Badewannengeschichten - Peter Becher - E-Book

Badewannengeschichten E-Book

Peter Becher

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Beschreibung

Mit seinen humorvollen Anekdoten und Schwänken erweckt der Verfasser längst vergangene Zeiten zu neuem Leben. Er stellt Menschen vor, die uns bekannt erscheinen. Wer hat nicht schon Erfahrungen mit Schlawinern und Schlitzohren gemacht, die mit Schläue und Gewitztheit manche Mängel und Unzulänglichkeiten zu ihrem Vorteil ausnutzten? Und bieten die skurrilen Welten der Militärs nicht viel zu häufig Stoff für satirische Betrachtungen? Die Kurzgeschichtensammlung ist nicht nur als Badewannenlektüre, Urlaubsfibel oder zum besseren Einschlafen geeignet, sondern auch als Unterrichts-, Verschenk- und Vorlesebuch. Sie regt zum Nachdenken über unsere Geschichte und die aktuellen Probleme an.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Peter Becher

BADEWANNEN

GESCHICHTEN

Anekdoten und Schwänke

© 2021 Peter Becher

Lektorat, Layout, Cover: Dr. Matthias Feldbaum, Augsburg

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg

ISBN

Hardcover:

978-3-347-46007-2

Paperback:

978-3-347-46005-8

E-Book:

978-3-347-46008-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhalt

1. Schlawiner

1.1 Frühe Erinnerungen

Kindheit

Jugend

Die Wochenendfahrt

Der Pkw-Verkauf

Versicherung

Der Umbau der Laube

Sommerlager

Bübi von Kohlenhof

Kuppelei

Macht der Gewohnheit

Die Schlacht bei Kesselsdorf

Promotionsberatung

1.2 Reiseschlawiner

Der clevere Reiseunternehmer

Am Schiefen Turm von Pisa

Zollkontrolle

Der Weinschlawiner

Antje von der Käserei

Die Urlaubsfahrt

Salzburg, Getreidegasse

Die Heimfahrt

Die Besichtigung der Russen

1.3 Götter in Weiß

Der Gesundheitsunternehmer

Noch einmal Glück gehabt!

Ich wurde geimpft!

Sie wurde nicht geimpft

Der Witz

Unser Zahnarzt

Andere Länder andere Sitten

Die Kur in Benneckenstein

Die Ärzte

Eine schwierige Patientin

2. Immobilienflüsterer

2.1 Der Hobby-Immobilienmakler

Mieterauszug

Ich werde Immobilienmakler

Mietpreise

Das Exposé

Ungeduldige Wohnungssuchenden

2.2 Seltsame Wohnungsbesichtigungen

Der Rentner aus der 5. Etage

Frau Lahmann

Die Dame „vom Amt“

Fräulein Sandra

Frau Kiesberg

Frau Pineberg

Frau Klaus

Herr und Frau Stahlberg

Herr von S.

Familie Eisenberg

Die Miez

Würmer

Rentner

Die Mietnomaden

Die Entscheidung

3. Lustige Militärpersonen

3.1 Fremde Streitkräfte

Wecken in der Marine

Fahrschule zur See

Auf Wache

Die Springbrunnenaffäre

Der Wanderzirkus

Achtzig Kühe, ein Hund und vier Junge

Die Ölsuche auf der Insel Hiddensee

Die Unschuldigen

Don Cravallo

Militärtschekisten

Der Konteradmiral als Matrose

Der Vortrag

Die Seelandungsübung

Bei den Waffenbrüdern

Der Film

Der Vorbeimarsch der Dackel

Suleika

Französisch im Kindergarten

Haus Altmarkt

Das Fest der Sektion Seestreitkräfte

3.2 Wichtige Verwaltungspersonen

Der neue Leiter

Etikette

Büchertausch

Die Stellenbörse für Leihbeamte

Die Beschwerde

Der Aufbaulehrgang

Die Abschlussprüfung

Spickzettel

Auswahlverfahren

Schwachstrom-Elektriker

Learning by Doing in der Luftwaffe

Der neue Leiter der Truppenverwaltung

Eine Dreieckgeschichte

Ein Verein

Die Goldsuche

Der Computer

3.3 Seltsame Militärpersonen

Rede des Inspekteurs des Heeres

Ausgewählte Reden des Herrn Major von Biberschwanz

Sportfördergruppe

Der Pflichtbewusste

Der Hanseat – ein Nachruf

Kesselsdorf und die Bundeswehr

Die Belagerung der Sächsischen Armee bei Pirna

Munitionskontrolle

Charly Braun

Casinogespräch

Ärger mit einem überkorrekten Rechnungsführer

Nachhilfe

Die Hundeschule

Steuergelder verwalten

Ski-Ausbildung

Zeppelin-Museum

Doppelzimmer in der Burg

Auslandseinsatz

Das Preisausschreiben

Der Besuch des Ministers

Träume in stürmischer Nacht

Bildnachweis

1. Schlawiner

1.1 Frühe Erinnerungen

Kindheit

Wer erinnert sich schon an seine eigene Geburt? Alles, was später erzählt wird, stammt doch von der Verwandtschaft und ist meist mächtig geschönt. Sicher ist nur, dass ich bei Vollmond an einen Montag im März geboren wurde. Das Ganze soll sich etwas seltsam zugetragen haben.

Meine Mutter hatte schon lange Wehen, ich verweigerte aber standhaft den Sprung in das mir unbekannte Menschenleben. Da erinnerte sich die Hebamme, dass durch die Kräfte des Mondes bei Vollmond mehr Babys zur Welt kommen als normal. Sie verdunkelte das Zimmer, schob das Bett meiner Mutter bis an das Fenster und genau um zwei Uhr beim stärksten Vollmond, zog sie die Vorhänge zur Seite. Im selben Augenblick, mit einem kräftigen Schrei, kam ich zur Welt: im Sternenkreis des Fisches und durch die Kraft des Mondes geboren.

Fisch und Mond deuteten auf den seltsamsten Fisch der Welt, den Mondfisch (Mola mola, lat. „Mühlstein“) hin. Der Riese mit bis zu 2,3 Tonnen Gewicht, ein verträglicher Einzelgänger, mit sehr dicker Haut, genügsam und extrem fruchtbar, kann über 120 Jahre alt werden. In der Nacht leuchtete er silbrig wie der Mond.

Geheimnisvolle mystische Einflüsse auf meine Persönlichkeit waren zu befürchten. Mein vorbestimmter Lebensweg musste etwas mit Wasser zu tun haben.

Die ersten beiden Jahre meiner Kindheit waren sehr angenehm. Ich wurde verwöhnt, herumgezeigt und jeder Wunsch wurde mir erfüllt. Tanten und Onkels fummelten immer an mir herum und säuselten mit zarten Stimmen: „Da da“, oder „du du.“

Dann aber schlug das Schicksal zu. Bei einem Luftangriff wurde unser Haus völlig zerstört. Wir waren ausgebombt. Meine Mutter schlug sich mit mir zu Verwandten nach Südthüringen durch. Mir unbekannte, fremde Leute, mit einer komischen Sprache, versuchten dort, sich bei mir beliebt zu machen.

Erst jetzt zeigte es sich, dass aus mir einmal ein echter Schlawiner werden sollte. Ich hatte einen sehr anstrengenden Charakter. Wenn etwas nicht nach meiner Nase ging, bekam ich einen mittleren Wutanfall. Ich schrie ausdauernd in höchster Lautstärke und war durch nichts zu beruhigen. Wenn das noch nicht reichte, zerkratzte ich, in meinen Jähzorn, mir selbst das Gesicht. Für meine neue Familie der Horror.

Da entwickelte meine Großmutter ein tolles Verfahren. Sie bohrte ein kleines Loch in meinen Schnuller und füllte ihn mit Honig. Wenn ich einmal wieder ausflippte, steckte sie in mir in den Mund und sofort war Ruhe.

Nach dem Krieg tauchte ein mir bis dahin nicht bekannten Mann auf, der erklärte, dass er mein Vater ist. Er schien ebenfalls ein Schlawiner zu sein. Obwohl er nicht aus der Landwirtschaft kam, übernahm er, in dieser nahrungsarmen Zeit, eine Schweinemästerei. Als ich etwas größer war, schleppte ich bereits die Futtereimer zu den Boxen. Wenn die Schweine an der frischen Luft waren, sorgte ich für Disziplin.

Mein Lieblingstier war Jolande, eine riesige Muttersau. Die durfte sich alles erlauben. Neben der Schule war ich also als Schweinehirt tätig. Nur weil ich mit dem Borstenvieh gut konnte, glaubte meine Familie in mir einen zukünftigen Landwirt zu sehen. Das war natürlich Unsinn. Mein Sternbild sagte ganz etwas anderes aus.

In der Schule war ich immer friedlich. Böse Schüler behaupteten aber, dass ich keiner Rauferei aus dem Weg ging. In Wahrheit reagierte ich aber nur auf ihre gemeinen Provokationen.

Beispielsweise meldete sich einmal der stinkfeige Klaus-Peter, den ich sowieso nicht leiden konnte, in einer Deutschstunde bei dem alten Lehrer Müller mit einer lustigen Bitte: „Herr Lehrer Müller, der Johnny will mich nach der Schule verhauen. Können sie mich bitte zehn Minuten vor den Schluss der Stunde gehen lassen?“

Der alte Lehrer Müller reagierte äußerst erbost. „Johnny, komm sofort einmal nach vorne!“ Mir war klar, was nun folgte. Ich konnte gerade noch meine Steinschleuder unter der Schulbank in Sicherheit bringen. Dann ging es los. „Johnny alle Hosentaschen leeren!“ Auf den Lehrertisch musste ich meine Reichtümer ablegen. Meine ekligen Mitschüler hatten ihrem Spaß.

Es kamen zum Vorschein: mehrere Murmeln (Munition für die Steinschleuder), ein Taschenmesser, Schlüssel, ein Strick, Nägel und eine Rolle Kupferdraht. Der Lehrer Müller beschlagnahmte alles. Zehn Minuten vor Ende der Stunde ließ er Klaus-Peter tatsächlich gehen. Der Vorsprung war zu groß. Ich verlegte meine Rache auf später.

Jugend

Mit 14 Jahren war meine Kindheit zu Ende. In einem sogenannten „Lehrkombinat“, fern meiner Familie, wurde ich in den nächsten drei Jahren zum Maschinenschlosser ausgebildet. Das war überhaupt nicht die in meinem Sternbild vorgezeichnete Entwicklungsrichtung. Ich vermutete, dass mein anstrengender Charakter diese Verbannung in das Land der streitsüchtigen Vogtländer bewirkt hatte.

Das Kombinat bestand aus einem Werkstattgebäude, einem Lehrlingswohnheim und einer Schule im nächsten Ort. Werkstattgebäude und Lehrlingswohnheim waren eingezäunt. Ein Wachgebäude konnte man nur mit einer Ausgangskarte passieren.

Es ging sehr streng zu. Eine bessere Vorbereitung auf den Armeedienst gab es kaum. Alle acht Wochen hatte ich Urlaub und konnte am Wochenende meine Familie besuchen. Die Heimleiterin kontrollierte die Nachtruhe, ließ vor den Zimmern antreten und wenn ihr die Ordnung in einem Schrank nicht gefiel, räumte sie ihn unverzüglich aus. Dann gab es Nachkontrollen. Wir lernten Schuhputzen, Bügeln und einen ordentlichen Bettenbau. Bei mehreren Verstößen, beispielsweise bei unpünktlicher Rückkehr vom Ausgang, erhielt man seine Papiere und wurde zu dem entsendenden Betrieb zurückgeschickt.

Unser Zimmer befand sich im ersten Stock an einem langen Gang, gegenüber einer Gangerweiterung, in der sich eine Tischtennisplatte befand. Die Platte war ständig besetzt. Der Krach dabei ging uns mächtig auf dem Geist. Am Abend hatten wir nie Ruhe. Wir pirschten uns mehrmals an die Heimleiterin heran und baten um ein anderes Zimmer. Sie lehnte ab. Wir machten dann auf brav. Vorbildliche Ordnung, absolute Höflichkeit, Übernahme kleiner Dienste.

Es wirkte. Wir bekamen ein Zimmer im Erdgeschoss mit Blick zur Straße. Eine besondere Auszeichnung, gedacht nur für die Zuverlässigsten. Schon am ersten Abend eine Überraschung.

Wir lagen gerade in unseren Betten. Plötzlich Klopfen an der Fensterscheibe. Ein Lehrling, der sich beim Ausgang nicht rechtzeitig von seiner Freundin trennen konnte, bat um Einlass. Er wollte die Wache am Tor umgehen, die ihn der Heimleitung gemeldet hätte.

Was tun? Ihn einlassen? Wenn wir erwischt würden, mussten wir mit dem Schlimmsten rechnen. Ihn nicht einlassen? Wir wären zu den größten Kameradenschweinen des Lehrkombinates geworden. Wir öffneten das Fenster. Kurze Zeit später klopften wieder zwei Lehrlinge. Es gab kaum einen Tag ohne den Fensterverkehr. Wären wir doch bloß in unserem Zimmer an der Tischtennisplatte geblieben!

Die Wochenendfahrt

Meine beiden Freunde und ich hatten bei unseren Wochenendfahrten mit der Reichsbahn das gleiche Ziel: eine Kleinstadt in Südthüringen. Nachdem wir bereits drei Mal umgestiegen waren, wurde es ernst. Die letzten 36 Kilometer, über den Rennsteig hinweg, waren zu bewältigen.

Für diese Strecke brauchte, die besonders für steile Rampen geeignete Dampflokomotive des Typs DR-Baureihe 95 im Durchschnitt drei Stunden und 11 Minuten. Die Streckenhöchstgeschwindigkeit betrug eigentlich 50 Kilometer/Stunde. Zahlreiche Aufenthalte und Umspannarbeiten bewirkten aber diese lange Fahrtzeit.

Ein besonderer Höhepunkt bildete ein Bahnhof, nach dem Passieren des höchsten Punktes der Strecke (830 Meter). Der Zug erreichte in Schritttempo abwärts, über eine Linkskurve, den Bahnhof.

Da es sich um einen Kopfbahnhof (Sackbahnhof) handelte, war ein aufwendiger Lokwechsel erforderlich. Für die Reisegäste ein willkommener Anlass für eine Pause.

Am Querbahnsteig befand sich ein Empfangsgebäude mit einer Gaststätte. Die Reisenden begaben sich in die Gaststätte, wo auf dem Tresen in einer langen Reihe das Bier in großen Gläsern bereitstand. Nach der Bezahlung gingen die Gäste mit ihren Gläsern auf dem Bahnsteig und warteten auf die Lokomotive. Nach ca. 15 Minuten konnte es dann wieder losgehen.

Bei der Abfahrt stellten die Reisenden ihre Gläser auf dem Bahnsteig ab. Der Wirt sammelte sie später ein. Dieses System funktionierte reibungslos. Die Zugbegleiter hatten alles im Griff. Sie kannten die meisten Gäste und achteten darauf, dass auch alle bei der Abfahrt wieder an Bord waren.

Für die letzten Kilometer hatten wir uns in einem Nichtraucherabteil bequem gemacht. „Bequem“ ist eigentlich nicht ganz richtig. Es gab nur die „Holzklasse.“ Polsterauflagen oder ähnlicher Kram war damals noch nicht üblich und hätte auch nur zur Verweichlichung geführt. Meine Kumpels schmauchten gerade an ihren Zigaretten, als die Abteiltür aufging und eine kräftige Zugbegleiterin mittleren Alters uns streng musterte.

„Was ist denn hier los? Rauchen in Nichtraucherabteil! Das wird teuer. Mindestens zwölf Mark sind fällig.“

Das bei unserer schmalen Reisekasse! Wir waren geschockt.

Dann sagte sie: „Habt ihr mal ne Zigarette für mich?“

Sie setzte sich zu uns und erzählte bis zum nächsten Bahnhof verrückte Storys aus ihrer Zeit als Verkehrspolizistin. Sie hatte viele Jahre auf einer Kreuzung den Verkehr geregelt.

Unsere nächste Fahrt machten wir im Winter. Die Schneehöhen auf der Strecke waren furchteinflößend. Einige Male hatte die Lok zurückgezogen und sich dann mit Anlauf den Weg gebahnt. Als wir an unseren Kopfbahnhof ankamen, war alles wie immer. Wir tranken unser Bier. Wegen der Kälte in der Gaststätte.

Plötzlich erschien die bekannte Zugbegleiterin.

Sie verkündete: „Alle mal herhören! Ihr könnt heute euer Bier in aller Ruhe trinken. Die Strecke ist gesperrt. Es soll aber ein Schneepflug unterwegs sein. Das kann aber noch ein paar Stündchen dauern.“

Wir waren geschockt. Das bei den paar Stunden Urlaub zu Hause. Da können wir ja gleich wieder umdrehen!

Mit Abschluss meiner Lehrausbildung endete auch meine goldene Jugend. Nach einer Stippvisite als Schlosser lenkten mich die mystischen Kräfte meines Sternbilds in die mir vorbestimmte Entwicklungsrichtung. Ich sage aber nicht, in welche.

Der Pkw-Verkauf

Zurück in meinen Stammbetrieb lernte ich einen neuen Arbeitskollegen kennen. Er nannte sich Bodo und war ein Schlitzohr, beinahe ein echter Schlawiner. Einmal berichtet er, wie er seinem Uralt-Trabant günstig verkauft hatte.

„Mein Trabant war erst acht Jahre alt, als ich überraschend die Nachricht erhielt, dass für mich, schon nach elf Jahren Wartezeit, ein neuer Trabant zur Abholung bereitsteht. Ich wusste mich vor Glück kaum zu fassen und trommelte die Verwandtschaft und Bekanntschaft zu einer pompösen Grillparty zusammen.

Den Verkauf des alten Fahrzeuges wickelte ich nach einem damals üblichen Verfahren ab. In einer Ecke des Parkplatzes auf den Alten Markt stellte ich das Fahrzeug mit ein paar technischen Angaben und meiner Telefonnummer ab. Eine Fensterscheibe hatte ich für den Einwurf von Angeboten einen Spalt geöffnet. Nun wartete ich ab. Nach zwei Tagen lagen acht Kontaktzettel mit den Preisvorstellungen der Interessenten vor.

Ein Angebot erregte meine Aufmerksamkeit besonders. Der Zettel strotzte vor orthographischen Fehler und war mit einer Handzeichnung versehen. Er stammte offenbar von einem Interessenten mit überschaubarer Bildung. Die Skizze sollte vermutlich den Weg von einem winzigen Dorf zu einem einzelnen Bauernhof weisen. Meine innere Stimme sagte mir, dass hier eine leicht zu überzeugende Seele auf mich wartete. Ich telefonierte und handelte einen unanständig hohen vorläufigen Preis für meine alte Kutsche aus.

Zum vereinbarten Termin erreichte ich über einem abenteuerlichen unbefestigten Weg das Gehöft. Man hatte mich schon erwartet. Mehrere Erwachsenen und vier oder fünf Kinder umringten sofort mein Fahrzeug. Wie auf Kommando schmissen sich alle auf die Erde und äugten angestrengt unter mein Auto. Ich war erstaunt. Der Hausherr erklärte mir dann, dass sie vor wenigen Wochen beim Kauf eines Autos betrogen worden waren. Der Unterrahmen des Fahrzeuges war völlig durchgerostet. Bei der ersten Fahrt brach der Wagen zusammen.

Ich beruhigte ihn. Mein Fahrzeug sei werkstattgepflegt und top in Form. Wir einigten uns – Unterschrift, Zahlung in bar. Er wollte mich noch bis zum nächsten Bahnhof bringen. Da er aber wenig Fahrpraxis hatte, war er damit einverstanden, dass ich fahre – gewissermaßen als Probefahrt.

Mein Fahrstil war etwas ungewöhnlich. Ich fuhr sehr behutsam an. Es dauerte bis wir auf Geschwindigkeit kamen. Wenn sich vor mir ein langsames Fahrzeug zeigte, machte ich keinen Überholversuch. Gemütlich tuckerte ich eine längere Strecke hinter einem Traktor her.

Den neuen Besitzer erklärte ich, dass es am schlimmsten für mich wäre, wenn ich mit dem Auto, das mir nicht mehr gehört, einen Unfall bauen würde.

Als der neue Besitzer am Bahnhof das Auto übernommen hatte und langsam in der Ferne entschwand, fiel mir ein Stein von Herzen.

Den Getriebeschaden hatte er nicht bemerkt. Der erste Gang funktionierte überhaupt nicht, der vierte Gang nur manchmal. Natürlich hatte ich im Vertrag sämtliche Gewährleistung ausgeschlossen.“

Versicherung

Bodo hatte in Rostock an einer Firmentagung mit anschließendem festlichem Empfang und Auszeichnung der besten Mitarbeiter teilgenommen. Das Wetter war abscheulich.

Schneetreiben – die Winterdienste konnten kaum die Schneemassen bewältigen. Trotz der einsetzenden Dunkelheit und der Wetterwarnungen wollte er noch zu seiner Familie nach Stralsund.

In Bentwisch, einem kleinen Dorf, kam ihm in einer leichten Linkskurve plötzlich mit hoher Geschwindigkeit, auf seiner Fahrbahnseite, ein Pkw entgegengeflogen. Er riss instinktiv das Steuer nach rechts und krachte in eine Schneewehe. Sein Kollisionsgegner flog in die gleiche Wehe. Aus der Wehe sprangen sich beide Fahrzeuge an. Die Wucht des Zusammenstoßes wurde dadurch etwas gemindert. Der Motorraum seines Fahrzeuges war trotzdem völlig demoliert – wahrscheinlich Schrott. Das Fahrzeug des Unfallgegners, ein schwedischer Volvo, überstand den Unfall glimpflich. Die Motorhaube war eingedrückt. Die Räder waren durch Karosserieteile blockiert. Der Motor lief noch. Der Fahrer kam schreiend und wild gestikulierend auf ihm zu. Bodo rief von einem Wirtshaus in der Nähe die Polizei an.

Als er wieder zu der Unfallstelle kam, sah er, wie der Schwede mit einer Brechstange versuchte, die blockierten Räder von den Karosserieteilen zu befreien. Als die Räder frei waren, startete er den Wagen und wollte den Unfallort verlassen. Bodo stellte sich vor das Auto und versuchte, den Schweden klarzumachen, dass er auf die Polizei warten musste. Der Schwede rief nur „Fähre“ und fuhr auf ihn zu. Er konnte gerade noch zur Seite springen.

Wenig später traf die Polizei ein. Nachdem Bodo den Vorfall geschildert hatte, rief ein Polizist die Polizeiwache im Fährhafen an. Der Schwede wurde vor der Einfahrt auf die Fähre wegen der Verursachung eines Unfalles und Fahrerflucht festgenommen.

Für Bodo begann einige Tage danach das eigentliche Drama: die Schadensbearbeitung durch die Staatliche Versicherung: Nach einem ersten unergiebigen Telefongeplänkel bekam er einem Termin zur Vorsprache bei der Versicherung. In Vorbereitung des Gesprächs hatte er sich eine Liste erarbeitet mit seinen Ansprüchen.

Der Bearbeiter des Unfallschadens erklärte zu Beginn des Gesprächs, dass die Unfallaufnahme durch die Polizei vorläge und der schwedische Bürger Schuld habe. Er habe eigentlich einen Schadensersatzanspruch. Dieser wäre aber wahrscheinlich nicht durchsetzbar, weil es mit Schweden keinen Vertrag über die Abwicklung von Haftpflichtschäden gäbe.

Da seine Versicherung damit rechnen musste, dass sie auf ihren Kosten sitzenblieb, könnte sie ihm nur eine vorläufige eingeschränkte Regulierung anbieten. Bodo verstand nichts, legte aber seine Schadensliste vor.

Der Versicherungsagent schüttelte den Kopf und lachte. Dann meinte er: „Wir können ja einmal die Liste durchgehen. Also, Reparatur des Fahrzeuges. Da machen sie sich lieber keine großen Hoffnungen. Wir prüfen erst einmal, ob das noch wirtschaftlich sinnvoll ist, bei dieser Laufzeit. Vielleicht kommt auch nur eine Verschrottung in Frage. Abschleppkosten und Aufbewahrungskosten beim Abschleppdienst. Die Aufbewahrungskosten übernehmen wir nicht. Der Unternehmer hat keine Kosten. Sein Hof ist groß genug. Kosten für ein Ersatzfahrzeug. Das können sie vergessen – bei der unsicheren Schadensübernahme durch den Verursacher.“

Bodos schlimme Erwartungen hatten sich bestätigt. Schon etwas gereizt sagte Bodo, dass er noch weitere Kosten habe.

„Was soll denn das noch sein?“

Bodo: „Nun, ich musste ein Taxi bis Rostock bezahlen und die Fahrkarte nach Stralsund war auch nicht umsonst.“

Der Versicherungsvertreter: „Hören sie bloß auf mit diesem Kleinkram. Wenn sie mit dem Auto gefahren wären, hätten sie auch Benzinkosten!“

Bodo: „Meine Zusatzheizung im Innenraum wurde zerstört, mein Autoatlas ist vermutlich in der Schneewehe verblieben und meinen Anzug für festliche Anlässe kann ich nicht mehr benutzen.“

„Hahaha! Haben sie überhaupt eine Zulassung vom TÜV für ihre Heizung? Und können sie überhaupt Rechnungen für die Heizung, den Autoatlas und den Anzug vorlegen? Den Anzug möchte ich morgen bei ihnen ansehen. Bestimmt muss er nur gereinigt werden.“

Bodo konnte sich nur mühsam beherrschen. Bisher hatte er wahrheitsgemäß seine Ansprüche dargelegt. Sollte er aber noch ehrlich bleiben bei so einer Schadensabwicklung?

Zu Haus nahm er sich seinen Anzug vor. Ein Riss im Hosenbein – er war an einem Pedal hängengeblieben und Schmiere an den Ärmeln, würden den Versicherungsvertreter bestimmt nicht zu einer Neubeschaffung veranlassen.

Er führte einen Besenstiel durch ein Knopfloch und riss es aus. Er war eben am Schalthebel hängengeblieben. Am nächsten Tag schaute sich der Agent den Anzug an und erklärte: „Eine Kunststopferei und die Reinigung können das schöne Stück wieder in Ordnung bringen. Eine Neubeschaffung fällt aus!“

So weit Bodos Erfahrungen mit der Versicherung.

Der Umbau der Laube

Das mit der Laube hat eine Vorgeschichte. Nach den Luftangriffen auf Dresden in der Zeit vom 13. bis 15. Februar 1945 wurden die Ruinenteile und der Schutt der verwüsteten Innenstadt im Norden, an den Hellerbergen, aufgeschichtet. Obdachlose bauten sich in ihrer Not mit diesen Trümmerteilen Behelfsunterkünfte, um erst einmal ein Dach über dem Kopf zu haben. In den folgenden Jahren unterstützte die Stadt diese Initiativen. Es wurden Straßen vermessen und mit Buchstaben gekennzeichnet, sowie eine Wasserund Elektroversorgung errichtet. Das Gebiet, nun bezeichnet als „Hellersiedlung Nord“, sollte ein reguläres Wohngebiet werden.

Daraus wurde aber nichts. Um die Bevölkerung mit frischem Obst und Gemüse zu versorgen, wurde das Gebiet in eine Kleingartensparte umgewandelt. Von dem ehemals vorgesehenen Verkauf der Parzellen war keine Rede mehr. Die Pächter mussten strenge Vorgaben hinsichtlich der Anpflanzungen einhalten. Die nicht normgerechten Unterkünfte wurden geduldet.

Mit den „ersten freien Wahlen“ in der DDR sollte nach den Verlautbarungen der „Modrow-Regierung“ alles besser werden. Herr Müller, Besitzer einer Baulichkeit in der Kleingartenanlage, sah nun seine Chance.

Mit seinem Sohn begab er sich zum Bauamt beim Rat der Stadt und stellte einen Antrag auf Kauf der Parzelle und Genehmigung eines Anbaus an seine Datsche.

Ein Sachbearbeiter erklärte ihnen nach Überfliegen der Schreiben wütend: „Das könnte ihnen so passen. Pachtland in Eigentumsland umwandeln und dann noch große Erweiterungsbauten. Diese kleinbürgerlichen Idylle werden wir niemals dulden. Solange ich hier etwas zu sagen habe, gibt es keine Genehmigung für dergleichen Verirrungen.“

„Vati“, sagte sein Sohn, „rege dich nicht auf. Da warten wir eben noch die paar Wochen!“

Nach der sogenannten Wiedervereinigung gingen die beiden mit ihren Anträgen zum Dezernat Bauwesen. Nach dem der Bauamtschef, ein Herr mit einer kleinen bayrischen Sprachunart, ihre Anträge gelesen hatte, lachte er und sagte: „Über diese hirnrissigen Anträge kann man nur den Kopf schütteln. Haben sie den immer noch nicht begriffen, wo sie jetzt leben? Das hier ist jetzt Bundesrepublik. Es gilt das Bundeskleingartengesetz. Nach dem § 9 des Gesetzes können sie in ihrer Datsche noch nicht einmal mehr übernachten. Wenn unsere Kontrolleure bei ihnen nachts Licht feststellen sollten oder wenn die Anpflanzungen nicht metergenau der Vorschrift entsprechen, sind sie ihren Pachtvertrag los.“

Jetzt flippte Herr Müller aus. „Ist das die neue Freiheit, die sie uns versprochen haben? Sehen sie bloß zu, dass sie wieder nach Bayern kommen.“

Der Bauamtschef: „Sie Arschkappelmuster, wann Sü nicht werden aufhören, mich zu begeifern, so lasse ich ihnen eune besüchtigen, dass sie meinen es hat gehimlitzt!“

Müller Junior: „Da verkaufen wir halt die Datsche und kaufen uns ein Grundstück in ihrer Nähe in Bayern. Da können wir das mit dem Arschkappelmuster noch einmal bereden.“

Sommerlager

Mein Neffe war gerade zum zweiten Mal durch das Abitur gerauscht, da hörte er von einem Sommerlager der Pfadfinder der Altersgruppe 18 bis 21 Jahre, der sogenannten „Rover“, das der militärischen Ertüchtigung dienen sollte. Nun, sagte er sich, vielleicht könnte mir diese Fahrt etwas bringen. Mit dem Studium sah es ja nun finster aus. Vielleicht bleibt mir nur eine Karriere bei der Bundeswehr.

Das Sommerlager sollte im Raum Schneverdingen in der Lüneburger Heide stattfinden. Treffpunkt war die kleine Ortschaft Wesseloh. Bis zum Camp, westlich des Mühlenteiches, war es noch ungefähr ein Kilometer. Die Bundeswehr hatte sich nicht lumpen lassen. Aus Altbeständen hatte sie das Unternehmen mit Zelten, Tarnanzügen und Rucksäcken unterstützt. Sogar Fechtgewehre stellte sie zur Verfügung.

Leiter war ein langjähriger Pfadfinder und ehemalige Offizier der Bundeswehr, Oberleutnant der Reserve Sandsack. Der hatte sich vorgenommen, den „Rovern“ einmal so richtig die Hammelbeine langzuziehen. Sein Programm sah das Graben von Mannlöchern vor, ihre Verbindung zu Schützengräben, Gepäckmärsche, das üben von Angriff und Verteidigung im unwegsamen Gelände und andere Torturen.

Einen Höhepunkt bildete die Überwindung eines versumpften Baches mithilfe eines zwischen zwei Bäumen gespannten Taus. Damit die Übung nicht zu leicht war, hatte die Klettertour mit vollem Rucksack und Fechtgewehr zu erfolgen. Die Entfernung war so bemessen, dass den meisten über dem Bach die Kräfte ausgingen. Es zeigte sich, dass kaum ein Pfadfinder den Sturz in den Moder verhindern konnte. Nach diesem Erlebnis trübte sich die Stimmung ein. Einige überlegten, wie sie diesen perversen Reserveoffizier auch einmal richtig reinlegen könnten.

Das Zeltlager in dem Biwak wurde streng bewacht. Jeweils ein Posten am Eingang und ein Streifenposten, der das Gelände umrundete, sicherten unseren Nachtschlaf mit stählerner Festigkeit. Damit sich kein Unbekannter einschleichen konnte, wurde täglich die Parole gewechselt.

Es gab aber ein Problem. Der „Donnerbalken“ auf dem wir gelegentlich wie die Hühner saßen, um uns des Ergebnisses unseres Verdauungsprozesses zu entledigen, lag außerhalb des bewachten Geländes. Das war wegen des Geruches so festgelegt.

Nun komme ich zum eigentlichen Problem. Sandsack lag unruhig in seinem Feldbett und fühlte … fühlte …, dass er wohl genötigt sein würde, noch in der Nacht den Mond zu betrachten … Doch draußen war es scheußlich kalt. Warten wir mit der Besichtigung des Mondes bis morgen, sagte er sich! Er versuchte einzuschlafen.

Leider klappte das nicht. Er musste aufstehen – in Unterhemd und Turnhose – und gehen. Hinaus ließ ihn der Posten ohne Probleme. Als der Leiter aber wieder zurück in das Zeltlager wollte, rief der Posten: „Halt, wer da? Parole!“

„Parole … Parole … verflixt noch mal – wie war die noch einmal gleich …? Posten, lassen Sie mich hinein, mir ist kalt!“

„Parole!“, verlangte der Posten noch einmal.

„Pfadfinder Meier, erlauben Sie sich keine Späße mit mir! Ich bin ihr Leiter – Sie kennen mich doch.“

Meier, ein echtes Schlitzohr, wollte sich jedoch den kleinen Spaß nicht entgehen lassen. „Parole!“, forderte er weiter.

Sandsack fühlte, wie ihm trotz der Kälte der Schweiß auf die Stirn trat. „Parole … Parole … mir scheint: B. B. Bornemann.“

„Das war gestern“, sagte Meier.

Darauf der Oberpfadfinder: „Pfadfinder Meier! Wenn Sie mich noch länger in der Kälte verkommen lassen, werde ich morgen dafür sorgen, dass es Ihnen nicht gut geht.“

„Herr Sandsack, wenn Sie die Parole nicht wissen, zeigen Sie mir wenigsten ihren Ausweis!“

„Himmel, Arsch und Zwirn“, tönte Sandsack, „hat man bei Ihnen Taschen in den Unterhemden für Ausweise?“

Meier kämpfte mit sich, dann beugte er sich vor und flüsterte: „Herr Sandsack. Parole: Es ist noch warme Suppe da.“

„Es ist noch warme Suppe da!“, wiederholte der Oberpfadfinder.

„Passieren!“, rief der Posten. Alles war in Ordnung.

Bübi von Kohlenhof

Es ist schwer, die Sache zu erzählen, denn zärtliche Gefühle spielten dabei eine Rolle. Sie trug sich ungefähr wie folgt zu: Wir saßen gerade in den „Vier Jahreszeiten“, ich und mein Freund Udo, und hielten Ausschau nach hübschen Frauen. Da tat sich die Tür auf, vier Schönheiten betraten die Wirtschaft und ließen sich nicht weit von uns nieder. Mein Udo äugte sofort zu einer schlanken Dunkelhaarigen und sagte: „Was für ein fesches Weib, die würde ich nicht von der Bettkante stoßen!“ Er konnte kein Auge von ihr lassen. Leider endete dann der Abend für ihn ohne den geringsten Erfolg.

In den nächsten Wochen bemerkten wir seltsame Veränderungen bei Udo. Er sonderte sich ab und nahm nicht mehr an unserer feucht-fröhlichen Freizeitgestaltung teil. Wir waren äußerst beunruhigt und stellten ihn unter Beobachtung. Im Wohnheim hatte Udo sein Zimmer am Ende eines langen Ganges. Von seinem Fenster und dem Fenster des Ganges konnte man in den Hinterhof eines Wohngebäudes sehen.

In einer Ecke waren Kohlen gelagert. Eines Tages berichtete ein Kollege von unserem Montageteam, er habe eine hübsche Frau mit einem kleinen Mädchen im Hof gesehen. Udo habe sich, aus seinem Fenster heraus, mit ihr unterhalten. Die Nachaufklärung ergab: Es war die schlanke Dunkelhaarige aus den „Vier Jahreszeiten.“

Der neugierige Kollege wollte nun der Sache auf den Grund gehen. Als Udo auf Arbeit war, ließ er ein Bild von ihm an einen Faden zu den in Hof spielenden kleinen Mädchen hinunter. Es fasste das Bild und rief: „Papi, Papi!“

Die Sache wurde ruchbar. Udo und der Kollege kannten sich nicht mehr. Schön, es gab eine Affäre. Man musste sie aber nicht sehen, wenn man eben nicht wollte. Wer hätte das gedacht, dass Udo so ein Schlawiner war!

Als sich die Sache zuspitzte, wollte Udo von mir einen Rat. Bübi, wie er sie nannte, war verheiratet, lebte in Scheidung und die Schuldfrage war noch nicht geklärt. Sie wollte, dass Udo als Zeuge während der Gerichtsverhandlung auftrat. Er sollte aussagen, dass sie am ganzen Körper blaue Flecken hatte und diese von ihrem gewalttätigen Ehemann stammten.

Ich riet ihm, sich bei Gericht wegen einer Versetzung ins Ausland zu entschuldigen.

Er faste Vertrauen und beichtete dann, dass Bübi guter Hoffnung sei und er ein schlechtes Gewissen hätte. Eigentlich sollte die romantische Angelegenheit auch nicht so lange dauern.

Viele Jahre später traf ich zufällig Udo. Natürlich fragte ich nach Bübi vom Kohlenhof. Er hatte damals sofort die Flucht ergriffen. War im Ausland auf Montage und auf verschiedenen Baustellen in Deutschland. Immer wenn er dachte, dass Bübi seine Spur verloren hatte, tauchte sie plötzlich wieder auf. Da meldete er sich freiwillig zur Bundeswehr. Über mehrere Monate hatte er seine Ruhe. Nach zwei Jahren hatte sie ihn doch wieder gefunden. Heute ist er mit ihr verheiratet. Sie haben fünf Kinder.

Kuppelei

Der Lehrstuhlleiter Französisch, ein Schlitzohr, mit allem Wassern gewaschen, sprach von seinen Personalsorgen. Wenn man eine junge Sprachlehrerin eingearbeitet hatte, dauerte es nicht lange – selbst, wenn sie nicht überströmend hübsch war – bis irgendein junger Gockel seine Glupschaugen auf sie geworfen hatte. Und hast du nicht gesehen, war sie weg!

Tatenlos wollte er diesem Treiben nicht mehr zuschauen. Mit seinen Kollegen von Lehrstuhl Englisch entwickelte er einen raffinierten Plan. Innerhalb der Mauern der Universität befanden sich ein halbes Dutzend Ein- und Zweifamilienhäuser, die verschiedenen Zwecken dienten. Zwei verheiratete Lehrerehepaare fanden in ihnen auch billige und bequeme Wohnungen. Bei den langen Wartezeiten auf eine passende Bleibe, für sie ein verständlicher Grund, um sich länger an die Schule zu binden.

Die Lehrstuhlleiter sagten sich, wenn es uns gelänge, die jungen ledigen Lehrer und Lehrerinnen geschickt zusammenzubringen, könnten sich die Chancen für ihren Verbleib an der Uni mehren. Vor allem, wenn eine Wohnung winkte. Natürlich musste man sehr geschickt vorgehen.