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Anhand von zwölf Themenfeldern wird die Vielfalt der bayerischen Kultur beschrieben – vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart. Der behandelte Raum umfasst das gesamte Bayern: Altbayern, Schwaben und Franken. Sowohl die Auswahl und Anordnung der Themen als auch die essayistische Schreibweise sind erfrischend anders. Der Autor widmet sich neuen oder bisher kaum beachteten Bereichen; spezifische Fragestellungen lauten etwa: Wie erlebten Menschen früher das Überschreiten einer "Landesgrenze"? Wo begann eine Stadt? Warum gingen in Bayern die Uhren anders? Das Rückgrat bildet eine "Klanggeschichte" im weiten Sinn: Geißelschläge, Saitenspiel, Schlachtenlärm, Klosterstille. Und noch etwas zeigt das Buch: Schriftquellen sind das eine – Bauten, Topografie, Glocken, Fresken, Volkslieder, versunkene Schiffe, Pigmente und Pestgenome können ein anderes Licht auf die bayerische Geschichte werfen.
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Seitenzahl: 1090
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Christof Paulus
Eine kulturgeschichtliche Ausleuchtung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internetunter http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2021 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg
Tel. 0941/92022-0 | [email protected]
ISBN 978-3-7917-3278-7
Umschlaggestaltung: www.martinveicht.de
Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany 2021
eISBN 978-3-7917-6208-1 (epub)
Unser gesamtes Programm finden Sie unter
www.verlag-pustet.de
Vorwort oder:Wann kommt denn endlich Montgelas?
Bewegte Räume
Das vermessene Land
Höglwörth oder: Das Ende der Welt
Unterwegs
Die Räume der Stadt oder: Wer hat Niklas Muffel auf dem Gewissen?
Die letzte Telephonzelle stand am Königssee
Klangwelten I
Aschheim, um 550 – Klappern gegen den schwarzen Tod
Grubet, im Jahr 648 – Frühmittelalterlicher Dreiklang
Altötting, im Jahr 696 – Ungehörte Klänge
Heidenheim, 23. Juni 778 – Stimmen aus dem Kloster
Irgendwo in Bayern, um 875 – Tuba mirum spargens sonum
Regensburg, 10. August 891 – Feuerteufel
Geschichtsschichten
Kommst Du nach Augsburg …
Von Heuschrecken und Hungersnöten
Grenzen oder: Auf der Alm da gibt’s koa Sünd’
Grenzenlos
Zweite Welten
Wer sind wir und wenn ja wie viele?
Klangwelten II
Hohenaltheim, 20. September 916 – Die Zerknirschten
Rom, 31. Januar 993 – Heilige Klänge
Seeon, um 1000 – Stimmen des Klosters
Gunzenlee, 29. Mai 1127 – Verschwundener Ort
Ebrach, 4. Juni 1200 – Auf der Baustelle
Gamburg, um 1220 – Saitenspiel über der Tauber
Kastl, 6. Januar 1323 – Marktgeschrei
Dunkles Bayern
„Und wann?“ Wege in den Untergang
Bauten des Bösen
Das Tagebuch der Elisabeth Block
„Weglegen zum Akt“ – Verfolgung und Ermordung in der NS-Zeit
Letzte Tage
Klangwelten III
Engelthal, 7. Juli 1349 – Im Diminuendo der Geißelschläge
Konstanz, 30. Mai 1416 – Schrie er oder schrie er nicht?
Landshut, 14./15. November 1475 – Der Klang der Macht
Nürnberg, 18. April 1487 – Alte neue Klänge
Regensburg, Februar 1519 – Die Stimmen der Steine
Memmingen, März 1525 – Die Stimme der Freiheit
Augsburg, im Jahr 1594 – Der Klang der Gegenreformation
Rechtswelten
Warum sich Tassilo nicht in der Pfalz die Haare abschneiden lassen wollte
Die Daumenschrauben des Herrn Kreittmayr
Warum Wittelsbach?
Sodom und Gomorra
Klangwelten IV
Nürnberg, 25. September/5. Oktober 1649 – Friedensklänge
Starnberger See, August 1671 – Porträt in höfischer Lautstärke
Brüssel, 5. März 1705 – Vergänglichkeit der Töne und Welten
Ansbach, im Jahr 1780 – Der Klang des Geldes
Augsburg, 4. September 1786 – Leere Luft
Bamberg, 5. Januar 1806 – Neue Töne
Gaibach, 26. Mai 1821 – Die Stille der Weihe
Bayerns Farben
In der Gesellschaft oder an ihrem Rand? Menschen mit Behinderung
Nicht nur das Gelbe vom Ei oder: Schwarze Geschichte
Schlachtfeld Bayern
Himmel der Bayern
Risus Bavaricus – Bayerisches Spiel und bayerisches Lachen
Zeit – 12 Variationen
Klangwelten V
Neustadt an der Weinstraße/an der Haardt, 27. Mai 1832 – Der Klang der Freiheit
München, 16. Mai 1835 – Der Lärm des Grauens
Bodensee, 21. Juli 1863 – Die versunkene Ludwig
Kissingen, 10. Juli 1866 – Der Klang der Niederlage
Geisbach, 1912 – Eingebildete Klänge
München, 30. April 1919 – Blutige Klänge
Kleine Geschichte der Schönheit
Missverständnisse eines Königs oder: Der Käfer von Dominikus Zimmermann
Das Maß der Dinge
Das Erhabene
Im Garten des Herrn
Am Ende das Aas
Licht
Klangwelten VI
Zürich, 1932 – Abschaffung des Mittelmeers
Bannwaldsee, 6. September 1947 – Bei der Hex’
Herrenchiemsee, 14. August 1948 – Ein ruhiger Ort in Bayern
Bayreuth, 30. Juli 1951 – Der Klang von Neu-Bayreuth
Konnersreuth, 18. September 1962 – Der Klang der Schmerzen
Burglengenfeld, 27. Juli 1986 – Over the Rainbow
Hof, 1. Oktober 1989 – Stimmen der Freiheit
Allgemeine Literaturhinweise
Literaturhinweise zu den Kapiteln
Personenregister
Ortsregister
Sachregister
Abbildungsnachweis
Vorworte sind immer verdächtig.“ Mit diesem Satz beginnt der Triester Schriftsteller Claudio Magris seine Reisebilder Ein Nilpferd in Lund (2005). In diesem Sinn müssen Vorworte zu größeren Geschichtsdarstellungen geradezu als hochgradig suspekt eingestuft werden, geht es in ihnen doch oft darum, salvatorisch darzulegen, was alles nicht vorkommt. Wer sich über bayerische Geschichte informieren will, kann in ein volles Regal greifen: knapp und detailreich, vom Studien- zum detaillierten Handbuch, von der magistralen Gesamtschau zum glänzend geschriebenen Durchzieher. Gemeinsam ist allen der chronologische Aufbau, gestimmt im monarchischen Kammerton. Was es nicht gab, ist eine Kulturgeschichte; hier setzt dieses Buch als eine erste Ausleuchtung an. Diese Darstellung will nicht so weit gehen, wie der bayerische Komponist Richard Strauss, der sich auf die Frage, warum er auf sich eine Symphonie, nämlich „Ein Heldenleben“, geschrieben habe, ironisch-trotzig gab: „Ich finde mich ebenso interessant wie Napoleon oder Alexander“ – so weit soll der Machtrahmen nicht ausgeblendet sein, doch schweift der Blick oft weg von den Herrschenden hin zu anderen formenden Kräften von Geschichte. Es stehen keine herkömmlichen Helden im Mittelpunkt, und wenn, dann heißen sie nicht Herzog Albrecht IV., Kurfürst Maximilian I., König Ludwig I., sondern Hugeburc, Christine Ebner, Mertl Witz, Simon Marius, Stephan Farfler, Evaristo Felice dall’Abaco und Ilse Schneider-Lengyel. Dies soll deutlich machen: Geschichte muss nicht nur von den Herrschenden aus gedacht werden, doch ist eine Darstellung ohne sie künstlich.
Ich wollte keine dominosteinartige Teleologie bayerischer Geschichte schreiben, die – auf den Fixstern des Landes ausgerichtet – einem Herrscher nach dem anderen besonderes Augenmerk schenkt: Innenpolitik, Außenpolitik, eine aus Konfliktsituationen erwachsende Geschichte, nächster Regent. Dies mag eine zurechtgemachte Welt aus dem Wissen um das Nachhinein sein, ein Streichen alter Gartenzäune, die Antithese mit gedämpfter Reflexionsästhetik zu anderen modernen historischen Zugriffen. Eine solche Auffassung von Landesgeschichte würde sich einen falschen methodischen Immunschutz verpassen. Bayerische Geschichte fand nicht selten außerhalb Bayerns statt, und in Bayern wiederum kam es zu Ereignissen von reichsgeschichtlicher sowie europäischer Bedeutung. Als Grundlage wählte ich den Raum des heutigen Bayern, das heißt, mit den stark fragmentierten fränkischen und schwäbischen Gebieten, die die wenigste Zeit ihrer Geschichte zu Bayern gehörten. Dies soll einerseits vergleichende Perspektiven ermöglichen, andererseits auch den Raum als veränderliche, bewegte Geschichtsgröße zeigen.
Den bekannten Überblicksdarstellungen sollte keine ähnlich geartete und geschriebene an die Seite gestellt werden. „Das Traurigste sind die Doubletten“, schreibt Theodor Fontane in Vor dem Sturm. Heutzutage ist viel von ganz neuen Sichtweisen die Rede; bei genauem Hinsehen erweisen sie sich bisweilen nur als kleiner Schritt, der auf die Seite getan wurde. Diese Darstellung erhebt nicht den Anspruch, alles umstürzen zu wollen oder gänzlich neu zu sein, doch hoffe ich – einmal mit dem grellen Scheinwerfer, einmal mit dem flackernden Licht einer alten Kerze –, an manchen Stellen auf einen überraschenden Aspekt, der eben auch zur bayerischen Geschichte gehört, aufmerksam machen zu können. Das Schöne an Geschichte ist, dass sie immer auch anders erzählt werden kann. Am Ende sollte keine Klio in Lederhose, aber auch keine Auflösung der Geschichte im Kaleidoskop subjektiver Geschichten stehen, sondern eine Geschichtsschreibung, die aus der Episode heraus einen breiteren Aspekt der Historie beleuchten kann und nicht alles enzyklopädisch zu Ende schreiben muss. Der Band ist als Lese-Buch angelegt, das an beliebiger Stelle aufgeschlagen, aber auch von Anfang bis Ende durchgelesen werden kann. Die Mosaiksteine der 12 konzentrischen Themenringe, die sich um das Zifferblatt der Geschichte drehen, mögen sich am Ende zu einem Bild fügen.
In den systematischen Fortgang des Buchs ist eine Art chronologische Tonleiter vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart eingezogen (gerade Kapitel), eine freie „Musik-“ und „Klanggeschichte“ im weitesten Sinn, also in Tönen aller Art, die auch die Dissonanzen der Geschichte laut und vernehmlich zu Gehör bringen. Aus den weitgehend autonomen Tonfolgen mag eine mehrstimmige Historie erwachsen, unterbrochen durch die systematischen, ungeraden Kapitel – keine herkömmliche Geschichtsschreibung, die eine zielgerichtete Kulturbewegung suggeriert, als vielmehr eine kulturgeschichtlich orientierte Zusammenstellung von Rhapsodien und Geschichtsprojektionen. Es geht um Metamorphosen und Entwicklungen jenseits eines Modells vermeintlicher Höherentwicklung. Die Register ermöglichen denjenigen einen systematischen Zugriff, die sich für bestimmte Themen besonders interessieren. Einer klassischen Überblicksdarstellung könnte man zu Recht die Frage stellen: „Wann kommt denn endlich Montgelas?“ Auch in diesem Buch tritt er auf, doch vielleicht an anderer Stelle und vielleicht nicht so ausführlich, wie man erwarten würde. Jedenfalls kann man ihn im Register finden.
Das Buch beginnt auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze. Von dort wird zunächst in fünf Abschnitten auf den Raum und seine Veränderung geblickt, auf Zäsuren und Traditionen, Straßen – sichtbare und unsichtbare –, auf die Dynamiken von Regionen in ihrer Geschichte vom frühen Mittelalter bis etwa 1800. Wie merkten Menschen früherer Jahrhunderte, dass sie ein anderes „Land“ betraten? Wo begann das Gebiet einer Stadt? Lange bevor der Reisende vor den Toren stand. Das urbane vormoderne Bayern wird insbesondere am Beispiel Nürnbergs vorgestellt. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels widmet sich den Verbindungslinien zwischen den Menschen und den gesellschaftlichen Gruppen, der Frage der Informationsvermittlung, dem Umgang mit notgedrungenen Langsamkeiten, aber auch den nahen und fernen Horizonten, die über diesem Raum zu sehen waren. Korrespondierend hierzu beschäftigt sich das dritte Kapitel mit Grenzen und ihren Überschreitungen, klimatisch oder politisch bedingtem Wandel, der „historischen Archäologie“ gewachsener Kulturlandschaften und ihrer Schichtungen, die gewollt und ungewollt sich umformten und vielfach noch heute den aufmerksam Schauenden leicht sichtbar sind. Es führt aber auch in literarische Landschaften, deren neu geschaffene Zusammenhänge den konkreten Raum in Poesie und Ästhetik überführten.
In der Mitte der Darstellung steht die Geschichte Bayerns in der NS-Diktatur. Bayerns ungeheuerliche Geschichte der Unrechts- und „Unkulturzeit“ ist nicht als erratischer Abschnitt zu begreifen. Bewusst wurde hierfür eine andere Darstellungsform gewählt, nicht, um sich vor einer Ausarbeitung in einen klassischen Fließtext zu drücken – dies wird ja in drei Beiträgen getan –, sondern um Zugänge für eine Auseinandersetzung zu eröffnen, die eine klassische Form nicht bieten kann.
Der Rechts- und Sozialgeschichte gilt das siebte Kapitel, das neben der Profilierung zweier Epochendaten der Geschichte – 788 und 1180 – einen rechtsgeschichtlichen „Krebsgang“ sowie Ausleuchtungen zu einer kontextualisierenden Geschichte der Homosexualität in Bayern liefert, ohne hier – wie anderswo – den Anspruch erheben zu können, dieses wichtige, auch methodisch innovatives Kapital bergende Thema umfassend behandelt zu haben. Doch sollte es zumindest angesprochen sein.
Die Kapitel zu „Bayerns Farben“ und zur Schönheit beziehen sich ebenfalls aufeinander. Letzteres – der Versuch einer Kunstkulturgeschichte der Hässlichkeit und vor allem ihres Gegenteils – führt hin zum Licht als stets neu kreativem Baumeister. Zuvor gilt es, Schneisen durch die Geschichte der Ästhetik zu schlagen, wobei der phänomenologische Wandel als Zeitzeichen, als Anschauungswandel breiter Schichten gedeutet wird. Bunt ist naheliegenderweise das Kapitel der Farben Bayerns, das gleichsam eine Palette mit ganz unterschiedlichen Nuancen sein will und der Frage nachgeht, welchen Verlauf das Farbverständnis genommen hat. Dunkel grundiert hingegen die Kriegsgeschichte des vormodernen Bayern. Vom „Schlachtfeld Bayern“ geht dann der Blick in den Himmel – eine kleine Geschichte der Astronomie. Eine vielleicht etwas deutlichere historische Stimme erhalten in diesem Kapitel Menschen mit Behinderung. Nicht fehlen sollen Überlegungen zum gemeinhin den Bayern unterstellten Hang zum Komödiantischen, ehe in 12 Variationen das Zifferblatt des historischen Zeitverständnisses abgeschritten wird. Auch hier eher Ausleuchtungen, Ideen, kein Lehrbuch klassischen Zuschnitts.
Das Buch folgt einem weiten Quellenbegriff, der den schriftlichen Darstellungen Bauten, die Topographie, Votivtafeln und Glocken, Fresken, Volkslieder und Motetten, versunkene Schiffe, Pigmente und Pestgenome beifügt, um so ein, wenn nicht immer neues, so doch anderes Licht auf die bayerische Geschichte zu werfen. Es ging darum – dies sei noch einmal betont –, nicht das immer beruhigend Gleiche neuerlich zu beschreiben, doch sollte es auch keine „trunkene Fahrt“ durch die Geschichte sein. Mein Versuch einer solcherart fragmentarischen Geschichtsdarstellung zielt darauf, Abschnitte perspektivisch so zu wählen, dass sich am Ende ein mögliches Ganzes formt: eine Art historisches Kabinett mit schräggestellten Spiegeln, das an keiner Stelle allzu glatt herüberkommt und Blicke nach außen und von außen zulässt.
Zuweilen wird der Landesgeschichte unterstellt, sie pumpe den nestwarmen Kreislauf vorgerechneter Geschichte. Das hohe methodische Potential, das im Vergleich dichter Beschreibungen liegt, werde auf die lange Ofenbank geschoben. Es ist hier nicht der Raum, um über Urteile und Vorurteile nachzudenken, doch sei der Wunsch geäußert, dass dieses Buch, das sich die Freude geschenkt hat, an manchen Stellen – wenn durch die Quellen gedeckt – literarisch auszubrechen, als Versuch genommen wird, der andere Geschichtsdarstellungen weder ersetzen kann noch will. Als Ergänzung oder inhaltliche Erweiterung mögen die in die ungeraden Kapitel eingeschobenen Kästen und Abbildungen aufgefasst werden, deren längere Unterschriften beschreibendinterpretierenden Charakter haben. Zwischen Anführungszeichen sind Zitate und etwa Begriffe der NS-Zeit gesetzt, Buch- oder Gemäldetitel hingegen nur dann, wenn dadurch der Lesefluss erleichtert wird. Quellenzitate bzw. deren Übersetzungen stammen, wenn nicht anders angegeben, vom Verfasser bzw. sind den maßgeblichen Editionen entnommen.
Ich danke allen, die mich bei diesem Experiment unterstützt und das Buch oder Teile davon im Vorfeld gelesen oder mit mir diskutiert haben, allen voran Hannelore Putz/Passau und Regina Dauser/Augsburg. Alois Schmid und Hubertus Seibert/beide München haben mich vor einigen Jahren beim Verlag für diese Darstellung vorgeschlagen. Dem Verleger Fritz Pustet danke ich für sein stetes Interesse und die gute Zusammenarbeit mit ihm und seinen Mitarbeiterinnen, namentlich Magdalena Seis. In besonderer Weise bin ich Evamaria Brockhoff/Augsburg zu Dank verpflichtet. Sie hat das Buch in allen Phasen des Schreibens begleitet. Die Diskussionen mit ihr führten zu Schärfungen und neuen Ideen. Von ihr habe ich viel gelernt.
Augsburg und Seehausen am Staffelsee, August 2021
Die Nacht war kühl und miserabel gewesen. Leutnant Joseph Naus hatte sie weitgehend damit zugebracht, am Feuer sitzend Flöhe zu knacken. Am 27. August um 4 Uhr in der Früh machte sich dann die kleine Gruppe aus der „Flohhütte“ auf den Weg – Naus, der Bergführer Johann Georg Tauschl und ein Gehilfe. Um 11 Uhr 45 standen sie auf dem Westgipfel der Zugspitze. Damit gelang ihnen die erste datierbare Besteigung von Bayerns und Deutschlands höchstem Berg. Man schrieb das Jahr 1820. Lang konnten die drei nicht auf dem Gipfel bleiben. Ein Schneesturm tobte, ein Gewitter ging nieder, ein Blitz schlug neben ihnen ein. So war auch kaum an den eigentlichen Auftrag ihrer Unternehmung zu denken: die Grundlagen für die Werdenfelser Karte zu schaffen. Der Tiroler Naus war Geodät, auch Geometer genannt, einer von vielen, zumeist Freiberuflern, die schlecht bezahlt nicht nach Arbeitsstunden, sondern nach Ergebnis Bayern unters Messinstrument legten. Angefangen hatte das Großprojekt einer Kartographierung des ganzen Lands fast auf den Tag genau 19 Jahre vor jener denkwürdigen Zugspitzbesteigung. Am 25. August 1801 waren im Auftrag des Topographischen Bureaus die ersten Stative und Messstangen für die „Grundlinie Bayerns aufgestellt worden. Diese verlief zwischen Oberföhring und Aufkirchen, gut 21,5 Kilometer lang, in Plänen „la base de la Goldach“ genannt nach dem rechten Isarzufluss Goldach. Diese Basis hatte man gewählt, da hier kaum Höhenunterschiede zu überwinden waren. Ausgerichtet war die Strecke an zwei Sichtpunkten: der Frauenkirche in München und dem markanten Turm des Gotteshauses in Aufkirchen – doch steckte hinter dieser Entscheidung kein religiöses Ansinnen, wie man meinen könnte. Noch heute stehen die Basispyramiden dieser ersten Vermessung Bayerns in Aufkirchen und Oberföhring.
Das Land systematisch zu vermessen, diese Idee war das Kind einer rational-empirisch-mathematischen Aufklärung. Die Initiative dazu ging von den Franzosen aus, die Bayern besetzt hielten, allen voran von Napoleon, für den militärische Interessen im Vordergrund standen – eine gute Karte konnte kriegsentscheidend sein. Von bayerischer Seite kamen finanzielle Aspekte hinzu: Die wichtigste Einnahmequelle des Staats war die Besteuerung von Grund und Boden. Hierfür wurden bis dahin ganz unterschiedliche Vorschriften in den unterschiedlichen Teilen Bayerns zugrunde gelegt. Eine einheitliche Katastrierung musste also her, und dafür hatte man im Juni 1801 das erwähnte Topographische Bureau ins Leben gerufen. Sein Schöpfer war Joseph von Utzschneider.
Utzschneider zählte zu den markantesten Köpfen einer Pioniergeneration um 1800. Geboren als Sohn eines Bauern in Rieden am Staffelsee, gründete er mehrere Unternehmen, setzte sich für die Kultivierung des Donaumooses ein, verbesserte das bayerische Salinenwesen, und insbesondere dessen Soleleitungen – an der ersten Soleleitung zwischen Reichenhall und Traunstein war bereits 1617 gebaut worden –, machte sich um die Nutzung der Staatsforsten und die Ausbildung des dortigen Personals verdient. Auch als Vorstand der Polytechnischen Centralschule, Vorläufer der Technischen Universität in München, war Utzschneider ein Mann der Anfänge, ein Anstifter, weniger ein Projektverwalter. Visionär oszillierte er von Idee zu Idee. Eine davon war die „Vermessung Bayerns“, eine andere die Glashütte in Benediktbeuern. 1805 hatte Utzschneider die altehrwürdige Klosteranlage der Benediktiner im Voralpenland erworben, wo seit der Säkularisation zwei Jahre zuvor keine Mönche mehr beteten und arbeiteten. Im alten Waschhaus ließ er eine Glasschmelze und -schleiferei einrichten. Unter Leitung des Straubingers Joseph von Fraunhofer wurden dort bis 1819 die reinsten Linsen ihrer Zeit für hochwertige optische Präzisionsinstrumente hergestellt. Und solche benötigte man für das Großprojekt der bayerischen Landesvermessung. Diese wurde von einer genialischen Aufsteigergeneration geprägt: Fraunhofer war Vollwaise, Georg Friedrich von Reichenbach, dessen Theodoliten Winkelmessungen in bisher ungeahnter Präzision erlaubten, war Sohn eines badischen Schlossermeisters. Joseph Schiegg, ehemals Pater Ulrich aus dem schwäbischen Reichskloster Ottobeuren, war nicht nur ein Flugpionier, sondern auch mathematischer Impulsgeber für eine moderne Höhen-, Längen- und Breitenmessung. Auf Schieggs Empfehlung wurde der Feuchtwanger Kuhbub Johann Georg Soldner 1808 als Trigonometer eingestellt.
Und so legte sich in immer dichterer Folge Dreieck um Dreieck – aus den Winkeln erschloss man die Strecken – über die bayerischen Lande. Utzschneider und seine Weggefährten waren die Köpfe der Vermessung, daneben werkelte ein Heer von Händen – Geometer, die wie Naus umherzogen, sich die Arbeitsgeräte selber kaufen mussten, im Schlepptau Gehilfen, bisweilen Ehefrau, quengelnde Kinder. Ihre prekäre Lage wurde sogar vor dem Landtag verhandelt, Verbesserungen kamen dennoch nur schleppend voran. Zur wirtschaftlichen Not kam der Widerstand insbesondere der Bauern, die wenig begeistert waren, wenn die Vermesser mit ihren Instrumenten durch die Äcker stapften. Und sie ahnten, was langfristig das End’ vom Lied sein würde: eine neue Besteuerung. Staatlicherseits drohte man und verhängte Strafmaßnahmen gegen diejenigen, die sich Messungen und Messenden entgegenstellten.
Das Projekt machte Bayern nach Frankreich zum zweiten Land, das auf Grundlage der „Revolutionsmaßeinheit“ verzeichnet wurde: das (!) Meter. Auch daran rieben sich nicht wenige Bayern – die neuerliche „Eroberung“ gleichsam mit dem Zollstock. Sie setzten die traditionelle Einheit der Rute (ca. 2,9 Meter oder zehn Fuß) dagegen und nach Abzug der Franzosen auch durch. Erst 1867 konnte das monumentale Vermessungsunternehmen abgeschlossen werden, im Folgejahr wurde der Grundsteuerkataster erstellt. Es kam dem Projekt eine weitere Erfindung zugute: Alois Senefelder entwickelte beim Experimentieren mit Solnhofer Kalkschiefer den Steindruck, die Lithographie. Das Verfahren war kostengünstig und ermöglichte eine schnelle Reproduktion. Heute hütet das Bayerische Vermessungsamt in München diese Steinbibliothek – rund 26 500 Lithosteine, zweifellos die schwerste Bayernkarte aller Zeiten. Das Meter kam übrigens nach Bayern zurück: 1871, dieses Mal nicht durch die Franzosen, sondern – für Bayern kaum weniger schmerzhaft – durch die Preußen. Bayern war nun Gliedstaat des eben erst in Versailles proklamierten, kriegsgeborenen Deutschen Reichs. Klar war, wer das Sagen hatte und eben auch das Maß vorgab.
Die Vermessung Bayerns hatte mehr als ein halbes Jahrhundert in Anspruch genommen. International gab es Lob für die gewaltige Leistung. Das Großprojekt hatte nicht wenige Institute und Institutionen geschaffen und in metaphysisch-philosophischer Hinsicht letztlich endgültig den Raum entzaubert. Erfahrungswerte – wie weit ist es bis in die nächste Stadt? – wichen genauen Maßeinheiten, die Welt wurde mathematisiert. Zu einer Zeit ungehemmten Fortschrittsglaubens wurde das Messbare zum Maß aller Dinge. Der vermessene Raum hatte sich im Zuge des Unternehmens verändert, hatte gleichsam geatmet, sich zusammengezogen und ausgedehnt: Während die Vermesser Berge bestiegen, über Hügel und durch Wälder marschierten, verschoben sich die Grenzen Bayerns aufgrund der politischen Entwicklungen der napoleonischen und nachnapoleonischen Ära mehrfach. Überspitzt könnte man sagen: Die Karten machten weitgehend Bayern, die Grenzen schufen und bestätigten vielfach andere.
Kartographisch an der europäischen Spitze war Bayern übrigens schon einmal gewesen, rund 300 Jahre vor jener Vermessung im 19. Jahrhundert. Bayerns Grenzen waren damals wieder andere. 1554 beauftragte Herzog Albrecht V. den gebürtigen Ingolstädter Philipp Apian, eine moderne Karte des Landes zu erstellen. Auch hinter diesem Projekt standen nicht zuletzt herrschaftliche Gründe. Philipps Vater Peter Bienewitz, latinisiert Apianus, aus Sachsen nach Bayern gekommen, hatte in Ingolstadt eine Druckerei gegründet, auch für Kartenwerke. Was die Lithographie für die Vermessung des 19. Jahrhunderts war, war für Apians Kartenwerk die Erfindung des Buchdrucks, die rund ein Jahrhundert zuvor die Verbreitungsmöglichkeiten für Schriften jedweder Art revolutioniert hatte. 1561 beendete Philipp Apian seine bayerische Landvermessung, 1563 war die ca. 6,4 × 6,4 Meter „Große Karte“ im Maßstab von ca. 1:50 000 fertig. Herzog Albrecht V. ließ sie in seiner Hofbibliothek anbringen. „An der Wand hangt auch des Philipp Appiani grosse Mappa“, notierte 1611 der Kunstnetzwerker Philipp Hainhofer. Jedem Besucher wurde deutlich vor Augen geführt, worüber der Hausherr herrschte. Die „grosse Mappa“ aus 16 Rollen reichte im Westen weit über den Lech, griff im Norden bis an die Tore der Reichsstadt Nürnberg aus, im Osten bis ins heutige Österreich und im Süden bis zu den Alpen. 1566 erschienen dann als Substrat für die Praxis die „bairischen Landtafeln“, 24 Holzschnitte im kleineren Maßstab von etwa 1:144 000, verlegt in Apians Ingolstädter Druckerei.
Große und kleine Politik – Wilhelm Leibl malte „Die Dorfpolitiker“ (1877) in (Unter-) Schondorf am Ammersee. Seiner Mutter schrieb er: „Mein Bild stellt fünf Bauern vor, die in einer kleinen Bauernstube die Köpfe zusammenstecken, vermutlich wegen einer Gemeindesache, weil einer ein Stück Papier, welches aussieht wie ein alter Kataster, in der Hand hält. Es sind wirkliche Bauern, weil ich sie alle möglichst treu nach der Natur male, auch die Bauernstube ist eine solche, weil ich das Bild in derselben male; zum Fenster hinaus sieht man noch ein Stück vom Ammersee.“
Dem epochalen Unternehmen vorausgegangen waren „sechs oder schier sieben Summer“, die Apian, sein Bruder Timotheus und ein Gehilfe durch die Lande geritten und gewandert waren. Seine Messergebnisse trug Apian in Notizbücher ein. Manches schätzte er, so die Entfernung nach Mexiko oder Konstantinopel mit 1342 bzw. 246 Meilen. Manches bildeten Erfahrungswerte – eine Stunde Reiten, zwei Stunden Fußmarsch. Genauer war da schon, die Schritte zu zählen (schon Leonardo da Vinci hatte für seine berühmten Stadtpläne von Imola, Cesana und Urbino einen Wegmesser, Pedometer, verwendet), noch genauere Zahlen lieferten die Winkelmessgeräte, welche die drei Vermesser der frühen Neuzeit im Gepäck hatten. Hierbei griff Apian auf Methoden zurück, die bereits sein mathematisch gelehrter Vater niedergeschrieben hatte. Mag eine württembergische Landkarte, die Herzog Albrecht weiland bei seinem Vetter im Westen gesehen hatte, das Vorbild gewesen sein – was die Gebrüder Apian schufen, war europaweit nahezu unvergleichlich.
Noch heute ist ein Blick in jene Karten spannend und unterhaltsam. Es ist zudem ein durchaus persönliches Werk, denn Apian verstand sich nicht nur als ausführendes Organ. Man entdeckt in der Gegend des Tegernsees ein Kreuz – es erinnert an den tödlichen Unfall von Timotheus Apian (das von Philipp zur Erinnerung an seinen Bruder errichtete Steinkreuz steht noch heute in der Gemeinde Warngau). Festgehalten wird auch das Gedächtnis an Scharmützel, Schlachten und Belagerungen auf bayerischem Boden – 1322, 1434, 1504 oder 1546, letzteres, die Belagerung Ingolstadts im Schmalkaldischen Krieg, spielte im Leben Philipp Apians eine bedeutsame Rolle. Manches hatte er sich offensichtlich genauer angeschaut, so das Renaissanceschloss Sulzemoos oder die Stadtsilhouetten von München, Nürnberg, Regensburg, Cham, Landsberg oder Kufstein. Insgesamt formt sich vor dem Betrachter ein gegliedertes Land, bei dem Gemsen auf dem Watzmann umherspringen – Apian bemühte sich um unverwechselbare Bergformen, während früher bei Karten eher „Maulwurfsaufschüttungen“ gebräuchlich waren –, Fischerboote über den Chiemsee rudern, wo noch Wein bei Neuburg an der Donau, am Bogenberg, im Regensburger Umland oder an der Altmühl angebaut wird. Herrschafts-, Gerichtsgrenzen und eine erläuternde Legende, die Reichsstadt, Bistum, Kloster, Stadt, Markt, Weiler etc. unterscheidet, strukturieren das Land. Man entdeckt Steinbrüche und Eisenerzbergbau in der Oberpfalz, die sogenannte Ochsenschlacht bei Ingolstadt – Zeugnis für die Herden, die auf dem Oxenweg von Ungarn in den Westen getrieben wurden –, das wittelsbachische Gestüt Schwaiganger im Oberland, das es noch heute als Staatsgestüt gibt, Silberbergbau bei Bodenmais, den wildreichen Perlacher Forst, wie in einem Beitext ohnedies Schönheit und Reichtum Bayerns gerühmt werden. Kurzum, Apian schuf ein hybrides Werk von verdichteten Informationen aus Karte, Text und tabellarischen Elementen.
• 12./13. Jahrhundert: Arezzo, Bologna, Cambridge, Lissabon, Montpellier, Oxford, Neapel, Paris, Salamanca
• 1300–1350: Avignon (1303), Coimbra (1308), Florenz (1349), Grenoble (1339), Pisa (1343), Prag (1347), Rom (1303)
• 1350–1400: Buda (1395), Erfurt (1379), Heidelberg (1385), Köln (1388), Pavia (1361), Pécs/Fünfkirchen (1367), Wien (1365), Zadar (1396)
• 1400–1450: Barcelona (1450), Leipzig (1409), Leuven/Löwen (1425), Poitiers (1431), Rostock (1419), Turin (1404), Würzburg (1402)
• 1450–1500: Aberdeen (1495), Basel (1459), Bratislava/Preßburg (1465), Freiburg im Breisgau (1457), Glasgow (1451), Greifswald (1456), Ingolstadt (1472), Trier (1454), Uppsala (1477), Valencia (1500), Venedig (1470)
Apian lehrte zu dieser Zeit an der 1472 im Kontext einer europaweiten universitären Gründungswelle entstandenen herzoglichen Hochschule in Ingolstadt. 1569 musste der bekennende Protestant Apian Bayern verlassen – zu stark war der katholische Gegendruck. Sein herzoglicher Förderer konnte und wollte ihn nicht halten, obwohl die Kontakte auch später – zu Apians Tübinger Zeiten – nie gänzlich abrissen. Jedenfalls war der beste Kenner Bayerns kein Bayer mehr. Doch auch in Tübingen wurde er nicht wirklich glücklich, da er sich weigerte, die Konkordienformel, eine lutherische Bekenntnisschrift, zu unterzeichnen. Apian verwies – zweifellos ein Vorwand – auf seine für eine Beurteilung nicht ausreichenden theologischen Kenntnisse. Tatsächlich scheint er in seinen späten Jahren mit dem Calvinismus sympathisiert zu haben. Wieder verlor der erste Topograph der Neuzeit, der diesen Namen wirklich verdient, sein Lehramt. Spätere verklärten Apian zum kompromisslosen Freigeist und modernen Wissenschaftler, der seine Forschungen nicht vom Gezänk der Theologen beeinflusst wissen wollte. Herzog Albrecht V. unterstützte ihn bis zum Lebensende, 1589 starb Apian, zwei Tage nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte. Dass dieser ein böses Zeichen und ein Urteil Gottes gewesen sei, wiesen Untersuchung und Leichenrede von sich. Apians Große Karte hing noch bis 1782 in der Münchner Residenz. Danach verbrannte man sie, da sich Mäuse allzu sehr durch Bayern gefressen hatten. Drei Jahre später sollte dann der Straßen- und Wasserbauingenieur Adrian von Riedl mit einer systematischen Vermessung Bayerns beginnen. Sein Können machte den Direktor des Topopgraphischen Bureaus zu einer entscheidenden Figur bei der großen Landesaufnahme Bayerns am Beginn des 19. Jahrhunderts.
Noch ein letzter Blick auf Apians Karte: Verzeichnet sind dort die Thunicates, ein Stamm, der in der Antike in der Gegend von Straubing gelebt haben soll. Apian hat dieses Wissen von dem Humanisten Johannes Turmair übernommen. Turmair, nach seinem Geburtsort Abensberg in Aventinus latinisiert, hatte seine beiden Chroniken Bayerns 1523, dann in einer zweiten Auflage 1533/35 durch eine Bayernkarte ergänzt – von den Alpen bis zur Donau, von Augsburg bis St. Wolfgang – im Maßstab von etwa 1:720 000. Dafür arbeitete Bayerns größter Humanist wohl mit Peter Apian, dem Vater Philipps, zusammen. Wesentliche Strukturelemente dieser Karte sind die Flüsse. Manches ist nicht vollends gelungen, Kempten etwa liegt am Tegernsee, doch dem antikebegeisterten Aventin ging es vornehmlich um die antiken Wurzeln des Landes, und so bevölkern nicht nur die Thunicates, sondern auch die Stämme der Vindelici, Norici, Brenni, Geloni oder Senones das Land. Auch das ist mehr als reine Kartographie, vielmehr eine Sinnstiftung des Raums. Ob Aventin über seine humanistischen Netzwerke von einem Sensationsfund erfahren hatte, den der wichtigste aller deutschen Humanisten, Conrad Celtis, um 1505 wohl auf der Reichenau gemacht hatte, muss offenbleiben.
Celtis hatte eine Pergamentrolle entdeckt, die in etwas unpraktischem Format, rund 6,80 × 0,33 Meter, die bekannte Welt von Spanien bis nach Indien zeigte und nach neuesten Forschungen das um 1200 entstandene Endprodukt mehrerer Überarbeitungsphasen mit rund 3500 verzeichneten Toponymen darstellt. Die letzte antike Überarbeitung ist auf etwa 435 zu datieren. Der Fokus liegt auf den Römerstraßen. Lange dominierte die Vorstellung, jene Tabula Peutingeriana – benannt nach dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger, der das Kartenwerk von Celtis bekommen hatte – sei eine Art antiker Linienfahrplan, ähnlich den S- und U-Bahnaushängen und für den kaiserlichen „cursus publicus“, den Depeschendienst, angefertigt. Heute geht man eher von einem repräsentativen Prunkstück mit dem aus der hellenistischen Geographie gespeisten „Weltwissen“ aus, das möglicherweise in der „villa“ eines reichen Römers hing, damit durchaus vergleichbar mit Apians „Großer Karte“ in der Münchner Hofbibliothek. Auf dem dritten Pergament der Tabula ist Augsburg, Augusta Vindelicum, mit einer doppeltürmigen Vignette verzeichnet; drei der vier durch Bayern führenden Straßen laufen dort zusammen. Dahinter steckt die Vorstellung zentraler Knotenpunkte und letztlich eine infrastrukturelle Hierarchisierung des Landes.
Unterwegs in Bayern – Philipp Apians kartographische Arbeit flankierten umfangreiche detaillierte Vorstudien – verschiedenen Formats und mit unterschiedlichem Ausarbeitungsgrad. Für manche Klöster, Kirchen, Burgen, Schlösser, Gebäude oder Orte, so hier von Sachrang im Chiemgau, sind seine Handskizzen, die erste Ansicht überhaupt und stellen so eine interessante Quelle für die Architekturgeschichte dar.
Schon im 13. Jahrhundert forderten große Gelehrte wie Albertus Magnus aus Lauingen oder Roger Bacon, man müsse bei Landkarten die gleiche Sorgfalt walten lassen wie bei Seekarten, in die Erfahrungswissen und genaue Beobachtungen einflossen. In diesem Sinn trug der Regensburger Benediktiner Friedrich Amann um 1450 in eine Sammelhandschrift auch hydrographische Skizzen ein. Mit roter Tinte ist die Donau eingezeichnet, die vom Westen kommend nördlich von „Augspurck“ über „Ragenspurck“ und „Offen“ (Buda, Stadtteil Budapests am rechten Donauufer) sich mit mehreren Armen ins Schwarze Meer ergießt. Karten öffneten Horizonte. Sie speicherten Wissen, dienten der Orientierung, stifteten Sinnzusammenhänge. 1501 ließ Erhard Etzlaub in Nürnberg eine Landstraßenkarte drucken, die von Süditalien bis Dänemark reicht – genau in der Mitte die Reichsstadt an der Pegnitz, Etzlaubs Rom und Nabel der Welt, wohin alle Straßen führen, von der alle Wege ausgehen.
Wenig vorher, passend zum Heiligen Jahr 1500, hatte Etzlaub eine gesüdete Pilgerkarte herausgegeben: „Das ist der Romweg von meylen zu meylen mit puncten verzeychnet.“ Punktlinien – jeder Punkt entspricht einer Meile (7,4 km) – durchziehen die Welt der meist alten Römerstraßen. Noch zahlreiche römische Meilensteine waren im Gelände stehengeblieben und markierten die Welt. Der fromme Wallfahrer, der im Anno Santo in die Ewige Stadt unterwegs war, konnte sich also den Weg einteilen. 1491 wurde in Eichstätt auf Kupfer die sogenannte Cusanus-Karte von England bis an den Bosporus gedruckt, darin die Regionen „Suevia“, „Bavaria“, „Noricum“ – eine „Francia“ fehlt – und darin, neben den üblichen genannten Orten, auch Nördlingen, Forchheim, Landshut, Andechs und ein noch ziemlich überschaubares München.
Im 15. Jahrhundert beginnt die Welt genauer zu werden – parallel zum wachsenden Wissen um den Raum. Historische Karten und Ansichten sind nun moderne Forschungsobjekte, ob herrscherliche Landesaufnahmen wie die der pfalz-neuburgischen Fürsten, die Stadtpläne eines Jörg Seld oder Hans Rogel, ob die Stadtmodelle Jakob Sandtners oder die Werke der barocken Druckmetropolen Augsburg und Nürnberg. Man erfährt viel aus ihnen, ob man sich für die Architektur-, Technikgeschichte oder die Wirtschaftshistorie interessiert oder ob es darum geht, das Pulsieren des Raums als sich verändernde Größe zu erkennen. Räume über ihre Grenzen zu definieren ist eine Möglichkeit. Bayerns frühere Kartographen sahen hier durchaus noch weitere Beschreibungszusammenhänge. Heutzutage sind Karten virtuell geworden. Immer weniger Menschen schenken sich die Freude, eine Karte aufzuklappen und sich eine Region vor Augen zu führen. Am Ende der geographischen Treppe mit Großer Karte und Grundsteuerkataster steht der BayernAtlas, eine Internetanwendung mit amtlichen Karten, Luftbildern, zoombar, navigierbar, dreidimensional, ungemein praktisch, mit Sightseeing-, Wander- und Badevorschlägen. Der Raum ist zurechtgemacht für jede Nutzung. Den unbekannten Ort gibt es nicht mehr. Unterlegt sind dem BayernAtlas historische Karten der letzten rund 200 Jahre, die Entwicklungen in ganz unterschiedlichen Richtungen zeigen. Bayerns höchster Berg, die Zugspitze, ist mit genau 2962 Metern angegeben. Verzeichnet sind Bahnen und Lifte, die den Aufstieg erleichtern. Ein Gipfelkreuz an der Stelle, wo Naus einst seinen Stock einrammte.
Bayerns letztes Stift nahm ein unwürdiges Ende. Der Konvent der Augustinerchorherren war zerstritten, man denunzierte sich gegenseitig, servierte als Braten einen Fuchs, pfiff auf die Ordensregel und benahm sich liturgisch daneben. 1813 beantragte der letzte Propst Gilbert Grab die Aufhebung von Höglwörth, das als einziges Stift die Säkularisation der Jahre 1802/03 überlebt hatte. Die Gründe hierfür lagen in der Herrschaftsgeschichte. 1802 war Höglwörth an Erzherzog Ferdinand von Toskana gekommen, 1805 an Österreich. In den Folgejahren wurde das religiöse Institut im Osten Bayerns zum Spielball verschiedener Interessen. Begriff und Phänomen Säkularisation gab es schon lange vor den umwälzenden Vorgängen der Jahre um 1800. Unterschieden wird grundsätzlich zwischen der Aufhebung der geistlichen Fürstentümer (Herrschaftssäkularisation) und der Aufhebung der landsässigen (also einer Herrschaft unterstellten) Klöster und Stifte (Vermögenssäkularisation). Diese „Verweltlichung“ geistlicher Rechte und geistlichen Besitzes taucht als Begriff seit dem Westfälischen Frieden 1648 auf, war aber schon in der Zeit der Reformation – und nicht nur von ihren Anhängern – als Mittel zum Zweck eingesetzt worden.
1813 beantragte nun Propst Grab selbst die Aufhebung seines Stifts. 1816 wurde ihm ein Administrator vor die Nase gesetzt – allerdings nur auf dem Papier. Am 30. Juli 1817 ging dann der letzte Akt des Trauerspiels über die Bühne: die Aufhebung. Das einzige und letzte von der Säkularisation verschont gebliebene bayerische Stift war nunmehr Geschichte. Der Schlussstrich unter eine über tausendjährige Ordnung und Welt war damit gezogen. Das Höglwörther Gotteshaus wurde eine Filialkirche der Pfarre Anger. Die Kritik am Konvent war schonungslos gewesen. Man warf ihm vor, weder eine sittliche noch eine wissenschaftliche Berechtigung zu haben, vielmehr gebe er „in dem Zustande seiner Verdorbenheit“ ein schlechtes Beispiel ab. Die Chorherren verließen Höglwörth. Der letzte Propst trug den passenden Namen.
Zunächst sei ein Blick auf die historischen Hintergründe geworfen: Ab 1792 trat das revolutionäre Frankreich einen militärischen Siegeszug sondergleichen an und schob seine Grenze bis an den Rhein vor. Nicht wenige deutsche Fürsten besaßen links des Rheins Besitzungen, unter ihnen der Regent von Kurpfalz-Bayern. Die pfälzischen Gebiete waren gemäß den Bestimmungen des Hausvertrags von Pavia 1329 im Jahr 1777 mit Bayern vereint worden. Der Kurfürst und seine Minister hofften auf Entschädigung für die Verluste an Frankreich. Hier fiel nun der begehrliche Blick einerseits auf die sogenannten freien Reichsstädte wie Augsburg, Nürnberg, Memmingen, Dinkelsbühl, Rothenburg ob der Tauber, Kaufbeuren, Windsheim, andererseits auf Land, Vermögen und Rechte der Geistlichkeit. Die Angst vor der Auflösung spukte bereits geraume Zeit als Schreckgespenst durch die Klostermauern, nahm aber nun konkrete Gestalt an, zumal einige Friedensverträge diese territoriale Veränderungsmöglichkeit legitimierten, so 1795 der Friede von Basel zwischen Frankreich und Preußen, 1797 der Friede von Campoformio zwischen Frankreich und dem Kaiser, 1801 der Friede von Lunéville zwischen Frankreich und dem Reich.
Vor der Säkularisation – Das Modell, das Pater Ulrich Baumgartner im Jahr 1793 von seinem Kloster, der Benediktinerabtei Elchingen, aus Karton und Pappe fertigte, führt eindrucksvoll einen monastischen Kosmos vor Augen, der sich gleichsam aus und zu der Kirche hin entwickelt. Neben Wirtschafts- und Speichergebäuden gehören zum Klosterkomplex auch Stallungen, eine Brauerei, das Gesindehaus, im Vordergrund ein Sommerpavillon und rechts, aus dem der Kirche vorgelagerten Viereck der Konventsbauten erwachsend, der Latrinenturm.
3 größere Mörser aus Messing
4 kleinere Mörser aus Messing
5 steinerne Mörser
1 Waage mit Kupferschalen
8 Waagen mit Messingschalen
5 kleinere Waagen mit Messingschalen
12 Spateln
6 Messinglöffel
4 Scheren
2 Schneidbretter
1 Wiegemesser
4 Trichter
Staatsarchiv München, Rentämter 2275; Bayern ohne Klöster? Die Säkularisation 1802/03 und die Folgen (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 45) 2003, 98 f. (Joachim Glasner).
Die Säkularisation der Klöster und Stifte bedeutete eine gewaltige logistische Herausforderung und wurde in aller aufklärerischen Kühle in Angriff genommen. Klare Instruktionen wurden erteilt. Im Wesentlichen folgte der normierte Prozess vier Schritten: Zunächst musste eine Inventarisierung vorgenommen werden. Dies erledigten 1802 die sogenannten Novemberkommissare. Einen Eindruck für das systematische Vorgehen mag der Hofbibliothekssekretär Johann Baptist Bernhart geben: Der Kenner und Inkunabelspezialist durchsuchte in 112 Tagen 54 Bibliotheken, hielt seine Beobachtungen in einem Tagebuch fest. Es stellte sich ja die Frage, was in Staatsbesitz und staatliche Rechtsnachfolge übergehen sollte und was nicht. Die Aufhebung selbst erfolgte schließlich 1803 durch die „Lokalkommissare“. Doch was war mit den Konventsmitgliedern anzustellen? Hierfür wurden die Ordensleute in drei Klassen eingeteilt, um die Höhe etwaiger Pensionsansprüche zu ermitteln. Die ehemaligen Klostergeistlichen gingen nach der Säkularisation ganz unterschiedliche Wege. Manche wurden Bischof, andere Geschichtsschreiber, wieder andere blieben als Pfarrer in der Seelsorge tätig oder traten in den Staatsdienst. Der vierte und letzte Abwicklungsschritt umfasste die Parzellierung und den Verkauf bzw. die Versteigerung des ehemaligen geistlichen Besitzes.
Die Aufklärer waren weder von den Mönchen und Chorherren zu beeindrucken, die einfach an ihrem angestammten Platz wie Generationen vor ihnen bleiben wollten, noch von geistlichen Denkschriften, wie sie etwa der letzte Abt von Benediktbeuern, Karl Klocker, verfasste. Da Klocker wusste, spirituelle Argumente würden die hierfür eher unempfindlichen Aufklärer kaum bewegen, führte er praktische Gründe für den Erhalt der teilweise tausend Jahre alten klösterlichen Gemeinschaften auf. Er verwies auf die Rolle der geistlichen Institute als Arbeitgeber, ihre Leistungen in der Kranken- und Armenpflege, ihre Bedeutung für Schule und Bildung und anderes mehr. Vergeblich.
Zuerst traf es die Bettelordens- und die Prälatenklöster – die sogenannten Alten Orden der Benediktiner, Zisterzienser, Augustinerchorherren und Prämonstratenser – der Oberpfalz, da diese nicht durch die landständische Verfassung geschützt waren. Einen Sonderfall bildete Ostschwaben, das neu zu Bayern gekommen war. Hier musste erst die Herrschafts-, dann die Vermögenssäkularisation umgesetzt werden. Auf der Spitze der geistlichen Machtpyramide standen dort die Kemptener Fürstäbte, die über einen Staat von rund 40 000 Einwohnern regierten. Daneben gab es aber auch Zwergstaaten wie die Reichsstifte Ursberg, Roggenburg (beides Prämonstratenser), Wettenhausen (Augustinerchorherren) oder Elchingen und Irsee (beides Benediktiner). Zweifellos war den Zeitgenossen die große Zäsur der Ereignisse bewusst, doch schon damals war die Beurteilung höchst unterschiedlich. 1824 wurde ein anonymes Flugblatt des ehemaligen Bamberger Domherrn Franz Karl Freiherr von Münster verbreitet, der hinter die Vorgänge gleich ein dreifaches Fragezeichen setzte: „Ich frage daher alle Menschen von Bildung und Religion: was man mit denen Zerstoerern der praechtigen Tempel zu Muensterschwarzach und Theres am Main anfangen solle ? - ? - ? (…) Von dem Schicksal in meinem ganzen Leben fast immer so gestellt, daß ich beobachten und ueber Alles nachdenken, aber selten handeln konnte, habe ich meine Thaetigkeit jetzt besonders auf die Untersuchung der Ursachen gerichtet, welche die merkwuerdigsten Ereignisse meiner Zeit im Vaterlande herbeigefuehrt, wozu denn auch die gewinnsuechtige Demolierung der schoenen Kirche zu Muensterschwarzach gehoert, welche eine wahre Zierde dieser Gegend und Frankens war. – Sic transit gloria Franconiae!“
Andererseits kursierte schon lange ein teils diffuser Mönchshass, wie er sich in scharfen Karikaturen einer verweltlichten Geistlichkeit äußerte. Und tatsächlich gab es in einigen Klöstern durchaus Billardzimmer, Mönche gingen auf die Jagd, vergnügten sich beim Kegeln. In Benediktbeuern verlustierte man sich an einer Schießanlage mit starren und laufenden Scheiben. Allerdings müssen diese Amüsements vor den standesbezogenen Gepflogenheiten der Zeit gesehen werden, und es gab sie auch keineswegs überall. Die Klöster und Stifte waren hier ganz unterschiedlich und nicht selten hatten die Konvente selbst Reformen in ihren Mauern durchgeführt und damit auf die aufklärerische Kritik des 18. Jahrhunderts reagiert, die sich nun Bahn brach.
So verschwand zwischen 1808 und 1818 auch der Mönchskopf im Wappen Münchens, da die nunmehrige Hauptstadt des Königreichs doch wahrlich keine Mönchsstadt sei. Und der Klosteraufhebungskommissar Johann Christoph Freiherr von Aretin vertraute einem am 1. April 1803 im ehemaligen Stift Schäftlarn verfassten Brief die bedeutungsbewussten, emphatischen Zeilen an: „Zwischen gestern und heute stand eine Kluft von tausend Jahren: Heute ist der Riesenschritt über diese unermessliche Kluft gewagt. Von heute an datiert sich eine Epoche der bayerischen Geschichte, so wichtig, als in derselben bisher noch keine zu finden war. Von heute an wird die sittliche, geistige und physische Kultur des Landes eine ganz veränderte Gestalt gewinnen. Nach tausend Jahren noch wird man die Folgen des Schrittes empfinden.“ Aretin hatte an dieser Geschichte mitgeschrieben, die allerdings eine europäische, keine bayerische war. Ein abschließendes Urteil über die Säkularisation ist auch heute kaum zu treffen, nicht weil zu viele rechtliche, soziale, kulturelle Aspekte zu berücksichtigen wären, sondern weil das Epochengemälde zu viele Farben und zu viele Schattierungen besitzt.
Lange Zeit dominierte das Bild der verweltlichten Klöster, deren verlotterte Bewohner nichts anderes verdient oder förmlich auf die Befreiung gewartet hätten. „Fünfzig Faulenzer ernähren hundert Bettler“, wie es Johann Gottfried Seume einmal für Italien lapidar berechnete. Tatsächlich gab es heruntergekommene Orte geistlichen Lebens, hochverschuldete Klöster wie das von St. Ulrich und Afra in Augsburg, doch andere geistliche Zentren standen finanziell hervorragend da. Tatsächlich flehten die Dominikanerinnen von Altenhohenau am Inn, man möge sie aus ihrem Gefängnis erlösen, und auch die Bamberger Klarissen machten um 1800 mit einer Art Flaschenpost auf ihre bedrückende Situation aufmerksam. Für andere Ordensleute wiederum war es das Schlimmste, dass man ihr Gott gegebenes Gelübde nun von außen brach.
Für eine Bilanz mag man vieles auf die grobe Waage der Geschichte werfen. Die positive Schale füllt – aus der Perspektive des Staats – der Zuwachs an Land und Leuten, eine umfassende Vergrößerung des staatlichen Waldflächenbesitzes um 1 167 000 Tagwerk (davon 554 000 ehedem klösterlich), der dem Staat noch heute große Einnahmen beschert. Vergleichbares gilt auch für die Kommunen: Dass die Stadt Augsburg mit 7000 Hektar der größte kommunale Waldbesitzer im heutigen Freistaat ist, geht zum großen Teil auf das ehemalige Eigentum des Augsburger Fürstbischofs zurück, dessen weltlicher Herrschaftsbereich, das Hochstift, zuletzt an die Stadt gefallen war. Insgesamt zählte Bayern flächenmäßig mit Preußen und Württemberg zu den großen Gewinnern der Säkularisation. Hinzu kamen, wenngleich relativ kurzfristig, Einnahmen aus den Verkäufen, wobei das Überangebot den Marktpreis in den Keller drückte. Zudem fanden unermessliche Schätze den Weg in Staatsbesitz. Aus 150 Klöstern und Stiften kamen die prächtigsten Handschriften und Bücher nach München – im Zeitraum zwischen 1773 (Aufhebung des Jesuitenordens) und 1817/24 wuchs die Hofbibliothek um 450 000 Bände, was einer Versechsfachung des Bestands entsprach, mit dabei die Buchsammlungen der bedeutendsten geistlichen Bibliotheken Tegernsee, Polling, Benediktbeuern. Selbst aus dem kleinen Höglwörth wurden in mehreren Tranchen knapp 800 Bücher nach München transportiert.
Auch die Sammlungen der staatlichen Archive vergrößerten sich. Sortiert wurde nach den Kriterien der Zeit, der Schwerpunkt lag auf den Originalen, vor allem den Urkunden und auf Rechtsschriftgut wie Amtsbüchern. Von den Akten hingegen sollten die Kommissare nur das Wichtigste aussondern. So kamen im Zug der Säkularisation rund 220 000 Urkunden in den Besitz des bayerischen Staats. Vergleichbares gilt für die sonstigen Wertgegenstände. Auf besonderes Interesse der Säkularisierer stießen etwa die Naturalien- und Wissenschaftssammlungen mit Vögel-, Amphibien-, Insektenpräparaten etc. von St. Nikola in Passau. Der hochgelehrte ehemalige Banzer Benediktiner Dionysius Linder baute auf Basis der Klostersammlung das Bamberger Naturalienkabinett auf. Im April 1803 verpackte der Bildergalerie-Inspektor Georg von Dillis 9000 Kupferstiche, 300 Originalzeichnungen, einige Gemälde aus dem Stift Rottenbuch in acht Kisten. Unzählige Kunstwerke wurden nach München gebracht. Diese Sammlungserweiterung gab der bayerischen Hauptstadt einen großen Impuls für ihre Entwicklung von einer deutschen Kulturstadt zu einer Kunststadt europäischen Formats.
Bedienstete: Richter, Arzt, Kämmerer, Diener, Organist, Jäger, Gärtner, Maler, Torhüter, Schneider, Nachtwächter, Küchenpersonal, Bäcker, Müller, Braumeister, Stall- und Hütebuben, Mägde u. a.
Zeitweilig in Diensten: Apotheker, Bader, Zahnarzt, Buchdrucker und -binder, Kistler, Schäffler, Schreiner, Wagner, Feilenhauer, Gürtler, Glockengießer, diverse Schmiede, Zinngießer, Sporer, Gold-, Silberschmiede, Kürschner, Lederer, Gerber, Sattler, Schuhmacher, Hutmacher, Bortenwirker, Schneider, Seiler, Weber, Glaser, Hafner, Lauten- und Geigenmacher u. a.
Stefan Trinkl, Das Zisterzienserkloster Fürstenfeld unter Abt Balduin Helm 1690–1705 (Geschichtswissenschaft 35) 2015, 222–275.
Auf der anderen Seite wurden zahllose Kunst- und Geschichtsschätze, die dem damaligen Kunstgeschmack und Bildungsideal nicht entsprachen, vernichtet. Paramente oder Mobiliar wurden auf Auktionen in München, zum Teil auch vor Ort, versteigert und nicht selten verschleudert. Manche Bücher fielen durch die Interessenraster der Aufklärer, wenngleich hartnäckig über Generationen weitergetragene Verlustgeschichten, diese „Barockliteratur“ oder jene Archivbestände seien einfach im nächsten See oder Moor entsorgt bzw. eine Wagentrasse damit stabilisiert worden, zumeist ins Reich der Legende zu verweisen sind. Auch die Auswahl der Gemälde leiteten säkulare Wertmaßstäbe – man entschied sich bevorzugt für die später so genannten altdeutschen Meister oder die Künstler der europäischen Renaissance. Vielfach gab es allerdings Probleme, die Vielzahl von frei gewordenen Gebäuden an den Mann zu bringen. Manche Anlagen wurden komplett oder teilweise niedergelegt, so Weihenstephan, Taxa oder die gewaltige Zisterze Langheim im heutigen Oberfranken. Manche kamen in andere, nicht selten wechselnde Nutzungszusammenhänge, dienten als Magazin, Speicher, Fabrik, Gefängnis, Lazarett. Die kurzzeitigen finanziellen Gewinne aus Verkäufen wogen kaum die gewaltigen Baulasten auf, die der Staat nun an ehemaligem Kirchengut zu tragen hatte. Auch im ureigenen und angestammten Aufgabenfeld der Kirche kam es zu Problemen. Obwohl rasch eine Rationalisierung der Seelsorge durch an die Bevölkerungsdichte angepasste Einheiten angestrebt wurde, gab es etwa in München Engpässe bei der geistlichen Betreuung der Bevölkerung. Zudem wird einigen Säkularisierern kaum Unrecht getan, wenn man ihnen unterstellt, sie seien geradezu fanatisch ans Werk gegangen. Zu ihnen gehörte mit dem pfälzischen Gastwirtssohn Georg Friedrich Zentner eine der federführenden Gestalten und engsten Mitarbeiter von Montgelas, der als Minister und Verfassungsvater von 1818 eine maßgebliche Figur im frühen Königreich Bayern wurde, sich allerdings von seinen radikalen Anfängen zunehmend entfernte.
Säkularisation bedeutete auch keine Befreiung der bäuerlichen Untertanen, sondern lediglich einen Herrschaftswechsel, wobei manch einer den Krummstab, unter dem es sich sprichwörtlich so schlecht nicht hatte leben lassen, zurücksehnte. Besonders ins Gewicht fiel der Abschied von einer polyzentralen Gelehrsamkeit Bayerns, der auch die „Geburt der Provinz“ beförderte. Die Stifte und Klöster waren nicht selten Zentren der Forschung auf zahlreichen Gebieten gewesen. Auch wenn wie im Kloster Elchingen gegen die „Affen“, „Dummköpfe“, „intoleranten Insekten“, „Ohrenbeichtbestürmer“, „Verleumder“ oder „Obrigkeitsschänder“ der Aufklärung gewettert wurde, welche die „Felsenkirche“ mit ihrer „Franken-Freiheit“ bedrohten, wurde dort gleichzeitig Forschung auf höchstem Niveau und zahlreichen Gebieten betrieben. Einige Mönche gehörten gelehrten Akademien an, zeichneten sich gerade durch eine moderne naturwissenschaftliche Experimentierfreude aus, waren eingebunden in die gebildete europäische Welt, die „res publica litteraria“, pflegten weite Briefkontakte. Dieses gelehrte Band war nun zerrissen.
Es ist wohl angebracht, hinter all den kühlen Abwägungen und nackten Zahlen wenigstens ein Schicksal exemplarisch aufzuzeigen, das des „Holz- und Käferherrles“ Candid Huber. Matthias, so sein Geburtsname, wurde 1747 in Ebersberg als Sohn einer kinderreichen Familie – sein Vater war Melber (Mehlhändler) – geboren, ging in das Jesuitengymnasium und war Zögling auf der berühmten Domus Gregoriana in München, studierte in Passau Musik, trat 1768 in das bedeutende Benediktinerkloster Niederaltaich ein und empfing 1772 die Priesterweihe. In Regen, in unmittelbarer Nähe des Bayerischen Walds, begann er intensiv Obst- und Waldgehölze zu studieren, wurde Pfarrvikar in Oberndorf und Ebersberg, wo er eine Xylothek anlegte – eine Holzbibliothek mit über tausend Arten, ganz im Geiste Carls von Linné, des schwedischen Natursystematikers. Zieht man einen seiner mit den Pflanzennamen beschrifteten Einbände heraus, öffnet sich eine Holzkiste, darin Früchte, Zweige, Blüten, Blätter usw. des jeweiligen Baums sowie Käfer und Insekten, die ihn bevorzugt bevölkern. 1799 wurde Pater Candid dann Waldmeister auf der Rusel im Bayerischen Wald, wo er das Lehrbuch Vollständige Naturgeschichte verfasste. Er züchtete Bienen und Seidenraupen, pflanzte Obstbäume, plante Wasserleitungen, machte sich Gedanken über Nachhaltigkeit – „prosperitati plantandum“ („für die kommende Generation sind die Pflanzungen anzulegen“). Huber war einer, den die Säkularisation ins Mark traf. Er sah sich, obwohl hochgeehrt, als Vertriebener, als „exul“ – wie es auf seiner selbstverfassten Grabinschrift heißt –, zuletzt als Einsiedler in Stallwang. Sein Exil dauerte zehn Jahre. Johann Michael Sailer, der große Theologe, spätere Bischof von Regensburg und Freund Hubers, begleitete ihn auf seinem letzten Lebensabschnitt.
Huber starb mit 66 Jahren. Bei der Beerdigung hatte man vergessen, einen Sarg für ihn anfertigen zu lassen. In der Leichenrede stellte Franz von Paula Schrank, Direktor des Alten Botanischen Gartens in München, die Vermutung an: „Es war, als hätten sich die Bäume des Waldes geweigert, für den, der für sie lebte und schrieb, die nötigen Bretter zu liefern.“ Ein großer Teil seines „Bücherwalds“, in den Huber seine Erkenntnisse rund um die Schöpfung legte, ging in die Bestände der Holzforschung München (Technische Universität) ein. Hubers Studien fielen in die Zeit, als der Bayerische Wald unter einer massiven Schädlingsplage zu leiden hatte. Er war einer der ersten Forstentomologen, beschäftigte sich speziell mit in der Rinde nistenden und den Baum schädigenden Pflanzen und Flechten. In seiner von ihm selbst verfassten Grabinschrift bezeichnete er sich als „Deuter, Diener und Opfer der Natur“ („interpres, minister, sacrificium naturae“). Meinte er mit jener Naturgewalt die Säkularisation?
Am Jahr 753 nach Christus ist nicht zu rütteln, da ist sich Pater Coelestin Leutner aus Wessobrunn sicher. Damals, vor 1000 Jahren, ging der bayerische Herzog Tassilo in Begleitung von Wezzo und Taringeri im Rottwald zwischen Lech und Ammer auf die Jagd. In der Nacht träumte der Agilolfingerherzog von einer Leiter, die in den Himmel führt, dem heiligen Petrus entgegen. Engel steigen auf und ab. Am Fuß der Leiter fließen drei Quellen kreuzförmig zusammen. Just diese Quellen fand Wezzo am folgenden Morgen. Der Herzog ließ an jener Stelle ein Kloster, dem Apostelfürsten Petrus geweiht, errichten. Es trägt seine Gründungsgeschichte im Namen, „monasterium ad fontes Wezzonis“, Kloster bei den Quellen des Wezzo. Pater Coelestin belegte umfänglich, weshalb diese Gründungsgeschichte, die „fundatio“, ihre Richtigkeit haben müsse, zitierte alte Literatur, wägte die Argumente gegeneinander ab. Methodisch war Leutner beeinflusst von den seinerzeit hochmodernen Maurinern und Bollandisten – benannt nach dem Pariser Mauruskloster bzw. der Société des Bollandistes, welche die Lebensgeschichten der katholischen Heiligen zusammenstellte –, die eine quellenkritische geschichtsschreiberische Methode entwickelten, welche noch heute nichts von ihrer Grundsätzlichkeit eingebüßt hat.
Leutner schrieb seine Jubiläumschronik mit dem barocken Titel „Historia Monasterii Wessofontani illustrans Historiam Bavaricam universalem et particularem deprompta ex approbatissimis scriptoribus rerum Germanicarum, et maxime Bavaricarum“, übersetzt: „Geschichte des Klosters Wessobrunn, worin die allgemeine bayerische Geschichte beleuchtet wird und die geschöpft ist aus den anerkanntesten Schriftstellern, die über die deutschen Zeitläufte geschrieben haben“ – im Wechselspiel von Kloster- und Territorialgeschichte und beeinflusst von seinem Benediktbeurer Mitbruder Pater Karl Meichelbeck, ohne jedoch immer dessen methodische Tiefe zu erreichen. Das tausendjährige Bestehen Wessobrunns wurde groß gefeiert mit Gottesdiensten und Festivitäten. Damit unterstrich man nach außen hin, dass an der Gründungsgeschichte nicht zu kratzen sei. Fünfzig Jahre später gab es das Kloster Wessobrunn nicht mehr.
Die moderne Forschung geht durchaus kritisch mit diesen Gründungsgeschichten der religiösen Institutionen um. Nicht wenige werden massiv in Zweifel gezogen oder sind widerlegt. Manches hat sich aber auch durch archäologische Funde bestätigt. Sicher ist, eine „fundatio monasterii“ war ein länger dauernder Prozess, der kaum auf ein bestimmtes Jahr als vielmehr auf einen Zeitkorridor zu datieren ist. Überblickt man die wesentlichen „Klosterschichten“ des Klösterreichs Bayern, so sieht man, dass die Grundlagen im frühen Mittelalter, im 7., 8. und 9. Jahrhundert, liegen. Analysiert man die Orte der frühen Klöster, so fällt als häufiges Strukturelement die Nähe zu einer Römerstraße auf, wie Wilhelm Störmer feststellte. Ein wesentliches infrastrukturelles Wechselspiel bestand zudem zwischen Kloster und Fluss – an und um die Donau: Münchsmünster, Weltenburg, Wörth, Metten, Niederaltaich; an und um den Lech bzw. in der Umgebung: Wessobrunn, Sandau, möglicherweise auch Thierhaupten; an und um die Isar: Schäftlarn, Weihenstephan, Moosburg; an und um den Inn: Kufstein, Gars, Au; an und um die Altmühl: Eichstätt, Solnhofen; an der Günz: Ottobeuren; an der Iller: Kempten –, um nur eine Auswahl der frühen Klosterschicht anzuführen.
Nicht selten ist ferner die Wahl eines „locus desertus“, eines abgeschiedenen Orts, für ein geistliches, rein auf Gott ausgerichtetes Leben, wie es bei Klöstern am See, auf einer Insel oder in mooriger Gegend sinnfällig zum Ausdruck kommt. Beispiele hierfür sind – in und außerhalb Bayerns, um die Grundsätzlichkeit aufzuzeigen – Mondsee, Mattsee, die Chiemseeklöster, Schliersee, Tegernsee, vielleicht Kochel, die Reichenau; in weiterer Entfernung Benediktbeuern oder Schlehdorf. Prägend ist für manche Klöster auch eine gewisse Grenzlage, so im Fall von Eichstätt, Chammünster, Kremsmünster, Innichen oder den Lechklöstern, für manche zeigt sich ein Zusammenspiel mit dem Bischofssitz, so St. Emmeram in Regensburg oder St. Peter in Salzburg. Eine Klassifizierung auf der Aachener Synode 818/19, die „Notitia de servitio monasteriorum“, führte unter den bedeutendsten Klöstern Mondsee und Tegernsee an. Zur zweiten Kategorie zählten etwa Weltenburg, Niederaltaich, Kremsmünster, Mattsee, Feuchtwangen, Hasenried und Kempten, zur dritten Berg im Donaugau, Metten, Schönau im Rottal, Moosburg und auch Wessobrunn.
Die Klöster des frühen und beginnenden hohen Mittelalters bildeten in vielerlei Hinsicht ein das Land gliederndes Rückgrat. In ihnen machte das „Reisekönigtum“ mit seinem Hof Halt, der König regierte, so ein berühmtes Zitat, damals vom Sattel aus. Bischofssitze und größere Klöster verfügten über die notwendige Infrastruktur und Ausstattung, um den Hof zu beherbergen und zu verköstigen. Ab dem frühen 9. Jahrhundert folgte jedes Kloster, auch in Bayern, der Regel, die dem Ordensgründer Benedikt von Nursia aus dem 6. Jahrhundert zugeschrieben wurde – eine Entwicklung, die wesentlich auf das Zusammenwirken Ludwigs des Frommen mit dem Reformer Benedikt von Aniane zurückzuführen ist. Und auch in späteren Jahrhunderten blieb Bayern ein benediktinisches Land. „Terra benedicta – terra benedictina“, gesegnetes Land, da benediktinisches Land, heißt ein Wortspiel aus späterer Zeit. In das Klosterleben des 10. Jahrhunderts brachen – wie auch sonst im Land – die Ungarn ein, was seinen Niederschlag in Legende und Literatur bis heute findet. Peter Dörfler lässt in seiner Erzählung „Am Hunnenstein“ von den Grausamkeiten rund um Wessobrunn berichten. Für den Historiker allerdings bleibt aufgrund dürftiger Quellenlage vieles im Dunkeln.
Eine neue Gründungswelle von Ordensniederlassungen setzte im 11. und 12. Jahrhundert ein. Neben einem benediktinischen wurde Bayern nun auch zu einem augustinischen Land. Höglwörth war eines jener Stifte der Augustinerchorherren, also keiner Mönchs-, sondern einer Priestergemeinschaft, deren Mitglieder im Gegensatz zum meist monastischen Gelübde der Armut über Eigenbesitz verfügen durften und dürfen. Vor allem im 12. und 13. Jahrhundert kamen Gründungen der Zisterzienser und der Prämonstratenser hinzu. Auf der geistlichen Landkarte finden sich ab dem 13. Jahrhundert neue Gemeinschaften wie die Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner, die nun bewusst den erwähnten „locus desertus“ mieden und in den aufblühenden Städten des hohen und späten Mittelalters ihr geistliches Einsatzgebiet suchten. Erste Niederlassungen der Bettelorden nördlich der Alpen wurden in Augsburg gegründet. Noch heute prägen ihre oft schlicht gehaltenen Kirchenbauten eindrucksvoll das Stadtbild, so etwa in Regensburg. Franziskaner und Dominikaner verzichteten dezidiert auf die „stabilitas loci“ der alten Orden, nach der sich ein Mönch oder eine Nonne dauerhaft an das jeweilige Kloster band. Damit waren die Franziskaner und Dominikaner deutlich flexibler. Zu den Bettelorden zählen auch die Karmeliten und Augustinereremiten. Es war dann ein Bettelmönch, der Augustinereremit Martin Luther, der mit seiner neuen Lehre die klösterliche Welt ins Wanken brachte. In nun protestantischen Gebieten, so in Teilen Schwabens, der Oberpfalz und im heutigen Mittelfranken, wurden viele Klöster aufgehoben, eine erste Säkularisationswelle mit weit ausgreifenden Folgen bis in unsere Tage.
Andere Regionen des heutigen Freistaats blieben auch auf Drängen des Herzogs dem alten Glauben treu und wurden Zentren der sogenannten Gegenreformation und Katholischen Reform, allen voran die altbayerischen Gebiete. Deshalb stellt für weite Teile Bayerns die Reformation auch keine Zäsur dar wie für andere deutsche Gebiete. Bayerns Geschichte ist eher mit der französischen oder der italienischen Entwicklung zu vergleichen als mit der anderer deutscher Territorien. Weitere Orden kamen in den folgenden Jahrhunderten hinzu, so die als Volksprediger beliebten Kapuziner, die Englischen Fräulein, die Salesianer, die Unbeschuhten Karmeliten, die Ursulinen, allen voran aber die Jesuiten, die Societas Jesu. Manche Ordensstiftungen wie die Gemeinschaft der Bartholomäer, gegründet von Bartholomäus Holzhauser aus dem schwäbischen Laugna, überdauerten nur kurze Zeit. Erwähnenswert: In Bingen, wo Holzhauser 1658 starb, hatte er den Lettner abbauen lassen, um den Gläubigen freie Sicht in den Altarraum zu ermöglichen – eine theologische Maßnahme, die ihrer Zeit weit voraus war.
Die von der Regensburgerin (Stadtamhof) Karolina Gerhardinger (Maria Theresia von Jesus) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründete Gemeinschaft der Armen Schulschwestern, um ein modernes Beispiel zu nennen, existiert hingegen bis heute – und dies weltweit. Einige neue Orden spezialisierten sich auf die Erziehung, galt es doch, den katholischen Nachwuchs zu fördern. Manche Orden waren wiederum ausgesprochene Gelehrtengemeinschaften, andere zeigten ein höheres Maß an Volksnähe. Insgesamt entwickelte sich über die Jahrhunderte eine bunte geistliche Landkarte, die durchaus unterschiedliche Konturen und Schraffierungen aufwies. Sichtbaren und bis heute überwältigenden Ausdruck fand diese Prägung insbesondere in den Kirchen- und Konventbauten der Barockzeit, als sich der „teufelsbauwurmb“ – der im Übrigen durch weitere Kapitel dieses Buchs kriechen wird – in das Herz so manches Prälaten einschlich. Über Abt Rupert Neß von Ottobeuren meinte etwa der Chronist Pater Maurus Feyerabend: „So lange Rupert II. lebte, baute er und zwar meistentheils im großen Stil.“
• Clemens II. (1046/47), zuvor Bischof Suitger von Bamberg (1040–1047)
• Damasus II. (1048)
• Victor II. (1055–1057), zuvor Bischof Gebhard I. von Eichstätt (1042–1057)
• Benedikt XVI. (2005 – res. 2013), zuvor Erzbischof von München und Freising, Präfekt der Glaubenskongregation
Dieter J. Weiß, Bayerische und Baierische Päpste. Clemens II., Damasus II. und Victor II., in: ders./Rainald Becker (Hg.), Bayerische Römer – Römische Bayern. Lebensgeschichten aus Vor- und Frühmoderne (Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 2) 2016, 45–67.
Die Säkularisation von 1802/03 schnitt zahlreiche fromme Traditionsfäden ab. Nicht nur Klöster und Stifte wurden aufgehoben, auch Wallfahrten, Bittgänge, Passionsspiele wurden untersagt. Erst der zweite bayerische König Ludwig I. nahm diese Verbote zurück, die unter seinem Vater Max I. Joseph erlassen worden waren – gänzlich durchsetzen können hatte man sie ohnedies nie. Zur antifranzösischen Restitutionspolitik Ludwigs gehörte auch die Wiedererrichtung vieler Klöster, nun jedoch unter staatlicher, zudem königlicher Kontrolle. Besondere Förderung durch Ludwig I. erfuhren die Bettelorden, auch Zisterzienserinnen, Salesianer, Englische Fräulein, die Barmherzigen Schwestern, vor allem aber die Benediktinerinnen und Benediktiner, demnach Orden, die sich der schulischen Ausbildung, der Krankenfürsorge und der Jugendarbeit widmeten und Bayern wieder ein religiöses und glaubenstreues Fundament geben sollten. Nicht in den Genuss königlicher Förderung kamen indes die Jesuiten, unterstellte man ihnen doch seit jeher allzu große Einflussnahme und politische Ambitionen. In den Benediktinern hingegen sah Ludwig I. den wissenschaftsorientierten, apolitischen Orden „teutschen Wesens“.
Insgesamt traf Ludwig I. damit durchaus den Nerv der Zeit, wie ein Beispiel veranschaulichen mag. Bereits 1816 kursierten in Augsburg Gerüchte über eine Klostergründung. In den 1830er-Jahren wurden die Stimmen aus der Bürgerschaft immer lauter. Vom 20. Dezember 1834 datiert dann eine königliche Vollzugsanordnung, die Benediktinerabtei St. Stephan zu errichten. Die bereits bestehende Schule sollte dem Kloster zu „dem Zwecke der Wissenschaften und der sittlichen und geistigen Ausbildung der Jugend“ übertragen werden. Die Rechtsgrundlage bildete das bayerische Konkordat von 1817. Allerdings gab es ein Problem: Woher die Mönche nehmen? 1826 waren 293 Ex-Benediktiner gefragt worden, ob sie in eine Klostergemeinschaft zurückkehren wollten. Das Ergebnis war niederschmetternd: Elf waren dazu bereit. Kurzum, Barnabas Huber, ehemaliger Mönch aus Ottobeuren, der an der Spitze der geistlichen Gemeinschaft stehen sollte, wäre ein „abbas nullius“, ein Abt von niemand, gewesen, und so wurde außerhalb Bayerns um Mönche geworben.
Das benediktinische Leben im bayerischen Augsburg begann mit Mönchen aus Österreich (Admont, Altenburg, Göttweig, Kremsmünster, Marienberg, Melk, Michaelbeuren, Prag, Seitenstetten, Salzburg, St. Lambrecht, St. Paul im Lavanttal, Wien), vier kamen aus Metten und ein Benediktiner aus Einsiedeln in der Schweiz. Kirchenrechtlich wurde mit Abt Barnabas Huber die alte Reichsabtei Ottobeuren nach Augsburg verlegt. Demnach war St. Stephan keine Neugründung. Zuvor war der Versuch, Coelestin Königsdorfer, den letzten lebenden Abt aus Zeiten vor der Säkularisation, zu gewinnen, um damit gleichsam die Brücke zu schlagen, gescheitert. Der ehemalige Klostervorstand von Heiligkreuz in Donauwörth hatte das Amt wegen der „bizarren Gesellschaft“ so heterogener Ordensgeistlicher abgelehnt.
Trotz schwierigen Anfängen war die Klostergründung, die örtlich an ein altehrwürdiges, vom heiligen Bischof Ulrich gegründetes Damenstift, vom Orden her an die säkularisierte benediktinische Reichsabtei St. Ulrich und Afra in Augsburg anknüpfte, vom Wirkungsschwerpunkt her in der Tradition des jesuitischen Gymnasiums St. Salvator stand, ein Erfolg. Ludwig I.
