Autismus und Neurotypismus - Ingrid Manogg - E-Book

Autismus und Neurotypismus E-Book

Ingrid Manogg

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Beschreibung

Wie entsteht Autismus? Warum gehen Autisten anders mit Metaphern um? Warum schwingen sie schlecht mit anderen Menschen mit? Auf 'psycho-logische Weise' entdecken wir bislang ignorierte, tieferliegende Strukturen von Autismus, die eine Erklärung bieten für die vordergründige Symptomatik. Neurotypismus dient hierbei nicht als Maßstab für das 'Normale, wir nehmen ihn nicht als etwas Selbstverständliches hin. Wir entwickeln eine plausible Theorie zu Autismus und auch zu Neurotypismus und betrachten, auf welche Weise neurotypische Muster mit unserem Gesellschaftssystem zusammenspielen und es erhalten.

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zu diesem Buch

Wie entsteht Autismus? Warum gehen Autisten anders mit Metaphern um? Warum schwingen sie schlecht mit anderen Menschen mit? Auf ‚psycho-logische‘ Weise entdecken wir bislang ignorierte, tieferliegende Strukturen von Autismus, die eine Erklärung bieten für die vordergründige Symptomatik. Neurotypismus dient hierbei nicht als Maßstab für das ‚Normale‘, wir nehmen ihn nicht als etwas Selbstverständliches hin. Wir entwickeln eine plausible Theorie zu Autismus und auch zu Neurotypismus und betrachten, auf welche Weise neurotypische Muster mit unserem Gesellschaftssystem zusammenspielen und es erhalten.

Zur Autorin

Ingrid Manogg, geb. 1962 in Freiburg i.Br., Dipl.-Psychologin

Ergänzendes Sachbuch

Muster menschlichen Erlebens

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Neurodiversität / Autistisches Spektrum

Abgrenzung Autismus von ADHS

Warum Therapien nicht funktionieren

Falschbehauptungen

Mimik lesen: ‚Dies ist keine Pfeife‘

Interpretationen – Edelgas und Kohlenstoff

Empathie

Spiegelneuronen

Interozeption – Embodiment

Entstehung von Autismus

Mitschwingen, Inkompatibilität, Abkoppeln, Unabhängigkeit:

Die MIAU-Theorie

Nach der Geburt

Innere Bilder, Personenkonstanz, Schrödingers Katze

Trauma und Übergriffigkeit

Neurotypische Vorstellung von Verbindung

Neurotypismus und die Entstehung der Lüge

Mangel und Halblösungen

Sehnsucht und Streben

Falscher Rhythmus und unpassende Pädagogik

Spieluhr

Gespensterangst

Emotionale Erpressung – Beispiel Essen

Small Talk, ‚Erarbeiten‘ und Rituale bei Erwachsenen

In Besitz nehmen

Manipulation mit Metaphern

Verletzte Gefühle

Paradies, Urangst und Urschrei

Neurotypismus und Autismus im Überblick

Neurotypische Muster

Autistische Muster

Neurotypismus und Kapitalismus

Beeren, Bären und Mangel

Der Prozess der Zivilisation

Basis für kapitalistisches Denken

Nachwort I

Nachwort II: Eutopia

Literatur / Quellen

Anhang: Diagnose nach ICD 11, Fragebögen

Einführung

Die meisten psychologischen Autoren beschränken sich bei der Beschreibung menschlichen Erlebens und Verhaltens auf eine oberflächliche Darstellung von neurotypischem Erleben und Verhalten; und Autoren, die Autismus bzw. Neurodiversität beschreiben, verbleiben gerne auf der Symptom-Ebene. Sie beschreiben typische Merkmale z.B., ein anderer Umgang mit Metaphern oder das Vermeiden von Blickkontakt, doch eine Erklärung dafür geben sie nicht. Und als Begründung für die Entstehung von Autismus reicht ihnen der Hinweis auf eine genetische Disposition. Zudem werden neurotypische Maßstäbe und die dazugehörende gesellschaftliche Organisation kaum hinterfragt.

In diesem Buch versuchen wir, menschliches Erleben und Verhalten auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Wir stellen neurotypische und autistische Muster einander gegenüber, wie zwei Seiten der gleichen Münze mit jeweils unterschiedlicher Legierung. Wir fragen nach möglichen Ursachen und bringen sowohl autistische als auch neurotypische Grundmuster und Symptome in einen sinnigen und plausiblen Zusammenhang.

Nicht alle Themenbereiche werden in diesem Buch behandelt. Das Phänomen der PDA beispielsweise wird in dem Buch ‚Muster menschlichen Erlebens‘ beschrieben und wird als ergänzende Lektüre empfohlen.

Einige meiner Thesen und Gedankengänge sind neu, sofern etwas neu sein kann; andere Thesen sind aus schon bekannten Thesen neu kombiniert oder wurden vertieft und ergänzt. Meine Herangehensweise folgt der ‚Psycho-Logik‘, nicht der sogenannten Psycho-Logie, und soll auch für Laien verständlich sein. Natürlich kann auch die beste Psycho-Logik nicht alles erfassen; jede Logik kann zu falschen Schlüssen führen. Es gibt verschiedene Arten von Logik und keine Logik stimmt für alles. Wie in der Physik gelten Annahmen immer nur in bestimmten Kontexten und unter bestimmten Bedingungen: Schwerkraft gibt es zwar sowohl auf der Erde als auch auf dem Mond, aber dennoch würde ein Apfel auf dem Mond nicht auf die gleiche Weise auf den Boden fallen.

Ziel dieses Buches ist ein Mitdenken und Weiterdenken des Lesers, vor allem aber ein größeres Verständnis für das unterschiedliche Spektrum im Erleben und Verhalten von Menschen – ob ‚typisch‘ oder ‚divers‘. Mögen sich dadurch individuelle und gesellschaftliche Denk- und Freiräume weiten, sodass in ihren Nischen gute Visionen gedeihen und sich eines Tages vereinen können.

Zum Sprachgebrauch: Der Einfachheit halber gendere ich nicht. Ich beschreibe Prototypen, die jegliches Geschlecht haben können. Die Einstellung, die hinter den Begriffen steht, halte ich für wichtiger als die ‚richtige‘ Etikettierung.

Warum Therapien nicht funktionieren

Auf neurotypischer Logik basierende Therapien können bei Autisten nicht gut funktionieren. Wird das Wesentliche des autistischen Erlebens nicht verstanden oder akzeptiert, geht eine Therapie schnell in sinnlose und gar quälende Interventionen über. Natürlich ist es hilfreich, Autisten zu unterstützen, damit sie sich in der neurotypischen Welt zurechtfinden. Doch nur, wenn klar ist, dass Autismus genauso wenig wie Neurotypismus therapiert werden kann bzw. soll.

Erhalten Menschen, deren autistische Wesenheit nicht erkannt wird, aufgrund ihrer Komorbiditäten wie z.B. Traumata, Ängsten, Phobien oder Depressionen Therapien, die auf Neurotypische zugeschnitten sind, werden diese nicht viel nützen. Einen traumatisierten Autisten emotionalisieren zu wollen, ihn in den Arm oder in ein Gruppen-Wir nehmen zu wollen, ist sogar kontraproduktiv.

Auch das Arbeiten mit Visualisierung, Trance und Metaphern wird einen anderen Effekt haben. Autisten wirken dann auf Therapeuten widerständig, wie ‚ein Fass ohne Boden‘ oder wie schlechte Futterverwerter. Dabei wird weder erkannt, dass es sich um das falsche Futter handelt, noch, dass Menschen keine Fässer sind, in die investiert werden muss, damit eine Rendite herausspringt. Autisten, die gut masken können, spielen in solchen Therapien, oberflächlich betrachtet, gut mit. Sie bieten in ihrer Not dem Therapeuten dünne Knöchelchen an, wie Hänsel der Hexe, die ihn mästen wollte. Aber es hilft ihnen nicht.

Sogar diagnostizierte Autisten erhalten immer wieder ‚Therapie‘-Angebote, die auf neurotypischer Logik basieren. Autisten sollen Mimik lesen und in die Augen schauen lernen, vor allem wenn sie jemandem zuhören. Dabei gibt es auch stark auditive neurotypische Menschen, die sich beim Zuhören auf das Gehörte konzentrieren, so wie es genießende Musiker tun. Müssen sie zusätzlich jemandem in die Augen schauen, hören sie weniger oder verstehen weniger von dem, was gesagt wird. Es ist für sie eine wahrnehmungstechnische und emotionale Überfrachtung.

Selbstverständlich ist es wichtig, Autisten dabei zu unterstützen, in ihrem Leben klarzukommen. Ebenso ist es notwendig, Eltern und ihre autistischen Kinder zu unterstützen. Die Frage ist natürlich: Wie? Statt die Lebensbedingungen für die Eltern und die Einstellung gegenüber Autismus zu ändern, wird daran gearbeitet, Autisten anzupassen.

Einzelne Konzepte für die Anpassung, z.B. das Arbeiten mit Bildern und Bildkärtchen, scheint autistischen Kindern zu helfen und sie zu erleichtern. Es befreit sie von dem Druck und der Erwartungshaltung, wie Neurotypen kommunizieren zu müssen: Endlich lässt man sie in Ruhe und die Eltern sind entspannter. Der Preis dafür besteht in einem eingeschränkten Wortschatz und einer als künstlich empfundenen Situation. Der Übergang zum Lernen ‚sozialerer‘ Kommunikation wird vielleicht sogar erschwert.

Spätestens von erwachsenen Autisten verlangen neurotypische Therapeuten jedoch, verschiedene Gesichtsausdrücke einer emotionalen Befindlichkeit zuzuordnen. Viele Autisten freuen sich über solche Lernprogramme. Sie glauben, sie könnten nun endlich mal etwas richtig machen. Es kann sie durchaus erleichtern, wenn sie die für Smalltalk passenden Floskeln auswendig wissen oder einem Menschen ‚korrekt‘ in die Augen schauen können. Aber die Anpassung an den Kontext, an die jeweilige Situation, bleibt schwierig. Der Autist wirkt weiterhin merkwürdig. Letztlich wird in diesen Therapien das Wesen der autistischen Menschen missachtet und stattdessen das ‚Masken‘, das Sich-Verstellen, verstärkt.

Seltsam, dass ausgerechnet dem hölzernen Pinocchio, der in vielen Aspekten wie ein klischeehaft beschriebener Autist wirkt, eine lange Nase wächst, sobald er lügt. Vielleicht, weil es Autisten leichter anzumerken ist, wenn sie versuchen zu lügen? Sie sind darin ungeschickt und es bedeutet für sie Qual, hingegen ist es für Neurotypische Routine.

Lügen können ist eine Fähigkeit, die die Entwicklung von Fantasie voraussetzt. Aber die Fähigkeit zur Fantasie muss nicht zwangsläufig zur Lüge führen. Autisten können schlecht lügen, können aber dennoch viel Fantasie haben. Auch neurotypische Kinder nehmen erst einmal alles wörtlich und verstehen keine Lügen. Sie verstehen anfänglich auch noch keine Ironie, keinen Sarkasmus und keine impliziten Aufforderungen. Doch im Laufe des Heranwachsens lernen die meisten Neurotypen, diese Phänomene zu verstehen und selbst anzuwenden. Autisten hingegen nicht. Einige Autisten sind zwar durchaus imstande, selbst ironisch oder sarkastisch zu sein, sie wissen ja, wie sie etwas meinen. Aber sie bleiben unsicher, ob sie die Äußerungen von ironischen oder sarkastischen Neurotypen richtig interpretieren.

Leider gibt es auch immer noch Foltertherapien für Autisten. In der Festhalte-Therapie nach Irina Prekop wird das autistische, sich gegen den Körperkontakt wehrende Kind auf der sitzenden Mutter festgebunden, bis es ‚gebrochen‘ ist und alle Berührungen zulässt – es kann Stunden dauern. Es ist die Hölle sowohl für die Kinder als auch für die Mutter.

Auch die ABA-Therapie (Applied Behavior Analysis) ist für Autisten regelrecht traumatisch. Autistisches Verhalten soll abgewöhnt werden und stattdessen erwünschtes, neurotypisches Verhalten gezeigt werden. Diese Therapieform wird bevorzugt in den USA angewandt, dort wird auch mit Bestrafung gearbeitet. In Deutschland wird angeblich auf Bestrafung verzichtet, doch nur nach der neurotypischen Definition von Strafe, und auch die Belohnungen sind neurotypisch definiert. Autisten wird verboten, sich zu stimmen oder wegzuträumen, sie sollen brav allen Anweisungen folgen. Zur Belohnung gibt es beispielsweise Leckerlis; daher gibt es in den USA extrem übergewichtige Autisten.

Selbst das aktuelle Zürcher Therapie-Modell, in dem autistische Kinder die ganze Zeit (lieb) von ihren Müttern angefasst werden, während sie Vorschulaufgaben lösen, ist Folter, wenngleich subtiler. Hier soll ein Verhalten, das die Kinder mögen, wie Schreiben oder malen, verknüpft werden mit einer Berührung, damit diese Berührung durch klassische Konditionierung als angenehm empfunden wird. Und die frustrierten Mütter haben endlich eine Gelegenheit, ihre Kinder anzufassen, ohne dass sich die Kleinen wehren.