieder. Wie wenn sie ihn in den Armen hielt, lächelte sie ihn an und sprach: „Jetzt, o Herr, bin ich noch mehr frei geworden, um Dir dienen zu können, nachdem Du mir diese große Last abgenommen hast.“ Aber ihre übrigen Kinder haben vielleicht ihren Entschluß zu Fall gebracht? Keineswegs. Wie ernst sie es meinte, wie wenig Rücksicht sie nahm, das zeigt ihr Verhalten gegenüber dem einzigen Sohn, der ihr geblieben war. Sie übergab ihm ihr gesamtes Vermögen und schiffte sich trotz des beginnenden Winters zur Reise nach Jerusalem ein.

  

6.

Schone Dich also, ich bitte Dich! Schone Deine Tochter, die bereits mit Christus herrscht! Schone wenigstens Deine Eustochium, deren große Jugend und zarte Kindheit Deiner besonderen Leitung bedarf! Jetzt wütet der Teufel. Er sieht, wie eines Deiner Kinder  triumphiert, und ärgert sich über seine Niederlage. Mit um so größerem Eifer ringt er um den Sieg über die zurückgebliebene Tochter, nachdem die dahingegangene nicht seine Beute werden konnte. Allzu große Anhänglichkeit an die Seinigen kann zur Pflichtverletzung gegen Gott werden. Abraham tötet freudigen Herzens seinen einzigen Sohn, 2206 und Du beklagst Dich, daß ein Kind aus Deiner großen Kinderschar die Krone erlangt hat? Ich kann nicht, ohne zu seufzen, aussprechen, was ich jetzt sagen will. Als man Dich ohnmächtig mitten aus dem feierlichen Leichenbegängnis hinwegtrug, da fing die Menge an zu raunen: „Haben wir es nicht oft genug gesagt, daß es so kommen wird? Sie weint um ihre Tochter, die ein Opfer des Fastens geworden ist. Sie ist untröstlich, daß sie nicht wenigstens aus deren zweiter Ehe Enkel zu sehen bekam. Wie lange mag es noch anstehen, bis man das abscheuliche Geschlecht der Mönche aus der Stadt vertreibt, mit Steinen zu Tode wirft oder in das Wasser stürzt? Sie haben die arme Frau verführt; denn jetzt zeigt es sich, daß sie keine Nonne sein wollte. Hat doch niemals eine heidnische Mutter so wie sie ihre Kinder beweint.“ Wie mögen solche Worte Christus betrübt haben! Aber welch ein Triumph für Satan, der sich beeilt, jetzt Dir das Leben zu entreißen, indem er Dir vorgaukelt, daß Dein Schmerz Gott wohlgefällig sei! Während das Bild der Tochter ständig vor Deinen Augen weilt, will er zugleich der Siegerin Mutter töten und Macht gewinnen über die einsam zurückgebliebene Schwester. Ich rede nicht, um Dich zu erschrecken; vielmehr ist Gott mein Zeuge, daß meine Worte so lauten, wie wenn ich vor Gottes Richterstuhl stände. Solche Tränen, die kein Maß kennen, die an die Pforte des Todes führen, sind verabscheuungswürdig; denn durch sie wird Gott gelästert und der Glaube völlig verleugnet. Du heulst und jammerst, und von einem inneren Brande verzehrt, tust Du fortgesetzt  alles, was nur in Deinen Kräften liegt, um Dein eigener Mörder zu werden. Aber da kommt in seiner Milde der Heiland zu Dir und spricht: „Was weinst Du? Das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft.“ Mögen die Umstehenden lachen, 2207 das ist jüdischer Unglaube. Auch Dich werden die Engel, wenn Du Dich am Grabe in maßlosem Schmerze windest, schelten und sagen: „Was suchst Du die Lebende unter den Toten?“ 2208 Das tat ja auch Maria Magdalena. Dafür mußte sie, als sie den Herrn an der Stimme erkannte und seine Füße umfassen wollte, die Warnung hinnehmen: „Rühre mich nicht an; denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgefahren.“ 2209 Das will sagen: „Du verdienst es nicht, den Auferstandenen zu berühren, den Du noch immer tot im Grabe wähnst.“

  

7.

Denkst Du gar nicht daran, welche Peinen Blesilla aussteht, welche Qual es für sie ist, sehen zu müssen, wie Christus Dir zürnt? Sie ruft Dir jetzt in Deiner Trauer zu: „Wenn Du mich jemals geliebt hast, Mutter, wenn Deine Brüste mich je genährt, Deine Ermahnungen mich je unterwiesen haben, dann mißgönne mir nicht meine Herrlichkeit! Tue dies nicht, sonst werden wir für alle Ewigkeit voneinander getrennt bleiben müssen. Glaubst Du denn, daß ich allein bin? Deine Stelle vertritt Maria, die Mutter des Herrn. Viele Genossinnen sehe ich hier, die ich früher nicht kannte. Um wie vieles besser ist solch eine Gesellschaft! Ich bin zusammen mit Anna, der Prophetin aus dem Evangelium, und es wird Dir besondere Freude bereiten, daß ich in drei Monaten erreicht habe, was sie die Anstrengung vieler Jahre kostete. 2210 Wir haben den gleichen Siegespreis der Keuschheit erhalten. Bemitleidest Du mich etwa, weil ich die Welt verlassen habe? Im Gegenteil, ich muß Euch Eures Geschickes wegen bedauern. Ihr seid noch eingeschlossen im Kerker der Welt, Ihr steht täglich im harten  Kampfe. Bald ziehen Euch Zorn oder Habsucht, Wollust oder der Reiz anderer Laster hinab ins Verderben. Willst Du meine Mutter sein, dann suche Christus zu gefallen! Aber ich erkenne keine Frau als Mutter an, die meinem Herrn mißfällt.“ Noch manches hat sie Dir zu sagen, was ich verschweige. Sie bittet für Dich bei Gott und erfleht auch mir, was ich bei ihrer Gesinnung mit Sicherheit erwarten darf, Verzeihung meiner Sünden; denn ich habe sie ermahnt und zum Guten angehalten; ja selbst den Zorn der Verwandten habe ich auf mich geladen, damit sie gerettet würde.

  

8.

Deshalb gelobe, verspreche und versichere ich: „Solange der Geist noch diese meine Glieder regiert, 2211 solange ich mich noch des Lebens erfreue, wird meine Zunge ihr Lob verkünden, werde ich ihr meine Arbeiten widmen, wird mein Können in ihrem Dienste stehen. Keine Seite werde ich schreiben, die nicht Blesillas Namen enthält.“ Wohin immer die Denkmale meines Geistes gelangen, dorthin wird auch sie mit meinen Werken wandern. Die Jungfrauen, Witwen, Mönche und Priester werden lesen, daß das Andenken an sie in meinem Geiste fest verankert ist. Ein ewiges Gedenken wird der Ausgleich für ihr kurzes Leben sein. Mit Christus weilt sie im Himmel, aber auch in der Menschen Mund wird sie weiterleben. Unsere Zeit wird vergehen, andere Jahrhunderte werden nachher kommen. Deren Urteil, das nicht Parteilichkeit und auch nicht Mißgunst trübt, wird lauten: „Ihr Name wird in der Mitte stehen zwischen den Namen Paula und Eustochium.“ In meinen Schriften wird sie nicht sterben. 2212 Sie wird hören, wie ich immer über sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester sprechen werde.

 

 

 

 

60. An Heliodor: Nachruf auf Nepotian

 

Einleitung

Zu Altinum bei Aquileja lebten zwei Männer, die sich in herzlicher Liebe zugetan waren, Heliodor und Nepotian, Oheim und Neffe, Bischof und Priester. Beider Leben ging auf im Dienste Gottes, beide hätten beinahe das Mönchsgewand genommen, und nur ihre gegenseitige Zuneigung hinderte sie an der Verwirklichung ihres aszetischen Ideals. Beiden Männern war auch das enge freundschaftliche Verhältnis zu unserem Einsiedler von Bethlehem gemeinsam. Auf Bitten des Neffen hatte Hieronymus im Jahre 394 diesem ein wunderschönes, inhaltvolles und glänzend geschriebenes Büchlein übersandt, einen Leitfaden des priesterlichen Lebens. 2213 Doch kaum ein Jahr später greift der unerbittliche Tod mit rauher Hand ein, und ein hitziges Fieber beraubt die Greise ihres jugendlichen Freundes. Da wendet sich der wegen seines vielfach harten Tones und seines oft scharfen Tadels so häufig bis in die neueste Zeit angegriffene Kirchenvater in einem Trostschreiben an den einsam zurückgebliebenen Freund, das uns nicht nur durch seinen kunstvollen Aufbau besticht, sondern uns auch dartut, daß unter der rauhen Schale ein warmes, mitfühlendes, von Liebe zeugendes Herz schlug. In einleitenden Ausführungen hören wir, wie Christus dem Tode seinen Stachel genommen hat. Männer des Heidentums werden uns vorgeführt, welche starken Geistes den Tod lieber Anverwandter hingenommen haben. Der Christ soll sich von ihnen, mag er auch der Trauer den erlaubten Tribut zollen, nicht beschämen lassen, bietet doch das Evangelium viel kräftigeren Trost als die heidnische Philosophie. Es folgt dann ein herrliches Lebens- und Charakterbild des idealen jungen Priesters. Heliodor wird ermahnt, im Schmerze Maß zu üben, soll er doch gerade als Bischof in allen Lebenslagen allen Vorbild sein. Noch ein Trostgrund folgt zum Schlüsse, und damit geht Hieronymus vom Einzelschicksal zum allgemeingültigen Gesetz  des Werdens und Vergehens in der Geschichte über: Nepotian ist glücklich zu preisen, daß er den Vollzug dieses Gesetzes am römischen Reich nicht mehr zu er leben braucht, dessen Verfall und sich anbahnender Untergang in einem grandiosen Gemälde uns vor Augen geführt wird. Der weltabgeschiedene Eremit war auch in der Einsamkeit zu Bethlehem Patriot und Römer geblieben.

Geschrieben ist der vorliegende Brief im Sommer 396, ein Jahr nach dem geschilderten Hunneneinfalt. 2214 Dieser aber ging im Jahre 395 auf Veranlassung des ehemaligen Praefectus Praetorio Rufin aus Konstantinopel vor sich, der nach seinem Sturze aus Rache die Hunnen ins Land gerufen hatte.

  

1.

Einen erhabenen Stoff zu bewältigen, fällt kleinen Geistern schwer, und mancher, der sich über seine Kräfte hinaus versuchte, hat kläglich versagt. Je größer die zu lösende Aufgabe ist, desto leichter wird der vom Stoffe erdrückt, dem es an der Fähigkeit mangelt, den sprachlichen Ausdruck der Erhabenheit des Gegenstandes anzugleichen. Mein Nepotian, Dein oder besser unser Nepotian, noch genauer Christi Nepotian und deshalb in höherem Sinne unser Nepotian ist von uns Greisen geschieden. Mit der Sehnsucht spitzem Pfeil hat er uns verwundet, unerträgliches Leid hat er uns zugefügt. Der unser Erbe sein sollte, den haben wir begraben. Für wen soll sich mein Geist jetzt noch plagen? Wem sollen meine armseligen Brieflein noch zu gefallen streben? Wo ist er, der mich immer drängte 2215 mit einer Stimme lieblicher als Schwanengesang? 2216 Mein Verstand steht still, meine Hand zittert, meine Augen werden dunkel, meine Zunge stammelt. Was ich zu sagen habe, scheinen mir leere Worte; denn er vernimmt sie nicht  mehr. Es ist, als ob der Griffel mitfühlte und die Wachstafel Trauer trüge; denn beide sind mit Rost und Schimmel überzogen. Sooft ich mich bemühe, meine Gedanken in Worte zu kleiden und auf seinen Grabhügel die Blumen dieser Erinnerungsworte hinzustreuen, füllen sich meine Augen immer wieder von neuem mit Tränen; mein Schmerz lebt wieder auf, und ich komme mir vor, wie wenn ich gerade an seinem Begräbnisse teilnähme. Früher war es Sitte, daß die Kinder in Gegenwart des Leichnams in öffentlicher Versammlung von der Rednerbühne herab des Verstorbenen in einer lobenden Ansprache gedachten, um so die Herzen der Anwesenden wie durch ein Klagelied zu Tränen zu rühren. 2217 Aber der gewöhnliche Lauf der Dinge hat sich geändert, und zu unserem Unglück hat die Natur ihr Recht, preisgegeben. Die Liebespflicht, die der Jüngling an den Greisen hätte erfüllen sollen, müssen wir Greise jetzt dem Jünglinge gegenüber üben.

  

2.

Was soll ich also tun? Soll ich mit Dir weinen? Dem steht der Apostel entgegen, der die verstorbenen Christen Schlafende nennt. 2218 Auch der Herr sagt im Evangelium: „Das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft.“ 2219 Lazarus wurde wieder erweckt, weil sein Tod nur ein Schlaf war. 2220 Soll ich mich freuen und frohlocken, weil er hinweggenommen wurde, damit nicht Bosheit seinen Sinn ändere, weil seine Seele dem Herrn wohlgefiel? 2221 Aber obwohl ich es nicht will und mich dagegen sträube, rollen Tränen über meine Wangen, und allen Ermahnungen zur Tugend trotzend, ungeachtet meiner Hoffnung auf die Auferstehung, drängt das Gefühl der Sehnsucht meinen gläubigen Sinn immer wieder zurück, O grausiger, o harter Tod, der du Brüder trennst und, die in Liebe einander verbunden sind, auseinanderreißest! Der Herr ließ aus der Wüste einen heißen Wind  heraufkommen, der deine Adern austrocknete und deinen Lebensquell zum Versiegen brachte. 2222 Du, o Tod, hast den Jonas verschlungen, aber er blieb in deinem Schoße lebendig. Du hast ihn getragen wie einen Toten, damit der Sturm der Welt sich beruhige und unser Ninive auf seine mahnenden Worte hin Rettung finde. 2223 Aber er hat dich besiegt, er hat dich erdrosselt, der flüchtige Prophet, der sein Heim und sein Erbgut verlassen hat, der seine liebe Seele den Händen seiner Verfolger preisgab. 2224 Christus hat dir einst durch den Propheten Osee mit strengen Worten gedroht: „O Tod, ich werde dein Tod sein, o Hölle, ich werde dein Biß sein.“ 2225 Du bist durch seinen Tod gestorben, wir aber leben durch seinen Tod. Du hast ihn verschlungen und bist dann von ihm verschlungen worden. Du warst gierig nach der Lockspeise des angenommenen Leibes und glaubtest ihn als sichere Beute deiner gefräßigen Kehle zuzuführen, aber da faßte dich der Angelhaken und zerriß dir die Eingeweide.

  

3.

Dir, unserm Erlöser Christus, wissen wir, Deine Geschöpfe, Dank dafür, daß Du diesen unseren starken Gegner durch Deinen Tod vernichtet hast. Gab es denn vor Deiner Ankunft etwas Unglücklicheres als den Menschen, der, vom Schrecken über den ewigen Tod gelähmt, kein anderes Lebensziel zu haben schien, als zugrunde zu gehen? Von Adam bis auf Moses herrschte der Tod auch über die, welche nicht durch eine ähnliche Übertretung wie Adam gesündigt hatten. 2226 Wenn schon ein Abraham, Isaak und Jakob in die Unterwelt hinabgestiegen sind, wer kam denn dann noch ins Himmelreich? Wenn schon Deine Freunde in Adams Sünde und Strafe hineingezogen wurden, wenn jene, die nicht gesündigt hatten, um fremder Sünden willen als schuldig eingekerkert wurden, wie mag es erst denen ergangen  sein, die in ihrem Herzen sprachen: „Es gibt keinen Gott“, deren Gesinnung verdorben und des Abscheus würdig war, 2227 die abgewichen und unnütz geworden sind und samt und sonders nichts Gutes aufzuweisen hatten? 2228 Man könnte einwenden: „Wenn wir den Lazarus im Schöße Abrahams, also an einer Stätte der Erquickung, sehen, 2229 folgt etwa daraus, daß Unterwelt und Himmel dasselbe sind?“ Vor Christus war Abraham in der Unterwelt, nach Christus war der reuige Schacher im Paradiese. 2230 Deshalb standen bei Christi Auferstehung die Leiber vieler Schlafenden mit auf und zogen ein ins himmlische Jerusalem. 2231 Da erfüllte sich das Wort: „Stehe auf, du Schlafender, erhebe dich, und der Herr wird dich erleuchten.“ 2232 Johannes predigt in der Wüste: „Tuet Buße; denn das Himmelreich hat sich genaht! Von den Tagen Johannes des Täufers an leidet das Himmelreich Gewalt, und nur die Gewalt anwenden, reißen es an sich.“ 2233 Das Flammenschwert, der Hüter des Paradieses, ist durch Christi Blut ausgelöscht worden; er hat die Pforten, welche die Wache stehenden Cherubim verschlossen hielten, 2234 wieder geöffnet. Es ist ja auch weiter nicht erstaunlich, daß man uns dies für den Tag unserer Auferstehung verspricht; denn wir alle, die wir zwar im Fleische, aber nicht nach dem Fleische leben, 2235 haben Bürgerrecht im Himmel. 2236 Gilt ja selbst für die noch auf Erden Wallenden das Wort: „Gottes Reich ist in euch.“ 2237

  

4.

Bedenke ferner, daß Gott vor Christi Auferstehung nur in Judäa gekannt, sein Name nur in Israel groß war. 2238 Und die ihn kannten, zog es doch in die Unterwelt hinab. Wo waren aber die Menschen des ganzen Erdkreises von Indien bis Britannien, von der kalten Zone des Nordens bis zu den heißen Ländern des Atlantischen Ozeans? Wo waren die unzählbaren Völker, wo war die Menge  all dieser Nationen, die nicht nur der Sprache nach, sondern auch in Tracht und Bewaffnung sich unterschieden? 2239 Wie Fische und Heuschrecken, wie Mücken und Schnaken wurden sie zermalmt; denn ohne Erkenntnis seines Schöpfers erhebt sich der Mensch nicht über das Tier. Jetzt verkünden Wort und Schrift in allen Sprachen das Leiden und die Auferstehung Christi. Ich will gar nicht reden von den Juden, Griechen und Lateinern, die der Herr bereits durch die Aufschrift am Kreuze zu seinem Glauben geweiht hat. 2240 Über die Unsterblichkeit der Seele und ihre Fortdauer nach der Auflösung des Leibes, die Pythagoras 2241 verzerrte, Demokrit leugnete, 2242 der zum Tode verurteilte Sokrates zu seiner eigenen Beruhigung im Kerker zum Gegenstande der Unterhaltung machte, 2243 philosophieren jetzt Inder und Perser, Goten und Ägypter. Die wilden Bessen 2244 und die große Zahl der mit Tierfellen bekleideten Völker, die einst bei ihren Totenopfern Menschen schlachteten, haben ihre rohe Sprache umgebrochen und zum Preisgesang auf das Kreuz veredelt. In der ganzen Welt gilt jetzt nur ein Wort: Christus.

  

5.

Doch, was mache ich? Was will ich? Was fasse ich zuerst an? Worüber schweige ich? Sind mir denn alle Gesetze der Rhetorik entfallen? Kann ich denn vor lauter Trauer, Tränen und Jammern keine Ordnung mehr in meine Worte bringen? Was ist denn aus der mir von Jugend auf so vertrauten Beschäftigung mit der Wissenschaft geworden? Habe ich den immer und immer wieder  zitierten Ausspruch des Anaxagoras 2245 und des Telamon: 2246 „Ich wußte, daß ich einen Sterblichen gezeugt habe“, 2247 ganz vergessen? Ich habe mich mit Krantor beschäftigt, bei dem selbst Cicero Trost in seinem Schmerze sucht. 2248 Ich habe die Werke eines Plato, 2249 Diogenes, 2250 Kleitomachus, 2251 Karneades 2252 und Poseidonius 2253 durchgelesen, aus denen man Linderung im Leide schöpfen sollte. Sie haben zu den verschiedensten Zeiten in Büchern und Briefen mancher Leute Leid zu lindern versucht, so daß ich meinen vertrockneten Geist aus ihren Quellen wieder auffrischen könnte. Unter den vielen, von denen  sie berichten, seien besonders Perikles und Xenophon, des Sokrates Schüler, erwähnt. Der eine sprach mit einem Kranze geschmückt in der Volksversammlung, obwohl er eben erst zwei Söhne verloren hatte; 2254 der andere soll im Begriffe zu opfern den Kranz abgelegt haben, als er den Soldatentod seines Sohnes erfuhr, um ihn gleich wieder aufzusetzen, als er hörte, daß dieser als tapferer Kämpfer gefallen war. 2255 Was soll ich die römischen Führer aufzählen, deren Heldentaten Sternen gleich in der lateinischen Geschichte aufleuchten? Als man dem Pulvillus, wie er das Kapitol einweihte, den Tod seines Sohnes meldete, ordnete er sofort an, die Bestattung ohne ihn vorzunehmen. 2256 Lucius Paullus mußte innerhalb einer Woche zwei Söhne begraben und zog trotzdem in der Zwischenzeit als Triumphator in die Stadt ein. 2257 Nur flüchtig erwähne ich einen Maximus, Cato, Gallus, Piso, Brutus, Scävola, Metellus, Scaurus, Marius, Crassus, Marcellus und Aufidius, die im Leid nicht mindere Helden als im Kriege waren. Wie sie ihre Kinder verloren, hat Cicero in seinem Trostbuch geschildert. 2258 Doch ich möchte mich nicht dem Vorwurfe aussetzen, aus dem Heidentum Beispiele anzuführen, während ich die christlichen Vorbilder übergehe. Immerhin darf ich zu unserer Beschämung kurz auf diese Beispiele hinweisen, falls unser Glaube die heldenmütige Auffassung nicht wachrufen sollte, deren der Unglaube fähig war.

  

6.

Ich komme also jetzt zu unserem Schrifttum. Ich werde nicht mit Jakob und David die Söhne beweinen, 2259 die unter der Geltung des Gesetzes gestorben sind; vielmehr  will ich jene nennen, welche mit Christus im Evangelium auferstehen. Was für die Juden Gegenstand der Trauer war, ist für die Christen ein Grund zur Freude. Bis zum Abend währt die Klage, und am Morgen herrscht wieder Freude. Die Nacht ist vorübergegangen, und der Tag ist wieder angebrochen. 2260 Daher wurde Moses bei seinem Tod vom Volke beweint, 2261 während Josue ohne Gepränge und Klagefeier auf dem Berge bestattet wird. 2262 Was sich aus der Hl. Schrift zum Troste bei einem Trauerfall anführen läßt, das habe ich in meinem Trostbriefe an Paula zu Rom kurz zusammengestellt. 2263 Jetzt muß ich auf anderem Wege zum gleichen Ziele kommen, damit es nicht so aussieht, als bewege ich mich auf ausgetretenen und längst abgenützten Pfaden.

  

7.

Wir sind zwar überzeugt, daß unser Nepotian bei Christus ist, beigesellt den Chören der Heiligen. Was er zusammen mit uns von der fernen Erde aus als begehrenswertes Ziel erstrebte, das schaut er jetzt von Angesicht zu Angesicht. Wir hören ihn sprechen: „Wie wir es gehört haben, so sehen wir es jetzt in der Stadt des Herrn der Heerscharen, in der Stadt unseres Gottes.“ 2264 Aber wir vergehen, wo er fern von uns weilt, in Sehnsucht nach ihm. Wir bedauern nicht die Veränderung, die mit ihm vor sich gegangen ist, wohl aber uns in unserer neuen Lage. Je glücklicher er ist, desto größer ist unser Schmerz, weil wir seiner lieben Gegenwart entbehren müssen. Auch des Lazarus Schwestern beweinten ihren Bruder, obgleich sie wußten, daß er wieder auferstehen werde. Sogar Christus offenbarte sein menschliches Empfinden und weinte über ihn, den er auferwecken wollte. 2265 Auch sein Apostel, der sprach: „Ich wünsche aufgelöst zu werden, um bei Christus zu sein; mir ist Christus Leben und Sterben ein Gewinn“, 2266 sagt Dank,  weil ihm Epaphras am Rande des Grabes wiedergeschenkt wurde, damit er nicht Leid über Leid hätte. 2267 Er freut sich nicht aus der dem Unglauben innewohnenden Furcht heraus, sondern aus liebevoller Sehnsucht. Wieviel mehr magst Du, der Oheim und Bischof, also sozusagen der Vater dem Fleische und dem Geiste nach, Dich nach ihm sehnen, der ein Stück Deines Herzens war, darüber wehklagen, daß er von Deiner Seite gerissen wurde! Doch beherrsche Deinen Schmerz und denke an das Wort: „Alles mit Maß!“ 2268 Vergiß Dein Leid für kurze Zeit und vernimm das Lob Nepotians, an dessen Tugend Du Dich immer erbaut hast! Trauere nicht über seinen Verlust, sondern freue Dich darüber, daß er einmal Dir gehört hat! Wie die Geographen auf einer kleinen Karte die Lage ganzer Länder hinzeichnen, so will ich in dieser kleinen Schrift Dich seine Tugenden schauen lassen, nur kurz umrissen, nicht in ausführlicher Darstellung. Nimm meinen guten Willen hin als Ersatz für das unzulängliche Werk!

  

8.

Es ist ein Gesetz der Rhetorik, daß man, wenn man jemanden loben will, ausführlich auf seine Vorfahren und deren erhabene Taten eingeht, um dann allmählich zu ihm selbst zu kommen. Die Tüchtigkeit seiner Eltern und seiner sonstigen Ahnen soll ihm als Relief dienen. Man will zeigen, daß er im Vergleich zu den Tüchtigen unter ihnen nicht aus der Art geschlagen ist, aber die Mittelmäßigen weit überragt. Mein Lobspruch gilt seinem Geiste, und so werde ich seine äußeren Vorzüge, auf die er selbst nie Wert legte, übergehen. Ich will nicht die Familie und damit fremde Tugenden verherrlichen. Schließlich haben ja auch heilige Männer wie Abraham und Isaak sündige Nachkommen, man denke nur an Ismael und Esau, gezeugt. 2269 Andererseits ist Jephte, den der Apostel in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen  hat, das Kind einer Buhlerin. 2270 Die Seele, die gesündigt hat, soll nach der Schrift sterben, 2271 woraus folgt, daß die Seele, die nicht sündigt, leben wird. Man kann den Kindern weder die Tugenden noch die Fehler der Eltern anrechnen. Wir werden beurteilt von dem Zeitpunkte an, in dem wir in Christus wiedergeboren wurden. Der Christenverfolger Paulus war morgens ein reißender Wolf aus Benjamin, und abends verteilte er Speise, indem er sein Haupt vor dem Lamme Ananias beugte. 2272 So möge auch unser Nepotian gleichsam als wimmerndes Kind und als kleiner Knabe uns unvermittelt aus dem Jordan der Taufe geboren werden.

  

9.

Mancher würde erwähnen, daß Du seines Seelenheiles wegen den Orient und die Wüste verlassen hast. Er würde berichten, wie Du mich, Deinen treuesten Freund, mit der Hoffnung auf baldige Wiederkehr vertröstet hast, wie Du, wenn möglich, zuerst für die verwitwete Schwester mit ihrem Kinde, oder, falls sie keinen Rat annehmen sollte, wenigstens für Deinen lieben Neffen sorgen wolltest. Übrigens habe ich es Dir früher einmal vorausgesagt, daß der kleine Neffe Dich mit seinen Liebkosungen in der Heimat zurückhalten wird. 2273 Mancher würde berichten, wie er im kaiserlichen Dienste unter einem kostbaren Obergewande und weißem Linnen 2274 seinen Körper durch einen Bußgürtel kasteite, wie er vor seine weltlichen Vorgesetzten hintrat mit einem vom Fasten blassen Gesicht, wie er trotz seiner militärischen Uniform einem ganz anderen Herrn diente. Wir bekämen von ihnen zu hören, wie er das Wehrgehenk nur trug, um Witwen, Waisen, Unterdrückten und Armen zu helfen. Mir aber sagt solch ein halber und unvollkommener Dienst an Gott nicht zu. Von des  Hauptmanns Cornelius guten Werken und von seiner Taufe wird uns im gleichen Atemzuge berichtet. 2275

  

10.

Immerhin sind diese Einzelheiten als kleine Anfänge des beginnenden Glaubens nicht bedeutungslos. Denn wer unter fremden Fahnen ein treuer Soldat war, wird sich sicherlich den Lorbeer verdienen, 2276 wenn er für seinen eigenen König zu kämpfen beginnt. Sobald er die Uniform mit dem bürgerlichen Kleide vertauscht hatte, verteilte er die Ersparnisse aus seinem Solde unter die Armen. Denn er hatte in der Schrift gelesen: „Wer vollkommen sein will, verkaufe alles, was er hat, gebe es den Armen und folge mir dann nach. 2277 Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon.“ 2278 Außer einer schlichten Tunika und einem um nichts besseren Obergewande, mit dem er sich nur bedeckte, um sich gegen die Kälte zu schützen, hielt er nichts für sich zurück. Seine Kleidung war die bei den Landbewohnern allgemein übliche, und er vermied es ebenso, durch Putzsucht wie durch Unordentlichkeit aufzufallen. Täglich wurde bei ihm der Wunsch lebendiger, in eine ägyptische Klostergemeinde einzutreten oder in Mesopotamien Mönch zu werden oder auf einer der dalmatinischen Inseln, die ja nur durch die altinische Meerenge von ihm getrennt waren, als Einsiedler zu leben. Aber er wagte es nicht, seinen bischöflichen Oheim zu verlassen, an dem er ein so herrliches Tugendbeispiel vor Augen hatte, daß er in der Heimat hinlänglich Gelegenheit fand, sich in der christlichen Vollkommenheit zu schulen. 2279 Als Mönch warst Du ihm Vorbild, als Bischof Gegenstand der Verehrung. Hier führte das ständige Zusammensein nicht, wie es so häufig vorkommt, zur Vertraulichkeit und die Vertraulichkeit zur Geringschätzung. Er ehrte Dich wie einen Vater und bewanderte Dich, gleich als ob er Dich jeden Tag zum ersten Male sähe. Wie ging es weiter? Er trat in den geistlichen Stand ein,  dessen Stufen er im regelrechten Gang bis zur Priesterweihe durchlief. O gütiger Jesu! Wie jammerte und seufzte er damals, wie bereitete er sich durch Fasten auf diesen Beruf vor, wie entzog er sich den Blicken aller! Es war das erste und einzige Mal, daß er seinem Oheim zürnte. Er fürchtete, die schwere Bürde nicht tragen zu können, und schützte sein jugendliches Alter als unvereinbar mit der priesterlichen Würde vor. Doch je heftiger sein Sträuben wurde, desto mehr lenkte er aller Aufmerksamkeit auf sich. Gerade, weil er sich weigerte, verdiente er das Amt, das er nicht erstrebte, und je mehr er sich dessen unwürdig bekannte, um so würdiger wurde er. Er ist der Timotheus unserer Zeit, bei ihm war die Klugheit ein Ersatz für das Alter. 2280 Wir erlebten erneut, wie Moses den zum Priester erhob, von dem er wußte, daß er ein wahrer Priester sein werde. 2281 Nepotian sah im Priesterstand weniger eine Ehrung als eine Bürde. Deshalb war seine erste Sorge, durch Demut den Neid zu entwaffnen und alles zu vermeiden, was den Ruf seiner Keuschheit gefährden könnte. Wer sich an seiner Jugend stieß, der sollte seine Enthaltsamkeit bewundern. Er setzte sich die Aufgabe, den Armen zu helfen, die Kranken zu besuchen, die Fremden zu beherbergen, mit freundlichen Worten Trost zu spenden, sich mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen. 2282 Er wurde zum Stab für die Blinden, zur Speise für die Hungernden, zur Hoffnung für die Armen, ein Trost für die Trauernden. Die einzelnen Tugenden übte er in so hohem Grade, daß ihm die anderen abzugehen schienen. Unter den Priestern und Altersgenossen war er in der Arbeit der erste, ohne mehr als den letzten Platz zu beanspruchen. Was er Gutes tat, das setzte er auf Rechnung des Onkels. Nahm eine Sache einen unerwünschten Ausgang,  dann schaltete er den Oheim aus und übernahm selbst die Verantwortung für den Irrtum. In der Öffentlichkeit verehrte er ihn stets als Bischof, zu Hause als Vater. Den Ernst der Lebensauffassung milderte ein heiteres Wesen. Nicht lautes Lachen, sondern stille Freude war seine Art. Die Christus geweihten Jungfrauen und Witwen ehrte er in aller Keuschheit wie Mütter und mahnte sie wie Schwestern. Sobald er zu Hause war, ließ er den Weltgeistlichen draußen und lebte in klösterlicher Strenge. Fleißig übte er das Gebet, das er durch Nachtwachen in die Länge zog; seine Bußtränen, die er vor den Leuten verbarg, sah nur Gott allein. Das Fasten machte er, einem Wagenlenker gleichend, abhängig von der Erschlaffung oder der Kräftigung des Körpers. 2283 Er aß am Tisch des Onkels und nahm von den vorgesetzten Speisen eine kleine Portion, so daß er Enthaltsamkeit übte, ohne hierbei in abergläubisches Wesen zu verfallen. 2284 Seine Unterhaltung bei Tisch behandelte mit Vorliebe Fragen aus der Heiligen Schrift. Er hörte gern zu, gab bescheiden Auskunft, nahm das Richtige freudig an, widersprach unrichtigen Ansichten, ohne dabei schroff zu werden. Er ging mehr darauf aus, seinen Gegner zu belehren, als einen Triumph über ihn zu ernten. Mit angeborener Bescheidenheit, die seiner Jugend gut stand, bekannte er offen, auf wen seine Auffassung sich stützte. Während er so dem Ruf großer Gelehrsamkeit auswich, erreichte er das gerade Gegenteil. Bald führte er die Meinung Tertullians, bald die Cyprians an; bald zitierte er Laktanz, bald Hilarius. Er wußte Bescheid bei Minucius Felix, bei Viktorinus und bei Arnobius. Auch auf meine Schriften wies er zuweilen hin, schätzte er mich doch wegen meiner Freundschaft mit seinem Oheim. Durch fleißige Lesung und tägliche Betrachtung  machte er aus seinem Herzen eine Bibliothek Christi.

  

11.

Wie oft kam nicht von jenseits des Meeres ein Brief von ihm mit der Bitte, ich möchte ihm etwas schreiben! Wie oft wandte er sich nicht an mich als der nächtens drängende Bittsteller des Evangeliums oder als die den harten Richter ständig angehende Witwe! 2285 Wenn ich ohne formelle Ablehnung über seinen Wunsch einfach hinwegging, wenn schamhaftes Schweigen meine Antwort auf seine bescheidene Bitte war, da steckte er sich hinter seinen Oheim, der für einen anderen unbefangener bitten konnte und wegen seiner bischöflichen Würde mehr Aussicht auf Erfolg hatte. Ich war ihm schließlich zu Willen, und in einer kleinen ihm gewidmeten Schrift habe ich unserer Freundschaft ein unvergängliches Denkmal gesetzt. 2286 Da glaubte er reicher zu sein als Krösus und Darius. 2287 Bald warf er sein Auge auf die Schrift, bald nahm er sie zur Hand, bald führte er sie ans Herz, bald an den Mund. Weil er häufig darin im Bette las, so glitt das geliebte Buch oft auf die Brust herab, wenn ihm die Müdigkeit die Augen schloß. Kam ein Fremder oder ein Freund, dann gab er seiner Freude über diesen Beweis meiner ihm erzeigten freundschaftlichen Gesinnung Ausdruck. War eine Stelle darin etwas schwach, so glich er es durch maßvolle Betonung und Abwechslung in der Aussprache aus, so daß er Tag um Tag, wenn er daraus vorlas, Lob oder Tadel der Zuhörer zu ernten schien. Woher dieser Eifer, wenn nicht aus der Liebe zu Gott? Woher die unermüdliche Betrachtung des Gesetzes Christi, wenn nicht aus Sehnsucht nach dem, der dieses Gesetz gegeben hat? Andere mögen Geld auf Geld häufen, bis der Beutel platzt, indem sie sich durch allerhand Dienstleistungen  die Erbschaft alter Damen sichern. Es mag solche geben, die als Mönche mehr besitzen, als sie in der Welt je besaßen, die als Diener des armen Christus Schätze ihr eigen nennen, wie sie solche als Kinder des reichen Teufels nie kannten. Mag die Kirche Grund zur Klage haben über den Reichtum derer, in denen die Welt vordem Bettler sah. Unser Nepotian trat das Gold mit Füßen und machte statt dessen lieber Jagd auf einen Brief von mir. Aber während er im Fleische ein Verächter seiner selbst war, während die Armut seinen schönsten Schmuck bildete, setzte er sich voll und ganz für die Ausschmückung des Gotteshauses ein.

  

12.

Was ich noch zu sagen habe, ist im Vergleich zu dem bereits Erwähnten von nebensächlicher Bedeutung. Aber auch im kleinen offenbarte sich der gleiche Geist. Wir bewundern die Größe des Schöpfers nicht nur am Himmel, an der Erde, am Weltmeer, an Elephanten, Kamelen, Pferden, Rindern, Panthern, Bären und Löwen. Sie offenbart sich uns auch in den kleinsten Tierchen, z.B. in der Ameise, der Schnake, der Mücke, dem Würmchen und in anderen kleinen Wesen, die wir mehr vom Sehen als dem Namen nach kennen. In ihnen allen offenbart sich uns die gleiche Geschicklichkeit des Schöpfers. Ähnlich ist auch eine Seele, die sich Christus ganz hingibt, auf die kleinen Dinge nicht minder bedacht als auf die großen; weiß sie doch, daß selbst für ein müßiges Wort Rechenschaft abzulegen ist. 2288 So war Nepotian besorgt um den Schmuck des Altares, die Reinheit der Wände und die Sauberkeit des Fußbodens. Er sah nach, ob der Türhüter seinen Dienst fleißig versah, der Vorhang immer den Eingang abschloß, die Sakristei sauber war, die kirchlichen Gefäße glänzten. Seine fromme Sorge umfaßte alle kirchlichen Zeremonien, einerlei, ob es sich um Wichtiges oder Nebensächliches drehte. Meinte man, ihn in der Kirche suchen zu müssen, dann war er bestimmt auch  dort zu finden. Das Altertum zählt zu seinen berühmten Männern den Geschichtsschreiber Quintus Fabius, der sich als Maler einen noch größeren Namen gemacht hat. 2289 Die Heilige Schrift preist den Beseleel als einen Mann von Weisheit und voll des Geistes Gottes. 2290 Ein Gleiches berichtet sie von Hiram, dem Sohne einer tyrischen Mutter. 2291 Der eine hat die Geräte des heiligen Zeltes, der andere die des Tempels fertiggestellt. Wie üppige Saaten und fruchtbare Äcker zuweilen von Halmen und Ähren strotzen, 2292 so offenbart sich hervorragende Befähigung und hohe Veranlagung in herrlichen Kunstschöpfungen auf verschiedenen Gebieten. Daher lobten die Griechen jenen Philosophen, der sich rühmen konnte, alle Gebrauchsgegenstände, selbst seinen Mantel und Siegelring, eigenhändig angefertigt zu haben. 2293 Dasselbe Lob kommt auch Nepotian zu, der die Basiliken der Kirche und die Märtyrerkapellen mit allerlei Blumen, Baumgrün und Weinlaub ausschmückte. Was die Besucher des Gotteshauses an Ordnung und Schmuck wohltuend berührte, führte sich auf die Mühe und den Eifer dieses Priesters zurück.

  

13.

Wohlan, wenn er sich schon am Anfange seiner Wirksamkeit so bewährte, wie mag sich dann das Ende gestaltet haben? O menschliche Tragik! Ohne Christus ist unser ganzes Leben ein Nichts. 2294