Crushed - Verborgene Berührung - Nashoda Rose - E-Book

Crushed - Verborgene Berührung E-Book

Nashoda Rose

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Beschreibung

Düster, berührend, überwältigend!

Elf Jahre ist es her, dass Savannah Grady Kite Kane das letzte Mal gesehen hatte. Damals in der High-School hielt man sich besser fern von Kite. Er war Furcht einflößend, aggressiv, ein Kämpfer. Und er tat alles, damit ihm niemand zu nahe kam. Savvy ging ihm aus dem Weg, mied seinen durchdringenden Blick. Bis auf einen einzigen Moment, einen einzigen Kuss, der ihr den Atem raubte und sie in die Hölle blicken ließ. Denn Kite schwor ihr, wenn sie ihn noch einmal berührte, würde er sie niemals wieder gehen lassen. Doch das ist lange her und auf der Suche nach einem Job ist Savvy sich sicher, dass Kite, der weltberühmte Rockstar, sie längst vergessen hat. Bis sie merkt, dass es zu spät ist und er sich an sie erinnert ...

"Ihr bisher bestes Buch!" JERI'S BOOK ATTIC

Band 4 der Crushed-Reihe von New-York-Times- und USA-Today-Bestseller-Autorin Nashoda Rose

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 483

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

TitelZu diesem BuchPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28EpilogDanksagungÜber die AutorinDie Romane von Nashoda Rose bei LYXImpressum

NASHODA ROSE

Crushed

Verborgene Berührung

Roman

Ins Deutsche übertragen von Michaela Link

Zu diesem Buch

Elf Jahre ist es her, dass Savannah Grady Kite Kane das letzte Mal sah. Damals, in der Highschool, hielt man sich von Kite fern. Er war Furcht einflößend, aggressiv, ein Kämpfer. Auch Savvy ging ihm aus dem Weg – bis auf dieses eine Mal. Noch heute denkt sie an den Kuss, der ihr den Atem raubte und ihr gleichzeitig Angst einjagte. Doch sie ist sich sicher, dass Kite sie längst vergessen hat. Inzwischen ist er ein weltberühmter Rockstar, während Savvy nicht einmal einen Job hat. Aber als die beiden sich plötzlich wieder gegenüberstehen, muss sie feststellen, dass sie unrecht hatte. Kite erinnert sich an sie. Und nicht nur das: Auch er konnte ihren Kuss nie vergessen …

Prolog

Toronto

Savvy

Eine Faust krachte neben meinem Kopf gegen die Metalltür des Schließfachs, und mein Mathebuch rutschte mir aus der Hand und fiel mit einem lauten Knall zu Boden.

Ich schnappte nach Luft und erstarrte.

Die Faust gehörte Killian Kane.

Dem Killian Kane.

Den Gerüchten nach war er schon etliche Male wegen seiner Raufereien vom Unterricht suspendiert worden, und man hatte ihn nur deshalb nicht rausgeschmissen, weil sein Vater der Schule eine Menge Geld spendete.

Und ja, ich hatte Angst vor ihm. Es wäre dumm gewesen, keine zu haben.

Zum Glück galt die Faust, die eine Delle in den Spind geschlagen hatte, nicht mir; sie galt Josh Clery – dem Jungen, der blöderweise das Schließfach neben meinem hatte.

»Ki… te«, stotterte Josh und drehte sich um, sein Gesicht bleich, die Hände halb erhoben.

Kite war Killians Spitzname. Und im ersten Moment dachte man dabei an einen wunderschönen Drachen, der auf einem sanften Wind durch die Luft flog.

Das war aber nicht der Ursprung seines Spitznamens. Weit gefehlt.

Denn das Wort »Kite« bedeutete in gewissen Kreisen so etwas wie »auf andere Jagd machen«. Und diesem Spitznamen wurde Killian gerecht. Obwohl man zu seiner Verteidigung sagen musste, dass er es irgendwie auf faire Art tat.

Er schlug sich mit den älteren Kids, die die jüngeren schikanierten. Er sorgte dafür, dass niemandem mehr die Unterhose brutal hochgerissen wurde, nachdem man einmal einen Jungen im Umkleideraum gefunden hatte, den jemand an seiner Unterhose an einen Wandhaken gehängt hatte.

Wenn Killian von solchem Mist hörte, kümmerte er sich darum.

Oft bedeutete das, sich mit Leuten anzulegen, die älter und größer waren als er.

Er hatte keine Angst, und irgendwie hatte ich Ehrfurcht vor ihm, weil nichts ihn von seinen Zielen abbrachte.

Unerschütterlich.

Unbeugsam.

Meine Vorstellung von einem griechischen Gott deckte sich so ziemlich mit meinem Bild von Killian. Einer der Götter, der leicht reizbar war, der wusste, wie viel Macht er besaß und der diese Macht auch einsetzte.

Er sah gut aus, aber das war es nicht, was ihn attraktiv machte. Es war die Art, wie er einen mit seinen ruhigen, grünen Augen zu sich hinzog, als wäre man eine Marionette an einer Schnur.

Ich hatte noch nie mit ihm gesprochen, und er hatte noch nie ein Wort zu mir gesagt, was gut war, denn niemand wollte, dass Killian Kane einen auf dem Radar hatte.

Obwohl ich bei einigen Gelegenheiten, wenn ich ihn in den Fluren gesehen hatte, hätte schwören können, dass er mich beobachtete. Wenn unsere Blicke sich kurz trafen, schaute er immer weg, während ich den Kopf senkte und so schnell davonging, wie ich nur konnte. Bei diesen Gelegenheiten raste mein Herz, und meine Beine zitterten.

Er machte das mit mir; er raubte mir den Atem, und das war nicht gut.

Killian war angeblich vor einigen Jahren aus Irland hierhergezogen, aber ich war auf eine andere Grundschule gegangen als er. Außerdem war er ein Jahr über mir, daher hatten wir, obwohl wir jetzt in die gleiche Highschool gingen, keine Kurse zusammen. Und ich war froh darüber, denn ich hätte mich in seiner Nähe niemals konzentrieren können.

Das erste Mal in Aktion hatte ich Killian in der Cafeteria erlebt.

Er war mit einigen Jungs aus der Schule in einer Rockband gewesen – bis zu »der Schlägerei«. Als Killian an dem Tag die Cafeteria betreten hatte, war die Luft dort sofort geladen gewesen. Ich hatte das leise Getuschel und das Gerücht gehört, dass Killian sich mit der Freundin des Leadsängers eingelassen habe. Ich hielt das für Blödsinn, weil man Killian nie mit irgendwelchen Mädchen sah.

Seine Bandkameraden standen auf, als er näher kam, und ich hatte Angst um ihn, weil sie zu dritt waren und er allein. Ich hoffte, dass er sich umdrehen und gehen würde. Aber das hätte Killian niemals getan, und er hat es tatsächlich nicht getan. Er ging einfach an ihnen vorbei und holte sich sein Essen.

Der Streit war ausgebrochen, als er sein Tablett mit dem Mittagessen in der Hand hielt.

Der Leadsänger stellte sich ihm in den Weg und kippte Killians Tablett auf den Boden.

Killian blieb vollkommen ruhig. Aber das war der Punkt, an dem er seinem Spitznamen gerecht wurde.

Denn er bückte sich, hob sein Tablett und sein jetzt ruiniertes Mittagessen auf und warf es in den Müll. Anschließend schritt er zu dem Sänger zurück.

Das Raubtier näherte sich seiner Beute. Und daran gab es keinen Zweifel. Für ihn waren sie Beute.

Ich hatte die Cafeteria noch nie so still erlebt. Die einzigen Geräusche waren Killians Schritte und das Gekicher seiner ehemaligen Bandkameraden. Sie waren entweder wirklich mutig oder total bescheuert, wenn man Killians Ruf bedachte. Vielleicht glaubten sie, dass er ihnen nichts tun würde, weil sie sich auf dem Schulgelände befanden.

Er tat etwas.

Ich habe keine Ahnung, wie Killian es angestellt hat, weil es so schnell ging, aber mit einer einzigen Bewegung hat er den Leadsänger auf den Boden geworfen. Binnen Sekunden hat der Junge um Gnade gefleht. Ich konnte nicht genau erkennen, was Killian mit ihm machte, aber er tat es ruhig und beherrscht und ohne jedes Aufflackern von Furcht.

Ein neuer Junge, Sculpt, den ich nur dem Namen nach kannte, war von seinem Tisch aufgestanden und zu Killian gegangen. Ich nahm an, um ihn zu unterstützen, falls die anderen Mitglieder der Band sich in den Kampf einmischten.

Sie taten es nicht, wahrscheinlich weil Sculpt noch Furcht einflößender war als Killian. Sculpts tätowierte, massigen Arme und seine dunklen, fast schwarzen, eindringlichen Augen waren ziemlich einschüchternd.

Seit diesem Kampf waren Killian und Sculpt so was wie Freunde, und ich hatte gehört, dass sie mit zwei Jungen aus einer anderen Schule ihre eigene Band gegründet hätten.

Und jetzt stand ich wie angewurzelt neben meinem Schließfach, eine Armeslänge von Killian Kane entfernt. Ich hatte Angst, mich zu bewegen, zu atmen oder sonst etwas zu tun, damit er ja nicht auf mich aufmerksam wurde.

Mein Mathebuch lag vor meinen Füßen, ich hatte meine Schultasche aus Segeltuch umhängen, und Killian war mir so nah, dass seine breite Schulter meine streifte, als er Josh am T-Shirt packte und ihn gegen den Spind krachen ließ.

Mein Herz tat einen Satz, als ich den lauten Knall hörte, mit dem Joshs Rückgrat gegen das Metall prallte.

»Ich hatte dich verdammt noch mal gewarnt«, knurrte Killian.

Und es war wirklich ein Knurren oder vielleicht ein Fauchen, denn er stieß es mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Er lehnte sich so dicht vor, dass Josh nirgendwohin konnte, gefangen zwischen einem zornigen Killian und seinem Schließfach.

»Ich hatte dich gewarnt, was passieren würde, wenn er an meine Schule kommt und diesen Shit vertickt.«

Diesen Shit vertickt bezog sich auf Drogen. Joshs älterer Bruder war ein umtriebiger Dealer, und jeder, der Drogen wollte, wandte sich an ihn.

Josh verkaufte sie ebenfalls, aber nicht die harten Sachen, und keiner der Brüder hatte an unserer Schule gedealt – bis vor Kurzem.

Killian hatte ein paar Typen ins Krankenhaus befördert, nachdem sie versucht hatten, auf dem Schulgelände Drogen zu verkaufen. Ein Junge hatte eine gebrochene Nase und einen gebrochenen Arm davongetragen. Der andere hatte angebrochene Rippen und drei Schneidezähne verloren.

Keiner der beiden hatte zugegeben, dass es Killian gewesen war, aber alle wussten es. Vor allem, da Killian am Tag nach dem Zwischenfall einen Verband über dem rechten Auge trug und seine Knöchel grün und blau und aufgeplatzt waren.

Als ein Lehrer ihn ins Krankenzimmer schicken wollte, hatte Killian ihm gesagt, er solle sich »um seine eigenen beschissenen Angelegenheiten kümmern«. Das wusste ich von Mars, meiner besten Freundin, deren Bruder Aiden in Killians Klasse war.

Diese Antwort hatte Killian natürlich einen Besuch im Büro des Direktors eingetragen. Niemand wusste, was dort geschehen war, aber seitdem musste er ständig nachsitzen.

»Ich … ich weiß. Ich hatte es ihm gesagt, aber« – Josh tat mir irgendwie leid, weil er aussah, als würde er sich gleich in die Hose machen – »… er meinte, es sei nicht deine Schule«, stammelte Josh. »Ich schwöre es. Ich habe ihm gesagt, er soll es lassen.«

Es war tatsächlich nicht Killians Schule, aber man befolgte trotzdem seine Regeln, und eine seiner Regeln lautete: keine Drogen.

Killian richtete sich auf, ließ aber Joshs Hemd nicht los.

»Wo ist er jetzt?«

»Er ist verschwunden, als er, ähm … gehört hat, dass du nach ihm suchst.«

Josh sah flüchtig in meine Richtung, und ich lächelte schwach. Es war mein kleiner Akt der Güte, denn obwohl ich kein Fan von Josh war, da er und sein Bruder Drogen dealten, tat er mir leid, weil Killian ihn auf dem Kieker hatte.

Man wollte nicht auf Killians Radar sein. Und das war genau der Grund, warum ich nicht weggelaufen war, sondern still und reglos dastand und kaum atmete. Das Kaninchen im Bau wartete, bis die Luft rein war und es schnell abhauen konnte.

Außerdem hatte ich am nächsten Tag einen Mathetest, für den ich lernen musste, daher würde ich nicht ohne meine Bücher weggehen.

»Sag ihm, er soll mich am Fluss treffen«, verlangte Killian. »Fünf Uhr. Wenn er nicht auftaucht, kriege ich ihn auf andere Art zu fassen, und die wird ihm nicht gefallen.«

Ich wusste genau, was am Fluss treffen bedeutete. Er würde sich mit Joshs älterem Bruder schlagen. Wobei älter bedeutete, dass er im vergangenen Jahr seinen Abschluss gemacht hatte.

»Ich schwöre, Kite, er wird es nicht wieder tun«, beteuerte Josh.

Killian senkte die Stimme. »Zu spät. Du hättest ihm die Regeln klarmachen sollen. Entweder hat er nicht auf dich gehört, oder du hast sie ihm nicht erklärt. So oder so muss ich deswegen jetzt was unternehmen.«

Vielleicht war es mein feurig rotes Haar, das ihm ins Auge stach, oder die Tatsache, dass mein Herz so laut hämmerte, dass er es hörte, aber was es auch war, Killian schaute jäh zu mir herüber.

Ich versteifte mich und hielt die Luft an. Mein Herz flatterte.

Wir starrten einander an.

Es war das erste Mal, dass ich ihm so nahe war, und es war beängstigend und gleichzeitig berauschend und intensiv.

Seine Augen erinnerten mich an das grüne Wassereis am Stiel, das mein Dad immer an heißen, schwülen Tagen auf dem Heimweg von der Arbeit gekauft und mitgebracht hatte. Wir hatten dann auf der Veranda vor dem Haus gesessen und es gegessen, bevor es schmolz. In der Hitze war das schwierig, sodass wir am Ende immer klebrige Hände hatten.

Killians Augen waren genauso. Grün und kalt mit Eissplittern darin, so klar, dass ich fast mein eigenes Spiegelbild darin erkennen konnte.

Und sie waren wunderschön.

Eiskalt, Savvy. Er ist kein netter Typ.

»Atme«, sagte Killian.

Ich taumelte, als meine Lungen nach Luft schrien. Ich hätte nicht wegschauen können, selbst wenn ich es gewollt hätte, verloren in den kühlen Tiefen seiner Augen.

»Himmel noch mal. Atme«, fuhr er mich an.

Das riss mich aus meiner Trance, und ich atmete aus.

Sein bohrender Blick ruhte noch eine Sekunde länger auf mir, und ich schwöre, dass er sanfter wurde und sogar kurz eine gewisse Wärme darin lag, ehe er sich wieder verhärtete.

Er konzentrierte sich wieder auf Josh, und im gleichen Moment ertönte eine Stimme: »Kite?«

Sculpt kam den Flur entlang auf uns zu und legte Killian eine Hand auf den Unterarm. »Nicht hier, verdammt.«

»Sein Bruder hat auf dem Schulgelände gedealt«, gab Killian zurück und funkelte seinen Freund an.

»Ich weiß, aber nicht hier. Die Schule wird dir keine weitere Chance geben, und dein Dad …«

»Scheiß auf ihn.«

Sculpt spannte die Muskeln an. »Ich kapiere es, Mann. Weißt du, ich kapiere es wirklich, aber das kannst du nicht riskieren.«

Killian fluchte leise, dann ließ er Joshs Hemd los und trat zurück. »Sag ihm, dass er mich treffen soll.«

»Ja. Okay. Natürlich, Kite.« Josh sammelte hektisch seine Bücher auf, schlug seinen Spind zu und machte sich aus dem Staub.

»Du wirst rausfliegen«, bemerkte Sculpt. »Der Direktor hat gesagt, weitere Chancen kriegst du nicht. Wenn er das gesehen hätte, wärst du Geschichte.«

»Josh und sein Bruder machen nur Ärger.« Killian lehnte sich gegen das Schließfach neben mir, aber es war, als existierte ich nicht länger, denn er ignorierte mich vollkommen.

Ich hielt es für einigermaßen ungefährlich, mich zu bewegen, mir meine Sachen zu schnappen und mich wegzuschleichen, also hockte ich mich hin, um mein Mathebuch aufzuheben.

»Du bist Savannah, stimmt’s?«

Ich schaute auf, die Hand auf meinem Buch, und Killian sah mich an, aber es war Sculpt, der gesprochen hatte.

Ähmmm, warum redete er mit mir?

Keiner der beiden hatte je mit mir gesprochen. Selbst als ich sie in einem Café in der Nähe mit zwei Jungs hatte abhängen sehen, die nicht von unserer Schule waren, hatten sie mich nicht zur Kenntnis genommen.

»Ich heiße Savvy«, korrigierte ich ihn.

»Ich bin Sculpt. Kennst du Kite?«

Eine Millisekunde lang überlegte ich, ob ich lachen sollte, weil es so lächerlich war, dass er sich selbst und Killian vorstellte.

Ernsthaft, wer wusste nicht, wer die beiden waren?

Am ersten Tag an der Highschool hatte ich binnen fünf Sekunden Kites Namen gekannt. Wochen später hatte ich herausgefunden, dass sein richtiger Name Killian war, und seither nannte ich ihn im Stillen nur so.

Ich liebte seinen Namen, und die Bedeutung seines Spitznamens gefiel mir nicht. Hinter seiner Rauflust steckte mehr, als sich nur immer wieder ein Opfer zu suchen. Es war, als ob … er war wegen etwas Bestimmtem so zornig und es quälte ihn so sehr, dass er sich schlagen musste, aber vielleicht wollte er das gar nicht. Also schlug er sich mit den Tyrannen und Arschlöchern.

Oder ich erfand bloß meine eigene Ausrede für ihn.

»Du hilfst manchmal der Schulkrankenschwester«, bemerkte Sculpt.

»Ja«, antwortete ich.

Ich gab Materialbestellungen auf, verband gelegentliche Kratzer und Wunden, nichts Großartiges, aber ich hatte meinen Erste-Hilfe-Schein. Killian oder Sculpt hatte ich noch nie wegen irgendetwas behandelt.

Ich hatte den Verdacht, dass Killian weder eine Krankenschwester noch sonst irgendjemanden an sich heranlassen würde, um ihn wegen kleinerer Platzwunden oder Verletzungen zu behandeln. Es würde etwas Ernstes sein müssen, bevor er zur Krankenschwester ging. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass er an Verletzungen gewöhnt war, und sich selbst verarztete.

»Kannst du gut den Mund halten?«, wollte Sculpt wissen.

Was für eine Frage war das denn? Ich war nicht gerade jemand, der eine große Klappe hatte oder der zu Schwatzhaftigkeit neigte. Tatsächlich hatte ich ohnehin nur wenige Freunde zum Tratschen. »Ich werde über das, was gerade passiert ist, nichts sagen, wenn du das meinst.«

»Nö. Deswegen habe ich nicht gefragt«, entgegnete er.

Killian kniff die Augen zusammen und versteifte den Rücken, aber er schwieg.

Obwohl ich Angst hatte und in Killians Nähe nervös war, fiel es mir schwer, ihn nicht zu bewundern, denn er war umwerfend. Und man ahnte, wenn er einen küsste, würde es absolut unglaublich sein.

Mars, meine beste Freundin, meinte, er sei süß.

Aber man bezeichnete einen Löwen nicht als süß. Majestätisch. Prachtvoll und vielleicht sogar schön. Aber definitiv nicht süß.

Sculpt beugte sich vor und legte mir die Finger um den Ellbogen, um mir aufzuhelfen.

Ich erhob mich, und mein Blick blieb an Killian hängen. Er beobachtete mich immer noch, seine Miene kalt und unergründlich.

Sculpt ließ meinen Ellbogen los.

Killian wandte sich als Erster ab, und ich dankte Gott, denn es war mir einfach nicht möglich, nicht in diese Augen zu schauen. Und mein Herz hörte nicht auf, kleine Sprünge zu machen.

Er ist kein Gott, Savvy.

Nur ein Junge mit schönen Augen, mit dem ich meinen ersten Kuss erleben wollte.

Ich räusperte mich und hob das Knie, um darauf meine Tasche zu balancieren, während ich den Reißverschluss aufzog und schnell mein Mathebuch hineinstopfte. Ich zog den Reißverschluss wieder zu, stellte den Fuß zurück auf die Erde und schloss meinen Spind.

Meine Hand zitterte, als ich an dem Vorhängeschloss herumfummelte, und ich schaffte es nicht, es einrasten zu lassen.

»Ich habe einen Job für dich«, bemerkte Sculpt.

Verdammt. Ich musste den Code noch einmal eingeben.

»Tut mir leid, wie bitte?«, fragte ich, dann ließ ich meine Tasche zwischen meine Füße fallen und drehte die Scheibe zuerst in die eine Richtung, dann in die andere, dann wieder zurück.

»Einen Job«, wiederholte Sculpt. »Es ist schnelles Geld, und meistens brauchst du nichts anderes zu tun, als einfach aufzutauchen.«

»Das hört sich nicht legal an.« Aber ganz gleich, worum es sich bei dem Job handelte, ich brauchte dringend Geld für Tanzunterricht, fand aber keinen Job. Die meisten Läden wollten mich nicht einstellen, da ich erst fünfzehn war.

Seit dem Tod meines Dads war Geld wirklich knapp, und es kam nicht infrage, dass meine Mom den Tanzunterricht bezahlte oder sich an den Kosten auch nur beteiligte.

Mein Schloss schnappte endlich zu, und ich drehte die Scheibe.

»Nicht sie«, widersprach Killian.

Ich sah ihm durch eine Strähne meiner wilden, roten Locken in die Augen, und plötzlich wünschte ich, ich hätte es nicht getan, denn er beobachtete mich wieder, und diesmal tat er es nicht emotionslos.

Er war verärgert.

Ich wusste nicht, warum. Es war nicht so, als hätte ich irgendetwas getan. Vielleicht war er sauer, dass Sculpt einen Job für mich hatte. Aber warum sollte ihn das kümmern?

Erneut in Killians eisgrünem Blick gefangen, fühlte ich mich, als säße mir ein Elefant auf der Brust.

Warum konnte ich nicht wegschauen?

Auf keinen Fall wollte ich, dass er mich auf seinem Radar hatte.

Aber ich hatte keine Wahl. Sein Blick hielt mich fest, und ich würde erst dann wegschauen können, wenn er es erlaubte.

Himmel.

»Warum nicht?«, fragte Sculpt ihn.

Killian biss die Zähne zusammen und riss den Blick von mir los, dann stieß er sich von dem Schließfach ab. »Sie ist eine verdammte Neuntklässlerin und fürchtet sich vor ihrem eigenen Schatten. Ich wette, sie würde weinend wegrennen, sobald sie sieht, was passiert. Scheiße, nicht sie!«, wiederholte Killian. Dann drehte er sich um und ging den Flur entlang.

»Mist«, murmelte Sculpt. »Nimm es nicht persönlich. Du bist eine der wenigen, die er tatsächlich mag«, fügte er hinzu, aber er sagte es nicht wie ein Kompliment, nur wie eine Tatsache.

Das ergab keinen Sinn. Er kannte mich nicht mal, und ich war mir auch nicht sicher, ob es mir gefiel, dass er mich mochte.

Sculpt unterzog mich mit seinen schwarzen Augen einer Musterung, und es war nervenaufreibend, denn es war so, als würde er mich überprüfen, um festzustellen, ob ich irgendetwas Bestimmtem gewachsen wäre. »Wenn du schnelles Geld verdienen willst, lass es mich wissen.«

Ich wollte Ja sagen, schon allein wegen der Tatsache, dass Killian gesagt hatte, ich würde mich vor meinem eigenen Schatten fürchten und heulend weglaufen von … worüber er auch immer geredet hatte.

Aber Sculpt drehte sich um und rannte den Flur entlang hinter Killian her, bevor ich die Gelegenheit bekam zu fragen, was das eigentlich für ein Job wäre.

Er rempelte Killian an, und Killian boxte ihn gegen die Brust.

Ich beobachtete sie, bis sie um die Ecke verschwanden, dann warf ich mir meine Tasche über die Schulter und lief nach draußen, um meine Mom zu treffen.

Eine Stunde später saß ich auf der Treppe der Schule und lernte Mathe, weil meine Mom nicht aufgetaucht war – wieder einmal. Es war das dritte Mal diese Woche. Es wurde immer schlimmer mit ihr.

»Machst du deine Hausaufgaben immer nach der Schule hier auf der Treppe?«

Ich keuchte auf und wirbelte im Sitzen herum. Killian stand auf der obersten Stufe und sah wieder aus wie einer dieser griechischen Götter. Ich war keine Expertin in Sachen Götter oder so was, aber ich hatte entschieden, dass er definitiv Zeus war. Mächtig und reizbar, und wenn man ihn ärgerte, war man total am Arsch.

Ich stopfte mein Mathebuch in meine Tasche. »Manchmal. Wenn meine Mom sich verspätet.«

»Und wie oft kommt das vor?«, erkundigte er sich.

Achselzuckend griff ich nach meiner Tasche, stand auf und antwortete. »Sie hat ziemlich viel um die Ohren.«

Er war fünf Stufen weiter heruntergekommen, sodass er nun direkt neben mir stand. Er roch frisch und sauber, und der Duft von Seife hing noch in der Luft, als hätte er in der letzten Stunde Sport gehabt und danach geduscht.

Ich atmete tief ein, dann hielt ich inne, als er die Brauen hochzog, als wüsste er, dass ich seinen Duft eingesogen hatte.

Mist.

Er sprach weiter: »Was macht sie denn so?«

Ich warf mir meine Tasche über die Schulter. »Keine Ahnung. Zeugs.«

Wahrscheinlich hatte sie wieder zu viele von diesen Tabletten genommen und war ohnmächtig geworden. Ich wusste nicht, was das für Tabletten waren, denn sie hatte das Etikett abgeknibbelt.

»Komm mit uns zum Fluss«, schlug Killian vor. »Nach dem Kampf fährt einer der Jungs dich nach Hause.«

Nie und nimmer würde ich das tun.

Erstens, ich bekam Bauchkrämpfe, wenn ich Kämpfe mitansah. Nicht wegen des Blutes, sondern weil ich die Vorstellung des Kämpfens hasste.

Der zweite Grund war der, dass ich keinen »der Jungs« kannte und nicht zu ihnen ins Auto steigen würde. Lieber würde ich die sechs Meilen nach Hause zu Fuß gehen.

»Ich komme schon klar. Es ist nicht weit.«

»Bullshit. Ich weiß, wo du wohnst«, gab er zurück.

Er wusste das? Es war seltsam, dass Killian das wusste. Woher?

»Nun, ich bin daran gewöhnt.« Und meiner Mutter zufolge brauchte ich die Bewegung. Das war ihre Ausrede, wenn sie vergaß, mich abzuholen. Dass ich zu Fuß nach Hause gehen sollte, damit ich ein paar Pfund abnahm. Ich war nicht direkt übergewichtig, aber klein und kräftig, und da ich tanzte, war ich auch gut in Form. Ich war eben kein so zierliches Porzellanpüppchen wie sie.

Ich ging die Treppe hinunter und betete, dass ich nicht stolperte und hinfiel, denn in meinen Beinen kribbelte es wie verrückt, weil ich so lange im Schneidersitz auf der Treppe gesessen hatte.

Außerdem war ich nervös, weil ich nicht dahinterkam, warum Killian schon wieder mit mir redete. Das war jetzt das zweite Mal an einem einzigen Tag.

Ich hatte nichts getan. Ich hatte nichts, das er wollte. Und ich stellte bestimmt keine Bedrohung für ihn dar und würde auch keine seiner Regeln brechen.

Alle tuschelten immer darüber, dass Killian Kane nur die Menschen wahrnahm, denen er Böses wollte.

Und jetzt hatte er mich wahrgenommen.

Aber dass Killian wahllos mit Mädchen redete, insbesondere mit Mädchen wie mir, kam überhaupt nicht vor, soweit ich es wusste. Ich hätte gewettet, dass sein Vater einen Anfall bekommen würde, wenn er wüsste, dass sein Sohn mit einem Mädchen in Second-Hand-Klamotten redete, das in einem Wohnwagen lebte.

Die Kanes waren wohlhabend, lebten in einem schönen Stadtteil und waren Mitglieder im exklusiven Country-Club; angeblich besaß sein Dad etliche Pferde und spielte Polo. Gerüchten zufolge war sein Dad Eigentümer mehrerer Nachtclubs in der Innenstadt und verdiente damit sein Geld.

Wenn ich nicht die Abkürzung nach Hause nahm, kam ich an ihrem Haus vorbei, und es war so atemberaubend wie etwas aus einem Märchenbuch. Gepflegter Rasen, eine Garage für fünf Autos und Gärten, die mein Dad geliebt hätte.

Aber ich glaubte nicht, dass sich in dem massiven Steinhaus ein Märchen abspielte, denn das eine Mal, als ich Mr Kane begegnet war, hatte er gemein ausgesehen. Ich hatte nie etwas über Killians Mom gehört oder ob seine Mom überhaupt da war.

Mr Kane war zu Beginn des Schuljahrs ins Schulbüro gekommen, als ich gerade Bestellungen für neues Material für das Krankenzimmer ausfüllte.

Er hatte weder gezögert noch an die Tür des Direktors geklopft. Er war einfach hineinmarschiert, und ich hatte einen Blick auf sein Gesicht erhascht, als er Killian vor Mr Mercks Schreibtisch entdeckte.

Hass. Er stand ihm ins Gesicht geschrieben – das Hohngrinsen, als er die Lippen verzog, die pochenden Schläfen und der Abscheu in seinen Augen, als er seinen Sohn anfunkelte.

Dann war die Tür zugeknallt.

Anschließend hallte sein Brüllen durchs ganze Büro, bevor die Tür wieder geöffnet wurde und Mr Kane herauskam.

Killian war hinter ihm gewesen, sein Gesicht ausdruckslos, ohne einen Hinweis auf die Schwierigkeiten, in denen er steckte.

Der Blick von Mr Kanes stechenden Augen war auf mir gelandet – wahrscheinlich, weil ich ihn mit offenem Mund angestarrt hatte.

Mein Magen hatte einen Purzelbaum geschlagen und war dann in einen matschigen Sumpf gestürzt. Die Härchen in meinem Nacken hatten sich aufgestellt, und meine Haut hatte warnend gekribbelt.

Er hatte mich an den Teufel erinnert, an das Monster im Kleiderschrank und den schwarzen Mann unterm Bett – alles in einem.

Er war der Stoff, aus dem Albträume gemacht waren, und ich wusste das, weil ich einige Nächte danach mit dem Bild dieser harten Augen im Kopf erwacht war, die Killian mit solchem Hass betrachtet hatten.

»Der Job ist nichts für dich«, sagte Killian. »Du würdest verletzt werden. Nimm ihn nicht an.«

Ich versteifte mich, schürzte die Lippen und reckte dann das Kinn vor, ehe ich herumwirbelte und antwortete: »Tja, ich mache es trotzdem.« Ich hatte mich davor noch nicht wirklich entschieden, aber jetzt war es ein definitives Ja. Er würde mir nicht vorschreiben, wovor ich Angst hatte. Er hatte keinen Schimmer, wer ich war. Vor dem heutigen Tag hatte er noch nie mit mir gesprochen.

Er zog die Brauen zu einem Ausdruck hoch, von dem ich vermutete, dass es Überraschung über meine entschiedene Antwort war, denn ich hätte wetten können, dass nicht viele Menschen so dumm waren, Killian anzuschnauzen.

Es folgte eine lange Pause, und gerade drehte ich mich um und ging weg, weil ich dachte, er würde nichts mehr sagen, als er bemerkte: »Es wird dir nicht gefallen.«

Ich würde den Job so was von annehmen, schon allein wegen der Tatsache, dass er das gesagt hatte. »Du hast keine Ahnung, was mir gefällt«, rief ich über meine Schulter.

»Und ob ich die habe. Du magst keine Schlägereien, und vertrau mir, dies wird dir auch nicht gefallen«, antwortete er.

Ich hielt inne. Ich war mir nicht sicher, woher er das wusste. Vielleicht weil ich nie bei einem seiner Kämpfe zugegen war, im Gegensatz zu den meisten anderen Schülern. Aber noch einmal, woher wusste er, ob ich Zeugin einer seiner Schlägereien gewesen war oder nicht?

Ich drehte mich zu ihm um. »Was kümmert dich das überhaupt?«

Er schnaubte. »Du täuschst dich. Du bist mir scheißegal. Aber es ist mir nicht scheißegal, wenn du den Rest von uns in Gefahr bringst.«

Mann, ich wusste, dass Killian sauer war, aber er war auch ein Arschloch. »Wow, du bist ein Mistkerl.« Ich wandte mich ab.

Er zuckte die Achseln. »Und das ist ein guter Grund für dich, dich fernzuhalten.«

Wieder drehte ich mich langsam zu ihm um. »Von dir oder von dem Job?«

»Von beidem.«

»Was wirst du tun? Mich zu einem Kampf am Fluss herausfordern, wenn ich nicht auf dich höre?«

»Mach dich nicht lächerlich«, blaffte er.

Ich war sauer, und ich wurde selten sauer, aber er brachte mich auf die Palme. »Weißt du was, kümmer dich doch lieber mal um deinen blöden Kampf statt darum, was ich tue oder nicht tue.«

Er kam näher.

Ich wich zurück, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Aber ich hob das Kinn und weigerte mich, vor ihm zurückzuweichen.

»Blöder Kampf? Findest du, es ist so ein blöder Kampf, auch wenn es deine Mutter ist, die Drogen bei ihm kauft?«

Ich keuchte auf.

Ich war mir darüber im Klaren, dass meine Mom irgendetwas nahm, aber es waren rezeptpflichtige Tabletten, und ich dachte, sie bekäme sie von einem Arzt. Trotzdem, Kämpfe lösten keine Probleme, und Killian war nicht dafür zuständig, sondern die Polizei.

»Schlägereien bringen nichts.«

»Und ob sie das tun. Hinterher fühle ich mich besser«, erwiderte er.

»Wenn ich mich ärgere oder mich schlecht fühle, tanze ich.« Ich tanzte vor dem Unterricht in der Turnhalle mit dröhnendem iPod. Es war die schönste Zeit des Tages für mich.

»Du tanzt, wenn du wütend bist?«

»Ja.« Tanzen war meine Leidenschaft und die Bewegungen flossen durch mich hindurch wie unverarbeitete Gefühle. Manchmal, wenn die Musik spielte und ich mich beim Tanzen in den Klängen verlor, rannen mir Tränen über die Wangen.

»Wie lange tanzt du schon, Savvy?«

Mein Herz stotterte, als er meinen Namen sagte. Sein irischer Akzent verlängerte das kurze »a«, sodass es wie ein »ah« klang.

»Mein Dad hat mich zum Jazztanz angemeldet, als ich fünf war, und seitdem tanze ich.« Ich liebte das Tanzen, und das lag bestimmt zum Teil daran, dass es alles war, was mir von ihm geblieben war. Er war zu all meinen Aufführungen gekommen. Ich hatte ihn und meine Mom darüber streiten hören, dass er Geld für meine Kurse ausgab, aber was auch geschah, er hatte dafür gesorgt, dass ich meinen Tanzunterricht bekam. Als ich zehn war, wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, und nach wenigen Monaten war er tot.

Killian hielt kurz inne, als würde er über seine Worte nachdenken, bevor er sagte: »Bist du gut?«

Ich lachte. »Nicht wirklich.« Zumindest sagte meine Mom das. Sie hasste es, dass ich tanzte, und ich verstand nicht, warum. Aber ich würde es niemals aufgeben, weil das Tanzen in mir lebte. Ich war gegenwärtig nicht in der Lage, irgendwelche Kurse zu bezahlen, aber ich übte trotzdem bei jeder Gelegenheit, die sich mir bot.

Mein Dad hat immer gesagt, ich sei sein kleiner Feuergeist. Ich war nicht sehr feurig, aber ich hatte rotes Haar. Ich vermisste meinen Dad an jedem einzelnen Tag. Ich glaube, meine Mom vermisste ihn auf ihre eigene Weise ebenfalls, und darum hat sie mit diesen Tabletten angefangen, die der Arzt ihr nach Dads Tod verschrieben hat. Sie war so verändert, ständig traurig und, nun ja, nicht sehr nett.

»Warum machst du dir dann die Mühe?«

Ich schnaubte. »Wow, du schlägst auf der Blödmann-Skala jedes Mal etwas höher aus, wenn du den Mund aufmachst.«

Ich bemerkte ein winziges Zucken seines Mundwinkels. Oder vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, denn ich wünschte mir, dass er zumindest leicht amüsiert wäre.

Ich fuhr fort: »Du hast die Kunst, ein Arsch zu sein, offensichtlich perfektioniert. Vielleicht solltest du mal was Neues lernen, wie zum Beispiel nett zu sein.«

»Nein, darin wäre ich total mies.«

Ich versuchte, ein Lächeln zu verhindern, scheiterte aber und ertappte mich dabei, dass ich lachte.

»Es ist leichter, mit etwas weiterzumachen, das man gut kann.«

»Wie sich schlagen?«

Er zuckte die Achseln.

»Vielleicht wärst du gut darin, etwas anderes mit deinen Händen anzufangen, als Boxhiebe auszuteilen.«

»Hmmm«, meinte er gedehnt, und diesmal war ich mir sicher, dass ich seine Mundwinkel zucken sah. »Bitte, klär mich auf, Savvy. Was rätst du mir, das ich mit diesen Händen tun sollte?«

Ich versteifte mich, und gleichzeitig schlug mein Magen einen Purzelbaum. Es war, als würden all dieser Zorn und der Schrecken, den er verbreitete, mit dem einfachen Verziehen seiner Mundwinkel und dem leuchtenden Funken in den Tiefen seiner grünen Augen dahinschmelzen.

Ich leckte mir die Lippen, dann schluckte ich. »Das habe ich nicht gemeint.« Ich mochte jung sein und eine Jungfrau, aber sein Ton machte recht deutlich, wovon er sprach.

Ich hätte den Mund halten und weitergehen sollen.

»Ich weiß. Ich versuche, deiner schlechten Meinung von mir gerecht zu werden. Sag mir, was schwebt dir für meine Hände vor?«, fragte er.

Ich versuchte, den sexy Unterton zu ignorieren, aber bei diesem irischen Akzent war das ziemlich schwer. »Na ja, du spielst Schlagzeug, richtig?« Er nickte. »Wenn du zornig bist, könntest du auf dein Schlagzeug einhämmern, statt auf Menschen. Oder fang vielleicht mit Boxen als Sport an oder so was.« Oder such dir Hilfe. Hilfe, wie meine Mom sie bräuchte, aber ablehnte.

Er blieb still. Seine Miene ausdruckslos. Ja, ausdruckslos. Er war nicht sauer, nicht erheitert, einfach … gar nichts.

»Vergiss es«, murmelte ich leise und machte Anstalten zu gehen, als er meinen Arm packte und mich daran hinderte. Mir stockte der Atem, und alles in meinem Körper lief plötzlich auf Hochtouren.

Mein Herz hämmerte so heftig, dass das Geräusch in meinem Kopf widerhallte.

»Keinen verdammten Schimmer, Orchidee«, sagte er.

Donnerwetter. Was? Es war mir egal, was er gesagt hatte. Es war der Spitzname, den er mir gegeben hatte. Ich starrte ihn an, als wären ihm Flügel, Hörner und ein Drachenschwanz gewachsen. Orchidee? Warum nannte er mich Orchidee?

Killian Kane hatte einen Spitznamen für mich?

Und es war ein hübscher Spitzname. Nicht wie der von Ryan aus dem Englischkurs, der mich »Traumziel für Heckenschützen« nannte. Ich war mir nicht sicher, ob das daran lag, dass ich leicht übergewichtig war, oder dass ich rotes Haar hatte.

Er ließ meinen Arm los. »Wenn du jemanden brauchst, der dich fährt. Wir sind am Fluss.« Dann fügte er mit festem Ton hinzu: »Es gibt keinen Job für dich, Savvy. Sculpt habe ich das Gleiche gesagt.«

Die Schultüren wurden aufgerissen, und ein Haufen Jungs stürmte heraus und redete aufgeregt über den bevorstehenden Kampf.

Craig, ein massiger Kerl, sprang einem anderen auf den Rücken, und sie purzelten beinahe die Treppe hinunter. Ich hörte ihn zu Killian bemerken: »Wie bist du so schnell aus dem Nachsitzen rausgekommen?«

Ich hörte die Antwort nicht mehr, denn ich drehte mich sofort um und ging, so schnell meine zitternden Beine mich tragen konnten, während ich mir alle Mühe gab, so auszusehen, als würde ich nicht davonlaufen.

»Scheiße, was tut sie hier? Ich hatte dir gesagt, dass ich sie hier nicht haben will.«

Das war Killian, und er fand es nicht in Ordnung, dass ich den Job übernahm, den Sculpt mir angeboten hatte. Ich fand es auch nicht direkt in Ordnung, dass ich den Job von Sculpt angenommen hatte, wegen des Ortes, an dem ich ihn erledigen musste, aber die Bezahlung war zu gut, um ihn mir entgehen zu lassen. Und tatsächlich wollte ich Killian und mir selbst beweisen, dass ich nicht weinend wegrennen würde.

»Sie wollte den Job, und wir brauchten jemanden«, erklärte Sculpt. »Ich habe ihr gesagt, dass es nur dieses eine Mal ist.«

Das hatte er. Tatsächlich hatte er zuerst Nein gesagt, aber dann hatte ich gebettelt, weil es um hundert Dollar die Stunde ging und ich das Geld für den Tanzunterricht gebrauchen konnte.

Außerdem hätte niemand in meinem Alter dieses Angebot abgelehnt.

Der Haken an der Sache war nur, dass es sich um einen Job bei einem Kampf handelte. Einem illegalen Untergrundkampf, der jede Woche woanders stattfand, damit die Polizei nicht einschreiten konnte.

Ich hatte noch nie etwas Illegales getan, und meine Überlegung ging dahin, dass ich nichts Illegales tat, wenn ich nur dort hinging. Es war nicht so, als würde ich selbst kämpfen oder so.

Sculpt zufolge brauchte ich mich nach dem Kampf nur um ein paar geringfügige Verletzungen zu kümmern, und da ich eine Erste-Hilfe-Ausbildung hatte und freiwillig im Krankenhaus half, ebenso wie ich in der Schule der Krankenschwester zur Hand ging, war ich dazu mehr als fähig.

Ich hatte ihn gefragt, ob ich mir den Kampf wirklich ansehen müsste, und er hatte die Achseln gezuckt und gesagt, es sei ihm scheißegal, was ich täte, solange ich da sei und den Job erledigen könne.

Bei dem Gedanken, mir den Kampf anzusehen, hatte sich mir der Magen umgedreht. Als ich Mars von dem Job erzählt hatte, war sie zum Glück total ausgetickt und bestand darauf, mich zu begleiten.

Sculpt hatte mir den Ort und die Zeit genannt und mich dann gewarnt, dass er sich, wenn ich der Polizei irgendetwas von alledem erzählte, um mich kümmern werde.

Ich ahnte, welche Art von kümmern er meinte.

Mit Killian wollte ich mich nicht anlegen, aber noch weniger mit Sculpt, weil bei ihm noch der Faktor seiner geheimnisvollen Aura dazukam. Er war eines Tages auf seinem Motorrad in der Schule aufgetaucht und hatte ausgesehen wie der Inbegriff eines Bad Boy. Er war immer für sich geblieben – bis zu dem Tag von Killians Schlägerei in der Cafeteria, und seitdem war er mit dem gefürchtetsten Jungen der Schule befreundet.

Aber trotz Sculpts stiller Art brauchten die Mädchen nicht lange, bis sie ihn umschwärmten wie Bienen den Honig, denn er sah wirklich gut aus und hatte so etwas Gefährliches an sich. Der Unterschied zwischen ihm und Killian war, dass Killian die Mädchen um sich herum nicht mochte.

Und selbst heute Abend wurde Sculpt umschwärmt und Killian nicht, obwohl die Mädels ihn auf jeden Fall abcheckten.

Der illegale Kampf fand im Keller eines Bürogebäudes statt, und Killian beachtete die Mädchen nicht, die ihn anstarrten. Nein, er funkelte nur mich finster an.

Sculpt hatte eine hübsche Blondine am Arm, die ich aus der Schule kannte, aber ich wusste ihren Namen nicht. Sie funkelte mich ebenfalls finster an.

Ich fühlte mich jedenfalls nicht willkommen, aber nie und nimmer würde ich weglaufen, obwohl meine Beine am liebsten bereits zur Tür gerannt wären.

Hundert Dollar, Savvy. Tanzstunden.

Sculpt stupste Killian an, und beide Jungen schauten nach rechts, wo einige Schritte entfernt jemand aus der Herrentoilette kam und auf den Zehen wippte, als er sich auf den Weg zum Ring machte.

Er war riesig und schon älter. Viel älter. Vielleicht fünfundzwanzig und voller Tattoos. Er hatte auch einen Waschbrettbauch. Pralle Armmuskeln. Beine wie Baumstämme. Und er runzelte ernsthaft angepisst die Stirn. Ich bemerkte auch, dass er keine Boxhandschuhe trug, sondern sich nur die Hände bandagiert hatte.

Heilige Scheiße, würde Sculpt gegen diesen Typen kämpfen? »Ähm, tragt ihr keine Boxhandschuhe oder einen Helm oder so was?«

Sculpt schnaubte grinsend und schüttelte den Kopf. Er beäugte Killian. »Du könntest recht haben.«

Killian brummte etwas Unverständliches.

Gott, was war, wenn er richtig verletzt wurde und einen Arzt brauchte? Ich kannte mich mit Erster Hilfe aus, aber auf schwere Verletzungen war ich nicht vorbereitet, und dieser Typ sah aus, als könnte er jemandem ernsthaften Schaden zufügen.

Worauf hatte ich mich da eingelassen? Was, wenn jemand starb? Was, wenn er k. o. geschlagen wurde? Oder sich Knochen brach?

»Scheiße«, murmelte Killian, dann packte er mein Kinn, so fest, dass es wehtat, und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. »Atme.«

Ich sog einen rauen Atemzug in die Lungen.

»Ich hatte dich gewarnt, dass du den Scheißjob nicht annehmen sollst«, stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Er ließ mein Kinn los, blieb aber dicht vor mir stehen, sodass sein heißer Atem über mein Gesicht strich. Er roch nach Minze und Kiefer.

Er hatte mich gewarnt. Und er hatte recht gehabt. Diese Sache hier gefiel mir nicht. Überhaupt nicht. Aber man zahlte mir hundert Mäuse für eine Stunde meines Lebens. Hundert Mäuse für die Tanzschule.

»Es geht mir gut«, erwiderte ich und drückte den Rücken durch.

»Tut es nicht«, knurrte er.

»Doch«, widersprach ich.

»Du hältst die Luft an, wenn du Angst hast, und du wirst höllisch blass. Es geht dir verdammt noch mal nicht gut.« Killian sah Mars an. »Sorg dafür, dass sie nicht ohnmächtig wird.«

Die Lippen fest zusammengepresst funkelte ich ihn an. »Ich werde nicht …« Ich brach ab, weil er bereits wegging, um mit Sculpt zu reden.

»Er sieht gut aus«, bemerkte Killian, der sich inzwischen auf das tätowierte Monster konzentrierte. »Massig.«

Sculpt nickte. »Ja. Ich werde die Sache in die Länge ziehen. Ihn zuerst auf Trab halten und ermüden.«

Sie redeten weiter über Sculpts Gegner, während ich mich umschaute. Der Raum war gerammelt voll, und es waren größtenteils Jungen da, aber auch einige Mädchen, und alle schienen älter zu sein als wir. Ich vermutete, dass wir die Jüngsten hier waren.

Eine Menge Geld wechselte den Besitzer, und es herrschte Lärm und ein ständiges erregtes Summen. Es war ansteckend, und obwohl ich mich nicht darauf freute, meinen ersten Kampf zu erleben, konnte ich nicht umhin, die Stimmung ebenfalls zu spüren.

»Du solltest aufpassen, dass du nicht umgebracht wirst«, blaffte Killian.

Mars zupfte an meinem Ärmel.

Killian stand wieder vor mir. Sculpt war verschwunden.

»Tut mir leid«, erwiderte ich.

»Bleibt genau hier stehen. Spaziert nicht herum und redet mit niemandem«, befahl er.

»Dürfen wir wetten?«, platzte Mars heraus.

»Nein!«, antwortete er, aber sein Blick ruhte immer noch auf mir. »Verstehst du, Savvy?«

Ich nickte. »Ja.«

»Wenn ihr Sirenen hört, rennt nicht mit der Menge los. Ihr werdet sonst niedergetrampelt.« Sirenen? Er musste meine schockierte Miene bemerkt haben, denn er sagte: »Bei solchen Kämpfen gibt es immer mal Razzien. Keine große Sache, wenn du weißt, was du tun musst, und nicht in Panik gerätst.«

Polizeirazzien schienen mir durchaus eine große Sache zu sein, aber das würde ich ihm nicht sagen. »Und wohin gehen wir dann?«

»Ihr wartet auf Sculpt und mich. Wir bringen euch raus.«

»Was ist, wenn ihr uns nicht erreichen könnt?«

»Einer von uns wird euch erreichen«, entgegnete Killian.

»Aber vielleicht schafft ihr es nicht.«

Er stöhnte. »Ja, wenn du dich von dieser verdammten Stelle rührst, schaffen wir es nicht. Also, bleibt hier und geratet nicht in Panik, falls irgendetwas passiert.«

Ich faselte, wenn ich nervös war, und öffnete gerade den Mund, um genau das zu tun und über die Möglichkeit zu reden, dass er nicht in der Lage sein würde, zu uns zu kommen, wenn die Menge ihm den Weg versperrte. Ich wollte außerdem darauf hinweisen, dass er nicht Superman und in der Lage war, über andere hinwegzufliegen, um zu uns zu kommen.

Aber ich sagte nichts, denn Mars wusste genau, was ich vorhatte, klammerte sich an meinen Arm und schüttelte den Kopf.

»Wir haben es verstanden«, stellte sie fest.

Killian musterte sie kurz, dann schaute er wieder mich an und nickte, gerade als ein Mann die Kämpfer ankündigte.

Bevor Killian davonging, krallte ich ihm die Finger in die Rückseite seines T-Shirts und zog daran. Er blickte kurz über die Schulter. »Kämpfst du heute Abend auch?«

»Nein.« Er schaute mich eine Sekunde lang an, dann fügte er hinzu: »Ich kämpfe nicht für Geld.« Sein Shirt spannte sich, und meine Finger reagierten nur langsam, als er auf den Ring zuschritt.

Wir standen an der hinteren Wand, in der Nähe eines Lagerraums, und um uns herum waren nur wenige Menschen. Die meisten drängelten und rempelten einander an, um näher zum Ring zu kommen.

»Kite mag dich.« Mars stieß mich mit der Schulter an und grinste.

»Was? Bist du irre?«, platzte ich laut heraus, denn Sculpt und der Mann, der den passenden Namen Hannibal trug, betraten nun den Ring, und alle johlten.

Sie zuckte die Achseln. »Ich mein ja bloß. Sculpt sieht dich nicht so an wie Kite mit diesen unglaublichen grünen Augen.«

»Er sieht mich so an, weil er sauer ist, dass ich den Job angenommen habe.«

»Genau. Er sorgt sich um dich.«

Ich hatte keine Zeit, das zu verdauen, als ich den ersten Boxhieb hörte. Es klang, als würde man mit einem Paddel auf eine Wasseroberfläche schlagen.

Mein Blick schoss zum Ring, genau wie der von Mars, und das Gespräch darüber, dass Killian mich mochte, fiel unter den Tisch, da wir wie gebannt Sculpt und Hannibal beobachteten.

Ich wusste nicht, ob ich in Schreckstarre verfallen oder von dem Kampf fasziniert sein sollte. Mein Herz hämmerte, und meine Knie zitterten, als ich mich Halt suchend an die Wand lehnte.

Die Atmosphäre war elektrisiert und der Lärm ohrenbetäubend, während sie aufeinander losgingen. Ich wusste nichts über das Kämpfen, aber es war offensichtlich, dass Hannibal müde wurde, während er ein ums andere Mal auf Sculpt einschlug, der den Hieben mühelos auswich und gelegentlich Hannibals Kopf seitlich mit der Faust traf, oder seinen Bauch.

Ich zuckte zusammen, und die Menge zischte, als Hannibal einen ordentlichen Schlag auf Sculpts Wange landete und ihn einige Schritte zurücktrieb. Sculpt hob den Kopf, und Blut tropfte aus der Platzwunde, die Hannibal ihm gerade zugefügt hatte.

Aber es war nicht das Blut, das mir Sorgen machte; es war die Tatsache, dass Sculpt blinzelte und wankte. Der nächste Schlag, den Hannibal ihm seitlich gegen den Kopf verpasste, warf Sculpt zur Seite und ließ ihn dann in die Knie gehen.

»Oh neiiiin«, rief ich.

Mir drehte sich der Magen um, und ich biss mir so heftig auf die Lippe, dass ich Blut schmeckte.

»Sieh mal«, sagte Mars, »er steht auf.«

Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie, und ich hielt die Luft an, als Hannibal sich dem am Boden knienden Sculpt näherte.

Aber er bekam ihn nicht zu fassen, weil Sculpt hart und schnell zuschlug, als er auf die Füße sprang, und nicht mehr aufhörte.

Schlag um Schlag.

Ich schaute weg, und mein Blick flog zu Killian, der neben dem Ring stand, sein Gesichtsausdruck gelassen und auf Sculpt konzentriert.

Ich hatte nicht erwartet, ihn so gelassen zu sehen, erst recht nicht während eines Kampfes. Aber es war, als würden die Menschenmenge, das Blut, die Aufregung und alles andere verschwinden, und er strahlte eine Aura der Ruhe aus.

Und es war wunderschön. Er war wunderschön.

Mir wurde klar, dass der Zorn, den er mit sich herumtrug, all diese Schönheit auffraß. Körperlich hatte er sie, aber das hier war etwas anderes. Dies war die Schönheit in ihm.

Ich stieß den Atem aus, während ich ihn beobachtete, und dann drehte er sich um, als hätte er meinen Blick gespürt.

Wir schauten einander in die Augen, und ich empfand plötzlich eine intensive Sehnsucht, ihn neben mir zu haben. Ich hatte das noch nie erlebt, aber ich wusste, was es war.

Ich mochte ihn. Scheiße, ich mochte Killian Kane.

»Polizei!« Mit einem schrecklichen Knall wurden die Türen des Kellers aufgerissen.

Ich keuchte und riss die Augen auf.

Schreie zerrissen die Luft.

Mein Blick flog zu Killian, und er formte mit den Lippen das Wort: »Bleib.« Dann kam er auf uns zu. Aber binnen Sekunden drängte die Menge sich um ihn, als die Leute Hals über Kopf aus dem Keller rannten.

»Oh mein Gott, Sav. Scheiße. Meine Eltern bringen mich um, wenn ich verhaftet werde«, brüllte Mars. »Wir müssen los.« Sie zerrte an meiner Hand.

»Killian. Er hat gesagt, dass wir hierbleiben sollen«, wandte ich ein, aber sie zog mich bereits in die Herde aufgeschreckter Menschen hinein.

»Tja, aber er kennt meine Eltern nicht.«

Sie kannte seine nicht. Ich konnte nur spekulieren, was Mr Kane mit seinem Sohn machen würde, wenn er bei einem illegalen Kampf verhaftet würde. Es wäre Thema Nummer eins im Country-Club.

Wir waren in der Herde gefangen und wurden durch die Tür des Treppenhauses geschoben. Ich schaute mich um und suchte nach Killian.

Ich sah ihn nicht. Alles, was ich sah, waren blaue Uniformen, die überall herumschwärmten.

Wir rannten die Treppe hinauf, um aus dem Gebäude zu flüchten, aber plötzlich rannten alle in die entgegengesetzte Richtung. Die Polizei kam auch durch die Türen oben an der Treppe herein.

»Scheiße«, schrie Mars.

Jemand rempelte mich von hinten an. Meine Knie schlugen gegen den Rand der Treppe, und ich schrie vor Schmerz auf. Menschen sprangen über mich hinweg, und Mars verhinderte, dass sie auf mich traten, während ich versuchte aufzustehen, aber ich wurde immer wieder umgestoßen.

Eine Hand packte mich am Ellbogen, und mit einem einzigen Ruck wurde ich auf die Füße gezogen.

Killian.

»Verdammt, ich hatte dir gesagt, du sollst warten«, knurrte er. Sein Blick schoss zu meinen Knien, und für einen Moment flackerte etwas anderes als Zorn in seinen Augen auf. »Es gibt einen anderen Weg hinaus.«

Er legte mir einen Arm um die Taille, und ich umklammerte Mars’ Hand, als wir in den Keller zurückkehrten. Jetzt war es einfacher, sich durch die Menge zu drängen, weil Killian wie ein Bulldozer war.

Wir schwenkten nach rechts ab, sobald wir in dem Raum waren, aus dem wir geflohen waren, und Menschen lagen auf dem Boden, die Hände auf dem Kopf, während Cops ihnen Handschellen anlegten.

Oh mein Gott, man würde uns alle ins Gefängnis werfen. Ich hatte bisher noch nicht einmal nachsitzen müssen.

Panik stieg in mir auf.

Killian schlug die Handfläche gegen eine Tür, auf der »Lager« stand, und zerrte mich in die Dunkelheit.

»Da ist ein Luftschacht«, erklärte er, als er uns in den hinteren Teil eines großen Raums mit zahlreichen Metallregalen führte, die vom Boden bis zur Decke reichten.

Die Luftschachtabdeckung lag bereits auf dem Boden. »Die anderen sind schon durchgegangen. Wir überprüfen immer die Fluchtrouten.«

»Sculpt?«, fragte ich.

»Keine Ahnung«, erwiderte er. »Er hat nach dir und Mars gesucht.«

Gott, wir hätten bleiben sollen, wo wir waren.

Licht fiel in den Lagerraum, als die Tür geöffnet wurde. Wir waren außer Sicht, aber die Schritte kamen in unsere Richtung.

»Los!«, zischte Killian.

Mars sprang in den Luftschacht, und ich kletterte hinter ihr her, aber Killian folgte uns nicht.

Ich spähte über meine Schulter, als er die Abdeckung wieder vor den Schacht schob. »Killian!«

»Verdammt, lauft«, wiederholte er.

»Polizei. Bleiben Sie, wo Sie sind!«

Ich hielt den Atem an und beobachtete, wie Killian die Hände hob und von dem Luftschacht wegging.

Nein.

»Auf die Knie. Hände hinter den Kopf«, befahl der Beamte.

Killian.

Ich hatte das ganze Wochenende nicht geschlafen, weil ich mir Sorgen um Killian machte. Am Montag sah ich ihn nicht, und Mars’ Bruder sagte, er sei nicht im Unterricht gewesen.

Am Dienstag nach dem Englischkurs entdeckte ich endlich Sculpt. Ich lief den Flur entlang hinter ihm her, grapschte mir seinen Arm und dachte nicht einmal darüber nach, dass es vielleicht nicht klug war, Sculpt »anzugrapschen«.

»Killian? Wo ist er? Ist er okay?«, fragte ich.

Er griff in seine Tasche, zog einen Hundert-Dollar-Schein heraus und drückte ihn mir in die Hand. »Hier.«

»Ich will das Geld nicht.« Ich versuchte, es ihm zurückzugeben, weil ich nichts getan hatte, aber er weigerte sich, es zurückzunehmen.

»Nimm das Geld«, befahl er.

»Wo ist Killian? Geht es ihm gut?«

»Keine Ahnung.« Dann ging er weiter.

Ich starrte ihn an, während Schüler um mich herumliefen und mich die Angst packte. Er wusste es nicht? Oh Gott, wo war er? Er war minderjährig, also konnte er nicht im Gefängnis sein, oder? Es war nicht so, als hätte er jemanden umgebracht.

Am Freitag war Killian immer noch nicht in der Schule aufgetaucht. Ich saß auf der Treppe und wartete darauf, dass meine Mom mich abholte, und wann immer die Schultüren sich öffneten, wirbelte ich in der Hoffnung herum, dass er es war.

Er war es nie.

Ich wartete zehn Minuten auf meine Mom, bevor ich mich auf den langen Marsch nach Hause machte.

Ich überlegte kurz, die Route zu nehmen, die an Killians Haus vorbeiführte. Aber ich würde sicher nicht an die Tür gehen und fragen, ob mit ihm alles in Ordnung war.

Doch selbst wenn ich es täte, wir waren nicht befreundet. Ganz im Gegenteil. Er war sauer auf mich gewesen, als ich bei dem Kampf aufgetaucht war, und es war meine Schuld, dass er in Schwierigkeiten steckte. Ich hatte genau das getan, was ich nach seinen Anweisungen nicht hätte tun sollen. War losgerannt, als die Polizei aufgetaucht war.

Ich war der Grund, warum er nicht in der Schule war. Ich musste bei ihm zu Hause vorbeigehen. Ich musste wissen, ob es ihm gut ging.

Als ich mich umdrehte, um die andere Strecke zu laufen, hörte ich Reifen quietschen und sah den Wagen meiner Mom. Sie wendete und fuhr hinter mir schräg an den Straßenrand.

Sie hupte, als hätte ich sie nicht gesehen.

Ich würde morgen zu Killian gehen müssen.

Ich lief zum Wagen und öffnete die verrostete Tür. Sie quietschte so laut, dass ein Vogelschwarm aus den nahen Bäumen aufflog.

Ich kletterte hinein, schloss die Tür und schnallte mich an. »Danke, dass du mich abholst, Mom.«

Mom schnaubte, schüttelte den Kopf und sah mich höhnisch an.

Wenn sie diesen Blick hatte, liebte ich sie nicht besonders. Sie war schön mit ihrem schick frisierten, walnussbraunen Haar und den scharfen, klaren Gesichtszügen. Aber nicht, wenn sie höhnisch grinste.

Gleich geht es los.

»Du nun wieder. Was zum Teufel hast du da angezogen? Du kannst so enge Sachen nicht tragen.«

Ich knirschte mit den Zähnen. Ich trug enge Jeans und ein weißes Shirt mit V-Ausschnitt. Ich war an ihre Kommentare gewöhnt, und es tat nicht mehr so weh wie früher, aber ich war nicht dick. Ich hatte nur ein paar Pfund zugelegt. Aber ich schätze, verglichen mit ihr war ich fett.

»Und diese grässliche Frisur … es ist ein Vogelnest, Savannah. Du könntest zumindest eine Mütze tragen und es verstecken, wenn du dich schon weigerst, es abschneiden zu lassen.«

Ihre neue Beschäftigung bestand darin, meine leuchtend roten Locken zu hassen, und das war der eine Teil an mir, den ich wirklich mochte. Aber ich war alt genug, dass sie kein Mitspracherecht mehr dabei hatte, ob ich mir die Haare schneiden ließ oder nicht.

Das rote Haar und die blasse Haut hatte ich von meinem Dad, aber sein Haar war bräunlicher gewesen, mit einem roten Schimmer, während meines leuchtend rot war.

Der Wagen fuhr in Schlangenlinien vom Straßenrand weg, als sie aufs Gaspedal trat.

Ich verspannte mich und hielt mich am Türgriff fest.

Gott, hatte sie irgendwas genommen?

Ich beugte mich vor, um einen Blick auf ihre Augen zu werfen, während sie durch die Windschutzscheibe starrte.

Ihre Augen waren glasig. So wie immer, wenn sie zu viele von diesen Tabletten nahm.

Ich hätte nicht in den Wagen steigen sollen.

Mir schwirrte der Kopf, als meine Mom zu schnell fuhr und immer wieder von der Straße abkam, sodass mehrere Autos hupten, als sie sie knapp verfehlte.

Sie redete über irgendetwas, aber ihre Worte waren vernuschelt und unverständlich.

»Mom?«, fragte ich.

Sie sprach über ihren Job im Diner und dass sie diesen Monat Überstunden machen müsse, weil sie wieder mit unserer Miete im Verzug sei. Sie arbeitete nachts dort, sodass ich meistens die ganze Nacht allein zu Hause war.

Der Wagen traf den Bordstein und geriet ins Schlingern.

»Mom!«, schrie ich.

»Was?« Sie funkelte mich an, und ich wünschte, sie hätte es nicht getan, denn wir drifteten auf die falsche Straßenseite hinüber.

»Mom, halt den Wagen an. Bitte. Halt den Wagen an. Ich will aussteigen.« Es war mir egal, ob sie mich nie wieder abholte. Ich wollte raus aus diesem Auto.

»Ich bin extra hergefahren, um dich abzuholen, und jetzt willst du, dass ich anhalte?«

Oh Gott, bitte, halt an. Bitte.

Galle stieg mir in die Kehle. »Mom, bitte, ich muss mich übergeben. Fahr rechts ran.«

Aber es war zu spät.

Wir fuhren zu schnell.

Meine Mom reagierte zu langsam.

War zu benebelt.

Zu viele Gründe, warum wir diese Kurve in der Straße nicht schafften. Und mein letzter Gedanke vor dem ohrenbetäubenden Geräusch von zerknautschendem Metall galt Killian Kane, von dem ich nun nie erfahren würde, ob er okay war.

Ich saß im Schneidersitz im feuchten Gras und starrte auf den Erdhügel, unter dem meine Mom begraben lag. Es gab noch keinen Stein, und der Bestatter hatte mir erklärt, dass sie warten müssten, bis der Boden sich absenkte, bevor ein Stein aufgestellt werden konnte.

Alle hatten den Friedhof verlassen und waren beim nachfolgenden Empfang. Ich war geblieben, weil ich noch ein wenig Zeit mit ihr allein haben wollte. Nicht um etwas zu sagen, nur um bei ihr zu sitzen, bevor ich mich verabschiedete. Es war die letzte Gelegenheit dazu, weil die Sozialarbeiterin mich heute fortbringen würde.

Ich wischte die vereinzelten Tränen weg, die mir über die Wangen liefen.

Der leichte Nieselregen klebte an meinem Haar und bildete Perlen, dann tropfte er auf meine Jeans und hinterließ dunkle, runde Flecken, die sich mit meinen Tränen vermischten.

Der Wind frischte auf, und eins der wilden Stiefmütterchen, die ich auf den Erdhügel gesetzt hatte, wurde weggeweht. Ich warf mich nach vorn und hielt es fest, und meine Finger schlossen sich um den zarten Stiel.

Als ich mich aufrichtete, stellten sich mir die Haare im Nacken auf. Ich hob den Kopf und suchte den Friedhof ab, sah jedoch niemanden.

Ich legte die Blume zurück auf den Erdhügel, dann griff ich nach einem kleinen Stein auf dem Weg und beschwerte damit die Stiele, damit die Blumen nicht wegflogen.

In dem Moment bemerkte ich eine Bewegung am Fluss, gleich hinter der spärlichen Reihe von Bäumen im Westen des Friedhofs.

Killian.

Nach dem Unfall hatte ich zwei Tage im Krankenhaus verbracht – mit Gehirnerschütterung und durch die Wucht des Sicherheitsgurtes geprellten Rippen und Oberkörper. Als sie mich der Obhut der Sozialarbeiterin übergeben hatten, war mir vor der Beerdigung gerade noch Zeit geblieben, nach Hause zu gehen und mich umzuziehen.

Ich war in meiner eigenen Hölle versunken gewesen, und was mit Killian passiert war, hatte ich zwar nicht vergessen, aber beiseitegeschoben.

Erst die Welle der Erleichterung, die über mir zusammenschlug, machte mir klar, wie besorgt ich gewesen war.

Er stand am Flussufer und beobachtete mich. Nun, ich konnte mir nicht sicher sein, ob er wirklich mich beobachtete, aber er schaute in meine Richtung, und hier war sonst niemand.

Er war zu weit entfernt, als dass ich sein Gesicht hätte erkennen können, aber es stand außer Frage, dass er es war. Breitbeinig stand er da, die Schultern gerade und kräftig, den Kopf hoch erhoben.

Selbstbewusst und ungeniert starrte er mich an.

Dann sah er weg, ließ einen Kieselstein über das Wasser hüpfen und trat nach etwas. Als er die Faust gegen einen nahen Baumstamm schmetterte, japste ich.

Selbst aus dieser Entfernung war es offensichtlich, dass er wütend war, und ich fragte mich, ob es an mir lag. War er wütend, weil er wegen mir verhaftet worden war?

Ich verdiente seinen Zorn. Es war meine Schuld gewesen.