Ausnahmezustand Pubertät - Michael J. Bradley - E-Book

Ausnahmezustand Pubertät E-Book

Michael J. Bradley

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Beschreibung

Ihr Survival-Guide für eine verrückte Zeit

Stimmungsschwankungen, Impulsivität, kompletter Rückzug oder offene Kriegserklärung... Klingt das nach Ihrem Teenager?
In der Pubertät sind junge Menschen extremem Stress ausgesetzt: Überbelastung in Schule und Freizeit, Schlafmangel und permanente Reizüberflutung durch Smartphone, Soziale Medien und Co. Kein Wunder, dass sie manchmal einfach durchdrehen. Und als Eltern steht man hilflos daneben und versteht die Welt nicht mehr.

Dr. Michael J. Bradley weiß, worunter Jugendliche und Eltern leiden, und was zu tun ist: Das Zauberwort lautet "Resilienz". Nur resiliente Jugendliche sind ausgeglichen und fühlen sich den Herausforderungen des Lebens gewachsen. Mit Dr. Bradleys einfachen und wirkungsvollen Methoden dringen Sie wieder durch zu Ihrem Kind und vermitteln ihm das nötige Werkzeug, das es braucht, um auch mit Schwierigkeiten und Rückschlägen umzugehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ausnahmezustand Pubertät

Wie Sie mit Liebe und Humor die turbulente Zeit überstehen.

Dr. Michael J. Bradley

1. Auflage 2018

Aus dem Amerikanischen von Christiane Bernhardt

Zitat

In Erinnerung an Virginia Smith-Harvey-Dawson. Für meine Kinder Sarah und Ross: Ihr beide habt mich, jeder auf seine Weise, in den Wahnsinn getrieben! Von Euch habe ich aber auch mehr über Liebe erfahren, als ich mir je hätte vorstellen können. Danke für das Abenteuer.

Vorwort

Herzlich willkommen zu dem Abenteuer, das Sie am meisten frustrieren, befriedigen, deprimieren, beflügeln, zur Weißglut treiben und begeistern, Ihnen den Schlaf rauben und Sie manchmal in Angst und Schrecken versetzen wird: die Erziehung eines frisch »geschlüpften« Teenagers im 21. Jahrhundert. Theoretisch weiß ich das eine oder andere über die genannten Emotionen, da ich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Teenagern und ihren Eltern arbeite. Praktisch – und mit dem Herzen – weiß ich sogar noch mehr darüber, da ich während der letzten beiden Wochen selbst all diese Gefühlslagen durchlebt habe: als Vater eines solchen Teenagers. Gestern Nachmittag um 15 Uhr wollte ich an meinen Schreibtisch. Aufgrund einer akuten Teeniekrise wurde daraus jedoch nichts. Die Situation war so schlimm, dass ich meine beste Freundin Cindy fragte (die nicht nur ebenfalls Pubertätsexpertin, sondern auch meine Ehefrau ist), ob gerade wirklich der richtige Zeitpunkt sei, einen Elternratgeber zu schreiben. Ich sagte zu ihr, dass ich an den guten Tagen das Gefühl hätte, etwas Hilfreiches sagen zu können. Ganz anders sehe es an den schlechten Tagen aus. Cindy überlegte kurz und sagte dann: »Schreibe nur an den schlechten Tagen, dann fühlen sich die Eltern wirklich von dir verstanden.«

Cindy erinnerte mich an etwas, das uns bei vielen Büchern über die Erziehung von Teenagern negativ aufgefallen war. Häufig sind die Bücher voller Informationen, die zwar nützlich, aber auch zutiefst frustrierend sind. Es ist so, als erzählte jemand von oben herab, dass alles eigentlich ganz einfach sei. Noch schlimmer machen es die gutmeinenden Autoren, wenn sie von ihren eigenen »schrecklichen pubertierenden Kindern« erzählen – die am Ende mit Einserabschlüssen auf die besten Universitäten gehen. Als ob ihre filmreifen Happy Ends uns die Sicherheit geben könnten, dass schon alles gut gehen wird. Wir – die »echten« Eltern – wissen allerdings, dass es wahrscheinlicher ist, dass unsere Kinder von Aliens entführt werden, als dass sie ein Stipendium für ihr Studium ergattern. Aber liegt es eigentlich an uns selbst, dass wir manchmal so große Schwierigkeiten haben, unsere Teenager zu erziehen? Sind wir unfähig oder vielleicht einfach zu dumm?

Maggie, eine meiner Klientinnen, kam eines Tages aufgebracht in meine Praxis. Sie zitierte aus einem Elternratgeber: »Diese Expertin behauptet, dass ich meine Emotionen nicht unter Kontrolle hätte, weil ich hin und wieder ausraste. Meine Tochter würde in solch einer Situation wohl sagen: ›Ach, nee, wirklich?‹ Dr. B., wissen Sie zufällig, ob diese Frau ein Kind hat?« Eine Woche zuvor war Maggies Tochter um ein Uhr morgens vom Beifahrersitz eines Motorrads abgestiegen, mit Bierfahne und ohne Helm. »Ich glaube kaum«, fuhr Maggie fort. »Manchmal schreie ich einfach los, obwohl ich weiß, dass es dumm ist. Also bin ich wohl so dumm, dass mir nicht mehr zu helfen ist.«

Natürlich ist Maggie nicht dumm und weder Sie noch ich sind es. Es ist nur so, dass es wirklich, wirklich schwierig ist, heutzutage einen Teenager großzuziehen. So schwierig, dass es uns manchmal richtig an die Substanz geht. Es kann herausfordernder sein als alles, was Sie je erlebt haben, und Sie dazu bringen, Dinge zu tun, von denen Sie eigentlich wissen, dass sie nicht richtig sind. Sogar außerordentlich starke Menschen gehen vor dieser Herausforderung in die Knie, wie ein anderer meiner Klienten.

Kein Witz

»Ich möchte Ihnen etwas über mich erzählen«, sagte Jim mit sanfter Stimme. »Zwanzig Jahre lang habe ich in der Armee gedient. Ich war bei drei Kampfeinsätzen dabei und habe die schrecklichsten Dinge erlebt.« Er lehnte sein wettergegerbtes Gesicht nach vorne, kniff die Augen zusammen und sah mich direkt an. »Nichts von alldem hat mir so viel Angst eingejagt, mich dermaßen verrückt und hilflos gemacht, wie Vater einer 14-Jährigen zu sein. Kein Witz.«

Während ich seufzte und ihm zustimmend zunickte, fiel mir das Mantra eines meiner alten Professoren ein: Nichts auf dieser Welt macht uns verletzlicher als das Leben unserer Kinder.

Manche Elternratgeber klingen, als wären sie von Gewinnern der großen Kinderlotterie geschrieben worden. Sie wissen schon, die mit den perfekten Kindern, die nicht einmal wissen, dass sie das große Los gezogen haben. Die Experten, die zwar möglicherweise mit schwierigen Kindern arbeiten, deren schlimmstes Elterntrauma im Privaten aber ein unerlaubtes Nasenpiercing war. Wenn sich ein geschmückter Nasenflügel als größtes Teenie-Desasters herausstellt, haben sie wirklich keine Ahnung davon, wie schwer das Leben von Eltern anstrengender Halbwüchsiger sein kann. Schwierige Teenager zu beraten, kann man absolut nicht damit vergleichen, sie großzuziehen. Wie Sie im Laufe dieses Buchs feststellen werden, ist das etwas, womit ich mich sehr gut auskenne – da ich beides tue. Von Paaren, die sich einen nagelneuen Porsche kaufen, oder von Eltern eines idealen Teenagers bin ich nicht sonderlich beeindruckt. Aber von den Leuten, die eigenhändig eine alte Rostlaube restaurieren, von den Eltern, die nicht aufgeben, für das Wohlergehen ihres ganz und gar nicht einfachen Teenagers zu kämpfen – vor diesen Menschen habe ich den größten Respekt.

Um fair zu bleiben: Die meisten Eltern von Teenagern (vor allem Psychologen, die Bücher über das Thema schreiben) erzählen nicht die ganze ungeschönte Wahrheit über ihre Kinder. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Während eines Fußballturniers an der Schule ihres Kindes sitzen Sie in den Rängen und hören den anderen zu. Elternteil eins fängt an: »Unser Brendan wurde zum Medizinstudium an einer der renommiertesten Universitäten zugelassen«. »Wie großartig«, erwidert Elternteil zwei. »Unsere Susan beginnt voraussichtlich im nächsten Semester mit ihrem Jurastudium.« Wenn Sie die Gedanken der beiden lesen könnten, würden Sie im Kopf von Brendans Vater wahrscheinlich etwas sehen wie »... allerdings hängt das von der Strafe ab, die der Richter verhängt, da Brendan seine Ex-Freundin auf Facebook bedroht hat.« Bei Susans Mutter sähe es auch nicht rosiger aus: »... es sei denn, wir müssen Susan einweisen lassen, da sie jeden Tag kifft.« Die meisten Eltern überforderter Teenager leiden einsam und leise, sie fühlen sich wie Idioten und Versager und denken, nur ihre Kinder verbocken die Schule und ihre Zukunftschancen. Tatsache ist aber, dass die meisten Teenager ein bisschen verrückt sind, viele sogar sehr, und sie alle können uns in den Wahnsinn treiben.

Bei Partys mit meinen Akademikerfreunden macht es mich nicht gerade beliebt, wenn ich sage, dass Teenager ein bisschen verrückt sind. Viele beschweren sich darüber, dass ich die Teenager in meiner Arbeit zu negativ darstellen würde. Sie sagen sogar, ich würde andeuten, dass Teenies geistig umnachtet und nicht ganz normal seien. Diese Sicht, meinen die Kollegen, führe dazu, dass sich Eltern weniger auf ihre Kinder einließen und so der Eltern-Kind-Beziehung schadeten. Ich erwidere darauf, dass Jugendliche wirklich gewissermaßen verwirrt sind. Und dass diese geistige Verwirrung daher rührt, dass ihre Gehirne noch nicht voll entwickelt sind und dass sie sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die sich heute schneller dreht als je zuvor. Dass die »Umnachtung« also völlig normal ist. Heranwachsende machen tatsächlich Dinge, die uns völlig irrational erscheinen, als ob sie keinerlei Gefühl für die Realität hätten. Ich meine aber, dass wir unsere Kinder in Gefahr bringen, wenn wir über diese Fehleinschätzungen hinwegsehen, da wir ihnen Situationen zumuten, mit denen sie noch nicht umgehen können. Die Eltern-Kind-Beziehung ist in Gefahr, wenn Eltern nicht akzeptieren, dass ihre pubertären Lieblinge ein wenig verrückt sind. Dann stellen sie zu hohe Ansprüche an ihre Sprösslinge und interpretieren das verrückte Verhalten als persönlichen Angriff gegen sie selbst.

Aber bei allen Problemen: Teenager sind auch ganz wunderbare Wesen. Das Wort »verrückt« kann »umnachtet« bedeuten, im Lexikon finden sich aber noch weitere Definitionen: »extrem enthusiastisch, leidenschaftlich, schwärmerisch, verliebt« – und all diese Zuschreibungen passen zu Teenagern genauso wie »verrückt«. Darüber hinaus können sie auch kreativ, mitfühlend, einsichtig und großzügig sein. Sie entsprechen also auch all dem, was wir als absolut wünschenswerte Eigenschaften bezeichnen. Und das obwohl sie unter extremem Stress stehen. Genau deshalb sind diese »Verrückten« auch meine Helden.

Natürlich ist es einfach über die guten Eigenschaften von Teenagern zu sprechen, wenn sich gerade kein anstrengender Teenie in der Nähe aufhält. Viel schwieriger ist es, sich daran zu erinnern, wenn man sich gerade von Krise zu Krise schleppt, sich fragt, warum man überhaupt jemals Kinder wollte. Obwohl W.C. Fields Frauen meinte, hätte er mit folgendem Satz ebenso gut über Teenager sprechen können:

»[Sie] sind wie Elefanten. Schön anzusehen, aber ich möchte keinen besitzen.«

Wenn Sie nun aber schon einen Teenager im Haus haben, kann Sie dieses Buch vielleicht dabei unterstützen, das Zusammenleben besser zu gestalten. Ich kann Ihnen natürlich nicht versprechen, dass ihr Kind am Ende eine Eliteuniversität besuchen wird, aber ich kann Ihnen etwas – wie ich finde – viel Besseres mit auf den Weg geben: die Fähigkeiten, die es braucht, um die schlechten Zeiten zu überstehen, das Verständnis, um die guten wertzuschätzen, und das Wissen, wie man einen jungen Erwachsenen so formt, dass man ihn letztlich gerne noch viel länger bei sich behalten hätte. Wie schwierig die Situation im Moment auch sein mag, ich verspreche Ihnen, dass Sie das schaffen können.

Eigentlich verdanken Sie nicht mir dieses Wissen, sondern den Familien, die ich während der letzten drei Jahrzehnte durch turbulente Teenagerjahre begleitet habe. Die Beispiele, die ich heranziehe, beruhen auf realen Fällen. Die Schilderungen basieren auf Notizen aus meinen Akten, die ich in der Hoffnung, sie irgendwann anderen mitzuteilen, nach besonders intensiven Therapiestunden gemacht habe. Ich habe festgestellt, dass sie das Wissen weit besser vermitteln, als ich es in meinen eigenen Worten könnte. An Stellen, wo es mir sinnvoll erscheint, habe ich auch Einträge aus meinem persönlichen Tagebuch eingefügt.

Was ich Ihnen als Eltern von Teenagern nicht mit auf den Weg geben muss, ist das Herz, das Sie brauchen werden. Das haben Sie bereits, sonst würden Sie dieses Buch nicht lesen. Am Ende dieser wortreichen Reise werden Sie feststellen, dass es wirklich auf Ihr Herz ankommt, das Ihnen dabei helfen wird, das Leben ihres Teenagers zu schützen. Es kann der Herzgesundheit zugutekommen, wenn wir uns daran erinnern, dass wir diese Geschöpfe nicht »besitzen«, sondern allenfalls für kurze Zeit »leasen«. Auch wenn sich diese kurze Zeit ewig anfühlt. Mutter Natur oder Gott (oder wem auch immer Sie die Schuld geben wollen) hat uns diese halbfertigen Menschenkinder in die Hände gelegt, damit wir uns um sie kümmern, während sie die aufregende und oftmals beängstigende Reise ins Erwachsensein antreten. Eigentlich dauert diese Phase ja nicht wirklich lange. Aber gefühlt zieht sie sich e-w-i-g. Das Wissen, dass all das bald vorbei ist, kann Ihnen dabei helfen, zielgerichtet zu bleiben. Und der Spuk wird vorübergehen, überraschenderweise sogar schneller, als Sie glauben.

Erinnern Sie sich noch daran, als ich sagte, dass die Erziehung eines Teenagers im 21. Jahrhundert das Abenteuer sei, das Sie am meisten frustrieren, befriedigen, deprimieren, beflügeln, zur Weißglut treiben und begeistern, Ihnen den Schlaf rauben und Sie manchmal in Angst und Schrecken versetzen werde? Genauso wird es sein. Es wird auch zum Wichtigsten gehören, was Sie jemals tun werden. Und im Rückblick wird es Sie mit großer Zufriedenheit erfüllen.

Bitte anschnallen, es geht los!

Einleitung

Die Neurowissenschaften haben unser gesamtes Verständnis von der Pubertät verändert. Seit Dr. Jay Giedd im Jahr 1991 (während seiner Zeit am nationalen Institut für Geistesgesundheit) davor warnte, dass das Gehirn von Teenagern nicht sonderlich gut funktioniere, konnte eine ganze Reihe von Wissenschaftlern beeindruckende Ergebnisse zur Gehirnfunktion (oder dazu, inwiefern das Gehirn eben nicht funktioniert) während der Adoleszenz erzielen und somit die neurologische Sicht auf die Pubertät revolutionieren. In den folgenden Jahrzehnten gelang es uns allerdings nicht, dieses neue Wissen anzuwenden, um das Leben unserer Teenager zu erleichtern. Wie Sie in Kürze feststellen werden, ist es sogar so, dass das Leben von Teenagern heute schwieriger ist, als während der letzten 50 Jahre, in denen wir so viele Daten über sie gesammelt haben.

Als Jay 2002 das Vorwort für mein erstes Buch verfasste, sagte er bereits einige der Gründe für diese Schwierigkeiten voraus. Wie recht er damit haben sollte, war ihm damals nicht bewusst:

Während sich die biologischen Funktionen des Teenagergehirns während der letzten Jahrtausende wahrscheinlich nicht stark verändert haben, hat sich die Lebenswelt vollkommen verwandelt. Teenager stehen heutzutage einer schwindelerregenden Anzahl an Wahlmöglichkeiten, wirksameren und suchterzeugenderen Drogen und, durch die (neuen) Medien vermittelt, viel mehr Darstellungen von Sex gegenüber. Steinzeitimpulse treffen heute auf die Versuchungen des Computerzeitalters.(1)

Dieser Cocktail aus neurologischen Gegebenheiten sowie technologischem und kulturellem Wandel hat sich als beängstigend starker Stresskatalysator erwiesen, der in den Jahren, seit Jay ihn beschrieben hat, immer mächtiger wurde. Das Computerzeitalter hat unsere Kultur erheblich und mit größter Geschwindigkeit verändert, etwas, das zu nie gekanntem Stress für unsere Teenager führt. Das Ergebnis: Die Teenies leiden. Wir Eltern haben aber ein ebenso wirkungsvolles Mittel, um unsere Kinder zu schützen: unsere Liebe. Ich möchte Ihnen zum einen wissenschaftliche Kenntnis über die neurologische Entwicklung während der Pubertät vermitteln, zum anderen den aktuellen Wissensstand zum Thema »Resilienz« [was so viel bedeutet wie psychische Widerstandskraft, also die Fähigkeit, Krisen bewältigen zu können] bei Teenagern. Zusammengenommen können diese beiden Ansätze Ihre Kinder wirksam schützen, und sie vor den Bedrohungen unserer Welt bewahren.

In meinem Buch werden Sie ziemlich häufig über militärische Metaphern stolpern. Mir ging es wie Jim, dem Klienten, den ich im Vorwort zitiert habe: Auch für mich war es eine größere Herausforderung, einen Teenager großzuziehen, als den Militärdienst abzuleisten. Die militärische Ausbildung kann für die Aufgaben, denen wir als Eltern gegenüberstehen, aber sehr hilfreich sein. Ernsthaft! Wenn alles drunter und drüber geht, können sowohl Soldaten als auch Eltern besser mit der Situation umgehen, wenn sie einer klaren Mission – dem obersten Ziel – folgen, dabei durch kluge Strategien, quasi Etappenziele, unterstützt werden, die wiederum mittels spezifischer Taktiken – situationsbedingter To-Dos – erreicht werden. Diese drei Kernelemente helfen Soldaten, Lehrern und vor allem Eltern dabei, reflexartige destruktive Reaktionen (Ihrem Kind eine Ohrfeige verpassen, weil es gelogen hat) durch Reaktionen zu ersetzen, die viel besser wirken (einfach weggehen – bitte vertrauen Sie mir bei diesem Beispiel vorerst).

Dieses Organisationsmodell hilft uns dabei, unsere eingebauten Elterninstinkte zu überschreiben. Die Instinkte, die uns innerhalb einer Nanosekunde davon überzeugen, dass es befriedigend und effektiv sei, unserem pubertären Kind wehzutun, nachdem es uns wehgetan hat. Das Problem dabei ist, dass so etwas tatsächlich befriedigend und effektiv sein kann – aber eben nur für diese Nanosekunde. Und schon eine weitere Sekunde später werden wir von schrecklichen elterlichen Schuldgefühlen heimgesucht.

Aber haben Sie überhaupt je darüber nachgedacht, was für ein Ziel Ihre Mission hat? Wahrscheinlich nicht, was ein bisschen beunruhigend ist, da eigentlich alles, was wir als Eltern unternehmen, auf das eine Ziel ausgerichtet sein sollte: Unsere Kinder dabei zu unterstützen, mit den gegenwärtigen Herausforderungen umgehen zu können.

Im ersten Teil dieses Buches wird es daher darum gehen, ein klares Erziehungsziel zu definieren. Um dieses Ziel zu definieren, beschäftigen wir uns mit den Herausforderungen, mit denen Teenager heutzutage konfrontiert werden. Das Wissen darüber wird uns auch helfen, einfühlsamer auf unsere Kinder zu reagieren, was uns manchmal schwerfällt, da wir denken, genau darüber Bescheid zu wissen, wie sich das Leben in der Pubertät anfühlt. Allerdings: Das tun wir keineswegs. Auch wenn Sie Ihre eigene Pubertät erst vor zwanzig Jahren durchlebt haben, wissen Sie es dennoch nicht mehr. Eher wenige Falten zu haben – also noch relativ jung zu sein – macht Sie sogar noch anfälliger dafür, zu glauben, Sie wüssten genau, wie sich Ihr Teenie in einer bestimmten Situation verhalten solle. Besser ist es zu sagen, dass wir alt und von Natur aus leicht dement wären: »Ich habe völlig vergessen, wie es sich anfühlt ein Teenager zu sein. Kannst Du es mir bitte sagen?« Das wird sich sicherlich als schlaue Strategie erweisen.

Der erste Teil des Buches führt Sie in die Welt der Teenager ein. Dies umfasst neurowissenschaftliche Kenntnisse über pubertierende Gehirne (die häufig nicht sonderlich gut funktionieren), die erstaunlichen Auswirkungen neuer Technologien (die viel zu gut funktionieren) und die verrückte Welt, die die Teenies umgibt (die beängstigend gut darin ist, ungesundes Verhalten zu bestärken). Wenn gruselige Filme nicht Ihr Ding sind, sollten Sie Teil 1 lieber nicht vor dem Schlafen lesen.

Im zweiten Teil wird ein zuversichtlicherer Ton angestimmt. Wir beginnen damit, die nötigen Strategien zu definieren, mit denen Sie Ihre Kinder dabei unterstützen, die Fähigkeiten zu entwickeln, die diese nicht nur benötigen, um durch die Pubertät zu kommen, sondern um währenddessen auch aufzublühen. Diese Fähigkeit, die man all den Teenagern zuspricht, die sich gut entwickeln, heißt Resilienz. Im zweiten Teil lernen Sie also spezifische Taktiken kennen, die Sie für die resilienzfördernden Strategien benötigen. Das Gute an Resilienz ist, dass diese nicht nur vererbt wird, sondern jeder diese Fähigkeit erlernen kann. Das bedeutet, dass alle Teenies – trotz temporärer »Umnachtung« – Aussicht auf ein glückliches Leben haben. Bitte beachten: Wenn Sie von sich und Ihrem Kind wenig erwarten, werden Sie wahrscheinlich auch wenig bekommen. Besser ist es, sich für das Schlimmste zu wappnen und auf das Beste hinzuarbeiten. Erziehung, die Resilienz fördert, funktioniert bei Teenagern, die sich positiv entwickeln, ausgesprochen gut. Was viele Menschen jedoch überrascht, ist, dass sie bei den Jugendlichen, die in der Pubertät schwere Kämpfe ausfechten, sogar noch besser funktioniert.

Im dritten Teil werden die Kenntnisse des ersten und zweiten Teils zu praktischen Vorschlägen für verschiedene »hochexplosive« Familiensituationen zusammengefügt. Hier bekommen Sie Vorschläge an die Hand, wie Sie Alltagsherausforderungen auf konstruktive Weise lösen können und Ihrem Teenager so dabei helfen, widerstandsfähiger zu werden. Springen Sie nun aber nicht gleich zu diesen Kapiteln. Sie müssen zuerst die grundlegenden Prinzipien verstehen, um diese im zweiten Schritt anwenden zu können, und noch wichtiger, um diese den individuellen Bedürfnissen Ihres Kindes anpassen zu können. Dieses Wissen wird Ihnen das Vertrauen geben, die wohl anspruchsvollste und zugleich erfüllendste Aufgabe ihres Lebens zu meistern.

Aber da gibt es noch etwas, das Sie unbedingt brauchen. Eine klare Mission, kluge Strategien und wirksame Taktiken zeigen keinerlei Wirkung ohne diese mysteriöse Energie namens Liebe, die alles mit selbstloser, leidenschaftlicher Kraft verbindet. Wenn Sie einen heldenhaften Soldaten fragen, warum er sein Leben riskiert hat, wird er normalerweise nicht antworten »Ich wollte meine Mission erfüllen«. Er wird leise sagen, dass es ihm am Ende darum ging, seine Kameraden zu retten. Die Eltern, die ich kenne, würden ihr Leben ohne zu zögern für das ihres Kindes opfern. Um im »Eltern-ärgert-euch-nicht« zu gewinnen, ist es ratsam die Kraft der Liebe zu kanalisieren – etwas, das Sie hier lernen werden. Auf Liebe allein zu vertrauen, hilft genauso wenig, wie nur auf eine gute Strategie zu bauen. Vielleicht tröstet es Sie, zu erfahren, dass der stärkste Ausdruck elterlicher Liebe häufig nicht darin besteht, so flauschig-freundlich zu sein wie die Eltern in Filmen. Etwas, das auch dieser Vater auf die harte Tour lernen musste:

»Ich habe sie unendlich lieb«

Tom seufzte schwer. Er war gerade ans Ende seiner Beschreibung der letzten Woche mit seiner 14-jährigen Tochter gelangt. Sie war in zwei Nächten einfach für einige Stunden verschwunden, in Toms Worten, »mit der Teufel weiß wem«. Tränen füllten seine sonst harten Augen. »Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie es in mir aussieht, wenn sie mitten in der Nacht, mitten im Winter, einfach verschwindet«. Wir schwiegen eine Weile, dann redete er weiter: »Soll ich Ihnen etwas Seltsames erzählen? Als sie ein kleines Mädchen war, bevor sie durchgeknallt ist, dachte ich, ich würde sie immer lieben. Aber diese Woche habe ich sie gehasst und war sicher, dass ich ihr nie dafür vergeben würde, was sie mir und meiner Frau angetan hat. Und als sie letzte Nacht endlich nach Hause kam, konnte ich ihr doch verzeihen und konnte sogar sagen, dass ich sie liebe. Jetzt weiß ich, dass echte Elternliebe nicht dieses zuckrig süße Gefühl ist. Sondern dieses Mitten-in-der-Nacht-ich-werde-dich-für-immer-hassen-Gefühl, das dich an deine Grenzen bringt, nur damit du merkst, dass du sie am Ende trotzdem unendlich liebhast, auch wenn du sie zugleich am liebsten umbringen würdest.«

Tom hatte Recht, wenn wir einen Teenager großziehen, fühlt sich Liebe oft nicht schön an, aber nur mit Liebe funktioniert es.

Bevor wir weitermachen, muss ich Ihnen noch etwas mitteilen: Einen großen Unterschied gibt es zwischen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen und dem Militär. Militärische Planung erfordert immer eine Rückzugsstrategie. So etwas ist mit Kindern ausgeschlossen. Es kann sein, dass Ihr Kind sich von Ihnen zurückzieht. Aber Sie können sich Ihrem Kind – unter keinen Umständen – verschließen. Selbst wenn Sie manchmal größte Lust dazu haben. Sie müssen dabeibleiben. Der heilige elterliche Schwur lautet: Sie dürfen das, was Ihr Kind tut hassen, aber niemals Ihr Kind. Sie müssen (sich selbst) schwören, dass Sie der bedingungslosen elterlichen Liebe die Treue halten, komme was möge. Dieses unzerstörbare Band wird zum Rettungsanker, wenn Ihr Kind hilflos in unruhigen Gewässern ringt. Beim Aufziehen eines Kindes ist Rückzug einfach keine Option. Wenn Sie nun bereit sind, blättern Sie um und wir beginnen die Reise in die Welt Ihres Teenagers. Wissen Sie, was über Paranoia gesagt wird? Lesen Sie weiter und finden Sie es heraus.

Inhaltsverzeichnis

Ausnahmezustand Pubertät

Wie Sie mit Liebe und Humor die turbulente Zeit überstehen. Aus dem Amerikanischen von Christiane Bernhardt

Zitat

Vorwort

Einleitung

Teil I Die Bedeutung von Resilienz für Teenager

1 Die Welt hat sich verändert

2 Mit den Kindern stimmt etwas nicht

2.1 Früher war alles anders

2.1.1 Wer hat Kontrolle über mein Leben?

2.1.2 »Und worin liegt der verdammte Sinn des Lebens?«

2.1.3 Doch nicht mein Kind

2.2 Die richtige Dosis Langeweile kann gut sein

2.3 Alles dreht sich um mich

3 Mit der Welt der Kinder stimmt etwas nicht

3.1 Aufrüstung durch neue Technologien

3.2 Teenager neigen zur Selbstzerstörung

3.3 Süße Verführung: Werbung zahlt sich aus 

3.3.1 Drogen, gegen die Sie angehen müssen

3.3.2 Zu frühe Versuchungen

4 Und plötzlich ist alles anders: Das Gehirn im Umbau

4.1 Was passiert gerade mit meinem Kind?

4.2 Auswirkungen der Gehirnverdrahtung

4.2.1 Wann beginnt diese »wundervolle« Phase eigentlich?

4.2.2 Und wann ist der Umbau fertig?

4.2.3 Bitten sagen Sie doch mal etwas Positives

4.3 Warum tut Mutter Natur uns das an?

4.4 Pflegeleichter Sohn, aggressive Tochter?

4.5 Zusammenarbeit mit einem Teenager

4.6 Ein bisschen Modellbetrachtung: Wer bin ich?

4.6.1 Sigmund Freud: Überich, Ich und Es

4.6.2 Eric Berne: P–A–C

4.6.3 Alles hat Vorteile

5 Und wie geht es uns Eltern?

5.1 Warum bin ich traurig? Oder wütend?

5.2 Die Eltern-Einbindungs-Skala

5.3 Wie wir mit unserer Trauer umgehen können

5.3.1 Die zweite Geburt

5.3.2 Nehmen Sie das Kind so an, wie es ist

5.3.3 Ihre leise Macht

5.3.4 Erinnerung an die eigene Pubertät

5.4 Warum bin ich so verwirrt?

5.5 Was ist eigentlich mein elterliches Ziel?

Teil II Strategien und Taktiken

6 Das Mission-Strategie-Taktik-Modell

7 Resilienzstrategien

7.1 Resilienz und Glück gehen Hand in Hand

7.1.1 Andy und Pete, meine Helden

7.2 Erziehung, die Resilienz stärkt

7.3 Die Zauberkraft resilienzfördernder Erziehung

7.4 Die sieben Schlüssel zur Resilienz

7.4.1 1. Schlüssel: Kompetenz

7.4.2 2. Schlüssel: Selbstvertrauen

7.4.3 3. Schlüssel: Eine gute Beziehung

7.4.4 4. Schüssel: Charakterstärke

7.4.5 5. Schlüssel: Kontrolle

7.4.6 6. Schlüssel: Bewältigungsstrategien

7.4.7 7. Schlüssel: Sich für etwas einsetzen

7.4.8 Gemeinschaft: ein weiterer Schritt zur Resilienz

8 Taktiken: Wie all das im Alltag funktioniert

8.1 Taktiken oder Regeln

8.2 Zehn Erziehungstaktiken zur Resilienzförderung

8.2.1 Taktik Nr. 1: Bleiben Sie ruhig, wenn Ihr Kind es verbockt

8.2.2 Taktik Nr. 2: Wie man gut miteinander redet

8.2.3 Taktik Nr. 3: Wie man besser zuhört

8.2.4 Taktik Nr. 4: Wie man am Ball bleibt

8.2.5 Taktik Nr. 5: Bei Resilienz geht es um das ganze Leben

8.2.6 Taktik Nr. 6: Cool bleiben, wenn Sie als völlig uncool gelten

8.2.7 Taktik Nr. 7: Reden Sie über Ihre Wut

8.2.8 Taktik Nr. 8: Ermutigen Sie zu Identitätserkundungen

8.2.9 Taktik Nr. 9: Die Kunst der Bestechung

8.2.10 Taktik Nr. 10: Lieben Sie Ihren Partner

8.2.11 Taktik Nr. 11: Einen Witz machen

Teil III Die Dos und Don’ts resilienzbasierter Erziehung

9 Seien Sie gewappnet

10 Pubertäres Verhalten

10.1 Gefühlsausbrüche

10.1.1 Do:

10.1.2 Don’t:

10.1.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

10.2 Drogen

10.2.1 Wie wirken Drogen?

10.2.2 Erstmaliger Drogenkonsum: Do

10.2.3 Erstmaliger Drogenkonsum: Don’t:

10.2.4 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

10.2.5 Chronischer Missbrauch von Drogen: Do

10.2.6 Chronischer Missbrauch von Drogen: Don’t

10.2.7 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

10.3 Obsessive Nutzung elektronischer Geräte

10.3.1 Do:

10.3.2 Don’t:

10.3.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

10.4 Nicht schlafen können oder wollen

10.4.1 Do:

10.4.2 Don’t

10.4.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

10.5 Ein stark erhöhtes Stresslevel

10.5.1 Do:

10.5.2 Don’t:

10.5.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

10.5.4 Achtsamkeit: Stressbewältigung und -prävention

10.5.5 Die Behandlung ernsthafter Belastungsstörungen

11 Schulprobleme

11.1 »Schulhass«

11.1.1 Do:

11.1.2 Don’t:

11.1.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

11.2 Die Qual der Hausaufgaben

11.2.1 Do:

11.2.2 Don’t:

11.2.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

12 Sex- und Beziehungsprobleme

12.1 Wenn Ihr Kind in einen Macho verliebt ist

12.1.1 Do:

12.1.2 Don’t:

12.1.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

12.2 Die ersten sexuellen Erfahrungen

12.2.1 Do:

12.2.2 Don’t:

12.2.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

13 Sozialprobleme

13.1 Mobbing

13.1.1 Do:

13.1.2 Don’t:

13.1.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

13.2 Extreme Schüchternheit

13.2.1 Do:

13.2.2 Don’t:

13.2.3 Was steckt hinter den Handlungsempfehlungen?

14 Epilog

15 Dank

Teil IV Service

16 Literatur

17 Weiterführende Literatur

Autorenvorstellung

Impressum

Teil I Die Bedeutung von Resilienz für Teenager

1 Die Welt hat sich verändert

2 Mit den Kindern stimmt etwas nicht

3 Mit der Welt der Kinder stimmt etwas nicht

4 Und plötzlich ist alles anders: Das Gehirn im Umbau

5 Und wie geht es uns Eltern?

Teenager wachsen heute in einer sich sehr schnell verändernden Welt auf – dabei verändern sie sich aber auch selbst ganz massiv in der Pubertät. Daher ist es die Aufgabe von uns Eltern, ihnen das nötige Rüstzeug mitzugeben. Eine echte Herausforderung.

1 Die Welt hat sich verändert

Eine Strafe im Klosterkeller

Die endlos lange Treppe verschwand in der Dunkelheit des Kellers wie das Tor zur Hölle. Unsere Schritte hallten in dem leeren Raum. »Los, bewegt euch!«, bellte unsere Bewacherin, eine massige Nonne, die eine bizarre schwarze Ordenstracht und eine gigantische Kopfbedeckung trug – ein Bild, das selbst einen Terroristen einschüchtern würde. Wir waren fünf 13-jährige Jungs, fünf Sünder, die im Keller des Klosters eine schreckliche Strafe erwartete. An das Vergehen, für das wir bestraft wurden, kann ich mich nicht erinnern. An die Strafe dafür umso besser. Langsam gewöhnten sich unsere Augen an die Dunkelheit. Wir waren erleichtert, als wir hörten, dass uns nicht die sofortige Hinrichtung bevorstand. Stattdessen, so lautete das Kommando, sollten wir »den Keller so gründlich putzen, als käme der Heiland höchstselbst zu Besuch«. Unsere Bewacherin gab Billy Devaney eine Kopfnuss, drehte sich um und verschwand nach oben.

Billy war nicht nur der witzigste Junge, den ich bis dahin getroffen hatte, sondern höchstwahrscheinlich auch das Genie, das hinter unserer frevlerischen Tat steckte. Nicht gerade als Feigling bekannt, ging er in eine düstere Kellerecke, um kurz darauf zu rufen: »Heilige Sch**ße! Die Nonnen haben ja Unterwäsche!!« Das war richtig. Es war die Antwort auf eine blasphemische Frage, die wir uns bisher nie gestellt hatten. Auf einer Wäscheleine hing die Unterwäsche der Nonnen. Die Kleidungsstücke waren allesamt schwarz, einige waren riesig und allein der Fakt, sie zu sehen, musste eine Todsünde sein. Da wir nichts mehr zu verlieren hatten (eine Todsünde kommt ja dem direkten Weg in die Hölle gleich), nahm Billy einen riesigen BH von der Leine, zog ihn über und stopfte ihn mit Unterhosen aus. »Die sind ja gigantisch«, kreischte er, als er durch den Keller tanzte, »mindestens Doppel-D!!«

Unsere Angst, gemischt mit sexueller Erregung, explodierte in lautem Gelächter, als wir Billy dabei zusahen, wie er uns alle ins Totenreich tanzte. Plötzlich erstarrte Billy, seine ohnehin riesigen Augen wurden noch größer. Er starrte in Richtung der Treppe, auf der eine athletische Schwester, mehrere Stufen auf einmal nehmend, ihre Tracht über die Knie gerafft, nach unten stürzte. In meiner Erinnerung raste eine zornige Gigantin auf einen zitternden Zwerg zu, an dessen schmächtigem Körper ein übergroßer BH traurig herunterhing.

Aus dem persönlichen Tagebuch des Autors

Ich teile Ihnen diese alberne, nichtsdestotrotz aber wahre Geschichte mit, da sie die Mission des ersten Teils dieses Buches untermauert. Sie hilft Ihnen dabei, besser zu verstehen, was Ihr pubertätsgeplagtes Kind durchmacht. Eine Erfahrung, die der Ihren teilweise ähnelt, aber auch völlig anders ist als das, woran Sie sich erinnern. Das, was ähnlich ist, hat mit dieser uralten Phase namens Pubertät zu tun. Wahrscheinlich erinnern Sie sich aufgrund ihrer elterlichen Vergesslichkeit nicht mehr richtig daran. Diese Art von Vergesslichkeit manipuliert die Erinnerung, sodass eine Version unserer Vergangenheit entsteht, die uns vorgaukelt, wir alle seien während unserer Pubertät vernünftige, fleißige und tugendhafte Teenager gewesen. Dabei war die Pubertät für Sie bzw. ist sie für Ihr Kind ein wilder Ritt, der aus unfertigen (»verrückten«) Gehirnen, überwältigender sexueller Obsession, niemals zu sättigender Neugier und seltsamen, dauergereizten Erwachsenen, die absolut keine Ahnung davon haben, wie sich all das anfühlt, besteht. Für einen Teenager kann sich das anfühlen, als sei eine Verschwörung gegen ihn im Gange.

Jahre nach dem Vorfall im Klosterkeller, bei einem Treffen mit der Gruppe von damals (wir hatten alle überlebt), erinnerten wir uns an diesen Tag und an die Tracht Prügel, die Billy einstecken musste. Eddie sagte: »Wisst ihr, ich dachte immer, sie würden uns irgendwann umbringen.« Tony lachte: »Eddie, du warst immer ein bisschen paranoid.« Worauf Billy trocken erwiderte: »Es ist keine Paranoia, wenn sie wirklich versuchen, dich umzubringen.«

Die Erfahrungen von heutigen Teenagern unterscheiden sich von denen, die wir machten, so sehr, dass Billys Worte für Ihr Kind wahrer klingen dürften als für uns damals. Da wir davon ausgehen, dass Teenager heute mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert sind, an die wir uns erinnern, kommen uns die heutigen Teenies verwöhnt, egozentrisch und faul vor. Meiner Ansicht nach ist das Gegenteil der Fall, und ich bin erstaunt, dass sich so viele von ihnen so gut entwickeln – sicherlich weit besser als meine »Teenie-Gang« (wie mein Vater die Jungs liebevoll nannte) oder ich uns entwickelt hätten, wären wir in der Welt von heute aufgewachsen. So vieles hat sich so radikal verändert, dass alles zusammengenommen wie ein Komplott erscheint, das zur Vernichtung der Resilienz unserer Teenager geschmiedet wurde.

Im Kapitel »Mit den Kindern stimmt etwas nicht« belege ich diese Aussage anhand beunruhigender Vergleiche zwischen damals (vor 50 Jahren) und heute und zeige, dass unsere Teenager immer stärker leiden. Das folgende Kapitel »Mit der Welt der Kinder stimmt etwas nicht« beleuchtet einen wichtigen Grund dieses Leidens: die enorme Veränderung der Welt, in der unsere Kinder leben. Im Kapitel »Und plötzlich ist alles anders: Das Gehirn im Umbau« wird das Gehirn während der Adoleszenz betrachtet, eine brodelnde Masse unfertiger Windungen, die noch nicht ausreichend entwickelt sind, um den gegenwärtigen Herausforderungen angemessen begegnen zu können. Wir werden dann ein Modell entwickeln, das Ihnen und Ihrem Kind dabei helfen kann, die Gehirnfunktionen während der Pubertät besser zu verstehen und sein Handeln besser einordnen zu können. Im letzten Kapitel des ersten Buchteils »Und wie geht es uns Eltern?« folgt eine Beschreibung, wie die meisten Erwachsenen versuchen, ihrem Teenager zu helfen, indem sie ihm Lektionen erteilen, die sie aus ihrer eigenen Pubertät ableiten. Ein völlig aussichtsloses Unterfangen. Wir werden dann, basierend auf den vorherigen Kapiteln, einen Leitgedanken formulieren. Nur mit einem klaren Ziel vor Augen können Sie den Kampf um das Wohlergehen Ihres Kindes gewinnen.

Beginnen wir nun also damit, Sie ein bisschen aus der Fassung zu bringen: damit, wie furchtbar Ihre Kinder im Gegensatz zu denen früherer Generationen leiden. Wenn Sie an Ende des ersten Teils angelangt sind, werden Sie meinem Freund Billy wahrscheinlich zustimmen: Es scheint fast so, als versuchten wir wirklich, die jungen Menschen umzubringen.

2 Mit den Kindern stimmt etwas nicht

»Damals, als das Leben so viel härter war«

»Mein Vater sagt immer, ich müsse nur ein bisschen weniger dünnhäutig sein und mehr so wie er damals, als das Leben so viel härter war. Er meint, die Jugendlichen heute hätten es viel zu leicht. Meine Mutter sieht einfach nur die ganze Zeit gestresst aus, als ob sie nicht wüsste, was sie tun oder sagen soll. Mein kleiner Bruder, er ist neun, bekommt große Augen, wenn er hört, was ich durchgemacht habe. Dann sieht er aus, als wolle er am liebsten nie älter werden.« Misty, fünfzehn Jahre alt, hielt für einen Moment inne, schaute mich dann an und sagte: »Ich glaube, mein kleiner Bruder ist der Einzige, der mich versteht.«

Misty war nach ihrem zweiten Selbstmordversuch innerhalb eines Jahres gerade aus der Psychiatrie entlassen worden.

2.1 Früher war alles anders

Wenn Sie den Eindruck haben, Ihr Teenager sei gestresster, ängstlicher und deprimierter, als Sie es damals waren, liegen Sie mir Ihrer Einschätzung völlig richtig. Wenn Sie denken, das rühre daher, dass er faul und verweichlicht oder zu egozentrisch und verwöhnt ist, liegen Sie falsch. Immer mehr Kinder leiden – genauso wie wir gelitten hätten, wären wir in der heutigen Welt aufgewachsen. Die Anzahl psychischer Erkrankungen unter Jugendlichen hat innerhalb der letzten 50 Jahre so stark zugenommen, dass man von epidemischen Ausmaßen sprechen kann. Dieses Ergebnis gründet übrigens nicht auf Einschätzungen überspannter Psychoheiler oder darauf, dass ich mich einfach zu intensiv mit dem Thema beschäftigt hätte.

Die Psychologin Jean Twenge und ihre Kollegen von der San Diego State University haben einen Vergleich zwischen Teenagern vor 50 Jahren und Teenagern der heutigen Generation durchgeführt und dabei tiefgreifende und beunruhigende Unterschiede festgestellt. Der Anteil von Teenagern mit Angststörungen oder Depressionen hat sich um 300 bis 500 Prozent erhöht. Dieses Ergebnis beruht auf dem Vergleich empirischer Befragungen, die während der letzten Jahrzehnte durchgeführt wurden.(2)

Auch in Deutschland wird in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen beobachtet. 2017 wurden rund 4600 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren aufgrund einer Depression stationär betreut. Im Vergleich zum Jahr 2000 verzehnfachte sich diese Zahl (2000: 410 Fälle). Auch in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen war eine starke Zunahme zu beobachten: Während es im Jahr 2000 rund 5200 vollstationär behandelte Patientinnen und Patienten gab, war die Zahl im Jahr 2015 mit rund 34300 fast siebenmal so hoch. (Statistisches Bundesamt)

Liebe Leserin, lieber Leser,

erlauben Sie uns noch eine zweite Anmerkung. Unser Autor bezieht sich bei seinen Betrachtungen natürlich auf amerikanische Verhältnisse. Leben deutsche Jugendliche in einer vergleichbaren Welt? Wir haben uns erlaubt, an einigen Stellen die deutschen Verhältnisse zu ergänzen und dies entsprechend zu kennzeichnen. Sie werden schnell merken, so gewaltig sind die Unterschiede nicht.

Anmerkung der Redaktion

Auch die Selbstmordrate ist zu trauriger Größe angewachsen: In den letzten Jahren hat in den USA jeder fünfte bis sechste Jugendliche versucht, sich das Leben zu nehmen, oder hatte ernsthafte Absichten, dies zu tun. Dieses Phänomen ist neu. Vor vierzig Jahren führte ich eine lebhafte Diskussion über das Lied »Don’t Fear The Reaper« (es wurde behauptet, das Lied handle vom Selbstmord eines Teenagers) von der Band Blue Öyster Cult, da meine »Teenie-Gang«-Freunde und ich nicht wirklich verstanden, worum es in dem Songtext ging. Damals kannten wir niemanden, der sich umgebracht hatte oder dergleichen versucht hätte. Heutzutage gehört Selbstmord zum Alltag von Teenagern. Weitere Ergebnisse des 50-Jahre-Vergleichs zeigen Veränderungen, die ebenfalls besorgniserregend sind und wahrscheinlich in Beziehung zu den stark erhöhten Zahlen psychischer Erkrankungen stehen. Sie müssen darüber Bescheid wissen, um über Ihr Kind Bescheid zu wissen.

In Deutschland sind Suizide, nach Verkehrsunfällen, die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. So nahmen sich im Jahr 2015 über 500 Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren das Leben. (Statistisches Bundesamt)

2.1.1 Wer hat Kontrolle über mein Leben?

Jugendliche haben heute weit weniger das Gefühl, Kontrolle über ihr Leben zu haben – ein riesiges Problem. Über Jahrzehnte hinweg haben wir Teenager nach ihrer »Kontrollüberzeugung« befragt. Die Kontrollüberzeugung ist ein psychologisches Konstrukt, das Auskunft darüber gibt, in welchem Ausmaß jemand davon überzeugt ist, Ereignisse durch eigene Handlungen kontrollieren zu können.

Eine internale Kontrollüberzeugung (iK) liegt vor, wenn jemand glaubt, die Kontrolle über sein Leben liege hauptsächlich bei ihm.

Von externaler Kontrollüberzeugung (eK) spricht man, wenn Menschen das Gefühl haben, sie könnten keinen Einfluss auf ihr Leben ausüben, die Ereignisse lägen jenseits ihrer Einflussmöglichkeiten.

Während der letzten 50 Jahre gab es unter Teenagern eine alarmierende Verschiebung von der internalen hin zur externalen Kontrollüberzeugung. Eine wirklich beängstigende Veränderung.(3)

Teenies mit iK fühlen sich sicher und selbstbewusst, da sie daran glauben, ihre Wünsche verwirklichen zu können. Wenn solchen Kindern etwas misslingt, sagen sie: »Ich bin nur faul«, und: »Ich kann das jederzeit ändern.« Selbst in Situationen, in denen etwas völlig schiefläuft, haben diese Jugendlichen das Gefühl, die Kontrolle zu behalten. Ganz anders sieht es bei den Teenagern mit eK aus, die sich wie ein macht- und steuerloses Boot in schwerem Sturm fühlen. Eine Beschreibung, die der von Angststörungen und Depressionen ziemlich ähnlich ist. Aus diesem Blickwinkel kann das Leben hoffnungslos wirken und der Tod als guter Ausweg erscheinen.

Während Hoffnungslosigkeit unter Jugendlichen heutzutage allgemein zunimmt, kann man feststellen, dass das Gefühl, keine Kontrolle über das eigene Leben ausüben zu können, ein klassenspezifisches Problem ist und eines, das unsere Gesellschaft widerspiegelt: Es gibt Gewinner, Verlierer und kaum jemanden in der Mitte.

Kinderarmut (auch diese steigt an) wirkt sich auf Teenager heutzutage – im Gegensatz zu vor 50 Jahren – absolut verheerend aus und bedeutet weit mehr als nur den Verlust finanzieller Sicherheit. Früher boten zahlreiche Arbeitsplätze in der Industrie denen, die willig waren, hart zu arbeiten, die finanziellen Möglichkeiten, um aufzusteigen. Intakte Familien, Erwachsene, die als positive Identifikationsfiguren taugten, oder die Gemeinde konnten vieles auffangen. Zusammen mit vielen dieser Arbeitsplätze sind diese Möglichkeiten jedoch allesamt so gut wie verschwunden.

In Deutschland trifft Armut vor allem Kinder und ältere Personen. Hier gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des sogenannten Medianeinkommens von derzeit (stand 2017) 1758 € verfügt. Dies sind im Bundesdurchschnitt 969 Euro. Etwa ein Drittel der Alleinerziehenden, und damit natürlich auch deren Kinder, gelten derzeit in Deutschland als armutsgefährdet. Grund dafür sind unter anderem prekäre Arbeitsverhältnisse wie Minijobs, Leiharbeit oder Teilzeitarbeit. Ein geringes Einkommen bedeutet auch geringe Teilhabe. Die Teilnahme am Schulausflug, der Kindergeburtstag oder die Mitgliedschaft im Sportverein werden zum Luxus. (Statistisches Bundesamt)

Nachdem wir die Mechanismen der Armut, diesen gefährlichen Treibsand, von dem man so schnell hinabgezogen wird, eingehend analysiert haben, waren meine »Teenie-Gang«-Freunde und ich uns einig: Hätte sich unsere Jugend in einer der verarmten Gegenden der Gegenwart abgespielt, wären wir wohl kriminell geworden. Häufig scheint es so, als gäbe es einfach keine realistische Alternative zur Kriminalität – weder um allein zu überleben und schon gar nicht, um eine Familie zu ernähren.

Teenager aus Mittelklassefamilien (die Letzten ihrer Art) sehen sich mit ähnlichen, wenngleich weniger harten Herausforderungen konfrontiert. Verunsicherte Eltern sprechen davon, zwischen zwei sozioökonomischen Welten gefangen zu sein: der gruseligen Welt unten, die bereits nach ihren Kindern greift, um sie zu verschlingen – und der unerreichbaren Welt oben, für die man Eintrittskarten braucht, die häufig horrende Summen kosten.

Die Armen sind nicht die einzigen, denen es schlecht geht. Das Gefühl, keinerlei Kontrolle über sein Leben zu haben, quält häufig auch Leistungsträger der Spitzenklasse, Jugendliche, die es ganz nach oben geschafft haben. Doch die Aussicht dort oben kann ebenfalls düster sein. So war es jedenfalls für Frankie:

»Ich schmeiß hin«

»Ich habe drei APs gewählt [AP steht für Advanced Placement, High-School-Kurse, die im Studium angerechnet werden können], ich habe einen Einserdurchschnitt, betreibe zwei Sportarten, spiele in einer Band und bin Schülervertreter. In einer guten Nacht schlafe ich vielleicht vier bis fünf Stunden. Heute hat ein Studienberater, gesagt, mir fehlten die richtigen Voraussetzungen dafür, um an einer der Eliteuniversitäten wie Princeton oder Stanford angenommen zu werden.« Als Frankie »richtige Voraussetzungen« sagte, malte er mit seinen Händen Anführungszeichen in die Luft. »Seit der sechsten Klasse habe ich kein richtiges Leben mehr. Ich arbeite ununterbrochen und kann nicht mal die Uni besuchen, auf die ich gerne möchte? Ich bin fertig, ich schmeiß hin. Sagen Sie mir doch, warum ich nicht einfach beginne, Drogen zu nehmen?« Hoffnungslosigkeit breitete sich in ihm aus.

Währenddessen fiel mir eine weitere Diskussion ein, die ich vor langer Zeit mit meinen »Teenie-Gang-Freunden« geführt hatte. Wir sprachen darüber, wie sicher wir uns waren, dass wir all unsere Ziele erreichen könnten, und darüber, wie wir ihnen näherkommen könnten, wenn wir nur hart genug arbeiteten. Ich wünschte mir, Frankie das Versprechen geben zu können, dass sich auch in seinem Leben alles finden würde, so wie es für uns gewesen war. Aber alles, was ich ohne zu lügen tun konnte, war, ihm zuzuhören.

2.1.2 »Und worin liegt der verdammte Sinn des Lebens?«

Eine zweite vergleichende Untersuchung hängt eng mit Frankies Frage nach dem »verdammten Sinn des Lebens« zusammen. Es geht darin um die Ziele, die sich die verschiedenen Generationen setzen. Früher haben Jugendliche davon gesprochen, die Welt zu verändern, eine tiefere Bedeutung und ein Ziel in ihrem Leben finden zu wollen. Die Wissenschaft erzählt uns, dass eine tiefere Bedeutung und ein Ziel wie wunderbare Antidepressiva wirken, die wir für ein glückliches Leben benötigen.

Heutzutage sagen Teenager viel eher, der Sinn ihrer Existenz liege darin, materielle Güter zu erwerben. Diese Lebensphilosophie könnte man auch als sicheres Rezept für Angststörungen und Depressionen bezeichnen. Oder wie ein 17-Jähriger treffend sagte: »Wer mit den meisten Spielsachen stirbt, gewinnt.« Ich erinnere mich daran, wie ich mich verwundert fragte, wie er auf so eine Aussage gekommen war (tatsächlich handelt es sich um ein Zitat, das Malcolm Forbes zugeschrieben wird). Ein paar Wochen danach las ich diese Worte wieder, auf einem Aufkleber am Kofferraum eines Mercedes. Der Fahrer des Autos sah ganz und gar nicht glücklich aus.

2.1.3 Doch nicht mein Kind

Das Ergebnis eines dritten Vergleichs, das ebenfalls mit den grassierenden Ängsten, Depressionen und Selbstmorden unter Teenagern zu tun haben könnte, besagt, dass viele Eltern davon überzeugt sind, ihren Kindern schade es, zu scheitern oder kritisiert zu werden. Früher überließen es Eltern ihren Sprösslingen, für ihr schlechtes Verhalten einzustehen. Eltern der alten Weltordnung ergänzten Strafen, die ihre Kinder von Sporttrainern, Lehrern oder Polizisten zu spüren bekommen hatten, gerne mit eigenen Mitteln (keine Taktik, die ich empfehle, mehr dazu später).

Heutzutage treten Eltern eher als Anwälte ihrer lieben Kleinen auf, sollte eine Autoritätsfigur