OIKOS 1 - Kurt E. Becker - E-Book

OIKOS 1 E-Book

Kurt E. Becker

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Beschreibung

66 Gespräche von Bachofen über Freud und Goethe bis Zetkin. Das Haus, die Wohnung, die berühmten vier Wände und das Dach über dem Kopf, im Griechischen der "Oikos", sind Grundelemente menschlichen Existierens. Unstetes Hausen hat die Stetigkeit des Behaustseins als Ziel. Der Oikos ist Initial von Ökologie und Ökonomie in gleichen Maßen. Zu allen Zeiten haben Menschen aus unterschiedlichsten Perspektiven über die großen Zusammenhänge dieser mensch(heit)lichen Existenzialien nachgedacht – mit großartigen Inspirationen, Einsichten, Ideen und Anregungen zur Beantwortung der Grundfragen nicht zuletzt unserer Gegenwart. In 66 fiktiven "Gesprächen", basierend auf Originaltexten seiner "Gesprächspartner", gräbt Kurt E. Becker elementare Schätze zur Sicherung einer für uns alle lebenswerten Zukunft aus, voller Hoffnung und Mahnung. Eine Fundgrube für jeden Suchenden in unserer vielfältig gefährdeten Welt. – Die Nummerierung im Titel ist Programm. Die Reihe fiktiver Gespräche wird fortgesetzt

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Haus, die Wohnung, die berühmten vier Wände und das Dach über dem Kopf, im Griechischen der „Oikos“, sind Grundelemente menschlichen Existierens. Unstetes Hausen hat die Stetigkeit des Behaustseins als Ziel. Der Oikos ist Initial von Ökologie und Ökonomie in gleichen Maßen. Zu allen Zeiten haben Menschen aus unterschiedlichsten Perspektiven über die großen Zusammenhänge dieser mensch(heit)lichen Existenzialien nachgedacht – mit großartigen Inspirationen, Einsichten, Ideen und Anregungen zur Beantwortung der Grundfragen nicht zuletzt unserer Gegenwart. In 66 fiktiven „Gesprächen“, basierend auf Originaltexten seiner „Gesprächspartner“, gräbt Kurt E. Becker elementare Schätze zur Sicherung einer für uns alle lebenswerten Zukunft aus, voller Hoffnung und Mahnung. Eine Fundgrube für jeden Suchenden in unserer vielfältig gefährdeten Welt. – Die Nummerierung im Titel ist Programm. Die Reihe fiktiver Gespräche wird fortgesetzt

Dr. phil. Kurt E. Becker, Journalist, Kommunikationsprofi, Medien- und Executivecoach für Führungskräfte der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens, ist in der Medienbranche in unterschiedlichen Funktionen aktiv. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur Frage des Menschseins in unserer Zeit.

DR. PHIL. KURT E. BECKER, Jahrgang 1950. Studium der politischen Wissenschaften, Soziologie, Psychologie, Philosophie und Pädagogik in Freiburg/Breisgau und Stuttgart. Publizist, Autor und Herausgeber von mehr als 40 Büchern. Kommunikationsberater, Medien- und Executive-Coach von Führungskräften der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Initiator von Veranstaltungs- und Gesprächsreihen wie „Frankenthaler Gespräche“, „Futurion“, „Preis für humanes Bauen“, „PROM des Jahres“, „Bildungsinitiative Energie“, „ENRESO 2020“, „Andreasstift-Gespräche“. Zahlreiche Publikationen zum Thema „Corporate Communicative Responsibility“. Buchveröffentlichungen (Auswahl): Du darfst Acker zu mir sagen, Roman, Landau, 1982 (als Taschenbuch: „Unerlaubte Entfernung“, Frankfurt a. M., 1985); Pais Paizon, Erzählung, St. Michael, 1982; Anthroposophie – Revolution von innen: Leitlinien im Denken Rudolf Steiners und ihre Bedeutung für die Gegenwart, Frankfurt a. M., 1984 (1985, 1986, 1988, 2015); Der römische Cäsar mit Christi Seele: Max Webers Charisma-Konzept. Eine systematisch-kritische Analyse unter Einbeziehung biographischer Fakten, Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris, 1988; Charisma. Der Weg aus der Krise, Bergisch Gladbach, 1996; Der Charisma-Faktor. Glücklich sein mit Sisyphos, Frankfurt, 2016; Als Paulus kam nach Stutensee, Bretten, 2018; Der behauste Mensch. Von vier Wänden und einem Dach über dem Kopf. Im Dialog mit 77 Persönlichkeiten von Aristoteles bis Stefan Zweig, Ostfildern, 2021; Die entkoppelte Kommunikation. Warum wir immer mehr wissen, aber immer weniger verstehen, Bretten, 2022; Behaust-Sein und Hausen. Ein mensch(heit)liches Dilemma: Apokalypse inklusive?, Bretten 2022; Der Charisma-Effekt. Trump, Thunberg, die Folgen und der Klimawandel oder: Einfache Antworten in einer komplexen Welt? Bretten 2023; Mäßige dich! Ein Selbstgespräch über das gute Leben: Das Allzeit-Alles im Allzeit-Jetzt? Bretten, 2024; Rückschritt zum Überleben. Max Himmelheber – Der Pfadfinder als Unternehmer und Ökosoph, Baunach 2025.

Kurt E. Becker

OIKOS 1

Über das Hausen und Behaustsein

66 Gespräche von Bachofen über Freud und Goethe bis Zetkin

LINDEMANNS

In memoriam Paul Stöpel (1935 – 2025), Mitbegründer der legendären „Spiegelrunde“

Bei jedem Organismus ist ein ausrottender Faktor am Werk.

CHARLES DARWIN

Der Mensch hat eine Neigung, sich zu vergesellschaften.

IMMANUEL KANT

Niemals in der ganzen Geschichte war der Mensch in eine Umwelt oder vitale Umgebung hineingestellt, welche der heutigen auch nur entfernt glich.

JOSÉ ORTEGA Y GASSET

Die Natur hat uns zur Gemeinschaft erschaffen.

EPIKUR

Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, dass bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und dass diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen.

SIGMUND FREUD

Unsere Situation gleicht der von Reisenden, die in einem führerlosen Wagen mit Vollgas durch unbekanntes Gelände rasen.

SIMONE WEIL

Inhalt

Cover

Titel

Einleitung

Gespräche zur Anthropologie

Bei jedem Organismus ist ein ausrottender Faktor am WerkIm Gespräch mit Charles Darwin

Die Natur im Menschen und der Mensch in der NaturIm Gespräch mit Nicolai Hartmann

Im Fortgange der Zeiten liegt ein Fortgang des MenschengeschlechtsIm Gespräch mit Johann Gottfried Herder

Der Mensch hat eine Neigung, sich zu vergesellschaftenIm Gespräch mit Immanuel Kant

Haushalten lernenIm Gespräch mit Ernst Mach

Die Erde selbst ist ein ArbeitsmittelIm Gespräch mit Karl Marx

Das Geld kreist im StaatskörperIm Gespräch mit Jakob von Uexküll

Meine Person als WeltmittelpunktIm Gespräch mit Jakob von Uexküll

Gespräche zur Architektur

Das Riesige und auch das Prächtige werden ein Vorrecht auf die Bewunderung habenIm Gespräch mit Jacob Burckhardt

Die herrlichste VerklärungIm Gespräch mit Jacob Burckhardt

Vielleicht hat die Baukunst ihren Luxus niemals höher getriebenIm Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe

Architektur – die der Existenz nach erste KunstIm Gespräch mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Das Paradoxon verwirklichtIm Gespräch mit Ricarda Huch

Geschicke und Geschichte einer Pfälzer DorfkircheIm Gespräch mit Gerhard Langenstein

Gebäude im Charakter der LandschaftIm Gespräch mit Hermann Fürst von Pückler-Muskau

Der geschmacklose Baustil gefällt sich in WillkürlichkeitenIm Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Spiel der Starrheit und SchwereIm Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Stimmung des FriedensIm Gespräch mit Georg Simmel

Den Aufwand bei Gebäuden angemessen machenIm Gespräch mit Vitruv

Autobiografische Gespräche

Noch mehr!Im Gespräch mit Johann Wolfgang von Goethe

Die gute alte MärchenzeitIm Gespräch mit Heinrich Heine

Wiedersehen mit der SchweizIm Gespräch mit Thomas Mann

Unbeschwert vom Druck der AlltagssorgenIm Gespräch mit Marianne Weber

Gespräche zur Ethik

Zur Gemeinschaft erschaffenIm Gespräch mit Epikur

Freundschaft mit dem GeizigenIm Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Was man ist, trägt viel mehr zu unserm Glücke bei, als was man hatIm Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Gespräche zur Kultur

Für die Toten hat man eher gebaut als für die LebendenIm Gespräch mit Johann Jakob Bachofen

Ohne Blüte keine FruchtIm Gespräch mit Joseph von Eichendorff

Menschliche Schöpfungen sind leicht zu zerstörenIm Gespräch mit Sigmund Freud

Unsauberkeit scheint mit Kultur unvereinbarIm Gespräch mit Sigmund Freud

Der Geist des Städters geht aufs WechselndeIm Gespräch mit Joseph Görres

Der Lärm ist die impertinenteste aller UnterbrechungenIm Gespräch mit Arthur Schopenhauer

Die Frage nach dem Wert und Sinn außerhäuslicher weiblicher KulturarbeitIm Gespräch mit Marianne Weber

Gespräche zur Ökonomie

Wesenhafter Umbruch der WirtschaftIm Gespräch mit Hermann Broch

Das Hauswesen als KunstwerkIm Gespräch mit Jacob Burckhardt

Eine einzige große kapitalistische WeltwirtschaftIm Gespräch mit Rosa Luxemburg

Elender Wohnungszustand der ArbeiterIm Gespräch mit Karl Marx

Der Kapitalist passt auf, dass die Arbeit ordentlich vonstatten gehtIm Gespräch mit Karl Marx

Burgunder und BordeauxIm Gespräch mit Theodor Mommsen

Der einzige Gott ist das GeldIm Gespräch mit Theodor Mommsen

Die soziale FrageIm Gespräch mit Vilfredo Pareto

In Pandoras Büchse: Das EigentumIm Gespräch mit Johann Heinrich Pestalozzi

Das Transzendentwerden des goldenen KalbesIm Gespräch mit Georg Simmel

Das Wirtschaftsleben umfasst mehr, als es im gesunden sozialen Organismus umfassen sollIm Gespräch mit Rudolf Steiner

Die Bändigung der GewinnsuchtIm Gespräch mit Max Weber

Gespräche zur Politik

Stets ein Gleichgewicht erhaltenIm Gespräch mit Edmund Burke

Mein, Dein, SeinIm Gespräch mit Thomas Hobbes

Ohne bürgerliche Gesellschaft kein EigentumIm Gespräch mit Thomas Hobbes

Trümmer von zerschmettertem MenschenglückIm Gespräch mit Rosa Luxemburg

Gau und StadtIm Gespräch mit Theodor Mommsen

Verschlimmert eure Ungerechtigkeit nichtIm Gespräch mit Marquis de Sade

„Zum ewigen Frieden, Entfernung unbekannt“Im Gespräch mit Hans von Seeckt

Der Staat ist eher von Bösem als von GutemIm Gespräch mit Søren Kierkegaard

Den Erwerb von Grundbesitz erleichternIm Gespräch mit Alexis de Tocqueville

Gespräche zum Sozialen

Das Unentbehrliche ist unveräußerliches MenschenrechtIm Gespräch mit Johann Gottlieb Fichte

Ein helles sonniges AbsteigequartierIm Gespräch mit Ernst Kossak

Die Provinz verödetIm Gespräch mit Kurt Tucholsky

Bedürfnisse nach Bildung und BerufstätigkeitIm Gespräch mit Clara Zetkin

Gespräche über Stadt und Städte

Geldstadt, Krönungs- und Freie ReichsstadtIm Gespräch mit Ricarda Huch

Leipzig und Weimar – ReiseerinnerungenIm Gespräch mit Franz Kafka

München ist die Stadt der angewandten KunstIm Gespräch mit Thomas Mann

Rom ist ganz Hof und AdelIm Gespräch mit Michel de Montaigne

Heidelberg: Feierlich groß die SchlossruineIm Gespräch mit Gustav Schwab

Wie eine losgerissene Blüte im MeereIm Gespräch mit Georg Simmel

Das Glück der ganz reifen MenschenIm Gespräch mit Georg Simmel

Hier sollte man … hier müsste man …Im Gespräch mit Kurt Tucholsky

Metropole der WeltkulturIm Gespräch mit Marianne Weber

SklavenkulturIm Gespräch mit Max Weber

Editorische Notiz und Danksagung

Impressum

Einleitung

Anthropogene Kipppunkte des Hausens und des Behaustseins

Die uns vertraute Welt ist in Turbulenzen geraten. Krisen, Katastrophen, Kriege. Die große Mehrheit der Menschen vor allem hierzulande zwischen Glücksburg und Sonthofen, Selfkant und Görlitz erlebt die Turbulenzen allerdings noch immer lediglich mittelbar durch die Vermittlung der Medien. Zumindest in unseren Breiten real betroffen ist von Fall zu Fall bislang nur eine Minderheit. Zum Beispiel durch Naturkatastrophen wie die im Ahrtal 2021. Aber ein generelles Unbehagen macht sich allenthalben dennoch breit. Die Bilder aus der Ukraine, Somalia oder dem Gazastreifen, um wenigstens drei Beispiele aktueller Schreckensszenarien am Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts zu nennen, gehen unter die Haut. Hinzu kommen die aus den geopolitischen Verwerfungen resultierenden Verlustängste. Europa, so will es scheinen, wird zum Spielball der Autokraten, selbst wenn diese demokratisch gewandet sind wie Donald Trump. Samuel P. Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ vom Ende der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts und dessen damit verbundene Annahme einer „Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“ haben sich auf eine dramatische Art und Weise bestätigt. Die Idee einer Raison d’Être einer in kühnen Träumen möglich erschienenen „Weltkultur“ wurde ad absurdum geführt.

Jede Kultur entwickelt noch immer ihre eigene Logik des Überlebens – allen voran die chinesische, russische und US-amerikanische. Trumps „MAGA“, Make America Great Again, gilt genauso für Xis China und Putins Russland. Mächtige, monolithische Reiche definieren das geopolitische Einmaleins im ersten Jahrhundert des dritten Jahrtausends nach christlicher Zeitrechnung. Die Kultur der Stärke und der skrupellos Starken ist zurück im planetaren Alltag der Politik.

Und wie steht es in diesem Zusammenhang um uns Europäer, um die europäische Kultur? Lässt sich die überhaupt vereinheitlichen? Mehr noch: Gibt es denn überhaupt eine „europäische“ Kultur – als Sammelsurium etwa der vielen nationalen Kulturen auf dem alten Kontinent? „Great“ wären auch Europas Staatslenker gern. Aber deren Realität spricht aus vielerlei Gründen eine andere Sprache. Zweifellos jedenfalls geht zum Beispiel durch unsere deutsche Gesellschaft ein tiefer Riss: Die politischen Lager und Weltanschauungen sind nur noch begrenzt mehrheits-, kaum noch kompromiss- und schon gar nicht mehr konsensfähig. Nicht anders sieht es in den meisten anderen Ländern Europas aus. Ein fatales Szenario mit dem Potenzial, Demokratie und Freiheit im Mahlwerk tatsächlicher, scheinbarer oder herbeigeredeter Schicksalshaftigkeit der Weltgeschichte pulverisiert zu sehen. Vom möglichen Verlust unseres Wohlstands gar nicht erst zu schreiben. Dabei sind es eben genau die divergierenden ökonomischen Interessen, die dem Spaltpilz den Nährboden liefern. Überall auf der Welt wird halt ein komfortabler Platz an der Sonne gesucht. Und wer ihn gefunden hat, gibt ihn ungern wieder auf. Genau diesen Platz an der Sonne genießen die europäischen Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in bevorzugter Art und Weise und, wie sich nun erweist, mit einer an Naivität grenzenden Selbstverständlichkeit. Dieser Selbstverständlichkeit hat Donald Trump in brachial erfolgreicher Art und Weise unmissverständlich den Garaus gemacht. Das Charisma des selbst ernannten universalen „Dealmakers“ hat eine noch nie dagewesene Qualität kommunikativen politischen Handelns in einem demokratischen Staat evoziert, das vor der Präsidentenwahl in den USA so gut wie gar nicht für möglich gehalten worden war. Durch seine mit überwältigender Mehrheit der Wählerstimmen Realität gewordene Wiederwahl konnte Trump sich in einer noch niemals zuvor gesehenen Art und Weise weltpolitisch mit einer Melange aus Egoismus, Eitelkeit, Skrupel- und Ruchlosigkeit sowie der Verfolgung eigennützig persönlicher Interessen positionieren, die westliche Hemisphäre und deren Einflusszonen zum US-amerikanischen, aber auch persönlichen Golfplatz degradierend mit einigen europäischen Politzwergen am Platzrand.

Es macht mich in diesem Zusammenhang nicht froh, diese persönliche Fußnote sei hier gestattet, die Wiederwahl Trumps allen Expertenmeinungen zum Trotz schon sehr früh vorausgesagt zu haben. Demokratisch legitimiert hat Trump mittlerweile einem archaischen Hausen weltweit Tür und Tor geöffnet.

Wie auch immer: Besinnung und nüchterne Distanz sind in Anbetracht dieser so und nicht anders gewordenen Wirklichkeit in unserem 21. Jahrhundert das Gebot larmoyanter europäischer Befindlichkeit einerseits und daraus resultierender realpolitisch notwendiger zukünftiger Entscheidungsfindung andererseits. Verifizierter Fakt ist: Wir haben es demnächst mit einer Weltbevölkerung von zehn Milliarden Menschen zu tun. Folgen wir den hierzulande sozialromantisch noch immer als legitim akzeptierten und respektierten Allgemeinen Menschenrechten, ist jede(r) Einzelne dieser zehn Milliarden ausgestattet mit dem individuellen Anspruch auf Glück und ein gutes Leben in einem friedvollen Behaustsein. Wie aber wollen und können wir diesem Anspruch genügen? Genau das ist die Kardinalfrage unseres mensch(heit) lichen Hausens und Behaustseins, unserer mensch(heit) lichen Zukunft schlechthin. In der von mir traditionell verwendeten Terminologie formuliert: Die Ambivalenz unsteten Hausens strebt nach Ruhe an sich in der Stetigkeit des Behaustseins. Das scheint mir durchaus eine Art Naturgesetz des Menschseins zu sein. Mit dem Behaustsein einher geht ein Besorgtsein um das eigene Wohlergehen einerseits und – in glückseligen Momenten der Weltgeschichte – auch um das Wohlergehen des nahen und des fernen Nachbarn andererseits, sind wir alle doch vorübergehend Gäste auf dem einen Planeten Erde mitten in der kalten Unendlichkeit eines unergründlichen Weltalls. Martin Heidegger hatte diese Überlegungen mit dem Begriff „Wohnen“ assoziiert, der Weise also, wie wir Menschen in der Welt sind und uns zu ihr verhalten. Damit hebt er ab auf eine existenzielle Erfahrung des Menschseins schlechthin und auf die damit verbundene verantwortende Gestaltung einer spezifischen Umgebung im Besonderen einerseits, sowie auf unsere verantwortende Sorge um das große Ganze im Allgemeinen andererseits. Die umgreifende Verantwortung, wie sie sich in der universalen „Verantwortungsethik“ eines Hans Jonas manifestiert, ist im Heute unseres Daseins zum Beispiel im erfolglosen Versuch bürokratischer Reglementierungen à la ESG (Environmental, Social, Governance) versandet. Stattdessen machen Autokraten wie Donald Trump, Putin und Xi ihre eigenen Regeln der Stärke im globalen Spiel um Macht und Einfluss.

Gönnen wir uns in Anbetracht dieser Ausgangslage eines „Global Playing“ von selbstgewissen Hegemonen, die die Welt als ihre Spielwiese betrachten, den Luxus, einen Blick zurück zu tun und die Gedanken, Theorien und Inspirationen der in der Geistes- und Kulturgeschichte relevanten Vorfahren ein weiteres Mal in Gesprächsform anzuzapfen. Wie schon in meinem Buch „Der behauste Mensch“ tue ich dies in Gestalt fiktiver Dialoge. Ich befrage die Goethes, Schopenhauers, Simmels, Webers, Luxemburgs, Weils und Freuds unserer eigenen Vergangenheit, indem ich deren Texte zurate ziehe, mir aus den konkreten geistigen Hinterlassenschaften Antworten auf drängende Fragen der Gegenwart suche. Denn die Fragen sind inspiriert von den Krisen, Katastrophen und Kriegen unserer Gegenwart, die Antworten Ergebnis hinterlassener und von uns notwendig zu revitalisierender Sinnsuche auch und nicht zuletzt im Schönen und im Bewahrenswerten unserer menschlichen Hervorbringungen in der universalen Menschheitsgeschichte. Die Antworten meiner fiktiven „Gesprächspartner“ sind also formal authentisch und zitierfähig. Inhaltlich vor allem jedoch eine Inspiration für die komplexe Gemengelage, in die sich die Spezies hineinmanövriert hat – bewusst oder unbewusst, naiv oder mit voller Absicht. Das, je nach Sichtweise, göttliche oder rein zufällige Experiment einer auf dem Planeten Erde hausenden und im Hausen auf eine seltsam bizarre Art vereinten Menschheit geht weiter. Ausgang ungewiss.

Schauen wir an dieser Stelle auf jene generelle Problematik, die die Gemüter speziell in Deutschland und in großen Teilen Europas bewegt: das wie auch immer zu bewertende Missverhältnis von Ökonomie und Ökologie. Zurückgreifend auf meine jüngste Veröffentlichung über Max Himmelheber, den Unternehmer und Ökosophen, zitiere ich mich bei dieser Thematik gern selbst. In medias res also.

Der Oikos

Die Begriffe Ökonomie und Ökologie entspringen der gleichen, einerseits etymologischen, andererseits aber auch weltanschaulich philosophischen Wurzel, dem griechischen Begriff Oikos nämlich. Damit markieren sie zum einen in eben der aufgezählten Reihenfolge – Ökonomie, Ökologie – eine welt- und geistesgeschichtliche Entwicklung – und zum anderen gleichzeitig einen quasi mythischen Seinszustand vor aller Entwicklung, als der Mensch im Oikos noch weitestgehend im Einklang mit der Natur lebte, ein Urwissen hatte vom Zusammen- und Ineinanderwirken von Natur und Oikos. Was also war bzw. ist der Oikos? Der „Oikos“ steht im Griechischen für „Haus“ und war im weitesten Sinn spätestens seit Aristoteles gleichbedeutend mit einer Bewirtschaftung und Verwaltung eben des Hauses im umfassenden Sinn des Wortes – von Ackerbau und Viehzucht bis hin zur Kindererziehung. In der „Oikonomia“ des Aristoteles wurde die Hauswirtschaft schon früh in der Geschichte des Abendlandes „verwissenschaftlicht“ – mit entsprechenden Folgen. Der „Oikos“ in seiner ursprünglichen Bedeutung hatte aber auch mit Energie zu tun. Er bezog sich nämlich auch auf die Feuerstelle des Hauses, dessen Herd, quasi. Und um den Herd versammelte sich die Familie. In unseren heutigen Begriffen war folglich die „Küche“ der innere Versammlungsort der Hausgemeinschaft, der physisch und psychisch wärmespendende Ort.

Auch im und für den Oikos wurde die Natur verändert, ging einher mit einer Kultivierung der nächsten, begrenzten und überschaubaren Umgebung. Für den Menschen im mythischen Oikos, den „behausten Menschen“, war der Respekt gegenüberder Natur allerdings eine Selbstverständlichkeit und folgte inneren Gesetzmäßigkeiten, deren Überschreitung frevelhaft gewesen wäre und gleichbedeutend mit einer Hybris gegenüber den Göttern. Das gestaltende „Hausen“ war insofern eingebettet in eine natürliche Ordnung und war geprägt von einem existenziellen Sein und Werden. Ein Ausbrechen aus diesem ewigen Kreislauf des Natürlichen hätte eine vorgegebene göttlich kosmische Ordnung gestört und wäre insofern auch prinzipiell sinnlos gewesen. Der Austritt des Menschen aus diesem natürlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens erfolgte erst mit der teleologischen Orientierung der Heilsreligionen, namentlich des Christentums. Es war also die Verwissenschaftlichung des Oikos bei Aristoteles in Verbindung mit der vornehmlich christlichen Teleologie, respektive Eschatologie, die eine sich selbst dynamisierende Mixtur schuf, die schließlich in der industriellen Revolution und in einer bis vor wenigen Jahrzehnten noch ungebrochenen Fortschrittsgläubigkeit mündete. Immerhin bis zum 18. Jahrhundert erhalten geblieben ist die Ökonomie als Lehre von der Hausverwaltung. Erst mit dem Kapitalismus und der sich selbst dynamisierenden Technik erhält wirtschaftliches Handeln jene Komplexität, die die Traditionen der aristotelischen Oikonomia endgültig transzendiert. Mit der Transzendierung verbunden war von Anfang an der bis heute global ungebrochene Wachstumswahn der Wirtschaften, den bis dato auch eine sich etablierende ökologische Gegenbewegung trotz Klimawandel, Naturkatastrophen und Umweltzerstörung nicht aufzuhalten vermochte. Zuvörderst Ökonomie und später dann Ökologie als deren tatsächliches oder vermeintliches Korrektiv waren und sind also Folgeerscheinungen nicht zuletzt eines vom Menschen ins Maßlose gesteigerten Oikos, in der sogenannten „ErstenWelt“ verbunden mit einem ungebremsten Streben nach allem, was das Herz sich wünschen, das Hirn sich ausdenken und der Magen verdauen kann. Ein „Allzeit-Alles“ im „Allzeit-Jetzt“ ist noch immer die Devise der Wohlstandsgesellschaften rund um den Globus, ganz gleich, ob uns das gefällt oder nicht. In „Die Perfektion der Technik“ hatte Friedrich Georg Jünger schon Ende der Dreißigerjahre im letzten Jahrhundert in seiner Lesart die großen Zusammenhänge hergestellt: „Wirtschaft setzt den Wirt voraus. Ökonomie ist, in einem Sinne, dem heute wenig Beachtung geschenkt wird, das Wirtschaftsgesetz des Hauses, ist Hauswirtschaft. Sie ist das Hausen des Menschen auf dieser Erde. Der Ökonom ist ein Hausvater, der sich gemäß dem Nomos der Hauswirtschaft verhält. Tut er es nicht, so treibt er Misswirtschaft, und die gröbste Form dieser Misswirtschaft ist der Raubbau. Raubbau ist es, den der in technischer Organisation lebende Mensch an der Erde verübt. Daher mag er produzieren, was er will, und eine solche Fülle von Waren erzeugen, dass der Anschein des Überflusses entsteht, in Wahrheit braucht er die bewirtschaftete Substanz auf und unterhöhlt den Grund aller geordneten Wirtschaft. Deshalb muss er in Schwierigkeiten geraten, denen er zuletzt nicht mehr gewachsen ist, an denen sein Denken scheitert. Sein scharfsinniges Erfinden ist ein fortgesetztes Vernutzen und Verbrauchen im Rahmen der technisch organisierten Arbeit.“ Jünger weiter: „Die Erde erträgt den Menschen nicht, der sie nur nutzt und verbraucht, und sehr bald verweigert sie ihm ihre Hilfe.“ In der oft zitierten Tradition eines Alexander von Humboldt formuliert Friedrich Georg Jünger Folgendes: „Dass in der Natur alles in einer innigen Verbindung steht, ist bekannt und wird nicht beachtet. Dass diese Verbindung nicht mutwillig gestört werden darf, wird vergessen.“

Der gesunde Menschenverstand

Dem gesunden Menschenverstand sind diese Zusammenhänge natürlich geläufig. Aber was sind die Konsequenzen aus dieser Einsicht? An erster Stelle: der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ ist nicht generalisierbar. Als Begriff sicherlich ja, in der gelebten menschelnden Praxis nein. Deswegen ist auch die daraus resultierende Einsicht in die Praxis menschlichen Lebens folglich belanglos. Immanuel Kant hatte zwar die selbst verschuldete Unmündigkeit als Hemmschuh jeglicher „Aufklärung“ identifiziert, aber seine Erklärung der Unmündigkeit, noch dazu der selbst verschuldeten, greift zu kurz, wenn er feststellt, dass der Mensch nicht gelernt habe, sich seines Verstandes zu bedienen. Ja, welches Verstandes denn bitte?

Wie schreibt José Ortega y Gasset mit kaum zu überbietender Süffisanz: „So haben die Dinge der Politik im Abendland ein Extrem erreicht, in dem, weil jedermann den Verstand verloren hat, schließlich alle glauben, ihn zu besitzen. Nur dass dann der Verstand, den jeder hat, nicht der seinige ist, sondern der, den der andere verloren hat.“

Nur im Abendland (?), mein lieber Herr Ortega, möchte ich entgegnen. Es gibt den einen universalen Menschenverstand eben ganz einfach nicht. Und schon gar keinen „gesunden“. Im Gegenteil. Wir kranken nicht zuletzt an der Krankheit unseres Verstandes, der uns mit überzeugter und überzeugender Systemlogik Dinge à la MAGA tun lässt, die der Spezies die Lebensgrundlage entziehen. Die systemische Spirale des natürlichen und überlebensnotwendigen menschlichen Hausens auf unserem (noch) blauen Planeten hat einen Punkt erreicht, den ich, analog der sogenannten „Kipppunkte“ aus der Klimaforschung, als entwicklungsgeschichtlich anthropogene, als vornehmlich menschengemachte Kipppunkte des Hausens und des Behaustseins bezeichnen möchte, von Alfred Weber 1953 sinngemäß folgendermaßen beschrieben: „… rücksichtslose Bevölkerungsmehrung auf der einen Seite, auf der anderen fast ebenso rücksichtslose Verminderung des der wachsenden Bevölkerung zur Verfügung stehenden Erdpotentials.“ Wenn wir nicht aufpassen, sind wir schon bald zurück bei Thomas Hobbes’ Bellum omnium contra omnes, dem Krieg aller gegen alle, und dem damit einhergehenden Dictum, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf: Homo homine lupus.

Nun aber genug der Vorrede. Schauen wir gemeinsam hinein in die Fundgruben unserer Geistes- und Kulturgeschichte und deren inspirierende Preziosen. Simone Weil, eine französische Philosophin und Sozialrevolutionärin, die in selbst gewählter Armut versucht hatte, das Leben der Menschen in der Arbeiterklasse verstehen zu lernen, hatte bei diesem Experiment am eigenen Leib und Leben Erkenntnisse gezeitigt, die uns alle betreffen. So schrieb sie schon 1934:

„Insgesamt gleicht unsere Situation der von Reisenden, die in einem führerlosen Wagen mit Vollgas durch unbekanntes Gelände rasen …“

LITERATUR ZUR EINLEITUNG

Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1997

Martin Heidegger: Bauen Wohnen Denken in ders.: Vorträge und Aufsätze, Stuttgart 1954

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1984

Kurt E. Becker: Der behauste Mensch. Von vier Wänden und einem Dach über dem Kopf. Im Dialog mit 77 Persönlichkeiten von Aristoteles bis Stefan Zweig, Ostfildern 2021

Kurt E. Becker: Rückschritt zum Überleben. Max Himmelheber – Der Pfadfinder als Unternehmer und Ökosoph, Baunach 2025

Immanuel Kant: Werkausgabe, herausgegeben von Wilhelm Weischedel, Frankfurt 1977

José Ortega y Gasset: Gesammelte Werke in sechs Bänden, Stuttgart 1987

Alfred Weber: Gesamtausgabe in zehn Bänden, herausgegeben von Hans G. Nutzinger, Marburg 2000

Thomas Hobbes: Leviathan, herausgegeben von J. P. Mayer, Stuttgart 1974

Simone Weil: Über die Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung, Zürich 2012/2025

Gespräche zur Anthropologie

„Der Mensch ist ein mehrschichtiges Wesen.“

Bei jedem Organismus ist ein ausrottender Faktor am Werk IM GESPRÄCH MIT CHARLES DARWIN

Ihrer Beiträge zur Evolutionstheorie wegen, lieber Herr Darwin, gelten Sie als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler aller Zeiten. Dass Ihre Evolutionstheorie auch in puncto des behausten und hausenden Menschen elementare Erkenntnisse liefert, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Lassen Sie uns wenigstens in einigen Grundzügen in Ihre Theorie Einblick nehmen. Was ist denn die essenzielle These Ihrer Theorie?DARWIN: Die Struktur jedes Organismus ist hauptsächlich der Erhaltung seines Lebens, und zwar im ausgewachsenen Zustande … angepasst. Unsere Theorie setzt voraus eine sehr graduelle Einführung neuer Formen und Ausrottung der alten … Die Ausrottung der alten kann zuweilen plötzlich vor sich gehen, nie aber die Einführung der neuen …Das war gleichbedeutend mit einer Revolution in der Wahrnehmung der Welt.DARWIN: Da viele Naturforscher die Ausrottung als ein höchst geheimnisvolles Ereignis ansehen und alle möglichen erstaunlichen Ursachen dafür heranziehen, ist es gut, sich das zurückzurufen, was ich betreffend den Kampf in der Natur … gesagt habe. Bei jedem Organismus ist ein ausrottender Faktor am Werk.Folglich auch beim Menschen. Das war starker Tobak.DARWIN: Die erste Tatsache, vor die uns die Geologie stellt, ist die ungeheure Anzahl ausgestorbener Formen und neuer Erscheinungen. Die tertiären Schichten stärken die Annahme, dass Organismusformen allmählich selten werden und verschwinden und allmählich von neuen ersetzt werden. Wir sehen auch gegenwärtig gewisse Formen selten werden und verschwinden, wir kennen keine plötzliche Schöpfung.Das Verschwinden bestimmter Arten ist eine Tatsache, die uns heute dramatisch beschäftigt und als deren Verursacher die Spezies Mensch verantwortlich ist.DARWIN: Wir schauen nicht mehr auf ein Tier wie ein Wilder auf ein Schiff oder irgendein großes Kunstwerk, in welchem er ein über sein Verständnis hinausgehendes Ding erblickt; dafür aber fühlen wir ein ganz neues Interesse an seiner Erforschung. Wie interessant wird jeder Instinkt, sobald wir seinem Ursprung nachforschen, ob eine ererbte oder angeborene Gewohnheit, oder ob er entstanden ist durch eine Zuchtwahl von Individuen, die leicht von ihren Eltern abwichen. Wir müssen jedoch jeden komplizierten Mechanismus und Instinkt als die Summe einer langen Vorgeschichte betrachten, als die Anhäufung nützlicher Vorrichtungen, sehr ähnlich wie die Vervollkommnung eines technischen Werkes sich vollzieht.Wir müssen also nicht zuletzt die Geografie älterer Zeitalter in den Blick nehmen, genauso wie die Formationsperioden in der Geologie?DARWIN: Es liegt viel Größe darin, die jetzt existierenden Tiere entweder als die geradlinigen Abkömmlinge von Formen, die unter tausend Fuß Erde begraben liegen oder als die Miterben eines noch älteren Vorfahren anzusehen. Es stimmt mit den Gesetzen, die nach unserer Kenntnis durch den Schöpfer der Materie eingeprägt worden sind, überein, dass die Erschaffung und Vertilgung von Formen, ebenso wie Geburt und Tod der Individuen, als die Wirkung sekundärer Mittel aufzufassen sind.Ein Schöpfer Gott hat also durchaus Platz in Ihrer Evolutionstheorie?DARWIN: Es ist entwürdigend, dass der Schöpfer endloser Weltensysteme einen jeglichen von den Myriaden kriechender Parasiten und Würmer einzeln geschaffen haben soll, von denen es an jedem einzigen Tag zu Land und zu Wasser auf dieser unserer Erde gewimmelt hat … Aus Tod, Hungersnot, Raub und dem verborgenen Kampf in der Natur ist, wie wir jetzt sehen, gerade die höchste Leistung, die wir uns vorstellen können, die Erschaffung der höheren Tiere, direkt hervorgegangen. Zweifellos übersteigt es zunächst unser bescheidenes Fassungsvermögen, uns Gesetze vorzustellen, welche die Fähigkeit besitzen, individuelle Organismen zu erschaffen, von denen jeder durch meisterhafte Herstellung und weitestgehende Anpassung charakterisiert ist.Ein relativer oder ein absoluter Schöpfer also?DARWIN: Es verträgt sich allerdings besser mit der Beschränktheit unserer Fassungskraft, anzunehmen, dass jeder Organismus des „Werde“ eines Schöpfers bedürfe, doch in demselben Verhältnis würde auch die Existenz entsprechender Gesetze unsere Vorstellung von der Macht eines allwissenden Schöpfers steigern. Es liegt eine einfache Größe in der Anschauung, dass das Leben mit seiner Wachstums-, Assimilations- und Reproduktionsfähigkeit ursprünglich in eine oder einige wenige Formen der Materie hineingehaucht worden ist, und dass, während dieser unser Planet nach festen Gesetzen seine Kreisbahn durchlief und Land und Meere in einem Zyklus von Wechseln ihre Stellung vertauschten, dass, während dies alles vor sich ging, aus einem so einfachen Ursprung durch den Prozess allmählicher Auslese unendlicher Veränderungen, zahllose äußerst schöne und äußerst wunderbare Formen sich entwickelt haben.Nicht zuletzt – der Mensch. Herr Darwin, ich danke Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch.

CHARLES ROBERT DARWIN, geboren am 12. Februar 1809 in Shrewsbury, gestorben am 19. April 1882 in Down House/Grafschaft Kent, gilt seiner Beiträge zur Evolutionstheorie wegen als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler aller Zeiten. Seine Erfahrungen und Erlebnisse während seiner fünf Jahre dauernden zweiten Reise mit der Beagle einmal rund um die Welt waren Grundlage für seine Theorie.

LITERATUR

Charles Darwin: Essay zur Entstehung der Arten, München 1971

Die Natur im Menschen und der Mensch in der Natur IM GESPRÄCH MIT NICOLAI HARTMANN

Herr Hartmann, lassen Sie uns „über die Natur im Menschen und den Menschen in der Natur“ miteinander sprechen. Was mit diesem Thema auf den Begriff gebracht wird, ist ja nichts Geringeres als das Initial menschlichen Hausens auf der Erde schlechthin. Was hat es damit unter naturphilosophischen und anthropologischen Gesichtspunkten aus Ihrem Blickwinkel auf sich?HARTMANN: