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Als achtes von zehn Kindern einer armen Bergbauernfamilie zur Welt gekommen, wird der zwölfjährige Georg Inderbitzin Novize im Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard. Eine Ehre, die nur wenigen Jungen aus einfachen Verhältnissen zuteilwird. Zwölf Jahre soll hier sein Zuhause sein: zwischen dem Wallis und dem Piemont, wo die Augustinermönche den Menschen beistehen, die auf der Suche nach einem besseren Leben über den Pass ziehen. Ein hartes, entbehrungsreiches Dasein, besonders in den nicht enden wollenden Wintern. Trost findet Georg bei den Bernhardinern, deren Aufgabe es ist, im Schnee verirrte Reisende zu finden. Im kalten Februar des noch jungen Jahres 1800 bewahrt er einen Welpen vor dem sicheren Tod. Der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft. Zwischen 1800 und 1814 rettet Barry über vierzig Menschen das Leben, und der Mythos des ikonischen Lawinenhundes mit dem Fass um den Hals geht um die Welt. Stephan Pörtner leiht Georg Inderbitzin seine Stimme und erzählt die einzig wahre Geschichte von Barry. Und wenn sie nicht wahr ist, dann ist sie doch wahnsinnig schön.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2026
Stephan Pörtner
Die Geschichte des heldenhaften Bernhardiners
Aufgezeichnet von Georg Inderbitzin
Atlantis
Vor vielen Jahren, während der Recherchen zu einem historischen Roman, zog ich mich oft in die Schweizer Berge zurück, um ungestört arbeiten zu können. Am liebsten mietete ich mich in kleinen Pensionen ein, die sich an unspektakulären Orten befanden. Ich blieb jeweils für mehrere Tage, manchmal auch für eine Woche. Ich reiste mit dem Zug an und hatte stets eine Menge Bücher dabei. Jeden Tag machte ich mindestens einen Spaziergang, hin und wieder unternahm ich auch eine längere Wanderung. Die hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass ich verschiedene Gegenden der Schweiz besser kennenlernte. So führte mich diese Arbeit in ein kleines, altes Gasthaus auf der Walliser Seite des Grossen Sankt Bernhard. Es lag etwas abseits der Passstrasse, die Gastleute waren freundlich, das Zimmer war einfach, ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. Vom Fenster aus sah ich ins Tal hinunter. Es gefiel mir so gut, dass ich meinen Aufenthalt immer wieder verlängerte.
Im unteren Stock befand sich die Gaststube, die nicht mehr in Betrieb war. Dort sass ich oft an einem der beiden grossen Tische, blätterte in alten Büchern, füllte handschriftlich meine Notizbücher oder tippte in meinen Laptop. Ich habe noch selten an einem Ort so gut arbeiten können wie in diesem alten Haus. Mit der Zeit lernte ich die Wirtsleute, ein älteres Ehepaar mit einer etwa dreissigjährigen Tochter, besser kennen und wurde fast so etwas wie ein temporäres Familienmitglied. Wir unterhielten uns in einer Mischung aus Französisch, Deutsch und Dialekt. Bald nahmen wir nicht nur das Frühstück, sondern auch das Abendessen gemeinsam in der gemütlichen Stube ein. Oft blieb ich danach mit der Tochter noch sitzen, wir tranken Wein und redeten. Sie hatte die enge Heimat sehr jung verlassen und viele Jahre im Ausland verbracht. In Brasilien habe sie gelebt, sagte sie eines Abends, erzählte dann aber nicht weiter. Vor zwei Jahren war sie zurückgekehrt. Seither half sie den Eltern in der Pension. Doch der Betrieb lief mehr schlecht als recht, das Haus lag abseits der grossen Verkehrswege. Es war vor sehr langer Zeit in der Nähe des alten Säumerpfades erstellt worden. Seit 1905 die Strasse gebaut worden war, kamen hier nicht mehr viele Leute vorbei. Die Eltern lebten von ihrer Rente und betrieben die Pension mehr aus sentimentalen denn aus finanziellen Gründen weiter.
An einem dieser Abende, an dem wir zu zweit am Küchentisch sassen, sagte die Tochter zu mir: »Du schreibst doch und interessierst dich für alte Geschichten. Ich glaube, ich hätte da etwas für dich.«
Ich seufzte innerlich. Vielleicht hatte ich sie beeindrucken wollen, als ich ihr sagte, dass ich einen Roman schreibe. Doch wenn man sagt, dass man Bücher schreibt, ist es unvermeidlich, dass einem, vor allem wenn getrunken wird, früher oder später jemand vertraulich nahe rückt und sagt: »Weisst du was? Über mich müsstest du ein Buch schreiben! Was ich alles erlebt habe, das glaubt kein Mensch!«
Meistens glaubt man es jedoch nur zu gern, handelt es sich doch um nichts anderes als Banalitäten, Unglücksfälle und verpasste Gelegenheiten. Je nachdem geht es auch um den Vater oder den Grossvater, über den man ein Buch schreiben sollte. Nun sind darunter zweifellos auch spannende und volkshistorisch wertvolle Geschichten, aber ich war mit meinem Projekt beschäftigt. Doch da die Wirtsleute so nett zu mir gewesen waren und ich die Tochter besonders lieb gewonnen hatte, täuschte ich Interesse vor.
»Ich habe begonnen, den Dachstock aufzuräumen«, sagte sie. »Dort bin ich auf alte Koffer und Kisten gestossen, die über die Jahrzehnte in diesem Haus zurückgelassen wurden.« Sie liess ihren Blick durch die Küche schweifen. »Ich spiele mit dem Gedanken, einen Teil dieser Gegenstände im Haus auszustellen, um so eine Art Museumshotel daraus zu machen. Das ist doch heute wieder gefragt: Gegenstände, die von Hand gemacht wurden, die eine Geschichte erzählen. In einer dieser Kisten habe ich eine Bibel gefunden und ein paar lederbezogene Kladden, die mit von Hand vollgeschriebenen Papierbögen gefüllt sind. Ich kann zwar die alte Schrift fast nicht lesen«, sagte sie, »doch ein paar Daten konnte ich entziffern. Es handelt sich um Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert. Wahrscheinlich hatte sie ein Reisender hier zurückgelassen oder zur Aufbewahrung gegeben. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die Sachen wegzuwerfen. Als ich dich heute so dasitzen und schreiben sah, sind mir die Papiere wieder in den Sinn gekommen. Willst du sie dir einmal anschauen?«
»Ja, gerne«, sagte ich, um die Wirtstochter nicht zu enttäuschen.
»Ich bin sehr gespannt, was darin steht«, sagte sie mir leise ins Ohr, als wir uns wenig später im dunklen Estrich über die Truhe beugten.
Ich nahm die Kladden mit hinunter in mein Zimmer. Natürlich hätte ich einfach einen Tag lang stirnrunzelnd auf die Handschriften starren und schliesslich verkünden können, es handle sich um völlig uninteressante Aufzeichnungen, Handelsdokumente oder etwas in der Art. Weil es mich jedoch interessierte, was darin stand, begann ich mühsam, die Schrift zu entziffern. Zu Beginn kam ich nur sehr langsam voran mit dem Lesen. Die Papiere waren teilweise in einem schlechten Zustand, es dauerte eine Weile, bis die Fragmente und Aufzeichnungen einen Sinn ergaben. Doch nach und nach ging es flüssiger, und ich kam in die Geschichte hinein.
Als ich am dritten Tag nach dem Fund nicht zum Frühstück erschien, klopfte die Tochter an meine Zimmertür und fragte besorgt, ob mir nicht gut sei. Ich konnte sie beruhigen. Mir ging es gut. Ich hatte einfach die Zeit vergessen und die ganze Nacht gelesen. Erst in den frühen Morgenstunden war ich eingeschlafen.
Was ich in den Papieren entdeckt habe, ist die Geschichte einer Ikone, eines Wahrzeichens der Schweiz. Eine Geschichte, die man auf der ganzen Welt kennt, in unzähligen Variationen. Ich war infiziert und bat, mir die Kladden ausleihen zu dürfen. Sie vertraute sie mir an, unter der Bedingung, dass ich sie zurückbrächte, wenn ich sie nicht mehr brauchte.
Ich versprach es.
Zu Hause begann ich, die Papiere zu transkribieren. Sie waren offenbar nicht immer trocken gelagert worden, an Stellen war die Tinte zerlaufen oder ausgewaschen. Es fehlten ganze Teile der Erzählung, entweder waren sie im Laufe der Zeit verlustig gegangen, oder sie lagerten an irgendeinem anderen Ort.
Meinen Roman vernachlässigte ich und machte es mir stattdessen zur Aufgabe, die oft verworrenen, teils bruchstückhaften, dann wieder ausschweifenden Erzählstränge dieser Aufzeichnungen zu ordnen und zu bündeln. Sie sind wohl über einen langen Zeitraum hinweg entstanden. Der Verfasser scheint teilweise vergessen zu haben, was er schon niedergeschrieben hatte, es gab Stellen, die sich wiederholten, andere, die sich gar widersprachen. Mitunter wurde die Schrift über Seiten hinweg immer unleserlicher, die Tinten- und Weinflecke häuften sich, sodass ich vermute, dass sie in langen, einsamen Nächten unter zunehmendem Alkoholeinfluss aufgeschrieben wurden. Viele dieser Stellen waren nicht mehr zu entziffern. Andere hingegen waren gut leserlich.
Es dauerte sehr lange, bis es mir gelungen war, die verwertbaren Stellen in eine chronologisch schlüssige Reihenfolge zu bringen. Die Sprache, in der die Aufzeichnungen verfasst waren, war sehr uneinheitlich, mal waren es blosse Stichwörter, dann wieder lange Sätze, teilweise mit veralteten, schweizerdeutschen, lateinischen und italienischen Ausdrücken und Wörtern gespickt, was das Lesen sehr anstrengend machte. Ich habe versucht, Fluss in die Geschichte zu bringen, sie so niederzuschreiben, dass sie mühelos lesbar ist. So ist doch noch ein historischer Roman entstanden. Entsprechend habe ich mich entschieden, das Manuskript in Kapitel zu ordnen, was die Lektüre weiter vereinfacht. Es ist mir jedoch ein dringliches Anliegen, zu betonen, dass ich nur die Form, nicht aber den Inhalt verändert habe. Die Ereignisse, die ich schildere, habe ich allesamt so in den Aufzeichnungen gefunden und ihnen nichts hinzugefügt und nichts verändert. Es gibt Stellen, die anderen bekannten Schilderungen derselben Ereignisse widersprechen. Da es sich dabei jedoch oft um viel später entstandene Legenden handelt, die sich nicht belegen lassen, schmälern sie meiner Ansicht nach die Glaubwürdigkeit dieser Aufzeichnungen nicht.
Ob die Geschichte, die auf diesen Seiten erzählt wird, schlussendlich der Wahrheit entspricht oder der Fantasie eines einsamen Menschen entsprang, lässt sich nicht belegen. Ich persönlich zweifle nicht an ihrer Authentizität und habe alles in meiner Macht Stehende unternommen, diese zu beweisen, jedoch ohne Erfolg. In den Registern des Hospizes vom Grossen Sankt Bernhard gibt es keinerlei Hinweise auf den Verfasser dieser Papiere. Eine mögliche Begründung dafür findet sich jedoch in der Niederschrift selbst.
Ein Fachmann für alte Handschriften, dem ich die Dokumente zeigte, hielt sie für echt. Er war überzeugt, dass sie tatsächlich im 19. Jahrhundert verfasst wurden, und wollte sie an einem auf dieses Zeitalter spezialisierten Kollegen zur genaueren Untersuchung weitergeben, doch ich war entschlossen, mein Versprechen einzulösen und die Kladden endlich zurückzubringen. Sie hatten mich viel länger beschäftigt, als ich geplant hatte. Die Zeit war gekommen, mich von dieser Geschichte zu lösen.
Seit meinem letzten Besuch in jenem Gasthaus waren mehrere Jahre vergangen. Obwohl ich es mir oft vorgenommen hatte, hatte ich mich nie mehr gemeldet. An einem schönen Frühlingstag kehrte ich also endlich an den Grossen Sankt Bernhard zurück. Ich wurde herzlich empfangen. Die Tochter der Wirtsleute freute sich, dass ich mein Versprechen einhielt. Sie hatte bereits daran gezweifelt, mich je wiederzusehen. In der Zwischenzeit hatte sie sich darangemacht, das elterliche Gasthaus umzubauen und mit möglichst vielen originalen und historischen Gegenständen auszustatten, so wie sie das damals geplant hatte. Aus der heruntergekommenen Pension war ein gemütliches Gasthaus geworden, das ausserhalb der Zeit zu stehen schien. Dieser Charme sprach sich langsam herum, und das Geschäft begann besser zu laufen. Da kein Geld für Renovationen da war, hatte die Tochter viel Zeit und Herzblut investiert.
Ich erzählte ihr, was ich in den Schriften gefunden hatte, und überreichte ihr eine Kopie meines Manuskripts. Nachdem sie es gelesen hatte, erhielt die Truhe mit den Büchern, der Bibel und den Kladden einen Ehrenplatz im Haus.
Kurz nach meiner Abreise brach in der Pension aufgrund eines technischen Defektes ein Feuer aus. Das Haus brannte fast vollständig nieder. Die Truhe und die Papiere wurden Opfer der Flammen. Den alten Wirtsleuten und ihrer Tochter ist zum Glück nichts passiert, ich habe sie kurz nach der Feuersbrunst noch einmal besucht. Wenig später sind sie verzogen, und es ist mir nicht gelungen, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen.
Lange habe ich mit mir gerungen, was ich mit dem Manuskript anfangen sollte. Der Kladden beraubt, verfügte ich über keinerlei Belege für meine Geschichte. Ich widmete mich wieder anderen Projekten.
So blieb das Manuskript lange Zeit liegen. Damit aber diese Geschichte nicht verloren geht, habe ich mich entschlossen, es zu veröffentlichen. Das Urteil, ob es sich um einen historischen Bericht oder einen Roman handelt, überlasse ich der Leserschaft.
Stephan Pörtner
Mein Name ist Georg Inderbitzin. Ich bin im Jahre des Herrn 1787 in (unleserlich) in der Innerschweiz als das achte von zehn Kindern einer armen Bergbauernfamilie zur Welt gekommen. Die Hütte, in der ich in einer kalten Februarnacht das Licht der Welt erblickte, war klein und düster. Der Wind pfiff durch die Ritzen der unverputzten Steinmauern.
Weil ich, wie mir die Mutter später oft erzählte, bei der Geburt stark untergewichtig war, rechnete niemand damit, dass ich unter diesen widrigen Bedingungen überleben würde. Doch ich überstand den Winter, blieb aber ein schwächliches Kind, das oft krank war. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die an die Stimme meiner Mutter, die am Stubentisch betete, der Herr möge den Buben doch wieder zu sich nehmen. Ich würde ja doch nicht durchkommen, und es sei eine Sünde, das Essen, das den anderen Geschwistern mangelte, an mich zu verschwenden. Sie flehte Gott an, ihr die Prüfung zu ersparen, ein Kind zu nähren, das zu zart war für diese raue Gegend.
Ich war damals noch keine vier Jahre alt und lag wenige Meter entfernt auf dem mit Stroh ausgelegten Bretterboden unter dem Dach, wo wir Kinder eng beieinander unter den Laubsäcken schliefen. Die Mutter wähnte sich alleine und hatte vergessen, dass ich oben lag, weil mich wieder einmal eine Krankheit am Aufstehen gehindert hatte. Sie war aber immer gut zu mir, meine Mutter, und liess mich nie spüren, dass sie mein Dasein als eine Belastung empfand. Sie versuchte stets, freundlich zu uns Kindern zu sein, uns zu trösten und aufzuheitern, wenn uns die Sorge oder der Hunger plagte. Nie liess sie uns merken, wie schwer ihr selber das Herz war. Zu dieser Zeit waren wir nur noch zu viert. Der älteste Bruder, Karl, war mit zwölf Jahren ins Schwabenland verkauft worden, letztes Jahr war ihm eine Schwester, die Luise gefolgt, zwei Mädchen waren schon zum Zeitpunkt meiner Geburt gestorben und ein Bub kurz darauf. Meine anderen Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester, waren kräftige Kinder, selbst die kleine Schwester konnte schon bald besser anpacken als ich.
Unser kleiner Bergbauernhof war der höchstgelegene im ganzen Tal. Das Dorf, zu dem wir gehörten, lag viel weiter unten und bestand auch bloss aus einer Handvoll Häusern. Im Winter waren wir monatelang vom Tal abgeschnitten, und dann musste unsere Familie von den paar Ziegen und den wenigen Vorräten leben, die wir den Sommer über anlegen konnten.
Es war eine arbeitsreiche, harte Existenz, in der es wenig Freude gab. Wir waren Hintersassen, das heisst, wir wohnten seit Generationen im Ort, hatten aber keine Bürgerrechte und durften unsere Ziegen nicht auf die Allmenden führen, nur auf die weiter oben gelegenen, schwerer zugänglichen Bergweiden. Das saftige Gras war den Kühen der Bauern vorbehalten. Den Bauern, die Land besassen.
Trotz meiner schwächlichen Konstitution half ich bei der Arbeit mit, so gut ich konnte. Auf keinen Fall wollte ich der Familie eine Bürde sein. Auf keinen Fall wollte ich, dass die Mutter sich sorgte oder dass ich mehr ass, als ich arbeitete. Alles, was ich wollte, war, zu überleben und niemandem Kummer zu bereiten. Schon mit etwa fünf Jahren wurde das Hüten der Ziegen meine Aufgabe. Dazu braucht man keine grossen körperlichen Kräfte. Ich war zeitlebens von magerer, knochiger Gestalt. Nur Haut und Knochen, wie der Vater sagte. Zum Hüten musste man gut zu Fuss sein, und das war ich. Im Sommer bin ich mit unseren drei Ziegen oft ganz weit hinaufgestiegen, damit sie genügend kräftiges Futter fanden. Ich fühlte mich um die Tiere herum immer wohl und hatte keine Angst, auch wenn wir hoch oben von Unwettern überrascht wurden und die Nacht im Freien, unter einem Felsen verbringen mussten. So lernte ich bereits in jungen Jahren, das Wetter in den Bergen zu lesen, und bewegte mich an den steilen, steinigen Hängen bald selber wie eine Ziege.
Als ich sechs Jahre alt war, kam ich in die Schule. Die Schulstube war im Pfarrhaus, direkt neben der Kirche, untergebracht. Ein kleiner Raum, der in den frühen Morgenstunden des Winters eiskalt war und in dem dann, als der Ofen eingeheizt war, mit den bis zu fünfzig Kindern, die sich hineindrängten, beinah unerträgliche Hitze herrschte. Es gab nur ein winziges Fenster, das selten geöffnet wurde. Hin und wieder verlor ein Kind das Bewusstsein, viele schliefen auf den harten Bänken ein. Weil die Gemeinde wenig Geld hatte, amtete der Pfarrer auch als Lehrer. Hin und wieder waren wohl Schulmeister ins Dorf gekommen, aber sie hielten es bei dem kargen Lohn und den harten Bedingungen nicht lange aus. Auch die Schüler hielten es oft nicht lange aus. Die Kinder der Bergbauern wurden bei der Arbeit gebraucht, viele Eltern sahen die Schule als reine Zeitverschwendung an. Es wurde nicht Buch darüber geführt, wer die Schule besuchte und wer nicht. Die Ideen Pestalozzis, die sich langsam im Lande verbreiteten, waren noch nicht bis in unseren Krachen vorgedrungen.
Im Winter war der Schulweg beschwerlich, wir mussten eine weite Strecke im Dunkeln durch Schnee und Eis gehen, bis wir endlich die Schulstube erreichten. Schuhe hatten wir keine. Meinen Geschwistern war das oft zu mühselig, und sie blieben zu Hause. Doch ich kämpfte mich hinunter, wann immer es irgendwie möglich war. Trotz der widrigen Bedingungen ging ich sehr gern zur Schule. Dort hatte sich mir ein neues Feld aufgetan. Eines, auf dem ich mich bewähren konnte. Die Buchstaben, mit denen meine Geschwister so gar nichts anfangen konnten, faszinierten mich von der ersten Stunde an. Ich wollte möglichst schnell lesen und schreiben lernen. Denn die Schrift eröffnete mir eine Welt, in der die körperliche Kraft keine Rolle spielte. Weil die meisten Schüler wenig Interesse am ABC und Einmaleins zeigten, wurde der Pfarrer, der uns unterrichtete, bald auf mich aufmerksam und begann, mich zu fördern.
Pater Arnold war, als er die Stelle in unserem Dorf antrat, ein grosser, schlanker, kräftiger Mann von dreissig Jahren. Seine dichten schwarzen Haare waren bereits hier und dort mit Grau durchsetzt, und in seinen hellen blauen Augen spiegelte sich eine leise Sehnsucht. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger war er ein guter Hirte. Er hörte sich die Sorgen seiner Schäfchen an und hatte Verständnis für ihr schweres Los. In seiner Freizeit wanderte er gerne hinauf in die Berge, wo er auch die abgelegensten Höfe und Hütten besuchte. Seine Predigten machten den Leuten Mut, er verdammte und erniedrigte die armen Seelen nicht, wie das so viele Priester taten.
Wenn er erregt war, sei es aus Heiterkeit oder weil er sich über etwas ereiferte, verfiel er in den starken Dialekt seiner Heimat. Er kam aus dem Wallis, und da man auch in unserem hohen Tal von den Walsern abstammte, verstanden wir diesen recht gut.
Die Leute mochten Pater Arnold, er war wie sie ein Kind der Berge, und es gab mehr als eine junge Magd, die fand, es sei ein wahrer Jammer, dass solch ein Mannsbild sich der Kirche verschrieben hatte. Sie brachten ihm gerne kleine Aufmerksamkeiten mit und besuchten ihn in seiner bescheidenen Wohnung über der Schulstube. Arnold liess sich aber niemals etwas zuschulden kommen. Wie ich später im Leben erfahren sollte, waren beileibe nicht alle Pfarrherren so aufrichtig und züchtig wie Arnold.
Er war, zwei Jahre bevor ich in die Schule eintrat, in unser Dorf gekommen. Meine älteren Brüder mussten noch zu einem bösen Schulmeister in den Unterricht. Er versuchte ihnen das Lesen, Schreiben und Rechnen einzuprügeln. Bei Pater Arnold war es anders. Der Stock blieb in der Ecke stehen. Ich hatte Glück gehabt, dass ich bei ihm lernen und so viel Hilfe und Zuneigung von ihm erfahren durfte.
Das beschränkte sich nicht nur auf die Schule. Weil ich eine schöne Singstimme hatte, wurde ich Ministrant und verbrachte darum auch nach der Schule viel Zeit mit ihm. Wenn im Winter der Weg zurück auf dem Berg kaum passierbar war, blieb ich in seiner Stube. In diesen langen Abendstunden brachte er mir die ersten Worte Latein bei und später dann den Katechismus.
Wenn wir nach dem Studium beim Abendbrot sassen, erzählte er mir aus seinem Leben. Er stammte wie ich aus einem kleinen Bergdorf, aber eben nicht aus der Innerschweiz, sondern aus dem Oberwallis. Seine Kindheit war ähnlich hart gewesen wie die meine. Doch sein Leben hatte eine Wende genommen, als er als Knabe in das Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard eingetreten war, wo er zwölf Jahre verbracht hatte. Er war ein Augustinermönch geworden und hatte nach der Zeit im Kloster eine Stelle in einer grösseren und reicheren Gemeinde in der Nähe von Brig als Pfarrherr angenommen, wo er fast vier Jahre sein Amt versehen hatte.
Doch als er von der Stelle in unserem abgelegen Dorfe vernahm, die niemand übernehmen wollte, da meldete er sich kurz entschlossen, denn er vermisste das Leben in den Bergen.
»Ganz so weit oben wie auf dem Pass möchte ich nicht mehr leben«, sagte er mir eines Abends. »Die Kräfte der Natur sind, wie du weisst, gewaltig in dieser Höhe, die Umgebung ist dem Menschen feindlich. Aber im Tal unten fühlte ich mich auch nicht wohl. Hier oben erinnert mich vieles an meine Heimat.«
Von den Geschichten aus seiner Zeit im Hospiz konnte ich nie genug bekommen. Immer wieder bat ich ihn, sie mir zu erzählen. Zu berichten von den Menschen, die oft unter abenteuerlichen Umständen, getrieben vom Schicksal, von der Aussicht auf Gewinn oder auf ein neues Leben, über den Pass zogen.
Am allerliebsten aber lauschte ich den Geschichten über die Hunde des Klosters. Diese erstaunlichen und tapferen Tiere, die in Schnee und Eis einen Weg fanden und Menschen in Not retteten. In meiner Fantasie malte ich mir das Hospiz als eine Art Zauberschloss im ewigen Eis aus, als Trutzburg des Guten und Edlen in einer feindlichen Welt.
»Es muss ein wunderbarer Ort sein«, sagte ich an einem dieser Abende zu Arnold.
»Es ist ein schöner Ort, da hast du recht«, antwortete er. »Doch auch dort, in dieser erhabenen Höhe, bei dieser edlen Aufgabe, sind die Menschen nur Menschen, und nicht alles, was sie tun, ist gut und gottgefällig.«
Seine Miene wurde nachdenklich, seine blauen Augen blickten einen Moment traurig, und ich wagte nicht zu fragen, was er damit meinte. Dunkle Gedanken schienen in ihm aufzusteigen. Doch selbst diese Stimmungen und Andeutungen konnten meine Begeisterung für das Hospiz nicht trüben.
Im Sommer blieb die Schule geschlossen. Arnold nutzte diese Zeit, um über die Wiesen und durch die Wälder unseres Tales zu wandern. Oft hatte er eine Botanisiertrommel bei sich und sammelte Pflanzen, die er presste. Auch für das Gestein interessierte er sich, und man sah ihn zuweilen mit einem Seil gewappnet steile Felsen erklimmen. Er hatte seine Studien schon im Hospiz begonnen, wo die naturwissenschaftliche Forschung eine lange Tradition hatte. Mehr als einmal, als ich meine Ziegen auf die höchsten Matten getrieben hatte, wo noch die letzten Kräuter wuchsen, weit über der kleinen Alphütte, in der wir einen Teil des Sommers verbrachten, überraschte er mich mit einem Besuch.
Ich sah ihn dann sicheren Schrittes über die Wiesen und schmalen Wege zwischen den Steinen heraufsteigen. Man erkannte sofort, dass er ein Kind der Berge war.
Selbst im Winter liess er sich nicht abschrecken, wenn es darum ging, einem Sterbenden die Sakramente zu erteilen oder ein Kind zu taufen, wenn es der Familie nicht zuzumuten war, in die Kirche zu kommen. Auch wenn Schnee lag, bahnte er sich tapfer seinen Weg zu denen, die seines Beistandes bedurften.
So gerne ich im Sommer mit den Ziegen draussen war, so sehr freute ich mich im Herbst auf die Schule und natürlich auf den Winter, auf die langen Abende und auf die Geschichten von Schmugglern, Wilderern, Soldaten und Pilgern, die über den Grossen Sankt Bernhard gezogen und im Hospiz eingekehrt waren. Von denjenigen, die sich verirrt hatten, in Lawinen geraten waren und dann von den Patres mithilfe der Hunde gerettet wurden. Pater Arnold besass eine Zeichnung eines dieser grossen, stolzen Tiere. Es kam mir vor wie ein Fabelwesen, denn so einen Hund hatte ich noch nie gesehen. Natürlich gab es in unserer Gegend auch ein paar Hunde. Die Schäfer, die durch unser Tal zogen, führten Hirtenhunde mit. Reiche Bauern hielten Hunde zur Bewachung ihres Hofs. Diese Hofhunde aber waren böse, und wir Kinder hatten Angst, wenn wir an einem dieser Tiere vorbeigehen mussten. Wir wussten genau, wie lang die Kette war, an die sie gelegt waren.
Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass ein Hund so klug und hilfsbereit sein könnte, wie Arnold es schilderte. Manchmal sagte Arnold, er wünschte, er hätte einen Hund hier oben. Aber so einen Hund zu ernähren, kostete viel Geld, das konnte er sich nicht leisten.
»Solange es hier so viele Menschen gibt, die fast nichts zu essen haben, wäre es eine Sünde, einen Hund zu füttern«, sagte er, als ich ihn dazu ermuntern wollte, sich einen anzuschaffen.
Während der folgenden Winter blieb ich oft bei ihm in der Kammer über der Schulstube, auch wenn der Weg zur Hütte meiner Eltern noch gangbar gewesen wäre. Ich fühlte mich wohl bei ihm, bei den Buchstaben und Wörtern, den Büchern und Erzählungen. Wohler als bei meiner wortkargen Familie, in der man nur das Nötigste sprach, nur über die Dinge des täglichen Lebens, die Arbeit, die Tiere, das Essen. Arnold erlaubte mir, bei ihm zu bleiben, so oft ich wollte. Er hatte gerne Gesellschaft. Wenn er Besuch hatte, verzog ich mich auf die Bank neben dem Ofen, auf der ich auch schlief. Von dort aus hörte ich den Gesprächen zu, die die Erwachsenen führten. So erfuhr ich vieles über die Welt ausserhalb unseres engen Tals. Da war von fernen Ländern die Rede, von Aufständen und Hungersnöten, von fremden Völkern und falschem Glauben.
Am nächsten Morgen bat ich Arnold jeweils, mir die Dinge, die ich nicht verstanden hatte, zu erklären. So erfuhr ich, wie unser Land regiert wurde, wer unsere Nachbarn waren, die ständig im Krieg miteinander lagen. Vor allem, seit die Franzosen ihren König davongejagt hatten.
»Haben wir auch einen König?«, fragte ich eines Abends.
»Nein, in der Schweiz gibt es keinen König.«
»Warum haben wir dann keinen Krieg mit den Ländern, die einen König haben?«
»Weil wir uns arrangiert haben. Die Armeen und Händler müssen hier durchkommen, und so gerne sie die Alpenübergänge selber kontrollieren würden, so froh sind sie, wenn sie nicht vom Feind beherrscht werden. Wir halten die Wege offen. Ausserdem stehen viele Schweizer in den Diensten der Könige.«
»Ich weiss. Die Buben, die den Hof nicht übernehmen können, wollen alle in den Kriegsdienst. Man kann reich werden dabei, habe ich gehört.«
Arnold seufzte. »Es gibt Reisläufer, die es zu Wohlstand gebracht haben. Doch sehr viele sterben auf den Schlachtfeldern, andere kehren verkrüppelt und verarmt zurück oder enden als üble Trunken- und Raufbolde.«
»Mir wird wohl auch nichts anderes übrig bleiben. Unseren kleinen Hof übernimmt der Karl, er ist der Älteste, und für mich wird er gewiss keine Verwendung haben.«
Arnold sah mich nachdenklich an.
»Ich glaube nicht, dass du zum Soldaten geschaffen bist. Dir fehlt die Grobschlächtigkeit dazu. Ausserdem bist du zu gelehrig. Wenn die Zeit kommt, werden wir sehen, was aus dir wird.«
Arnold lächelte und strich mir übers Haupt, aber über sein Gesicht legte sich ein Schatten der Sorge. Da ich es gewohnt war, dass Erwachsene, wenn sie mich betrachteten, sorgenvoll dreinschauten, machte ich mir nicht viele Gedanken darüber.
Meine Eltern hatten nichts dagegen, dass ich unserem Heim so oft fernblieb. Im Winter gab es nicht so viel Arbeit, und die kargen Vorräte hielten länger vor, wenn einer weniger am Tisch sass.
Doch dies war nicht der einzige Grund, zumindest nicht für meine Mutter. Sie hatte grosse Freude, mich so häufig in der Nähe des Pfarrers zu wissen. Sie war tiefgläubig. Es gefiel ihr, wenn sie mich in der Kirche singen hörte, sie kam, wann immer es möglich war, am Sonntag zur Messe und sass klaglos ganz hinten in der kalten Kirche. Die vorderen Ränge, wo es wärmer war, waren für die reichen Bauern reserviert. Mutter hatte begriffen, dass ich zwar keine grossen körperlichen Kräfte besass, dafür einen wachen Geist. Sie war inzwischen überzeugt, dass es einen göttlichen Grund gab, warum ihr Kind überlebt hatte. Sie glaubte, dass ich von Gott ausersehen war, ihm zu dienen.
So verbrachte ich die Winter meist bei Arnold, ging im Frühling und Herbst täglich hinauf und hinab, und im Sommer, wenn keine Schule war, lebte ich mit den Ziegen auf der Alp.
Die Jahre zogen ins Land, es gab wohl bessere und schlechtere Zeiten, doch das Leben war stets hart für arme Bauern. Nicht immer gab es genug zu essen in unserer kleinen Hütte. Nach fünf Jahren kam der älteste Bruder, Karl, aus dem Schwabenland zurück, er hatte sich freigekauft und heiratete wenig später die Tochter eines Kleinbauern, der selber keine Söhne hatte. Er zog zu ihr und arbeitete fortan für seinen Schwiegervater. Der zweitälteste Bruder starb an einer entzündeten Wunde, die er sich mit einer rostigen Sichel zugezogen hatte. Der Vater und die Mutter wurden rasch alt und taten sich immer schwerer mit der Arbeit. Michel, der drittälteste Sohn, ging dem Vater zur Hand, wo er konnte. Die Reihe war an ihm, den winzigen, elenden Hof zu übernehmen. Er war erst siebzehn Jahre alt, als ihm der Vater den Hof mehr oder weniger übergab, weil er selber von so vielen Gebrechen geplagt wurde, dass er mit der Arbeit nicht mehr zugange kam. Ich war in diesem Jahr zwölf Jahre alt geworden, und die Schulzeit neigte sich dem Ende zu.
