Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Zeige mir, wie du haust, und ich sage dir, wer du bist. Hausen und Behaust-Sein charakterisieren das Wesen des Menschen in seiner Kreatürlichkeit. Als Individuum und im Kollektiv. Im Guten wie im Bösen. In der Natur, mit der Natur und gegen die Natur. Aber auch für, mit und gegen seinesgleichen. Denn als Naturwesen ist der Mensch unberechenbar. Bis an die Grenze der Selbstzerstörung und darüber hinaus. Kurt E. Beckers Texte aus vier Jahrzehnten loten die Chancen und Risiken mensch(heit)lichen Hausens und Behaust-Seins aus und thematisieren die immer gleichen Fragen unserer Existenz auf dem blauen Planeten Erde. Der Mensch haust nämlich, weil er hausen muss. Über die Zeiten hinweg. Ein wach- und aufrüttelndes Buch!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dr. Phil. Kurt E. Becker, Jahrgang 1950. Studium der politischen Wissenschaften, Soziologie, Psychologie, Philosophie und Pädagogik in Freiburg /Breisgau und Stuttgart, Publizist, Autor und Herausgeber von mehr als 40 Büchern. Kommunikationsberater, Medien- und Executive Coach von Führungskräften der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Initiator von Veranstaltungs- und Gesprächsreihen wie „Frankenthaler Gespräche“, „Futurion“, „Preis für humanes Bauen“, „PROM des Jahres“, „Bildungsinitiative Energie“, „ENRESO 2020“, „Andreasstift-Gespräche“. Zahlreiche Publikationen zum Thema „Corporate Communicative Responsibility“. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Du darfst Acker zu mir sagen, Roman, Landau/Pfalz, 1982 (Taschenbuchausgabe unter dem Titel „Unerlaubte Entfernung“, Frankfurt a. M., 1985); Pais Paizon, Erzählung, St. Michael, 1982; Anthroposophie – Revolution von innen: Leitlinien im Denken Rudolf Steiners und ihre Bedeutung für die Gegenwart, Frankfurt a. M., 1984 (mehrere Auflagen 1985, 1986, 1988, Reprint 2015); Der römische Cäsar mit Christi Seele: Max Webers Charisma-Konzept. Eine systematisch-kritische Analyse unter Einbeziehung biographischer Fakten, Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris, 1988; Charisma. Der Weg aus der Krise, Bergisch Gladbach, 1996; Der Charisma-Faktor. Glücklich sein mit Sisyphos, Frankfurt, 2016; Als Paulus kam nach Stutensee, Bretten, 2018; Der behauste Mensch. Von vier Wänden und einem Dach über dem Kopf. Im Dialog mit 77 Persönlichkeiten von Aristoteles bis Stefan Zweig, Ostfildern, 2021; Die entkoppelte Kommunikation. Warum wir immer mehr wissen, aber immer weniger verstehen, Lindemanns, Bretten, 2022.
Kurt E. BeckerBehaust-Seinund Hausen
Ein mensch(heit)liches Dilemma:Apokalypse inklusive?
Lindemanns
Meinem Freund Bernd Heuer in memoriam
und nicht zuletzt auch im Gedenken unserer „Hennweiler Nachhaltigkeitsgespräche“
Mensch sein heißt:
als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen.
Martin Heidegger
Vorwort
Dieses Buch ist das vorläufige Ergebnis einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit einem menschlich menschheitlichen Dilemma – der bizarr ultimativen Frage nämlich, ob das Naturwesen „Mensch“ seine Existenz, sein Hausen und Behaust-Sein auf diesem Planeten überleben kann und falls ja: unter welchen Bedingungen? Denn das Dilemma besteht ja darin, dass der Mensch vier Mauern und ein Dach über dem Kopf zum Überleben benötigt, die Vielzahl der Häuser und deren Emissionen neben vielen anderen Komponenten und Artefakten menschlichen Hausens dieses Überleben aber gleichzeitig in Frage stellt. Es kommt hinzu, dass der Mensch dem Menschen in seiner Geschichte noch nie wirklich „grün“ war, die Destruktivität gegenüber Seinesgleichen zu seinem genetischen Code quasi dazugehört. Nicht zuletzt der konfliktbesetzten Differenzen der Unbehausten gegenüber den Behausten wegen. Aber auch im Blick auf schwerwiegende graduelle Unterschiede des Behaust-Seins und des Hausens und des damit verbundenen oft konträren Weltverständnisses. Der Mensch in seinem So-und-nicht-anders-Gewordensein haust auf Kosten der Natur und der Spezies. Als Individuum und im Kollektiv. Und ruft damit die Jeremias des Weltuntergangs auf den Plan. Bislang haben die mit ihren Prophezeiungen allerdings noch immer danebengelegen. Sollte sich an den Voraussetzungen der Jeremiaden in unserer Zeit etwas geändert haben?
Die Hyperkomplexität des aus dem Hausen resultierenden Dilemmas ist evident. Es gibt keine einfachen Antworten auf dieses Amalgam ineinandergreifender Wirkzusammenhänge aus Natur und Zivilisation, letztere darüber hinaus letztlich nichts anderes als ein machtvoller Artefakt aus der Hexenküche des Naturwesens „Mensch“ und deswegen doppelt riskant. Denn die Zivilisation gibt es nicht in der Einzahl als harmonische, weltumspannende Entität. Im Gegenteil. Zivilisationen und daran gekoppelte Menschen- und Weltbilder stehen sich untereinander antagonistisch gegenüber einerseits, sind andererseits aber in ihrer Wirkmacht gegen die Natur wiederum miteinander verbunden. Gewalt und deren Anwendung gehören deswegen ins Repertoire aller Zivilisationen, gegenüber der Natur geradezu zwangsläufig, gegenüber Menschen, ja, der Spezies nicht minder. Die Literatur zu diesem Themenkomplex reicht von Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ über Huntingtons „Kampf der Kulturen“ bis zu Sedláčeks „Ökonomie von Gut und Böse“.
Ein streng wissenschaftlicher Zugang zu diesem mensch(heit)lichen Dilemma in seiner ganzen Vielschichtigkeit ist schwierig, müsste er doch auf jeden Fall verschiedene Disziplinen zumindest aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften und deren sich stetig fortschreibende und sich stetig selbst überholende Erkenntnisse berücksichtigen. Alles, was die Wissenschaft aus welcher Fakultät auch immer zu bieten hat, ist darüber hinaus in der Regel perspektivisch eindimensional. Meine fragmentarische Annäherung an die Thematik ist deswegen auch essayistischer, perspektivisch umgreifender Natur, verschiedene Denkrichtungen berücksichtigend, aber selbstredend ohne Anspruch einer wie auch immer zu definierenden Verbindlichkeit oder gar Vollständigkeit. Ich verbinde meine Annäherung im Sinne praktischer Philosophie mit einem Appell an den common sense all jener, deren intuitiv kritischer Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit von einem generellen Unbehagen geprägt wird, mündend in der Einsicht, dass eine pragmatisch kontrollierte Änderung menschlichen Verhaltens gegenüber der Spezies, der Welt und der Natur in einem umfassenden Sinn geboten erscheint. Denn die aus der Hyperkomplexität des Hausens sich ergebenden Fragen sind dem common sense durchaus evident, verbunden mit der Tatsache, dass mögliche Antworten so lange unverbindlich bleiben, so lange die erforderliche, pragmatische Übernahme von wirklich zukunftsgerichteter und nicht nur dem justitiablen Nahkreis verpflichteter Verantwortung in einem kollektiven Nebel der Ungewissheit verharrt wie etwa in unseren Komfortzonen der westlichen Welt. Und es gibt vielfältige Interessen und Beweggründe, bewusste und unbewusste, rationale und irrationale, Gewissheit und Übernahme von Verantwortung zu verhindern: individuelle Bequemlichkeit, Preisgabe lieb gewordener Routinen, Angst vor Komfortverlust im Kleinen, Macht- und Geopolitik im Großen etc. Diese Ambivalenz gilt zumindest in vielen Gesellschaften unserer Hemisphäre. Dort, wo eindimensional Verantwortung übernommen wird, wie in autokratisch oder totalitär regierten Gesellschaften, gilt Gewalt, deren ultimative Androhung oder konkrete kriegerische Ausübung, noch immer als ultima ratio der Politik. Die vieldimensionierte Bedrohung indes, verursacht durch menschliches Hausen in seinen verschiedenen Ausprägungen und nicht zuletzt antagonistischen Interpretationen, ist für jeden erkennbar und real. Niemand in der aufgeklärt zivilisierten Welt wird einmal sagen können, er habe von nichts gewusst. Wir alle, jede(r) ist Teil des Dilemmas und dessen Lösung zugleich. Die Verantwortung ist deswegen individueller und kollektiver Natur. Und das in gleichen Maßen. Neutrale Positionen in diesem mensch(heit)lichen Dilemma gibt es nicht. Schon 1978 hatte George Wald in seiner Rede zur Eröffnung der 28. Tagung der Nobelpreisträger in Lindau seinen Kollegen ins Gewissen geredet: „ ... wir müssen als Wissenschaftler versuchen, nicht nur die Natur zu ergründen, sondern wir müssen die Verantwortung übernehmen, die Natur zu bewahren: die Erde zu bewahren, das Leben und den Menschen zu bewahren.“
Aber selbst Walds aufrüttelnder Appell greift letztlich zu kurz, weil er die Perspektive auf die wissenschaftliche Verantwortung verkürzt. Und einen Primat der Wissenschaft und Philosophie gab es in der Menschheitsgeschichte bislang immer nur in der Theorie. Deswegen müssen die Verantwortlichen an den Schalthebeln politischer und wirtschaftlicher Macht unbedingt in diesen Appell mit einbezogen werden. Denn von dort droht die eigentliche Gefahr. Vom Westen und Osten, vom Norden und Süden, von überall auf unserem (noch) blauen Planeten.
Ich bin der Überzeugung, dass uns die rationale Einsicht in das Notwendige (Wende der Not) auch die Kraft und den Willen verleiht, Auswege aus dem vom Menschen verursachten und vom Menschen geschaffenen Dilemma zu finden und zu gehen. Denn die Liebe zum Leben wird im großen Finale triumphieren. Welchen Preis wir für diesen Triumph zu zahlen haben werden, bleibt abzuwarten. Denn nicht zu unterschätzen ist der in den menschlichen Genen angelegte Todestrieb, sich nicht zuletzt zum Beispiel Raum verschaffend im Märtyrertum fundamentalistischer Religionen oder im nihilistischen Staatstotalitarismus moderner Prägung, in welchem Gewand und in welcher Verkleidung dieser auch immer daherkommen mag. Aber nicht nur da. Die Nekrophilie ist ein nicht seltenes, geradezu banales Alltagsphänomen auch unserer westlichen Zivilisation mit ihrer Vergötzung des materiellen Konsumismus im Verein mit einer oft menschen- und naturverachtenden Technologie. Wie schreibt Erich Fromm in seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“? „Der Wahlspruch der Falangisten ‚Lang lebe der Tod‘ droht zum geheimen Prinzip einer Gesellschaft zu werden, in der der Sieg der Maschine über die Natur den Inbegriff des Fortschritts auszumachen scheint und in der der lebendige Mensch zum Anhängsel der Maschine wird.“
Lassen wir an dieser Stelle die Frage zunächst unbeantwortet, ob die Maschine die Natur zu besiegen vermag und ob das mensch(heit)liche Dilemma ohne den Einsatz von Technologien überhaupt zu bewältigen sein wird, so ist die Voraussetzung für den Triumph des Lebens über den Tod, und da dürfen wir uns nicht in Illusionen wiegen, zunächst eine radikale Neubestimmung dessen, was in unserem Leben wirklich wichtig ist. Mehr noch: Diese Neubestimmung ist lediglich ein erster theoretischer Schritt. Verantwortungsbewusst praktische müssen folgen, eine Kehrtwende quasi in unserem persönlichen, politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben. Und zwar überall auf der Welt und jenseits aller, wie auch immer gearteten Differenzen der Menschen, Völker, Kulturen, Religionen und Zivilisationen untereinander. Nur dann können wir die ganz große, vielleicht sogar endgültige Katastrophe abwenden.
Einleitung:Der Mensch haust, weil er hausen muss
Der Mensch haust, weil er hausen muss. Das Hausen, vier Mauern, ein Dach über dem Kopf und die vielfältige Bearbeitung der Natur, sind nämlich seine Überlebensgarantien auf unserem Planeten. Keine hundertprozentigen allerdings. Denn die Hauserei ist aus vielerlei Gründen riskant und kann schiefgehen. Das mehr oder minder beschauliche Behaust-Sein unserer menschheitlichen Vergangenheit hat sich in unserer konkreten Gegenwart zu einem Alptraum mit Untergangsdimensionen entwickelt. Bei bislang in der Regel lokalen Umwelt-Katastrophen, natürlichen, menschengemachten und aus beiden amalgamierten, wird das mensch(heit)liche Dilemma jedenfalls immer wieder schonungslos evident: Der Mensch haust nicht im Einklang mit, sondern generell gegen die Natur. Im Einzelfall mit katastrophalen Folgen. Menschen sterben, ihre Häuser werden von Wasserfluten zerstört, unter Lavaströmen begraben, von Wirbelstürmen weggerissen, von Feuersbrünsten vertilgt oder von einer bebenden, sich auftuenden Erde verschlungen. Und alle bisher bekannten Katastrophen übertreffend droht als Menetekel mit eindeutigen, unabweisbaren Vorzeichen die von den Jeremias dieser Welt prophezeite globale Klimakatastrophe. Nur eine Dystopie? Falls ja: eine dramatisch ernstzunehmende. Und es gilt, ob uns das gefällt oder nicht, zumindest im Blick auf eine mögliche Klimakatastrophe die Humboldt’sche Perspektive, dass alles mit allem zusammenhängt. Nichts Geringeres als die Art unseres Lebens steht auf dem Prüfstand, unsere Gewohnheiten im Kleinen wie im Großen. Von der Nahrungsaufnahme über die Kleider, die wir tragen, die Art unseres Wirtschaftens im individuellen genauso wie im globalen Maßstab, unsere Verwertung von Abfällen bis hin zu unseren Reisegewohnheiten: wohin, womit, warum? Letztlich gehört unser gesamtes So-und-nicht-anders-Sein zu unserem Hausen mit allen damit verbundenen Implikationen und Konsequenzen. Prüfe, wie du haust, und verifiziere selbst, welchen Anteil an der Apokalypse, am Weltuntergang, am „Doomsday“ du dir selbst zuzuschreiben haben wirst.
Führen wir uns die großen Zusammenhänge in unserer Zivilisation vor Augen und beginnen unsere Erzählung mit dem biblischen Mythos und seinen anthropogenen Implikationen.
Macht Euch die Erde untertan
In der Bibel heißt es schon im ersten Buch Mose, der Genesis, die von der Erschaffung der Welt handelt: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“
Der Mensch, Gottes Geschöpf, war gehorsam, er war fruchtbar und mehrte sich, er füllte die Erde – nur mit deren Unterwerfung hapert es bis heute. Und dass es um diese Unterwerfung zukünftig besser bestellt sein könnte, ist höchst zweifelhaft. Dennoch hat die wenigstens dreitausendjährige Unterwerfungshauserei auf dem Planeten dramatisch Spuren hinterlassen bis in die tieferen Sedimente der Erdschichten hinein, weswegen das jetzige Erdzeitalter auch als „Anthropozän“ gehandelt wird. Der Mensch – von Gott eigentlich als „Krone der Schöpfung“ konzipiert, vielleicht nur deren „Irrläufer“, wie Arthur Koestler gemutmaßt hatte? Die skeptische Frage ist berechtigt und nicht zuletzt deswegen wird dem Unterwerfungsgebot, dem Dominium terrae, nach vielen tausend Jahren menschlich menschheitlicher Folgsamkeit heutzutage eine unangemessene, ja, falsche Exegese unterstellt. Es ginge in den entsprechenden Bibeltexten – in der Genesis (1, 28) nicht nur die Menschen ganz allgemein, sondern auch Noah und dessen Söhne als Herren der Erde adressierend (Genesis 9, 1 – 7) und in den Psalmen (8, 7–9) noch einmal die Sonderstellung des Menschen wiederholend – gar nicht um Unterwerfung. Stattdessen sei Verantwortung und Fürsorge einzufordern, wie nicht zuletzt Papst Franziskus in der Enzyklika „Laudato si’“ betont. Unter anderem zählt Franziskus die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel in all ihren Facetten von der Wegwerfkultur über die Frage nach dem weltweiten Wassermangel und den Verlust der biologischen Vielfalt bis zur generellen Verschlechterung der Lebensqualität und zum sozialen Niedergang noch einmal umfassend auf. Die Papstkritik zielt primär auf das vorherrschende globale Wirtschaftssystem, in dem Spekulation und Streben nach finanziellem Ertrag regiere ohne Rücksicht auf die Menschenwürde und die Umwelt. Franziskus folgert: „So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind.“ Und um noch einmal die Bibel, namentlich Jeremia, zu zitieren: „Ach, töricht ist mein Volk ... Sie sind unverständige Kinder, ja, sie sind ohne Einsicht. Sie wissen, wie man Böses tut, aber Gutes zu tun verstehen sie nicht“ (Jeremia 4, 22). Zumindest Franziskus wird sich dem Vorwurf stellen müssen, dass seine Argumentation deswegen auf tönernen Füßen steht, weil „seine“ Kirche jahrhundertelang mit messianischem Eifer Menschen und Kulturen ausgerottet hatte im christlichen „Bemühen“, den „Wilden“ und Ketzern das „Gute“ zu vermitteln, nötigenfalls auch mit bösen Mitteln nach dem Motto: Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.
In Anbetracht sich häufender, vom Menschen zumindest mitverursachter Katastrophen ist die kirchliche Kehrtwende bei der Interpretation des Dominium terrae, wie so viele andere Kehrtwendungen auch, nachvollziehbar, letztlich aber eher von weltanschaulich moralischer Relevanz. Denn die faktischen Folgen menschlichen Hausens auf der Erde, folgen wir einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sind unübersehbar und wahrscheinlich auch unumkehrbar, weil ein neuer Kurs der globalen Wirtschaftsmaschinerie allenfalls in der Theorie erkennbar ist, in der Praxis umgesetzt wird der Kurswechsel jedoch (noch) nicht. Dabei sprechen doch speziell die Fakten schon beim eigentlichen Behaust-Sein des Menschen eine eindeutige Sprache. Und diese Fakten sind mittlerweile quasi Gemeinwissen für jeden, der interessiert ist und lesen gelernt hat. Sogar Regionalzeitungen wie zum Beispiel „Die Rheinpfalz“ machen ihre Leser in überzeugender Art und Weise mit den Fakten vertraut. Markus Clauer etwa betont in einem Essay eben in „Die Rheinpfalz“ vom 27. Dezember 2021, der Bausektor verursache rund 40 Prozent der CO2-Emissonen allein in Deutschland. Für immerhin 60 Prozent des Abfallaufkommens sei der Sektor verantwortlich und fresse 56 Hektar Fläche täglich. 560.000 Quadratmeter seien mehr oder minder versiegelte, flutbare Erdoberfläche – ganz zu schweigen davon, wie durch Bautätigkeit immer mehr Lebensraum zur Schuttdeponie verwandelt werde. Gar nicht zu schreiben erst von dem regen Stoffwechsel, der zwischen Gebäuden und ihrem sozialen Umfeld herrsche. Der Architekt stehe hier in einer besonderen Verantwortung.
Fraglos: Behaust-Sein ist das Ergebnis eines umfassend schöpferischen und gleichzeitig zerstörerischen Prozesses des Hausens in und an den Wirklichkeiten unserer Welt. Behaust-Sein wird so wiederum selbst zum kulturellen, sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Element des Wirklichen. Diese Wirkung des Hausens kann auch beschrieben werden als umfängliche, vieldimensionierte Arbeit des Menschen an der Welt mit all ihren vielfältigen Implikationen, positiven wie negativen. Behaust-Sein wiederum kann verstanden werden als das So-und-nicht-anders-Sein des Menschen in einer Zeit und an einem Ort. Dass dieses Behaust-Sein und Hausen in der Menschheitsgeschichte eine eigene Dynamik der besonderen Art entfaltet, entfalten muss, ist notwendig gekoppelt an die Entwicklung der Weltbevölkerung. Weltweit zehn Milliarden Menschen hausen zum Ende des Jahrhunderts in ihrer Diversität anders als zum Beispiel 780 Millionen zu Beginn der industriellen Revolution Mitte des 18. Jahrhunderts. Und machen wir uns nichts vor: Behaust-Sein ist und bleibt ein qualitatives Privileg, das Millionen Menschen aus vielerlei Gründen verwehrt ist und auch bleiben wird. Hausen dagegen macht keine Unterschiede zwischen den Menschen. Jede(r) haust auf eine spezifisch eigene Art, sogar in der Not. Bis hin zum Brudermord, wie uns schon die Bibel lehrt, als Kain seinen Bruder Abel meuchelte und damit mythisch Zeichen absoluter menschlicher Destruktionsfähigkeit gegenüber seinesgleichen setzte. Dass die Destruktionsfähigkeit nicht dem Mythos vorbehalten blieb und bleibt, dafür sorgte und sorgt der Mensch in seiner Geschichte, in seiner Gegenwart und vermutlich bis zum Ende seiner Zukunft. Der Krieg war, ist und wird bleiben eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und damit immer auch eine Bankrotterklärung der Diplomatie, der vornehmsten Form politischer Auseinandersetzung zwischen Staaten. Krieg war, ist und bleibt demgegenüber besonders in Zeiten militärtechnologischer Hochrüstung die riskanteste Hervorbringung der Politik, ein Hausen mit endzeitlichen Dimensionen.
Jenseits aller Kriegsrisiken obliegt den Privilegierten in ihrem Behaust-Sein zweifellos eine besondere Verantwortung des Hausens, der unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zu entsprechen, die möglicherweise größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte überhaupt sein und bleiben wird. Ausgang ungewiss. Weil viele Faktoren gleichzeitig auf unser irdisches Sosein einwirken, und zwar in Kombination mit kaum vorstellbaren Menschenmassen auf unserem Planeten, alles Individuen und jedes Individuum zumindest in der Theorie der in unserem Kulturkreis geltenden demokratischen Rechtsstaatlichkeit ausgestattet mit den gleichen unveräußerlichen Menschenrechten und dem universellen Anspruch auf Glück. Dieser „Theorie“ steht in der Praxis allerdings eine „Menschheit“ gegenüber, die es de facto als friedliche Entität überhaupt nicht gibt. Der Mensch selbst nämlich ist des Menschen größter Feind, vom Menschen selbst geht möglicher- und fatalerweise sogar die größte Vernichtungsgefahr der Spezies aus, wie Erich Fromm in seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ eindrucksvoll dargelegt hat. Beredtes Zeugnis, nicht zuletzt auch von dieser Destruktivität, legt ein gewisser Doktor Heinrich Faust ab, der in der Regel unter ganz anderen Vorzeichen als den hier verwendeten das gymnasiale Curriculum ziert.
Goethes Faust als Hausender
Blättern wir nämlich in den Annalen der Literaturgeschichte, so bringt uns Johann Wolfgang von Goethe mit seinem Heinrich Faust bereits vor 200 Jahren auf eine besondere Spur des menschlichen Hausens auf unserem Planeten. Denn Goethe stellt uns seinen Doktor Faust nicht nur als Forscher und Gelehrten vor, sondern auch als Unternehmer, Feldherrn, Berater seines Kaisers, Investor und „Immobilientycoon“. Mehr noch: „Faust“ kann gelesen werden als Erzählung vom hausenden Menschen schlechthin – und das nicht zuletzt im absolut abwertenden Sinne des Wortes, wie es heute gängig als „hausen wie die Vandalen“ verwendet wird. Auch „sein Unwesen treibend“ wäre eine passende Charakteristik faustischen Hausens à la Goethe. Der Deutschen liebster Großdichter lässt den Protagonisten seiner zweiteiligen Tragödie nämlich einen Pakt mit keinem Geringeren als dem Teufel höchstpersönlich eingehen und letzteren wiederum mit dem Herrgott wetten, dass er ihm seinen „Knecht“ würde abspenstig machen können.
Was für eine Ausgangskonstellation voller Symbolik, Himmel, Erde und Hölle umfassend und mittendrin ein hausend behauster Doktor Faust, der erkennen möchte, „... was die Welt im Innersten zusammenhält“, in seinem Erkenntnisstreben aber einsehen muss, „... dass wir nichts wissen können.“ Sein notgeborener, aus seiner genuinen Erkenntnisunfähigkeit resultierender Ausflug in die Magie scheitert kläglich und in seiner Verzweiflung sieht Faust als letzten Ausweg nur noch den Freitod, von dem er durch den himmlisch inspirierten Klang der Osterglocken abgehalten wird: „Die Trauer geht, die Erde hat mich wieder!“
Nun aber schlägt des Teufels große Stunde. Vom „Osterspaziergang“ bringt Faust einen Pudel mit nach Hause. Der entpuppt sich als Mephistopheles, als „Geist, der stets verneint!“, aber nach einem mit Blut besiegelten Vertrag „Ja“ sagt zu Faust, und damit den Sinn- und Wissenssucher, die Inkarnation des abendländischen Menschen schlechthin, als dessen persönlicher „Dienstleister“ zum Bösen verführt. Das Böse, im Possenreißergewand des Mephistopheles daherkommend, wird zum Weg aus der persönlichen Krise, zum Gehilfen bei der Bewältigung existenzieller Not. Mehr noch: Das Böse erweist sich für Faust, den hausenden „Übermenschen“, als wesentlicher Schlüssel zur Welt. Eine Wirklichkeit ohne Zuhilfenahme des Bösen kann es für ihn nach der „Bekanntschaft“ mit dem Teufel nicht mehr geben. Der Teufelspakt macht Faust zu einem moralisch Entwurzelten, für den alle Grenzen, Gesetze und Regeln ihre Geltung verloren haben.
Folgen wir der von Goethe in seiner Tragödie gezeichneten Spur des Doktor Faust, so schließt dieser den mit Blut unterzeichneten Pakt mit Mephistopheles mit einer essenziellen Zielsetzung: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen!“
Bevor dieser Zustand erreicht ist, wird aber dem „Hausen“ des Doktor Faust von Goethe keinerlei Begrenzung auferlegt. Und vom Herrgott lässt sich lediglich vernehmen: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Mit Hilfe des Teufels wird Faust zunächst in einer Hexenküche verjüngt, rast dann von einer Sensation zur nächsten, wird en passant zum Mörder, schwängert im Banne seiner Lüsternheit ein Mädchen, das sein und ihr Kind tötet und im Kerker auf die Vollstreckung ihres Todesurteils wartend dem Doktor entgegenschleudert: „Heinrich, mir graut’s vor dir!“
Fausts lüsternes Hausen im ersten Teil der Tragödie zeitigt immerhin drei Tote: Valentin, den Bruder Margaretes, von Faust erstochen; das von ihm gezeugte und von der Mutter getötete Kind und Margarete, dessen Mutter, des Kindsmords wegen zum Tode verurteilt und von Faust schmählich im Stich gelassen. Die Liebe jedenfalls ist nicht jenes große Ziel faustischen Hausens. Was aber dann?
Darauf gibt der Tragödie zweiter Teil eine Antwort. Ich beschränke mich auf dessen wesentliche Etappen, soweit sie für Fausts Hausen von Relevanz sind. Zunächst erleben wir Faust als „Kapitalisten“. Goethe, selbst ehemals Finanz- und Wirtschaftsminister am Hof zu Weimar, lässt den höchsten Repräsentanten des Staates, den Kaiser, Folgendes ausrufen: „Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff’ es denn!“ Faust und Mephistopheles sind bereitwillig zur Stelle, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Sie erfinden Papiergeld. Mit diesem Papiergeld wird ein Kapitalmarkt in des Wortes moderner Bedeutung etabliert – mit allen uns geläufigen Implikationen. Goethe nimmt vor mehr als zweihundert Jahren vorweg, was uns in seinen Konsequenzen als Krisenszenario seit einigen Jahren weltweit begleitet. Allerdings wird bei Goethe das Anwerfen der Notenpressen immerhin als Possenreißerei entlarvt, als Teufelswerk, das den Lauf der Welt und der Dinge in ihr unaufhaltsam und umfassend verändert, der Realität des natürlichen, aber auch des kultürlichen Seins und Werdens eine virtuelle Dimension des Geldes und damit der Spekulation überstülpend. In der Tragödie platzt die Spekulationsblase letztlich mit dramatischen und kriegerischen Folgen. Mephistopheles lapidar: „Der gute Kaiser schwebt in großen Sorgen; du kennst ihn ja. Als wir ihn unterhielten, ihm falschen Reichtum in die Hände spielten, da war die ganze Welt ihm feil.“ Das Hausen mit Papiergeld, schon zu Goethes Zeit eine Art Phantasie von der ökonomischen menschlichen Wirklichkeit als Spielcasino, angetrieben vom „falschen Reichtum“, heutzutage völlig neu dimensioniert durch die Krypto-Währungen. Das Hausen generell in der Welt des Kapitalismus? Ein Spiel. Und an den Spieltischen Glücksritter vom Schlage eines Mephistopheles.
Auch die Technologie, speziell die Gentechnologie, kommt im Faust nicht zu kurz. In die Welt des Hausens mit künstlicher Intelligenz und Robotik führt Goethe uns bereits vor zweihundert Jahren ein. Wagner, Fausts Famulus, schafft nichts Geringeres als einen künstlichen Menschen. Wagner zu Mephistopheles: „Es wird ein Mensch gemacht.“ Und dieser künstliche Mensch, Homunkulus, lässt sich folgendermaßen vernehmen: „Das ist die Eigenschaft der Dinge: Natürlichem genügt das Weltall kaum, was künstlich ist, verlangt geschlossnen Raum.“
Das Künstliche, das vom Menschen Hergestellte, wird bei Faust zum Ergebnis forschenden Hausens und ist in seiner Vielfalt aus der bekannten Welt unserer Gegenwart nicht mehr wegzudenken. Faust jedoch möchte mehr. Er versteht sich als Dominus terrae. Als eine Art „Immobilientycoon“ möchte er dem Meer, der Natur, Land entreißen zur Urbarmachung, zur Schaffung auch von Lebens- und Wohnraum. Philemon zu Baucis, Fausts Hybris beschreibend: „Kluger Herren kühne Knechte gruben Gräben, dämmten ein, schmälerten des Meeres Rechte, Herrn an seiner Statt zu sein ... So erblickst du in der Weite erst des Meeres blauen Saum, rechts und links in aller Breite dichtgedrängt bewohnten Raum.“
Dass Faust in seiner Maßlosigkeit und zur Erreichung seiner Ziele nicht zimperlich zu Werke geht, beschreibt Baucis in drastischen Worten: „Menschenopfer mussten bluten, nachts erscholl des Jammers Qual ...“
Und damit er sein Landgewinnungsprojekt auch gut überschauen kann, möchte Faust sich einen Palast errichten lassen – genau dort, wo Philemon und Baucis, Sinnbilder der Gastfreundschaft in der griechischen Mythologie und damit auch Sinnbilder des im positiven Sinn behausten Menschen, ein Häuschen ihr Eigen nennen. Baucis: „Gottlos ist er, ihn gelüstet unsre Hütte, unser Hain; wie er sich als Nachbar brüstet, soll man untertänig sein.“
Als Immobilienspekulant schreckt Faust selbstredend auch nicht vor einer gewaltsamen Enteignung zurück: „Die Alten droben sollten weichen. Die Linden wünscht ich mir zum Sitz. Die wenig Bäume, nicht mein eigen, verderben mir den Weltbesitz.“ Philemon und Baucis sollen als Ersatz ein „schönes Gut im neuen Land“ erhalten, Baucis aber ist skeptisch, als hätte sie die Überschwemmungskatastrophen, um die wir nicht zuletzt in – durch Straßen und Behausungen – versiegelten Flusstälern in unserer Zeit wissen, vorausgesehen: „Traue nicht dem Wasserboden, halt auf deiner Höhe stand!“
Die Weigerung der beiden will Faust nicht akzeptieren, an Mephistopheles adressiert: „So geht und schafft sie mir zur Seite!“ Diese Aufforderung verstehen Mephistopheles’ Schergen absolut. Zum von Faust beabsichtigten Tauschhandel kommt es nämlich nicht, und Mephistopheles sieht sich genötigt, zur Tat zu schreiten: „Sie hörten nicht, sie wollten nicht; wir aber haben nicht gesäumt, behende dir sie weggeräumt.“
Nach der Meuchelung zweier Menschen und der daran geknüpften „Enteignung“ hätte Faust eigentlich freie Sicht auf sein Großprojekt, wäre er nicht erblindet. So hört er nur noch das Werkzeuggeräusch der Lemuren, jenen sonderbaren Zwischenwesen, die sein Projekt realisieren sollen. Doch statt eines Abflussgrabens fürs Meerwasser buddeln die Lemuren ein Grab, Faustens Grab. Faust aber dünkt sich an seinem Ziel angekommen und im Sinne seines Teufelspakts möchte er nun den Augenblick verewigen, weil er meint, einen Zustand absoluter Glückseligkeit erreicht zu haben: „Im Vorgefühl von solchem hohen Glück genieß ich jetzt den höchsten Augenblick.“
