Auslöschung - Jeff VanderMeer - E-Book

Auslöschung E-Book

Jeff VanderMeer

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Beschreibung

Seit ein mysteröses 'Ereignis' vor mehr als dreißig Jahren das Gebiet erschütterte, ist Area X von einer unsichtbaren Grenze umgeben. Niemand weiß genau, was dahinter geschieht, aber es gibt Gerüchte von einer sich verändernden und die Reste der menschlichen Zivilisation überwuchernden Natur, einer Natur, die ebenso makellos und bezaubernd wie verstörend und bedrohlich ist. Zuständig für das Gebiet ist eine geheime Regierungsorganisation, die sich 'Southern Reach' nennt und den Auftrag hat, herauszufinden, was hinter der Grenze geschieht. Aber keine der Expeditionen, die 'Southern Reach' in das Gebiet entsandte, um Erklärungen für das Unerklärbare zu finden, hatte bisher Erfolg. Die meisten der Expeditionen endeten in Katastrophen, bei denen letztlich alle Mitglieder ums Leben kamen, und die Zeit, um Antworten zu finden, wird knapp, denn Area X scheint sich immer schneller auszudehnen. "Auslöschung" ist der Bericht über die zwölfte Expedition. Sie besteht aus vier Frauen: einer Anthropologin, einer Landvermesserin, einer Psychologin und einer Biologin. Ihre Aufgabe ist es, die Geheimnisse von Area X zu entschlüsseln, das Gebiet zu kartographieren, Flora und Fauna zu katalogisieren, ihre Beobachtungen in Tagebüchern zu dokumentieren, vor allem aber sich nicht von Area X kontaminieren zu lassen. Doch es sind die Geheimnisse, die sie mit über die Grenze gebracht haben, die alles verändern werden … Ein fesselnder, fantastischer Roman über eine unheimliche Welt und die Fremdheit in uns. Ein Roman von der Kraft eines Mythos.

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Seitenzahl: 282

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JEFF VANDERMEER

AUSLÖSCHUNG

Band 1 derSouthern-Reach-Trilogie

Aus dem Englischen vonMichael Kellner

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Für Ann

1

 

INITIATION

 

Der Turm, der dort nicht hätte sein dürfen, bohrt sich an einer Stelle in die Erde, wo der dunkle Kiefernwald in Sumpf und Schilfrohr und die sich anschließenden Salzmarschen mit den windzerzausten Bäumen übergeht. Hinter den Salzmarschen und natürlich entstandenen Kanälen liegt das Meer, und ein bisschen weiter die Küste hinauf ein verlassener Leuchtturm. Aus Gründen, die man nicht einmal mehr erahnen kann, sind diese Landstriche schon vor Jahrzehnten aufgegeben worden. Seit zwei Jahren hatte keine Expedition mehr Area X betreten, und die Ausrüstung unserer Vorgänger rostete vor sich hin, ihre Zelte und Schuppen waren nicht mehr als leere Hülsen. Ich glaube nicht, dass irgendeine von uns beim Anblick dieser friedvollen Landschaft bereits die Bedrohung spürte.

Wir waren zu viert: Eine Biologin, eine Anthropologin, eine Landvermesserin und eine Psychologin. Ich war die Biologin. Dieses Mal hatten sie nur Frauen ausgesucht, Teil eines komplexen Musters von Variablen, nach dem die Expeditionen zusammengestellt wurden. Die Psychologin war etwas älter als wir anderen und fungierte als Leiterin der Expedition. Sie hatte uns unter Hypnose gesetzt, um die Grenze zu überqueren, damit wir ruhig blieben. Als wir die Küste erreichten, lag eine harte, fünftägige Wanderung hinter uns.

Unsere Mission war einfach: Wir sollten im Auftrag der Regierung die Erkundung der Geheimnisse von Area X fortführen und uns langsam vom Basislager aus weiter vorarbeiten.

Die Expedition konnte Tage, Monate oder sogar Jahre dauern, das hing ganz von den Umständen und Ereignissen ab. Unsere Vorräte reichten vier Monate, und im Basislager wartete Proviant für weitere zwei Jahre auf uns. Außerdem wurde uns versichert, wir könnten uns bedenkenlos von den Früchten des Landes ernähren, falls nötig. All unsere Lebensmittel waren entweder geräuchert, als Konserven oder als Notfallrationen verpackt. Das merkwürdigste Stück unserer Ausrüstung war ein Messgerät, das jede von uns erhalten hatte und das an unseren Gürteln baumelte: ein kleines Rechteck aus schwarzem Metall mit einem verglasten Loch in der Mitte. Sollte das Loch rot aufglühen, hatten wir dreißig Minuten Zeit, uns an einen »sicheren Ort« zurückzuziehen. Manhatte uns nicht gesagt, was das Gerät maß und wovor wir uns in Acht nehmen sollten, wenn es zu glühen anfing. Nach ein paar Stunden hatte ich mich so daran gewöhnt, dass ich keinen zweiten Blick mehr darauf warf. Uhr und Kompass waren uns verboten.

Nachdem wir das Lager erreicht hatten, machten wir uns daran, verfallene oder beschädigte Teile der Anlage auszutauschen und unsere eigenen Zelte aufzubauen. Die Hütten wollten wir erst später bauen, wenn wir sicher waren, dass Area X keine Auswirkungen auf uns hatte. Die Mitglieder der vorherigen Expedition hatten sich schließlich einfach davongemacht, einer nach dem anderen. Im engeren Sinne waren sie nicht verschwunden, sondern mit der Zeit zu ihren Familien zurückgekehrt. Sie waren einfach aus Area X verschwunden und auf unbekannten Wegen in die Welt auf der anderen Seite der Grenze zurückgekehrt. An Einzelheiten ihrer Reise konnten sie sich nicht erinnern. Diese Rückführung hatte sich über einen Zeitraum von achtzehn Monaten hingezogen, und früheren Expeditionen war das nicht passiert. Aber auch andere Phänomene konnten die »vorzeitige Auflösung der Expedition«, wie unsere Vorgesetzten das nannten, zur Folge haben, und wir mussten zunächst herausfinden, ob wir dem Ort gewachsen waren.

Aber zuerst mussten wir uns mit der Umwelt vertraut machen. In den Wäldern nahe des Lagers konnte man auf Bären oder Kojoten treffen. Man konnte ein überraschendes Krächzen hören, und während man einen Nachtreiher beobachtete, der von einem Ast herunterstarrte, derart abgelenkt auf eine giftige Schlange treten, von denen es hier zumindest sechs verschiedene Arten gab. In den Sümpfen und Flüssen lauerten riesige Reptilien, also passten wir auf, dass wir beim Entnehmen unserer Wasserproben nicht zu tief hineinwateten. Aber diese Aspekte des Ökosystems machten keiner von uns Sorgen. Dafür verunsicherte uns anderes. Vor langer Zeit hatte es hier Dörfer gegeben, und wir stießen auf gespenstische Anzeichen menschlicher Besiedlung: Rottende Hütten mit eingesunkenen, rotstichigen Dächern, davor verrostete Speichenräder, die bis zur Nabe im Schlamm steckten, und Ornamente auf den kiefernadelbedeckten Lehmböden, die Schemen von etwas, das wohl einmal Zäune für Viehweiden waren.

Aber viel schlimmer war dieses tiefe, mächtige Wehklagen während der Dämmerung. Der Wind vom Meer und die merkwürdige Stille des Hinterlands trübten unseren Orientierungssinn, wir wussten nicht, woher es kam, und so schien dieses Klagen in das schwarze Wasser einzusickern, das die Zypressen durchtränkte. Das Wasser war so schwarz, dass wir unsere Gesichter darin sehen konnten, und es geriet niemals in Bewegung, wie Glas, spiegelte nur das wie Bärte herabhängende spanische Moos, das die Zypressen umhüllte. Wenn man über dieses Gebiet Richtung Meer schaute, sah man nichts anderes als schwarzes Wasser und das Grau der Zypressenstämme, an denen reglos die Flechten hinabflossen. Nur das tiefe Wehklagen war zu hören. Die Wirkung versteht man nur, wenn man dort gewesen ist. Auch die Schönheit all dessen versteht man nicht, und wenn man Trostlosigkeit schließlich als schön empfindet, dann hat sich etwas in einem verändert. Dann ist die Trostlosigkeit dabei, sich im Inneren auszubreiten.

Wie schon vermerkt fanden wir den Turm an einer Stelle, wo der Wald zunächst in Sumpf und dann in die Salzmarschen übergeht. Dies geschah am vierten Tag nach unserer Ankunft im Basislager, und inzwischen hatten wir uns gut zurechtgefunden. Weder die beiden Karten, die wir mitgebracht hatten, noch die wasserfleckigen und mit Kieferpollen verschmutzten Unterlagen unserer Vorgänger ließen vermuten, dass wir dort etwas vorfinden würden. Aber dort war er, umsäumt von Buschgras, links des Weges, moosbedeckt und dadurch kaum zu erkennen: Ein runder Block aus unbestimmt grauem Stein, der eine Mischung aus Beton und zermahlenen Muscheln zu sein schien. Er maß wohl knapp zwanzig Meter im Durchmesser, dieser runde Block, und ragte zwanzig Zentimeter über dem Boden auf. Sein Äußeres war glatt und wies keinerlei Schrift oder andere Zeichen auf, die Rückschlüsse auf seine Erbauer oder seinen Zweck geliefert hätten. Exakt nach Norden ausgerichtet fand sich eine rechteckige Öffnung in der Oberfläche, von der aus Stufen spiralförmig ins Dunkel führten. Der Eingang war unter den Netzen der Bananenspinnen und allerlei Abfällen, die Stürme hierher geweht hatten, kaum zu erkennen, aber von unten kam ein kühler Luftzug.

Zunächst war ich die einzige, die Turm dazu sagte. Ich weiß nicht, wie mir das Wort Turm in den Sinn kam, führte doch eine Art Tunnel in den Boden. Ich hätte es genauso gut für einen Bunker oder ein verschüttetes Gebäude halten können. Aber als ich die Treppenstufen sah, fiel mir der Leuchtturm an der Küste ein und plötzlich hatte ich eine Vision der vorherigen Expedition, deren Teilnehmer einer nach dem anderen verschwanden, und irgendwann später begann sich der Boden nach irgendeinem Plan und als Ganzes zu verschieben und beließ den Leuchtturm an seinem Platz, verschob seinen unterirdischen Teil aber ein Stück weit ins Hinterland. Während wir dort standen, sah ich diesen Prozess in verwirrender und ungeheurer Detailtreue vor meinem inneren Auge ablaufen, und rückblickend war das der erste jener wirren Gedanken, die sich einstellten, nachdem wir unserer Ziel erreicht hatten.

»Das ist unmöglich«, sagte die Vermesserin und starrte auf ihre Karten. Die tiefen Schatten des späten Nachmittags tauchten sie in eine kühle Dunkelheit und machten die Worte eindringlicher, als sie sonst geklungen hätten. Der Sonnenstand verriet uns, dass wir demnächst unsere Taschenlampen einsetzen mussten, wollten wir das Unmögliche untersuchen, obwohl ich auch nichts dagegen gehabt hätte, das im Dunklen zu tun.

»Und trotzdem ist es da«, sagte ich. »Falls wir nicht eine Massenhalluzination haben.«

»Die Architektur gibt nicht viel her«, meinte die Anthropologin. »Das Baumaterial ist nicht zu bestimmen, hat vermutlich lokale Ursprünge, was aber nicht heißt, dass auch die Bauweise von hier stammt. Ohne hineinzugehen erfahren wir nicht, ob es aus früherer Zeit oder modern oder irgendwas dazwischen ist. So oder so würde ich mich auf keine Schätzung einlassen, wie alt es ist.«

Wir hatten keine Möglichkeit, unsere Vorgesetzten von dieser Entdeckung zu informieren. Eine der Vorschriften für Expeditionen in Area X lautete, dass den Teilnehmern jeglicher Kontakt nach außen untersagt war, wohl aus Angst vor einer irreversiblen Kontamination. Wir hatten auch wenig dabei, was unserem aktuellen technologischen Stand entsprach. Keine Handys oder Satellitentelefone, keine Computer, keine Camcorder, keine komplizierten Messinstrumente, abgesehen von diesen merkwürdigen schwarzen Kästchen, die an unseren Gürteln baumelten. Zum Entwickeln unserer Fotos brauchten wir eine provisorische Dunkelkammer. Für die anderen rückte gerade das Fehlen der Handys die wirkliche Welt in weite Ferne, während ich es immer vorgezogen hatte, ohne eines auszukommen. An Waffen hatten wir Messer, eine verschlossene Kiste mit antiquierten Pistolen und als zögernd gewährtes Zugeständnis zum Schutz unserer Sicherheit ein einziges Sturmgewehr.

Von uns wurde lediglich erwartet, dass wir Aufzeichnungen machten, wie diese hier, eine Art Tagebuch führten, wie dieses hier: leichtgewichtig, aber fast unzerstörbar, mit wasserfestem Papier, einem flexiblen schwarzweißen Einband und blauen horizontalen Linien zum Schreiben und einer roten Linie, die den linken Rand markierte. Diese Tagebücher sollten wir entweder mit zurückbringen, oder sie würden von der folgenden Expedition gefunden werden. Man hatte uns ermahnt, möglichst alles zu kontextualisieren, so dass auch jemand, der mit Area X nicht vertraut war, unsere Berichte verstehen konnte. Außerdem wurden wir angewiesen, unsere Einträge niemand anderem zu zeigen. Unsere Vorgesetzten glaubten, dass ein intensiver Austausch an Informationen unsere Beobachtungen verzerren würde. Aber ich wusste aus Erfahrung, wie aussichtslos der Versuch war, Voreingenommenheiten auszumerzen. Nichts Lebendes unter der Sonne kann wahrhaft objektiv sein – nicht mal in einer völligen Leere, nicht mal, wenn das Gehirn eine geradezu selbstzerstörerische Sehnsucht nach Wahrheit gehabt hätte.

»Das ist ja eine aufregende Entdeckung«, warf die Psychologin ein, bevor auch nur eine von uns ein Wort zu dem Turm gesagt hatte. »Findet ihr nicht auch?« So eine Frage hatte sie uns zuvor noch nie gestellt. Während unserer Ausbildung klangen ihre Fragen eher wie: »Was glaubst du, wie ruhig du in einem Notfall bleiben kannst?« Damals klang sie für mich wie eine schlechte Schauspielerin, die eine Rolle spielt. Dieser Eindruck verstärkte sich jetzt noch, als würde es sie nervös machen, dass sie die Leiterin unserer Gruppe war.

»Es ist absolut aufregend … und so unerwartet«, sagte ich, und es klang spöttischer, als beabsichtigt. Ich war von meiner wachsenden Unruhe überrascht, denn im Vergleich zu dem, was ich mir vorgestellt und in meinen Träumen gesehen hatte, war das hier banal. Bevor wir die Grenze überschritten hatten, gab es so vieles, was vor meinem inneren Auge aufgetaucht war: riesige Städte, eigenartige Tiere und während einer Krankheit tauchte einmal ein riesiges Monster aus den Wellen auf und stürzte sich auf unser Lager.

Die Vermesserin zuckte einfach nur mit den Schultern und ignorierte die Frage der Psychologin. Die Anthropologin nickte, als würde sie mir zustimmen. Der nach unten führende Eingang zum Turm hatte eine ganz eigene Ausstrahlung, eine Art leere Fläche, die wir mit allem möglichem beschreiben konnten. Es fühlte sich an wie ein leichtes Fieber, das uns alle gepackt hatte.

Ich würde die drei anderen auch beim Namen nennen, aber das hat keine Bedeutung, denn nur die Vermesserin sollten die nächsten zwei Tage überleben. Darüber hinaus war uns dringend davon abgeraten worden, Namen zu benutzen: Wir sollten uns auf unsere Aufgabe konzentrieren, und »alles Persönliche sollte zurückgelassen werden«. Namen gehörten in die Welt, aus der wir gekommen waren; in Area X hatten wir alle nur eine Funktion.

Ursprünglich sollte unsere Expedition fünf Mitglieder haben, auch eine Linguistin gehörte dazu. Auf dem Weg zur Grenze wurde jede von uns in ein helles, weißes Zimmer gebracht, mit einer Tür am anderen Ende und einem Metallstuhl in einer Ecke. Der Stuhl hatte an den Seiten Löcher für Riemen; die Implikationen lösten einen kurzen Angstschauer bei mir aus, aber ich war fest entschlossen, Area X zu erreichen. Das Gebäude, in dem sich die Zimmer befanden, unterstand »Southern Reach«, einer geheimen Regierungsbehörde, die sämtliche Belange von Area X kontrollierte.

Während wir dort warteten, fanden endlose Einweisungen statt, und aus Lüftungsrohren in der Decke wurden wir mal mit warmer, mal mit kalter Luft unter Druck gesetzt. Irgendwann kam die Psychologin zu jeder von uns, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann, worüber wir gesprochen haben. Dann verließen wir den Raum durch die andere Tür und kamen zum zentralen Sammelpunkt, von dem ein langer Gang auf die Türen einer Luftschleuse zuführte. Dort wurden wir von der Psychologin erwartet, aber die Linguistin tauchte nicht wieder auf.

»Sie hat es sich anders überlegt«, sagte die Psychologin und ging über unsere Fragen mit einem starren Blick hinweg. »Sie will hierbleiben.« Das war ein kleiner Schock, aber wir waren auch erleichtert, dass es keine andere von uns war. Von all unserer Fähigkeiten schienen zu diesem Zeitpunkt die einer Linguistin am ehesten zu entbehren zu sein.

Nach einem Augenblick sagte die Psychologin: »Jetzt bekommt euren Kopf frei.« Was hieß, dass sie anfangen wollte, uns zu hypnotisieren, damit über die Grenze gehen konnten. Dann würde sie sich auch selbst hypnotisieren. Man hatte uns erklärt, dass wir die Grenze nur mit dieser Vorsichtsmaßnahme überqueren könnten, andernfalls würde unser Verstand aus dem Ruder laufen. Allem Anschein nach waren Halluzinationen beim Grenzübergang nichts ungewöhnliches. Zumindest wurde uns das gesagt. Ich weiß inzwischen nicht mehr, ob es wahr ist. Die eigentliche Natur der Grenze hat man uns aus Sicherheitsgründen vorenthalten; wir wussten nur, dass man sie mit bloßem Augen nicht erkennen konnte.

Als ich mit den anderen wieder »aufwachte«, waren wir alle in voller Montur, trugen schwere Wanderstiefel und zwanzig Kilo schwere Rücksäcke sowie eine Vielzahl von Zubehör, das an unseren Gürteln baumelte. Wir drei taumelten, und die Anthropologin ging sogar in die Knie, während die Psychologin geduldig wartete, dass wir uns wieder erholten. »Tut mir leid«, sagte sie, »das war die sanfteste Art, euch zurückzuholen.«

Die Vermesserin fluchte und starrte sie wütend an. Sie war ein Hitzkopf, was offenbar als Aktivposten gesehen wurde. Die Anthropologin, typisch für sie, kam auf die Beine, ohne sich zu beschweren. Und ich, typisch für mich, war zu beschäftigt, alles zu beobachten, um dieses grobe Aufwecken persönlich zu nehmen. Zum Beispiel bemerkte ich, wie grausam das unmerkliche Lächeln wirkte, das auf den Lippen der Psychologin spielte, während sie beobachtete, wie wir versuchten, uns wieder einzukriegen und die Anthropologin taumelte und sich dafür entschuldigte. Später fiel mir auf, dass ich ihren Ausdruck vielleicht falsch interpretiert hatte; er hätte auch Schmerz oder Selbstmitleid bedeuten können.

Wir standen auf einem matschigen Weg, der mit Kieseln, abgestorbenen Blättern und Kiefernnadeln übersät war. Überall krabbelten Ameisenwespen und glitzernde kleine Käfer herum. Rechts und links ragten Kiefern empor, die zerfurchte Rinde wie Schuppen, und die Schatten hoch fliegender Vögel zauberten Striche zwischen sie. Die Luft war so frisch, dass sie in den Lungen schmerzte, und ein paar Sekunden lang war das Atmen anstrengend, größtenteils aus Überraschung. Dann markierten wir unsere Position mit einem roten Stofftuch an einem Baum und marschierten los, ins Unbekannte. Falls irgendetwas die Psychologin außer Gefecht setzte, so dass sie uns nicht bis ans Ende unserer Mission begleiten konnte, waren wir angewiesen, hierher zurückzukehren und darauf zu warten, dass man uns »evakuieren« würde. Niemand hatte uns erklärt, wie dieses »Evakuierung« aussehen würde, aber es schien klar, dass unsere Vorgesetzten auch aus großer Entfernung den Evakuierungspunkt beobachten konnten, obwohl dieser sich hinter der Grenze befand.

Man hatte uns eingeschärft, nach unserer Ankunft nicht zurückzuschauen, aber als die Psychologin gerade mit etwas anderem beschäftigt war riskierte ich einen Blick. Ich weiß nicht genau, was ich sah. Es war undeutlich, verschwommen, und lag schon weit hinter uns – vielleicht ein Tor, vielleicht eine Täuschung. Nur der abrupte Eindruck eines perlenden Lichtquaders, der rasch verblasste.

Die Gründe, warum ich mich beworben hatte, waren von meiner Qualifikation völlig unabhängig. Ich glaube, ich bekam den Zuschlag, weil ich mich auf Habitate im Umbruch spezialisiert hatte, und an diesem speziellen Ort gab es eine Reihe vom Umbrüchen, will sagen, eine spezielle Komplexität verschiedener Ökosysteme. Es gab kaum einen anderen Ort, an dem man nur sechs oder sieben Meilen zurücklegen musste und dabei vom Wald in den Sumpf und durch Salzmarschen zu einem Strand kam. Man hatte mir berichtet, in Area X würde ich auf Meereslebewesen stoßen, die sich an brackiges Süßwasser angepasst hatten und bei Ebbe weit die natürlich entstandenen Kanäle hinaufschwammen, die sich im Schilf gebildet hatten, und so den Lebensraum mit Ottern und Rotwild teilten. Und wenn man am Strand entlangging, der von der Winkerkrabbe durchlöchert war, konnten man gelegentlich im Meer gewaltige Süßwasserreptilien sehen, die sich diesem Habitat angepasst hatten.

Ich verstand, warum niemand mehr in Area X lebte, dass die Gegend aus diesem Grund so makellos war, weigerte mich aber beharrlich, das zur Kenntnis zu nehmen. Ich zog es statt dessen vor zu glauben, Area X sei ein Naturschutzgebiet und wir seien Wanderer, die zufällig auch Wissenschaftler waren. Auf einer anderen Ebene machte das sogar Sinn: Wir hatten weiterhin keine Ahnung, was hier passiert war und noch immer passierte, und meine vorab formulierten Theorien beeinflussten meine Analyse der von uns gefundenen Indizien. Davon abgesehen spielte es in meinem Fall kaum eine Rolle, welche Lügen ich mir selbst auftischte, denn mein Leben in der Welt, aus der wir gekommen waren, war mindestens so leer wie Area X. Ich hatte nichts mehr, was mich dort hielt, also konnte ich gar nicht anders als hier zu sein. Was die anderen betrifft, wusste ich nicht, was sie sich selbst erzählt hatten, ich wollte es auch nicht wissen, vermutete aber, dass es in gewisser Weise mit Neugier zusammenhing. Neugier kann ein mächtiges Ablenkungsmanöver sein.

An diesem Abend sprachen wir über den Turm, obwohl die anderen auf die Bezeichnung Tunnel bestanden. Jede von uns war selbst dafür verantwortlich, mit welchem Elan sie ihre Forschungen vorantreiben wollte; die Psychologin sollte unsere jeweiligen Entscheidungen in einen größeren Zusammenhang stellen und beurteilen. Teil der aktuellen Prinzipien bei der Entsendung der Expeditionen war, jedem Mitglied einen größeren Entscheidungsspielraum einzuräumen, um eine Vielzahl von »aussagekräftigen Abweichungen« zu erhalten.

Diese diffuse Planung musste man im Kontext unserer verschiedenen Fähigkeiten sehen. Zum Beispiel hatten wir zwar alle eine Grundausbildung an der Waffe und ein Überlebenstraining erhalten, aber die Vermesserin hatte viel mehr Erfahrungen in medizinischen Dingen und mit Schusswaffen als wir anderen. Die Anthropologin war früher Architektin gewesen; sie hatte sogar vor Jahren ein Feuer in einem von ihr entworfenen Gebäude überlebt – das einzig Persönliche, was ich über sie herausgefunden hatte. Über die Psychologin wussten wir alle am wenigsten, ich glaube aber, dass sie auf irgendeine Weise aus dem Management kam.

Die Diskussion über den Turm war in gewisser Weise die erste Möglichkeit, unsere Grenzen zu testen, wenn es um unterschiedliche Meinungen und Kompromisse ging.

»Ich glaube nicht, das wir uns auf den Tunnel konzentrieren sollten«, sagte die Anthropologin. »Wir sollten zunächst die umliegenden Gebiete erkunden und mit allen Daten zurückkommen, die wir bei unseren anderen Untersuchungen gewonnen haben – inklusive die des Leuchtturms.«

Es war vorhersehbar und vielleicht sogar von einer Vorahnung geprägt, dass die Anthropologin eine sichere und behutsame Option favorisierte. Der Vorschlag, sich zunächst der Kartierung zu widmen, klang mir zwar sehr nach Routine und Monotonie, aber ich konnte nicht ignorieren, dass es mit dem Turm etwas gab, das auf keiner Karte vermerkt war.

Dann ergriff die Vermesserin das Wort. »In diesem Fall sollten wir uns davon überzeugen, dass von dem Tunnel keine Gefahr ausgeht oder ein Angriff droht. Bevor wir Weiteres erkunden. Andernfalls haben wir einen Gegner im Rücken, sobald wir weiter vordringen.« Sie war uns vom Militär überstellt worden und mir war jetzt schon klar, wie wertvoll ihre Erfahrungen für uns waren. Ich hatte erwartet, dass eine Vermesserin sich immer für weitere Erkundungen einsetzen würde, und insofern besaß ihre Einschätzung besonderes Gewicht.

»Ich kann es auch nicht erwarten, die Biotope hier zu erkunden«, sagte ich. »Aber in gewisser Hinsicht, wenn man bedenkt, dass der ›Tunnel‹ … oder Turm … nicht auf der Karte verzeichnet ist … scheint er wichtig zu sein. Entweder wurde er mit voller Absicht weggelassen und ist damit bekannt … und auch das ist eine Art Botschaft … oder er ist etwas Neues, das es hier noch nicht gab, als die letzte Expedition eintraf.«

Die Vermesserin warf mir einen dankbaren Blick zu, aber mein Standpunkt hatte nichts mit ihr zu tun. Irgendetwas an der der Vorstellung eines Turms, der direkt in die Tiefe führte, spielte mit den verschwisterten Gefühlen von Höhenangst und einer Faszination an der Konstruktion. Ich hätte nicht sagen können, was ich herbeisehnte und was mir Angst machte, und so gingen mir weiterhin Bilder vom Inneren der Nautilusmuschel und andere natürliche Formen durch den Kopf, denen das Gefühl gegenüberstand, von einer Klippe plötzlich ins Unbekannte zu stürzen.

Die Psychologin nickte, schien diese Optionen zu erwägen und fragte: »Hat irgendjemand auch nur den Anflug des Gefühls, hier weg zu wollen?« Es war eine berechtigte Frage, aber trotzdem ein Misston.

Wir drei schüttelten die Köpfe.

»Und du?«, fragte die Vermesserin. »Was meinst du?«

Die Psychologin grinste, was merkwürdig schien. Sie muss aber gewusst haben, dass irgendeine von uns den Auftrag hatte, ihre Reaktionen zu beobachten. Vielleicht erheiterte sie die Vorstellung, dass man dafür nicht eine Biologin oder eine Anthropologin, sondern eine Vermesserin ausgesucht hatte, eine Expertin, was die Oberfläche der Dinge betrifft. »Ich muss zugeben, dass ich gerade ein großes Unbehagen spüre. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das ganz allgemein auf dieses Umfeld zurückzuführen ist oder auf den Tunnel. Persönlich würde ich den Tunnel gerne ausschließen.«

Turm.

»Dann also drei zu eins«, sagte die Anthropologin und war offensichtlich froh, dass ihr jemand die Entscheidung abgenommen hatte.

Die Vermesserin zuckte nur mit den Schultern.

Vielleicht hatte ich mich in Bezug auf die Neugier getäuscht. Die Vermesserin schien auf nichts neugierig zu sein.

»Gelangweilt?«, fragte ich.

»Ich will einfach weitermachen«, sagte sie in die Runde, als hätte ich die Frage an uns alle gestellt.

Zum Reden hatten wir uns im Gemeinschaftszelt getroffen. Inzwischen war es dunkel geworden, und kurz darauf hörten wir ihn zum ersten Mal, diesen klagenden Ruf in der Nacht, von dem wir wussten, dass er eine natürliche Ursache haben musste, der uns aber trotzdem ein kurzes Schaudern verursachte. Als wäre dies das Zeichen zum Aufbruch gewesen, gingen wir zurück in unsere eigenen Zelte, wo jede mit ihren Gedanken allein war. Ich lag noch eine ganze Weile wach und versuchte, mir den Turm als Tunnel vorzustellen, sogar als Schacht, aber ohne Erfolg. Stattdessen kam ich von einer Frage nicht los: Was versteckt sich an seinem Fuß?

Während unseres Marschs von der Grenze zum Basislager nahe der Küste hatten wir nichts Ungewöhnliches erlebt. Die Vögel zwitscherten, wie sie sollten; Rotwild stob davon und das Weiß ihrer Spiegel leuchtete wie Ausrufezeichen im grünbraunen Unterholz; die krummbeinigen Waschbären gingen wackelnd ihren Geschäften nach und ignorierten uns. Die ganze Gruppe fühlte, glaube ich, einen leichten Schwindel der Freiheit nach so vielen Tagen, die wir mit Training und Vorbereitung verbracht hatten. Während wir uns in diesem Korridor, diesem Übergangsraum befanden, konnte uns nichts etwas anhaben. Wir waren weder das, was wir vorher waren, noch das, was wir sein würden, wenn wir unser Ziel erreicht hatten.

Am Tag bevor wir das Lager erreichten, wurde diese Stimmung kurz durch das Auftauchen eines riesigen Keilers erschüttert, der in einiger Entfernung vor uns auf dem Weg stand. Er war so weit entfernt, dass wir ihn zunächst auch mit Ferngläsern nicht eindeutig erkennen konnten. Wildschweine können zwar nicht gut sehen, aber ihr Geruchssinn ist außerordentlich empfindlich und der Keiler, noch gute hundert Meter entfernt, fing an, auf uns loszustürmen. Er donnerte den Weg hinunter auf uns zu – doch wir hatten noch Zeit zu überlegen, was wir tun sollten, wir hatten unsere langen Messer gezogen und die Vermesserin hatte das Sturmgewehr angelegt. Vielleicht würden Kugeln ein dreihundert Kilo Schwein stoppen, vielleicht auch nicht. Wir fühlten uns nicht sicher genug, unsere Aufmerksamkeit vom Keiler weg auf die Kiste mit den Handfeuerwaffen in unserer Ausrüstung zu richten, die mit einem dreifachen Schloss gesichert war.

Der Psychologin blieb keine Zeit für eine Anweisung per Hypnose, die uns gleichermaßen konzentriert und unter Kontrolle gehalten hätte. Sie hatte tatsächlich nicht mehr als ein »Lasst ihn nicht an euch ran! Er darf euch nicht berühren!« zu bieten, während der Keiler immer näher kam. Die Anthropologin kicherte, aus Nervosität und der absurden Langsamkeit, mit der sich diese gefährliche Situation entwickelte. Nur die Vermesserin handelte kurzentschlossen: Um besser schießen zu können hatte sie sich hingekniet. Eine der sinnvollen Direktiven unserer Ausbildung lautete: »Tötet nur, wenn ihr in der Gefahr seid, getötet zu werden.«

Ich beobachtete den Keiler weiter durch das Fernglas, und je näher er kam, um so fremder muteten seine Züge an. Sie wirkten verzerrt, als würde das Tier von extremen inneren Schmerzen gequält. Nichts an seiner Schnauze oder dem derben, langgezogenen Schädel wirkte außergewöhnlich, und doch hatte ich den bestürzenden Eindruck, dass sich in der Art, wie sein starrer Blick nach innen gerichtet schien und der Kopf absichtlich nach links gewendet war, ein Etwas zeigte, das unsichtbare Zügel führte. In den Augen funkelte ein Feuer, das mir unwirklich vorkam. Ich glaubte stattdessen, es wäre ein Nebeneffekt meiner inzwischen leicht zitternden Hände, die das Fernglas hielten.

Was auch immer den Keiler verzehrte, nahm ihm gleich darauf die Lust an der Attacke. Er brach abrupt nach links ins Unterholz aus und gab dabei etwas von sich, das ich nur als Aufschrei größter Pein bezeichnen kann. Als wir diese Stelle erreicht hatten, war der Keiler verschwunden und hatte nichts als einen völlig zertrampelten Weg hinterlassen.

In den nächsten Stunden war ich in Gedanken völlig damit beschäftigt, Erklärungen für das zu finden, was ich gesehen hatte: Parasiten oder andere Mitreisende auf neurologischen Bahnen. Ich suchte nach einer völlig rationalen, biologischen Erklärung. Dann verschmolz der Keiler mit der Kulisse all dessen, was wir auf dem Weg von der Grenze gesehen hatten, und ich wandte mich wieder der Zukunft zu.

Am Morgen nach der Entdeckung des Turms standen wir früh auf, frühstückten und löschten das Feuer. Der Jahreszeit entsprechend lag eine schneidende Kälte in der Luft. Die Vermesserin öffnete die Kiste mit den Waffen und gab jeder von uns eine Pistole. Sie selbst behielt das Sturmgewehr; es hatte den Vorteil, dass unter dem Lauf eine Lampe montiert war. Keine von uns hatte damit gerechnet, dass wir gerade diesen Kasten so schnell öffnen würden, und obwohl niemand protestierte, spürte ich eine neue Spannung, die sich zwischen uns aufbaute. Wir wussten, dass sich die Mitglieder der zweiten Expedition in Area X selbst, und die der dritten gegenseitig erschossen hatten. Unsere Vorgesetzten hatten erst dann wieder Waffen zugelassen, nachdem die meisten der folgenden Expeditionen keinerlei derartige Verluste beklagen mussten. Unsere Expedition war die zwölfte.

Zu viert gingen wir zurück zum Turm. Sonnenstrahlen fielen durch Blätter und Moos und zeichneten Archipele aus Licht auf die glatte Fläche um den Einstieg. Er wirkte weiterhin unscheinbar, inaktiv, in keiner Weise verhängnisvoll … und doch bedurfte es einer Willensanstrengung, um den Turm herumzustehen und auf den Einstieg zu starren. Ich bemerkte, wie die Anthropologin ihr schwarzes Kästchen kontrollierte und erleichtert war, dass kein rotes Licht aufleuchtete. Im anderen Fall hätten wir unsere Untersuchung abbrechen und uns anderen Dingen zuwenden müssen. Und das wollte ich nicht, trotz eines Anflugs von Angst.

»Was glaubt ihr, wie tief es da hinuntergeht?«, fragte die Anthropologin.

»Denkt daran, dass wir uns nur auf unsere Messungen verlassen sollten«, antwortete die Psychologin mit einem leichten Stirnrunzeln. »Zahlen lügen nicht. Dieses Gebäude hat, der Anthropologin zufolge, einen Durchmesser von 18,71 Meter und ragt 20 Zentimeter über dem Boden auf. Der Treppenschacht ist genau nach Norden ausgerichtet, was uns vielleicht etwas über seine Entstehung verrät, irgendwann mal. Es besteht aus Stein und Muschelkalk, nicht aus Metall oder Ziegeln. Das sind Tatsachen. Dass es nicht auf den Karten verzeichnet ist, heißt nur, dass vielleicht ein Sturm den Eingang freigelegt hat.«

Ich fand das Vertrauen der Psychologin in Zahlen und ihre Erklärung, warum der Turm auf den Karten fehlte, merkwürdig … zärtlich? Vielleicht wollte sie uns nur beschwichtigen, aber ich würde gerne glauben, sie versuchte auch, sich selbst zu beruhigen. Sie war in einer schwierigen Lage, sollte uns führen und wusste vielleicht mehr als wir, und das macht einsam.

»Ich hoffe, es geht nur bis knapp unter die Radieschen, und dann können wir mit dem Kartieren weitermachen«, sagte die Vermesserin und versuchte dabei fröhlich zu klingen, aber auch sie merkte gleich, wie die »Radieschen von unten ansehen« durch ihre Syntax geisterte und sich ein betretenes Schweigen breitmachte.

»Wisst ihr, ich glaube immer noch, dass wir es mit einem Turm zu tun haben«, gestand ich schließlich. »Ich kann da einfach keinen Tunnel sehen.« Mir schien es wichtig, diese Unterscheidung zu machen, bevor wir hinabstiegen, auch wenn sie deshalb vielleicht an meinem geistigen Zustand zweifelten. Für mich war das ein Turm, der in die Erde führte. Der Gedanke, dass wir hier auf seiner Spitze standen, machte mich leicht schwindelig.

Die drei starrten mich an, als wäre dieses merkwürdige Wehklagen in der Dämmerung von mir gekommen, und nach ein paar Augenblicken sagte die Psychologin widerwillig, »Wenn du dich damit besser fühlst, sollte das kein Problem sein.«

Wieder machte sich unter den Baumkronen Schweigen breit. Ein Käfer drehte seine Runden nach oben Richtung Äste und hinterließ eine Spur aus Staub. Ich glaube, in diesem Moment verstanden wir alle, dass wir erst jetzt wirklich in Area X angekommen waren.

»Ich gehe als Erste und schau mal, was es da unten gibt«, sagte die Vermesserin schließlich, und wir waren glücklich, uns ihr zu fügen.

Der Einstieg zum Treppenschacht fiel in einer Krümmung steil nach unten ab, und die Stufen waren so schmal, dass die Vermesserin rückwärts hineinging. Mit Stöcken befreiten wir den Eingang von den Spinnennetzen, während sie sich vor den Einstieg hockte. Sie wippte vor und zurück, die Waffe quer über den Rücken, und schaute uns an. Die Haare hatte sie sich zu einem Pferdeschwanz gebunden, was ihre Gesichtszüge streng und verhärmt wirken ließ. War das der Moment, in dem wir sie hätten aufhalten sollen? Einen anderen Plan entwickeln? Wenn ja, dann traute sich keine uns.

Mit einem schrägen Grinsen sah sie uns prüfend an, dann tauchte die Vermesserin hinab ins Dunkel, das schließlich nur noch ihr fahles Gesicht umrahmte und dann auch das nicht mehr. Die plötzliche Leerstelle schockierte mich so, als hätte sich eben das genau Gegenteil ereignet: als wäre plötzlich ein Gesicht im Dunkel sichtbar geworden. Ich schnappte nach Luft, was mir einen scharfen Blick der Psychologin einbrachte. Die Anthropologin bekam von all dem nichts mit, weil sie immer noch auf den Einstieg starrte.

»Ist alles in Ordnung?«, rief die Psychologin der Vermesserin hinterher. Vor ein paar Sekunden war noch alles in Ordnung gewesen. Warum sollte es jetzt anders sein?

Die Vermesserin antwortete mit einem scharfen Grunzen, als würde sie mir zustimmen. Noch ein paar Sekunden lang konnten wir hören, wie sie mit den schmalen Stufen kämpfte. Dann herrschte Stille, und dann andere Bewegungen, ein anderer Rhythmus, der sich einen schrecklichen Augenblick lang anhörte, als gäbe es eine zweite Geräuschquelle.

Aber schließlich drang die Stimme der Vermesserin zu uns hoch. »Bis zu diesem Stockwerk alles in Ordnung.« Dieses Stockwerk. Etwas in mir jubilierte, dass meine Vision eines Turms noch nicht widerlegt war.

Das war das Signal für die Anthropologin und mich, hinabzusteigen, während die Psychologin Wache hielt. »Dann los«, sagte die Psychologin mechanisch, als wären wir in der Schule und die Klasse würde hinausgeschickt.

Ein Gefühl durchfuhr mich, das ich nicht richtig deuten konnte, und einen Augenblick lang hatte ich schwarze Flecken vor den Augen. Ich folgte der Anthropologin so ungeduldig durch die Reste der Spinnweben und mumifizierten Insektenhüllen hinunter in die leicht salzige Kühle, dass ich fast über sie stolperte. Mein letztes Bild der Welt oben: Die Psychologin starrte leicht stirnrunzelnd auf mich hinab, und hinter ihr die Bäume, das strahlende Blau des Himmels fast blendend gegen die Dunkelheit des Treppenhauses.

Unter mir tanzten Schatten über die Wände. Es wurde deutlich kühler, und alle Geräusche schienen gedämpft, die weichen Stufen absorbierten unsere Schritte. Sie endeten etwa sechs Meter unter der Oberfläche, und es öffnete sich ein unteres Stockwerk. Die Deckenhöhe betrug etwa zweieinhalb Meter, das heißt, wir hatten gute drei Meter Stein über uns. Die Lampe des Sturmgewehrs der Vermesserin gab dem Raum Licht, aber sie stand von uns abgewandt und untersuchte die Wände, die grauweiß und bar jeglicher Verzierung waren. Ein paar Risse zeugten entweder von verstrichener Zeit oder plötzlichen Belastungen. Das Stockwerk hatte den gleichen Durchmesser wie die oberirdische Spitze, was noch einmal die Vorstellung eines massiven Gebäudes unterstützte, das im Boden vergraben war.

»Es geht weiter hinunter«, sagte die Vermesserin und deutete mit dem Gewehr auf das Stück Wand, das genau gegenüber der Stelle lag, an der wir dieses Stockwerk betreten hatten. Wir sahen einen runden Torbogen, dessen Schwärze weitere Treppenstufen erwarten ließ. Ein Turm, wodurch dieses Stockwerk eher zu einem Treppenabsatz oder zum Teil des Rondells wurde. Die Vermesserin ging auf den Torbogen zu, während ich weiterhin mit meiner Taschenlampe die Wände untersuchte. Ihre völlige Leere faszinierte mich. Ich versuchte, mir die Erbauer vorzustellen, aber ohne Erfolg.

Wieder fiel mir die Silhouette des Leuchtturms ein, so wie ich sie am späten Nachmittag unseres Tages im Basislager gesehen hatte. Wir nahmen an, dass das fragliche Gebäude ein Leuchtturm war, weil die Karten dort einen Leuchtturm verzeichneten, und weil jede von uns vor Augen hatte, wie ein Leuchtturm aussehen sollte. Die Vermesserin und die Anthropologin hatten sich sogar erleichtert gezeigt, als sie den Leuchtturm entdeckten. Dass er sowohl auf der Karte als auch ganz real auftauchte beruhigte sie, gab ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Und dass sie wussten, wofür er da war, beruhigte sie noch mehr.

Mit dem Turm war es das genaue Gegenteil. Wir konnten seine Konturen nicht mal erahnen. Wir hatten keine Vorstellung, welchem Zweck er diente. Und selbst jetzt, während wir dabei waren, in ihn hinabzusteigen, gab er uns immer noch keinen Fingerzeig. Die Psychologin mochte die Abmessungen der »Spitze« des Turms vortragen, aber die bedeuteten überhaupt nichts, hatten keinerlei Bezug. Und sich ohne Bezug an Zahlen zu klammern, war eine Art von Wahnsinn.

»Der Kreis ist völlig regelmäßig, auch hier innerhalb der Mauern, das Gebäude ist wohl mit großer Präzision errichtet worden«, sagte die Anthropologin. Das Gebäude. Sie hatte sich offenbar schon vor der Vorstellung eines Tunnels verabschiedet.