Crushed – Zersprungene Gefühle - Nashoda Rose - E-Book
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Crushed – Zersprungene Gefühle E-Book

Nashoda Rose

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Beschreibung

Haven Dedrick hat Schreckliches hinter sich. Alles, was sie sich jetzt wünscht, ist, ein normales Leben zu führen - ohne Schmerz und ohne Leid. Doch als sie auf Crisis, den Bassisten der Band "Tear Asunder", trifft, steht ihre Welt von Neuem völlig auf dem Kopf. Denn Crisis ist alles andere als normal: Er ist gefährlich, anziehend und genau das, wovon Haven sich unbedingt fernhalten sollte, wenn ihr ihr Seelenheil lieb ist. Aber er ist auch der Einzige, der die starken Mauern, die sie um sich herum errichtet hat, durchbrechen kann ...

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Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

TitelZu diesem E-BookWidmung123456789101112131415161718192021222324252627282930313233Die AutorinNashoda Rose bei LYXImpressum

NASHODA ROSE

Crushed

Zersprungene Gefühle

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Michaela Link

Zu diesem E-Book

Haven Dedrick hat Schreckliches hinter sich. Alles, was sie sich jetzt wünscht, ist, ein normales Leben zu führen – ohne Schmerz und ohne Leid. Doch als sie auf Crisis, den Bassisten der Band »Tear Asunder«, trifft, steht ihre Welt von Neuem völlig auf dem Kopf.

Denn Crisis ist alles andere als normal: Er ist gefährlich, anziehend und genau das, wovon Haven sich unbedingt fernhalten sollte, wenn ihr ihr Seelenheil lieb ist. Aber er ist auch der Einzige, der die starken Mauern, die sie um sich herum errichtet hat, durchbrechen kann …

Meinen unglaublichen Probelesern.

Eure Einsichten und euer Feedback sind von unschätzbarem Wert. Ihr habt alle auf ganz eigene Art meine Bücher mitgeprägt, und dafür bin ich auf ewig dankbar. Seid euch meiner Wertschätzung und Liebe gewiss.

Notiz von Haven

Als ich fünf Jahre alt war, brachte mein Bruder mir das Singen bei. Ich übte unentwegt auf meiner durchgelegenen Pritsche in dem begehbaren Kleiderschrank, die ausgefranste Decke bis unters Kinn hochgezogen.

Die kalte, winterliche Luft pfiff durch die Ritzen der verrotteten Fensterbänke, und ich hielt mir die Ohren zu und sang leise, um das Geräusch zu übertönen. Meine Mom hatte mir einmal gesagt, der Wind sei ein zahnloses Monster mit riesigen, krallenartigen Händen. Dort, wo sein Mund sein sollte, habe es stattdessen ein schwarzes Loch; da komme das Pfeifen her. Mom hatte gesagt, seine Arme seien wie Gummibänder, und wenn Kinder böse seien, schlüpfe es durch die Ritzen ins Haus und schnappe sie sich.

Der Wind machte mir Angst.

Ich wollte nicht von meinem Bruder getrennt werden – von Ream. Die Wintermonate waren die schlimmsten, und manchmal schlich sich Ream nachts in meinen Schrank und sang mit mir. Doch wir mussten leise sein. Mom mochte keinen Gesang. Mein Bruder machte sich nie Sorgen, dass er erwischt würde, aber ich tat es, weil ich ihn dann tagelang nicht sehen konnte.

Es war nicht nur der Wind. Es waren die vielen Geräusche. Das Ächzen des Hauses, das Kreischen meiner Mutter und ihrer Freunde, Dinge, die zu Bruch gingen, und die Schreie und das Lachen. Dann Stille.

Die Stille machte mir am meisten Angst, da ich dann nicht wusste, ob Mom uns wieder verlassen würde.

Tagelang allein zu Hause, kein Essen, nichts zu tun, außer zu warten … worauf ich wartete, wusste ich nicht. Aber Ream kümmerte sich um mich. Er sorgte dafür, dass ich nie lange hungrig blieb. Er beschützte mich … bis er es nicht mehr konnte.

Wir alle kennen die Bedeutung des Wortes »zerbrochen«: in die Brüche gegangen, geschwächt, zerstört, beschädigt sein durch zerbrechen oder zerquetschen.

Doch meine Geschichte handelt nicht vom Zerbrechen.

Sie handelt davon, die Brüche zu überleben.

Sie handelt davon, auch aus dem Zerbrochenen Kraft zu schöpfen.

Sie handelt von Liebe. Liebe, die ich fand, obwohl aus mir ein Mensch geworden war, der schartige, schmutzige Ecken und Kanten hatte.

Achtung: Teile der Geschichte sind hässlich und düster. Aber es ist auch Schönheit darin, und darum sind wir hier.

Haven

1

Haven

Juli 2014

Mir rutschten im strömenden Regen auf dem klatschnassen Gras die Füße weg. Ich blieb im zähen Matsch stecken, fiel hin und landete keuchend auf Händen und Knien.

Der Wind pfiff durch die Bäume, morsche Äste knackten und fielen zu Boden, verlorene Extremitäten, vom Zorn der Natur zerbrochen.

Die Monster existierten noch, aber sie würden mich nie mehr kriegen.

Ich hatte sie überlebt.

Ich rappelte mich hoch und rannte weiter, kämpfte gegen den Wind, der versuchte, mich zurückzuschieben. Ich senkte den Kopf wie ein Stier und kämpfte gegen ihn an. Kämpfte gegen die Natur. Kämpfte gegen die quälenden Erinnerungen. Kämpfte gegen den Schmerz.

Dieser Abend hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich hatte es monatelang geschafft, die grässlichen Erinnerungen unter Verschluss zu halten. Aber als ich die Nachrichten über einen Drogendealer namens Olaf Gordenski gesehen hatte, dessen verstümmelter Leichnam ans Ufer gespült worden war, fühlte es sich an, als hätte ein Tornado mich erfasst, und auf einmal war alles wieder hochgekommen. Ich dachte nicht nach. Ich rannte. Es war die einzige Möglichkeit, die Gefühle wieder zu begraben.

Er war tot.

Olaf war tot. Verstümmelt.

Ich wollte Erleichterung spüren, aber die Vergangenheit brannte in meiner Brust wie ein Vulkan, der jeden Moment auszubrechen drohte.

Ich wusste, wer dafür verantwortlich war: Deck. Oder einer seiner Ex-Soldaten, die bei Unyielding Riot, seiner nicht ganz legalen Firma, für ihn arbeiteten. Deck war mit meinem Bruder befreundet, und nachdem ich meiner Hölle entkommen war, hatte ich ihm von Olaf erzählt. Mein Bruder hatte Deck bereits Informationen über ihn gegeben, doch mein Bruder wusste nichts von dem Club, dem illegalen Club voller Frauen, die dort nicht sein wollten. Frauen wie mir, die man dort hingebracht und gezwungen hatte, zu strippen und in den Hinterzimmern Männer bei Laune zu halten.

Alles, was ich Deck erzählt hatte, war vertraulich gewesen, nur für ihn und seine Männer bestimmt. Obwohl ich ihm nicht traute, weil ich niemandem traute, blieb mir keine andere Wahl. Olaf hatte sterben müssen. Nicht nur, weil er es verdient hatte, sondern weil er immer gedroht hatte, sich an Ream zu rächen.

Er hatte mich über ein Jahrzehnt lang gefangen gehalten. Er hatte auch andere Frauen eingesperrt, obwohl ich die Einzige war, die in seinem Haus gelebt oder vielmehr vegetiert hatte. Selbst im Club hatte man mich von den anderen Frauen ferngehalten und mir nie erlaubt, mit ihnen zu reden.

Es hatte eine Alarmanlage im Haus gegeben, die mich daran gehindert hatte, zu fliehen, auch wenn das nicht alles gewesen war, was mich aufgehalten hatte. Ich war geblieben, um meinen Bruder zu schützen. Bis Alexa, Olafs psychotische Schlampe und Reams Ex, vor einigen Monaten meinen Bruder und Kat, dessen Verlobte, gekidnappt hatte. Sie war so darauf versessen gewesen, meinen Bruder zurückzubekommen, dass sie den schweren Fehler beging, mich nicht einzuschließen.

Ich ächzte, als ich erneut hinfiel, und meine Hände versanken im Matsch. Der Wind ließ nach, als würde er mir eine kleine Pause gönnen. Vielleicht war er aber bloß außer Atem, weil er mich in dem Wissen, dass ich schwächer wurde, ausgelacht hatte.

Meine Oberschenkel zitterten, und meine Brust schmerzte, während ich krampfhaft nach Luft rang. Ich musste weiterlaufen. Noch ein bisschen länger. Meine Vergangenheit würde mich nie wieder einholen. Ich musste erobern. Vernichten. Die Erinnerungen ausbluten lassen.

Peng.

Peng.

Peng.

Ich sprang auf und rannte weiter, die Erinnerung an den Rückstoß in meiner Hand lebendig, als ich abgedrückt hatte. Aber jetzt war es keine Waffe; es war Schlamm, den ich in meinen Fäusten zusammendrückte. Ich hatte getötet. Ich hatte drei Leben beendet, und ich verspürte weder Reue noch Bedauern.

Ich hatte mit angesehen, wie das Blut ihre Kleider durchtränkte, wie ihre Augen sich vor Schreck weiteten, bevor das Licht aus ihnen wich und sie starben. Und noch immer war meine Hand ruhig geblieben. Die Befriedigung, sie zu töten, war von der gefühllosen Starre erstickt, in die ich mich eingeschlossen hatte.

Aber das war vor Monaten gewesen, und jetzt … jetzt sickerte Gift aus meinen Poren, und der Schmerz, den ich unter Verschluss gehalten hatte, versuchte sich zu befreien.

Kraft und Entschlossenheit. Ich musste stark sein. Erbitterter kämpfen. Tun, was notwendig war. Niemand würde je wieder Macht über mich erlangen. Der Wind war mein Beweis. Wenn ich ihn bezwang, würde er nicht durch die Ritzen schlüpfen und die Monster hereinlassen.

Ich stolperte und knickte um, als der Boden abschüssig wurde. Ich fiel auf die Knie, und ein scharfer Schmerz durchzuckte mich, als mein rechtes Knie auf einen Stein traf. Eine Sekunde lang verharrte ich ganz reglos, meine Brust hob und senkte sich und ich ließ den Kopf hängen.

Mein blondes Haar fiel mir wie ein Vorhang in dicken, nassen Strähnen vors Gesicht, während der Regen gnadenlos auf mich niederprasselte. Shirt und Jogginghose klebten an mir wie schwere, kühle Decken. Decken aus Schmerz, schwer von Erinnerungen, die sich zu sterben weigerten.

Ich grub die Finger in die nasse Erde und kroch weiter. Ich musste die gefühllose Starre zurückbekommen, die Empfindungen abtöten, aber da waren so viele Gesichter, so viele Monster. Gerard. Alexa. Olaf. Die Männer, die mich packten und an mir zerrten, mich berührten, mich in Stücke rissen. Selbst ihre Pfiffe und ihr Gejohle verfolgten mich, genau wie der Wind.

Die Natur versuchte, mich zu bezwingen, aber ich würde unter ihrem Zorn nicht zerbrechen.

Meine Knie wurden in den Boden gesogen, als ich weiter hügelaufwärts kroch. Mit jedem gequälten Atemzug brannte meine Brust, als hätte jemand dort ein Feuer gelegt. Aber Schmerzen trieben den Körper dazu, mehr zu schaffen, als man für möglich gehalten hätte. Ich kannte mich aus mit Schmerz und Qual. Ich wusste, wenn ich mich nur hart genug antrieb, würde der Schmerz wieder mit der Dunkelheit verschmelzen.

Er machte mich stärker.

Er brachte mich dazu, Dinge zu tun, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich dazu in der Lage sei.

Er brachte mich dazu, erbitterter zu kämpfen.

Ein vielarmiger Blitz erhellte den Himmel, und einige Sekunden später donnerte es krachend. Meine zitternden Beine gaben unter mir nach, und ich legte mich flach auf den Bauch. Grashalme kitzelten meine Unterlippe, und ich spürte Erde und Feuchtigkeit auf der Zungenspitze.

Der Regen prasselte kontinuierlich auf mich herab, ein tröstliches Gefühl, als ich keuchend auf dem Boden lag. Ich brauchte das, um meinen Schmerz in die Flucht zu schlagen, damit niemand ihn sah.

Vor allem Ream nicht. Ich wusste, dass er mich ängstlich beobachtete, dass er sich vor dem fürchtete, was ich während der zwölf Jahre, die wir getrennt gewesen waren, erlitten hatte. Ich würde es ihm niemals erzählen. Ich würde es niemals irgendjemandem erzählen. Diese Geschichte gehörte nur mir – um sie zu begraben und zu vernichten.

Ream sollte mit seiner Band, Tear Asunder, auf Tournee gehen, und er würde sich weigern abzureisen, wenn er wüsste, was für ein Sturm in mir tobte. Obwohl wir seit unserem sechzehnten Lebensjahr getrennt gewesen waren, wollte Ream mich immer noch beschützen. Aber es war nichts mehr in mir, das man hätte beschützen können. Und jetzt war ich an der Reihe, ihn zu beschützen – vor mir.

Die Erinnerungen hatten versucht, sich erneut wie Unkraut in mir auszubreiten, aber das Laufen hielt sie in Schach. In diesem Moment war das alles, was ich hatte. Ich konnte den drohenden Sturm unter Kontrolle halten und meinen Weg in Richtung Normalität finden. Ich musste Normalität finden.

»Scheiße. Was zum Teufel …?«

Ich zuckte zusammen und keuchte, als die Stimme hinter mir erklang. Ich wusste, wer es war, und sprang auf, aber der Schlamm gab unter mir nach, und ich rutschte aus, als ich versuchte, Tritt zu fassen. Ich machte mir nicht die Mühe, ihn anzusehen, als ich endlich Halt fand und losrannte, den Hügel hinauf zu dem Waldlabyrinth weiter oben.

»Haven.« Gestiefelte Füße folgten mir.

Mist. Niemand durfte mich so sehen. Crisis war der beste Freund meines Bruders, sein Ziehbruder und Bandkumpel. Er würde Ream davon erzählen.

Ich hörte einen lauten, dumpfen Aufprall, ein Ächzen und dann: »Mist.«

Ich lief schneller, schob die Hand in meine Jackentasche und berührte das vertraute harte Metall. Auch wenn Olaf tot war, brauchte ich es noch. Meine Kontrolle. Meine Sicherheit. Mein Schutz. Ich knirschte mit den Zähnen und kämpfte gegen den Drang an, die Waffe herauszureißen und ihn zum Stehenbleiben zu zwingen. Alles zum Stehenbleiben zu zwingen.

Aber ich hatte noch Reste von Vernunft in mir, und das hätte mich auf einen Pfad geführt, der weit weg von dem war, wonach ich suchte.

Es war, als liefe ich in Zeitlupe, das Gewicht des Regens, des Schlamms, meine erschöpften Glieder und der Wind, der mich wieder den Hügel hinunterzudrängen versuchte. Verletzbarkeit. Sie führte zu einem so grauenhaften Schmerz, dass man innerlich blutete und sich ein See aus Gift davon bildete. Schwäche tötete. Schwäche vernichtete.

Ich hörte seinen schweren Atem, und ein ängstliches Beben schoss durch mich hindurch, gleichzeitig ein Flashback: keuchende Männer, die Augen glasig von Alkohol und Lust.

Gott, die Lust. Die hasste ich am meisten.

Er krachte mit voller Wucht gegen mich und riss uns beide zu Boden. Er bekam das Schlimmste ab, als er sich in letzter Sekunde mit mir herumwarf, sodass ich mit dem Rücken auf seiner Brust landete.

Trotzdem blieb mir die Luft weg, und es dauerte eine Sekunde, bis ich wieder atmen konnte.

»Was zum Teufel tust du hier draußen?«, brüllte er gegen das Tosen des Sturms an.

»Lass. Los.« Ich wand mich, um ihm zu entkommen, aber er hatte mir seine muskulösen tätowierten Arme unerbittlich um den Oberkörper geschlungen. Ich hatte vor einigen Monaten schon einmal in seinen Armen gelegen, als er mich an der Hütte gepackt hatte und mit mir von der Klippe ins Wasser gesprungen war. Es war zwei Monate nach meiner Flucht gewesen, und ich hatte eigentlich nicht mit der Band, Kat und Emily zur Hütte fahren wollen. Doch mein Bruder hatte auf keinen Fall ohne mich aufbrechen wollen.

Ich konnte allerdings nicht schwimmen, und als Crisis mich lachend um die Taille gepackt hatte, wir durch die Luft segelten und unter der kühlen Oberfläche untergetaucht waren, hatte ich mich an ihm festgeklammert. Ich hatte keine Wahl gehabt.

Jetzt hatte ich eine.

Aber als ich nun an seiner Brust lag, wir beide schwer atmeten und seine Arme mich wie ein warmer, schützender Kokon umfingen … wollte ich am liebsten so liegen bleiben und vergessen, warum ich eine Waffe bei mir trug. Warum ich allein besser dran war. Warum ich weglaufen musste, um die Erinnerungen fernzuhalten.

Ich wollte mich einen einzigen Moment lang beschützt und sicher fühlen, bevor ich weiterkämpfen musste. Denn das war es, was ich jeden einzelnen Tag tat – kämpfen. Es war bloß ein anderer Kampf als zuvor.

»Ich werde dir nicht wehtun.«

Vielleicht nicht, aber er war eine Bedrohung für meine Gefühlsstarre, meine kühle Fassade, die aufzurichten mich Jahre gekostet hatte. Denn wenn ich ihn ansah, war ich gebannt von seinen strahlend blauen, oft lachenden Augen.

»Warum bist du vor mir weggelaufen? Scheiße, warum läufst du bei einem gottverdammten Gewitter über ein offenes Feld?«

Ich versuchte, ihm den Ellbogen in die Rippen zu rammen, aber er war schnell und schloss die Arme fester um mich, sodass ich nicht ausholen konnte.

»Bleib doch mal kurz ruhig«, knurrte er. »Haven, ernsthaft, was soll das?«

Meine Stimme bebte vor Kälte. »Ich will allein sein. Nimm deine Hände von mir. Sofort.«

»Du bist seit Monaten allein.« Der Donner schluckte die Kraft seiner Worte, aber ich spürte das tiefe Knurren aus seiner Brust in meinem Rücken.

Der Regen wurde heftiger, während wir eine Minute lang stumm und still dalagen, als würden wir beide überlegen, was unser jeweils bester nächster Schachzug wäre. Es war sinnlos, physisch gegen Menschen zu kämpfen, die stärker waren als man selbst. Dadurch wurde man nur noch schwächer. Stattdessen machte ich es zu einem inneren Kampf und führte meinen Geist an einen anderen Ort. Und so gewann ich immer. So überlebte ich.

Aber als Crisis mich festhielt, der Wind um uns herum pfiff und schreckliche Erinnerungen drohend näher rückten, mich aber nicht berühren konnten, während ich geschützt in seinen Armen lag … weckte das alles in mir den Wunsch zu bleiben. Das kleine Mädchen zu sein, das im Wandschrank vor sich hin sang, ihr Bruder immer in der Nähe, um sie zu beschützen.

Tja, singen brachte es inzwischen nicht mehr. Schon lange nicht mehr.

»Wie hast du mich gefunden?« Es war kurz vor Mitternacht, strömender Regen, und das einzige Licht kam von den Blitzen und … meiner reflektierenden Jacke. Scheiße, deshalb hat er mich gesehen.

»Als ich zum Haus fuhr, habe ich bemerkt, dass sich draußen auf dem Feld was bewegt. Ich dachte, eins der Pferde wäre im Sturm durchgedreht und aus dem Stall entwischt. Wenn ich dich loslasse, rennst du dann wieder weg?«

Würde ich wegrennen? Vielleicht, aber das würde ich ihm nicht sagen. Aber ich log auch nicht, also schwieg ich. Nur wenige Menschen begriffen, was für eine mächtige Waffe Schweigen war. Ich wusste es.

Unsere Oberkörper hoben und senkten sich in vollkommener Harmonie. Ich öffnete die Lippen, Wasser tropfte in meinen Mund. Ich genoss das süße Gefühl des kühlen Regens, der meine Kehle hinunterrann.

»Haven?« Er drückte mich. »Ist es das, was du immer machst, wenn du ständig verschwindest? Wegrennen?«

Ich wartete auf das Aufzucken des Blitzes am Himmel, der die Macht hatte zu töten, zu verstümmeln oder in Brand zu setzen. Auch ich hatte das in mir. Die Fähigkeit zu töten, ohne Reue, ohne nachzudenken. Es war schön und gleichzeitig zerstörerisch, genau wie ich.

Er verschränkte seine Finger auf meinem Bauch mit meinen, gleich über der Stelle, wo die Waffe versteckt in meiner Jacke lag. »Offenes Gelände. Gewitter. Nicht die beste Gelegenheit, um zu joggen.«

Nein, aber die Macht, die das Gewitter transportierte, sickerte mit jedem Donnerschlag in mich hinein, jeder aufzuckende Blitz verlieh mir seine Kraft, um gegen die Erinnerungen anzukämpfen.

Er setzte sich mit mir zusammen auf, sodass ich zwischen seinen angewinkelten Beinen saß und seine Oberschenkel mich gefangen hielten. »Hau nicht wieder ab«, flüsterte er und ließ mich los, allerdings nicht ganz. Stattdessen strich er mit den Händen an meinen Armen herunter zu meinen Fingern, die jetzt auf meinen Oberschenkeln ruhten. »Gott, du bist eiskalt. Wir müssen dich aus dem Regen schaffen und trocken kriegen.«

Aber ich war noch nicht bereit. Meine Monster schlichen immer noch um mich herum. Die Erinnerungen und Gefühle waren noch nicht wieder in die kleinen Truhen in meinem Gehirn gestopft worden. »Jetzt noch nicht.«

»Doch, jetzt.« Er rutschte nach hinten, stand auf und trat dann vor mich hin.

Ich blieb auf dem Boden sitzen, beobachtete ihn, schätzte ab, was er als Nächstes tun würde. Ich hatte gelernt, Menschen zu lesen, ihren nächsten Schritt zu erraten, bevor sie ihn machten.

Er streckte die Hand aus, die Tinte auf seinem tätowierten Arm leuchtend vom Regen.

»Greif zu, oder ich werfe dich mir über die Schulter.« Seine Hand war ruhig und stark. »Ich lasse dich nicht hier draußen, Haven.«

Wenn ich hätte lachen wollen, was ich nicht tat, wäre das der Moment dafür gewesen, denn er hätte mich niemals auf seine Schulter bekommen. Nicht bevor ich ihm meine Waffe ins Gesicht gehalten hätte.

Aber da war Entschlossenheit in seinem Blick; zusammengebissene Zähne, schmale Augen, gerunzelte Stirn. Ich wusste, wann jemand nicht nachgeben würde.

Seit ich auf der Ranch war, hatte ich zu allen Abstand gehalten, aber ich hatte beobachtet, hatte immer beobachtet. Nach allem, was ich von Crisis gesehen hatte, war er locker, verspielt und flirtete inbrünstig. Aber damit einher gingen Selbstbewusstsein und Ausdauer.

Ich hatte den Verdacht, dass es nicht viel gab, bei dem Crisis zurücksteckte, wenn überhaupt. Und als er vor mir aufragte, eine tropfnasse, geballte Ladung Muskelkraft, wusste ich, dass er versuchen würde, mich hochzuheben und zum Haus zurückzutragen, wenn ich seine Hand nicht nahm. Also hatte ich folgende Möglichkeiten: seine Hand zu ergreifen oder meine Waffe zu ziehen. Option Nummer zwei würde dazu führen, dass mein Bruder davon erfuhr. Und das würde wiederum dazu führen, dass die Tournee abgesagt wurde, weil er herausgefunden hätte, dass ich eine Waffe trug und bei einem heftigen Gewitter draußen herumlief.

Ream würde alles für mich aufgeben. Das hatte er bereits getan. Sogar Teile seiner selbst, die er niemals zurückbekommen würde. Aber wenn ich ihn jetzt anschaute, hatte er Frieden mit dem gemacht, was er als Teenager erlitten hatte. Das würde ich ihm niemals nehmen.

Ich würde selbst meine Dämonen besiegen.

Ich hob den Arm, und Crisis nahm meine Hand. Er zog mich auf die Füße, sodass ich nur wenige Zentimeter vor ihm stand. Mein Blick wanderte über sein Gesicht, als ein Blitz am Himmel aufzuckte. Ich suchte nach der vertrauten Unbefangenheit in seinen Zügen, nach der ich jedes Mal Ausschau hielt, wenn ich ihn sah. Sie war tröstlich und warm und verströmte eine Energie, die irgendetwas in mir entfachte.

Aber diesmal war dieser Ausdruck nicht da. Stattdessen waren seine Augen dunkel, passend zu seinem strengen Gesichtsausdruck. Ich senkte den Blick, um den kleinen Abstand zwischen unseren Füßen zu betrachten. Nicht weil ich Angst vor ihm hatte oder ihm nachgab, sondern weil man mit Fügsamkeit seinem Gegner gegenüber einen Vorteil erlangte. Sie machte ihn weniger wachsam.

»Wir gehen zum Haus deines Bruders.« Mein Bruder und Kat waren zu Logans und Emilys Ranch ein Stück weiter die Straße hoch gegangen. Soweit ich wusste, wollten die Mädels Hochzeitspläne schmieden, und die Jungs arbeiteten an dem Text für einen neuen Song. »Er würde ausflippen, wenn er dich so sähe.« Mein Blick schoss zu seinen Augen, und mir stockte kurz der Atem. Crisis wusste, dass ich nicht wollte, dass Ream mich so sah.

»Warum zwingst du mich dann, hinzugehen?« Zwingen war ein starkes Wort, das ich nur ihm zuliebe benutzte. Tatsächlich konnte er mich zu gar nichts zwingen.

»Babe, ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass dich irgendjemand zu irgendetwas zwingen kann.« Meine Augen wurden schmal, weil er genau meine Gedanken gelesen hatte und mich offensichtlich besser kannte, als ich erwartet hatte. »Vor allem mit dieser Waffe da in deiner Tasche.« Mir blieb kurz die Luft weg, und ich legte die Hand auf die Jackentasche. »Komm, wir gehen in den Stall und trocknen dich da ab. Ich glaube, da drin hängt ein Regenmantel. Wenn du den überziehst, sieht man den ganzen Schlamm nicht mehr.«

Ich grübelte für eine Sekunde darüber nach, oder eher fünf Sekunden, dann nickte ich, und das nasse Haar fiel mir vor die Augen. Crisis strich es mir wieder hinters Ohr, bevor ich noch reagieren und zurückweichen konnte. Sein Gesicht, das sonst immer seine ständige Lust zu flirten verriet, blieb ernst. Allerdings hatte er mir gegenüber das Flirten ohnehin auf ein Minimum beschränkt, seit er mit mir von der Klippe gesprungen war. Es mochte etwas damit zu tun haben, dass ich ihm mein Knie in die Eier gerammt hatte, sobald wir das Ufer erreicht hatten.

Wir hielten uns weiter an den Händen, eher weil ich ihm entgegenkommen wollte, da er nicht vorhatte, meinem Bruder etwas zu erzählen. Meine Beine waren wackelig, die Muskeln protestierten nach der Überanstrengung des Rennens. Er musste es bemerkt haben, denn er ließ meine Hand los und legte mir stattdessen einen Arm um die Taille, um mir Halt zu geben.

Ich versteifte mich, biss die Zähne zusammen und schleppte mich weiter. Warum sich auf eine Schlacht einlassen, die mehr schaden als nützen würde? Das hatte ich gelernt, als ich mit Handschellen an ein Bett gefesselt gewesen war, außerstande zu fliehen, während irgendein Fremder mit lüsternem Blick über mir hing. Man sollte sich solch einen Kampf für Gelegenheiten aufheben, bei denen man wusste, dass man eine Chance hatte zu siegen.

Und das hatte ich getan. Ich hatte gekämpft, bevor ich gefesselt wurde. Zu meinem Pech hatte es ihnen gefallen, wenn ich mich wehrte.

Die Stalltür knarrte, als er sie öffnete, und die Pferde wieherten leise. Crisis schaltete eine funzelige Deckenlampe ein, und einige Pferde stampften mit den Hufen und warfen die Köpfe hoch.

Es war weit nach Mitternacht, daher hatte Hank, der ältere Herr, der auf dem hinteren Teil des Grundstücks in seinem eigenen Haus wohnte, seinen letzten Kontrollgang bereits lange hinter sich. Crisis ließ mich los und ging weiter den Gang entlang, und im Vorbeigehen streichelte er die Pferdeschnauzen. Er schnappte sich einige Handvoll Heu vom Ende des Gangs und warf eine in jede Box. Als er fertig war, waren sein Hemd und seine nassen Jeans mit lauter kleinen Stückchen von Luzernenkraut bedeckt.

Er schaute an sich herunter. »Mist. Ich sehe aus, als hätte ich mich in Basilikum gewälzt.« Er klopfte seine Kleider ab, und grüne Flöckchen fielen auf den Zementboden, aber die meisten klebten weiter an seinen nassen Jeans.

Ich stand, wo er mich zurückgelassen hatte, und beobachtete ihn. Sein Haar baumelte ihm in nassen, losen Locken seitlich vor dem Gesicht. Es war nicht lang genug, um anständig hinter seinen Ohren zu bleiben, aber lang genug, um wirr und zerzaust auszusehen.

Er zog die Brauen zusammen, und zwischen seinen Augen entstand eine Falte. Verärgert vielleicht, etwas, das ich bei Crisis selten erlebt hatte. Obwohl ich ihm und allen anderen aus dem Weg gegangen war, nahm ich jeden einzelnen von ihnen trotzdem bewusst wahr. Aber Crisis war der Einzige, der gegen meine Kälte und meine distanzierte Haltung immun war. Mein Bruder behandelte mich, als wäre ich aus feinstem Glas, und vielleicht war ich das auch, aber ich bildete mir gern ein, dass das kugelsicheres Glas war.

Wasser sammelte sich zu meinen Füßen und tropfte mir von Kleidern und Haaren. Ich stand da wie eine Statue unter der Glühbirne, einen Lichtkreis um mich herum, hell zu meinen Füßen, nach außen hin immer mehr verblassend.

Geschützt vor Wind und Regen wurde mein Zittern nun gelindert, aber ich hatte unter meinen schweren, nassen Kleidern noch immer eine Gänsehaut.

Crisis richtete sich auf, und unsere Blicke trafen sich.

Er stand gut drei Meter entfernt von mir, aber es fühlte sich an, als wäre er direkt vor mir. Ich erwartete, schwelendes Begehren zu sehen, denn das war ich von Männern so gewohnt. Das erwartete ich von jedem Typen. Nicht dass ich mich für schön oder unwiderstehlich hielt, aber in zwölf Jahren voller lüsterner Männerblicke hatte sich die Vorhersage dessen, was ich von ihnen zu erwarten hatte, verfestigt.

Doch meiner antrainierten Reaktion zum Trotz war Crisis anders. Das begriff ich langsam nach den wenigen Monaten, die ich mit ihm, Kite – dem Schlagzeuger der Band –, meinem Bruder und Kat auf der Ranch lebte. Dennoch kämpfte mein Verstand dagegen an, nicht bereit, etwas Gutes hereinzulassen, weil gute Dinge in meiner Welt einfach nicht passierten.

Ich strich mit dem Finger über die Worte, die Olaf in mein Handgelenk gebrannt hatte. Ich war ein Objekt gewesen. Ein Besitz. Nicht zu Olafs Gebrauch, sondern zum Gebrauch für andere. Ich hatte ihm eine Menge Geld eingebracht.

»Komm her«, sagte Crisis. Er wartete nicht ab, ob ich ihm folgen würde, als er sich umdrehte und in eine leere Box auf der rechten Seite schritt.

Ich zögerte, nicht weil ich Angst hatte, sondern eher, weil ich darauf wartete, nichts mehr zu spüren. Das war es gewesen, was ich beim Laufen hatte erreichen wollen, mich ganz dem Schutz anheimzugeben, den Gefühllosigkeit herstellte.

Ich atmete mehrmals tief durch. Der Wind pfiff, verfolgte mich jedoch nicht mehr, als ich mich gegen ihn abschottete.

Ich schob eine Hand in meine Tasche und spürte die tröstliche Waffe, dann folgte ich Crisis, und meine schlammigen, nassen Schuhe hinterließen Spuren auf dem rauen Zement. Clifford, Kats Appaloosa, streckte den Hals so weit wie möglich heraus, legte den Kopf schief und prustete durch die Lippen bei dem Versuch, mein Shirt zu fassen zu kriegen, während ich an seiner Box vorbeiging.

Ich machte einen Schritt zur Seite, ignorierte das Pferd und betrat die Box. Crisis hielt ein Bündel gelber Strohhalme in der Hand. Er deutete mit dem Kopf auf die Ballen in der Ecke. »Setz dich.«

»Warum?«

Er grinste nicht, und das missfiel mir. Ich mochte sein Grinsen. Ich mochte, dass es etwas von der Anspannung in meiner Brust löste. »Hast du vor, lange mit mir zu streiten? Denn wenn ja, setze ich mich dafür hin.«

Ich ließ mich auf den Strohballen sinken.

Er kam näher, und mir war nicht klar, was er tun würde, bis ich das raue Stroh auf dem Kopf spürte. Ich zuckte zur Seite und packte sein Handgelenk. »Was machst du da?«

»Was denkst du, wie man Pferde trocken reibt?«

Ich runzelte die Stirn. »Ich bin kein Pferd.«

Er blickte mich spöttisch an, und ich sah das vertraute Aufblitzen in seinen Augen. Ich wartete auf seine neunmalkluge Antwort. Oft genug hatte ich ihn reden hören, um zu wissen, dass Crisis ein freches Mundwerk hatte. »Nein. Aber du bist nass.«

Ich hatte keine Ahnung, ob er das anders als ganz wörtlich meinte, aber er kicherte oder zwinkerte nicht. Er trat lediglich nah genug an mich heran, dass seine Wade meinen Oberschenkel streifte, dann rieb er mit dem Stroh in kreisförmigen Bewegungen meinen Kopf ab.

Ich ließ ihn gewähren.

Ich überlegte mir gut, welche Kämpfe sich lohnten, und dies war einer, der nicht ausgefochten werden musste. Er versuchte mir zu helfen, damit ich zumindest halbwegs anständig aussah, wenn ich wieder ins Haus kam und Ream mich sah.

Ein seltsames Gefühl befiel mich, und mein Mundwinkel zuckte leicht, als ich darüber nachdachte, was er tat. Es war ein wenig lächerlich. Nein, es war total lächerlich.

Ich saß in einer Pferdebox, tropfnass, während der Bassgitarrist einer erfolgreichen Rockband mir mit Pferdeeinstreu den Kopf abrieb.

Aber ich lächelte nicht, und sowieso war kein Lachen mehr über meine Lippen gekommen, seit ich sechzehn Jahre alt gewesen war. Seit der Zeit vor Gerard. Vor den Drogen. Bevor Ream und ich voneinander getrennt worden waren.

Einige Strohhalme fielen mir vors Gesicht und auf den Schoß, und ich starrte sie an. Sie waren jetzt feucht und dünn, nachdem sie das Wasser aus meinem Haar aufgesaugt hatten. Crisis’ Bewegungen wurden langsamer, und ich bemerkte, dass er kaum noch Stroh in der Hand hielt; es war seine Hand, die mein Haar streichelte.

Ich versteifte mich, und er ließ seine Hand fallen. Als ich aufschaute, erstarrte ich erneut, weil er mich bereits beobachtete. Die dunklen Linien in seinem Gesicht wurden tiefer, als er die Brauen herunterzog, die das magnetische Blau in seinen Augen überschatteten.

»Ich weiß nicht, was ich hier tun soll.« Er seufzte, dann hockte er sich zwischen meinen Beinen hin, die Hände links und rechts von mir auf den Strohballen. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, auf der Hut vor den geringsten Anzeichen von Begierde.

Aber da kam nichts, und meine Schultern entspannten sich, nicht so sehr, dass er es bemerkte, sondern eher innerlich, eine innere Erleichterung darüber, dass er mir nicht half, um mir an die Wäsche gehen zu können. Er wirkte aufrichtig besorgt, wobei mich das ebenfalls beunruhigte, denn er und Ream waren wie Brüder.

»Erzähle ihm nichts«, sagte ich energisch, meine Stimme fest, das Zittern darin nur minimal.

»Kann ich nicht machen.«

Ich biss die Zähne zusammen und funkelte ihn an.

»Du bist seine Schwester. Er liebt dich und will helfen.«

»Ich brauche keine Hilfe.«

Er sah mich fragend an.

»Ich. Brauche. Keine. Hilfe.«

»Du redest selten, selbst mit deinem Zwillingsbruder kaum, den du seit zwölf Jahren nicht gesehen hast. Du lächelst nicht, und erst recht lachst du nicht. Ich begreife, dass du irgendwelche ernsthafte Scheiße erlebt hast, und ich werde nicht so tun, als wüsste ich …«

»Dann lass es auch.« Ich musste ihm einen Knochen hinschmeißen. Etwas, das ihn davon überzeugte, dass ich keine Hilfe brauchte, denn ich würde nie und nimmer auf einem Sofa sitzen und irgendeinem selbstherrlichen Mistkerl meine Lebensgeschichte anvertrauen, einem Mann, der mich wahrscheinlich im Club nackt gesehen und dann gevögelt hatte. »Ich fange bald mit dem Studium an. Es geht mir gut.«

»Deine Immatrikulation bedeutet, dass es dir gut geht?«

»Sie bedeutet, dass ich nach vorne schaue.« Das war das, was ich zu tun versuchte. Nach vorne schauen. Einen Abschluss in Soziologie machen, tun, wozu ich noch nie eine Gelegenheit gehabt hatte … Leben und etwas aus mir machen. Ich hatte mir geschworen, dass ich, sollte ich jemals entkommen, mein Leben und meine Freiheit nicht vergeuden würde.

»Nach vorne schauen? Willst du das wirklich? Denn ich stehe hier mitten in der Nacht in einem Gewitter in einem Stall, mit einem zitternden Mädchen vor mir, das schmutzig und nass ist und eine Waffe in der Tasche hat.«

Er hatte recht. Aber ich würde einen Weg zurück zu dem Zustand der Gefühlsstarre finden, wie ich es immer tat.

Er hob die Hand und pflückte einige Strohhalme aus meinem Haar, während er weitersprach. »Du wirst monatelang allein sein. Das gefällt mir nicht. Und ich weiß, dass es Ream erst recht nicht gefällt. Wir haben darüber gesprochen, die Tournee abzublasen und …«

»Nein.« Ich drückte gegen seine Brust, und er verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Hintern. Ich stand auf, ging zu der hinteren Wand und lehnte mich dagegen. »Er braucht das. Er liebt Musik. Ich sehe es in seinen Augen, wann immer er von seinen Auftritten spricht.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass du auf irgendwas geachtet hast, was wir gesagt haben.«

Ich zuckte die Achseln. Doch, das hatte ich. Ich hatte immer achtgegeben; ich benahm mich bloß so, als täte ich es nicht. Ich vermied es, mich mit allen hinzusetzen und zu essen, aber gelegentlich machte ich es doch, und dann hörte ich zu. »Er liebt Musik.«

»Ja, das tut er.«

Als wir Kinder gewesen waren, hatte er oft neben mir im Wandschrank gelegen und gesungen, wenn ich Angst gehabt hatte. Ich hatte seine Liebe zur Musik gespürt, und trotz unserer verkorksten Kindheit hatte sie immer alles gutgemacht, bis sie es eines Tages nicht mehr tat. Bis sie in ihm gestorben war. Das war, nachdem unsere Mom uns an Lenny, ihren Drogendealer, verkauft hatte, um ihre Schulden abzubezahlen. Danach hatte ich Ream nie wieder singen hören. Lenny war derjenige, der Ream dazu gezwungen hatte, mit »Kunden« in den Keller zu gehen, um die Schulden meiner Mom abzuarbeiten.

Als Lenny starb, wahrscheinlich wegen eines missglückten Drogendeals, zog Olaf ein, zu mir, meinem Bruder und Alexa, Lennys Tochter, die zwei Jahre jünger war als wir und besessen von Ream.

Es dauerte nicht lange, bis sie den Tod ihres Vaters ausnutzte und einen Plan ausheckte, um mich zu verletzen, damit ich für meinen Bruder nicht länger ein unschuldiger Engel war. Damals kam Gerard nachts in mein Zimmer. Damals spritzte er mir Heroin. Damals wusste ich, dass mein Leben nie wieder dasselbe sein würde.

Crisis stand auf.

Ich verhärtete den Blick meiner grauen Augen und ballte die Hände zu Fäusten. »Du hast keine Ahnung, was er meinetwegen durchgemacht hat. Er verdient es, frei zu sein von all dem Hässlichen in dieser Welt.«

»Ja, das tut er, aber was verdienst du?« Nicht viele Menschen hielten meinen zornigen Blicken stand, nicht einmal Olaf. Aber der hatte mich dann einfach geohrfeigt, wenn ich ihn jemals so angesehen hatte. »Ich hab keinen Schimmer, was mit dir passiert ist, aber ich weiß, dass Reams Vergangenheit verdammt übel war. Ich weiß außerdem, dass deine wahrscheinlich noch schlimmer war.«

Nichts war schlimmer als das, was Ream durchgemacht hatte. Wir waren Kinder gewesen, und er hatte seine eigene Unschuld geopfert, um meine zu schützen. Immer wieder. Woche um Woche war er gezwungen gewesen, in den Keller zu gehen, damit ich es nicht zu tun brauchte.

»Er macht sich Sorgen, Haven.«

»Darum habe ich ihn nicht gebeten.« Es war eine zickige Antwort, aber ich rang damit, einen Weg aus dieser Situation zu finden. Wenn Crisis Ream davon erzählte, würde er niemals auf Tournee gehen. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schlug einen sanfteren Tonfall an, als ich erwiderte: »Du würdest mehr Schaden anrichten als Nutzen.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, murmelte er und fuhr sich mit der Hand durch sein feuchtes Haar. Einige Strähnen trockneten bereits und schimmerten in einem helleren Blondton als die nassen. Es bestand kein Zweifel, Crisis war attraktiv. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mit den anderen ausgegangen war – obwohl ich alles andere als gesellig war –, hatte ich gesehen, warum ihm Frauen nur so zuflogen Crisis war auf eine Art selbstsicher, zu der Frauen sich hingezogen fühlten.

Er nickte knapp. »In Ordnung.«

Ich runzelte die Stirn, argwöhnisch, warum er so einfach nachgegeben hatte. »In Ordnung?«

Er kam auf mich zu, und ich wappnete mich, ließ die Arme sinken und reckte das Kinn vor. »Ja.« Er kam immer näher, bis er nur Zentimeter von mir entfernt war und sein Atem mit einem Hauch von Pfefferminz über mein Gesicht strich. »Ich werde ihm nichts von heute Nacht erzählen.«

Ich spannte alle Muskeln an und wartete auf das, was nun unweigerlich kommen musste. Als mir klar wurde, dass Crisis wie alle anderen war, drehte sich mir der Magen um. Er wollte für sein Schweigen bezahlt werden.

»Falls wir auf Tournee gehen, und das ist ein großes ›falls‹, wirst du mir versprechen, ihn jeden Tag anzurufen. Und kein Rumrennen mehr bei irgendwelchen verdammten Gewittern, Herrgott.« Er fuhr sich wieder mit der Hand durch sein feuchtes Haar, und einige Strähnen blieben kleben, während andere nach vorn fielen und vor seinen Augen baumelten.

Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte erwartet, dass er wollte, was alle Männer wollten. Denn wer war ich schon? Ich mochte Reams Zwillingsschwester sein, aber tatsächlich war ich bloß irgendein Mädchen, das vor einigen Monaten im Leben dieser Leute aufgetaucht war, und das kaum ein Wort mit irgendeinem von ihnen sprach.

»Und ich schicke dir SMS. Wenn ich das tue, erwarte ich eine Antwort.«

Meine Augenbrauen schossen hoch. »Du?«

Er nickte.

»Warum?«

»Weil ich weiß, was du hier tust, Haven. Ich kannte Ream schon, als ihr voneinander getrennt wurdet, und er war ernsthaft durch den Wind. Er hat sich versteckt, genauso wie du dich versteckst. Die Musik hat ihm ein Ventil gegeben, und ich habe den Verdacht, dass du das mit dem Laufen machst, aber er hat dabei nicht sein Leben aufs Spiel gesetzt.« Er kam noch ein wenig näher, und meine Brust streifte sein nasses Shirt. »Vor mir kannst du dich nicht verstecken. Ich habe es draußen im Regen gesehen, und ich sehe, wie es jetzt wie ein Schatten auf deinem Gesicht liegt. Du warst verdammt gut darin, vorzutäuschen, dass du stark bist und total gut mit allem klarkommst, was dir geschadet hat.«

Er hielt inne. »Und vielleicht brauchst du es, dass wir fortgehen. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass wir ruckzuck wieder hier sind, wenn einer von uns spürt, dass mit dir etwas komisch ist.« Er machte einen Schritt von mir weg und nahm die Wärme seines Körpers mit sich. »Du wirst zerbrechen. Eines Tages wird diese kühle Fassade, hinter der du dich versteckst, zerspringen. Das muss sie. Sie hat keine Zukunft. Und wenn das tatsächlich passiert, habe ich vor, da zu sein, um dir zu helfen, die Scherben wieder aufzusammeln.«

Ich hatte nichts zu sagen, denn er hatte recht. Ich war eine Zeitbombe, die langsam und stetig tickte und darauf wartete, dass irgendein weiterer Auslöser sie hochjagte. Ich wusste nur noch nicht, in welche Richtung ich hochgehen würde – ob ich nur mich selbst oder auch andere zerstören würde.

Er verließ die Box, und ich folgte ihm. Er blieb stehen, um Clifford zu streicheln, der an seinem nassen T-Shirt knabberte. »Wenn du eine einzige SMS unbeantwortet lässt, erzähle ich Ream, was heute Nacht hier unten passiert ist, und wir kommen zurück, und du begibst dich in Behandlung.«

»Du kannst mich nicht zwingen, eine Therapie zu machen.«

»Bist du dir da so sicher? Denn als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, war es in Kanada illegal, eine Handfeuerwaffe bei sich zu tragen.«

Scheiße.

Ich kniff die Augen zusammen. »Dir ist klar, dass das Erpressung ist?« Weil ich meine Waffe niemals hergeben würde, und Crisis schien das zu wissen.

An dem Tag, an dem ich auf der Ranch aufgetaucht war, hatte ich eine Waffe in der Hand gehabt, und die hatte ich immer noch. Auch wenn Olaf tot war, ich würde sie nicht hergeben. Sie schenkte mir Freiheit, und auf die würde ich nie wieder verzichten.

Er lachte leise. »Baby, du kannst es nennen, wie immer du willst, nötigen, bedrohen, bestechen.« Er zuckte die Achseln. »Die Quintessenz ist, dass ich dafür sorgen kann, dass du sicher bist, falls wir gehen.« Er zögerte, und der freche Übermut in seinen Augen kehrte zurück. »Und um dafür zu sorgen, dass du weiterhin sicher bist, wird einer unserer Securityleute bei dir bleiben. Er wird nur mir Bericht erstatten.«

Doppelte Scheiße.

»Dein Bruder wird eher gehen, wenn einer unserer Männer bei dir bleibt.«

Das stimmte. Okay, es war keine große Sache. Ich konnte mit diesen Bedingungen umgehen. »Ich gebe meine Waffe nicht her.«

»Dann halte dich an die Bedingungen.«

»Ich hatte dich für netter gehalten.«

»Ich bin nett. Ich bin ein Schatz … meistens jedenfalls. Ich habe dein Haar mit Stroh abgerieben, das war nett.« Er grinste. Ich schmollte. »Aber wenn ich dich nett bitten würde, mir zu simsen, Ream anzurufen, nie wieder während eines Gewitters über ein offenes Feld zu laufen … würdest du auf mich hören?«

Dreifache Scheiße.

»Dachte ich mir.« Er nahm einen gelben Regenmantel von einem Haken neben der Sattelkammer und warf ihn mir zu. »Zieh den an. Er wird den Schlamm verdecken.«

Ich fing den Mantel auf, und das dünne Gummimaterial wurde von meiner Hand zusammengeknautscht. »Crisis?«

Er öffnete die Stalltür, und der Wind fegte herein und schaukelte die am Kabel baumelnde Glühbirne hin und her. »Ja, Babe?«

»Wenn er es wüsste … es würde ihn umbringen.« Ich wusste nicht recht, warum ich das sagte, vielleicht weil er wirklich begreifen musste, dass das, was mit mir geschehen war, schlimm war. Denn wenn Ream es wüsste … es würde ihn zerstören. Ich hatte ihn Gerard brutal ermorden sehen, als er herausfand, was gelaufen war.

Jetzt war Olaf ebenfalls tot.

Ich fand ein klein wenig Frieden in dem Bewusstsein, dass mein Bruder glücklich war. Ich würde ihm das nicht wegnehmen, indem ich wieder zu dem kleinen Mädchen wurde, das er zu beschützen versuchte. Ich hatte meinen eigenen Schutz.

Das Licht schien kurz auf sein Gesicht, als die Lampe über ihm hin- und herschaukelte, dann wurde er wieder in Dunkelheit getaucht. Aber ich erhaschte einen Blick auf die Falte zwischen seinen Augen.

»Ich weiß«, antwortete er.

Ich zog mir den Mantel an, während Crisis das Licht ausschaltete, und wir liefen durch das Gewitter zum Haus.

2

Haven

Haben Gurken irgendeinen Nutzen, außer zum Kotzen zu schmecken und wie ein Penis auszusehen? Warum zum Teufel müssen die Leute sie in jeden Salat schmeißen? Tomaten, in Ordnung. Gurken sind in Scheiben geschnittene Schwänze, weg damit.

Das war die Art von SMS von Crisis, auf die ich antworten sollte.

Seit einem Monat war die Band zusammen mit Emily und Kat fort, und Crisis hielt Wort und schickte mir täglich SMS. Ich hielt mein Wort und antwortete mit ein oder zwei banalen Wörtern, obwohl es etwas schwieriger wurde, wenn er mir Texte wie diesen schickte.

Ream rief mich jeden Tag an, und ich denke, das war Crisis’ Werk, damit ich nicht diejenige zu sein brauchte, die sich bei ihm meldete. Nach jener Nacht im Sturm erzählte mein Bruder mir, dass Deck ihn angerufen habe. Ihm erzählt habe, um Olaf habe man sich »gekümmert«. Natürlich hatte Ream keine Ahnung von dem Club, aber wenn Olaf nicht tot gewesen wäre, hätten Ream und die anderen mich wahrscheinlich niemals allein zurückgelassen und wären auf Tournee gegangen.

Deck hatte mich ebenfalls angerufen und mir gesagt, sie hätten eine Spur, was die Adresse des Clubs betraf. Da man mir jedes Mal die Augen verbunden hatte, wenn wir dort hingefahren waren, hatte ich keinen Schimmer, wo der Club lag.

Ich bat ihn, mich nie wieder anzurufen.

Ich wollte es nicht wissen. Dieser Teil meines Lebens war vorüber.

Meine Gespräche mit Ream waren größtenteils einseitig, da ich nichts beizusteuern hatte oder vielmehr keine Lust hatte, etwas beizusteuern. Aber nach den ersten paar Malen peinlichen Schweigens freute ich mich darauf, seine Stimme zu hören, freute mich darüber, wie er von den Konzerten und von Kat sprach. Es zementierte meinen Deal mit Crisis – ich benutzte diesen Ausdruck großzügig, weil ich das Ganze immer noch als Erpressung betrachtete. Mein Bruder beschwerte sich außerdem über Crisis’ Mätzchen, aber ich kapierte, dass das eher eine Angewohnheit unter Brüdern war.

Morgens joggte ich, und ich joggte mit einem Anhängsel – Luke. Der Securitytyp hielt Abstand, aber ich hatte während der ersten paar Tage versucht, ihm davonzulaufen. Ich begriff ziemlich schnell, dass das unmöglich war. Der Bursche wurde einfach nicht müde. Das einzig Gute war, dass er nicht redete, also ignorierten wir einander und kamen am Ende gut miteinander aus.

Ich war in einer Fahrgemeinschaft zur Uni mit einem Mädchen namens Dana, das ich über die Webseite der Universität gefunden hatte. Luke überprüfte sie natürlich, aber er folgte uns trotzdem mit seinem Wagen zum Campus. Ich wollte Normalität, und es war nicht normal, mit einem Bodyguard zur Uni zu fahren. Andererseits war es auch nicht normal, überall eine Waffe mit sich herumzutragen.

Ich ging in die Vorlesungen, sprach aber kaum mit irgendjemandem, außer wenn es unbedingt sein musste, kam anschließend nach Hause, immer das Gleiche, fünf Tage die Woche. Die Wochenenden bestanden aus joggen und Hausaufgaben machen. Es war produktiv. Es war das, was ich wollte, und ich hatte zwölf Jahre lang nichts getan, was ich gewollt hatte.

Aber Crisis … auf ihn war ich nicht vorbereitet gewesen. Er unterhielt sich gern, und wegen unserer Abmachung geschah das in SMS-Form. Und nach einem Monat mit seinen Nachrichten taute ich tatsächlich bei seiner Verspieltheit etwas auf.

Du vergleichst Gurken mit Penissen?, fragte ich ihn.

Ja.

Was ist mit Möhren?

Seit wann sind Penisse spitz am Ende?

Also, du magst keine Gurken in deinem Salat, weil sie wie zerschnittene Penisse aussehen und du davon Albträume kriegst?

Ja, Ice. Das habe ich gesagt. Aber wir reden von großen Gurken, nicht von diesen Babygurken. Und verflixt, ich mag sie einfach nicht, und die sind immer in meinem Salat. Ich sitze hier und picke sie einzeln heraus, und ich weiß, dass ich sie nach dieser ganzen verdammten Arbeit trotzdem noch schmecken werde.

Gurken aus deinem Salat zu picken ist Arbeit?

Er musste sich wohl langweilen, denn er schwafelte immer, wenn er sich langweilte. Ich bückte mich, steckte meine Bücher in den Rucksack, zog den Reißverschluss zu und stand auf, bevor ich mein Telefon vom Schreibtisch nahm.

Meine Finger haben die ganze Nacht gespielt, ich kann diesen Mist nicht gebrauchen.

Ich war mir nicht sicher, was er damit meinte. Es war kein Geheimnis, dass Crisis nach den Konzerten häufig mit Frauen rummachte, und vielleicht tat er das auch vor den Konzerten. Ich hatte nicht viel darüber nachgedacht – wir simsten einander halt. Das war eine Vereinbarung. Aber nachdem ich einen Monat lang jeden Tag mit ihm kommuniziert hatte, begann ich darüber nachzudenken.

Und nach deinem Schweigen zu urteilen, hast du gerade schmutzige Gedanken. Himmel, Babe. Ich meinte die Gitarre. Wir hatten gestern Abend einen Gig.

Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu lächeln. Da schlich sich wieder dieses winzige Lächeln ein. Das war in letzter Zeit häufiger passiert, wenn ich per SMS mit Crisis kommunizierte. Es war seltsam, weil er ganz beiläufig über solche Sachen schrieb, und ich dachte, es würde mich abstoßen oder anekeln. Und die ersten paar Male, bei denen er in den SMS seinen Penis erwähnt hatte, war ich innerlich erstarrt, aber jetzt dachte ich nicht mal mehr darüber nach. Es war Crisis, und er schrieb bloß drauflos. Es hatte nichts mit Sex zu tun oder damit, dass er Sex mit mir wollte.

War er gut?

Ich wusste, dass es gut gelaufen war. Ich hatte nachgeschaut, als ich am Morgen aufgestanden war, denn die Kritiken schwärmten von Tear Asunder, genau wie bei all den anderen Auftritten bisher. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, das Internet zu durchforschen, um die Band im Auge zu behalten.

Natürlich beherrschte Crisis die Fotos, die Medien liebten ihn, und nach seiner Unbeschwertheit vor den Kameras zu urteilen, liebte er sie ebenfalls. Oft zeigten die Fotos ihn mit dem Arm um eine x-beliebige Frau, und ich wusste, dass jede von ihnen x-beliebig war, weil niemals dieselbe Frau zweimal auftauchte. Er sog mit seinem frechen Grinsen die Aufmerksamkeit in sich auf wie ein Schwamm. Ich ertappte mich dabei, dass ich die Augen verdrehte und lächelte, wenn ich eine neue Frau auf einem Foto entdeckte, weil es leicht absurd war. Ich nahm an, dass jede Frau dachte, sie wäre etwas Besonderes für ihn. Dass sie »die Eine« wäre.

Aber Traumprinzen gab es nur in verdammten Märchen. Kein Mann würde kommen und einen retten. Man musste sich selbst retten.

Es war geil. Aber Logan war neben der Spur. Emily hatte gestern Nachmittag eine Demovorstellung, und einer ist auf sie losgegangen. Sie ist noch mal davongekommen, aber Logan hat es gesehen. Davon war er die ganze Nacht etwas weich in der Birne. Sie kann es verkraften. Logan dagegen weniger. Bist du gerade im Unterricht?

Ja.

Tatsächlich war ich gerade im Begriff, den Unterricht zu verlassen.

Welcher Kurs?

Sexualkunde. Wir haben heute gelernt, wie man ein Kondom über eine Gurke streift.

Ich weiß nicht, warum ich das geschrieben habe. Crisis brachte eine Seite in mir zum Vorschein, von der ich gar nicht gewusst hatte, dass ich sie besaß. Ich wartete darauf, dass mein Telefon aufleuchtete, und hielt es in der Hand, während ich aus dem Vorlesungssaal ging.

LOL … Scheiße, Babe, du bist wirklich bezaubernd. Ich werde dich vielleicht zu der Meinen machen müssen.

Bezaubernd? Ich war alles andere als bezaubernd. Ich hatte »bezaubernd« gefressen. Ich konnte kaum glauben, dass er das gerade geschrieben hatte. Doch, konnte ich, er war schließlich Crisis. Es war einfach, mit ihm zu simsen. Am anderen Ende der Leitung war ich sicher, und er konnte auf diese Weise nicht in mich hineinschauen. Ich trat zur Seite, um andere Studenten an mir vorbeizulassen, während ich langsam durch den Flur ging und antwortete.

Und die Reporter und die Mädels enttäuschen?

Stimmt. Aber ich würde mir größere Sorgen wegen der Reaktion deines Bruders machen. Er würde meine Eier mit einer verdammten Steinschleuder beschießen.

Ich hatte Ream gegenüber nicht erwähnt, dass ich mit Crisis simste, und Crisis hatte es ihm auch nicht gesagt.

Ein Wurfpfeil wäre eher sein Stil.

Meine Eier haben sich soeben in meinen Unterleib verpisst.

Etwas stieg sprudelnd in meiner Brust hoch, und ich blieb mitten im Flur stehen. Es war ein seltsames Gefühl. Mein Inneres zog sich zusammen, und mein Magen flatterte. Ich wollte lachen, aber das Lachen war schon seit sehr langer Zeit in mir gefangen.

Bin jetzt weg.

Okay, bis später, Ice. Sei brav.

Ich schnaubte angesichts seines Spitznamens für mich. Ich war mir nicht sicher, ob er mich wegen jener Nacht so nannte, als er mich frierend gefunden hatte, oder wegen meiner eisigen Persönlichkeit. Ich steckte mir das Handy in die Tasche und eilte zu meinem nächsten Kurs.

Mein täglicher Ablauf blieb während des nächsten Monats gleich, und ich gewöhnte mich daran, Luke in meiner Nähe zu haben. Er war nicht dazu da, mich vor irgendjemandem zu beschützen, sondern vielmehr, um mich vor mir selbst zu schützen. Daher folgte er mir zwar nicht von Kurs zu Kurs, aber ich hatte den Verdacht, dass er Crisis Meldung über meinen emotionalen Zustand machte.

Mein Handy vibrierte in der Tasche meiner Stretchhose, und ich blieb am Straßenrand stehen, fischte es heraus und schaute auf den Bildschirm.

Mom hat auf Twitter meinen nackten Hintern gesehen. Mega peinlich …

Ich ließ mich am Straßenrand neben dem Graben auf den Boden plumpsen, keuchend nach den fünf Meilen, die ich gerade gelaufen war. Ich schaute mich um und sah, dass Luke ebenfalls stehen blieb. Er schien nicht mal außer Atem zu sein – gottverdammte Maschine. Er ging zu einem Baum und lehnte sich dagegen, den Kopf gesenkt, um nicht den Eindruck zu machen, als beobachtete er mich, aber ich wusste, dass er es tat.

Die unbefestigte Straße, auf der ich mich befand, war gut zum Joggen, da nur selten ein Auto vorbeikam. Und sie lag an einer der Pferdekoppeln, die ich auf dem Weg nach Hause als Abkürzung durchquert hatte.

Ich legte mich auf den Rücken, und die Kieselsteine stachen mir wie Nadeln ins Fleisch. Ich bewegte mich ein wenig, bis es nicht mehr wehtat, stellte die Knie auf und hielt mein Handy vor mich, um zu antworten.

War sie beeindruckt?

Er war mittlerweile seit zwei Monaten fort, und ich begriff, dass mich jetzt immer ein Prickeln durchfuhr, wenn mein Handy vibrierte. Bei Crisis gab es keine Filter, und es gefiel mir, dass er sagte, was immer ihm durch den Kopf ging.

Eine Brise zerzauste einige Strähnen meines Haares, die nicht verschwitzt an meiner Stirn klebten. Der Wind war heute leicht und warm, nichts, das mich jagte. Bisher hatte meine Eisschicht nur ein paar Mal Risse bekommen und Erinnerungen durchgelassen. Dann machte ich es genau wie zuvor. Ich floh, bevor etwas an mich herankam.

LOL, nein. Aber es ist total beunruhigend, dass sie mir auf Twitter folgt. Der Müll, den ich dort ausspeie, ist nicht für die Augen einer Mom gedacht.

Seine Mom – die auch die Pflegemutter meines Bruders war, da Crisis’ Eltern Ream aufgenommen hatten, als das Jugendamt das Sorgerecht bekommen hatte –, hatte etliche Male versucht, mich dazu zu bewegen, zum Abendessen zu kommen, seit die Jungs auf Tournee waren.

Ich lehnte jedes Mal ab. Auf keinen Fall wollte ich eine Mutterfigur in meinem Leben haben, die mir vorschrieb, was ich tun sollte. Ich wollte nur zur Uni gehen, einen Abschluss machen, mir einen Job suchen und ohne irgendwelche Grenzen leben.

Ich hatte gelebt wie ein misshandeltes Tier, geschlagen und getreten, in den meisten Fällen von Alexa, aber auch Olaf war ein miserables Stück Scheiße gewesen und hatte seinen Teil dazu beigetragen, wenn ich mich gegen die Kunden gewehrt hatte.

Babe, bist du da?

Ich riss schnell die Mauer hoch, die die Erinnerung blockierte, und tippte zurück.

Woher wusste sie, dass es dein Hintern war?

Tattoo.

Sie weiß, dass du ein Tattoo auf deinem Hintern hast?

Ja. Die Frau hasst meine Tätowierungen. Also, wann immer ich mir ein neues stechen lasse, schicke ich ihr ein Foto von dem Entwurf und frage sie nach ihrer Meinung.

Grausam.

Meinst du? Ich fand es eher clever. Hast du inzwischen deinen Führerschein?

Nein.

Gut.

Gut?

Ja, ich will es dir beibringen.

Ich wollte tatsächlich meinen Führerschein machen, hatte aber keinen Gefallen an dem Gedanken gefunden, mit einem Fremden im Auto zu sitzen. Mein Telefon vibrierte abermals.

Also, was machst du gerade?

Ich war joggen. Jetzt liege ich am Straßenrand und simse dir.

What the fuck. Runter von der Straße.

Hier fährt niemand lang. Es ist diese unbefestigte Sackgasse hinter der Ranch.

Ich rufe dich an.

NEIN.

Ich ließ meine Hand mit dem Telefon auf meinen Schoß fallen und schloss die Augen, während die Morgensonne auf mein Gesicht schien. Er hatte mich seit seiner Abreise zweimal angerufen, aber ich hatte die Anrufe beide Male nicht angenommen und ihm dann gesimst, dass ich an der Uni sei und nicht reden könne. Es war keine Lüge gewesen. Ich war an der Uni gewesen, aber Gespräche mit Crisis fühlten sich anders an als SMS. Simsen war … unpersönlich.

Mein Telefon sang »Part of Me« von Katy Perry.

Er wusste, dass ich nicht im Unterricht und durchaus in der Lage war, seinen Anruf entgegenzunehmen. Mist, ich musste drangehen, sonst würde Crisis, wie ich ihn kannte, weiter anrufen, bis ich es tat, und wenn ich es gar nicht tat, würde er wahrscheinlich Luke anrufen.

Ich ging an den Apparat, sagte jedoch nichts.

»Runter von der Straße«, sagte er. »Verdammt, wo ist Luke?«

»In der Nähe.« Ich richtete mich auf und schlang mir einen Arm um die Beine, während ich mir das Telefon ans Ohr hielt. Der Klang seiner Stimme jagte mir einen Schauer über den Körper und bescherte mir ein Flattern im Bauch. Crisis hatte eine sexy Stimme, irgendwie heiser mit einem leichten, tiefen Tremor, der auch zu hören war, wenn er sang. Logan, in der Öffentlichkeit auch als Sculpt bekannt, war der Leadsänger, aber häufig übernahmen auch Crisis oder Ream Teile der Songs, die sie sangen.

»Bist du von der Straße runter? Ich habe nicht gehört, dass du dich bewegt hast.«

Der Schotter knirschte unter meinen Füßen, als ich aufstand und ging. »Warum rufst du an?«

»Du liegst auf der Straße. Natürlich rufe ich an. Denk dran, keine Risiken.«

»Neben der Straße. So wie der Standstreifen. Und wenn es ein Risiko wäre, hätte die Nervensäge, die du auf mich angesetzt hast, bestimmt etwas dazu zu sagen gehabt. Im Moment« – ich verrenkte mir den Hals, um in Lukes Richtung zu schauen – »lehnt er an einem Baum und sieht nicht zu mir her, aber ich wette, er hat übermenschliche Augen und Ohren und weiß genau, was ich gerade sage und tue.«

»Luke war Teil des Deals. Und er hat sie.«

»Er hat was?«

»Übermenschliche Augen und Ohren. Er ist der Inhaber von Shield Security, und er ist der Beste.«

»Ich hatte es so verstanden, dass Deck der Beste sei.«

Er lachte leise. »Deck und seine Männer sind die Besten, aber sie machen keinen Personenschutz bei Promis. Das ist eine vollkommen andere Nummer.« Er verstummte, und ich hörte ihn Luft holen, bevor er fragte: »Bist du okay, Haven?«

»Mir geht es gut.«

»Du klingst sauer, weil ich angerufen habe.«

War ich sauer? Nicht direkt, eher defensiv, weil es mich beunruhigte, dass mir sein Anruf gefiel. »Außer Atem.«

»Quatsch. Wenn ich dich ins Telefon hätte keuchen hören, hätte ich jetzt eine Erektion.«

Ich konnte nicht glauben, dass er das gesagt hatte. Doch, konnte ich. »Willst du, dass ich keuche, damit deine Braut des Abends was zu Reiten hat?«

Trotz all der Dinge, die ich durchgemacht hatte, machten mir sexuelle Anspielungen keine Angst. Es war befreiend, locker über alles Mögliche simsen zu können – sogar über Sex. Er kannte meine Vergangenheit nicht, aber er wusste, dass sie hässlich gewesen war, und trotzdem schlich er nicht wie auf Eiern um mich herum.

Die Band war in Vancouver, und wegen des Zeitunterschieds war es dort mitten in der Nacht, also sollte Crisis nach allem, was die Medien so verbreiteten, nach dem Konzert eine Frau bei sich haben.

Crisis verbarg seinen Playboystatus nie, und ich war mir sicher, dass ich mich deshalb mit ihm so wohl fühlte, weil es zwischen uns keinen Druck gab, uns zu verstellen. Keine Erwartungen. Er flirtete manchmal, weil das einfach das war, was er gerne tat, aber mehr auch nicht.

»Ich mache diesen Scheiß nicht.«

»Frauen sind jetzt Scheiße?«

Er lachte. »Nö, du nicht.« Das Telefon knisterte, als bewegte er sich, dann ächzte er: »Au. Mist.«

»Was ist passiert?«

»Ich habe mich an der Eismaschine gestoßen. Das verfluchte Ding steht mitten im Flur.« Ich schnaubte, weil ich wusste, dass es nicht stimmte und er offensichtlich nicht aufgepasst hatte, wo er hinging. »Ich bin auf dem Weg zu meiner Suite, damit ich mich hinlegen und mit dir reden kann. Es war eine höllisch lange Nacht.«

»War das Konzert gut?«

»Babe, ich hab es dir gesagt, ein Konzert ist für mich wie ein zweistündiger Orgasmus.«

Ich lächelte. Wann immer er oder Ream über Musik sprachen, war es so, als würde ein Funke Energie in ihnen zum Leben erwachen. Ich hatte den Verdacht, dass alle Männer in dieser Band so waren, obwohl ich bei Kite, dem Schlagzeuger, Mühe hatte, ihn zu durchschauen.

»Haven?«

»Ja?«

Er seufzte. »Ich dachte, du hättest mich abgehängt.« Ich hörte ein Piepen. »Scheiße. Kite. Ernsthaft, Mann? Benutz dein eigenes Zimmer.«

»Was?«, hörte ich Kite sagen.

»Haven, eine Sekunde.« Seine Stimme klang, als wäre sie weiter entfernt, während er mit Kite sprach.

Dann rief Kite mit seinem schwachen irischen Akzent: »Stehst du auf zwei Typen gleichzeitig, Schätzchen?«

Erschrocken umklammerte ich das Telefon fester.

»Klar«, brüllte eine leicht gedämpfte Frauenstimme. »Ist das Crisis?«

Im Telefon knisterte es, und ich hörte Stimmen, konnte aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Eine Tür schlug zu.

»Mist, Ice. Tut mir leid. Kite ist ein Arschloch.«

»Oder großzügig.« Ich hatte nicht erwartet zu hören, dass Kite und Crisis sich Frauen teilten.

»Scheiße, nein. Wir machen so was nicht. Er steht auf … na ja, wir machen es einfach nicht.« Er hielt inne, und ich blieb stumm. »Er hat gewusst, dass ich mit dir rede, und hat mich verarscht. Er weiß, dass wir simsen.«

»Oh.« Ich war mir unsicher, wie ich das fand. Ich kannte Kite nicht so gut, aber er war immer höflich und ein Gentleman. Er war irgendwie mysteriös und hielt sein Privatleben aus den Medien heraus. Etwas düster vielleicht, mit einem Übermaß an Selbstbewusstsein, als könnte ihn nichts aus der Fassung bringen. Nach dem, was mein Bruder mir erzählt hatte, regelte er alle geschäftlichen Aspekte der Band zusammen mit dem Manager.