Peter Pelikan
Dragon Heist
2.
Band
Der Diebeskünstler
Jakob Finnegan stand auf dem Marktplatz von Drachenstein und beobachtete die vorbeiziehende Garnison der Stadtwache.
Drachenstein war die Hauptstadt des wunderschönen Landes Pulkreos, Sitz von König Siegmund II. und das glänzende Juwel unter den Städten.
Also zumindest, wenn man auf gehobenen Banketts darüber sprach oder von der Burg des Regenten darauf hinabsah. Von da aus konnte man die Armutsviertel, Verbrecherbanden, Schmuggler, Freudenhäuser, Hungersnöte und den ganzen anderen Dreck nämlich nicht sehen.
Er hingegen kannte die unschönen Seiten der Hauptstadt nur zu gut. Aufgewachsen als Waise in den Gassen von Rubenstal, einem besonders verkommenen Stadtteil, war er bereits als Kleinkind dazu gezwungen gewesen, für sein Überleben zu stehlen, zu betrügen und auch zu töten. Sehr zu seinem Glück stellte sich heraus, dass er dafür ein besonderes Talent besaß. Also zumindest für die ersten beiden Dinge. Das Dritte versuchte er, wenn möglich zu vermeiden, aber Drachenstein war kein schöner Ort und in seinem Berufszweig ging es mitunter nicht anders.
Aber sei es drum, er war also ein Naturtalent in der Kunst der Diebe, weshalb er es auch geschafft hatte, bereits das 33. Lebensjahr zu erreichen. Für das Metier, in dem er sich bewegte, war das beinahe schon Rentenalter. Hätte Finnegan nicht eine so ausgeprägte Vorliebe für Branntwein und hübsche Frauen, hätte er sich womöglich schon etwas für seinen Lebensabend ansparen können.
Aber leider besaß er trotz seines wachen Verstandes diese Weitsicht nicht. Also war er weiter auf den Straßen unterwegs und versuchte, die Besitzverhältnisse verschiedener Güter zu seinem Vorteil zu verändern.
Jedoch stahl er schon lange nicht mehr aus Hunger oder für sein nacktes Überleben. Diese Zeiten hatte er hinter sich. Sein Talent für die Diebeskunst war ausgeprägt. Er plante weit voraus, achtete auf Details und ließ sich nie erwischen. Das wurde von anderen ebenfalls erkannt und ein gewisser Ruf eilte ihm voraus. So kam es, dass er sich inzwischen für sein Handwerk beauftragen und zumeist für den Akt und nicht die Beute selbst bezahlen ließ.
Dies erwies sich zum einen als wesentlich einfacher, da man so nicht gezwungen war, den neuen Besitz unauffällig zu veräußern, und zum anderen auch als bedeutend einträglicher. Aus diesem Grund befand sich Finnegan heute, hier und jetzt auf dem Marktplatz.
Normalerweise war er überaus mittelmäßig. Mittellanges braunes Haar, mittelgroß, mittelattraktiv und inzwischen sogar mittelalt – äußerst unauffällig eben, wie es sich für seine Zunft gehörte.
Heute jedoch trug er einen protzigen, beinahe schon beleidigend grellen lilafarbenen Gehrock mit einem weißen Hemd darunter. Dieses besaß auffällige Rüschen, welche der Farbe des Gehrocks in seiner unangenehmen Penetranz in nichts nachstanden. Gekrönt hatte er das Ganze mit einem Dreispitz und einem seidenen Schal in der gleichen scheußlichen Farbe, welche seine Mundpartie und den Großteil seines Gesichtes verdeckten.
Eigentlich unentschuldbar, war doch ‚Sei unauffällig!‘ die erste seiner obersten Regeln für Diebeskünstler. Für den Plan war auffällig sein heute jedoch sogar zwingend erforderlich.
Gerade erblickte er in dem vorbeiziehenden Tross die Sänfte, welche von vier Soldaten getragen und von Dutzenden weiteren Männern der Stadtwache umrundet wurde. Sie bewegten sich mit exakt 1,5 militärischen Doppelschritten pro Herzschlag und damit genau im einkalkulierten Tempo.
In der Mitte der Sänfte ruhte auf einem roten Samtkissen ein etwa kopfgroßes goldenes Ei. Hierbei handelte es sich um die Nachbildung eines Dracheneies, welches auf der Oberfläche aufwändig graviert war und in das neben Gold auch andere wertvolle Metalle eingearbeitet worden waren. In der Mitte hatte der Goldschmied einen großen, blau leuchtenden Saphir gesockelt. Dieser Schmuckstein war so erlesen, dass er sogar einen eigenen Namen besaß: der Abendstern.
Genau dieser Edelstein war das Ziel seines aktuellen Jobs. Normalerweise fristete das wertvolle Juwel ein glanzloses Dasein in der unerreichbaren Schatzkammer des Königs. Aber für die Hochzeit seiner jüngsten Tochter mit einem Prinzen aus einem der Nachbarreiche hatte der König diesen Stein als Mitgift vorgesehen. Passend zum Namen der Stadt ließ er ihn dazu in dieses pompöse Kunstwerk verwandeln.
Und weil reiche Pfeffersäcke das nun mal so machten, musste er das Teil natürlich offen präsentiert durch die Stadt tragen lassen, bevor es seiner Tochter mitgegeben wurde.
Es wäre doch wirklich ein Jammer, wenn es dabei versehentlich verloren gehen würde, oder?
Dass der König diesen Gedanken ebenfalls hatte, verrieten die unzähligen Wachen, welche den Transport umgaben. Nicht nur die direkt daneben. Auch die davor, dahinter und auf beiden Seiten links und rechts davon. Zudem hatte Finnegan festgestellt, dass die Patrouillen in den Gassen mindestens um das Dreifache aufgestockt worden waren. Selbst wenn es jemandem gelingen würde, der massiven Schutzabordnung das wertvolle Schmuckstück abzuluchsen, so wäre es anschließend unmöglich, mit dem Ei davonzukommen.
Just in diesem Moment erreichte die Sänfte die von ihm im Vorfeld ermittelte Stelle.
Er hielt sich an seinen Plan, entzündete eine Kerze an einer bereitgestellten Öllampe und stellte sie unter ein Seil. Auch die Dicke des Seils und der Abstand zur Flamme, sowie die Dochtlänge waren keinesfalls zufällig gewählte Parameter und vorab akribisch berechnet.
Die vierte oberste Regel für Diebeskünstler: Sei vorbereitet!
Während Finnegan begann, langsam von zehn aufwärts zu zählen, ging er unauffällig neben der Sänfte her und tat so, als würde er dieses ach so tolle Sinnbild für Verschwendung und Überfluss bewundern. Als er mit seiner geistigen Zählerei die Zahl 41 erreichte, passierte genau das von ihm Vorgesehene zur beabsichtigten Zeit.
Das Feuer hatte das Seil so weit verbrannt, dass es riss. Der 36 kg schwere Stein, der über eine Winde daran befestigt war, fiel aus einer Höhe von 2,5 Metern auf das vordere Ende eines 3,2 Meter langen Brettes. Dieses lag, ähnlich dem Prinzip einer Wippe, genau mittig auf einem 60 Zentimeter hohen Stein. Auf dem anderen Ende befand sich ein Stoffknäuel. Hierbei handelte es sich um eine kleine Schafsfelldecke, in welche genau 134 lose Kupfermünzen eingewickelt waren.
Als der Stein auf dem gegenüberliegenden Ende aufschlug, katapultierte die Vorrichtung das Stoffbündel mit den Münzen in die Luft, wobei sich das nur dürftig eingewickelte Kleingeld aus dem Knäuel befreite. Die Flugbahn war natürlich ebenfalls kein Zufall.
Währenddessen schritten die Träger mit der Sänfte geradewegs auf das große Bodenmosaik des Stadtwappens auf dem Marktplatz zu und erreichten die zweite Markierung. Beinahe beiläufig trat Finnegan ein vorher bereitgestelltes kleines Fass mit Olivenöl um. Durch das leichte Gefälle an dieser Position floss es langsam, aber exakt in den Laufweg der Träger auf das Mosaik.
Kurz darauf begann der Münzregen großflächig auf den Bereich um die Sänfte herum niederzugehen. Dieser Teil des Marktplatzes war am weitesten von der Königsresidenz entfernt und daher hauptsächlich von den weniger gut betuchten Einwohnern der Stadt besucht. Die Leute hier hatten vermutlich kaum Interesse an dem wunderschönen Ei, aber ab und an kam es vor, dass ein großmütiger Edelmann eines vorbeiziehenden Trosses ein paar Münzen in die Menge schnipste, um sich beim gemeinen Volk zu profilieren. Darauf hofften die Leute, die hier anwesend waren.
Daher dauerte es, nachdem das Edelmetall auf den Boden niedergeprasselt war, auch keine drei Herzschläge, bis die Anwesenden wie verrückt nach vorn stürmten und gierig nach den Münzen griffen. Dabei vergaßen sie urplötzlich den von den Wachen vorgegebenen Sicherheitsabstand und drängten sich dicht um die Sänfte, um möglichst viele Geldstücke zu ergattern.
Wachen brüllten, Leute schrien und ein heftiges Handgemenge zwischen Soldaten und Bürgern brach los. Auch die siebte oberste Regel für Diebeskünstler wurde mit Bravour erfüllt: Schaffe eine Ablenkung!
Die Sänftenträger beschleunigten daraufhin erwartungsgemäß ihren Gang, um aus dem unübersichtlichen Getümmel herauszukommen. Wie es sein Plan vorsah, passierten die gehetzten Soldaten kurz darauf das Bodenmosaik. Da die schwer gerüsteten Männer mit ihren Eisenschuhen auf den großen, glatten und inzwischen mit Öl überzogenen Marmorplatten keinen Halt fanden, rutschten sie aus und stürzten, wodurch das Ei im hohen Bogen aus der Sänfte katapultiert wurde.
Aufgrund des heftigen Tumults bekam nur ein kleiner Teil der Wachen mit, wie das Ei eine saubere Parabel in der Luft beschrieb und nach einem spektakulären Flug direkt in Finnegans Armen landete. Ein breites Grinsen machte sich auf seinen Zügen unter dem Schal breit.
Gern würde er behaupten, dass auch das genau so geplant gewesen war. Aber um ganz ehrlich zu sein, hatte er seinen außergewöhnlichen Erfolg nicht nur seinem angeborenen Talent für die Diebeskunst zu verdanken. Seit jüngster Kindheit war er zudem von einem beinahe schon lächerlichen Glück verfolgt.
Immer wieder ereigneten sich Dinge, die ihm einen Vorteil verschafften oder seinen Kopf in letzter Sekunde aus der Schlinge zogen. Dinge, die eindeutig in die Kategorie ‚kann passieren, muss aber nicht‘ gehörten.
Ebenso, wie dieses dämliche Ei genau in seine Arme flog. Das zu planen wäre unmöglich gewesen. Keiner konnte vorhersagen, wie die Träger stürzen würden. Eigentlich hatte er lediglich damit gerechnet, dass das Ei von der Sänfte fiel und aufgrund des Gefälles in seine Richtung rollen würde. Anschließend wollte er es geschickt und schnell an sich nehmen. Stattdessen hielt er das Ding bereits jetzt in den Händen.
Aber so war es schon immer gewesen und darüber beschweren würde er sich sicher nicht. Schon vor einiger Zeit entschied er sich dazu, sich diese Sache mit einem guten Karma zu erklären und es damit auf sich beruhen zu lassen.
„Lass sofort das goldene Drachenei des Königs fallen, du Dieb!“, riss ihn der wütende Ruf einer Stadtwache aus seinen Überlegungen. Erschrocken riss Finnegan die Augen auf. Vor lauter hämischer Freude hätte er beinahe vergessen wegzurennen. Dank der laut vorgetragenen Bitte der aufmerksamen Wache hatte nun auch der Großteil der anderen Soldaten seinen Fokus von dem gemeinen, münzsammelnden Volk abgewandt und auf den neuen Besitzer des goldenen Dracheneies des Königs gerichtet. Gut so, sie alle sollten ihn und seinen geschmacklosen Gehrock genau sehen.
Kurz schoss ihm durch den Kopf, dass die Bezeichnung goldenes Drachenei des Königs reichlich unkreativ war, dann jedoch dachte er an den dämlichen Namen Abendstern und kam zu dem Schluss, dass es vermutlich so besser war.
Während er diese Überlegungen anstellte, nahm er bereits routiniert die Beine in die Hand und begann zu rennen. Dabei trat er hinter sich einen weiteren Eimer Öl um, wodurch seine direkten Verfolger es erst einmal schwerer hatten und er etwas Abstand gewinnen konnte.
Trotz seiner außergewöhnlichen Fitness und seines wieselflinken Laufes hatte Finnegan keine Chance, davonzukommen. Bereits jetzt hörte er die Rufe der Wachen und Patrouillen aus sämtlichen Seitengängen um sich herum.
Wie anfangs bereits erwähnt: Mit dem Ei zu verschwinden, war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber auch diesen Umstand berücksichtigte sein Plan natürlich.
Als er die Höhe der Pfandleihe erreichte, blieb er stehen, blickte sich um und wartete kurz, bis eine Wache um die Ecke kam.
„Dort, da ist der Kerl mit dem hässlichen Gehrock, ich hab den Dieb!“, schrie dieser voller Stolz darüber, den gemeinen Verbrecher eingeholt zu haben. Dass Finnegan ganze drei Herzschläge auf ihn warten musste, schien der Mann nicht einmal bemerkt zu haben.
Nun gut, aber er hatte ihn gesehen, also stürmte Finnegan in die Pfandleihe. Drinnen angekommen schreckte sofort ein grimmig dreinblickender Mann von einem Tisch hoch. Vor ihm stand eine deftige Mahlzeit, welche er wie jeden Tag um diese Zeit gerade im Begriff war zu verspeisen.
„Was bist du denn für einer? Ich habe geschlossen. Raus aus meinem Laden oder ich mache dir Beine!“, begann dieser sofort zornig zu brüllen.
Leider hatte Finnegan gerade keine Zeit für eine nette Konversation. Daher ging er durch den Laden und öffnete eines der Fenster an der Rückseite, ohne sein Tempo dabei zu verringern.
„Hey, was soll der Mist?“, fluchte der Ladenbesitzer weiter.
„Er ist in die Pfandleihe geflüchtet, da kommt er nicht mehr raus!“, hörte er die Rufe der Wachen von der Straße vor dem Laden. Damit hatten sie natürlich recht. Mit Sicherheit befand sich auch bereits ein Trupp der Wachen auf der Rückseite des Gebäudes, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden. Deshalb drehte sich Finnegan auch um und ging mit dem Ei in der Hand auf den böse dreinblickenden Mann zu.
„Bist du zurückgeblieben, oder was ist mit dir los?“, schrie der Mann zornig.
Anscheinend verlor er langsam die Geduld. Er hatte in etwa die gleiche Statur wie Finnegan und trug exakt die gleiche einzigartig geschmacklose Kombination aus lilafarbenem Gehrock und weißem Rüschenhemd.
„Was zur ...“, stammelt er mit fragendem Blick, als er diesen Umstand ebenfalls realisierte.
Das, was nun kam, versuchte er normalerweise tunlichst zu vermeiden. In diesem Falle war es jedoch notwendig und dieses Los hatte der Ladenbesitzer mehr als verdient.
Zudem lief dem Diebeskünstler die Zeit davon, er konnte bereits die Schritte der Wachen hören. Daher handelte er rasch. Er warf dem Typ das Ei zu und sagte: „Hier, fang!“
Der wütende Ladenbesitzer war so perplex, dass er wie ein Hund gehorchte und seine Beute mit beiden Händen auffing.
Im selben Moment zog Finnegan ein schmales Stilett aus seinem Ärmel hervor und rammte es dem neuen Besitzer des goldenen Dracheneies des Königs in einer fließenden Bewegung zwischen die Rippen präzise ins Herz.
„Wa...“, stammelte dieser mit absoluter Verwirrung in seinem Blick und ging sterbend zu Boden, während Finnegan ihm seinen Hut aufsetzte und das Halstuch um den Kopf wickelte.
Anschließend stach er noch mehrmals ungezielt und mit viel zu viel Kraft nach, was zwar unnötig war, da der Mann bereits das Zeitliche gesegnet hatte, aber dafür wesentlich glaubwürdiger wirkte.
Als Nächstes hebelte er in einer geübten Bewegung mit seiner Waffe den Abendstern aus seiner Fassung im Ei und ließ ihn in einer Geheimtasche im Schritt seiner Unterhose verschwinden.
Dann warf er das Stilett zu Boden, griff sich den weiten Mantel des Ladenbesitzers, welcher wie immer an einem Haken an der Wand hing und zog ihn sich über. Er schloss ihn bis oben hin, damit nichts mehr von dem grässlichen lilafarbenen Stoff zu sehen war.
Zu guter Letzt kam der unangenehme Teil. Mit voller Wucht donnerte er seinen Kopf gegen die Tischplatte und ließ sich anschließend nach hinten fallen. Als er auf dem Boden aufschlug, stellte er zufrieden fest, dass ihm Blut an der Seite seines Gesichtes hinab lief – der Hieb war ausreichend stark gewesen.
Keine Sekunde zu früh – nicht einmal einen Lidschlag später wurde die Tür grob aufgestoßen und etliche schwer bewaffnete Soldaten stürmten wild umherbrüllend durch den Türrahmen und verteilten sich in der kleinen Pfandleihe.
„Da ist er!“
„Lass das Ei fallen, du Dieb!“
„Was ist mit dir?“
„Ich ... Ich ...“, stammelte Finnegan und versuchte, unter den unkoordinierten Schreien der Soldaten den Benommenen zu mimen. Obwohl er das nicht wirklich vorgaukeln musste. Er hatte in der Eile die Kraft etwas falsch berechnet und ihm war wirklich ziemlich schwummerig. Auch lief ihm mehr Blut als geplant über den Mantel. Das dürfte eine schöne Narbe werden.
Als Nächstes betrat ein hochgewachsener Mann in einer prunkvollen Rüstung den Laden und allein die Aura seiner Anwesenheit sorgte dafür, dass Ruhe einkehrte. Anhand seiner Abzeichen erkannte Finnegan, dass es sich um einen hochrangigen Hauptmann der Stadtwache handelte. Mit wachen Augen sah sich dieser in dem kleinen Raum um und inspizierte die Situation. Über seinem rechten Mundwinkel zog sich eine auffällige Narbe beinahe bis zum Auge.
„Der Dieb ist tot, Herr Hauptmann!“, meldete einer der Soldaten, welcher gerade das goldene Drachenei des Königs aus den leblosen Händen des Ladeninhabers genommen und ihm damit schon wieder einen neuen Besitzer verpasst hatte. Da der Tote das Ei sowie das hässliche Outfit trug, kam es dem Soldaten gar nicht erst in den Sinn, dass es sich hierbei nicht um den Dieb handeln könnte. Finnegan schüttelte den Kopf, um die Benommenheit loszuwerden, da der Hauptmann ihn nun misstrauisch anstarrte.
„Dieser Typ ist plötzlich in den Laden gestürmt und hat mich angegriffen! Ich musste mich wehren und hatte nur das Messer. Ist er wirklich ...? Großer Gott!“, stammelte Finnegan vollkommen aufgelöst und starrte mit entsetztem Blick auf die Leiche, als ob er zum ersten Mal jemanden getötet hätte.
„Ja, mausetot“, antwortete der Hauptmann einfühlsam, „aber grämt Euch nicht, Ihr habt dem König damit einen großen Dienst erwiesen. Dieser Mann war ein schändlicher Dieb und wollte die Mitgift von Prinzessin Gwendolin stehlen.“
Schockiert atmete Finnegan ein und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Das ist ja ...“, er suchte entsetzt nach einem passenden Wort, „unerhört!“
Der Hauptmann hatte die Geschichte offenbar geschluckt. Denn er hatte das Interesse an dem Niedergeschlagenen bereits wieder verloren und sich abgewandt. Stattdessen begann er, Befehle zu brüllen: „Unteroffizier Björn, Sie bringen das goldene Drachenei des Königs sofort zurück zur Garnison. Nehmen Sie alle Ihre Männer mit, die hier sind. Wagen Sie es ja nicht, das Schmuckstück auch nur für eine Sekunde aus den Händen zu geben.“
„Jawohl, Herr Hauptmann!“, quittierte dieser den Befehl, umklammerte den klobigen Goldklumpen, als wäre es sein Erstgeborenes, und ging mit einem festentschlossenen, pflichtbewussten Gesichtsausdruck davon.
Das durfte ja wohl nicht wahr sein!
Unteroffizier Vollpfosten registrierte noch nicht einmal, dass der Abendstern sich verdünnisiert hatte. Das hieß, dass die Geschichte mit dem dritten Mann, der das Juwel gestohlen und ihn niedergeschlagen hatte, nur um anschließend aus dem noch offen stehenden Fenster zu verschwinden, unnötig war. Was wiederum bedeutete, dass er sich die schmerzhafte Platzwunde über seinem Auge vollkommen umsonst zugezogen hatte.
Ob die Inkompetenz von Unteroffizier Björn hierbei als außergewöhnliches Glück oder doch eher als bemerkenswertes Pech betrachtet werden musste, konnte er unmöglich sagen.
Kurz darauf befanden sich neben Finnegan nur noch der Hauptmann und zwei weitere Soldaten in der Pfandleihe.
„Was für ein hässlicher Gehrock“, murmelte der Offizier vor sich hin, während er nachdenklich vor der Leiche des vermeintlichen Diebes stand. Als sich die beiden Soldaten anschickten, den Körper des toten Ladenbesitzers wegzuschaffen, wanderte sein Blick wieder zu Finnegan und er sah ihn neugierig an.
Das war gar nicht gut. Am Ende stellte er noch Fragen und Fragen führten über kurz oder lang dazu, dass erfundene Antworten an Glaubwürdigkeit verloren.
Schließlich kam es, wie es kommen musste, und der Hauptmann fragte eindringlich: „Ihr seid der Besitzer dieser Pfandleihe?“
Nun griffen gleich zwei weitere seiner obersten Regeln für Diebeskünstler. Nummer dreizehn: Eine Gegenfrage ist immer besser als eine Antwort!
Deshalb fragte Finnegan: „Der Mann war also ein flüchtiger Dieb, der wertvolles Eigentum des Königs stehlen wollte?“
„Ja, das goldene Drachenei des Königs ist ein Unikat und unbezahlbar“, entgegnete der Hauptmann und der immer noch flüchtige Dieb konnte sehen, wie sich allmählich Skepsis in dessen Blick schlich – diesen Trick kannte er anscheinend schon.
Aber dennoch war der Offizier auf seine Vorlage angesprungen und Finnegan blieb einer weiteren Regel treu.
Nummer fünf: Sei unangenehm, wenn es unangenehm wird!
„Oh!“, rief er euphorisch aus und setzte dazu einen passenden Blick auf, „das heißt, ich bin ein Held! Bekomme ich eine Belohnung? Oder wird mir der König womöglich persönlich danken? Darf ich Euch begleiten und das Eigentum des Königs weiter beschützen, bis es seinen Bestimmungsort erreicht hat? Wisst Ihr, ich bin zwar kein Soldat, aber in meiner Jugend habe ich mit dem Stilett ...“
Bevor der Hauptmann ihn barsch unterbrach, konnte Finnegan förmlich zusehen, wie sich das Misstrauen in seinen Augen in greifbare Abneigung verwandelte. Der Gedanke daran, irgendjemandem zu berichten, dass ein dahergelaufener Bürger seinen Männern und ihm bei der Ergreifung eines Diebes zuvorgekommen war und deren Arbeit erledigt hatte, gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Guter Mann, immer schön langsam. Ich denke, Ihr solltet erst einmal einen Heiler aufsuchen. Die Verletzung über Eurem Auge sieht wirklich ernst aus“, zeigte sich der Hauptmann plötzlich sehr fürsorglich.
Finnegan versuchte sich an einem bedauernden, aber dennoch einsichtigen Blick. Kurz tat er so, als müsse er seine eigene Gesundheit mit dem Schutz der königlichen Güter abwägen und überlegen, was wichtiger war.
Schließlich lächelte er traurig und sagte: „Ich befürchte, Ihr habt recht. Mir ist schrecklich schwindelig. Ich werde mich in meine Gemächer begeben und nach einem Medikus schicken lassen.“
„Ich denke, das wird das Beste sein“, entgegnete der Hauptmann, wobei man ihm seine Erleichterung darüber förmlich ansehen konnte, „seid Euch gewiss, dass ich dem König von Euren Taten berichten werde!“
„Vielen Dank, Herr Hauptmann“, entgegnete Finnegan dümmlich lächelnd und verschwand durch eine Tür in ein Nebenzimmer.
Was für ein undankbarer Mistkerl der Hauptmann doch war. Er würde dem König überhaupt nichts erzählen. Er hatte sich ja noch nicht einmal nach seinem Namen erkundigt. Da stoppt man einen dreisten Dieb und so wird es einem gedankt – nicht, dass es wichtig wäre oder sich wirklich so verhalten würde, aber in Ordnung war es auch nicht.
Als er die Tür hinter sich schloss, streifte er alle Klamotten ab und wusch sich das Gesicht an einem Waschzuber in einer Ecke. Anschließend zog Finnegan eine dünne braune Leinenhose sowie ein dunkelgrünes Hemd mit einem dazu passenden schlichten Barett aus einer Umhängetasche.
Als er sich umgezogen hatte, kletterte er aus dem Fenster des Nebenzimmers, vor welchem sich nun keine Wachen mehr befanden, und ging seelenruhig mit dem Abendstern an seinen Kronjuwelen davon.
Denn die zweite oberste Regel für Diebeskünstler besagte:
Verschwinde, sobald es möglich ist!
Der Zaubersack
Zufrieden lehnte sich Finnegan im Stuhl zurück und ließ den hervorragenden Branntwein in seiner Kehle nachbrennen. Dabei schloss er genüsslich die Augen und seufzte.
Fünfzig Goldstücke hatte ihm sein Auftraggeber für den Abendstern bezahlt – ein kleines Vermögen. Selbst nachdem er seinen inzwischen recht hohen Schuldenberg abbezahlt und die Kosten für Öl, Kupfermünzen, Gehrock und die anderen Utensilien für den Plan abgezogen hatte, blieben ihm noch sechsundzwanzig Goldstücke. Der riesige Schuldenberg war hauptsächlich auf seine anhaltenden Laster in Kombination mit einer beständigen Auftragsflaute zurückzuführen. In den letzten Monaten kam in Verbindung mit den horrenden Zinsen seiner dubiosen Geldgeber ordentlich was zusammen. Aber egal, nun hatte er diese Sorge los und erst einmal eine ganze Weile Ruhe.
Darum tat er, was er zwischen seinen Aufträgen immer tat: in seinem Arbeitszimmer sitzen, Branntwein trinken und der Schankmaid schöne Augen machen.
Na gut, der Schankraum des Verbogenen Hufeisens, wie das kleine Gasthaus hieß, war nicht wirklich ein Arbeitszimmer im eigentlichen Sinne. Aber hier saß er meistens, wartete auf neue Klienten und schmiedete seine Pläne. Also war es das irgendwie doch.
„Hey, hübsche Frau!“, rief er der Kellnerin winkend mit einem verschmitzten Lächeln zu, „noch einen Branntwein, bitte!“
Finnegan fand sie optisch sehr ansprechend und spekulierte bereits darauf, dass sie ihn für einen kleinen Obolus in ihr Bett lassen würde. Das in aller Regel oft wechselnde Bedienpersonal neigte bei Sympathie dazu, das eigene Einkommen auf diese Weise etwas aufzubessern. Die junge Dame errötete und kicherte – abgeneigt schien sie nicht zu sein.
Plötzlich verschwand die hübsche Gestalt der jungen Frau hinter einem schmutzigen, fettigen Stück Leder. Darin steckte der Wirt, welcher ihn verärgert anfunkelte.
„Hast du überhaupt Geld dabei, du Nichtsnutz?“, keifte dieser böse, „die Zeche deiner letzten beiden Besuche ist immer noch offen!“
Dabei baute er seinen stämmigen Körper bedrohlich vor Finnegan auf. Er war zwar etwas übergewichtig, aber dennoch muskulös. Die entblößten, schmutzigen Unterarme des Wirtes waren beinahe so breit wie die Oberschenkel des Diebeskünstlers.
Leider musste er zugeben, dass diese primitive Drohgebärde bei ihm definitiv Wirkung zeigte. Direkte körperliche Auseinandersetzungen waren wirklich nicht Finnegans Ding. Dennoch schluckte er die aufkeimende Furcht hinunter und lächelte den Wirt an.
„Natürlich!“, entgegnete er fröhlich, „ich bezahle immer meine Schulden!“
Anschließend griff er in seine bis zum Bersten gefüllte Geldbörse und holte eine der Goldmünzen hervor.
„Hier, das sollte für meine Zeche, den heutigen Besuch und auch ein paar künftige reichen“, sagte er zu dem Wirt, als er ihm diese mit dem Daumen zu schnipste.
Schlagartig wurden die Augen des Wirtes groß und jeglicher Zorn verschwand aus seinem Gesicht. Eine Goldmünze dürfte der Mann relativ selten zu Gesicht bekommen. Wenn er in dieser billigen Spelunke überhaupt schon einmal so etwas gesehen hatte. Natürlich war das viel zu viel, aber Finnegan wollte sich auch künftig das Wohlwollen des Wirtes sichern. Immerhin war dies seine Arbeitsstätte und er hatte nicht vor, als unzuverlässig in Erinnerung zu bleiben.
„Jesus, Maria und Josef!“, entfuhr es dem Wirt erstaunt, „Tijana, bring dem Mann seinen Branntwein, aber nicht den billigen Fusel! Nimm den guten!“
Mit diesen Worten ging er mit der Goldmünze freudig davon und gab endlich wieder das Bild auf die hübsche Schankmaid frei. Nachdem sie Finnegans Bereitschaft zur Freizügigkeit gesehen hatte, lächelte sie nun noch breiter. Offenbar schienen sich ihre Pläne mit den seinen zu decken und sie spekulierte ebenfalls auf einen kleinen Zusatzverdienst. Wunderbar!
Nur Augenblicke später stand die junge Frau neben ihm und stellte einen großen Becher Branntwein auf seinem Tisch ab.
„Du bist wohl ganz alleine hier, mein Hübscher?“, fragte sie frivol und legte dabei beiläufig ihre Hand auf seine Schulter.
Auch wenn er eigentlich lieber den Unnahbaren mimte, konnte er sich bei dieser optimalen Entwicklung der Dinge ein breites Grinsen nicht verkneifen. Mit einem Zwinkern entgegnete er: „Nun ja, das muss ja nicht so bleiben. Wie wäre es, wenn ...“
„Hätten Sie einen Moment, Meister Meuch?“, wurde er unvermittelt mitten im Satz von einer Stimme unterbrochen, die eindeutig nicht Tijana gehörte.
Finnegan verdrehte die Augen, da er schon wieder seinen Flirt mit der Dame unterbrechen musste.
„Entschuldige mich, die Arbeit!“, raunte er der jungen Frau bedauernd zu, „bei meiner nächsten Bestellung habe ich mehr Zeit für dich.“
Mit diesem Versprechen entließ er die Schankmaid aus seiner Obhut und wandte sich seinem neuen Gesprächspartner zu.
„Tolar Bendor!“, begrüßte er den Mann vor sich und versuchte, sich seinen Unmut nicht anmerken zu lassen. Bereits durch die Anrede mit dem falschen Namen wusste er, um wen es sich handelte. Finnegan benutzte stets einen falschen Namen, denn die sechste oberste Regel für Diebeskünstler besagte: Bleib sauber!
Auch neigte er dazu, immer einen anderen zu verwenden. Das förderte die Kreativität und hielt den Geist fit.
„Ent... Entschuldigung, wenn ich Sie gestört habe, Meister Meuch, ich kann auch später wiederkommen“, stammelte die hagere Gestalt des Gerbermeisters vor ihm. Der Mann wirkte äußerst angespannt, blickte nervös umher und knetete seinen Hut, als ob dieser voller Wasser wäre und er ihn auswringen wollte.
„Bitte, die Förmlichkeit ist nicht nötig, Ihr könnt mich auch einfach Elmord nennen“, entgegnete er und zeigte auf den Stuhl ihm gegenüber, „nehmt doch Platz!“
Widerstrebend kam der Mann der Aufforderung nach und setzte sich. Man konnte ihm ansehen, wie sehr ihm der Auftrag, den er Finnegan im Namen aller Handwerker und Ladenbesitzer der Füror-Straße erteilt hatte, moralisch wurmte. Sie allesamt waren trotz ihres geringen Reichtums rechtschaffene Leute und stets treu gegenüber dem Gesetz. „Ihr habt bereits vom Schicksal des Pfandleihers gehört?“, fragte Finnegan und schenkte dem Mann ein warmes Lächeln, damit dieser sich etwas entspannte.
Der jedoch riss bei der Erwähnung des Pfandleihers die Augen weit auf und Finnegan befürchtete, dass er seine Mütze zerreißen würde.
„Schhh!“, machte er und hielt sich dabei einen Finger vor den Mund.
Oh je, hatte der sich hier mal umgesehen? Als ob das einen von den betrunkenen Tagelöhnern interessieren würde. Die meisten von ihnen machten selbst dubiose Geschäfte und würden niemals auf die Idee kommen, irgendeinem Gesprächsfetzen nachzugehen oder etwas der Wache zu melden. Deswegen hatte Finnegan sein Büro ja auch hierher verlegt. Aber nun gut. Das wollte er mit Tolar nicht ausdiskutieren. Daher hob er nur entschuldigend die Hände und vollführte daraufhin eine Schließbewegung vor seinen Lippen.
Der Gerber nickte dankbar, sah sich noch einmal übertrieben in dem Raum um, wobei er sich beinahe den Hals verrenkte, und legte anschließend einen großen Haufen Kupfermünzen vor Finnegan auf den Tisch. Dem Diebeskünstler fiel gleich auf, dass es viel zu wenig war.
Tolar bemerkte seinen abwägenden Blick sofort und begann zu stammeln: „Ich weiß, dass es nicht die ganze Summe ist. Aber wir dachten nicht, dass Ihr die Aufgabe so schnell erledigen würdet. Das ist nur die Anzahlung. Den Rest bekommt Ihr nächste Woche.“
Finnegan lächelte milde und entschied in diesem Moment, dass er das Geld von diesen armen Leuten nicht annehmen wollte.
„Ich habe gehört, dass der Mann bei einem Handgemenge umkam, als er versucht hat, das goldene Drachenei des Königs zu stehlen“, sagte er zu dem alten Gerber.
Dieser weitete überrascht die Augen: „Aber Meister Me... ähm, ich meine Elmord, dass ...“
Der Diebeskünstler hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Dann entgegnete er mit einem Zwinkern: „Nehmt Euer Geld und kauft Eurer Frau etwas Schönes davon.“
Sprachlos starrte der alte Gerber ihn an. Diese Selbstlosigkeit war ihm fremd. In den Straßen von Drachenstein musste man gewöhnlich für sein Überleben kämpfen. Jeder war sich selbst der Nächste und es gab nichts umsonst.
Wer jedoch gerade fünfzig Goldstücke kassiert hatte, der wollte sein Karma definitiv nicht damit belasten, das Geld von diesen Leuten anzunehmen. Sie handelten aus reiner Verzweiflung heraus und schafften es nicht einmal zu acht, die einhundert Kupfermünzen zusammenzubekommen.
„Nun macht schon, bevor ich es mir anders überlege!“, forderte er den verdutzten Mann mit Nachdruck auf, das Angebot anzunehmen.
Schnell nahm dieser die Münzen wieder vom Tisch, stand auf und ging mit gesenktem Haupt rückwärts davon. Dabei murmelte er unentwegt: „Vielen Dank, Meister Meuch!“
Finnegan lächelte und dachte: ‚Jeden Tag eine gute Tat – damit das Karma rein bleibt!‘
Er hoffte inständig, dass derjenige, der über die Verteilung der glücklichen Fügungen entschied, den Mord ebenfalls als gute Tat betrachten würde – oder zumindest als karmaneutral.
Ja, zugegeben. Finnegan hatte einen Mann kaltblütig und ohne Vorwarnung erstochen. Aber der Kerl hatte es verdient.
Er hatte sich zwei Ganoven organisiert und zusätzlich zu seiner ohnehin schon moralisch sehr verwerflichen Tätigkeit in der Pfandleihe Schutzgeld von den umliegenden Läden erpresst. Wenn sie nicht zahlen wollten, ließ er ihre Läden demolieren oder sie verprügeln.
Er hatte nicht einmal davor zurückgeschreckt, die achtjährige Tochter des Gerbers zu verletzen, um den Druck auf ihn zu erhöhen. Dabei verhielt es sich keineswegs so, dass sie nicht zahlen wollten. Diese Leute hatten schlicht und ergreifend nichts, was sie ihm hätten geben können.
Als Finnegan die Gegend nach einem passenden Platz für die Umsetzung seines ersten Plans auskundschaftete, verwickelte er die Händler in ein Gespräch und stellte ein paar Fragen. Dabei kam es, dass er ihnen mit einer gewissen Zweideutigkeit sagte, dass er Dinge für Leute gegen eine Bezahlung erledigte.
Der Gerber hatte das damals missverstanden und ihn für einen Auftragsmörder gehalten. Finnegan fragte sich immer noch, wie der Handwerker auf dieses schmale Brett gekommen war. Aber egal. Schließlich boten sie ihm einhundert Kupfermünzen für den Auftrag und er hörte sich die Geschichte dazu an.
Was sie ihm erzählten, verärgerte Finnegan. Der Pfandleiher war ein schrecklicher Mensch. Als er diesen Idioten dann mit seinem ekelhaft auffälligen Gehrock sah, verwarf er seinen ersten Plan und entschied sich, es so zu machen, wie er es getan hatte.
Er nahm den Auftrag an, beobachtete eine Zeit lang die Gewohnheiten des Pfandleihers und ließ sich in einem anderen Stadtviertel exakt die gleiche Garderobe inklusive Hut und Schal schneidern – wobei sich die Beschaffung des Stoffes als äußerst schwierig herausstellte.
Anschließend hat er das Ei in dessen Aufmachung gestohlen, den Kriminellen aus dem Verkehr gezogen und seiner Leiche den Diebstahl angehängt. Die Soldaten sahen das Offensichtliche und stellten die leichte Aufklärung des Falles nicht infrage.
Inzwischen dürfte zwar aufgefallen sein, dass sich der Abendstern nicht mehr am goldenen Drachenei des Königs befand, aber Finnegan war bereits lange über alle Berge.
Zwei Fliegen mit einer Klappe. Anfangs hatte er sich noch über den Zusatzverdienst gefreut. Aber im Grunde hatten sie ihm einen Gefallen getan, da er ohnehin noch keine Lösung für das Eiproblem hatte. Von daher sollten sie ihre Kupfermünzen behalten.
Er leerte den Becher mit Branntwein und suchte den Blick der hübschen Schankmaid. Jetzt konnte er sich endlich den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden.
Als sie ihn bemerkte, schwenkte er auffällig mit dem leeren Becher und frohlockte: „Ich brauche dich hier bei mir, meine Schöne!“
„Ich eile, mein durstiger Herr!“, flötete sie quer durch das Gasthaus zurück. Das Bett für die Nacht hatte Finnegan sicher. Als die Schankmaid schließlich zu seinem Tisch kam, hatte sie die Schürze abgelegt und eine ganze Kanne mit Branntwein sowie einen zweiten Becher dabei.
Sie stellte die Sachen auf den Tisch und setzte sich direkt auf Finnegans Schoß. Dabei hauchte sie mit einem vielversprechenden Augenaufschlag: „Ich bin ebenfalls durstig. Könnt Ihr Euch diesen Krug und meinen Verdienstausfall leisten? Dann würde ich Euch ...“
„Jakob Finnegan?“, übertönte eine kratzige Stimme das süße Säuseln der Schankmaid.
Das durfte ja wohl nicht wahr sein! War es ihm denn nicht vergönnt, mit Tijana glücklich zu werden? Also zumindest für heute Nacht.
Der Diebeskünstler schob das ansehnliche Gesicht der jungen Frau zur Seite, sodass er den neuerlichen Störenfried sehen konnte. Er blickte in das Antlitz eines alten Mannes mit einem langen weißen Bart und genauso langem Haar in der gleichen Farbe.
Ein Großteil seines Gesichtes war großflächig vernarbt, als ob er sich einmal schlimm verbrannt hätte. Nach Finnegans erster grober Schätzung dürfte der alte Sack so um die 2.000 Jahre alt sein.
„Such dir jemand anderen, ich bin beschäftigt“, entgegnete Finnegan genervt und deutete dabei mit dem Kopf auf die Schankmaid.
„Ach ...“, zischte der alte Sack giftig und winkte mit einer knochigen Hand ab. Finnegan konnte sehen, dass diese genauso schlimme Narben aufwies wie das Gesicht.
Anschließend schlug er seine Robe zur Seite und nahm auf dem Stuhl gegenüber des turtelnden Pärchens Platz.
---ENDE DER LESEPROBE---