Bad. Irish. Mine. - Nashoda Rose - E-Book

Bad. Irish. Mine. E-Book

Nashoda Rose

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Beschreibung

Man kann sich nicht aussuchen, welchen Teil eines Menschen man lieben will. Man nimmt ihn wie er ist und lernt jede einzelne zerbrochene Scherbe seiner Seele zu lieben ...

Als Krankenschwester Eva die Nacht mit einem irischen Fremden verbringt, ist von Anfang an klar, dass es bei dieser einen Nacht bleiben wird. Deaglan Kane gibt ihr mehr als deutlich zu verstehen, dass er nur für einen Businessdeal in Toronto und generell kein Mann für Beziehungen ist. Doch als Eva auf dem Heimweg vor seinem Apartment ausgeraubt und schwer verletzt wird, weicht er plötzlich nicht mehr von ihrer Seite - ob sie will oder nicht. Deaglan ist sich sicher, dass der Überfall etwas mit ihm und seinem Unternehmen zu tun hat. Und Eva im Gegenzug vor der unbekannten Gefahr zu beschützen ist das Mindeste, was er für sie tun kann - auch wenn dies bedeutet, all seine Prinzipien über Bord zu werfen und zu riskieren, dass sich Eva in sein Herz schleichen könnte - so wie er in ihres ...

"Macht euch bereit für eine düstere und gefährliche Achterbahnfahrt der Gefühle! Ihr werdet es nicht bereuen." ISCREAM BOOK BLOG

Nach TEAR ASUNDER der neue Dark-Romance-Roman von NEW-YORK-TIMES- und USA-TODAY-Bestseller-Autorin Nashoda Rose

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Prolog

1

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Epilog

An meine Leser

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Nashoda Rose bei LYX

Leseprobe

Impressum

NASHODA ROSE

Bad. Irish. Mine.

Roman

Ins Deutsche übertragen von Michaela Link

Zu diesem Buch

Man kann sich nicht aussuchen, welchen Teil eines Menschen man lieben will. Man nimmt ihn wie er ist und lernt jede einzelne zerbrochene Scherbe seiner Seele zu lieben …

Als Krankenschwester Eva die Nacht mit einem irischen Fremden verbringt, ist von Anfang an klar, dass es bei dieser einen Nacht bleiben wird. Deaglan Kane gibt ihr mehr als deutlich zu verstehen, dass er nur für einen Businessdeal in Toronto und generell kein Mann für Beziehungen ist. Doch als Eva auf dem Heimweg vor seinem Apartment ausgeraubt und schwer verletzt wird, weicht er plötzlich nicht mehr von ihrer Seite – ob sie will oder nicht. Deaglan ist sich sicher, dass der Überfall etwas mit ihm und seinem Unternehmen zu tun hat. Und Eva im Gegenzug vor der unbekannten Gefahr zu beschützen ist das Mindeste, was er für sie tun kann – auch wenn dies bedeutet, all seine Prinzipien über Bord zu werfen und zu riskieren, dass sich Eva in sein Herz schleichen könnte – so wie er in ihres …

An die Leser.

Für die Leser.

Danke, dass ihr gewartet habt.

Danke, dass ihr an mich geglaubt habt.

Prolog

Eva

Gesättigt. Absolut und vollkommen gesättigt. Das war der passende Begriff für die warme und behagliche Ruhe, die sich in meinem Bauch ausbreitete, während ich ausgestreckt auf seinem Bett lag.

Das weiße Laken bedeckte meine Brüste, zog sich über meinen Rücken und verknäulte sich neben meinem Hintern. Ich hatte einen Arm unter das dicke Kissen geschoben, mir den anderen über die Hüfte gelegt, die Hand auf der eingedellten Matratze, wo noch immer die Hitze seines Körpers spürbar war.

Meine Haut kribbelte bei der Erinnerung an seinen Mund.

Seine Samtzunge.

Das Gewicht seines muskulösen Körpers auf mir, als er meine Handgelenke über meinem Kopf festgehalten und mich mit harten, rhythmischen Stößen in die Matratze gepresst hatte.

Er hatte mich in ein Meer von Gänseblümchen getaucht, die samtigen Blütenblätter flatterten tief in meinem Innern. Dann war er weich geworden.

Nicht sein Körper, nein, der war wie eine Graffitimauer aus Beton, aber seine Bewegungen.

Langsam. Friedlich. Innig.

Er hatte meine gerötete Haut gemächlich mit Küssen bedeckt. Mit den Zähnen über meine Brustwarzen gekratzt, bevor er sie in den Mund nahm und daran saugte.

Er beobachtete. Er wartete. Er merkte es, wenn mein Körper mehr brauchte.

Wenn ich es kaum noch aushielt, dann gab er mir mehr.

Härter. Tiefer. Schneller.

Sieben Stunden im Bett. Wir nickten zwischendurch ein. Wir tranken Rotwein und knabberten an übrig gebliebener Pizza mit einer Extraportion Käse und Pilzen, weil das alles war, was er im Kühlschrank gehabt hatte. Aber größtenteils hatten wir unglaublich umwerfenden Sex.

Er wusste es nicht, aber er hatte mich schon zum Lachen gebracht, bevor ich ihn überhaupt kennengelernt hatte, als er gestern bei der Wohltätigkeitsveranstaltung des Treasured Children’s Centre den Fußball verfehlt hatte und auf den Hintern gefallen war. Er hatte es offensichtlich mit Absicht getan, damit eins der Kinder den Ball bekam und versuchen konnte, ein Tor zu schießen.

Es war süß. Und doch hatte er physisch nichts Süßes an sich.

Er war von Kopf bis Fuß der Inbegriff des knallharten Typen. Tattoos zogen sich über seine Haut, überall, nur nicht auf seinen Beinen, seiner rechten Schulter und seinem Gesicht. Sein rostfarbenes Haar war oben lang, nicht übertrieben, aber kinnlang und leicht gewellt, die Seiten waren rasiert.

Gestern hatte er die langen Strähnen in einem Knoten getragen. Einem Knoten, den ich gelöst hatte, als ich mit den Fingern hindurchgefahren war, sobald wir seine Wohnung betreten hatten und er mich gegen die Stahltür stieß und mich zum ersten Mal küsste.

Nein. Er küsste mich nicht einfach. Er verschlang mich.

Besitzergreifend. Aber nachgiebig.

Beherrschend und doch führend.

Seine Lippen verschmolzen auf perfekte Weise mit meinen, obwohl er über einen Meter achtzig groß war, und ich nur eins fünfundsechzig.

Seinen kantigen Kiefer zierte ein Dreitagebart, und mein Kinn, mein Hals und meine Wangen brannten davon. Ich hätte wetten können, dass ich seinen Abdruck tagelang tragen würde.

Und das war mir recht. Mir gefiel, dass ich seine rauen Bartstoppeln spürte, wenn er meinen Hals küsste. Meinen Mund. Es gefiel mir höllisch gut auch zwischen meinen Beinen, und da hatte er mich in der vergangenen Nacht mehrere Male geküsst und heute Morgen wieder.

Ich war nie ein sexhungriger Typ gewesen. Ich mochte Sex. Mochte ihn nicht mehr so sehr nach meinen A-loch von Exfreund. Aber von meinen zehn Lieblingsbeschäftigungen landete er im Mittelfeld. Also, ich würde lieber einen Abend mit meinen Mädels verbringen und Wein trinken oder Crème brûlée essen oder ein gutes Buch lesen.

Aber Sex hatte Crème brûlée gerade um Längen geschlagen, genauso wie ein Buch und Wein mit meinen Mädels, und ich wollte mehr davon. Mehr von ihm.

Eigentlich war es verrückt zu denken, dass ich mehr bekommen würde, aber da war etwas zwischen uns, und ich schwöre, er spürte es ebenfalls. Er hatte gesagt, ich sei etwas Besonderes, und er habe noch nie zuvor etwas Besonderes gehabt, und es gefalle ihm – sehr sogar.

Ich war noch nie nach nur einem Gespräch mit zu einem Mann nach Hause gegangen. Das war es nie wert gewesen. Eigentlich brauchte ich eine Weile, um mich mit einem Mann wohl genug zu fühlen, um mich nackt auszuziehen und mit ihm zu schlafen.

Aber er hatte mit den Kindern beim Fußballspiel gelacht, sie abgeklatscht, wenn eines ein Tor schoss, und es war offensichtlich, dass er gut mit Kindern umgehen konnte, was mir wichtig war. Es sagte etwas über einen Mann aus. Mein Ex konnte nicht gut mit Kindern umgehen, und das hätte meine erste Warnleuchte sein sollen, aber ich war zweiundzwanzig gewesen und hingerissen von seinem Charme.

Ich war eine kleine Sicherheitsfanatikerin, und ich wusste genau, was geschehen würde, noch bevor es passierte. Ich hatte Klebezettel für alles, und wenn ich Pläne machte, hielt ich mich daran.

Mein Vater hatte den größten Teil seines Lebens auf Bohrinseln gearbeitet, und er sagte, er wäre gut darin gewesen, weil man verlässlich und verantwortungsbewusst sein musste, sonst konnte es jemanden das Leben kosten. Also hatte ich das alles von ihm.

Jetzt war er in Rente und wohnte gleich vor der Stadt auf einer Farm. Die Farm war aufgegeben worden, es war nur noch ein altes Haus mit einigen Hektar Land, einer Handvoll Hühnern und zwei großartigen Hunden, die meine Freundin Charlotte gerettet hatte, Blue und Midnight. Er beteuerte, dass sie niemals auf die Polstermöbel kamen. Aber wann immer ich ihn besuchte, lag einer auf dem Sofa oder hatte sich in seinem alten Fernsehsessel zusammengerollt. Mein Vater betätigte sich in der Gemeinde als Handwerker und war verdammt geschickt.

Mein Job war der Teil meines Lebens, der sich nicht planen ließ. Er war oft hektisch. Und ich wusste nie, was durch die Türen der Krankenhausnotaufnahme kommen würde, daher war ich auf absolut alles vorbereitet. Es war der Grund, warum ich gern jeden anderen Aspekt meines Lebens organisierte.

Mit einem Mann zu schlafen, den ich kaum kannte, war unkartografiertes Territorium. Aber ich fand, dass dies das beste Territorium war, auf dem ich mich je befunden hatte.

Ich rollte mich auf den Rücken, als ich hörte, dass die Dusche abgestellt wurde. Dampf drang unter der Tür hervor und erfüllte die Luft mit dem köstlichen Duft von Kokosnuss und Papaya.

Langsam strich ich mir mit dem Fuß über die Wade und stellte mir dabei seine raue Hand vor.

Wir hatten nach diesem ersten Kuss nicht wirklich viel geredet. Es war mehr ein Stöhnen und Ächzen gewesen, samt zahlreicher Kraftausdrücke, die in einem heiseren Knurren aus den Tiefen seiner Kehle drangen. Es hatte auch einige abrupte Anweisungen gegeben wie: »Spreiz die Beine, Süße« oder »Auf die Knie, Baby.«

Ich schluckte und drückte bei der Erinnerung die Schenkel zusammen.

Die Badezimmertür wurde geöffnet, und mein Herz setzte einen Schlag aus, als Deaglan in einer Wolke von Dampf und mit einem tief um die Hüften geschlungenen Handtuch herauskam. Wassertropfen netzten seine Haut, und die schwarze Tinte seiner Tattoos leuchtete auf seiner muskulösen Schulter, seiner Brust und seinen Armen. Er schaltete das Licht aus, dann kam er durch den Raum auf mich zu.

Gott, in seinem Gang war kein Deut Unsicherheit.

Deaglan war ein Kunstwerk. Eine Skulptur, und ich hatte das Glück gehabt, jede Einkerbung, jeden Hügel und jedes Tal erkunden zu dürfen. Granithügel und Steintäler.

Ich seufzte, drückte das Kissen fester an mich und wartete mit angehaltenem Atem darauf, dass er zurück ins Bett kam.

Ich brauchte heute nicht zu arbeiten, daher hoffte ich irgendwie, dass er wieder diese Sache mit der Zunge machen würde.

Ich erbebte und biss mir auf die Unterlippe.

Er setzte sich auf die Bettkante und sagte ohne einen einzigen Blick in meine Richtung: »Süße, ich muss den einen und anderen Scheiß erledigen.«

Ich spannte die Muskeln an.

Dann wurden die Gänseblümchenköpfe abgerissen, und die Samtblätter verwelkten in meinem Bauch.

»Äh, was?«

Plötzlich klang dieser heiße, raue irische Akzent nicht mehr gar so heiß.

Okay, ich erwartete keinen Antrag oder so, ganz bestimmt nicht, aber ich erwartete einen Morgenkuss und vielleicht den Austausch von Telefonnummern für ein mögliches zweites Date. Oder vielmehr ein erstes Date.

Er tat nicht einmal so, als würde er anrufen wollen.

Gott, war ich wirklich so naiv?

Ich richtete mich auf und nahm das Laken mit mir. »Wie bitte?«

Er bückte sich, hob seine Cargohose vom Boden auf und zog sie an.

»Ich habe ein Taxi gerufen. Es wird gleich da sein.«

Mein Herz hämmerte. Er hatte mir ein Taxi gerufen? Sollte ich denken, es sei okay so, weil er mir ein Taxi gerufen hatte?

Denn das war es nicht. Das war es total nicht.

Draußen ertönte ein kurzes Hupen.

Oh. Mein. Gott.

Himmel, wann hatte er mir ein Taxi gerufen? Als er die Finger während der letzten Nachbeben der Leidenschaft in meinem Hintern gehabt hatte?

Deaglan ging barbrüstig durch das Zimmer, wobei man es eher nicht als Zimmer bezeichnen konnte, denn der Raum war eigentlich eine Garage oder ein Lagerraum oder so was. Er hatte tatsächlich ein Motorrad an seinem Sofa stehen.

Er hielt inne, um seine Brieftasche von dem schwarzen Ledersessel neben dem dazu passenden schwarzen Ledersofa zu nehmen, dann öffnete er die Stahltür und verschwand nach draußen.

Das Kribbeln auf meiner erhitzten Haut und die Euphorie unserer sexuellen Eskapaden während der letzten sieben Stunden zerplatzten wie eine von einem Pfeil getroffene Wasserbombe.

Was für ein ausgewachsener Mistkerl. Ich wusste nicht einmal, wie ich reagieren sollte, während ich in ungläubiger Erstarrung auf dem Bett saß.

Mir wurde klar, dass ich trotz unseres Gesprächs auf der Picknickdecke bei der Wohltätigkeitsveranstaltung gestern Abend keine Ahnung hatte, wer Deaglan war. Ich kannte nicht einmal seinen Nachnamen, wusste nicht, womit er sich seinen Lebensunterhalt verdiente.

Nicht dass es noch eine Rolle gespielt hätte.

Ich wollte es gar nicht wissen.

Ich wollte nur hier weg und dieses Arschloch nie wiedersehen.

Ich warf das Laken beiseite, kroch aus dem Bett, bevor Mr Unsensibel zurückkehrte.

Ich fand mein knielanges gelbes Sommerkleid unter dem Bett neben einer meiner hellblauen Sandalen mit den rosa Sohlen. Mein trägerloser BH lag auf dem Sitz seines Bikes, und ich fand meine andere Sandale neben dem Vorderreifen.

Meine Blicke flogen hektisch durch den Raum auf der Suche nach meinem weißen Spitzentanga.

Scheiße. Wo hatte ich ihn gelassen? Oder vielmehr, wo hatte Deaglan ihn mir heruntergerissen? Ich erinnerte mich lediglich an seine Hände, die unter mein Kleid geglitten waren, als er mich hochgehoben und gegen die Wand gepresst hatte.

Dann war es ein Irrsinn von Mündern und Händen und Körperteilen gewesen.

Meine Wangen wurden heiß bei dem Gedanken daran, und mein Geschlecht krampfte sich zusammen.

Verdammt. Wie sehr ich mich in diesem Moment selbst hasste.

Ich sah meine hellblaue Handtasche auf dem Sessel, ging hinüber, schnappte sie mir und hängte sie mir über die Schulter.

Ein letztes Mal hielt ich in der Garage Ausschau nach meinem weißen Tanga, aber er war nirgends zu finden. Verloren zusammen mit meiner Würde.

Was hatte ich mir dabei gedacht, mit einem Mann wie ihm nach Hause zu gehen? Er war heiß, höllisch sexy, und ich hatte bemerkt, wie viele Frauen ihn gestern Abend angestarrt hatten.

Aber es hatte mir gefallen, dass er stracks auf mich zugegangen war und sich vorgestellt hatte.

Er war ein wenig verschlossen gewesen, aber süß, verspielt und definitiv frech. Und mit seinen Tattoos und dem kräftigen Körperbau physisch das komplette Gegenteil von meinem Ex.

Er hatte nicht gezögert, mich seinen Freunden vorzustellen. Connor und Deck, die ebenfalls Cargohosen trugen und wie harte Typen aussahen. Außerdem lernte ich ihre Frauen kennen, Alina und Georgie, die supernett waren.

Georgie war unglaublich witzig, hatte Haare mit pinken Strähnchen, besaß zwei Coffeeshops und war im fünften Monat schwanger. Alina war Fotografin, süß und ebenfalls schwanger. Alina und Connor hatten eine kleine Tochter, Skye, die neben mir auf der Picknickdecke saß und Apfelsaft trank, während auf ihrem Schoß eine der herumstreunenden Katzen hockte. Sie erzählte von Simon, ihrem Kater, der jeden Abend bei ihr schlief, bis sie selbst müde wurde und zu ihrem Daddy davontrottete. Vorher flüsterte Skye mir noch zu, dass ihr Daddy keine orangefarbenen Katzen mochte, aber Simon ihn trotzdem liebte.

Ich fand heraus, dass Georgie Connors Schwester war und dass sie mit Chess und Tristan Mason befreundet waren, die das Treasured Children’s Centre für misshandelte Kinder eröffnet hatten.

Jetzt lief ich über den Betonboden zur Tür, dann blieb ich stehen, als Deaglan auftauchte und die Tür und meinen Fluchtweg versperrte.

Mir wurde ganz heiß bei dem Gedanken daran, was dieser Mann von mir halten musste. Nicht dass es mich interessieren sollte, aber es war so, weil ich solche Sachen normalerweise nicht machte und er wahrscheinlich das Gegenteil dachte. Und ja, selbst nach zwei Jahren, in denen ich mich wieder berappelt hatte, quälten mich noch immer solche Unsicherheiten. Die kleine Kugel, in der meine Ängste eingeschlossen waren und die ich in die entlegensten Winkel meines Geistes verbannt hatte, rollte hervor und ließ mich an mir selbst zweifeln.

Ich drückte den Rücken durch und kickte die Kugel weg.

»Das Taxi wird dich hinbringen, wo immer du hinmusst«, sagte Deaglan und steckte seine Brieftasche in die Gesäßtasche seiner Cargohose.

Eigentlich wollte ich sagen »Fick dich«, aber stattdessen sagte ich: »Danke.«

Ich umklammerte den Schulterriemen meiner Handtasche so heftig, dass das Leder knirschte.

Lass es nicht an der Handtasche aus.

Er trat näher, und ich wusste, dass er vorhatte, mich zu berühren. Was ich nicht wusste, war, ob er mich küssen oder mich über seine Schulter werfen und hinausbefördern würde. Ich neigte zu Letzterem, so wie die Dinge liefen, und ich hatte nicht vor, ihm die Chance dazu zu geben.

»Man sieht sich«, sagte ich und hoffte, dass er aus dem Weg gehen würde.

Er tat es nicht.

Scheiße.

Ich trat an ihm vorbei und streifte ihn. Dann ging ich mit so viel Würde, wie ich nur aufbringen konnte, zur Tür hinaus.

Unglücklicherweise folgte Deaglan mir, eine Hand auf meinem Rücken.

Ich näherte mich dem Taxi, das im Leerlauf in der Gasse stand. Ich wusste nicht, wo wir waren, aber es kam auf den Tod nicht infrage, dass ich ein Taxi nahm, für das er bezahlte.

Deaglan öffnete die Beifahrertür, und bevor ich entfliehen konnte, schlossen seine Finger sich um mein Handgelenk. »Eva …«

»Nicht«, sagte ich leise.

Er zögerte eine Sekunde lang, dann nickte er und ließ mich los.

Ich schlüpfte auf den zerschlissenen Kunstledersitz und ignorierte Deaglan, während ich mein Handy aus meiner Handtasche holte und auf den Bildschirm tippte.

Deaglan stand noch kurz da, bevor er die Tür schloss.

»Wohin, Miss?«, fragte der Fahrer.

»Ähm, einen Augenblick noch bitte.« Ich schaute aus dem Seitenfenster und wartete, bis Deaglan in seiner Wohnung verschwunden war.

Dann öffnete ich meine Tür. »Sie können behalten, was immer er Ihnen bezahlt hat. Ich brauche Sie nicht. Aber trotzdem danke.« Ich würde ein Uber-Taxi rufen, sobald ich weit genug von Deaglans Wohnung entfernt war.

»Ist das wirklich Ihr Ernst? Es ist nicht die sicherste Gegend, Miss«, sagte der Taxifahrer und sah in den Rückspiegel.

Ich lächelte. »Es ist mein Ernst.« Außerdem hatte ich Pfefferspray in meiner Handtasche.

Ich schlug die Tür zu und ging die Gasse entlang, während das Taxi davonschoss.

Deaglan konnte mich am Arsch lecken.

1

Eva

»Mr Johnson. Bitte, Sie müssen Ihre Tabletten nehmen«, drängte ich und hielt ihm den weißen Becher mit den vier bunten Tabletten darin hin.

Mein Lächeln war aufgesetzt.

Meine Selbstbeherrschung geriet ins Wanken.

Und meine Gefühle waren wie die Metallkugel in einem Flipper. Denn der Taxifahrer hatte vor zwei Tagen recht gehabt. Die Gegend war nicht sicher gewesen für eine Frau in einem Sommerkleid allein um sechs Uhr morgens. Und mein Pfefferspray nutzte mir gar nichts, wenn es in meiner Handtasche war. Der Handtasche, die der Typ zu packen versucht hatte.

»Schaffen Sie mir dieses Gift aus den Augen.« Mr Johnson wedelte mit dem Arm und stieß mir den Becher aus der Hand, und die Tabletten verteilten sich über den Boden.

Geduld, Eva. Mr Johnson ist ein lieber alter Mann, der einfach Angst hat.

Dies war nicht Mr Johnsons erstes Mal in der Notaufnahme. Es war sein viertes Mal in den letzten sieben Monaten, vor allem wegen seines Diabetes, aber vor sechs Monaten hatte er sich die Hüfte gebrochen, nachdem er vom Skateboard seines Enkels gefallen war. Was ein Vierundachtzigjähriger auf einem Skateboard zu suchen hatte, erschloss sich mir nicht. Mr Johnson war damals unkooperativ gewesen und war es jetzt in noch höherem Maße. Aber heute war er nicht wegen seiner Hüfte oder seines Diabetes hier.

Er war hier, weil seine Frau einen Krankenwagen gerufen hatte, als er über Schmerzen in der Brust klagte. Mr Johnson beharrte darauf, dass er die stärkste »Pumpe« im ganzen Haus habe, und seine Selbstdiagnose war Sodbrennen.

Es war kein Sodbrennen, obwohl ich wünschte, das wäre es.

Der Arzt hatte weitere Tests angeordnet und ihn gebeten, sich von dem Kardiologen untersuchen zu lassen.

Ich mochte den raubeinigen alten Mr Johnson, weil er erfrischend freimütig war und genau das sagte, was er dachte; heute war ich dem jedoch nicht gewachsen.

Eigentlich wollte ich nur mit Ally ein Glas Wein trinken gehen und dann nach Hause und ein Bad mit Epsom-Salz nehmen, bis meine Haut sich in Seidenpapier verwandelte.

Ich holte tief Luft und betete stumm um Geduld. Ich liebte meinen Job. Ich hatte Krankenschwester werden wollen, seit ich fünf war und meine Mutter mich in die Notaufnahme gebracht hatte, als ich mir den Arm bei einem Sturz von der Rutsche auf dem Spielplatz gebrochen hatte. Ich hatte schreckliche Angst gehabt und gedacht, mir würde der Arm abfallen, aber Schwester Becky saß die ganze Zeit bei mir und erklärte mir alles. Dann lenkte sie mich mit Spielen auf ihrem Telefon ab, bei denen sie mir half, weil ich nur eine Hand zur Verfügung hatte. An diesem Tag sagte ich meiner Mutter, ich würde Krankenschwester werden und ebenfalls dafür sorgen, dass Menschen weniger Angst hatten.

Mir lag an jedem Patienten, der durch die Krankenhaustüren trat. Normalerweise hätte ich die Geduld gehabt, Mr Johnson mühelos dazu zu überreden, seine Tabletten zu nehmen.

Aber nicht heute.

Der Gedanke daran, mich zu bücken, um die jetzt überall auf dem Boden verteilten Tabletten aufzuheben, entlockte mir ein Stöhnen, weil es wehtun würde.

Die Faust des Schlägers, die sich in meinen Brustkorb gerammt hatte, hatte Prellungen hinterlassen.

Nachdem er mich gepackt und mich geboxt hatte, hatte er sich vor mir aufgebaut, und der intensive Geruch nach Zigarettenrauch, der seinen Kleidern anhaftete, zusammen mit der Mischung aus Pfefferminze und Whiskey in seinem Atem, hatte mich würgen lassen. Es war alles so schnell gegangen, dass mein Gehirn nichts registriert hatte, außer dem Spinnentattoo auf seinem rechten Handrücken.

Er hatte versucht, mir meine Handtasche wegzunehmen, und vielleicht war es dumm von mir gewesen, sie ihm nicht zu überlassen, aber nach dem, was ich mit Curran durchgemacht hatte, meinem Ex, hatte ich mir geschworen, mich immer zu wehren, ganz gleich, welche Konsequenzen es hatte.

Also hatte ich mich gewehrt. Und ich hatte ein wenig Ahnung von Selbstverteidigung, weil ich vor zwei Jahren einen Kurs belegt hatte.

»Eva? Bist du bald fertig?«

Ich hob den Kopf, blickte zur Tür und sah meine Freundin Ally in ihrem blauen OP-Kittel mit einem Stethoskop um den Hals, das blonde Haar zu einem losen Pferdeschwanz zurückgebunden.

Wir hatten uns vor vier Jahren am ersten Tag in der Krankenpflegeschule des Ryerson Colleges kennengelernt. Sie war mit zehn Minuten Verspätung in den Biologiekurs gerannt gekommen, bekleidet mit einem Pyjama und bewaffnet mit Anatomiebüchern statt Biobüchern. Wir wurden zu Lernpartnern eingeteilt, und irgendwie waren wir trotz unserer drastischen Unterschiede beste Freundinnen geworden.

»Gibst du mir zehn Minuten?«, antwortete ich. Wir wollten in der Cafeteria auf die Schnelle zu Mittag essen.

Sie runzelte die Stirn, den Blick auf mein Handgelenk gerichtet. »Was ist mit deinem Handgelenk passiert?«

Ich schaute hinab. Mein Blusenärmel war unter meinem Kittel nach oben gerutscht.

Scheiße. Lila- sowie Gelb- und Rottöne verschandelten meine Haut.

Glücklicherweise hatte mein Angreifer nicht damit gerechnet, dass eine Frau in einem flatternden gelben Sommerkleid sich zur Wehr setzen würde, und zuerst hatte ich das auch nicht getan, weil ich vor Angst erstarrt war bei den Erinnerungen, die die Begegnung auslöste.

Erst als er mich an die Mauer gepresst hatte, hatte ich reagiert. Ich hatte ihm das Knie in die Lenden gerammte, so fest ich konnte. Ein halb unterdrückter Aufschrei entrang sich ihm, und er ließ mich los, taumelte rückwärts, hielt sich den Schritt und krümmte sich vor Qual.

Dann war er weggerannt.

Ich zerrte meinen Ärmel herunter, um das Werk des Schlägers zu verdecken. »Nichts weiter.« Ich hatte nicht die Absicht zu erklären, warum ich am Wochenende in einer Gasse in einem heruntergekommenen Stadtteil gewesen war.

Zumindest wollte ich es jetzt noch nicht tun.

Ich brauchte ein Glas Wein oder zwei, bevor ich die Bombe von dem Schläger in der Gasse und dem explosiven Sex mit Deaglan platzen ließ.

Meine Würde dümpelte noch immer in der Gosse von Deaglans Bemerkung Süße, ich muss den einen oder anderen Scheiß erledigen, und es musste Wein fließen, bevor ich Ally mein Herz ausschüttete.

Ally kniff die Augen zusammen und schürzte ihre mit pinkfarbenem Gloss bedeckten Lippen. Es war ein sicheres Zeichen, dass sie mir nicht glaubte. »Was ist passiert?«

Ich bückte mich, um die verstreuten Tabletten aufzulesen. »Ehrlich, es ist nichts.«

Ally näherte sich schnell, nach dem Quietschen ihrer Sneakers auf dem Linoleumboden zu urteilen.

Mr Johnson beugte sich über die Bettkante, um zu mir herüberzuspähen. »Alles okay mit Ihnen?«

»Ja, Mr Johnson. Es ist nur eine Prellung«, antwortete ich.

Ally bückte sich, um mir zu helfen, die Tabletten aufzuheben. »Hat dich jemand gepackt?«, flüsterte sie.

Ich langte nach einer weggerollten roten Tablette unter dem Bett, und ein scharfer Schmerz schoss durch meine Rippen.

Ich zuckte zusammen. Ally bemerkte es.

Sie schnappte sich eine widerspenstige Pille in der Nähe des Bettgestells, warf sie in den Becher und stand dann auf. »Das dürften alle sein. Lass uns gehen. Zum Reden.«

»Mir geht es gut«, beharrte ich.

»Willst du, dass ich Dr. Richard hole?«, fragte Ally und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ich riss die Augen auf. Dr. Richard war der diensthabende Arzt. Er war genauso arrogant wie Dr. Sloan aus Grey’s Anatomy, aber ohne die Gabe, auf Patienten einzugehen. Außerdem behandelte er Krankenschwestern wie seine persönlichen Sklavinnen.

Das war der Grund, warum ich Nein gesagt hatte, als er mich vor ein paar Monaten um ein Date gebeten hatte.

Und ich hatte gewiss nicht die Absicht, mich vor ihm auszuziehen, damit er mich untersuchen konnte, was Ally verdammt noch mal wusste.

»Ich bin Krankenschwester. Ich habe selbst eine Diagnose gestellt«, sagte ich.

Das Bett knarrte, als der füllige Mr Johnson sich auf die Seite drehte, damit er mich besser sehen konnte, weil ich immer noch auf dem Boden hockte und nach der allerletzten Tablette suchte. »Diesem Dr. Richard gehört der Hintern mit einem heißen Schüreisen versohlt, wenn Sie mich fragen. Ich mag ihn nicht. Ich mag ihn überhaupt nicht.«

Ally lachte.

Ich schnappte mir die letzte Pille und ließ sie in den Papierbecher fallen, um sie wegzuwerfen. Bedauerlicherweise musste in einem Krankenhaus alles weggeworfen werden, was einmal auf den Boden gefallen war.

Ich stand auf. »Mr Johnson, im Moment sind Sie es, um den wir uns Sorgen machen müssen.« Ich funkelte Ally an und versuchte sie dazu zu bewegen zu gehen. »Ich gehe Ihnen neue Tabletten besorgen, aber bitte, Sie müssen sie einnehmen.«

Er brummte wieder etwas von Sodbrennen, dann hielt er inne und schaute zwischen Ally und mir hin und her. »Ich nehme die Tabletten, wenn Sie Ihrer Freundin erlauben, Sie zu untersuchen.«

Ich betrachtete mit hochgezogenen Brauen zuerst Mr Johnsons strenge Miene, dann Ally, die sich große Mühe gab, nicht zu lächeln, indem sie die Lippen fest aufeinanderpresste, aber es gelang ihr nur halb.

»Und Sie werden auch zu Hause Ihre Tabletten nehmen?«, eröffnete ich die Verhandlung.

Er schnaubte stirnrunzelnd, aber in seinen Augen stand ein Funkeln. »Sie feilschen hart. Ja, ich werde sie nehmen, aber ich brauche sie nicht. Es ist Sodbrennen. Ich habe Chili gegessen. Meine Frau würzt es wirklich scharf. Und verdammt, es ist das beste Chili, das Sie jemals essen werden. Ich werde Ihnen welches herbringen lassen.« Er sah Ally an. »Ihnen auch.«

Ich tätschelte seinen Arm. »Okay, Mr Johnson. Ich gehe auf Ihren Deal ein.«

Er nickte, als sei er hochzufrieden.

»Ich gehe die Pillen holen. Du machst hier alles fertig.«

Ally verließ den Raum und machte sich auf den Weg zum Medizinschrank, um neue Tabletten zu besorgen, während ich Mr Johnsons Vitalzeichen checkte und er mir erzählte, wie er in der zwölften Klasse seine Frau dem Quarterback abspenstig gemacht hatte, indem er ihr Wildblumen schenkte und sie sechs Monate lang jeden Tag in ihrem Schließfach deponierte. Er sagte, mehr als die Blumen selbst habe ihr imponiert, wie er in ihr Schließfach gelangt war, denn sie wechselte mehrmals den Zahlencode ihres Vorhängeschlosses.

Als Ally zurückkehrte, nahm ich die Tabletten von ihr entgegen und reichte sie an Mr Johnson weiter. Er kippte sie ohne Wasser herunter, dann sagte er: »Jetzt gehen Sie mit Ihrer Freundin.«

Ich ließ die Hand auf das Bett sinken und drückte seinen Arm. »Ihre Frau kann sich sehr glücklich schätzen, Mr Johnson. Der Arzt wird später noch einmal vorbeischauen und Ihre Entlassungspapiere unterschreiben.«

»Wird auch verdammt noch mal Zeit«, brummte er, aber sein Mundwinkel zuckte, und in seinen grünen Augen stand ein schelmischer Glanz. Ich wette, Mr Johnson hatte mit diesen Augen und diesem Grinsen jede Menge Frauen betört. Und es war offensichtlich nicht nur seine Fähigkeit, Schlösser zu knacken, mit der er das Herz seiner Frau erobert hatte.

Ally schnappte sich meine Hand und zog mich den Flur entlang, dann riss sie die Tür zum Lagerraum auf und schob mich hinein.

Sie schaltete das Licht ein und verschränkte die Arme vor der Brust. »Okay, lass sehen.«

Ich seufzte, dann hob ich meinen Kittel und schob die langen Ärmel meiner Bluse hoch. Prompt überschüttete sie mich mit einem Schwall von Lauten und einer erklecklichen Anzahl Flüche.

»Was zur …« Flüche. »Mein Gott, Eva, was ist passiert?« Ihr Blick schoss von meinen geprellten Rippen zu meinem Gesicht. »Ist er wieder da? Dieses jämmerliche Stück Hundescheiße. Wir rufen die Polizei. Dafür geht er zurück ins Gefängnis, wo er hingehört«, stieß sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor und griff in die Tasche ihrer OP-Hose, um ihr Handy herauszuholen.

»Nein. Nicht.« Ich schoss nach vorn, hielt sie am Arm fest und bereute es sofort, als meine Rippen protestierten. Aber ich konnte nicht gebrauchen, dass die Polizei an Deaglans Tür klopfte, um meine Geschichte zu überprüfen und festzustellen, ob er etwas gehört und gesehen hatte.

Sie ignorierte mich und tippte in ihr Telefon.

»Ich schwöre, wenn du noch eine einzige Ziffer eintippst, bist du für mich gestorben«, drohte ich.

Sie hob den Kopf, und ihre Finger schwebten über dem Display. »Ich gebe dir eine Minute, alles zu erklären, und danach entscheide ich, ob ich das Risiko eingehe und die Polizei rufe.«

Ich lächelte schwach. Ally wusste, dass ich weder ihr noch meinen beiden anderen Freundinnen Kendra und Charlotte, die Schwestern waren, jemals die Freundschaft aufkündigen würde.

Sie ließ ihr Telefon sinken und reckte die Hüfte vor. »Okay, lass hören.«

»Ich bin am Samstagmorgen überfallen worden.«

Ihre Augen weiteten sich. »Was?«

»Der Typ hat versucht, mir meine Handtasche wegzunehmen, und wir haben miteinander gerungen …«

»Du hast dich gewehrt? Wegen deiner Handtasche? Gott, Eva, warum tust du so etwas? Sag mal, hast du unserem Selbstverteidigungslehrer überhaupt zugehört?«

Evan, unser Trainer, hatte uns an Tag eins im Selbstverteidigungskurs eingeschärft, niemals jemandem eine zweite Chance zu geben, und wenn derjenige nur deine Handtasche wollte, bitte schön.

»Ich habe ihm ein Knie in den Schritt gerammt.«

»Du hast ihm ein Knie in den Schritt gerammt«, wiederholte sie.

Aber zuerst hatte er mein Handgelenk gepackt und mich gegen die Mauer geschmettert, dann hatte er mir in den Brustkorb geboxt, als ich versucht hatte wegzukommen. »Ally, es geht mir gut, es sind nur ein paar Prellungen.« Die paar harmlosen Prellungen konnte ich nach Currans Fäusten definitiv verkraften.

Sie ging im Raum auf und ab, den Kopf gesenkt, die Brauen zusammengezogen. »Eva, ich finde, wir sollten die Polizei verständigen. Sagen, was passiert ist, dann können die Cops versuchen, den Mann zu finden.«

»Sie werden ihn nicht finden. Es ging alles so schnell, dass ich keinen genauen Blick auf ihn werfen konnte.« Aber ich würde niemals dieses Spinnentattoo auf seinem Handrücken vergessen und auch nicht den widerwärtigen Geruch von Whiskey mit Pfefferminze.

Sie rümpfte die Nase und ging weiter im Lagerraum auf und ab.

Ally und ich waren total unterschiedlich.

Meine Vorstellung von einem perfekten freien Tag war wie gesagt die Lektüre eines guten Buches; ihre war ein Besuch bei einem lokalen Festival, in einem Pub oder einem Konzert.

Mir gefiel so was ebenfalls, aber nach mehreren zermürbenden Schichten im Krankenhaus sehnte ich mich nach Langeweile. Langeweile war gut. Langeweile war mein Zen und verjüngte mich für die vor mir liegende Woche. Im Moment war es jedoch nichts mit Langeweile, denn an meinen freien Tagen arbeitete ich daran, das hundert Jahre alte Haus zu sanieren, das ich vor acht Monaten von dem Geld, das meine verstorbene Großmutter mir hinterlassen hatte, gekauft hatte. Aber ich konnte immer noch nicht darin leben, weil es ein Jahrhundert alt war und ziemlich verfallen … Was auch der Grund war, warum ich es so billig hatte kaufen können.

Ally kaute auf ihrer vollen Unterlippe mit dem pinkfarbenen Gloss, das von dem Daraufherumgekaue schon fast verschwunden war.

»Warum zum Teufel hast du ihm deine Handtasche nicht einfach gegeben?«, fragte sie.

»Weil ich alles darin aufbewahre.«

»Alles lässt sich ersetzen«, konterte sie. »Es liegt an diesem Viertel, in dem du lebst. Ich wette, das Arschloch wohnt in deiner Straße. Gott, du musst endlich in dein Haus ziehen, Eva.«

Ich bewahrte Stillschweigen, denn ich wollte auf keinen Fall erklären, dass es gar nicht in meinem Viertel passiert war, wo ich ein Haus gemietet hatte, bis mein eigenes Haus zumindest ein funktionierendes Badezimmer hatte. Es war in Deaglans Straße passiert, obwohl es leicht hätte meine eigene sein können, was auch der Grund war, warum Ally zu diesem Schluss gelangt war.

Das Haus, das ich gemietet hatte, befand sich in einem beschissenen Stadtteil, war aber in Gehweite vom Krankenhaus und so überaus bequem. Ich war dort eingezogen, nachdem ich mit Curran Schluss gemacht hatte.

Allys Gummisohlen quietschten auf dem Boden, als sie auf mich zugelaufen kam. Sie stieß mich fast um, als sie die Arme um mich schlang und mich wild an sich drückte. »Gott, du kannst diese Scheiße wirklich nicht gebrauchen.«

Ich zuckte zusammen.

»Oh, verdammt, entschuldige«, murmelte sie und zog sich um Armeslänge zurück. »Nächstes Mal rückst du einfach deine Handtasche raus, okay?« Tränen füllten ihre Augen. »Dich mit Prellungen zu sehen … Mann, ich dachte, dieser Mistkerl sei zurückgekommen.«

Es war zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal etwas von meinem Ex, Curran Carrick, gehört oder gesehen hatte. Er war währenddessen ein Jahr lang im Gefängnis gewesen, aber er hatte kein einziges Mal versucht, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Ein Summen ertönte gleichzeitig in unserer beider Kitteltaschen.

»Unfall«, sagten wir wie aus einem Munde und verließen im Laufschritt den Raum.

Zwei Stunden später füllten wir im Schwesternzimmer medizinische Berichte aus. Der Alarm war wegen eines Autounfalls gewesen mit einem Ehepaar und dessen zwölfjährigem Sohn.

Den Sanitätern zufolge war bei einem Transportlaster mit einer Ladung Tomatensauce ein Reifen geplatzt, und dieser LKW war dann auf dem Highway mit hundert Stundenkilometern von der Spur abgekommen und in den Wagen der Familie gekracht.

»Mein Magen frisst sich gerade selbst auf«, bemerkte Ally. »Ich würde jetzt sogar das durchweichte Thunfisch-Sandwich in der Cafeteria appetitlich finden.«

Die Tagesgerichte in der Cafeteria waren montags Thunfisch- und Hühnersalat-Sandwiches mit matschigem Brot. Es war durchweicht, weil sie in Plastikfolie in einem Kühlschrank lagen, der viel zu kalt war.

»Wir könnten auch woanders hingehen …«

»Heiliger Bimbam«, rief Schwester Greta.

Die beiden anderen Schwestern hinter dem Schreibtisch betrachteten, was immer Greta anstarrte und was gerade durch die Schiebetüren der Notaufnahme kam.

Ihnen klappte einer nach der anderen der Unterkiefer herunter, und ihre Augen weiteten sich.

Es sah so aus, als würde das Mittagessen warten müssen.

»Was ist los?« Ich wirbelte herum und stellte mir jemanden mit einer Axt in der Brust vor oder einen Patienten mit fehlenden Gliedmaßen.

Es war, als sei ein Eissturm aufgezogen, und alles in mir erstarrte.

Es gab keinen medizinischen Notfall.

Nicht einmal ansatzweise.

Aber es war definitiv ein Notfall.

Mein Notfall.

2

Eva

Ach du Scheiße. Deaglan. Hier. Im Krankenhaus.

Dieser harte, tätowierte Typ, der mit langen Schritten durchs Wartezimmer ging, war unleugbar Deaglan. Er beherrschte einen Raum, ohne irgendetwas dafür zu tun, außer darin zu sein, selbst einen Raum voller kranker Patienten, die plötzlich aufhörten zu stöhnen und ihn jetzt beobachteten.

Ich presste das Tablet wie ein Kruzifix an die Brust, als ich ihn quer durch das überfüllte Wartezimmer hindurch ansah, und mir stockte der Atem. Diese Gänseblümchen, die vor zwei Tagen eins nach dem anderen enthauptet worden waren, wuchsen nach und zitterten in meinem Bauch.

Er hielt inne und schaute sich in der Notaufnahme um, bis sein Blick auf mir landete.

Das war der Moment, in dem das Eis brach und mein Körper ins komplette Chaos gestürzt wurde. Mein Puls schnellte hoch, das Herz hämmerte, und ein Kribbeln bewegte sich im Stepptanz über mich hinweg, in einer Mischung aus Ärger, Schreck und Verlangen. Eine tödliche Kombination.

All das krachte auf mich herein wie eine Gezeitenwelle aus Lava, und ich bekam keine Luft, während ich ihn weiter anstarrte.

Scheiße. Ich hätte nie, nie erwartet, diesen Mann wiederzusehen.

Ich hätte ihn nicht wiedersehen sollen.

Verdammt, ich wollte ihn nicht wiedersehen.

Zumindest nicht an meinem Arbeitsplatz und mit Publikum, zu dem Ally gehörte, der ich noch nicht einmal etwas von Deaglan erzählt hatte.

»Gott … das ist der erotischste, Furcht einflößendste Mann, der mir je unter die Augen gekommen ist«, bemerkte Rachel, eine der Schwestern hinter dem Schreibtisch.

Greta war mindestens sechzig, sah aber aus wie fünfzig, weil sie eine Yogafanatikerin war, tolle Haut hatte und auf sich achtete. Jetzt nickte sie. »Mmmmh, totale Köstlichkeit.«

»Also, der wäre ein toller Ritt«, sagte Tammy, eine Schwester aus der Aufnahme.

Er ist ein wilder Ritt.

Und er kannte sich mit Frauen aus. Wusste, wie er sie dazu bringen konnte, zu betteln und zu schreien und zu zittern.

Gott, er hatte mich zu viele Male, um mitzuzählen, betteln und schreien und zittern lassen.

Ally beugte sich zu mir und flüsterte: »Ähm, warum starrt er dich an? Es ist, als würde er dich mit den Augen gleich hier auf dem Schreibtisch ficken.«

Weder rührte ich mich noch sprach ich. Ich hatte die Fähigkeit verloren, irgendetwas anderes zu tun, als Deaglan während jener zehn Sekunden anzustarren, die er brauchte, um auf mich zuzukommen.

»Einen Moment mal«, sagte Ally. »Verbirgst du etwas vor mir? Kennst du diesen heißen Typen? Denn verdammt, er sieht so aus, als würde er dich kennen.«

Ich schluckte, und es fühlte sich so an, als stecke ein Stethoskop in meiner Kehle. »Er ist …« Ein Mann, den ich gevögelt hatte. »Ähm, nun, er ist ein Bekannter. Jedenfalls irgendwie.« Ein Bekannter, der den Finger in meinem Hintern gehabt hatte, während seine Zunge alle möglichen Dinge mit meiner Pussy anstellte.

»Dieser Mann sieht dich nicht so an, als sei er nur ein Bekannter«, erklärte Ally, kurz bevor Deaglan vor mir stehen blieb.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, trotz meines Drangs, herumzuwirbeln und wegzurennen.

Er verschwendete keine Zeit und sagte: »Wir müssen reden. Unter vier Augen.«

Wir müssen reden? Unter vier Augen?

Meinte er das im Ernst? Kein: »Hey, Eva. Wie geht es dir?« Nicht einmal ein einfaches »hey«.

War er irre? Oder einfach ein absolut unsensibles Arschloch?

Okay, das hier ist mein Arbeitsplatz. Sei professionell. Sei höflich.

Ich krampfte die Hände um das Tablet und stieß hervor: »Sir, kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Sir?« Er zog die Brauen hoch und grinste, und das Grinsen war genauso aufreizend sexy, wie ich es in Erinnerung hatte. »Niedlich.«

Nein, nicht sexy.

Er. Ist. Nicht. Sexy.

Dieser Typ hatte mich hinausgeworfen und dann praktisch die Tür hinter mir verschlossen. Das einzig Nette, was er getan hatte, war das Taxi, das er für mich gerufen und bezahlt hatte, aber das zählte eigentlich nicht, denn er hatte es nur für sich selbst getan, um mich loszuwerden.

Gott, er schaffte es, dass ich mich fühlte wie … nun ja … wie Müll, und ich hatte nach Curran geschworen, nie wieder einem Mann zu gestatten, mich so empfinden zu lassen. Ich konnte ihm nicht die alleinige Schuld anlasten, denn ich war in dem vollen Bewusstsein mit ihm nach Hause gegangen, dass es ein One-Night-Stand war.

Und ich hatte umwerfenden, wahnsinnigen Sex gehabt. Bei diesem Sex war es ganz allein um mich gegangen. Er hatte dafür gesorgt, dass es ganz allein um mich ging.

Was mich sauer machte, war, abgesehen von der Art, wie er mich aus seinem Bett geworfen hatte, genau das, dass es nämlich allein um mich ging.

Dieses Selbstbewusstsein. Die Art, wie er einen Raum beherrschte. Wie er mit gespreizten Beinen dastand und trotzdem lässig wirkte.

Dieses Feixen.

Diese durchdringenden, von Sonne durchströmten Ozeanaugen.

Ich hätte nie gedacht, dass mir Tattoos an einem Mann gefallen würden, aber ich hatte eine Stunde damit verbracht, sie mit den Fingerspitzen nachzuzeichnen. Als ich gefragt hatte, ob irgendeins davon eine Bedeutung hätte, hatte er mich auf den Rücken gedreht und sich daran gemacht, mich zu küssen, was dazu geführt hatte, dass er in mich hineingeglitten war, und ich hatte die Frage vergessen.

Dann war es zu Ende gewesen.

Wie ein zersprungener Spiegel war alles zerschellt, was mir an ihm gefallen hatte.

Gott, was hatte ich mir dabei gedacht, mit ihm nach Hause zu gehen?

Die Wirklichkeit war … ich hatte mir gar nichts gedacht. Ich hatte einige Drinks intus, war aber weit davon entfernt gewesen, berauscht zu sein. Nein, ich war trunken gewesen von ihm.

»Wir müssen reden«, wiederholte er.

Ich trat zum Tresen, reckte das Kinn vor und sah in seine Augen, die jetzt eher grün als blau waren, mit bernsteinfarbenen Einsprengseln. »Ich wüsste nicht, worüber ich mit dir reden möchte.«

»Es ist keine Bitte, Süße.«

Süße? War das sein Ernst? Okay, zugegeben, ich hatte es niedlich gefunden mit seinem sexy irischen Akzent, aber jetzt fand ich es überhaupt nicht niedlich.

Ich wollte ihm sagen, dass er sich verpissen sollte. Aber das tat ich nicht. Ich war immer noch damit beschäftigt, diese Decke herunterzureißen, die mich mit Selbstzweifeln erstickte.

Ich räusperte mich. »Tut mir leid, aber ich muss arbeiten. Wie Sie sehen können, ist die Notaufnahme überfüllt, daher werden Sie warten müssen, bis Sie an der Reihe sind. Eine der anderen Schwestern kann Ihre Daten aufnehmen, und man wird Sie aufrufen.« Dann straffte ich die Schultern und fügte hinzu: »Es wird nach Dringlichkeit vorgegangen. Das bedeutet …«

»Ich weiß, was Dringlichkeit bedeutet«, unterbrach er mich.

»Wunderbar. Es kann sich nur um Stunden handeln, also können Sie, wenn Sie mögen, Platz nehmen.«

Ich schaute auf mein Tablet hinab und tat so, als läse ich die Akte eines Patienten, aber die Worte waren ein verschwommenes Wirrwarr von Buchstaben, denn ich konnte mich beim besten Willen auf nichts konzentrieren, solange dieser schwere, erdige Duft um mich herumwehte.

Seine Stimme wurde weicher. »Ich gehe nicht, bevor wir geredet haben, Eva.«

Ally räusperte sich und trat näher, sodass sie mir wenig subtil auf den Fuß treten konnte. Vermutlich wollte sie, dass ich sie vorstellte, was ich ganz bestimmt nicht tun würde.

»Rachel«, sagte ich zu der hübschen blonden Krankenschwester, die nichts lieber tun würde, als Deaglan behilflich zu sein. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, Mr …« Ich hob die Brauen und wartete darauf, dass er seinen Nachnamen ergänzte.

Was er nicht tat.

Deaglan beugte sich zu mir. »Ich habe zweimal gefragt. Ich tue es nicht noch einmal. Wenn du das hier besprechen willst, dann eben hier.« Oh Scheiße.

»Warum zum Teufel hast du das Taxi nicht genommen?«

Ich versteifte mich. Woher zur Hölle wusste er, dass ich das Taxi nicht genommen hatte? Ich hatte gesehen, wie er die Tür schloss. Es war eine Garage, daher hatte er zur Gasse hin keine Fenster. Und ich hatte mich versichert, dass er hineingegangen war, bevor ich aus dem Taxi sprang.

»Mir war danach zumute, zu Fuß zu gehen«, sagte ich.

»Moment mal. Wovon redet ihr?«, fragte Ally.

Er biss die Zähne zusammen. »Dir war danach zumute, zu Fuß zu gehen.« Ich nickte, obwohl es keine Frage war. »Um fünf Uhr morgens in einer völlig unbekannten Gasse?«

»Es war ein schöner Morgen.«

Das schien ihn erst wirklich sauer zu machen, und er zog die Brauen über seinen stechenden Augen zusammen. »Es war ein schöner Morgen«, wiederholte er. Dann: »Ziemlich dämlich.«

Mein Magen verkrampfte sich. Er hatte recht, es war blöd gewesen, aber ich hatte mich gedemütigt gefühlt. Verletzt. Mein Stolz lag in der Gosse, und mit einem Taxi zu fahren, das er bezahlt hatte, nachdem er mich hinausgeworfen hatte, hätte es noch viel schlimmer gemacht.

Ally stieß mich mit dem Ellbogen an. »Wovon redet er?«

»Ich, ähm, erzähle es dir später«, flüsterte ich aus dem Mundwinkel, ohne den Blick von Deaglan abzuwenden.

Ich hatte das Gefühl, dass er es nicht gewohnt war, wie eine nervige Fliege abgewehrt zu werden, und dass er es nicht gut aufnehmen würde.

Deaglan war konzentriert gewesen, aber trotzdem verspielt, vor allem mit den Kindern, als wir uns kennengelernt hatten. Er hatte mich mit seinem Grinsen verzaubert und mit seinem unbefangenen Lachen.

Aber jetzt war von Lachen keine Spur. Auch von Zauber nicht. Und ich war mir ziemlich sicher, dass jedwede Kinder um ihr Leben rennen würden.

»Ein Mann ist hinter dir hergelaufen«, knirschte er.

Meine Augen weiteten sich, und mir klappte der Unterkiefer herunter. »Du weißt davon?«

»Ja, ich weiß davon.«

»Aber woher?«

»Ich habe es nicht gern, wenn meine Angelegenheiten zu den Angelegenheiten aller werden, Babe. Entweder du findest ein ruhiges Plätzchen für uns, oder es erfahren alle.«

Ich hatte keine Ahnung, woher er es wusste, aber er wusste es, und ich hatte den Verdacht, dass er hier war, weil er sich schuldig fühlte, dass man mich draußen vor seiner Wohnung überfallen hatte. Nun, er brauchte sich nicht verantwortlich zu fühlen. Es war nicht seine Schuld, dass ich das Taxi nicht genommen hatte. »Es gibt nichts zu sagen.« Dann fügte ich hinzu: »Und da du nicht krank oder verletzt zu sein scheinst, musst du jetzt gehen.«

Ally beugte sich über den Tresen, um nach dem Telefon zu greifen. »Soll ich den Sicherheitsdienst rufen?«

Deaglan warf ihr einen Blick zu. »Wagen Sie es nicht, sich zu bewegen, Schätzchen.« Ihre Hand erstarrte auf dem Telefon. »Ihre Kollegin ist am Samstagmorgen draußen vor meiner Wohnung von irgendeiner miesen Kreatur überfallen worden, und sie findet es cool, mir diese Scheiße nicht zu erzählen. Verdammt, ich musste es mir einundfünfzig Stunden nach dem Überfall ansehen.«

Er hatte es gesehen? Wie konnte er sehen, wie es geschah?

Ally sah mich scharf an. »Du hast gesagt, du wärst in deiner Straße überfallen worden.«

Ich betrachtete Ally und biss mir auf die Unterlippe. »Ich, ähm … habe nicht wirklich gesagt, wo es passiert ist.«

Ihre Augen wurden schmal, und als sie begriff, riss sie sie wieder auf. »Du warst bei ihm. Ach du Scheiße. Du warst bei ihm? Ich meine, bei ihm, bei ihm. Du hattest Sex mit ihm«, schlussfolgerte Ally schließlich.

Oh. Mein. Gott.

Mein Gesicht fühlte sich an, als würde es über einen heißen Ofen gehalten werden. Ich trat von einem Fuß auf den anderen, umklammerte das Tablet und warf Deaglan mörderische Blicke zu, den die Tatsache überhaupt nicht zu beeindrucken schien, dass er gerade Ally und drei anderen Schwestern erzählt hatte, dass ich bei ihm geschlafen hatte. Nun, geschlafen war der falsche Ausdruck. Schlaf hatten wir nicht gefunden, wir waren höchstens kurz eingenickt.

»Ich kann nicht glauben, dass du es mir nicht erzählt hast«, fuhr Ally fort.

»Du warst übers Wochenende weg, und ehrlich, es war nicht wert, erzählt zu werden.«

Deaglan schnaubte und schüttelte den Kopf. »Babe.«

Es war so was von wert gewesen, davon zu erzählen, aber ich verdaute immer noch die Tatsache, dass ich mit einem Mann nach Hause gegangen war, mit dem ich ein einziges Gespräch geführt hatte, mit dem ich den besten Sex meines ganzen Lebens gehabt hatte, bevor er mir ein Taxi gerufen und gesagt hatte, er habe noch den einen oder anderen Scheiß zu erledigen.

Also hatte ich die peinliche Sache Ally vorerst nicht mitgeteilt. Ich hatte darauf gewartet, die Peinlichkeit mithilfe von benebelndem Wein zu vertuschen.

Er legte die Hand auf den Rand meines Tablets, pflückte es mir aus den Händen und legte es auf die Theke.

»Wir reden«, sagte er. »Du hast eine Sekunde, bevor ich mir dich über die Schulter werfe und einen Raum für uns finde, in dem wir dieses Gespräch führen können.«

Ich hob das Kinn und drückte den Rücken durch.

»Eine.« Seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk.

Sobald seine Finger die Prellungen berührten, sog ich scharf die Luft ein.

Er runzelte die Stirn und lockerte sofort seinen Griff. Sein Blick wanderte zu meinem Arm.

Er war sehr sanft, als er meinen Ärmel hochschob. »Scheiße, was …«

Dann explodierte er innerlich. Zusammengebissene Zähne. Harte, schmale Augen. Körper ein Wurfgeschoss.

Eine Granate mit gezogener Sicherung.

Und es war Furcht einflößend. Er war Furcht einflößend. Ich bildete mir nicht ein, Deaglan zu kennen, aber vorgestern Nacht hatte ich keine Angst vor ihm gehabt.

Es war unheimlich, wie still alles wurde. Kein Telefon klingelte. Kein Patient stöhnte. Alles, was ich hörte, waren das Hämmern meines Herzens in meinem Brustkorb und seine gefährlich ungleichmäßige Atmung.

»Oh Gott«, knirschte er. »Das habe ich nicht gesehen.«

Er wirkte aufrichtig betroffen und musterte besorgt die Prellungen, bevor er mich anschaute. »Das habe ich nicht gesehen«, wiederholte er.

Ganz gleich, was er vor zwei Tagen gemacht hatte, Deaglan hatte etwas Beschützendes. Ich hatte es an der Art gesehen, wie er sich bei der Wohltätigkeitsveranstaltung benommen hatte. Es zeigte sich darin, wie er mit seinem Körper meinen beschirmte, als wir zu seinem Wagen gingen und dann vom Wagen in seine Wohnung. Wie er in der Nähe blieb, die Hand auf meinem Rücken. Wie er mir auf die Picknickdecke half, und als er bemerkte, dass ich mich unbehaglich mit Georgies Fragen nach meinem Liebesleben fühlte, hatte er das Thema gewechselt.

»Es geht mir gut, Deaglan. Und ich muss jetzt wirklich wieder an die Arbeit.« Oder vielmehr zum Mittagessen, obwohl ich vermutlich keinen Bissen herunterbringen würde.

Er sog einen langen, rauen Atemzug ein, den Blick starr auf mein Handgelenk gerichtet, während er mit dem Daumen sachte über die Prellungen strich.

Er schaute auf. »Kane«, sagte er.

»Hm?«

»Mein Nachname. Ich heiße Kane.«

Oh. Ich zog die Hand aus seinem Griff und zog den Saum meines Ärmels herunter, um das Werk des Schlägers zu verdecken.

Ich sah Rachel, Greta, Tammy und dann Ally an, die das Gespräch alle verzückt verfolgten.