Peter Pelikan
Autophobie
1.
Band
„Zu behaupten, es gäbe kein Leben im Weltall,
nur weil man es nicht sehen kann, ist in etwa so,
als schöpfe man eine Handvoll Wasser aus dem Meer
und würde behaupten, es gibt im gesamten Ozean kein Leben, nur weil man in der Hand keines sehen kann.“
(unbekannter Verfasser)
Pilotenlogbuch: Lou Bennet, 5. April 4231
„Ist das Ding an? Okay, sieht gut aus. Also, ich weiß eigentlich gar nicht, was ich erzählen soll. Die psychologische Abteilung möchte, dass jeder Pilot eine Audiologbuchdatei erstellt, in der er den morgigen Einsatz für sich analysiert und darstellt, was wir vorhaben und wieso. Irgend so ein Seelenklempner hat festgelegt, dass dies den Soldaten guttun würde und sie sich so der Tragweite dieses Vorhabens besser bewusst werden.
Scheiße! Was gibt es da schon groß zu sagen? Wir reisen zu den bösen Jungs und dann gibt‘s ein Feuerwerk. Dass es nicht jeder zurückschafft, liegt ja wohl auf der Hand. Wir sind verdammte Soldaten und keine Balletttänzer!
Oh Mann. Noch nicht mal eine Minute und die Datei muss mindestens zehn lang sein. Wie hieß es in der Ausbildung immer? Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, dann halte dich einfach an deinen letzten Befehl. Wie stand es in der Mail noch gleich? Ah, hier ist sie:
... jeder Soldat, der direkt oder indirekt an Operation Eradicate beteiligt ist, hat sich selbst zur mentalen Festigung mit dem anstehenden Einsatz zu befassen. Nachzuweisen ist dies anhand einer mindestens zehnminütigen Audiodatei, in der er ausgiebig Stellung nimmt. Dabei ist auf das gesamte Vorhaben sowie die eigene Funktion einzugehen. Auch ist darzulegen, welche Ereignisse der jüngsten Weltraumgeschichte zu dieser gewaltigen Offensive geführt haben und warum dieser aggressive Akt gegen eine fremde Spezies notwendig ist. Dies soll sicherstellen, dass ...
Oh Fuck, was für ein geschwollenes Gelaber. Ich bin doch kein Scheißschriftsteller. Aber nun gut, davor werde ich mich kaum drücken können. Also fange ich einfach mal an und erzähle ein bisschen was zur jüngsten Weltraumgeschichte, die dafür verantwortlich ist, dass mein Arsch morgen 1.300 Lichtjahre von der Erde entfernt in einem T-41 Plasmabomber sitzen wird.
Eigentlich fing alles an, als wir entdeckten, dass wir tatsächlich nicht alleine im Weltall sind. Zur Überraschung aller kamen jedoch keine abstrakten Schleimmonster oder langbeinige grüne Männchen mit übergroßen Köpfen. Die Kreanen, wie wir sie nennen, sehen den Menschen sogar verdammt ähnlich – na gut, mal abgesehen davon, dass sie nur vier Finger und eine ledrige blaue Haut haben. Aber im Allgemeinen gleichen sie uns anatomisch gesehen wirklich gewaltig. Der Scheiß macht einen echt nachdenklich. Egal, zurück zum Thema.
Leider lief die ganze Nummer nicht so, wie erhofft: mit weißen Tauben, Friedenspfeifen und dem ganzen Scheiß. Das war eher so ein Christopher-Columbus-entdeckt-Amerika-Ding. Wie die Geschichte für die Ureinwohner gelaufen ist, weiß man ja. Offenbar sind den Kreanen in ihrem Heimatsystem die Rohstoffe ausgegangen und nun sind sie auf einem gnadenlosen interstellaren Raubzug durch andere potente Systeme, wozu unseres offenbar zählt. Die Penner haben nicht einmal versucht, Kontakt zu uns herzustellen. Sie sind einfach aufgetaucht und haben die Siedlungen auf dem Mars vom Orbit aus bombardiert.
Als ob es die armen Schweine dort nicht schon schwer genug hätten. Auf dem Dreckklumpen gibt es wirklich nichts, was das Leben lebenswert macht. Noch dazu werden die Menschen wegen der geringen Schwerkraft alle krank. Aber wo soll man sonst hin, wenn man gerade einmal genug Kredits besitzt, um sich zu ernähren. Die Erde ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Einfach zu dreckig und zu voll. Ein Leben in den traumhaften Kolonien auf der Venus können sich nur die wenigsten leisten – das Terraforming hat schließlich auch lange genug gedauert.
Ich schweife schon wieder ab. Obwohl, eigentlich ist die verdammte Wohnsituation der andere Grund, warum mein Arsch morgen eine Zielscheibe für die Kreanen sein wird. Da ich keinen Bock hatte, mein Dasein in einer der Marskolonien zu fristen, habe ich mich lieber der Earth-Defense-Force angeschlossen. Das Leben auf einer Raumstation ist um einiges komfortabler und die Bezahlung erlaubt es einem immerhin ab und zu, sich eine Woche in einem Resort auf der Erde oder der Venus zu leisten – und ein paar hübsche Ladys.
Vermutlich wäre es an dieser Stelle besser, zu sagen, dass ich mich der EDF aus dem unbedingten Willen, die Menschheit zu verteidigen, angeschlossen habe. Am besten sollte ich das Geheuchel noch mit dramatischer Musik unterlegen. Wer zur Hölle lässt für sowas mit Hochenergielasern auf sich schießen? Streng genommen bin ich noch nicht einmal Erdling, da ich in einer Raumstation zur Welt gekommen bin. Das kauft einem doch keiner ab.
Na gut, meine Anfangsmotivation war womöglich nicht besonders ehrenhaft, aber mittlerweile ist das Militär ein fester Bestandteil meines Lebens und ich mag es. Zudem hat sich herausgestellt, dass ich ein verdammt guter Pilot bin. Zumindest hab ich eine ziemlich hohe Abschussquote bei der Bekämpfung der zurückgelassenen Kreanen. Allerdings gab es schon seit beinahe einem Jahr nichts mehr zum Abschießen. Offenbar haben wir inzwischen alle erwischt.
Nun gut, bleiben wir bei der Aufgabe. Die Kreanen tauchten also mit ihrem gigantischen Mutterschiff über dem Mars auf und nahmen sich den Planeten. Zu allem Überfluss beherrschen diese Weltraumpiraten nämlich das überlichtschnelle Reisen und sind sozusagen wortwörtlich aus dem Nichts aufgetaucht.
Im Gegensatz zu den Ureinwohnern Amerikas besaßen wir jedoch eine riesige Flotte, ausgestattet mit Plasmatorpedos und Railguns.
Damit hatten die Pisser nicht gerechnet. Das war eine epische Weltraumschlacht, das kann ich euch sagen. Also zumindest das, was ich damals in den Nachrichten gesehen habe. Die ganze Nummer ist immerhin schon zwanzig Jahre her und ich war da gerade einmal fünfzehn Jahre alt.
Auf jeden Fall haben wir den Kreanen mächtig den Arsch aufgerissen, sodass sie letztlich gezwungen waren, sich zurückzuziehen. Dabei wurde ihr Mutterschiff so schwer beschädigt, dass sie ihren Raumsprung abbrechen mussten. Unsere Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sie seitdem in einem 1.300 Lichtjahre entfernten System namens Ägon 407 feststecken. Genau genommen in einer Umlaufbahn um den Stern Erathes. Fragt mich nicht, wo genau das ist. Mit dem Scheiß kenne ich mich nicht aus. So stand es zumindest in der Einsatzakte.
Morgen werden die Kreanen lernen, dass die Menschheit eine verdammt rachsüchtige Spezies ist. Nach der Schlacht haben wir die Trümmer ihrer Schiffe aufgesammelt und unseren Ingenieuren ist es tatsächlich gelungen, deren überlichtschnelle Reisetechnik zu rekonstruieren. In den letzten Jahren wurde im Weltall ein wirklich gigantisches Portal gebaut, durch welches in exakt 21 Stunden die gesamte Flotte der Earth-Defense-Force fliegen wird. Anschließend kommen wir hoffentlich bei Erathes raus und bringen zu Ende, was unsere Väter vor zwanzig Jahren angefangen haben.
Mit dieser Technik hält die Menschheit den Schlüssel zur Besiedlung von anderen Welten und damit die Lösung für all die Probleme bezüglich mangelndem Lebensraum in der Hand. Und was ist das Erste, was wir machen?
Ein gottverdammter Gegenschlag! Es würde mich auch nicht wundern, wenn unsere Führung als Nächstes zu einem interstellaren Genozid aufruft. Aber nun gut, so sind wir nun mal. Andere Planeten laufen uns ja nicht weg und wir müssen erstmal diese Gefahr ausmerzen, um wirklich die Galaxie besiedeln zu können.
Für die Rückreise führen wir eine Art mobiles Portal mit uns. Dieses soll nach dem Kampf aufgebaut und betrieben werden. Zwar gibt es bei dieser Reisetechnik keine Zeitdilatation, also der ganze Mist, bei dem für einen selbst, wenn man sich so schnell wie das Licht bewegt, nur eine Minute vergeht, während das für andere Jahre sind, trotzdem werden wir mindestens zwei Jahre in Ägon 407 festhängen, bis das Portal für die Rückreise bereit ist. Aber ob unser Hangarschiff nun neben Erathes oder neben der Sonne schwebt, macht eigentlich keinen Unterschied und mal sehen, für wen von uns das am Ende des Tages überhaupt noch wichtig ist.
Nun gut, habe ich die Sache damit genug analysiert? Hmm, nicht ganz zehn Minuten. Ich denke, das muss reichen. Wie schließt General Lii immer seine Motivationsreden?
Wir sind der Schild in der Umlaufbahn, wir sind die Earth-Defense-Force. Ah-Uh!“
– 1 –
„Hier Head 413 blau, erbitte Unitstatus“, erklingt Rose Sullys Stimme laut und ungewohnt förmlich im Funkkanal unserer Unit. Obwohl sie vermutlich irritiert wäre, wenn ich sie außerdienstlich mit Rose oder Captain Sully ansprechen würde. Kampfpiloten haben immer irgendeinen Spitznamen – das ist eben unser Ding. Aufgrund ihrer feuerroten Mähne trägt sie den Beinamen Red. Ja, ich weiß: sehr einfallsreich. Aber hey, ich habe mir das nicht ausgedacht.
Red ist zwar genauso alt wie ich, aber dennoch hat sie es geschafft, zum Head unserer Unit aufzusteigen. Damit ist sie die Verantwortliche für unsere Einheit. Unit 413 der blauen Kampfstaffel besteht, wie alle anderen Units auch, aus einem Head, einem Wing, einem Tail und dem Core. Head, Wing und Tail sind kleine, wendige und schnelle T-20 Kampfschiffe und dafür verantwortlich, ihrem Core den Rücken freizuhalten, damit der seine schweren Waffen möglichst zerstörerisch einsetzen kann. Den T-41 Plasmabomber unserer Unit, welcher den schwer bewaffneten Core abbildet, fliege ich. Das Baby ist zwar unheimlich schwerfällig, dafür habe ich aber auch die besten Spielzeuge an Bord. Plasmatorpedos, zwei Railguns und einen F-18 Ionenlaser.
„Captain Sully, hier Wing 413 blau, bereit!“, ist Felipe Santanas Meldung zu hören. Die Anrede mit Dienstgrad und Nachnamen bringt mich erneut zum Schmunzeln, aber so sind die Regeln im offenen Funkkanal. Felipe oder auch Tiger, wie wir ihn nennen, ist ein alter Hase. Mit seinen 48 Jahren ist er eigentlich schon zu alt für einen Kampfpiloten. Dennoch möchte ihn keiner aus unserem Team missen, da er der Einzige von uns ist, der bei der Weltraumschlacht um den Mars tatsächlich selbst dabei war.
Plötzlich springt vor mir eine rote Warnlampe an und durchbricht meine Routine.
Hüllenintegrität nicht gewährleistet!
Mist, nicht heute. So einen Scheiß kann ich kurz vor der ersten intergalaktischen Raumreise der Menschheit nicht gebrauchen. Möglichst entspannt, um mich selbst nicht unter Druck zu setzen, frage ich laut, jedoch ohne den Funk zu aktivieren: „KAIA, was ist los? Ich habe das gesamte Schiff vor dem Start nochmal auf Herz und Nieren geprüft.“
Sofort erklingt die sanfte, weibliche Stimme von KAIA, der künstlichen Assistentin für Informationsverarbeitung und Analyse, in meinem Headset: „Nach der Auswertung der vorliegenden Daten ist die Hülle intakt. Jedoch kann deren Integrität nicht mit Sicherheit gewährleistet werden.“
Oh Mann, die modernste künstliche Intelligenz, mit der die Earth-Defense-Force auftrumpfen kann, und doch gibt sie mir lediglich die Fehlermeldung in anderen Worten wieder. Sie ist erst vor wenigen Wochen in die Core-Schiffe installiert worden und hat das veraltete Feuerleitsystem abgelöst. Eine Neuerung war zwar bitter nötig, aber diese dämliche KI halte ich dennoch für einen Fehler – meine Meinung interessiert im Flottenkommando jedoch niemanden.
„Captain Sully, hier Tail 413 blau, bereit!“, führt Jarek Sintio den Meldezyklus weiter fort. Der 21-Jährige ist erst letztes Jahr von der Pilotenakademie gekommen und daher nennen wir ihn traditionell einfach Rookie, bis uns etwas Besseres einfällt.
Nun wird es für mich langsam eng. Ich muss melden, sonst wird unsere Unit wegen technischen Problemen in die ‚Hope of Humanity‘, dem Hangarschiff der blauen Staffel, zurückbeordert. Das wäre schlecht. Wir alle wollen das durchziehen und nicht vom Fenster aus zusehen.
Obwohl ich weiß, dass ich mit einem Computer spreche und ein emotionaler Ausbruch sinnlos ist, blaffe ich dennoch verärgert: „Was soll der Scheiß, KAIA? Das sehe ich selbst!“
Immer noch im selben freundlichen Ton antwortet die KI: „Das ist der aktuelle Status des Schiffes. Es tut mir leid, Pilot Bennet, dass die Antwort Ihre Erwartungen nicht erfüllt.“
„Oh Mann, wenn man nicht alles alleine macht“, fluche ich nach wie vor sauer auf eine Software, „und hör auf, mich Pilot Bennet zu nennen. So nennen mich nur die Generäle. Sag einfach Lou oder Sunny.“
Währenddessen öffne ich die Datenkonsole und prüfe die Ursache für die Fehlermeldung – ohne meine Assistentin für Informationsverarbeitung und Analyse.
„Hier Head 413 blau für Core 413 blau, wie ist Ihr Status?“, vernehme ich Reds Stimme mit mehr Nachdruck aus dem Lautsprecher – auch sie wird langsam nervös. Der Status-Check ist eigentlich eine reine Formalität.
„Hey Sunny, was soll der Mist? Bist du eingepennt?“, höre ich sie anschließend verärgert in meinem Ohr. Auch ohne das Kommunikationsdisplay zu sehen, verraten mir die Wortwahl und der Ton, dass dies kein offener Kanal mehr ist. Den Spitznamen Sunny habe ich bekommen, weil ich stets mit gut sitzendem Haar, gebräunter Haut und Sonnenbrille unterwegs bin. Red meint immer, ich sei ein kleiner Weiberheld und ein Schönling, aber eigentlich achte ich einfach nur gern auf mein Äußeres. Stets ein Auge auf hübsche Mädels zu haben, hat auch noch nie jemandem geschadet. Egal, ich finde Sunny ganz lässig und daher habe ich mich nie darüber beschwert.
„Ich hab ein kleines Problem, Red, gib mir fünf Minuten!“, antworte ich, während ich die Fehlermeldungen durchgehe.
„Wenn du dich in einer Minute nicht meldest, docke ich an deinem Schiff an und versohl dir eigenhändig den Arsch. Wenn wir wegen dir zum Zuschauen verdonnert werden, mach ich dich alle!“, antwortet sie verständnisvoll.
„Da haben wir doch das Problem“, sage ich halblaut zu mir selbst und sehe endlich die Ursache der Fehlermeldung.
Inkonsistente Datenstruktur:
„Was soll der Mist denn bedeuten?“, fluche ich laut. Wer zur Hölle legt solche kryptischen Ausgabeparameter für Fehler fest?
„Die Auswertung der Sensoren zeigt zwei Rückmeldungen, die miteinander nicht zu vereinbaren sind“, ertönt plötzlich wieder KAIAs liebenswürdige Stimme. Sie hat meinen Fluch offenbar als Frage verstanden.
Bevor ich reagieren kann, fährt sie mit ihrer Antwort fort: „Der Magnetkontakt T316x4 löst aus, wenn die Tür komplett geschlossen ist. Magnetkontakt T315x4 hingegen schaltet, wenn die Tür komplett geöffnet ist. Beide wurden jedoch ausgelöst und haben daher den Wert 1.“
„Was? Wie kann das sein? Die Tür ist zu“, entgegne ich irritiert.
Sofort beantwortet KAIA auch diese Frage: „Beim Betreten des Raumschiffes bist du mit deiner Schulter an dem Feuerlöscher hängengeblieben, wobei sich dieser aus seiner Halterung gelöst hat und sich seitdem frei im Innenraum bewegt. Vor 158 Sekunden flog dieser bedingt durch eine Kurskorrektur vor den Magnetkontakt T315x4, wodurch dieser schaltete. Dadurch ist sich die Steuerung des Raumschiffes nicht sicher, ob die Tür geöffnet oder geschlossen ist und nimmt an, dass die Hüllenintegrität gefährdet ist.“
Verdutzt starre ich auf den Bildschirm und mich beschleicht so langsam das Gefühl, dass diese verdammte KI mich verarschen will.
„Hier Captain Sully Head 413 blau für Core 413 blau, wie ist Ihr Status, Pilot Bennet?“, ist nun wieder Reds förmlich drängende Stimme im offenen Kanal zu hören.
Mit offensichtlicher Verärgerung schiebt sie weniger förmlich im privaten Kanal nach: „Was soll der Scheiß, Sunny? General Lii hat mir gerade ein Zeitfenster von sechzig Sekunden eingeräumt. Wenn du bis dahin dein Problem nicht gelöst hast, müssen wir zurück!“
Jetzt wird es eng.
„Fuck! Wieso sagst du das nicht gleich, KAIA? Ich schaffe es in sechzig Sekunden niemals, mich aus dem Pilotensitz zu schnallen, zur Luke zu schweben, den Feuerlöscher zu entfernen, wieder zurückzukehren, einen neuen System-Check durchzuführen und meinen Status zu melden“, schimpfe ich die KI an. Obwohl ich genau weiß, dass es eigentlich meine Schuld ist, da ich beim Einsteigen unvorsichtig war, reizt mich das Verhalten von KAIA.
Noch bevor ich mich abschnallen kann, kommt von der KI: „Mit einer gezielten Abfolge von Kurskorrekturen kann ich den Feuerlöscher so bewegen, dass er sich von der Tür löst und anschließend mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 % im Ausrüstungsnetz am Rumpf verfängt. Soll ich diese Korrektur vornehmen?“
„Sunny? Hast du kalte Füße bekommen, oder was?“, drängelt nun auch Tiger im privaten Kanal.
„Großer Gott, ja!“, blaffe ich angespannt. In derselben Sekunde macht mein Plasmabomber drei kaum wahrnehmbare Bewegungen, woraufhin die Fehlermeldung verschwindet und mein Statuslicht grün wird.
Ich wechsle in den offenen Kanal und versuche, meine Stimme trotz des aufkeimenden Ärgers ruhig zu halten: „Captain Sully, hier Core 413 blau: bereit!“
„Hier Head 413 blau für Staffelführer blau: Unit 413 bereit!“, meldet Red sofort und beendet damit unsere Öffentlichkeitsarbeit. Ab jetzt gibt es nur noch den privaten Kanal unserer Unit. In diesem wird umgehend meine Unfähigkeit, welche für alle anderen anscheinend ohne Kenntnis irgendwelcher Vorgänge auf meinem Schiff offensichtlich ist, kommentiert.
„Mann“, stöhnt Rookie, „ich dachte, ich bin derjenige, der mit seinem Schiff noch nicht vertraut ist!“
„Ja“, schiebt Tiger nach, „der Flottenarzt hat mir empfohlen, die Abstände zwischen meinen Tests für die kognitiven Fähigkeiten zu verkürzen. Vielleicht solltest du auch mal mit dem sprechen, Sunny.“
„Ach, fickt euch!“, blaffe ich zurück, muss aber dennoch grinsen, denn ich würde es nicht anders machen.
„Du schuldest uns allen ein Bier in der Messe, sobald wir wieder zurück sind, Sunny!“, schließt Red die Debatte, „und nun konzentriert euch. Start in vier Minuten.“
Ruhe kehrt ein und auch ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen. Stattdessen wende ich mich meiner künstlichen Assistentin zu: „Sag mal, KAIA, wusstest du die ganze Zeit, was das Problem war und wie man es beheben konnte?“
„Nein, nicht die ganze Zeit. Als der Feuerlöscher aus seiner Halterung gelöst wurde, bestand eine Wahrscheinlichkeit von 13,42 %, dass dieser Vorfall zu einem Problem führt. Erst dreizehn Minuten vor der Kurskorrektur stand mit Sicherheit fest, dass der Magnetkontakt dadurch blockiert werden würde. Die Lösung für das Problem beruht auf niederer Mathematik und war dadurch zusammen mit dem Auftreten des Problems verfügbar“, erklärt KAIA freundlich.
„Wieso zur Hölle sagst du das dann nicht gleich?“, fauche ich.
„Ich empfehle eine Konkretisierung der Fragestellung, um derartige Missverständnisse künftig zu vermeiden, Lou“, entgegnet sie ungerührt von meinem Ausbruch. Diese scheißfreundliche, logikgesteuerte KI treibt mich noch in den Wahnsinn.
Ich atme aus und versuche, mich wieder zu beruhigen: „Okay, KAIA, ich werde künftig auf eine Spezifizierung meiner Fragen achten, wenn du mir versprichst, mich ab jetzt auf alle vorhersehbaren Probleme hinzuweisen.“
„Aufgrund deines erhöhten Pulses und deiner verkürzten Atmung habe ich festgestellt, dass mein standardmäßig programmierter Antwortalgorithmus dich verärgert. Meinen Analysen zufolge wäre die Kommunikation für dich einfacher, wenn du mir erlaubst, deine Aussagen aufgrund deines gezeigten Verhaltens und vorangegangener Aussagen zu interpretieren. Darf ich interpretieren, Lou?“, kommt es von KAIA.
Erneut macht sich Verwunderung auf meinem Gesicht breit. Ich fühle mich bevormundet und beinahe wie ein Kind, welches mit seiner Grundschullehrerin spricht, und inzwischen bin ich mir sicher, dass dieses Ding darauf programmiert wurde, mich zu ärgern.
Dennoch erinnere ich mich daran, mit einem Computer zu sprechen, und brumme: „Ja, KAIA, du darfst interpretieren.“
„Danke, Lou. Dann würde ich dich bitten, diese Anweisung ebenfalls zu spezifizieren“, kommt es prompt von der KI.
„Wie meinst du das denn nun wieder?“, frage ich genervt.
Überraschenderweise herrscht nun kurz Stille – sie scheint wohl zu interpretieren. Doch bereits nach wenigen Sekunden sagt KAIA: „Um meine Bitte verständlich zu machen, nenne ich dir nun zwei vorhersehbare Probleme. Zum einen besteht in unserer aktuellen Position eine (0,1589 x 10-19)-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Meteorit die Außenhülle des Schiffes kritisch beschädigt. Dich auf dieses Problem hinzuweisen, erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass die Konsole des Schiffes durch stumpfe Gewalteinwirkung Schaden nimmt, um 16,43 %.“
Okay, der Punkt geht an die KI. Hätte sie angefangen, Bedrohungen im Millionstelprozentbereich aufzuzählen, hätte ich vermutlich tatsächlich in einem Wutanfall auf die Konsole eingeschlagen.
„Na gut, KAIA, ich verstehe. Setze die Grenze für einen Hinweis bei einer Wahrscheinlichkeit von 80 %“, entgegne ich stattdessen ruhig. Sie scheint tatsächlich zu versuchen, mich nicht mehr zu ärgern.
Dieses Mal kommt die Antwort wieder umgehend: „Gerne, Lou. Ich informiere den Piloten ab jetzt über Probleme, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % oder höher auftreten werden.“
Mit einem Schmunzeln auf den Lippen beende ich die Interaktion mit meinem Bordcomputer und konzentriere mich auf mein Schiff und die vor uns liegende Aufgabe.
– 2 –
Wie vor jedem Einsatz gehe ich noch einmal alles durch. So sicher, wie wir uns auch immer alle geben, ist es dennoch ein enormes Risiko, dem wir uns aussetzen. Ein Gefecht im endlosen Raum des Alls verlangt einem Piloten alles ab. Es gibt keinen Horizont, an dem man sich orientieren kann, kein oben oder unten und keine klaren Frontlinien.
Bei einfachen Jagdeinsätzen auf die zersprengten Truppen der Kreanen in unserem System kehrte im Schnitt eins von zwanzig Schiffen nicht zurück. Bei der Raumschlacht über dem Mars erwischte es sogar ein Drittel der eigenen Kräfte, obwohl wir sie damals mit unserer potenten Gegenwehr überraschten.
Was uns jedoch heute erwartet, das weiß keiner. Die Kreanen kennen nun unsere Technik und Manöver. Es bleibt jedoch fraglich, inwieweit sie sich mit dem gestrandeten Mutterschiff in den letzten zwanzig Jahren vorbereiten konnten. Haben sie in diesem System einen Außenposten eingerichtet und sich neu formiert oder sind sie dort nur zufällig notgelandet und wir müssen heute nur einen traurigen Rest zerschlagen?
Was auch immer, wir stehen kurz davor es herauszufinden.
Nervös betrachte ich das gigantische, im All schwebende Portal vor uns. Man hat uns erklärt, dass es sich nicht wirklich um ein Portal alla Star Trek handelt, sondern ganz banal heruntergebrochen eher um eine riesige Überlichtgeschwindigkeitsschleuder. Dennoch kann ich mich von diesem Gedanken nicht lösen. Mit den technischen Details habe ich mich allerdings nicht genauer befasst. Irgendein Wurmlochmist, den ich ohnehin nicht verstehen würde.
„Hier General Lii für die blaue Kampfstaffel. In sechzig Sekunden fährt der Reiseknoten hoch. Alle Truppen bereit machen. Zuerst fliegt die rote Staffel hindurch, danach sind wir an der Reihe. Die gelbe, grüne und weiße Staffel folgen in dieser Reihenfolge. Laut unserem leitenden Wissenschaftsoffizier wird der Feind unser Kommen lange vorher erkennen, macht euch also auf eine herzliche Begrüßung gefasst. Ziel ist es, diese Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen. Keine Gefangenen, keine Flüchtlinge, heute bringen wir es zu Ende. Heute sind wir nicht nur der Schild in der Umlaufbahn, sondern auch der Speer im All.“
Mit diesen pathetischen Worten schließt General Lii seine Übertragung. Für einen Moment herrscht Stille und ich betrachte meine Umgebung durch das Cockpitfenster. Selbst für mich, jemand, der schon seit Jahren im All unterwegs ist, ist der Anblick faszinierend. Vor diesem monumentalen Bauwerk aus Alientechnologie schweben fünf Staffeln der Earth-Defense-Force, von denen jede aus einem großen Hangarschiff, zwei riesigen Zerstörern und etwa 800 Units wie meiner besteht. Das sind je Staffel mehr als 3.200 Schiffe, womit wir insgesamt auf 16.000 kommen – die beeindruckendste Streitkraft, welche je im Weltall aufgestellt wurde. Aber kein Wunder, bis vor zwanzig Jahren hat sich die Menschheit auch nur selbst kontrolliert und daher hielt sich der Umfang in Grenzen. Mit einer intergalaktischen Bedrohung war natürlich plötzlich mehr Geld für die Aufrüstung der Raumflotte verfügbar.
Die Größe der Hangarschiffe und der Zerstörer sind für den menschlichen Verstand kaum zu begreifen. Sie messen mehrere Kilometer auf allen Achsen. Das Hangarschiff ist beinahe quadratisch, in der Mitte jedoch besitzt es eine Aussparung, an der sich die vielen Andockstationen für die Units befinden. Damit wirkt es beinahe wie ein gigantisches U. Die Zerstörer hingegen sind vergleichsweise schmal und in die Länge gezogen. Deren Form erinnert am ehesten an einen gigantischen Dartpfeil. Wenn man sich auf einen der Großschiffe bewegt, bekommt man das Gefühl, als wäre man in einer riesigen Stadt unterwegs. Zudem kann das Hangarschiff alle Schiffe seiner 800 Units aufnehmen und bietet immer noch ausreichend Platz, um darauf zu leben.
Unvermittelt beginnen dünne Linien an den Rändern des Portals zu leuchten und fesseln meine Aufmerksamkeit. Zu hören ist aufgrund des Vakuums zwischen uns nichts, aber das Schauspiel, wie das Gebilde nach und nach mit grellen Lichtlinien überzogen wird, ist beeindruckend. Als ob Tausende Spinnen Netze aus Energie darüber weben würden.
„Seht euch das an“, sagt Rookie beeindruckt über Funk.
„Wenn dir das gefällt, solltest du mal meinen Arsch nach dem All-you-can-eat im Chilitempel sehen, Kleiner!“, neckt Tiger. Wie immer zeigt er sich einfühlsam, beeindruckt und äußerst taktvoll – wie man ihn eben kennt. Zwar ist das normal für den alten Sack, aber dass ihn sogar dieses einmalige Phänomen nicht zur Ehrfurcht zwingt, ist schon eigenartig.
„Halt deine Klappe, Tiger. Im Gegensatz zu deinem faltigen Arsch interessiert mich das hier auch!“, mischt sich Red ein.
Ich behalte meine Meinung zu Tigers hinterem Ende lieber für mich und verfolge das Schauspiel.
Als der ganze Rahmen von hellen Linien überzogen ist, erscheinen an sechs Stellen auf der Innenseite des Portals grell leuchtende Kugeln, welche sich langsam in die Mitte bewegen.
Zumindest aus meiner Perspektive wirken sie klein und die Bewegung langsam.
---ENDE DER LESEPROBE---