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Okternus ist verzweifelt. Lemno und Albinatus wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Doch dann verliebt er sich in die schöne Hopia und begegnet Ributi, der sich vor den Katter versteckt. Währenddessen suchen die Novanis nach ihrer wahren Heimat und die Zeronier beziehen ihr Labyrinth. Foirano verlässt Lunovo. Bald beginnt das Schneegebirge zu schmelzen, technische Störungen und ein allgemeines Unwohlsein greifen um sich. Loira verunglückt, die Ereignisse überschlagen sich. Die Grundsätze von Eutopia sind in Gefahr... Band 3 der Reihe Eutopia
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Okternus ist verzweifelt, Lemno und Albinatus wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Doch dann verliebt er sich in die schöne Hopia und begegnet Ributi, der sich vor den Katter versteckt. Währenddessen suchen die Novanis nach ihrer wahren Heimat, und die Zeronier beziehen ihr Labyrinth. Foirano verlässt Lunovo. Bald beginnt das Schneegebirge zu schmelzen, technische Störungen und ein allgemeines Unwohlsein greifen um sich. Loira verunglückt, die Ereignisse überschlagen sich. Die Grundsätze von Eutopia sind in Gefahr …
Bereits erschienen:
Aus der Reihe ‚Eutopia‘:
Band 1 ‚Beschleunigung‘
Band 2 ‚Entscheidung‘
Die Reihe ‚Der Weg nach Eutopia‘
Einführung
Licht
Im nächsten Käfig
Ein Solitär
Balance
Loiras Bedenken
Auffälligkeiten
Maximale Geschwindigkeit
Keine Überraschungen
Vorhänge
Oktavius‘ Erklärung
Tief hinab
Am Ufer
Omai Gosch
Loira stört
Keinen Namen
Fai red
Katter-Technik
Notlandung
Radix lebt
Warnungen
Der Ausweg
Verschoben
Gestört
Zu spät
Besprechung
Hungerstreik
Augenbewegungen
Komm zu mir
Loichting
Zweirad
Noktus‘ Komkatt
Im Labyrinth
Gefangen
Loira erwacht
Der höchste Berg
Sei ein Held
Entscheidung
Auf dem Gipfel von Simajor
Wir haben da was
Unverhofft
Unter einer Birke
Er ist weg
Wo ist Hopia?
Pause
Retour
Gefunden
Das wahre Zuhause
Frei
Falsche Koordinaten
Ortung
Auf dem Pareli-Schiff
Entführung
Sternenstaub
Aus
Tschüs, Simajor
Ohne anzuklopfen
Abschied
Verschlossen
In der dunklen Kammer
Lami und Loichting
Im Lesungssaal
Beglückung
Die nicht Gehörten
Bumm
Kein Solitär
Eutopia ist entstanden aus der Vereinigung der Planeten Formicula, Ludofluid, Lunaflor, Mosaika, Radix, Lignum, O-Ton, Lemniskate und Solaria (siehe Der Weg nach Eutopia). Eine künstliche Sonne liefert Energie, Licht und die gewünschten Temperaturen. Die Sonne sorgt auch für den Antrieb – Eutopia kann seinen Kurs durch das Allversum selbst bestimmen. Atmosfoira, der Wohnort der Zeronier, folgt und unterstützt Eutopia.
Eutopia ist geformt wie ein Ei und umgeben von mehreren Schutzschichten. Es besteht aus neun Gebieten, den ursprünglichen Planeten entsprechend, und aus den sie umgebenden Allgebieten. Jeder Eutopianer kann sich am Ort seiner Wahl niederlassen, auf Zeit oder für immer. Es gibt mehr als genug Platz. Eutopia ist frei von Land- und Forstwirtschaft, Bergbau und Straßen.
Betrachten wir die Karte, liegt Immersommer, das Gebiet der Novanis, oben unter der Sonne. Darunter befinden sich die Gebiete der Okter und Katter. Unterhalb der Okter- und Katter-Gebiete liegt das Gebiet der Septemer, noch weiter unten das Wassa-Gebiet der Twajis. Septemer- und Twaji-Gebiete ziehen sich ringförmig um die breite Mitte Eutopias. Mondwärts von ihnen finden sich die Gebiete der Faiwer und Seisonen. Wie die Gebiete der Katter und Okter liegen sie einander auf gleicher Höhe gegenüber und ähneln sich in Größe und Form. Faiwer- und Seisonen-Gebiete grenzen unten an das Gebiet der Unis. An der Spitze des Eis, mehr als 10.000 km vom Kerngebiet der Novanis entfernt, leuchtet der Mond. Hier leben die Trejaner. Das Schneegebirge, das neben ihrem Gebiet liegt, ist Allgebiet.
Alle Gebiete sind voneinander getrennt durch sie umgebende Allgebiets-Flächen. In diesen leben zumeist Misch-Wesen, sogenannte Mis. Auch in den Gebieten wohnen Mis, doch siedeln hier vorwiegend Original-Wesen, die Os. Die kleinen Kerngebiete in den Gebieten sind nur für die jeweiligen Os betretbar, Mis vertragen deren extreme Bedingungen nur mit speziellem Schutz.
Eutopia ist spiegelbildlich angeordnet. ‚Vorne‘ und ‚hinten‘ durchzieht jeweils ein Allgebietskorridor die Gebiete. Vom Novani-Gebiet aus könnte man zum Schneegebirge laufen oder fliegen, ohne ein einziges Gebiet zu queren. Man könnte auch den Wassa-Weg nehmen. Durch die Allgebiets-Korridore fließen zwei große Ströme direkt nebeneinander, der eine mondwärts, der andere sonnwärts, wie auf einer Autobahn. Diese großen Ströme biegen jeweils vor dem Novani- und dem Trejaner-Gebiet ab, umrunden Eutopia und verbinden sich mit den ihnen gegenüberliegenden Strömen. Sonnen- und Mondverzweigung sind jeweils erkennbar an einer künstlich geformten dreieckigen Insel. Über alle Ströme führen zahlreiche Brücken.
Die klimatischen Bedingungen sind je nach Gebiet unterschiedlich und entsprechen wie die Landschaft den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner. Über kleine künstliche Sonnen und Reflektoren, die Licht, Wärme und Energie der Hauptsonne weiterleiten, und mithilfe verschiedener Techniken werden die Jahreszeiten fest eingestellt. Das Tageswetter hingegen bleibt zumeist dem Zufallsprinzip überlassen.
Im Gebiet der Novanis scheint die Sonne Tag und Nacht, es herrscht immer Sommer. Im Schnee-Allgebiet, welches wie das Trejaner-Gebiet einzig durch den Mond erhellt wird, ist immer Winter. Im Okter- und Katter-Gebiet ist es sonnwärts heiß, mondwärts sehr warm. Im Okter-Gebiet regnet es von Zeit zu Zeit, im Katter-Gebiet nie. Twaji- und Septemer-Gebiete liegen auf der Achse der Übergangsjahreszeiten. Diese ziehen gemächlich rund um die Mitte Eutopias, als Früh-, Mitt- und Vollfrühling und Früh-, Mitt- und Vollherbst. In den anderen Gebieten bleiben die klimatischen Bedingungen konstant. Sonnwärts ist es heißer und heller, mondwärts kühler und dunkler.
Wie ihre versanischen Vorfahren ähneln die Eutopianer Menschen. Sie sind jedoch keine Säugetiere, ihr Nachwuchs wächst außerhalb des Leibes heran. Ihre Sinnessysteme sind teils spezialisierter, teils ‚gesamtleiblicher‘ und ihre körperliche Substanz ist für andere Elementarteilchen durchlässig. Daher können sie auf verschiedene Weise Energie gewinnen. Es gibt Mis, ‚gemischte‘ Eutopianer‘, und ‚Originalstämmige‘ mit typischen Merkmalen.
O-Novanis sind meist dünn, dunkel und langhaarig. Eine Feder wächst aus ihrem Kopf. Sie nähren sich von Sonnenlicht, lieben Pferde und Bücher. Die meisten verehren immer noch Solaria. Sie erwünschen ihren Nachwuchs, indem sie sich an den Händen halten und in die Sonne blicken. Sie sind temperaturunempfindlich, können im Dunkeln sehen und kennen wie Katter und Zeronier keinen Unterschied zwischen männlich und weiblich.
O-Okter sind hellbraun, rundlich und meist kurzhaarig. Sie gewinnen Energie, indem sie ihre innere Lemniskate in Schwingung versetzen. Wenn zwei Okter sich synchronisieren, können sie Kleine erwünschen. Okter sind naturwissenschaffend aktiv und mögen Katzenhunde.
O-Septemer sind vorwiegend hell und schlank, ihre Haare sind voll. An jeder Hand wachsen sieben Finger. Ihr Leib ist ein Klangkörper. Sie nähren sich durch Töne und Klänge und ertönen ihren Nachwuchs in einer goldenen Klangschale. Der Glaube an einen wahren O-Ton ist geschwunden.
O-Seisonen sind groß, untersetzt und kräftig. Ihre Haare sind dicht, die Farbe variiert wie bei ihren Augen. Sie verehren das Wesen des Waldes, nähren sich von Honigduft und vermischen ihren Eigenduft, um Kleine zu erzeugen. Sie sind vertraut mit Wölfen, Binen und Vögeln.
O-Faiwer sind eher hell. Ihre langen Haare sind wirr, Finger und Zehen gewunden. Sie laufen und denken selten geradeaus. Sie verehren das Prinzip des inneren Wachstums und des Verwurzelt-Seins, das sie Radix nennen, und nähren sich von Beeren. Sie mögen Schafe. Ihre Kleinen wachsen in einem Wurzelnest auf.
O-Katter bevorzugen für sich die Bezeichnung Elite-Katter. Sie sind haarlos, stabil gebaut und kantig. Mund und Gliedmaßen sind dünn. Sie können aus fast allem Energie gewinnen. Sie lieben Technik und Techniken und sind als einziger Stamm noch hierarchisch organisiert. Sie optimieren und klonen sich.
O-Trejaner sind klein und bleich. Ihre rundlichen Konturen wirken unscharf, ihr Äußeres und ihr Energielevel wechselt mit den Mondphasen. Die Haare sind staubfein, die Augen groß und rund, ohne Weiß. Sie verehren ihren Mond, trinken sein Licht und den Duft der Blumen. Sie leben in Dreier-Einheiten und erwünschen ihre Kleinen in Vollmondblüten. Sie mögen Katzen.
O-Twajis sind schlank, lockig, meist hell und überaus beweglich. Jeder von ihnen trägt einen Luden (eine Schlange) mit sich herum. Sie preisen das Prinzip Ludofluid – flüssiges Spiel – sind gesellig und ziehen ihre Energie aus dem Wassa. Ihren Nachwuchs ertanzen sie, bis er sich in einer Wassa-Blase manifestiert.
O-Unis sind groß, schlank und zäh. Augen und Haare sind tiefschwarz. Zwei feine Fühler ragen aus ihrem Kopf. Sie verehren die große Formicula in jedem Uni und nähren sich von Emsensaft. Energie gewinnen sie, indem sie dienen oder sich als Einheit zusammenschließen. Sie legen Eier, jeder kann dabei König oder Königin sein.
Zeronier sind kompakt und kräftig, Haare und Leib wechseln zwischen dunkel- und flammenfarbig. Sie leben auf Atmosfoira, nähren sich von Feuer und langweilen sich schnell. Jeder Zeronier ist mit dem Drachen verbunden, der gemeinsam mit ihm im Mutterdrachen herangewachsen und geschlüpft ist. Zeronier halten nichts von Technik, sie gestalten durch ihre Willenskraft.
Alle Eutopianer sind verschieden. Sie müssen weder glücklich sein noch einander mögen. Sie regeln ihr Zusammenleben durch Mediation und über unhierarchische Abstimmungsprozesse, in denen das sachliche Argument zählt und die Erkenntnisse der Psychologik berücksichtigt werden. Sie wählen ihre Tätigkeiten und Aufgaben selbst und können diese jederzeit wechseln. Schulen und Multiversitäten sind frei für alle. Hilfe bei Problemen oder organisatorischen Fragen gibt es u.a. im Eu-Net, bei Mediatoren, Hütern, fachlich Kompetenten und Räten. Statt Macht gilt das Prinzip der Verantwortung. Statt Gesetzen gibt es Regeln auf Zeit, statt Gefängnissen ‚Entfaltungsschutzräume‘.
Es gibt keine Einschränkung, über wieviel Besitz jemand verfügen darf. Gebiete, Ideen, Tire, Partner und Kleine können jedoch nicht besessen werden, nur verantwortet. Niemand muss teilen oder abgeben, es ist von allem genug da. Produziert wird nach Wunsch und Bedarf, vorwiegend von ‚Künstlichen‘ und ‚Vier-Dimensionen-Drucker‘ (Vier-Dims). Es gibt keinerlei äußerliche Belohnungssysteme, kein Geld, keine Währungen oder Bonuspunkte irgendwelcher Art.
Grundprinzipien auf Eutopia sind Vielfalt, Freiraum und Transparenz. Kommuniziert wird persönlich, über das Eu-Net mithilfe von Komkatts (Kommunikationsgeräte) oder über den geistigen Raum.
Unerlässliche Basis für das Funktionieren von Eutopia sind Ausdrucksmöglichkeiten für die verschiedensten Eigenheiten und Fähigkeiten, sich ständig verbessernde und anpassende Technik, Logistik und Wissen um Psychologik.
Lernen, mit Veränderungen umgehen, Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten finden und das selbstwirksame, individuelle Sich-Entfalten gelten als die wahren Herausforderungen des Lebens.
Diese Geschichte schließt zeitlich an den Band Entscheidung an.
In der Schwärze des Allversum leuchteten Eutopias Antriebssonnen hell wie Sternschnuppen. Eutopia selbst blieb unsichtbar, sicher umhüllt von dunklen Schutzschichten. Seine Bewohner lebten unter einem künstlichen Himmel. Sie hielten die technisch erzeugten Projektionen von Tag und Nacht, von Bläue, Sonne, Dunkelheit und Sternen für selbstverständlich. Ergriff sie ein Heimweh nach fernen Welten, trieb die Leere des unendlichen Raumes sie schnell wieder zurück. Selbst für die Okter, die es liebten, mit ihren Raumfahrtflugkästen in der Schwerelosigkeit zu navigieren, war Eutopia der selbstverständliche Ausgangs- und Mittelpunkt ihres Daseins.
Einzig die Novanis flogen nie über die Schutzschichten hinaus. Wollten sie schweben, besuchten sie die schwerkraftlose Zone im Schneegebirge oder buchten das entsprechende Programm in ihrer Schneekuppel. Danach begaben sie sich wieder in ihre grünen Hügel, jeder für sich auf seinem eigenen Weg. Sie schätzten ihre Abgeschiedenheit und pflegten nur wenige, dafür aber enge Freundschaften.
Doch neuerdings einte sie etwas. Lemno, der Leiter der MISAP, Multiversität Immersommer Abteilung Psychologik, hatte einige von Rainos literarischen Werken veröffentlicht. Sie waren eingeschlagen wie ein Blitz. Wie ein Flächenbrand breitete sich unter den Novanis die Sehnsucht aus nach einer echten Sonne, nach dem wahren Licht. Lemno war gleichzeitig überrascht und besorgt über den Anklang der Schriften und die nachträgliche Verehrung des verschrobenen Begründers der Psycho-Logik.
Einige hundert Kilometer südöstlich von Rainos ehemaligem Wohnort, auf der anderen Seite des Verbindungsstroms, irrte Okternus am Rande des Katter-Allgebiets umher. Die Landschaft unter dem blauen Himmel war karg, die Hügel flach. Er lief zu Fuß, sein Flugkasten und sein Komkatt waren defekt. Ihm war unangenehm heiß. Offensichtlich war auch die Temperaturausgleichsfunktion seines hellblaugrauen Umhangs ausgefallen.
Es war still. Nur ein gleichmäßiges Rauschen schwoll allmählich an, bis es seine Ohren vollständig erfüllte. Erschöpft setzte er sich auf eine Anhöhe und starrte auf das weite, blauglitzernde Wassa der Sonnenverzweigung 1. Hier kreuzte der große Strom I sich mit den Verbindungsströmen, die Eutopia zwischen Katter-, Okter- und Novani-Allgebiet umrundeten. Strom I bestand aus zwei parallel fließenden Flüssen, der eine zog mondwärts, der andere sonnwärts. So konnten Fähren und Schiffe jeweils die Kraft der Strömung nutzen. An der künstlich geformten dreieckigen Insel bogen sie in den Verbindungsstrom ab oder fädelten sich in Strom I ein. Ab und an stiegen Flug- und Materialkästen von den Fähren auf oder landeten auf ihnen.
Okternus nahm sie nur verschwommen wahr. Was sollte er nur tun? All seine Träume hatten sich in Nichts aufgelöst.
In die ESZ, die eutopianische Steuerungszentrale konnte er vorerst nicht zurück. Nach der Übergabe der Leitung an Oktavius war er noch zwei Wochen geblieben, um sicherzugehen, dass niemand seine heimlichen Kurswechsel bemerken oder den Wunsch äußern würde, das vorgegebene Ziel zu ändern. Doch danach hatte er sich offiziell freigenommen. Und seitdem lief alles schief.
Vor zwei Tagen hatte er die MISAP aufgesucht, voll Vorfreude auf gemeinsame Unternehmungen mit seinem besten Freund. Dann der Schock. Lemno hatte eine Partnerin! Das war schon schlimm genug. Aber musste es ausgerechnet Zaradiva sein, Ributis Ex? Eine alte Mi-Una-Mi-Faiwa mit Antennen! Hand in Hand verkündeten sie ihm, sie planten eine Transferenz, um über die Machenschaften und Alleingänge der Katter zu sprechen. Und dann kam’s. Sie warfen ihm vor, er hätte mit den Katter zusammengearbeitet und behandelten ihn wie einen Verdächtigen. Er war regelrecht vor den beiden geflohen.
Der Hilferuf, den er anschließend an Albinatus sandte, kam nicht durch. ‚Empfänger unbekannt‘, blinkte es auf seinem Display. Völlig verwirrt flog er an den Rand des Katter-Kerngebietes und landete irgendwo zwischen bizarr geformten, hochaufragenden Kästen.
Er war noch nie hier gewesen. Starke Frequenzen ließen ihn taumeln. Zwei rotgekleidete Katter nahmen ihn in Empfang, sie schienen ihn erwartet zu haben. Als er sie stotternd um einen Gesprächstermin mit dem großen Weißen bat, behaupteten sie, weder ihn noch einen Albinatus zu kennen. Unbewegt sahen sie zu, wie er sein Komkatt herauszog, um ihnen die rege Korrespondenz mit ihrem Oberhaupt zu zeigen. Immer wieder tippte er den Geheimcode ein, immer panischer scrollte er herum. Nichts.
Mit zitternden Beinen stieg er wieder in seinen Flugkasten und flog davon. Doch kaum erreichte er die Grenze zum Allgebiet, schaltete der Motor sich ab und er musste notlanden.
So hockte er nun hier, auf irgendeinem Hügel, und fühlte sich verraten und verlassen. Er wollte nur noch weg. Vielleicht auf einer Fähre mitfahren, einfach ins Ungewisse hinein. Aber dafür müsste er zu einem der Passagierhäfen laufen. Oder zu einem Vier-Dim, einen Flugkasten oder ein Zweirad ordern. Alles zu anstrengend.
Ein schnittiges weißes Schiff geriet in sein Blickfeld und erregte seine Aufmerksamkeit. Es bog an der Stromverzweigung Richtung Katter-Gebiet ab und hielt auf das Ufer des Novani-Allgebiets zu. Jetzt verlangsamte es und ankerte vor einer kleinen sandigen Insel. Ab und an schien etwas aus ihm aufzublitzen, wie ein goldener Lichtschein. Sicher eine Twaji-Spielerei.
Wieder sehnte er sich nach der Geborgenheit der Steuerungszentrale, dem vertrauten Kuppeldach über seinem Kopf, den kreisförmig angelegten Gängen, den blinkenden Displays und den rieselnden Zahlenreihen. Aber sobald die Transferenz stattgefunden hatte, würde jeder seinen Namen mit geheimen Machenschaften verbinden. Nein, es gab keinen Weg zurück. Er musste neu anfangen.
So oft er auch schon ins Allversum geflogen war, von Eutopia kannte er nur wenig. Er war auch noch nie auf einer Party gewesen. Hm … Er könnte sich einen anderen Namen geben, ein anonymes Komkatt besorgen und sich verkleiden.
Das goldene Licht, das von dem Schiff ausging, verstärkte sich. Blinkte es ihm zu?
Seine Lemniskate pulsierte jetzt lebhaft. Okternus erhob sich.
Sie war weggelaufen, um der liebevollen, aber einengenden Fürsorge ihrer Verantworter zu entkommen. Und nun war sie im nächsten goldenen Käfig gefangen.
Das weiße Schiff schaukelte sanft, das leise Brummen der solarbetriebenen Motoren war verstummt. Hopia seufzte. Bald würden wieder Gäste an Bord kommen. Sie sollte sich vorbereiten. Doch sie hatte keine Lust, ihre langen blonden Locken selbst zu kämmen. Wo blieb nur Mona Mur?
Endlich! Die schweren, in allen Farben schimmernden Vorhänge wurden zur Seite geschlagen. »Was schaust du so betrübt, mein schöner Liebling?«, zwitscherte es.
Mona Mur war eine zierliche, hübsche und auffällig kleingewachsene Twaja. Ihre dunkelblauen Augen sprühten vor Unternehmungslust. Ihren bunten Luden hatte sie wie einen Schal um den Hals geschlungen, ihre schwarzen Haare sträubten sich in alle Richtungen. Wie immer steckte sie Hopia mit ihrer guten Laune an.
»Du hast mich ewig warten lassen, Mona. Was gab es denn so Wichtiges mit Omai Gosch zu besprechen?«
»Ach, nichts von Bedeutung. Lass uns loslegen. Gleich kommt der erste Gast des Abends, wir haben nicht viel Zeit. Ich habe dir ein neues Gewand mitgebracht und ein ganz besonderes Elixier für die Haare.«
»Hast du Omai Gosch gefragt, wann ich endlich die Kabine verlassen und an Land gehen darf?«
»Gefällt es dir nicht mehr bei uns? Du hast hier doch alles, was du brauchst. Willst du mich etwa verlassen?«
»Nein!«, rief Hopia erschrocken. »Wie könnte ich! Du bist meine erste und einzige Freundin! Und zurück zu Simi und Hävvi möchte ich auch nicht. Es ist nur so, dass ich es viel schöner fand, als wir gemeinsam durch Eutopia gereist sind. Ich möchte mehr davon kennenlernen, und ich möchte singen, wann und wie ich will.«
»Nur noch ein paar Wochen«, tröstete Mona Mur sie und begann Hopia zu frisieren. Sie bearbeitete jede Strähne einzeln mit speziellen Farbtinkturen, bis die Haare golden glänzten und in seidenweichen Wellen herabfielen.
»Und jetzt die Krönung«, summte Mona Mur zufrieden und legte ein zartes, fast durchsichtiges Netz über die Frisur. Winzige eckige Plättchen, durch hauchdünne Fäden miteinander verbunden, schimmerten darin wie silbrige Kristalle.
»Das kribbelt«, beschwerte Hopia sich und hob die Hand, um sich am Kopf zu kratzen. Doch wie jedes Mal schlug Mona Mur ihr scherzhaft auf die Finger und sie wagte nicht, die Kristalle zu berühren.
Ributi hielt sich schon seit über zwei Wochen im Faiwer-Uni-Allgebiet auf. Er war immer noch unschlüssig, wie er vorgehen sollte. Mittlerweile war sein Zorn erkaltet und hatte sich zu einem harten Klumpen tief in seinem Inneren zusammengezogen.
Wenn ich Unzaro aufsuche, tue ich das, was Albinatus von mir erwartet, sagte er sich. Also werde ich ihn vorerst enttäuschen. Beginnen wir mit der nächsten Runde Verstecken-Spielen. Gebiete, AFKs, Namen, Umhänge und Komkatts wechseln …
Eine Art zynischer Fröhlichkeit stieg in ihm auf. Er war etwas Besonderes, der einzige Heimatlose auf Eutopia. Ein Solitär. Die Begriffe Entfaltung und Erfüllung klangen ihm hohl. Oder gar Verantwortung und Freundschaft! Nein, er war draußen.
Auf einem All-Komkatt studierte er die aktuellsten Nachrichten. Demnächst würden kurz nacheinander zwei Transferenzen stattfinden. Als Hauptthemen waren aufgeführt: ‚Alleingänge der Katter mit eventueller Kooperation eines Okters‘, ‚Einführung der Schulpflicht für Okter-Kleine?‘, ‚Integration der Zeronier auf Eutopia‘, ‚Die Bedeutung von Rainos Schriften für Novanis‘.
Ributi zuckte die Achseln. Mochten sie doch über alles diskutieren. Er selbst würde als nächstes einen stationären Marktplatz aufsuchen und dabei diverse Verkleidungen ausprobieren. Danach würde er in einem wirren Muster Eutopia überfliegen, bis er auch die letzten Verfolger abgehängt hätte. Seinen verräterischen Energieverstärker hatte er bereits deaktiviert, und es war nur eine Frage der Zeit, bis seine blaugefärbten Augen ihre ursprüngliche Farbe wieder annähmen.
Seit die Tunnelvortriebsmaschine ihre Arbeit aufgenommen hatte, war es mit dem Frieden am geheimen Platz vorbei. Alles dröhnte und vibrierte. Mehrmals täglich stürmte Foirano auf das Plateau, dem Landeplatz der Zeronier, und durchquerte den Verbindungstunnel, der in das Schneegebirge führte. Er begeisterte sich am rasanten Vorankommen der Vortriebsmaschine, bewunderte die Drachen und unterhielt sich mit den Zeroniern. Sein Leib und seine Augen glühten, ständig murmelte er zeronische Worte vor sich hin. Er schien die Sprache mit Leichtigkeit zu lernen.
Flora hatte sich mit ihrer Katze in die Höhle zurückgezogen. Leuchtblumen erblühten um sie herum und ließen die dunklen Wände schimmern. »Lass ihn nicht alleine, Lunovo«, ermahnte sie ihn stets. »Sonst findet er den Weg zu uns nicht mehr zurück. Er ist noch nicht in der Balance. Es wird eine Weile dauern, bis er seine Zeronier-Anteile integrieren kann. Du weißt, ich kann ihn nicht begleiten. Das ist deine Aufgabe.«
Lunovo widersprach nicht. Mit jedem Zeronier, der sich im schnell wachsenden Labyrinth niederließ, wurde es heißer. Er selbst verfügte nur über ein rudimentäres Temperaturempfinden. Doch je weiter er sich mit Foirano in die neuen Gänge begab, desto intensiver schlug ihm Feuerhitze entgegen. Und die Maschine grub tiefer und tiefer. Wann war das Werk endlich vollendet? Er hatte die Pläne im Eu-Net studiert, doch nicht verstanden. Und wie viele Zeronier würden noch kommen? Jeden Tag trafen mehr von ihnen ein. Hoffentlich hatten die verantwortlichen Wissenschaffenden sich nicht verkalkuliert.
Gerne hätte er die Transferenz besucht, auf der es um die Integration der Zeronier gehen sollte. Lemno hatte ihn und Foirano ausdrücklich gebeten zu kommen. Doch Foirano wollte in der Nähe des Labyrinths bleiben und somit konnte auch er nicht weg.
Demnächst würden die Katter die Tunnelvortriebsmaschine abschalten und wieder zurückführen, hatte Lemno noch geschrieben. Lunovo konnte es kaum erwarten.
Es war immer das Gleiche. Kaum hatte er sich in eines von Rainos Büchern vertieft, die Lemno ihm geschickt hatte, brach sein Freund auf. Widerwillig erhob er sich dann, um ihm zu folgen, tanzende Schneeflocken und Sonnen vor Augen.
Im Faiwer-Twaji-Allgebiet, in einem verwinkelten Raum der neu errichteten MUGAP (Multiversität für Ganzheitlichkeit, Abteilung Psycho-Logik), der ersten Filiale der MISAP, saß Loira auf einem weichen Teppich. Ihre schlohweißen Haare und der wollweiße Umhang bildeten einen starken Kontrast zu ihren violetten Augen. Mit den Fingern zeichnete sie das Muster der Runzeln und Furchen in ihrem blassen Gesicht nach. Radix rief nach ihr, täglich grub er sich tiefer in ihr ein. Versonnen zog sie ihre Hand zurück und griff nach einer frischen Beere. Doch obwohl sie den würzigen Geschmack andächtig kostete, stellte sich keinerlei Verbindungsgefühl ein, keine neuen Ideen oder Gedanken keimten in ihr auf.
Sie schüttelte den Kopf. Noch nie hatte sie erlebt, dass eine Transferenz so im Sand verlaufen war. Kein Katter, kein Novani, kein Zeronier war gekommen. Und Oktania, die einzige anwesende Okter-Hüterin, wehrte sich strikt gegen eine mögliche Schulpflicht für Okter-Kleine. Zudem tat sie die Vermutung, es hätte Alleingänge oder Kooperationen mit den Katter gegeben, als Verschwörungstheorie ab.
Auch zu der zweiten Transferenz war kaum jemand erschienen. Irgendetwas stimmte nicht. Lemno und Zaradiva, die neuen Leiter der MISAP, hatten beschlossen, alle aktuellen Daten anzufordern, die das Leben und Wohlergehen der Eutopianer betrafen. Sie hatten bereits alle Räte kontaktiert.
Loira blickte aus einem der bodentiefen, unregelmäßig geformten Fenster. Studierende aller Stämme und Mischungen spielten ein Ballspiel. Andere schlenderten entspannt umher, saßen auf kunsthölzernen Bänken, lasen oder führten Gespräche.
Der Kampus der strohfarbenen MUG, an den das orange-gelbe Gebäude der MUGAP grenzte, war zu einem beliebten Treffpunkt geworden. Auch Nichtstudierende hielten sich gerne hier auf. Jeden Tag erblickte Loira neue junge Mischwesen. Schmale, kräftige, kantige und runde, mit Federn und Antennen oder sieben Fingern, alle mit den unterschiedlichsten Pigmentierungen und Fähigkeiten. Die Nachkommen der Mis, die sich mit anderen Mis zusammengefunden hatten.
Neuerdings verlangten sie nach einer eigenen Bezeichnung. Mi-Mis? Mimimis? Individual-Mis? Loiras jüngster Schüler, Loichting, hatte den Namen ‚Mindis‘ vorgeschlagen. Er fand großen Zuspruch. Zurzeit liefen zahlreiche Abstimmungen in allen Gebieten, auf der nächsten Transferenz würden sie eine offizielle Entscheidung treffen.
Noch war der Kampus belebt. Aber seit einigen Tagen waren alle Novanis verschwunden, und damit auch die meisten Lehrenden der MUGAP. Veranstaltungen und Lesungen fielen für unbestimmte Zeit aus. Loira befürchtete, dass auch die Studierenden bald wegbleiben würden.
Was fesselte die Novanis bloß so sehr an Rainos Schriften? Nicht einmal Lemno als Mi-Okter-Mi-Novani konnte es ihr erklären. Er meinte, sie zögen sich alle in das Novani-Allgebiet zurück. Dort versammelten sie sich um Rainos ehemaligen Wohnkasten, der immer noch an seinem alten Platz stand. Aber wenigstens blieben sie friedlich. Von den Zeronieren konnte man das nur hoffen …
Loira dämmerte weg und schrak wieder hoch. Ja, es war definitiv an der Zeit, ihre Leitungsfunktion abzugeben. Sie hatte ohnehin stets kundgetan, nur während der Gründungs- und Aufbauphase der MUGAP zur Verfügung zu stehen und die Stelle gleich zu Beginn ausgeschrieben. Leider hatte bisher niemand Interesse bekundet. Einige ihrer Favoriten planten einen Aufenthalt an anderen Multiversitäten, andere fühlten sich noch nicht kompetent genug. Und Novati, der begabteste von allen, wollte nicht. »Wir Novanis sind als Gäste hier«, hatte er ihr erklärt. »Wir arbeiten euch nur in die Materie ein. Für alles andere seid ihr zuständig.«
Ein Besuch in der Novani-Schneekuppel würde ihr guttun, das reine frische Weiß ihre Gedanken klären. Einfach ein Spaziergang in der Stille. Wie immer würde sie das Programm ‚Ohne Überraschungen‘ wählen. Wenn sie gleich aufbräche, wäre sie am späten Abend schon wieder zurück.
