Belgische Riesen - Burkhard Spinnen - E-Book

Belgische Riesen E-Book

Burkhard Spinnen

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Beschreibung

Bislang ist Konrad Bantelmann, 10 Jahre alt, Schwierigkeiten im Allgemeinen und Mädchen im Besonderen sorgfältig aus dem Wege gegangen und konnte sich auch nicht als Fachmann in Scheidungsfragen bezeichnen. Doch Friederike, ebenfalls 10, kennt sich damit leider bestens aus: ihre Eltern sind frisch getrennt. Durch einen unglücklichen Zufall bringt Konrad Friederike, die sich Fridz nennt, auf die Idee, sich an der Freundin ihres Vaters zu rächen. Schlimmer noch: ausgerechnet der etwas harmoniesüchtige und vorsichtige Mustersohn Konrad muß den Rachefeldzug eines quirligen, rothaarigen Mädchens organisieren. Und die Geheimwaffe der beiden ist ein außerordentlich großes Kaninchen. "Belgische Riesen" spielt auf der stillen Seite einer Alltags-Katastrophe: Ein Mädchen will nicht verstehen, daß ihre Eltern sich nicht mehr lieben. Und ein Junge muß begreifen, daß es gleich nebenan viel größere Unfälle gibt als Spinat zu Mittag. Doch ist "Belgische Riesen" auch die durchweg heitere und oft urkomische Geschichte des ersten eigenen Abenteuers, das die Kinder abseits der Erwachsenen-Katastrophe unternehmen. Am Ende ist nicht allen geholfen, aber viel Ärger an die frische Luft gesetzt und eine neue Freundschaft besiegelt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 266

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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

Belgische Riesen

Konrad kommt rein

Die Waldschlange Anabasis

Das Dransfeld

Rivalen am Obernoko

Fridz mit d

Der Wackelkristall

Irre Käfer Drei

Zwei am Kanal

Kristine Krise

Belgischer Riesenernst

Postwendend zurück

Die doppelte Waldschlange

Das große Machen

Test am Kanal

Der Planet Klimbambium

Bigomil Trüger

Es geht los

Rote Hosen

Eine Geheimwaffe

Tschüss, Paul!

Zurück im Dransfeld

Impressum

Kurzbeschreibung

Autorenporträt

Meiner Familie

Belgische Riesen

Konrad kommt rein

Die Tür geht auf.

»Übrigens«, sagt Konrad, »draußen ist es total hell.«

Im Schlafzimmer ist es jetzt auch ziemlich hell, weil Licht vom Flur hereinkommt, und daher kann Konrad sehr gut beobachten, wie einer der beiden Menschen, die in dem großen Bett liegen, sich blitzschnell die Decke über den Kopf zieht. Dabei sagt dieser Mensch etwas Unanständiges, das Konrad niemals sagen dürfte.

Dieser Mensch ist: Der Papa. Außerhalb des Hauses heißt er Herr Bantelmann. Drinnen natürlich: Papa; und nur ganz selten: Wolfgang.

Der Mensch war nicht immer der Papa. Darauf legt er besonderen Wert und davon erzählt er ziemlich oft. Konrad weiß Bescheid. 31 Jahre lang war der Papa unter anderem Sohn und Segelflugzeugmodellbauer, er war Führerscheinbesitzer und Bartträger und später war er auch der junge Geliebte des anderen Menschen, der jetzt neben ihm im großen Bett liegt. Erst seit zehn Jahren ist er der Papa; und obwohl zehn Jahre eine ziemlich lange Zeit sind, hat sich der Papa noch immer nicht so ganz ans Papa-Sein gewöhnt. Am allerwenigsten gewöhnt ans Papa-Sein ist er aber sonntagsmorgens um sechs Uhr acht. Und genau das sagt er jetzt auch. Man kann es ganz gut verstehen, obwohl er die Decke über dem Kopf hat.

Dass es sechs Uhr acht ist, sieht der Papa vermutlich durch einen kleinen Schlitz, den er zwischen Matratze und Decke gelassen hat, damit er noch Luft kriegt. Sechs Uhr acht steht in roten Zahlen auf der Leuchtanzeige des Digitalweckers.

»Konrad«, sagt der Papa unter der Decke, »was hab ich dir verboten?«

Konrad denkt. Verboten, verboten? Der Papa hat schon alles Mögliche verboten. Wie soll man da wissen, was davon er gerade meint.

Zum Glück bekommt Konrad etwas Hilfe. Sie kommt von dem Menschen, der neben Papa im Bett liegt und einmal seine junge Geliebte war. Der Mensch ist: Die Mama. Außerhalb des Hauses: Frau Bantelmann. Drinnen natürlich: Mama; gelegentlich: Edith.

»Es hat mit dem Reinkommen zu tun«, sagt sie.

O ja, natürlich! Sofort ist Konrad im Bilde. Wie hat er das vergessen können! Es gibt ja ein besonders scharfes Verbot, das sich aufs Sonntagsmorgens-Reinkommen bezieht. Man soll nämlich, man soll nämlich – jetzt nur keinen Fehler machen! – man soll nämlich am Sonntagmorgen nicht vor, nicht vor – ja, man soll nicht vor einer bestimmten Uhrzeit reinkommen. Leider fällt Konrad diese Uhrzeit jetzt nicht ein. Das ist dumm. Und um keinen Fehler zu machen, sagt er sicherheitshalber gar nichts.

Zum Glück hilft die Mama wieder. »Wie spät ist es jetzt?«, sagt sie. Und sie sagt es in einem vorwurfsvollen Ton.

Konrad begreift. Vermutlich ist er also zu früh reingekommen. Das heißt, die Uhrzeit auf dem Digitalwecker könnte einen Hinweis darauf geben, zu welcher Uhrzeit man noch nicht reinkommen darf.

Konrad schaut zur Uhr. »Sechs Uhr neun«, sagt er. Das ist wenigstens nicht falsch.

»Großartig«, sagt der Papa unter der Bettdecke. Es klingt wie ein sehr böses Wort. »Und was haben wir dir verboten?«

Schlagartig kann Konrad sich erinnern. »Ich soll sonntags nicht vor acht Uhr reinkommen. Ausnahme im Notfall, bei schwerer Krankheit oder bei Feuer.« Na, das war doch gekonnt!

»Übrigens –«, sagt Konrad.

Doch da heult der Papa auf. »Und was sollst du außerdem nicht?«

Prompt fällt Konrad noch eine Kleinigkeit ein. Man soll, wenn das eben möglich ist, am Sonntagmorgen nicht vor acht Uhr reinkommen und man soll, wenn man dann reinkommt, auf absolut überhaupt gar keinen Fall und nie und niemals seinen ersten Satz mit übrigens anfangen!

Der Papa hat es erklärt. Es hat es sogar mehrmals erklärt. Zuletzt am vergangenen Sonntag. Es war ziemlich genau um die gleiche Uhrzeit und Konrad war gerade reingekommen.

Das Wort übrigens, hat der Papa da gesagt, ist ein Wort, mit dem man bei einem Gespräch ein neues Thema an ein altes Thema anknüpft. Er hat es auch gezeigt, das Anknüpfen, mit beiden Händen.

Konrad hat das verstanden. Übrigens ist ein Knotenwort. Man nimmt es wie eine Schnur und knotet zwei Gesprächsthemen zusammen, damit sie nicht auseinanderfallen.

»Richtig«, hat der Papa gesagt. Allerdings folge daraus messerscharf, dass man mit übrigens kein Gespräch anfangen könne. Für ein übrigens braucht man ja mindestens zwei Gesprächsthemen. Zwei! Und am Sonntagmorgen um sechs Uhr soundsoviel, da gibt es noch nicht einmal ein einziges Thema. Da gibt es vielmehr überhaupt gar kein Thema.

An dieser Stelle der Erklärung ist der Papa dann ein bisschen laut geworden, obwohl es doch so früh war. »Kein Thema!«, hat er gesagt. Es gibt kein Thema, weil er, der Papa, sich überhaupt nicht in einem Gespräch, sondern vielmehr in einem Schlaf befindet! Und wenn einer der beiden zukünftigen Gesprächspartner sich noch in einem Schlaf befindet, dann muss der andere Gesprächspartner darauf verdammt noch mal Rücksicht nehmen und darf auf gar keinen Fall mit so einem dicken, fetten, hässlichen übrigens ins Zimmer platzen.

Sie haben es dann am letzten Sonntag geübt: das Um-acht-Uhr-Reinkommen-und-ein-Gespräch-Beginnen. Bis es klappte. O je! Jetzt hat Konrad so eine Ahnung. Und er ahnt ganz richtig.

»Raus und noch mal reinkommen!«, sagt der Papa unter der Decke.

»Muss das sein?«, sagt die Mama. Die Mama hat ein weiches Herz. Das wird immer wieder festgestellt.

»Okay«, sagt der Papa unter der Decke, »du hast ein weiches Herz. Einverstanden. Aber wer beschwert sich mehr darüber, wenn er nicht ausschlafen kann? Du oder ich?«

Das ist jetzt, was der Papa immer eine rhetorische Frage nennt. Rhetorische Fragen sind Fragen, auf die man nicht antworten muss, weil die Antwort feststeht. Und da die Mama trotz ihres weichen Herzens wirklich sehr sauer wird, wenn sie nicht ausschlafen kann, muss sie jetzt nicht antworten.

Rhetorische Fragen, denkt Konrad, sind etwas sehr Praktisches. Leider fallen den Eltern viel mehr davon ein als ihm selbst. Und leider macht ihm die Mama jetzt ein Zeichen, das tatsächlich bedeutet: Rausgehen und noch mal reinkommen.

Draußen auf dem Flur geht Konrad ein bisschen auf und ab, damit Mama und Papa Zeit haben einzuschlafen. Sie müssen ja schlafen, wenn er wieder reinkommt, sonst ist es nicht echt. Beim vierten Auf und Ab schaut er dann in Peters Zimmer und da sieht er, dass der seine Decke weggestrampelt hat und jetzt auf allen vieren schläft.

Konrad schaut sich das genauer an. Wie das aussieht! Den Hintern hoch und den Kopf auf den Vorderpfoten wie ein schlafender Hund. Neulich haben Papa und Mama abends vor Peters Bett gestanden, da schlief er auch so und da hat der Papa gesagt: »Ein Naturwunder.«

Das sollte Peter eigentlich wissen. Vielleicht freut es ihn.

»Übrigens«, sagt Konrad, »der Papa hat gesagt, du bist ein Naturwunder.« Dazu klopft er Peter auf den hochstehenden Hintern.

»Wa-has?«

»Ein Naturwunder. Du bist ein Naturwunder.«

»Boooh. Wie spät ist es?«

Das ist jetzt auch so eine rhetorische Frage. Peter ist nämlich fünf Jahre alt und versteht gar nichts von Uhrzeiten. Er redet nur nach, was andere so sagen. Also muss man ihm gar keine Antwort geben. Außerdem hat Konrad etwas anderes zu tun, als für kleine Brüder die Uhr abzulesen. Er muss ja jetzt richtig reinkommen. Also los!

Als erstes öffnet er langsam und vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer. Sehr langsam und sehr vorsichtig, damit Mama und Papa keinen Schock bekommen. So ähnlich hat der Papa sich jedenfalls ausgedrückt. Und kaum ist er durch die Tür geschlüpft, schließt er sie auch schon wieder. Damit kein überflüssiger Lichtstrahl auf den Papa fällt. Der hat nämlich gesagt, möglicherweise sei er sonntagmorgens ein Vampir. Wenn aber Vampire zu viel Licht abbekommen, dann zerfallen sie zu Staub und das wäre doch schrecklich, denn dann müsste die Mama einen riesigen Staubhaufen aus dem Bett bürsten.

Jetzt ist Konrad also im Zimmer drin. Und hier ist es total dunkel. Kürzlich haben Mama und Papa neue Rollläden anbringen lassen und die schließen so dicht, dass nicht das kleinste Strählchen Licht hindurchkommt. »Hermetisch verschlossen«, hat der Papa gesagt und dabei komisch gelacht.

Konrad ist allerdings nicht sehr komisch zumute in dieser Dunkelheit. Er macht einen kleinen Schritt und sofort stößt er sich das Schienbein am Bett. Das tut weh, aber immerhin weiß er jetzt, wo er sich befindet. Was kommt als Nächstes? Richtig, als Nächstes muss er um das halbe Bett herum tasten, bis er die Ritze zwischen den beiden Matratzen spürt. Das ist nicht so schwierig und bald hat er sie gefunden.

Aber jetzt wird es wieder anstrengend. Denn jetzt muss er ins Bett hinein und auf allen vieren die Ritze hoch krabbeln, ohne dabei der Mama oder dem Papa mit den Knien oder den Ellenbogen in etwas Empfindliches zu stoßen oder mit seinem schrecklich harten Kopf der Mama oder dem Papa einen Zahn auszuschlagen oder die Nase einzudrücken. Am besten, er hält sich ganz flach und tastet zuerst mit den Händen nach vorne, bevor er weiterkrabbelt. Der Papa hat das ein paar Mal vorgemacht, aber leider hat Konrad dabei so schrecklich lachen müssen, dass ihm Tränen aus den Augen gelaufen sind und er gar nichts mehr hat sehen können.

Immerhin scheint er jetzt bei einem Kopf angekommen zu sein. Vermutlich ist es Papas. Papas und Mamas Köpfe sind gut zu unterscheiden. Mama ist weich im Gesicht und hat lange Haare, Papa hingegen hat kaum Haare auf dem Kopf, dafür ist er im Gesicht sehr kratzig. Besonders am Sonntagmorgen, weil er sich samstags nicht rasiert. Konrad tastet noch einmal zur Sicherheit alles ab. Kein Zweifel möglich, das hier ist einwandfrei der Papa. Das wäre geschafft.

Folgt schließlich der letzte Teil der Übung. Der ist allerdings ein bisschen peinlich. Denn Konrad selbst mag es zwar sehr, wenn man ihm über den Kopf streicht und dabei etwas Nettes ins Ohr flüstert. Aber anderen Leuten über den Kopf zu streichen und ihnen dabei etwas Nettes ins Ohr zu sagen, das findet er eher peinlich. Gut, dass es so dunkel ist. Konrad streichelt Papa über den Kopf und Papa schnurrt dazu wie die Katze von Tante Thea.

Das klappt also. Und jetzt etwas Nettes sagen. Konrad bringt seinen Mund ganz nah an Papas Ohr.

Bah! Papa riecht nach Knoblauch. Kindergift! Mama und Papa waren gestern in einem Restaurant und in den Restaurants, in die Mama und Papa ohne Konrad und Peter gehen, gibt es nur Kindergift. Die ganze Speisekarte rauf und runter. Kindergift mit doppelt Knoblauch. Konrad findet das schrecklich.

»Übrigens!«, sagt er. »Du riechst wieder nach Knoblauch.«

»Konrad!«, sagt die Mama und der Papa macht ein knirschendes Geräusch.

Da geht die Tür auf – und mit einem Schlag ist es wieder ziemlich hell im Schlafzimmer.

»Übrigens!«, sagt Peter. »Ich kann nichts dafür, dass ich wach bin. Da!«, er zeigt ins Bett, wo Konrad mittlerweile halb auf Papas Kopf sitzt. »Der Konrad! Der hat mich geweckt.«

»Prima«, sagt die Mama und steht auf. »Ich geh dann mal duschen.«

Der Papa sagt auch etwas, aber man kann es nicht hören, weil Konrad kurz zuvor mit seinem Knie gegen Papas Kopf gestoßen ist und der Papa sich jetzt mit beiden Händen die Nase hält.

»Erzählst du uns eine Geschichte?«, sagt Peter. Er krabbelt auch ins Bett und als er versucht, über Konrad hinweg zu steigen, trifft er ihn mit dem Ellenbogen am Auge. Konrad schreit aber nur ein bisschen. Dann ruft er »Ja! Erzählst du uns eine Geschichte?«

Und alle drei, Papa, Konrad und Peter, wissen genau, dass das eine ganz einwandfrei rhetorische Frage ist.

Die Waldschlange Anabasis

Eine rhetorische Frage ist das, weil der Papa gar nicht anders als mit einem kräftigen »Ja« antworten kann. Denn erstens erzählt er Konrad und Peter immer Geschichten und zweitens hat er erst gestern Morgen eine neue angefangen.

Trotzdem sagt er nicht einfach »Ja«, sondern: »Ihr seid Tyrannen.«

»Was sind Tü-Rannen?«, sagt Peter.

»Tyrannen«, sagt der Papa, »das sind Gewaltherrscher.«

»Hm«, sagt Konrad.

Wenn Konrad »Hm« sagt, dann klingt das für fremde Menschen so, als würde er meinen: »Ach, so ist das.« Oder: »Super, das habe ich genau verstanden.« Sein Papa und seine Mama wissen aber mittlerweile, dass er damit etwas ganz anderes meint. Und zwar meint er: »Ich habe überhaupt nichts verstanden.« Oder auch: »Das gefällt mir nicht.«

Jedenfalls muss der Papa das Wort Tyrannen etwas genauer erklären. »Tyrannen«, sagt er, »das sind in unserem Fall Menschen zwischen fünf und zehn Jahren, die keinerlei Rücksicht auf das Schlafbedürfnis ihrer Eltern nehmen.«

Aha! Die Unterhaltung beginnt gefährlich zu werden. Statt einfach weiter die Geschichte zu erzählen, will der Papa offenbar wieder einmal davon reden, was für eine unerträgliche Zumutung das eigentlich ist, frühmorgens von einem kaum erwachten Menschen zu verlangen, er solle eine Geschichte erzählen. Wenn er wenigstens eine fertige Geschichte erzählen könnte! Aber seine schrecklichen Söhne verlangen ja von ihm, dass er sich jedes Mal eine frische Folge aus einer komplett selbst erfundenen Fortsetzungsgeschichte für sie ausdenkt.

Zum Glück ist Konrad schon einigermaßen geschickt darin, das Thema zu wechseln. »Wie groß ist die Waldschlange eigentlich?«, fragt er jetzt.

»Sieben Meter«, sagt der Papa. »Im Ruhezustand. Gestreckt knapp neun.« Dabei streckt er sich.

Geschafft. Denn damit sind sie endlich bei der Geschichte, die gestern Morgen angefangen hat. Die handelt nämlich von der Waldschlange Anabasis, die tief in einem großen und undurchdringlichen Urwald einen merkwürdigen Erdhügel bewacht. Tag und Nacht tut sie das, seit Hunderten von Jahren, und gestern Morgen hat der Papa sehr ausführlich erzählt, welche längst ausgestorbenen Tiere schon bei ihr vorbeigekommen sind und sie gefragt haben, was sie da bewache, worauf die Waldschlange immer wieder gesagt hat, das könne sie nicht sagen, denn das sei ein großes Geheimnis.

Wenn Konrad ganz ehrlich sein müsste, dann würde er sagen, dass dieser Anfang der Waldschlangen-Geschichte nicht unbedingt sehr viel versprechend geklungen hat. Möglicherweise war der Papa gestern Morgen so müde, dass ihm nichts anderes eingefallen ist, als irgendwelche Saurier an dieser Waldschlange vorbeilaufen zu lassen. Ungefähr so wie in den blöden Büchern, die Konrad früher gelesen hat, als er noch nicht lesen konnte. Da gab es diese Tiere, die anderen Tieren ein Loch in den Bauch fragten. Eine Kuh, die ihr Kälbchen verloren hatte, oder ein Krokodil, dem sein Baby-Krokodil abhanden gekommen war. Die ausgefragten Tiere sagten dann immer hübsch freundlich »Nein danke, bei mir nicht« oder etwas Ähnliches, bis dann das Kälbchen und das Baby-Krokodil irgendwo auftauchten und alle sich tierisch freuten und das blöde Buch zu Ende war.

Allerdings weiß Konrad auch, dass es sehr ungeschickt wäre, gleich die erste Folge einer neuen Fortsetzungsgeschichte nicht gut zu finden und das auch noch laut zu sagen. Dann wäre nämlich der Papa beleidigt und das wiederum würde sich schlecht auf die Qualität der nächsten Folgen auswirken. Immerhin aber hat Konrad sich vorgenommen, dafür zu sorgen, dass bald etwas Spannenderes mit dieser Waldschlange passiert.

»Du, Papa«, sagt er daher gleich, »wie hießen noch mal diese Leute, die dann den Erdhügel gefunden haben?«

»Leute?«, sagt der Papa. Möglicherweise war er gestern Morgen sogar so müde, dass er sich überhaupt nicht daran erinnert, was er da im Halbschlaf vor sich hin gemurmelt hat. Davon sagt er aber nichts.

»Welche Leute?«, sagt er stattdessen.

»Na, diese Leute eben!«, sagt Konrad.

»Ja, diese Leute«, sagt auch Peter. Und weil er sich immer bewegen muss, wenn er etwas sagt, tritt er dem Papa dabei ganz unabsichtlicherweise ein bisschen in den Bauch.

»Puuh«, sagt der Papa. »Die Leute, die Leute – ja! – das waren die Leute von der Urwaldexpedition Nummer römisch Drei Strich Sieben unter der Leitung des weltberühmten Spezialwissenschaftlers Professor Doktor Franzkarl Forscher.«

»Aha«, sagt Konrad. Also Urwaldexpedition Nummer römisch Drei Strich Sieben. Und weltberühmter Wissenschaftler Franzkarl Forscher. Sehr abenteuerlich klingt das gerade nicht. Aber immer noch besser als diese Saurierparade.

»Ihr müsst euch das so vorstellen«, sagt der Papa, »mittlerweile sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Also heute.« Er kneift Peter ins Bein. »Welches Jahr haben wir heute?«

»Zweiundzwanzigtausend«, sagt Peter prompt.

»Beinahe«, sagt der Papa. »Und genau in diesem Jahr hat eine große Forschungs-Zentrale beschlossen, die Expedition Nummer römisch Drei Strich Sieben unter der Leitung des besagten Franzkarl Forscher in den undurchdringlichen Urwald zu schicken, auf dass sie dort das Geheimnis des merkwürdigen Erdhügels ergründe.«

»Woher wussten die denn von dem Hügel?«, sagt Konrad. »Der liegt doch mitten im undurchdringbaren Dschungel. Hast du selbst gesagt.«

Jetzt lacht der Papa. Konrad und Peter kennen dieses Lachen. So lacht der Papa, wenn er etwas viel besser weiß als alle anderen Menschen auf dem Planeten Erde.

Und richtig! »Luftaufnahmen«, sagt er triumphierend. »Luftaufnahmen aus einem Satellit. Mit Radar!« Damit könne man aus 83 Kilometern Höhe einen Lutscher fotografieren und auf dem Foto sei dann genau zu erkennen, ob der Lutscher schon angelutscht ist und wer das getan hat. Genau so sei man in der Forschungs-Zentrale auch auf den seltsamen Erdhügel aufmerksam geworden.

»Was ist ein Satell-tit?«, sagt Peter.

»Uaaah!« Konrad weiß längst, was das ist. Er will lieber wissen, wie die Geschichte weitergeht.

»Stopp!«, sagt der Papa. Es ist nämlich vollkommen richtig, dass man fragt, sobald man etwas nicht versteht. Wie oft hat er das schon gesagt! Und also fängt er an, sehr genau zu erklären, was die Erde ist, was der Weltraum ist, was eine Erdumlaufbahn ist und was man sich infolgedessen unter einem Satelliten vorzustellen habe. Konrad wird dabei das Gefühl nicht los, dass der Papa sich irgendwie um die Geschichte zu drücken versucht. Endlich ist er mit dem Satelliten-Erklären fertig.

Immerhin aber scheint ihn diese Erklärerei ein bisschen frischer gemacht zu haben, denn er klopft sich sein Kissen zurecht und setzt sich auf. »Also«, sagt er. »Da kommen nun Franzkarl Forscher und sein Expeditionsteam an dem rätselhaften Erdhügel an. Große Strapazen liegen hinter den kühnen Männern und Frauen. Vor wenigen Stunden erst haben sie die reißenden Wasser des Obernoko in schmalen Kanus durchschifft und am Tag zuvor wären sie beinahe das Opfer eines Angriffs von fingerlangen Kampfameisen geworden. Doch nun sind sie am Ziel. Sie schlagen ein Zeltlager auf, sie richten sich eine kleine Küche ein, machen erst einmal Kaffee für alle, holen die Streuselkuchen und die Puddingteilchen aus den Frischhaltedosen, essen alles ratzeputz auf, machen ein kleines Schläfchen im Schatten und dann – tja, dann packen sie alle ihre empfindlichen Messinstrumente aus.«

»Fieberthermometer!«, sagt Peter.

»Richtig«, sagt der Papa. »Sie packen ihre Fieberthermometer aus, ihre Seismographen, ihre Oszillophone, ihre Regressimpulsgeber und ihre Spektralanalysekonvertoren. Die stellen sie alle rund um den geheimnisvollen Erdhügel auf und schließen sie mit Kabeln an eine riesige Batterie, dann setzen sie sich vor ihre Kontrollmonitore und schauen sich an, was die vielen Geräte anzeigen: wunderbare Sinus-Kurven, herrliche Parabel-Äste, rautenförmige Cluster und strategische Datenballungen.«

»Hm«, sagt Konrad.

Der Papa überhört das »Hm« und erzählt weiter. Er ist jetzt so richtig in Fahrt. »Das alles«, sagt er, »kann natürlich der Waldschlange Anabasis nicht verborgen bleiben. Und nach den vielen Tausend Jahren, in denen sie das Geheimnis des Erdhügels sorgsam bewahrt hat, verzehrt sie sich nun in brennender Sorge darüber, ob diese hochmodern ausgerüstete Forschertruppe ihr nicht das Geheimnis zu entreißen in der Lage ist.«

Jetzt muss Peter sich wieder bewegen, obwohl er gar nicht weiß, was er sagen soll.

»Still liegen!«, sagt der Papa. Er kann es nun einmal nicht leiden, beim Erzählen getreten zu werden.

»Weiter!«, sagt Konrad.

»Ach«, sagt der Papa. »Die arme Waldschlange.« Seine Stimme zittert ein wenig, so als müsste er gleich weinen. »Bebend vor Sorge beobachtet sie aus ihrem Versteck in der Krone eines Tatyrusbaumes, wie das Forscherteam rund um den merkwürdigen Erdhügel vor sich hin forscht. Und dauernd muss sie darüber nachdenken, was sie bloß tun könnte, um die unliebsamen Eindringlinge wieder weg von dem Erdhügel und am besten ganz aus dem Wald heraus zu treiben.«

Jetzt weiß Peter, was er sagen will. »Die Waldschlange!«, sagt er aufgeregt. »Die Waldschlange. Die Waldschlange.«

Wenn Peter aufgeregt ist, dann drängeln sich die Wörter von innen vor seinem Mund; und weil jedes als erstes hinaus will, passiert es oft, dass nur ein oder zwei heraus kommen und danach gar keines mehr. Jetzt ist so ein Fall und daher macht der Papa, was er immer macht, wenn Peter einen Wörterstau hat. Er bläst ihm nämlich leicht ins Ohr. Das kitzelt ganz furchtbar, Peter muss deshalb lachen und dabei werden die Wörter in seinem Mund so durcheinander geblasen, dass sie endlich der Reihe nach zwischen den Lippen heraus kommen können.

»Die Waldschlange muss sich einen Panzer kaufen und auf die Forscher schießen!«

»So?« Nein, das gefällt dem Papa gar nicht. Warum bloß muss in den Vorschlägen der Jungs immer so viel geschossen werden? Das ist doch keine Lösung, immer gleich aufeinander zu schießen.

Konrad ist ganz seiner Meinung. Er hat auch schon einen eigenen Vorschlag: »Die Waldschlange soll Franzkarl Forscher mit ihren Giftzähnen ins Bein beißen. Davon bekommt er zuerst eine Nervenlähmung, dann Atemstillstand und nach zehn Minuten fällt er tot um.«

»Ich fasse es nicht!«, sagt der Papa. Das wollen wissbegierige Kinder sein! Schlagen sich sofort auf die Seite dieser forschungsfeindlichen Waldschlange. Dabei habe die Menschheit doch ein Anrecht darauf, dass merkwürdige Erdhügel erforscht werden. »Wo kämen wir denn hin«, sagt der Papa, »wenn alles Forschen verboten würde? Ohne Forschung gibt’s kein Lego, ohne Forschung gibt’s keine Pippi-Langstrumpf-Kassetten und ohne Forschung gibt’s keine Sams-CD. Also bitte, meine Herren – ein anderer Vorschlag!«

»Ph«, sagt Konrad und Peter macht ein Gesicht, als müsste er gleich weinen.

Das hat der Papa natürlich nicht gewollt. »Gut, gut«, sagt er. »Vielleicht habt ihr ja Recht.« Aber zuerst müsse man doch erfahren, warum die Waldschlange unbedingt das Geheimnis des Erdhügels bewahren will. Und erst wenn man das wisse, dann könne man sich ein Urteil darüber erlauben, wie es weitergehen soll: ob diese forschen Forscher munter forschen oder ob sie aus dem Wald verschwinden sollen.

»Und was ist das Geheimnis?«, sagt Konrad.

»Und was ist das Geheimnis?«, sagt Peter.

»Das Geheimnis«, sagt der Papa. »Das Geheimnis –« Er unterbricht sich. »Hat die Mama nicht gerade zum Frühstück gerufen?«

»Nein«, sagt Konrad. Auf gar keinen Fall hat die Mama gerade zum Frühstück gerufen!

»Also, das Geheimnis«, sagt der Papa, »das Geheimnis des Erdhügels besteht darin, dass –«

»Ja?«

»– dass darunter ein riesiger, geschliffener Kristall verborgen ist. Zehn Meter hoch und fünf Meter breit. So!«, sagt der Papa. »Jetzt wisst ihr’s!«

»Ein riesiger, geschliffener Kristall!«, sagt Peter. Das ist vielleicht ein Zufall! Denn Peter interessiert sich in letzter Zeit ungeheuer stark für Edelsteine und Kristalle und überhaupt für Schätze und Piraten und dergleichen. Bei der Vorstellung von einem dermaßen riesigen Kristall muss er daher ziemlich kräftig mit den Beinen strampeln.

Der Papa rutscht vorsichtshalber ein Stück zur Seite. »Jawohl«, sagt er. »Ein riesiger, in allen Farben funkelnder Kristall. Oben spitz und unten eher stumpf. Aber das kann man natürlich nicht sehen, denn er steckt zu mehr als der Hälfte in der Erde und Erde ist auch über dem Stück, das herausschaut, so dass von außen wie gesagt nichts anderes zu sehen ist als ein merkwürdig geformter Erdhügel.«

Der Papa ist sehr stolz auf seine Geschichte. Wenn er stolz auf seine Geschichten ist, dann hat er so einen bestimmten, sehr schwer zu beschreibenden Ton in der Stimme.

»Hm«, sagt Konrad. »Aber warum muss die Waldschlange den Kristall bewachen?«

Doch darauf bekommt er keine Antwort mehr. Denn jetzt ruft die Mama tatsächlich zum Frühstück. Woraufhin der Papa so schnell aus dem Bett springt, dass er beinahe auf Peters Bein getreten wäre.

Das Dransfeld

Am Frühstückstisch sitzt Konrad so, dass er aus dem Fenster gucken kann. Darauf legt er allergrößten Wert; es wäre ihm unerträglich irgendetwas zu versäumen, das sich draußen auf der Straße abspielt.

Die Bantelmanns wohnen nämlich erst seit drei Wochen in ihrem neuen, eigenen Haus; seit dem Beginn der großen Schulferien. Dieses neue und eigene Haus steht mit vielen anderen neuen Häusern, die dem Haus der Bantelmanns sehr ähnlich sind, in der Hedwig-Dransfeld-Straße. Und weil hier alles so neu ist, kann sich Konrad auch nicht die kleinste Kleinigkeit entgehen lassen.

Noch vor drei Wochen haben die Bantelmanns in der Danziger Straße gewohnt, mitten in der Stadt, dritter Stock, Tür rechts. Von der Danziger Straße zur Hedwig-Dransfeld-Straße ist es eine ziemliche Strecke. Konrad kennt den Weg mittlerweile genau, denn während das Haus gebaut wurde, sind sie ihn Hunderte Male gefahren. Zuerst geht es aus der Stadt hinaus, die Steinbecker Straße entlang, an der die Häuser rechts und links immer kleiner werden. Bei der letzten großen Kreuzung vor dem Kanal, da, wo der neue Supermarkt steht, muss man nach rechts in eine Landstraße abbiegen. Eine Zeitlang sieht es dann so aus, als käme gar nichts mehr, aber schließlich kommt doch die Hedwig-Dransfeld-Straße. Sie biegt in Richtung Kanal ab, macht ohne besonderen Grund ein paar Kurven und eine Schlaufe und führt am Ende wieder zur Landstraße zurück.

Bis zu den Sommerferien ist Konrad noch in seine alte Schule in der Frankfurter Straße gegangen, vierte Klasse, Lehrerin Frau Schwenkenberg. Aber damit ist jetzt Schluss und das ist schade. Denn die Frankfurter Straße war gar nicht so weit weg von der Danziger, Frau Schwenkenberg war als Lehrerin ganz nett und Konrad hatte ein paar Freunde in der vierten Klasse, die er an den Nachmittagen besuchen konnte. In ein paar Wochen, wenn die Ferien vorbei sind, wird er in eine andere Schule gehen und dort wird er niemanden kennen. Die Schule hat er schon einmal gesehen. Sie liegt in der Nähe des neuen Supermarktes und es gibt sie noch gar nicht so lange.

Es ist eben alles neu hier draußen. Sogar die Hedwig-Dransfeld-Straße ist ganz neu. Sie ist erst zusammen mit den Häusern gebaut worden. Vorher war die ganze Gegend eine große, sumpfige Wiese. Dann kamen die Baufahrzeuge, zerfuhren alles zu Matsch und die Bauarbeiter bauten fast gleichzeitig die vielen ähnlichen Häuser. Es sind sogenannte Doppelhäuser, jedes Haus für zwei Familien und zwei Autos, von Nummer 1a bis Nummer 47b. Alle zusammen heißen sie jetzt die Hedwig-Dransfeld-Siedlung oder kürzer die Dransfeld-Siedlung oder noch kürzer: das Dransfeld.

»Wer ist eigentlich Hedwig Dransfeld?«, hat Konrad gefragt, als sie vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal mitten in der nassen Wiese vor einem großen Schild standen und der Papa davon ablas, dass hier demnächst die Hedwig-Dransfeld-Straße sowie 47 Doppelhäuser sein würden.

»War«, hat der Papa gesagt. Die Frau Dransfeld sei nämlich leider schon tot. Totsein, hat der Papa noch gesagt, ist nun einmal eine Voraussetzung dafür, dass man eine Straße mit seinem Namen bekommt.

»Hm«, hat Konrad gesagt.

Was ihm der Papa dann noch über Frau Dransfeld erzählt hat, konnte er leider nicht genau behalten. Entweder war Frau Dransfeld eine große Erfinderin oder sie hat Politik gemacht oder sie war eine Hexe und wurde verbrannt. Am schönsten wäre es natürlich, sie wäre eine Hexe gewesen. Wenn sie allerdings wirklich verbrannt worden ist, wäre das Konrad unangenehm. Man wohnt ja nicht so gern in einer Straße, die nach einer verbrannten Hexe heißt.

Doch vom Namen abgesehen ist die Dransfeld-Straße ein großartiger Ort zum Wohnen. Das fängt damit an, dass die Häuser sich alle so ähnlich sehen. Das allein ist schon ziemlich lustig. Als sie noch gebaut wurden und keine Nummern neben den Türen hatten, ist Konrad regelmäßig nicht in das zukünftige Haus Nummer 17a, sondern in irgendein anderes Haus gegangen. Peter hat überhaupt nichts verstanden. Meistens hat er sogar zu weinen angefangen, wenn sie am Rand des Schlammfeldes parkten oder wenn sie durch die Pfützen gingen. Er kenne sich gar nicht aus, hat er dann gesagt. Er war ja auch erst drei oder vier.

Die Häuser sind alle sehr schön. Im ersten Stock, gleich über der Haustür, haben sie ein hohes, spitzes Fenster, durch das viel Licht in den oberen Flur kommt. Für dieses Fenster, hat der Papa einmal gesagt, müsse man den Architekten sehr loben. Es sei eine ausgewogene und angenehm funktionale, dabei aber doch traditionelle Komponente. Und dann hat der Papa gelacht und die Mama hat gesagt: »Nun lass doch.«

Außerdem haben die Häuser sehr schöne und ganz hell angestrichene Regenwasserrohre, die in verschiedenen Biegungen von den Regenrinnen hinunter in die Vorgärten laufen. Zwischendurch hören diese Rohre auch einmal auf und spucken ihr Wasser in ein Becken, von wo es dann weiter in ein anderes Rohr fließt. Bei Platzregen ist das wunderbar anzusehen und man ärgert sich gar nicht mehr über das schlechte Wetter.

Vorne vor der Tür hat jedes Haus in der Dransfeld-Straße einen ganz kleinen Garten und hinten, hinter der Terrasse, einen etwas größeren. Bevor dort Gras gesät und kleine Buchsbaumhecken gepflanzt wurden, bestanden diese beiden Gärten aus nichts als fantastischem schwarzen Lehm und wurden daher für Konrad und Peter gesperrt. Es sei nämlich zu befürchten, hieß es, dass der Lehm mit ihnen zusammen nach drinnen kommen könnte. Was ja auch nicht gut gewesen wäre. Denn drinnen im Haus ist alles weiß oder wenigstens ganz hell. Lehm hätte hier wirklich nichts zu suchen.

Übrigens ist es nicht nur weiß oder hell im Haus, es ist auch ganz anders als in der Wohnung, in der die Bantelmanns bis jetzt gewohnt haben. Sogar die Steckdosen und die Wasserkräne und die Türgriffe und die Heizkörper und die Fußleisten sehen ganz anders aus und fühlen sich auch ganz anders an. Noch immer gehen Konrad und Peter manchmal bloß durch die Zimmer und probieren, wie anders sich die Sachen anfühlen. Mama sieht das nicht so gerne.

Ganz besonders anders ist, dass Konrad und Peter jetzt je ein eigenes Zimmer haben. Das Hochbett, in dem sie auf der Danziger Straße geschlafen haben, ist in zwei Betten zersägt worden und sie haben viele neue Möbel bekommen. So allein zu schlafen ist noch ein bisschen fremd, besonders für Peter. Deshalb gilt bis zum Ende der Schulferien die Regel, dass Konrad abends nach dem Geschichte-Erzählen noch in Peters Bett bleiben darf, bis der eingeschlafen ist. Oder er selbst. Oder beide.

Als die Bantelmanns vor drei Wochen in das neue Haus einzogen, da hätte ihr Möbelwagen beinahe keinen Parkplatz gefunden. Es sah im Dransfeld aus wie bei einem Familientreffen von Möbelwagenbesitzern; offenbar wollten sämtliche Dransfelder zur gleichen Zeit in ihre neuen Häuser. Alle haben darüber sehr geschimpft, denn dauernd standen sie einander auf den Füßen und es soll sogar vorgekommen sein, dass ein paar Möbel ins falsche Haus getragen wurden. Die Umzieherei dauerte dann auch viel länger als geplant, bis spät in die Nacht mussten die Umzugskisten sortiert werden und dann mussten die Möbelwagenfahrer noch eine Zeitlang winken und schimpfen, bis sie alle ihre Wagen aus dem Dransfeld heraus bekommen hatten, ohne sich ineinander zu verkeilen.

Schon an diesem Umzugstag hat Konrad begonnen, das Dransfeld ganz genau zu untersuchen und seine Untersuchungs-Ergebnisse aufzuschreiben. Er hat dafür ein kleines Hausaufgabenheft genommen, das er im letzten Schuljahr noch angefangen hatte, auf dem aber nur die erste Seite beschrieben war. Die hat er herausgerissen, auf die nächste hat er geschrieben: Dransfeld-Untersuchung und seitdem notiert er alles, was er herausfindet, in dem kleinen Heft.

Konrads erstes Untersuchungs-Ergebnis war, dass nicht nur die neuen Häuser im Dransfeld einander ziemlich ähnlich sind, sondern auch die neuen Bewohner. Zum Beispiel haben sie alle einen Volkswagen Passat oder wenigstens ein Auto, das so ähnlich aussieht. Jedenfalls muss es länglich sein und eine Heckklappe haben. Und auf der Heckklappe muss ein »Baby-an-Bord«-Aufkleber sein. Entweder ein neuer oder einer, der schon halb abgerissen ist oder den die Waschanlage ganz blass geschrubbt hat.

Außerdem sind immer ein Vater und eine Mutter in eine der Doppelhaushälften eingezogen und die haben jeweils zwei Kinder. Das heißt, manche haben nur eines und ein paar auch drei, aber die meisten haben zwei und wenn die, die drei haben, denen, die nur eins haben, eins abgeben würden, dann hätten alle zwei. Konrad hat das in seinem Heft nach den Regeln der Durchschnittsberechnung ausgerechnet und es hat beinahe genau gestimmt. Allerdings könnte es sein, dass ein paar von den Müttern demnächst noch ein Baby kriegen werden, und das würde seine Rechnung ziemlich verderben.