Socius
Einer gegen alle
Peter Pelikan
Prolog – Harte Globalisierung
Im Jahr 2336 hat die Welt sich grundlegend verändert. Das Konzept einer Währung und die freie Marktwirtschaft sind nicht nur komplett verschwunden, sondern in den Köpfen der Menschen inzwischen undenkbar.
Am 1. November 1993 wurde in Maastricht in den Niederlanden der Grundstein für diese weitreichende Veränderung gelegt. Um nach den beiden Weltkriegen politische Stabilität zu erreichen und den Frieden in Europa zu gewährleisten, schlossen sich zwölf Länder zusammen und gründeten die Europäische Union oder kurz die EU.
Sie vereinheitlichten Gesetze und Abläufe, vereinfachten den grenzüberschreitenden Handel und schafften Zölle komplett ab. Dies ermöglichte den Ländern, ihre Position in der Weltwirtschaft im Vergleich zu den Nicht-EU-Mitgliedern immens zu verbessern. Andere Staaten bemerkten das wirtschaftliche Wachstum ihrer Nachbarn und so kam es, dass sich weitere Länder der EU anschlossen, wodurch deren Bedeutung stetig zunahm. Im Jahr 2020 gehörten ihr bereits 27 Staaten an.
Herrschte anfangs Uneinigkeit über die Führung und Vereinheitlichung der Gesetze, siegten letztlich die finanziellen Vorzüge und das egoistische, länderbezogene Denken der Regierungschefs verblasste in den folgenden Generationen allmählich. Im Jahr 2030 begannen die Mitgliedsländer damit, alles zu rationalisieren. Es wurde eine einheitliche Sprache eingeführt, das Steuerrecht an die EU abgegeben und viele private Dienstleister enteignet, um anschließend in Staatseigentum überführt zu werden. Im Jahr 2050 fand diese Neustrukturierung ihren Höhepunkt, indem man sämtliche Betriebe aus dem Privateigentum herauslöste und von da an deren Führung an EU-Ämter übergab.
Da nun alle Produzenten konkurrenzlos zusammengehörten, ließen sich die Kosten drastisch minimieren: kein unnötiger Verwaltungsaufwand, keine mehrfachen exorbitanten Gewinnspannen und auch sonst keinerlei Ineffizienz aufgrund mangelnder Kooperation. Da die Betriebe Staatseigentum waren, flossen deren Gewinne in die Staatskasse und es mussten keine zusätzlichen Steuern abgeführt werden. Dies bewirkte eine weitere immense Einsparung. Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Hersteller lief sehr effizient und nahezu verlustfrei ab, da diese nun alle auf das gleiche Ziel hinarbeiteten – die Stärkung der EU und damit die Verbesserung ihres Lebensstandards.
Handelsgüter waren günstiger, Technologien fortschrittlicher und Dienstleistungen professioneller. Dies führte letztlich dazu, dass keines der übrigen Länder Europas mit deren Mitgliedsstaaten konkurrieren konnte und sie sich ebenfalls dem Staatenverbund anschließen mussten.
Im Jahr 2070 begannen die ersten Teile Afrikas, sich dem Konstrukt anzuschließen. 2085 gehörte bis auf Madagaskar bereits ganz Afrika der EU an. In der Zwischenzeit wurde das Geld als Zahlungsmittel abgeschafft und man erhielt Waren je nach Klassifizierung der Tätigkeit auf Zuteilung.
Das System funktionierte tadellos und die Menschen lebten im Wohlstand, während es den übrigen Weltmächten mit ihrem wirtschaftlich schwächeren Regime zunehmend schwerer fiel, mitzuhalten.
Schon 2090 mussten die USA, zu welchen nach den sogenannten Vereinigungskriegen von 2041 bis 2050 auch Kanada gehörte, ihre Unterlegenheit einräumen und schlossen sich schließlich ebenfalls der EU an.
Diese inzwischen überkontinentale Vereinigung erreichte ab diesem Zeitpunkt ein neues Ausmaß, wurde umstrukturiert und bekam einen passenderen Namen.
So wurde am 1. Juli 2091 die United Earth Company gegründet. Deren Vorsitz übernahm der damalige Wirtschaftsminister der EU, welcher sämtliche Entscheidungen über Erwirtschaftung und Verteilung von Gütern traf und von da an der mächtigste Mann der Welt wurde. Das Konstrukt sah sich mehr als Firma denn als Regierung und war eine bizarre Mischung aus Demokratie, Diktatur und Kommunismus, was überraschend gut funktionierte.
Mit der Umstrukturierung radikalisierte man auch das generelle Vorgehen: Der Anschluss aller Länder der Erde an die UEC wurde das oberste Ziel.
Die sogenannte harte Globalisierung begann.
Gegen Nichtmitgliedsländer wurden Strafzölle und andere wirtschaftliche Sanktionen, welche erheblichen Schaden in deren Marktwirtschaft anrichteten, verhängt.
Immer mehr Staaten gaben dem Druck nach und im Jahr 2131 waren Russland, Australien und einige kleinere asiatische Länder die letzten, die sich nicht der UEC angeschlossen hatten.
Um sich gegen deren Vormachtstellung behaupten zu können, gründeten sie ein eigenes Staatenbündnis, welches jedoch die Individualität der Länder und den freien Handel tolerierte. So bildete sich die „Freie Achse“.
Die Fronten der zwei verbliebenen Weltmächte verhärteten sich zunehmend. Es entstand auf beiden Seiten in bestimmten Bereichen eine Knappheit, gerade da Russland als größter Exporteur von fossilen Brennstoffen und anderen Bodenschätzen in der UEC fehlte.
Am 9. März 2136, nach einem besonders harten Winter, erreichte dieser Mangel seinen Höhepunkt und führte zum Ausbruch des dritten Weltkriegs.
Unzählige gewaltsame Auseinandersetzungen wurden in den Ländern der Freien Achse sowie an der afrikanischen Ostküste, der amerikanischen Westküste und an den europäischen Grenzländern zu Russland geführt.
In den von der UEC später als Ausrichtungskriege bezeichneten Kämpfen starben Millionen von Menschen. Der dritte Weltkrieg war genau genommen der einzige, welcher diesen Namen tatsächlich verdiente. Jedes einzelne Land der Erde war an den blutigen Auseinandersetzungen beteiligt.
Im Jahr 2147 drohte Australien nach einer verlorenen Schlacht der Verlust eines großen Teils seines Territoriums. Dessen damaliges Regierungsoberhaupt befahl daraufhin einen atomaren Erstschlag auf Deutschland, in das Herz der UEC.
Es gelang jedoch, den Sprengkörper abzufangen und ihn zu zerstören, ohne dass dieser Schaden anrichtete. Als Antwort auf diese radikale Maßnahme wurde vom Wirtschaftsminister der Einsatz von Projekt Solarus gegen Australien bewilligt.
Hierbei handelte es sich um eine orbitale, atomare Waffe mit einer Sprengkraft von über 4.000 Megatonnen. Diese wurde vom Weltall aus gezündet und teilte sich in mehrere kleine Sprengkörper, die sich mit der von einer Militär-KI berechneten, größtmöglichen Effizienz flächendeckend über ihr Ziel legte.
In der gesamten Geschichte der Menschheit gab es keine Vernichtung von menschlichem Leben, die auch nur annähernd dieses Ausmaß erreichte. Der komplette Kontinent wurde in eine atomare Wüste verwandelt.
Im Anschluss an das Massaker stellten sämtliche Länder der Freien Achse die Kampfhandlungen ein und schlossen sich, aus Angst das Schicksal Australiens zu teilen, ebenfalls der UEC an. Russland wehrte sich bis zuletzt, wurde aber schließlich mit Waffengewalt eingegliedert und der gesamte Planet wurde im Jahr 2148 Eigentum der Firma.
Seitdem ist die United Earth Company die einzige Weltmacht. Jeder Mensch wird aufgrund seiner Tätigkeit und Erfahrung einem sogenannten Opportunitätslevel zugewiesen und erhält dementsprechend Zugriff auf Güter und Dienstleistungen. Das Konzept einer Währung als Zahlungsmittel sowie Handel untereinander sind illegal und werden von der Firma hart bestraft. Bis heute wird über die moralische Verantwortung für den Einsatz von Solarus und den tatsächlichen Erstschlag von Australien diskutiert. Russland ist nach seiner Niederlage und als größter Gegner des Systems auch als absoluter Verlierer zu sehen. Viele niedere Tätigkeiten und Arbeiten in niedrigen Opportunitätsleveln wurden dieser Sektion als Strafe zugewiesen.
Artjom – Ein Lächeln und eine Lüge
Artjom Medwedew trug die kleine Holzkiste, in der sich die wöchentliche Zuteilung für seine Familie befand, zu seiner Hütte. Die Kiste war leicht. Viel zu leicht. Die Verteilung der Güter erfolgte nach der jeweiligen Einstufung der Tätigkeit, je nachdem, wie wirtschaftlich wichtig oder fachlich anspruchsvoll diese war.
Zu Artjoms Pech lag die Lebedinskiy Mine, in welcher er arbeitete, in Westrussland. Das kleine Dorf Tserkov lag direkt daneben und jeder, der hier lebte, war auch im benachbarten Tagebau beschäftigt.
Der russische Teil der Welt war immer noch der, welcher am schlechtesten in Einstufung und Verteilung abschnitt. War es damals als Strafe für den vehementen Widerstand seiner Ahnen zu verstehen, wurde dieser Umstand jedoch niemals angepasst. Selbst heute noch, 188 Jahre nach diesem verdammten Krieg, war der Bezirk Russland der Sündenbock der UEC.
Die schwere Arbeit im Steinbruch, welche durchaus Fachwissen erforderte, und das Eisenerz, das einen wichtigen Teil der Rohstoffkette darstellte, bekamen das Opportunitätslevel A zugewiesen. Dieses stellte mit seinen drei Stufen von A1 bis A3 das niedrigste Level dar.
Zusätzlich arbeiteten sie mit längst überholter und verschlissener Technik. Die Lebedinskiy Mine wäre in der Lage, wesentlich mehr Ertrag abzuwerfen, wenn man den Abbau mit modernen Maschinen und schwerem Gerät unterstützen würde. Die Firma jedoch lieferte weder Ersatzteile noch neue Ausrüstung.
Artjom betrat seine Hütte und zog dabei wie jedes Mal den Kopf ein, damit er nicht gegen den Rahmen knallte. Mit seiner Körpergröße von über zwei Meter war er der Größte in Tserkov. Außerdem packte er bereits als kleiner Junge zur Entlastung anderer immer zuerst bei den schweren Arbeiten an, was seinen Körper sehr muskulös und breit hatte werden lassen. Man konnte den ruhigen Russen durchaus als Hünen bezeichnen.
Er stellte die Kiste auf den Küchentisch der karg eingerichteten Wohnung. Gerade einmal drei Zimmer umfasste sie und die Einrichtung beschränkte sich auf das Allernötigste.
Jedes Teil war uralt und abgegriffen, außer natürlich der Holobildschirm, dessen Rahmen in beinahe schon abnormaler Größe im Verhältnis zum Rest der Möbel an der Wand hing – das neuste Modell.
Die Firma stellte sicher, dass auch der kleinste Mitarbeiter eines dieser Geräte besaß. Artjom wusste jedoch, dass es kein Akt der Güte war. Dies sollte lediglich garantieren, dass jeder in der Lage war, die Propagandasendungen der UEC in bester Qualität empfangen zu können. Als Besitzer von allem kontrollierte die UEC natürlich auch sämtliche Medien und schnitt bei deren Reportagen immer gut ab.
Er legte seine großen Hände auf den Deckel der Kiste und betrachtete sie. Die harte Arbeit in den Minen hatte diese kräftig werden lassen und eine dicke Hornhautschicht überzog sie von allen Seiten. Genau wie der Rest seines Körpers waren die Unterarme stark behaart und an etlichen Stellen von Schnitten und Hitze vernarbt. Die Geräte, mit denen sie arbeiteten, waren alt und der Einsatz der hochenergetischen Abbaulaser wurde zunehmend gefährlicher. Die Häufigkeit von Fehlfunktionen nahm stetig zu, wodurch es bei den Maschinenführern oft zu schweren Verbrennungen kam.
Doch sie waren froh, dass sie überhaupt noch funktionsfähige Laser besaßen. Mittlerweile waren nur zwei einsatzfähige Geräte übrig. Der Rest diente lediglich als Ersatzteilspender, um diese beiden am Laufen zu halten. Inzwischen waren sie sogar wieder dazu übergegangen, nur die groben Brocken mit den Lasern herauszutrennen und diese mit Spitzhacke und Hammer zu zerkleinern, sodass sie die richtige Größe für den Transport in die Schmelzhütte bekamen.
Artjom lachte bitter auf. Die Zustände waren ein Witz. Nicht nur, dass sie wie im tiefsten Mittelalter Steine mit der Hand zertrümmerten, nein, noch dazu wurden sie für diesen Umstand bestraft. Vor sechs Monaten erreichte ihr aufgrund der mangelhaften Ausrüstung ständig sinkender Ertrag einen neuen Tiefpunkt. Daraufhin entschloss sich die UEC, das Opportunitätslevel aller Minenarbeiter an die Wirtschaftlichkeit anzupassen und um eine Stufe zu senken. Ein ziemliches Problem, wenn man bereits am untersten Ende stand.
Die meisten Mitarbeiter waren als erfahrene Bergleute in A2 eingestuft. Die einzigen Ausnahmen bildeten die Kinder und Jugendlichen mit A1, da ihr Beitrag zur Arbeit geringer war, und Igor Titow, welcher als Vorarbeiter der Mine seine Güter gemäß dem Level A3 erhielt.
Nach der Herabsetzung fiel daher fast die gesamte Belegschaft auf A1 und lebte seitdem am Existenzminimum. Das eigentliche Problem jedoch waren die Kinder. Unter A1 gab es nichts und sie erreichten die Einstufung 0. Somit galten sie für die Firma als Wirtschaftsballast und erhielten nicht nur keine Zuteilung mehr, sondern wurden von der UEC einer neuen Verwendung zugeführt, um dem System nicht zur Last zu fallen. Die Einstufung 0 war nicht akzeptabel.
Artjom drehte den Kopf und blickte auf seine Tochter Tanja und seinen Sohn Adrian. Sämtliche Kinder wurden ohne Vorwarnung abgeholt und weggebracht. Den Eltern wurde nicht einmal mitgeteilt, wo man sie hinbrachte. Alle, bis auf seine achtjährige Tochter und seinen elfjährigen Sohn. Seine Frau Olga ahnte aus irgendeinem Grund, was kommen würde, und wusste dies zu verhindern. Bei dem Gedanken an seine Frau verhärtete sich die Miene des bärtigen Hünen und eine winzige, nur als schwaches Glänzen wahrzunehmende Träne suchte sich den Weg über seine Wange.
Er liebte Olga. Schon seit er ein kleiner Junge war. Mit ihren langen schwarzen Haaren und ihren tiefblauen Augen hatte sie ihm bereits vom ersten Moment an den Verstand geraubt. Das Glück, welches er in ihrer Nähe empfand, ließ ihn die widrigen Umstände, in denen sie gezwungen waren zu leben, vergessen.
Aber Olga war nun fort. Sie hatte sich selbst liquidiert. Damit erklärte sie sich bereit, einen deformablen Dienst zu übernehmen. Dies bedeutete, dass sie zustimmte, jede Tätigkeit auszuüben: niedere Arbeiten, die sonst keiner freiwillig übernahm. Im Gegenzug wurden ihre Angehörigen ersten Grades ein Opportunitätslevel hinaufgestuft.
Artjom wusste es zwar nicht mit Gewissheit, aber er war sich sicher, dass eine Frau wie Olga der Prostitution zugeführt worden war. Bei dem Gedanken daran, dass sie täglich von fremden Männern vergewaltigt wurde, spannten sich Artjoms Oberarme und seine Trauer schwenkte in Wut, welche schließlich aufgrund der Machtlosigkeit in Verzweiflung mündete.
Als die Soldaten der United Earth Army die anderen Kinder holten, nahmen sie anstatt Tanja und Adrian Olga mit. Als Artjom aufbegehrte, gratulierten sie ihm zu seinem Aufstieg in Opportunitätslevel A2 und dem seiner Kinder in A1.
Seine Frau hatte ihm verschwiegen, was sie plante. Er hätte niemals zugelassen, dass Olga sich dies selbst antat. Aber genauso wenig hätte er zugelassen, dass sie ihm seine beiden Kinder wegnahmen. Es war nicht fair von der Firma, sie dazu zu zwingen, solche Entscheidungen zu treffen.
Der deformable Dienst wurde von der UEC in den Holowerbespots als mitfühlende Lösung für niedrige Arbeitskräfte präsentiert. Aber in der Realität war es nichts anderes als ein versteckter Übergang in die Sklaverei.
Tanja drehte den Kopf und sah ihn an. Artjom erkannte Angst und Sorge im Blick des kleinen Mädchens. Die Wut im Gesicht ihres Vaters verschreckte sie. Er zwang sich, die schlechten Gedanken zu verdrängen, und schenkte ihr ein mildes Lächeln.
Sogleich strahlte ihn das kleine Mädchen mit den schwarzen Zöpfen an.
„Lasst uns mal sehen, was wir diese Woche bekommen haben!“, sagte er zu seinen Kindern und öffnete den Deckel.
Auch Adrian blickte ihn nun an. Er strahlte jedoch nicht wie seine Schwester. Der Junge war inzwischen alt genug, um zu verstehen, was los war, und fing bereits jetzt an, in die Verbitterung der Dorfbewohner einzustimmen.
Artjom behielt seine freundliche Miene mit aller Kraft bei und sah in die Kiste. Der Inhalt war mehr als enttäuschend – mal wieder.
Ein Stück Seife, zwei Packungen Nudeln, etwas Reis und Pökelfleisch. Keine neue Kleidung für seine Kinder und auch Spielzeug oder andere Luxusgüter fehlten komplett. Alkohol und Tabakwaren bildeten wie jedes Mal einen Großteil der Ration. Die Firma wollte, dass die Arbeiter ihren Frust betäubten.
Bei seiner eigenen mageren Ausbeute mochte er sich gar nicht erst vorstellen, wie es den anderen im Dorf erging. Nur Igor und er waren noch in A2.
Er blickte wieder auf und sah, dass die beiden Kinder seine Enttäuschung trotz des aufgesetzten Lächelns bereits erkannt hatten.
Schließlich durchbrach Tanja die Stille und fragte ihn traurig: „Papa, ich vermisse Mami. Wann kommt sie wieder?“
Der hoffnungsvolle Blick des kleinen Mädchens und seine Unfähigkeit, auf diese Frage zu antworten, zerbrachen Artjoms Herz, während er versuchte für seine Kinder stark zu bleiben. Er zwang sich trotz allem ein Lächeln und eine Lüge ab, welche er sich selbst seit Monaten nicht mehr glaubte.
Artjom – Es wird schon gehen
Mit enormer Wucht schwang Artjom den übergroßen Hammer, welcher eigentlich nicht für Menschenhände gemacht war. Sie hatten ihn aus einem der kaputten Erzzerkleinerer ausgebaut und nun zertrümmerte er mit Muskelkraft, was einst elektrisch zerkleinert wurde.
Unter dem enormen Einschlag zerplatzte der Erzklumpen, welchen sich Artjom als Opfer für seine Wut auserkoren hatte.
„Das ist Wahnsinn, Igor, das kannst du nicht machen!“, brüllte er seinen Vorarbeiter gegen den Lärm der zwei rund um die Uhr laufenden Abbaulaser und den Schlägen der Hämmer und Spitzhacken an.
„Wenn das klappt, können wir den Ertrag um fünfzig Prozent steigern“, entgegnete sein Vorgesetzter mit den langen braunen Haaren noch lauter als Artjom. Igor Titow war fast einen halben Meter kleiner als er und ziemlich hager. Die Verwaltungsgeschäfte waren körperlich weniger fordernd und dies führte dazu, dass er der Einzige in ganz Tserkov war, der nicht mit enormer Muskelkraft aufwarten konnte.
Sein Chef hatte sich eine Möglichkeit ausgedacht, einen der kaputten Bergbaulaser wieder in Betrieb zu nehmen. Vom Grundsatz her war es keine schlechte Idee, da dies die Arbeit erheblich vereinfachen und beschleunigen würde. Allerdings gefiel die Art und Weise Artjom überhaupt nicht. Igor wollte den Transformator einer der beiden funktionsfähigen Laser überladen und einen der defekten damit betreiben.
Ein sehr gewagtes Vorgehen, da ihnen der Zugang zu den technischen Daten und somit zur theoretischen Prüfung der Machbarkeit nicht möglich war. Zumal das Bauteil nur für die Leistung eines Lasers ausgelegt war.
Artjoms Miene verhärtete sich und er schüttelte leicht den Kopf. Noch bevor er seine Einwände aussprechen konnte, mischte sich Boris Iljin in den Disput ein.
„Artjom, überleg doch mal. Das ist für uns die Möglichkeit, wieder hochgestuft zu werden“, der blonde Russe blickte ihn aus seinem verbrauchten Gesicht, was durch harte Arbeit, Alkohol und Zigaretten mindestens zehn Jahre älter aussah, als es eigentlich war, hoffnungsvoll an, „vielleicht bekomme ich dann meinen Olek zurück.“
Artjom konnte das Verlangen seiner Kollegen, ihre Kinder zurückzubekommen, nachvollziehen, aber sie riskierten zu viel.
„Wenn das schiefgeht, verlieren wir unter Umständen wichtige Ersatzteile und im schlimmsten Fall sogar einen weiteren Laser“, gab er zu bedenken.
„Wir steigern die Leistung Stück für Stück und sobald es Probleme gibt, schalten wir ihn sofort ab“, mischte sich nun auch Mischa Popow, ein anderer Kollege, in die Unterhaltung ein. Seine Tochter war ihm ebenfalls von der UEC weggenommen worden.
„Ich habe deine Bedenken gehört. Aber ich bin der Vorarbeiter und ich sage, wir versuchen es!“, schloss Igor die Diskussion und richtete seinen Blick dabei auf Artjom, „es wird schon gehen.“
Der Hüne wandte sich kopfschüttelnd ab und drosch sein überdimensionales Werkzeug erneut auf einen Erzbrocken. Er hoffte wirklich, dass Igor damit recht behielt.
Kurze Zeit später sah er, wie Boris und Mischa unter Anleitung des Vorarbeiters den defekten Abbaulaser platzierten.
Bei den großen Maschinen handelte es sich um Hochvoltlaser, die zwar alt und verschlissen aber durch die enormen Temperaturen, die diese erreichten, alles andere als ungefährlich waren.
Überall auf der Außenhülle erkannte er Symbole, die eindeutig vor dem unsachgemäßen Gebrauch des Gerätes warnten. Diese Zeichen schreckten schon seit Langem niemanden mehr in Tserkov ab, zu oft war es notwendig Reparaturen eigenhändig durchzuführen und dabei zu improvisieren.
Boris entfernte kurzerhand die äußere Hülle, womit auch die Warnungen verschwanden, und begann damit, Kabel an unterschiedlichen Stellen anzuschließen. Mischa montierte die anderen Enden derweil an dem funktionsfähigen Laser.
Artjoms Stirn legte sich in Falten. Selbst wenn bei dieser Aktion nichts kaputtging, entstand bereits jetzt ein Verlust. Das Gerät war nun seit etwa einer halben Stunde deaktiviert und schnitt keine weiteren Brocken aus der Stollenwand. Kritisch beobachtete er, wie seine beiden Kollegen Dutzende von Kabeln mit Klemmen und Klebstreifen unsachgemäß an die Laser anbrachten.
Als sie fertig waren, begannen Boris und die vierköpfige Mannschaft des ursprünglichen Gerätes Hitzeschutzkleidung anzulegen. Mischa und Igor gesellten sich zu Artjom und sie betrachteten schweigend die Vorbereitungen für den Start der improvisierten Konstruktion.
„Ich halte es dennoch für eine schlechte Idee“, brach Artjom schließlich das Schweigen.
„Nicht jeder von uns hat das Glück, seine Kinder noch bei sich zu wissen!“, zischte ihn Mischa verärgert von der Seite an.
Wut kochte in Artjom hoch und sein Blick heftete sich vernichtend auf den Kollegen. Nannte dieser Ignorant den Verlust von Olga, welche seit ihrem Fortgehen vermutlich endlos litt, tatsächlich Glück?
Mischa bemerkte seinen Fehler sofort und richtete den Blick schuldbewusst zu Boden.
„Es tut mir leid“, stammelte er, „so war das nicht gemeint, es ist nur ...“
Das Brummen der hochfahrenden Transformatoren der beiden Laser unterbrach dessen Entschuldigung.
Inzwischen standen etwa zwanzig Personen bei ihnen und betrachteten den waghalsigen Versuch. Alle Augen richteten sich auf die Laser. Artjoms Blick ruhte noch für einen Moment auf Mischa, dann wandte er sich ebenfalls dem Geschehen zu.
Die Erste der drei Lampen, welche den Stand des Ladeprozesses anzeigten, leuchtete grün auf.
„Komm schon“, murmelte Igor.
Kurz darauf auch die Zweite. Das Surren, das die Laser von sich gaben, wurde unvermittelt lauter und heller – das war nicht normal.
Boris, welcher die Geräte manuell langsam hochfuhr, ließ den Hebel, mit dem er dies regulierte, in seiner aktuellen Position und drehte sich zu Igor um. Auch er wusste, wie Laser normalerweise klangen, und wollte von dem Vorarbeiter wissen, ob er trotzdem fortfahren sollte.
„Da stimmt etwas nicht, Igor!“, sagte Artjom eindringlich zu seinem Vorgesetzten.
Dieser ignorierte den Hinweis und blickte nachdenklich auf ein Holopad, welches er stets mit sich führte. „Das Geräusch ist neu, so wie das ganze Vorgehen. Die Temperatur und Spannungswerte sehen normal aus“, entschied er schließlich und streckte die zur Faust geballte Hand mit dem Daumen nach oben in Boris Richtung, „mach weiter!“
„Igor!“, fuhr Artjom ihn an. Dieser schenkte ihm jedoch auch weiterhin keine Beachtung.
Das Geräusch wurde stetig lauter und heller. Inzwischen klang der Ton so bedrohlich, dass er überlegte, ob er selbst nach vorn eilen sollte, um Boris vom Hebel wegzustoßen. Kurz bevor er sich in Bewegung setzen wollte, sprang plötzlich das dritte und letzte Licht an. Das Geräusch verlor schlagartig an Intensität. Zwar war es immer noch zu hell, aber die Lautstärke war wieder auf einem weniger furchteinflößenden Niveau.
„Ha!“, lachte Igor auf, „ich habe es dir doch gesagt, du alter Pessimist!“
Aufmunternd klopfte er Artjom auf den Rücken.
Alle um sie herum fielen in die Freude ein. Der Einsatz eines weiteren Lasers würde ihren Ertrag wieder enorm steigern. Seit fast zwei Jahren produzierten sie nur noch mit den beiden verbliebenen Geräten. Zwar blieb seine Skepsis, aber auch Artjoms Mundwinkel gingen nun leicht in die Höhe. Mit dem gesteigerten Ertrag konnten sie in Kürze damit rechnen, wieder hochgestuft zu werden und dann hoffentlich ihre Kinder zurückzubekommen.
Er freute sich für seine Kollegen, doch die Freude schmeckte bitter. Er wusste, dass ihm dies seine Olga nicht zurückbringen würde.
Jedoch wollte er den glücklichen Kollegen ihre Freude nicht verderben. Diese waren nun emsig damit beschäftigt die Brocken, welche die beiden Laser in doppelter Geschwindigkeit aus der Wand trennten, zu zerkleinern und auf die Waggons zu laden.
Glück war etwas, was es in Tserkov viel zu selten gab. Artjom packte seinen Hammer und machte seiner Verbitterung mit einem mächtigen Hieb auf einen Erzbrocken Luft.
Schweiß floss in Strömen seinen Körper hinab. Alle hatten ihr Arbeitstempo im Gedanken an ihre Familien erhöht und er wollte dem nicht im Weg stehen. Seit nun beinahe zwei Stunden arbeiteten die Laser und schnitten Brocken aus dem Gestein. Dank ihrer Euphorie schafften sie es sogar, den errechneten Mehrertrag zu übertreffen.
Artjom genoss es, an Stellen ein Lächeln zu sehen, an denen normalerweise ausschließlich verbitterte Mienen vorzufinden waren. Er dachte an seine Kinder und wünschte sich, dass sie an einem Ort aufwachsen würden, an dem dieser Zustand normal war, an dem Glück allgegenwärtig war.
Schlagartig schwoll das Surren der Laser wieder an. Noch lauter und heller als beim Hochfahren.
Artjom blickte entsetzt auf die beiden Maschinen. Die Lampen des eigentlich defekten Lasers leuchteten nun nicht mehr in beruhigendem Grün, sie blinkten rot. Das hatte er an den Geräten noch nie gesehen.
„Was ist los?“, schrie einer der Arbeiter panisch.
„Schalt den Scheiß aus, Boris!“, rief Igor, der wild mit einem Holopad winkend angerannt kam, „die Temperatur schießt in die Höhe, er brennt uns sonst durch!“
Boris, der bereits vor der Anweisung des Vorarbeiters zu dem Energieregler gerannt war, bewegte ihn mehrfach in alle Richtungen. Sein Handeln veränderte jedoch nichts an der Situation. Schließlich drehte er sich zu Igor um, hob verzweifelt die Arme und schrie etwas, das Artjom nicht verstehen konnte. Offensichtlich reagierte der Laser nicht auf seine Eingaben. Das Geräusch schwoll immer weiter an und Igor tippte panisch auf seinem Pad herum. Artjom blickte sich um. Er musste etwas tun.
Da sah der Hüne das dicke Hochvoltkabel, welches den Laser mit Energie versorgte. Kurz überlegte er, ob dessen Reparatur umsetzbar war, entschied dann aber, dass der Verlust der Abbaumaschine bei Weitem schwerer wog.
Er schnappte sich seinen Hammer und rannte zu dem Kabel, platzierte es auf einem scharfkantigen, großen Stein und holte weit über dem Kopf aus.
BAM
Mit aller Kraft donnerte er den Hammer auf das Kabel, in welches sich daraufhin der scharfe Stein darunter schnitt. Jedoch nicht tief genug, um die Stromversorgung zu unterbrechen. Er hatte die dicke Isolierung noch nicht vollständig durchdrungen.
Das Geräusch war inzwischen ohrenbetäubend laut und Artjom sah aus dem Augenwinkel, wie die Kollegen panisch flüchteten und sich die Ohren zuhielten. Ein paar Geistesgegenwärtige waren zu Boris gerannt, um ihn zu unterstützen. Igor stand immer noch da und tippte auf dem Pad herum.
„Nein, nein, nein!“, stammelte er verzweifelt.
Artjom holte erneut mit dem Hammer aus. Er musste das Kabel durchtrennen. JETZT!
Er legte all die Gewalt, welche in seinen durch jahrelange harte Arbeit gestärkten Armen lag, in den Hieb und beschleunigte das Werkzeug mit fast schon übermenschlicher Kraft. Kurz bevor er das Kabel berührte, geschah es. Wesentlich schlimmer, als Artjom es anfangs befürchtet hatte – der überhitzte Laser explodierte.
Boris und die drei Arbeiter, welche direkt danebenstanden, verbrannten innerhalb von Sekundenbruchteilen in dem mehrere tausend Grad heißen, thermischen Energieblitz zu Asche. Eine gewaltige Druckwelle breitete sich aus, riss Mensch und Gerät gleichermaßen um und schleuderte sie gegen die Wände.
Auch Artjom wurde mitsamt seinem Hammer umgerissen und einige Meter über den Boden gezerrt.
Die unbändige kinetische Energie konnte in dem Tunnel nirgendwo hin und bahnte sich ihren Weg den gesamten Schacht entlang, wobei sie nichts als Zerstörung hinterließ.
Nachdem sie sich in Form einer gigantischen Staubwolke den Weg aus dem Stollen freigekämpft hatte, wurde es ruhig. Artjom schüttelte seine Benommenheit ab, rappelte sich auf und blickte sich um. Von dem einen Laser waren nur noch geschmolzene Metallreste übrig. Der Zweite war von der Explosion zertrümmert worden. Viele Arbeiter lagen regungslos herum. Andere stöhnten schmerzhaft auf und schienen schwer verletzt zu sein.
Mit Entsetzen wurde Artjom bewusst, was dies für Tserkov bedeutete. Sie hatten nicht nur einen der beiden letzten Laser eingebüßt, sondern auch den Großteil ihres Personals verwundet oder gar getötet. Ihr Ertrag würde ins Bodenlose fallen.
Neben ihm stöhnte Igor auf.
„Ich habe dich gewarnt!“, fuhr er den noch halb benommenen Vorarbeiter an, „sieh dir an, was du angerichtet hast!“
Blut lief seinem Vorgesetzten von einer Platzwunde über dem Auge ins Gesicht. Fassungslos starrte er auf das Chaos und stammelte: „Das ... das habe ich nicht gewollt. Ich habe nur versucht, es für alle besser zu machen.“
Im nächsten Moment bebte die Erde.
„Großer Gott!“, schrie Artjom entsetzt, „der Stollen stürzt ein! Wir müssen hier raus!“
Er blickte sich um und sah, dass einige Arbeiter immer noch auf dem Boden lagen und sich nicht rührten. Ob sie bewusstlos oder tot waren, wusste er nicht.
Das Beben nahm zu, Risse bildeten sich im Gestein und es rieselte Staub herab.
Artjom musste eine Entscheidung treffen. Er würde nicht alle retten können und bei einem sinnlosen Versuch umkommen wollte er nicht – seine Kinder brauchten ihn.
Der Hüne schnappte sich den benommenen Igor und rannte mit ihm los. Der Weg nach draußen war weit. Einmal hier verschüttet, würde ihm niemand mehr helfen können.
Während er rannte, wurde das Beben unter seinen Füßen so stark, dass er Probleme hatte, beim Laufen nicht zu stürzen. Indessen fielen stellenweise große Gesteinsbrocken von der Decke, denen Artjom auswich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er endlich den rettenden Aufzugsschacht und stürmte samt Igor hinein. Er war der Erste und blickte hinter sich in den Tunnel. Drei weitere Männer retteten sich in die Kabine.
Mit der Hand am Schalter, der die Tür schloss und die Fahrt hinauf starten würde, starrte er unschlüssig in den Gang.
Noch ein Arbeiter taumelte in die Kabine. Der Staub in der Luft ließ ihn gerade einmal ein paar Meter weit sehen.
„Wir müssen nach oben, bevor der Schacht komplett einstürzt!“, schrie Igor ihn an.
Artjom wusste das. Angespannt starrte er in den Tunnel. Das Dröhnen und Beben nahm immer weiter zu.
„Artjom!“, schrie ein anderer Arbeiter.
„Ach, verdammt!“, brüllte Artjom und betätigte den Schalter. Das Gitter der Aufzugstüren schloss sich und die Fahrt nach oben begann.
Kurz bevor sie außer Sichtweite des Eingangs kamen, sahen sie noch einen Arbeiter, der einen weiteren auf den Schultern trug – es war Mischa.
„NEIN!“, schrie er mit vor Entsetzen geweiteten Augen. Doch es war zu spät. Sie konnten die Kabine erst wieder hinunterschicken, wenn sie einmal oben angekommen waren, so war diese programmiert.
Artjom wendete den Blick von den beiden von ihm zum Tode Verurteilten ab und sah in die Gesichter der fünf anderen Personen im Aufzug.
In diesem Moment wünschte er sich, darin wieder die normale Verbitterung zu sehen.
Levin – Auflösung
Unteroffizier Levin Messerschmitt saß auf dem Beifahrersitz des Truppentransporters. Außer dem Fahrer begleiteten ihn noch acht Soldaten der United Earth Army oder auch UEA, welcher er ebenso angehörte. Alle, mit Ausnahme von ihm, besaßen den Rang eines Spezialisten, der sie im obersten Segment der Mannschaftsdienstgrade einordnete. Nicht etwa, weil sie Fachleute auf irgendeinem Gebiet waren, sondern da ihr Auftrag sehr speziell war.
Levin stellte mit seinen 33 Jahren eine Ausnahme dar. Er leitete derartige Einsätze, obwohl er selbst lediglich den Rang eines Unteroffiziers des 2. Grades besaß. Dies lag daran, dass sich von seinen Vorgesetzten keiner gern die Hände schmutzig machte, wenn getan werden musste, was nun einmal nötig war.
Ihn störte dieser Umstand nicht. Die Jungs im Laderaum folgten ihm aufs Wort und zögerten niemals. Sie liebten es sogar genauso sehr wie er selbst, sich die Hände schmutzig zu machen.
Unteroffizier Messerschmitts Mundwinkel schoben sich nach oben. Das hier war ihm tausend Mal lieber, als in der Kaserne oder bei Patrouillen irgendwelchen Feldwebeln und Offizieren die Stiefel zu lecken. Bei seinen Einsätzen war er ein Gott für diejenigen, denen er begegnete. Er war ihr Schicksal und ihr Henker. An seinem niedrigen Dienstgrad, seiner geringen Körpergröße mit der hageren Statur und seinem unattraktiven Gesicht mit den abstehenden Ohren störte sich dabei niemand.
Immer noch lächelnd senkte er den Blick auf die Akte, welche die Eckdaten für den heutigen Einsatz enthielt. Ein kleines Bergwerksdorf namens Tserkov sollte aufgelöst werden. Er kannte solche Fälle nur zu gut. Die UEC hatte bereits vor Jahren fortschrittliche Maschinen gebaut, die den Erzabbau wesentlich effizienter gestalteten. Allerdings wollten sie diese nicht in die Hände von minderbemittelten Bergarbeitern geben – schon gar nicht in die von Russen. Unteroffizier Messerschmitt stammte aus dem deutschen Bezirk der UEC.
Woher seine Männer kamen, wusste Levin nicht. Sie trugen immer ihre Helme mit geschlossenem Visier und er legte keinen Wert darauf, ihre Namen oder Gesichter zu kennen. Russen waren auf jeden Fall nicht darunter, da es diesen nicht erlaubt war, sich der UEA anzuschließen.
Er lachte laut auf, als er den Bericht zu Ende gelesen hatte. Normalerweise ließ die Firma diese Dörfer langsam ausbluten, bis sie keinen Gewinn mehr abwarfen und alle das Opportunitätslevel 0 erreichten. Anschließend schickten sie ihn, um diese Siedlungen aufzulösen und Platz für moderne Technik zu machen.
Aber diese Idioten hatten es tatsächlich geschafft, sich selbst ins Aus zu katapultieren. Sie hatten an den Abbaulasern herumgebastelt, was letztlich zu einer Explosion führte, welche die gesamte Mine zum Einsturz brachte. Alle verbliebenen Maschinen und große Teile des Personals gingen dabei verloren.
Verwundert stellte er außerdem fest, dass zwei Personen in dem Dorf mit der erneuten Herabstufung, die er überbrachte, nicht auf 0 fallen würden, sondern danach noch in A1 blieben. Das war ungewöhnlich. Normalerweise wurden erst alle auf ein Level gesenkt und dann kam die letzte Deklassifizierung. Durch das selbstzerstörerische Verhalten jedoch fiel dieser Schritt aus.
Levin überlegte, wie er damit umgehen sollte. Das Vorgehen seiner Einheit war zwar unschön und wurde von der Öffentlichkeit ferngehalten, jedoch folgte es trotzdem offiziellen Regeln und Grundsätzen, welche in diesem Fall durchaus problematisch waren.
Er hatte sich noch nicht gänzlich festgelegt, als der Truppentransporter den Vorort der Lebedinskiy Mine erreichte. Er beschloss, sich spontan zu entscheiden.
Unteroffizier Messerschmitt öffnete die Tür und stieg aus dem Fahrzeug. Seine Soldaten hatten dieses bereits verlassen und sich vor den versammelten Menschen positioniert. Er hatte sein Kommen dem Vorarbeiter angekündigt und befohlen, das ganze Dorf auf dem Marktplatz versammeln zu lassen. Mit erhobenem Haupt und den Armen hinter dem Rücken verschränkt, bewegte er sich gemächlich vor die Menschenansammlung. Seine Soldaten standen in den schwarzen Kampfrüstungen und geschlossenen Helmen mit verdunkelten Visieren wie Statuen hinter ihm. Auf ihrer Brust prangte ein goldener Blitz, welcher ihren Rang als Spezialisten kenntlich machte, und in den Händen hielten sie alle ein vollautomatisches Gaußgewehr der Saturnklasse. Levin liebte moderne Waffentechnik. Die Gaußgewehre waren Hochenergiewaffen, welche nach einem Prinzip, das dem einer Railgun nicht unähnlich war, funktionierten. Um deren Lauf waren mehrere hintereinander angeordnete Spulen angebracht, welche ein Kondensator beim Aktivieren abwechselnd kurz mit Strom versorgte. Diese wurden dadurch magnetisch und zogen das sich im Lauf befindliche Projektil an. Sobald dieses die Mitte der jeweiligen Spule erreichte, schaltete der Strom ab und die nächste wurde aktiviert, welche dann wiederum das Geschoss anzog. Dies alles passierte in einem Sekundenbruchteil und beschleunigte das Projektil auf unfassbare zwanzig Kilometer pro Sekunde, was immerhin fast das Doppelte von dem war, das notwendig ist, um den Erdorbit zu verlassen – zweifache Fluchtgeschwindigkeit also. Lediglich die thermische Belastungsgrenze des Materials der Geschosse beschränkte die Geschwindigkeit. Die spezielle Legierung, aus denen diese bestanden, erreichte hierbei bereits eine Temperatur jenseits von 700 °C.
Er selbst trug ebenfalls den schwarzen Körperpanzer der UEA. Auf seiner Brust befand sich jedoch ein vierzackiger Stern mit einem auf dem Kopf stehenden Dreieck darüber, welches ihn als Unteroffizier des 2. Grades auswies. Auf einen Helm verzichtete Levin.
Er wollte, dass sie sein Gesicht sahen.
Er wollte, dass es persönlich war.
Der Unteroffizier überblickte die Masse von etwa vierzig Menschen. Eigentlich sollten es über sechzig sein, aber der kürzliche Unfall in der Mine musste die Zahl deutlich reduziert haben. Zu seiner Überraschung erblickte er auch zwei Kinder, welche sich verängstigt an einen hünenhaften Mann klammerten. Das war ebenfalls ungewöhnlich, normalerweise wurden die Bälger bereits vorher abgeholt und einer neuen Verwendung zugeführt. Ein Lächeln schlich sich auf seine Züge. Genau genommen hatte er noch nie Kinder dabei.
„Ich bin Unteroffizier Messerschmitt und bin hier, da es in dieser Arbeitsstätte in der nahen Vergangenheit durch unsachgemäßen Gebrauch der von der UEC gestellten Ausrüstung zu einem Unfall kam“, er machte eine Pause und blickte kurz in die Gesichter. Er genoss die Angst, die er darin hervorrief und fuhr dann fort:
„Hierbei wurde sämtliches Gerät zerstört und der Ertrag der Mine fällt dadurch in einen nicht mehr vom System tragbaren Bereich. Ich informiere Sie darüber, dass dies dazu führt, dass das Opportunitätslevel der gesamten Arbeiterschaft um eine Ebene herabgesetzt wird. Da Ihr aktuelles Level bereits bei A1 liegt, erreichen Sie nun die Stufe 0 und sind dadurch als Wirtschaftsballast zu betrachten. Hiervon gibt es zwei Ausnahmen, die sich vorher in A2 befanden und nun in A1 sind.“
Levin sah in die Unterlagen auf seinem Klemmbrett, dann rief er: „Igor Titow?“
„Das bin ich!“, antwortete ein Mann mit langen Haaren, der in etwa seine Statur hatte.
„Artjom Medwedew?“
Keine Antwort.
Unteroffizier Messerschmitt hob den Kopf und schaute wütend über die Menge. Er mochte es überhaupt nicht, wenn seinen Anweisungen nicht Folge geleistet wurde. Er sah, dass alle Anwesenden den Blick gesenkt hatten. Nur der Riese mit den beiden Kindern blickte ihn verzweifelt an.
In diesem Moment verflog seine Wut, da er nun wusste, wer der andere A1-Kandidat war. Jetzt traf er auch eine Entscheidung, wie er mit der Situation umgehen wollte.
Er machte einen Schritt auf ihn zu und blickte dem großen Russen genau in die Augen: „Artjom Medwedew?“
„Das bin ich. Ich verzichte jedoch auf das Opportunitätslevel. Ich möchte bei meinen Kindern bleiben“, kam schließlich die kleinlaute Antwort von dem Mann.
‚So groß und doch so unterwürfig gegenüber dem winzigen Unteroffizier‘, feixte Levin im Gedanken.
Sein Blick blieb jedoch ernst und trocken entgegnete er: „Das legen weder Sie noch ich fest. Beide nach links austreten!“
Der hagere, langhaarige Russe kam seiner Aufforderung umgehend nach. Der Hüne blieb jedoch stehen und umklammerte seine beiden Kinder fester.
„Bitte, Herr Unteroffizier, sie sind alles, was ich noch habe.“
Levins Blick versteinerte, aber innerlich grinste er breit. Er liebte es, wenn sie bettelten, bevor er über sie richtete. Er blieb ihm eine Antwort schuldig, drehte sich in Richtung seiner Soldaten um und machte eine Kopfbewegung, die auf den Russen deutete.
Sofort schulterten zwei der Spezialisten ihre Waffen und setzten sich in Bewegung. Er liebte es, wenn seine Befehle so schnell und richtig umgesetzt wurden.
Sie gingen unerbittlich auf den Russen zu und zogen die beiden Kinder von ihm weg.
„Nein, bitte nicht!“, schrie dieser und schlug in seiner Verzweiflung gegen den Helm des einen Soldaten, welcher daraufhin zu Boden ging.
‚Beachtliche Leistung!‘, musste Levin innerlich anerkennen. Die Helme waren stabil und um mit der bloßen Hand einen solchen Effekt zu erzielen, musste man schon ganz schön hart zuschlagen.
Der andere Soldat machte sofort einen Schritt zurück und ging mit dem Gaußgewehr in den Anschlag. Er richtete seinen Blick auf den Unteroffizier. Oh, wie Levin es liebte, wenn sie nach seiner Pfeife tanzten. Er schüttelte nur mit dem Kopf.
Der Soldat schulterte seine Waffe daraufhin wieder und griff zu dem Schockdraht an seinem Gürtel. Ohne lange zu zögern, richtete er das etwa faustgroße Gerät auf den Russen und drückte ab.
Es knallte laut.
Eine Treibladung in dem Apparat explodierte und schickte ein etwa zwei Meter langes Carbonfaserkabel, an dessen Enden je ein kleines Gewicht und scharfe Haken befestigt waren, mit hoher Geschwindigkeit auf die Reise. Als dieses den Hünen erreichte, wickelte es sich straff um seinen Oberkörper und schließlich rasteten die Haken in seinem Fleisch ein. Kurz darauf begannen in regelmäßigen Abständen starke Stromstöße durch das Kabel zu fließen. Schmerzerfüllt verzog der Russe das Gesicht und ging in die Knie. Es knallte erneut. Der andere Soldat hatte sich wieder erhoben und nun ebenfalls seinen Schockdraht zum Einsatz gebracht. Dieser wickelte sich um die Oberschenkel des Mannes. Daraufhin kippte dieser nach vorn über.
„Papa!“, rief eines der Kinder. Der Junge versuchte, seinem Vater aufzuhelfen, wurde jedoch sogleich von einem der Soldaten in die Masse der Menschen zurückgeschubst. Das kleine Mädchen stand nur da und weinte, was ihn nun doch zum Schmunzeln brachte. Der zweite Soldat zog indessen den gefesselten Mann über den staubigen Boden an den von Levin angewiesenen Platz.
„Leg ihn so hin, dass er es sehen kann!“, rief Unteroffizier Messerschmitt ihm nach.
Der Soldat rollte den Russen auf die Seite, sodass dessen von den Stromstößen schmerzverzerrtes Gesicht ihm zugewandt war.
‚So ist es gut‘, freute sich Levin.
„Herr Unteroffizier. Es ist vielleicht wirklich keine schlechte Idee, wenn er bei der neuen Verwendung bei seinen Kindern bleibt. Sie arbeiten besser unter seiner Kontrolle“, versuchte es der Vorarbeiter nun etwas diplomatischer.
Er richtete seinen Blick auf den Mann und lächelte verschlagen.
„Ich befürchte, Sie haben mich missverstanden, Herr Titow. Ich bin nicht hier, um das Dorf einer neuen Verwendung zuzuführen. Diese Möglichkeit hat das Unternehmen leider nicht immer. In diesem Fall verhält es sich bedauerlicherweise so, dass die Qualifikationen des Personals sich an keinem anderen Standort einsetzen lassen. Die Ressourcen, um Wirtschaftsballast durchzufüttern, besitzt die UEC leider nicht. Daher ist es meine Aufgabe, dieses Dorf aufzulösen.“
Der Vorarbeiter sah ihn verwirrt an und fragte: „Auflösen?“
Levin lächelte und zog seine halbautomatische Gaußpistole der Plutoklasse aus dem Beinholster.
Ansatzlos richtete er sie auf die Menschen und drückte ab. Da die Kugel wie bei der Saturnklasse per elektromagnetischer Induktion beschleunigt wurde, gab es keine Treibladung, die explodierte und knallte. Lediglich ein leises, helles Peitschen, verursacht durch das Geschoss selbst, als es die Schallmauer durchbrach, war zu vernehmen.
Durch die widernatürliche Geschwindigkeit entstand hinter der Kugel ein so hoher Druckunterschied in der Luft, dass sie deren Aggregatszustand veränderte.
Hierbei bildete sich eine schmale blaue Plasmawolke, welche sich einige Sekunden in der Luft hielt, bevor sie sich wieder auflöste.
Das 700 °C heiße Geschoss fuhr einer Frau direkt durch das Gesicht, dem Mann dahinter durch den Hals und anschließend verschwand es in einem Haus. Aufhalten ließ es sich von keinem der Hindernisse. Es hinterließ lediglich große Brandlöcher an Fleisch, Knochen und Stein. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit, in der das alles geschah, wirkte es für Unwissende beinahe so, als hätte er einen Laser abgefeuert.
„Auflösung!“, beantwortete Unteroffizier Messerschmitt die noch offene Frage des Vorarbeiters und gab damit gleichzeitig das Kommando für seine Soldaten. Diese zögerten keinen Moment, gingen mit ihren Gaußgewehren in den Anschlag und eröffneten das Feuer.
Schreie, vielfaches leises Peitschen der Geschosse und unzählige blaue Plasmalinien dominierten von einem Moment auf den anderen die Situation. Levin wusste bereits, dass keiner der Soldaten Skrupel hatte, daher waren sie ja auch Spezialisten.
Unteroffizier Messerschmitt genoss die sich ausbreitende Panik. Er suhlte sich in Angst und Verzweiflung.
Levin war ihr Henker, ihr Richter, ihr Gott!
Ein Gefühl von Macht durchströmte ihn und er schoss einem weiteren Russen, welcher gerade wegrennen wollte, auf Herzhöhe in den Rücken.
Der Junge, der sich vorhin noch an den Hünen geklammert hatte, wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen und ging lautlos zu Boden.
„ADRIAN! NEIN!“, hörte er den gefesselten Russen brüllen. Er versuchte, sich mit aller Kraft von den Schockdrähten zu befreien, und kurz sah es so aus, als würde er sie zerreißen. Auf das Carbonfasergeflecht, aus welchem diese bestanden, war jedoch Verlass und schon beim folgenden Stromstoß erkannte der Russe die Sinnlosigkeit seiner Gegenwehr und stellte sie ein.
Levin suchte seinen Blick und wartete, bis er ihn ebenfalls ansah. Mit freudiger Erregung richtete der Unteroffizier seine Waffe auf das kleine Mädchen, welches neben der Leiche ihres Bruders kniete, und betrachtete den Russen.
„Nein! Bitte nicht!“, winselte dieser und starrte ihn so herzzerreißend flehend an, dass Levin fast laut lachen musste. Es war einfach zu köstlich.
Er drückte ab und das Mädchen folgte ihrem Bruder. Der Unteroffizier blickte dem Mann genau in die Augen und meinte fast sehen zu können, wie dessen Wesen zerbrach. Wie seine Seele in diesem Moment starb und den Körper verließ. Sein Hochgefühl erreichte ungeahnte Dimensionen.
Bald darauf wurde es still. Die klappernden Magazine, welche die Waffen mit neuem Strom und Kugeln versorgten und nun leer aus den Gaußgewehren ausgeworfen und erneuert wurden, waren das Letzte, was noch Geräusche verursachte.
Dann war einzig das Wimmern des gefesselten Hünen zu hören. Der Vorarbeiter starrte lediglich mit offenem Mund wortlos auf die Leichen.
„Ihr verdammten Schweine! Wieso?“, brüllte der Russe unter Tränen, „bringt mich auch um!“
Levin grinste ihn an, dann rief er: „Wir sind hier fertig. In Kürze erfahrt ihr beide, ob ihr neues Gerät bekommt oder umgesiedelt werdet. Bis dahin habt ihr weiter Erz abzubauen.“
Seine Männer reagierten sofort auf den Befehl und begannen wieder auf dem Truppentransporter aufzusitzen, als wäre nichts geschehen. Er sog die Verzweiflung des Vaters noch für einen Moment auf, dann wandte er sich ebenfalls ab und ging davon.
„Töte mich, du verdammtes Schwein!“, schrie der Russe ihm unter Tränen nach, „dafür wirst du bezahlen!“
Unteroffizier Messerschmitt schloss die Tür, woraufhin das Geschrei abriss. Er sah seinen Fahrer an, welcher den Blick entsetzt erwiderte. Er war neu und würde sich erst an ihren Auftrag gewöhnen müssen. Die Laune wollte er sich dadurch jedoch nicht verderben lassen.
„Los geht‘s!“, sagte er warm lächelnd zu dem Soldaten, „heute ist ein guter Tag!“
Artjom – Gegen die Leere
Er hatte das Ende seines Weges erreicht. Dieses Leben bot nichts mehr, mit was es ihn hätte locken können.
Mit unbekleidetem Oberkörper und der Schaufel, mit der er das Loch für Tanja und Adrian gegraben hatte, im Schoß kniete Artjom vor der aufgewühlten Erde. Normalerweise wurden die Leichen der Verstorbenen von der UEC abgeholt, welche diese in irgendeiner Form verwerteten. Das Konzept der abfallfreien Wirtschaft galt hierfür genauso wie für alles andere. Artjom hatte das noch nie gestört. Was sollten sie denn auch mit den vergammelnden Überresten anfangen? Jedoch wollte er nicht, dass die Firma, in dessen Auftrag die UEA jeden Bewohner des Dorfes einschließlich seiner Kinder getötet hatte, sie abholte und damit in ihrem kranken und korrupten Wirtschaftskreislauf gefangen hielt.
Kurzerhand hatte er sich eine Schaufel geholt, ein tiefes Loch gegraben und die beiden hineingelegt. Artjom hatte einmal in einem historischen Bericht auf dem Holobildschirm gesehen, dass es vor Jahrhunderten Brauch war, die Leichen der Verstorbenen zu vergraben und Gedenkstätten darauf zu errichten, um sich ihrer zu erinnern. Zwar konnte Artjom dieses Konzept nicht nachvollziehen, aber etwas anderes fiel ihm nicht ein, um die Leichen seiner beiden Kinder wenigstens nach ihrem Tod dem Teufelskreis der UEC zu entziehen.
Schon vor zwei Stunden hatte er die Gräber wieder zugeschaufelt und kniete seitdem regungslos vor der lockeren Erde. Diese Aufgabe war das Einzige, was ihn angetrieben hatte, nachdem Igor ihn von seinen elektronischen Fesseln befreit hatte. Rote Striemen zeichneten seine Haut an den Stellen, an denen der Elektrodraht sie verbrannt hatte, und Blut lief aus den Löchern, welche die Widerhaken in sein Fleisch gerissen hatten. Die Schmerzen nahm er nicht wahr.
Nun, da diese Aufgabe erledigt war, fühlte er eine allumfassende Leere. Er wünschte sich von ganzem Herzen, dass die Soldaten auch ihn erschossen hätten. Artjom konnte sich nicht selbst das Leben nehmen. Dies ließen seine Erziehung und sein Wesen nicht zu. Aber es war dem Russen auch nicht mehr möglich, weiterzumachen. Er konnte sich noch nicht einmal vorstellen, was er tun sollte, wenn er aufstand und die Schaufel weglegte. Gefangen in diesem Zwiespalt verharrte er seit Stunden regungslos in dieser Position.
„Artjom?“, erklang plötzlich Igors Stimme zögerlich hinter ihm. Der große Russe reagierte nicht.
Der Vorarbeiter fuhr fort: „Ich weiß, es ist hart, aber wir müssen uns überlegen, wie wir weitermachen. Olga hätte auch nicht gewollt ...“
Igor verstummte, als Artjom den Kopf drehte und ihn mit all dem Hass und der Wut im Gesicht anstarrte. Er sagte nichts. Er spürte, dass er kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren und alles an dem hageren Russen auszulassen. Der Hüne befürchtete, diesen in seinem Zorn zu erschlagen, und sein Tod würde auch nichts an der Situation ändern. Er wollte lediglich, dass er aufhörte, zu reden, sich anzumaßen, dass er verstünde oder gar sein Leid teilte.
Igor hob abwehrend die Hände und machte einen Schritt zurück – er hatte verstanden.
Artjom wandte den Blick wieder auf die lose Erde vor sich und versuchte, gegen die ihn verschlingende Leere anzukommen.
Igor lief indessen zwischen den toten Dorfbewohnern umher und sprach mit sich selbst. Irgendwann verstummte er und brach wimmernd zusammen. Er konnte nicht fassen, was hier passiert war, und gab sich sicherlich die Schuld. Sie alle hatten mit der Zuführung zu einer neuen Aufgabe gerechnet, aber das? Jedoch war dies nicht der Kampf, den Artjoms Geist ausfechten musste, sondern der von Igor.
„Ach du Scheiße!“, erfüllte plötzlich eine ihm unbekannte, weibliche Stimme die Stille.
Kurz überlegte er, ob er nachsehen sollte, blieb dann aber doch regungslos auf den Knien und starrte weiter geradeaus. Es war ihm egal. Vielleicht waren es Soldaten, die gekommen waren, um auch die letzten Zeugen dieser Tat zum Schweigen zu bringen. Er schloss die Augen und hoffte, dass es so war.
„Was haben die Müllbeutel denn hier angerichtet?“, fuhr die Frau fort.
„Das müssen beinahe fünfzig Menschen sein!“, kam eine männliche Stimme dazu.
„Reißt euch zusammen. Alle beide!“, befahl ein dritter, älterer Mann, „zuerst seht nach, ob ihr noch Überlebende findet, wenn nicht, schnappt euch alles an Ausrüstung und Lebensmitteln, was ihr finden könnt und schmeißt es auf den Wagen.“
„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“, vernahm er nun auch wieder Igors Stimme.
„Uh, Punkt für mich, ich hab einen!“, kam es von der Frau in einer fröhlichen Tonlage, die Artjom in diesem Moment beinahe schon anwiderte – von nichts war er im Augenblick weiter entfernt als von Glück.
„Jekaterina!“, wies sie der Alte wütend zurecht, „hier ist vor wenigen Stunden ein ganzes Dorf hingerichtet worden!“
Dann fuhr er an Igor gerichtet fort: „Ich bin Nazar Danylenko, das ist Nikolaj Stepanow und unsere taktlose Begleiterin ist Jekaterina Tarassowa. Wir sind von einer Organisation, die sich unique Humanity oder auch kurz uH nennt.“
„Mein Name ist Igor. Was ist unique Humanity? Und was wollt ihr hier?“, fragte der Vorarbeiter verwirrt.
„Ich denke, am ehesten sind wir als eine Art Widerstand gegen die UEC zu sehen“, antwortete Nazar auf dessen Frage.
„Das klingt etwas weitreichend, wohl eher als kleine Rebellengruppe“, warf Nikolaj freundlich lachend ein. Jekaterina blieb stumm, sie hatte offenbar Redeverbot erhalten.
„Sowas gibt es?“, fragte Igor noch verwunderter.
„Oh, ja!“, entgegnete Nazar, „wenn ich mich so umschaue, denke ich, dass du verstanden hast, wieso. Aber falls du mehr wissen willst, solltest du uns begleiten. Das ist auch der Grund für unsere Anwesenheit hier. Sobald wir erfahren, dass das Auflösungskommando an einem Ort war, sehen wir nach Überlebenden und bieten ihnen an, sich uns anzuschließen.“
„Auflösungskommando? Soll das heißen, dieser Wahnsinn kommt öfter vor?“, entfuhr es Igor fassungslos.
„Wo hast du dich versteckt, damit sie dich nicht finden?“, meldete sich Jekaterina nun doch wieder zu Wort, „es ist nicht leicht, sich vor den Müllbeuteln zu verstecken.“
„Ich habe mich nicht versteckt. Ich war der Vorarbeiter dieser Mine. Sie ließen mich am Leben, da ich noch A1 klassifiziert bin“, entgegnete Igor traurig.
„Quatsch kein‘ Scheiß, Alter! Du brauchst dich nicht zu schämen, dass du dich feige verkrochen hast“, fuhr ihn die Frau plötzlich an.
„Jekaterina!“, tadelte Nazar sie erneut, worauf deren Wortmeldungen jäh verstummten.
„Du musst ihre schroffe Art entschuldigen, sie ist eigentlich ganz nett, wenn man sie besser kennt. Aber das wäre in der Tat ungewöhnlich. Bis jetzt gab es so einen Fall noch nie. Jedes Mal wurde die gesamte Bevölkerung ausgelöscht. Nur die, die sich versteckt hatten, überlebten. Es ist keine Schande sich vor der UEA zu verstecken, also sag, was ist wirklich passiert?“
„Nein! Ich habe mich nicht versteckt. Sie verschonten uns beide, weil wir noch in A1 sind“, entgegnete Igor empört.
„Euch beide?“, fragte Nazar, der offensichtlich der Anführer der Gruppe war.
„Na mich und Artjom da drüben!“, brachte Igor nun auch ihn ins Spiel.
„Ach du Scheiße! Leck mich doch am Arsch!“, kreischte Jekaterina hinter ihm unvermittelt auf, „den hab ich gar nicht gesehen. Der Freak kniet die ganze Zeit zwei Meter neben mir und macht keinen Mucks.“
„Artjom? Das ist doch dein Name, wenn ich es richtig verstanden habe“, erklang Nazars Stimme nach kurzem Schweigen erneut.
Er hatte kein Interesse, sich diesem Verein anzuschließen. Artjom verspürte noch nicht einmal Lust, mit ihnen zu sprechen. Vielleicht würden sie einfach weggehen, wenn er sie ignorierte.
„Hey, der Mann hat dich was gefragt!“, mischte sich Nikolaj nun in das Gespräch ein. Seine Stimme klang aggressiv, er fühlte sich durch Artjoms abweisendes Verhalten offenbar bedroht.
„Sag mal, Igor, ist dein Freund ein bisschen ... na ja ... du weißt schon ... Hat er einen an der Waffel?“, hörte er Jekaterina fragen.
Nein, sie würden nicht einfach weggehen. Also ließ Artjom die Schaufel nun doch fallen, erhob sich und drehte sich um.
Zum ersten Mal betrachtete er die Fremden. Nazar war in der Tat etwas reifer. Kurzes graues Haar und einen gestutzten Bart in derselben Farbe. Nikolaj musste in etwa sein Alter haben, Anfang dreißig, jedoch war er wesentlich kleiner und schmächtiger als er. Schwarzes mittellanges Haar und ein langer Bart umgaben sein böse dreinblickendes Gesicht. Er fühlte sich ganz offensichtlich von Artjom bedroht, da er mit einem uralten Repetiergewehr, was mindestens 300 Jahre alt sein musste, auf ihn zielte. Jekaterina war die jüngste in der Runde, irgendwo Anfang zwanzig, sehr schlank, mit kurzem blonden Haar und einem kessen Lächeln im Gesicht.
„Wow, der ist ja riesig!“, sagte die junge Frau und taxierte seinen Oberkörper mit Blicken, die Artjom gar nicht gefielen. Sofort musste er an Olga denken und seine Züge verhärteten sich noch mehr.
„Ja, das ist mein Name“, antwortete er schließlich doch auf Nazars Frage, sah anschließend auf das Gewehr und durchbohrte Nikolajs Augen mit seinem Blick. Dieser ging unvermittelt noch fester in den Anschlag. Vielleicht würde er es ja für ihn beenden?
„Gott im Himmel, Nikolaj, nimm das Gewehr runter. Du siehst doch, dass er unbewaffnet und halbnackt ist. Mit was soll er uns denn angreifen?“, fuhr der Alte den Schützen an.
„Vielleicht mit seinen stahlharten Brustmuskeln?“, schmachtete ihn Jekaterina von der Seite an und bewegte sich auf Artjom zu.
Sein vernichtender Blick richtete sich nun warnend auf die junge Frau. Abrupt blieb sie stehen, hob die Augenbrauen und lächelte verschmitzt: „Alles klar, mein Großer, du möchtest wohl erst mit mir Essen gehen.“
Dabei biss sie sich frivol auf einen Zeigefinger.
Nun schlug Nazars Stimme in einen Befehlston um: „Jekaterina, zurück ins Auto. Sofort! Und wenn du nicht augenblicklich die Waffe wegsteckst, Nikolaj, dann sorge ich dafür, dass dies für lange Zeit deine letzte Ausfahrt war.“
Die Frau verdrehte genervt die Augen, kam der Aufforderung jedoch ohne Widerworte nach und verschwand. Nikolaj leistete genauso wortlos Folge und verstaute die Waffe. Keiner der beiden widersprach, offenbar konnte Nazar auch unfreundlich werden.
„Immer mit der Ruhe, Artjom“, sagte er nun wieder in freundlicher Tonlage und streckte die offenen Handflächen in seine Richtung, „wir wollen weder dir noch Igor etwas tun. Wir kommen nur, um zu helfen, und ich denke, im Wesentlichen möchten wir sogar das Gleiche.“
Als er die Angespanntheit und Sorge, welche bei genauerem Betrachten eigentlich eher Angst war, der beiden Männer sah, fragte sich Artjom, ob sein Äußeres wirklich so bedrohlich wirkte. Er hatte nichts, was man auch nur annähernd als Waffe hätte benutzen können, er hatte ja noch nicht einmal ein T-Shirt an. Der Hüne versuchte, etwas von dem Zorn aus seinem Gesicht zu nehmen, als er antwortete: „Ich möchte gar nichts. Mir wurde alles genommen und ich werde warten, bis sie mich ebenfalls holen. Allerdings werde ich euch nicht im Weg stehen. Was auch immer ihr hier vorhabt, macht es einfach. Nehmt, was ihr wollt, und tut, was ihr wollt.“
„Ich kenne Schicksale wie deines, Artjom“, sagte Nazar. Sofort richtete sich sein vernichtender Blick auf ihn. Der ältere Mann konnte ihm jedoch standhalten und fuhr fort: „Ich weiß natürlich nicht im Detail, was dir widerfahren ist. Aber für die UEC sind wir nur entbehrliche Güter, welche sie benutzen, bis sie verschlissen sind und dann wegwerfen. Wenn du dich uns anschließt, kann ich dir einen Weg anbieten.“
„Ich will keinen Weg, meiner endet hier!“, knurrte Artjom ihn an.
Nazar senkte die Hände und kam auf ihn zu. In seinen Blick legte sich etwas, das Artjom nicht einordnen konnte. Es war etwas Durchtriebenes, etwas fast schon Böses, was nicht so richtig zu dessen freundlichem Auftreten passen wollte.
„Mit einem Weg meine ich keine romantische Zukunft, die gibt es nicht. Ich biete dir die Möglichkeit, dich unserem Kampf anzuschließen. Wenn es nicht aus Überzeugung ist, dann als Ventil für deinen Hass. Du hilfst niemandem, indem du hier herumsitzt und auf dein Ende wartest. Bringe dein Ende zu denen, die es hervorgerufen haben, und lass es für sie mindestens so schmerzhaft sein wie für dich. Verwandle das Verlangen nach Selbstzerstörung in einen Wunsch nach Rache.“
Artjom blickte auf seine Hände. Es waren riesige Hände, mit denen er Steine zerschmettern konnte, die jedoch ihr ganzes Leben lang stets sanft und liebevoll auf seiner Familie geruht und sie behütet hatten.
Dann wandte er sich um und sah auf die lose Erde, unter der seine beiden Kinder lagen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und auf einmal wusste Artjom, mit was er die Leere in seinem Leben füllen würde.
United News – Terroristen
Eine junge, dunkelhäutige Frau mit einem Mikrofon erscheint im Bild. Hinter der Britin sieht man Körper, die von weißen und blutbesudelten Leichentüchern der UEC abgedeckt sind. Sie liegen vor einer brennenden Hütte, welche soeben von Einsatzkräften der UEA gelöscht wird. Am anderen Rand des Bildes ist noch der Eingang eines Krankenzeltes zu sehen, vor dem ein Sanitäter gerade einen Verwundeten versorgt.
„Einen schönen guten Abend ihnen zuhause. Mein Name ist Amelia Morris und ich stehe hier in Tserkov. In der friedlichen, kleinen Stadt an der westlichen Grenze Russlands hat sich Unaussprechliches abgespielt. Eine Gruppe von Systemgegnern namens unique Humanity hat am gestrigen Samstag das Dorf angegriffen, um sich sämtliche Rohstoffe der Arbeiter anzueignen. Dabei eröffneten sie rücksichtslos das Feuer auf die Einwohner, welche versucht haben, das ihnen von der UEC zugeteilte Hab und Gut zu beschützen.
Unique Humanity ist bereits in der Vergangenheit dadurch aufgefallen, dass sie mit roher Gewalt versuchten, sich Güter ohne entsprechende Arbeitsleistung aus dem System zu nehmen.
Schon wenige Stunden später wurden die Terroristen von der UEA gefasst und werden nun ihrer gerechten Strafe im deformablen Dienst zugeführt.
Die Versorgung der Opfer und der Wiederaufbau der zerstörten Häuser durch die UEC ist bereits im vollen Gange.
Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass die UEC uns vor den Gräueltaten solcher egoistischen Systemflüchtlinge schützt und uns hilft, wenn es diesen an einigen Stellen doch gelingt, solche Taten zu begehen.
Das war Amelia Morris für United News!“
Viktor – Ein sympathischer Mann
Viktor Kudrjawzew saß auf seinem bequemen Sofa in seiner kleinen, aber feinen Dreizimmerwohnung in einem Randgebiet von Moskau. Mit Schrecken verfolgte er die Bilder der Reportage über den Terroranschlag. Sein Sohn saß neben ihm und wirkte genauso schockiert wie er. Lew war sein einziges Kind und mittlerweile siebzehn.
Die Leichen, die man deutlich unter den blutigen Tüchern erkennen konnte, setzten ihm dennoch zu. Viktor war froh, dass seine Frau Dunja im Moment den Abwasch in der Küche machte und diese Bilder nicht zu sehen bekam.
Ihr Glück, dass sie mit seinem Opportunitätslevel E2 und Dunjas E1 keinen Automaten zugeteilt bekommen hatten, der dies für sie erledigte.
„Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass die UEC uns vor den Gräueltaten solcher egoistischen Systemflüchtlinge schützt und uns hilft, wenn es diesen an einigen Stellen doch gelingt, solche Taten zu begehen. Das war Amelia Morris für United News!“, schloss die hübsche, dunkelhäutige Reporterin die Berichterstattung und die schrecklichen Bilder wurden von einem Werbefilm über die neuen Entwicklungen in der UEC, welche der aktuelle Wirtschaftsminister Dr. Gustav Pfeffer persönlich vorstellte, abgelöst.
‚Was für ein sympathischer Mann‘, dachte Viktor, ‚wir können wirklich froh sein, dass jemand wie er unsere Geschicke lenkt.‘
Und die Reporterin hatte recht. Sie konnten sich in der Tat glücklich schätzen, dass die UEC alles kontrollierte und regulierte. Viktor sah sich sehr viele historische Reportagen an.
Er kannte die Bilder von verhungernden Kindern, während auf anderen Teilen der Erde Lebensmittel in solchem Überfluss vorhanden waren, dass sie weggeworfen wurden. Menschen, die mühevollste Arbeiten per Hand verrichteten, obwohl bereits Maschinen dafür existierten, die ihrem Land lediglich nicht zur Verfügung standen. Leute, die an Krankheiten und Gebrechen elendig zu Grunde gingen, obwohl ein anderer Teil der Menschheit die Heilung bereits erfunden hatte.
---ENDE DER LESEPROBE---