Belle Morte – Rot wie Rosen - Bella Higgin - E-Book

Belle Morte – Rot wie Rosen E-Book

Bella Higgin

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Leidenschaftliche Vampir-Romantasy für alle Leser*innen von »Crave« und »The Serpent and the Wings of Night«.

Das Imperium der Vampire liegt in Trümmern. Einst wurden sie als Superstars gefeiert, nun werden sie als Monster gefürchtet. Sie sollen ihre Blutspender aufgeben, ihre Häuser – alles, was sie ausmacht und ihnen seit Jahrhunderten Schutz bietet. Jason Grant kann das unmöglich zulassen. Für ihn sind die Vampire zu Freunden geworden und er wird für sie kämpfen! Vor allem für Gideon Hartwright, der Jasons Herz höherschlagen lässt, seit er Belle Morte zum ersten Mal betreten hat. Doch eine Liebe zwischen den beiden scheint ebenso unmöglich wie eine sichere Zukunft für die Vampire.
Der Zerfall der Vampir-Dynastie und die Hoffnung auf Liebe inmitten ihrer Trümmer

Alle Bände der »Belle Morte«–Reihe:
Belle Morte – Rot wie Blut (Band 1)
Belle Morte – Rot wie Liebe (Band 2)
Belle Morte – Rot wie Verlangen (Band 3)
Belle Morte – Rot wie Rosen (Band 4)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 618

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



BELLA HIGGIN

ROT WIE ROSEN

Aus dem amerikanischen Englisch von Doris Attwood

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Erstmals als cbt Taschenbuch März 2026

© 2025 Bella Higgins

The author is represented by Wattpad.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2025

unter dem Titel »Changes« bei Wattpad, USA.

© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformation nach GPSR.)

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem amerikanischen Englisch von Doris Attwood

Lektorat: Catherine Beck

Cover design: © Ysabel Enverga

Bildmotive: Images Sanit Fuangnakhon, Yoko Design via Shutterstock, Naborahfatima via iStock

Umschlaggestaltung: © Carolin Liepins

skn • Herstellung: DiMo

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 9783641327545

www.cbj-verlag.de

Für meine Leser:innen Ihr habt diese Reise möglich gemacht.

Kapitel 1

Jason

Als Jason erwachte, wusste er, dass die andere Seite seines Betts leer war, aber er rollte sich trotzdem herum, um sich zu vergewissern.

Keine Roux.

Sie hatten sich ihr Bett nur für ein paar Tage geteilt – zum ersten Mal, während Renie sich durch ihre Verwandlung gekämpft hatte, und dann erneut, als sie nach Fiaigh geflohen waren –, aber er hatte sich schnell daran gewöhnt, Roux’ Kopf auf dem Kissen neben sich zu sehen, und vermisste das tröstliche Gefühl, sich an seine beste Freundin zu kuscheln.

Nun hatten Renie und Roux beide einen heißen Vampir, an den sie sich stattdessen kuscheln konnten.

Jason stand auf und fuhr sich durchs Haar.

Roux’ und Renies altes Zimmer starrte ihn an: Die geflockte goldene Tapete, der weiche cremefarbene Teppich und die üppigen Vorhänge waren ihm vertrauter als das Zimmer, das ihm damals bei seinem Einzug in Belle Morte zugewiesen worden war.

Es war erst ein paar Wochen her, aber es kam ihm vor wie eine Ewigkeit.

Auf dem Nachttisch vibrierte sein Handy, doch Jason erkannte die Nummer seiner Mutter und ging nicht dran. Er wusste, was sie sagen würde, und er war nicht in der Stimmung, diesen Streit noch einmal zu führen.

Ein Klopfgewitter donnerte an seiner Tür.

»Hey, Jason, bist du angezogen, Süßer?«, rief Roux.

Jason blickte auf seine etwas zu engen Boxershorts hinunter … Nichts, was seine Mädels nicht schon mal gesehen hätten. »Angezogen genug«, antwortete er.

Die Tür ging auf, und seine Freundinnen kamen herein. Renie zog die Augenbrauen hoch. »Das nennst du angezogen? Diese Boxershorts überlassen nicht viel der Fantasie.«

Jason nahm seine beste Mister-Universum-Pose ein und warf ihr eine Kusshand zu. »Ich wollte euch diese kleine Augenweide am Morgen nicht vorenthalten.«

Renie grinste so breit, dass ihre Reißzähne aufblitzten. »Ich schlafe mit Edmond Dantès. Mehr Augenweide brauche ich nicht.«

»Aber er betört dich nicht mit so sexy Posen, oder?«, fragte Jason.

Renies Grinsen wurde noch breiter. »Was macht dich da so sicher?«

Darauf wusste Jason nichts zu erwidern.

»Nur weil wir beide in festen Händen sind, heißt das nicht, dass wir den Anblick nicht genießen können«, warf Roux ein, während ihr Blick über Jasons nackte Brust wanderte.

Sofort legte er beide Hände auf seine Nippel. »Gieriges Weib! Du hast deinen eigenen heißen Vampir, den du angaffen kannst.«

Roux lächelte.

Kaum eine Woche war vergangen, seit sie zu Ludovic de Vauban in den Nordflügel gezogen war, und doch kam es ihm seltsam normal vor, so als seien die beiden schon immer zusammen gewesen.

»Was kann ich für die Damen tun?«, fragte Jason und warf sich das Nächstbeste über, das er finden konnte: einen geblümten seidenen Morgenmantel, der ihm viel zu klein war.

»Ist das nicht meiner?«, bemerkte Roux.

»Wahrscheinlich.«

Es lagen noch immer ein paar Kleinigkeiten von Renie und Roux im Zimmer verteilt: vereinzelte Klamotten im Kleiderschrank, mehrere Lippenstifte auf der Frisierkommode, ein einsamer Schuh in einer Ecke.

Jasons Handy vibrierte einmal mehr auf der Holzoberfläche des Nachttischs, als seine Mutter erneut anrief.

»Willst du nicht rangehen?«, fragte Renie.

Jason schüttelte den Kopf. »Das ist meine Mum.«

»Ist das nicht ein Grund mehr, ranzugehen?«

Jason seufzte und verschränkte die Arme. »Ich bin es leid, ihr zu erklären, warum ich noch nicht nach Hause komme. Ich kann nicht.«

Im Gegensatz zu vielen anderen gab Jasons Mutter den Vampirinnen und Vampiren in Belle Morte nicht die Schuld für all das, was in letzter Zeit passiert war. Doch hier war so viel geschehen – so viel Blut und Gewalt und Tod –, dass Jason verstand, warum sie nicht sonderlich begeistert von seiner Entscheidung war, noch hier zu bleiben. Doch sie verstand nicht, wie viel ihm alle in diesem Haus bedeuteten, wie tief sie mit seinem Leben verwoben waren.

Er war der einzige Spender, den es in Belle Morte – im ganzen Vereinigten Königreich – noch gab, und er wusste selbst nicht mehr so recht, wo sein Platz in diesem Haus war, aber er konnte auch nicht einfach fortgehen.

Und wenn er ganz ehrlich zu sich war, gab es noch einen anderen Grund, warum er nicht von hier fortwollte.

Einen wunderschönen blonden Grund.

Gideon Hartwright.

Seit Jason den Vampir zum ersten Mal gesehen hatte, ging Gideon ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es war absolut lächerlich, so viel für einen Mann zu empfinden, den er kaum kannte, aber das Herz hatte nun mal seinen eigenen Kopf.

Roux gab ein mitfühlendes Seufzen von sich und legte eine Hand auf Jasons Schulter.

»Ihr habt mir immer noch nicht verraten, warum ihr hier seid«, sagte er.

Renies Miene verfinsterte sich, und sie strich sich eine Strähne ihres rotbraunen Haars hinters Ohr. »Ysanne will, dass wir uns alle zu einer Besprechung im Speisesaal versammeln«, teilte sie ihm mit.

»Das klingt gar nicht gut«, erwiderte Jason, und ihm wurde ein wenig flau im Magen.

Renie zuckte mit den Schultern, aber die Bewegung wirkte abgehackt, angespannt.

»Gebt mir ein paar Minuten, um mich frisch zu machen«, bat Jason.

Er duschte und zog sich an, so schnell er konnte, bevor er Renie und Roux aus dem Spenderflügel und die Haupttreppe hinunter ins Foyer folgte. Seamus kam gerade zur Haustür herein.

»Wie ist es da draußen?«, fragte Jason.

Seamus verzog das Gesicht. »Ganz ehrlich? Ich glaube, es wird schlimmer.«

Kälte kroch über Jasons Haut.

Etiennes und Jemimas blutiger Coup war für die Vampire schon schlimm genug gewesen, doch die Stimmung war erst richtig übergekocht, als Roger Schofield – der von Etienne in einen Vampir verwandelt worden war – neun Kinder entführt und sie seinerseits verwandelt hatte.

Die Reaktion der Öffentlichkeit war heftig gewesen, und auch wenn Jason sich selbst die widerlichsten Posts auf Social Media erspart hatte, konnte niemand die Demonstrierenden vor dem Tor der Villa ignorieren. Selbst wenn sie sämtliche Türen und Fenster geschlossen hielten, war das gedämpfte Grollen der wütenden Stimmen noch hörbar.

Jason bezweifelte zwar, dass der wütende Mob irgendetwas anderes tun würde, als sie vom Tor aus anzubrüllen, aber dass Belle Morte kaum noch Sicherheitspersonal hatte, machte ihn trotzdem nervös.

Gemeinsam gingen sie durch den Salon in den Speisesaal, Jason von Renie und Roux flankiert und dicht gefolgt von Seamus.

Gideon und Isabeau waren bereits dort, und Jasons Herz setzte einen Schlag lang aus, während er das Objekt seiner Begierde betrachtete. Gideon war groß und breitschultrig, seine Haut glatt und blass, die Augen grau wie der Himmel im Winter, während sich das honigblonde Haar um seine Ohren lockte. Sein weißes Hemd schmiegte sich eng an die straffen Muskeln seines Oberkörpers. Bei dem Anblick wurde Jasons Mund ganz trocken.

Jedes Mal, wenn er diesen Mann sah, fühlte es sich wieder an wie beim ersten Mal: wie ein Blitzschlag direkt in sein Herz.

Und in seine Hose.

Gideon sah ihn an, aber seine Miene verriet nichts, und Jason wurde ganz schwer ums Herz. Hätte Gideon sich ihm gegenüber stets gleichgültig verhalten, wäre Jason inzwischen vielleicht über ihn hinweg, doch hin und wieder tat Gideon etwas, das Jasons Hoffnungen neu entfachte.

Ganz sanft über Jasons Hals zu lecken, etwa, um die Bisswunde zu versiegeln, die ein anderer Vampir hinterlassen hatte.

Oder sich vor Jason zu werfen, um ihn vor einem Angreifer zu beschützen.

Solche und ähnliche Kleinigkeiten.

Jasons Blick wanderte von Gideon zu Ysanne, die am Kopfende des Tisches stand, und ein noch kälterer Schauer jagte über seine Haut. Detective Chief Inspector Walsh stand neben der Lady von Belle Morte, seine Miene ernst, seine dunklen Augenbrauen zusammengekniffen.

Jason hatte sich bereits gedacht, dass Ysanne sie nicht zusammengerufen hatte, um ihnen gute Neuigkeiten zu verkünden, aber Walshs Anwesenheit legte die Vermutung nahe, dass was immer auch vor sich ging, noch schlimmer war, als Jason vermutet hatte.

Er zog sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich, Renie und Roux noch immer an seiner Seite. Edmond und Ludovic gesellten sich zu ihnen, aber Jason würdigte die beiden nur eines flüchtigen Blickes.

Die Atmosphäre im Raum war drückend.

Die Lady von Belle Morte sah genauso glanzvoll aus wie immer in ihrem zartgrünen Etuikleid, den geradezu absurd hohen Stöckelschuhen, dem in der Mulde unter ihrer Kehle ruhenden Diamantanhänger und dem sich glatt über ihren Rücken ergießenden glänzenden Haar. Ihr Gesicht glich einer ungerührten Maske, aber es lag etwas Angespanntes in der Art, wie sie die Hände auf den Tisch legte, so als müsste sie sich auf irgendetwas stützen.

»Ich komme direkt zur Sache«, begann sie, ihre Stimme hell und klar. »Wir haben für dieses Haus gekämpft, geblutet und gelitten, und nun ist es erneut in Gefahr, nur dass wir diese Gefahr nicht mit schierer Gewalt beseitigen können.«

Sie machte eine Geste, und Walsh trat einen Schritt vor.

»Wie ihr womöglich bereits bemerkt habt, ist unsere Lieferung mit Blutkonserven noch nicht wie vorgesehen eingetroffen«, sagte er.

Jason blickte sich am Tisch um und versuchte, die Reaktionen der versammelten Vampirinnen und Vampire abzuschätzen. Niemand wirkte überrascht.

Seit alle Spendenden im Vereinigten Königreich nach Hause zurückgeschickt worden waren, ebenso wie die meisten menschlichen Angestellten, war die Vampirbevölkerung auf Blutkonserven angewiesen, statt direkt von den lebendigen Spenderinnen und Spendern zu trinken.

»Was ist passiert?«, fragte Edmond.

»Ich weiß ja nicht, inwieweit ihr über die Situation da draußen auf dem Laufenden seid, aber es gibt da etwas, das ihr sehen solltet«, sagte Walsh.

Er zückte sein Handy und drehte es um, damit die Umstehenden es sehen konnten. Jason lehnte sich nach vorn, als Walsh in der Mitte des Bildschirms auf Play drückte.

Das Video erwachte zum Leben.

Jason sah eine Straße, die er nicht erkannte, aber der Architektur nach zu urteilen, befand sie sich irgendwo in Winchester. Sie war voller brüllender, skandierender und mit Plakaten wedelnder Leute. Anfangs konnte Jason nicht hören, was sie riefen, doch dann vereinten sich die verschiedenen Stimmen zu einem Chor, und ein Kloß bildete sich in seinem Hals.

Sie demonstrierten gegen die Vampirwelt.

»Solche Proteste sind überall im Land zu beobachten. Einige von ihnen sind recht überschaubar und begrenzt, während andere sich allmählich ausweiten und gefährlich werden könnten«, erklärte Walsh und pausierte das Video. »Roger Schofields Tod zog bereits zwei Onlinepetitionen nach sich, die Gerechtigkeit fordern, weil er ungeachtet seiner Verbrechen Anrecht auf eine faire Verhandlung hatte.«

»Er hat genau das bekommen, was er verdient hatte«, warf Roux hitzig ein.

Walsh zuckte mit den Schultern. »Ich mache mir viel mehr Sorgen wegen einer Gruppierung, die sich selbst Menschen vor Vampiren nennt. Es begann mit Graffiti – der Slogan tauchte überall in der Stadt auf –, doch dann erstatteten mehrere Spenderinnen und Spender Anzeige, weil sie auf offener Straße belästigt und ihnen der Slogan hinterhergerufen wurde. Außerdem werden ehemalige Spendende und alle anderen, die die Vampirwelt verteidigen, immer häufiger online beschimpft. Und viele der Accounts, von denen diese Beschimpfungen ausgehen, haben eine Verbindung zu besagter MVV.«

»MVV klingt irgendwie nach einer Geschlechtskrankheit«, murmelte Renie.

Jason schluckte. So unschön die Demonstrierenden vor dem Tor auch waren, er war noch gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass sie ein Symptom eines noch viel größeren Problems sein könnten.

Walsh ließ das pausierte Video weiterlaufen.

Eine Frau tauchte auf dem Bildschirm auf. Sie hielt ein Mikrofon in der Hand, obwohl nichts darauf hindeutete, dass sie für einen offiziellen Nachrichtensender arbeitete. Sie tippte einem Mann in ihrer Nähe auf die Schulter, und er drehte sich zur Kamera um.

»Können Sie uns sagen, warum Sie heute hier sind?«, fragte sie ihn.

Der Mann rieb sich den Nacken. »Ich wollte nur sehen, was hier eigentlich los ist.«

»Glauben Sie, die Menschen hier werden mit ihrem Protest irgendetwas erreichen?«, hakte die Frau nach.

»Ich denke, es wird den Leuten zumindest die Augen öffnen.«

»Die Augen wofür öffnen?«

Etwas Kaltes blitzte in den Augen des Mannes auf, so flüchtig, dass Jason beinahe glaubte, er hätte es sich nur eingebildet. »Dafür, wozu Vampire wirklich fähig sind.«

»Dann halten Sie sie also für gefährlich?«, wollte die Frau wissen.

Der Mann lachte schnaubend. »Sie etwa nicht?«

Sie antwortete nicht, und das Video endete.

»Heute Morgen nahmen die Teilnehmenden einer ähnlichen Demonstration, die MVV ebenfalls nahestehen soll, den Lieferwagen ins Visier, der eure Blutkonserven an Bord hatte«, teilte Walsh ihnen mit. »Es gibt kein Videomaterial zu dem Vorfall, aber mehrere Augenzeugen sagten aus, die Protestierenden hätten die Lieferung gestoppt, weil dieses Blut in Krankenhäusern dringender benötigt wird als in Vampirhäusern.«

»Und was haben die Demonstrierenden mit den Blutkonserven gemacht?«, wollte Roux wissen, obwohl ihr gedrückter Ton nahelegte, dass sie es bereits wusste.

Walsh seufzte. »Die meisten wurden in dem ganzen Durcheinander zerstört.«

»Und wie soll das verdammt noch mal irgendeinem Krankenhaus helfen?«

Walsh zuckte nur kurz mit den Schultern.

»Blutbanken im ganzen Land haben Drohungen erhalten, und zwei haben bereits öffentlich verlauten lassen, nicht länger Blut an Vampirhäuser spenden zu wollen«, verkündete Walsh.

»Und was bedeutet das für uns?«, fragte Gideon.

»Ich weiß es nicht«, gestand Walsh.

»Die Wahrheit ist, die Menschenwelt und die Welt der Vampire sehen sich einer nie zuvor gekannten Situation gegenüber. Wir haben uns daran gewöhnt, als Vampirinnen und Vampire praktisch vergöttert zu werden, wie zum Leben erwachte Mythen oder Legenden. Doch nachdem der Schleier von ihren Augen gerissen wurde, haben die Menschen erkannt, wie unvollkommen wir tatsächlich sein können. Plötzlich sind wir gar nicht mehr so anders als sie, aber wir sind trotzdem keine Menschen, und viele wissen einfach nicht, wie sie diese beiden Tatsachen miteinander vereinen sollen«, sagte Ysanne. Sie ließ ihren kühlen Blick über den Tisch schweifen. »Wir waren darauf vorbereitet, dass sich der Reiz des Neuen unserer Existenz eines Tages abnutzen würde, dass wir uns mehr würden anstrengen müssen, um das öffentliche Interesse an uns aufrechtzuerhalten – aber auf das hier waren wir nicht vorbereitet.«

Ysanne und Walsh wechselten einen düsteren Blick, und Jason wappnete sich innerlich. Offenbar gab es noch einen weiteren Grund, warum Ysanne sie herbestellt hatte.

Walsh tippte kurz auf seinem Handy, drehte es dann wieder herum und zeigte ihnen ein weiteres angehaltenes Video.

Jason erkannte den Mann auf dem Bildschirm sofort: Karl Kendrick, ein Politiker, von dem er noch nie gehört hatte, bevor Kendrick angefangen hatte, gegen die Vampirwelt zu wettern.

Walsh drückte auf Play.

»… Spendersystem nicht mehr tragbar«, erklärte Kendrick jemandem abseits des Bildschirms. Eine kleine Gruppe von Leuten war hinter ihm versammelt und hörte ihm zu.

»Warum sagen Sie das?«, fragte eine Männerstimme.

»Das Spendersystem basierte auf der Grundlage, dass die Sicherheit der Spenderinnen und Spender in den jeweiligen Häusern stets garantiert war. Doch das waren sie ganz offensichtlich nicht, und ich glaube auch nicht, dass ihre Sicherheit jemals wieder gewährleistet werden könnte«, antwortete Kendrick.

»Sie haben von der Möglichkeit gesprochen, die Vampirhäuser zwangsräumen zu lassen«, fügte der nicht zu sehende Interviewer hinzu.

»Was?«, platzte Renie erschrocken heraus.

Edmond drückte ihre Hand.

»Das ist richtig. Nach allem, was passiert ist, leuchtet mir nicht ein, warum es den Vampiren gestattet sein sollte, weiterhin so im Luxus zu schwelgen wie in den vergangenen zehn Jahren. Außerdem könnten ihre Villen einen viel besseren Nutzen erfüllen«, erklärte Kendrick.

»Wie zum Beispiel?«

»Als Unterkünfte für Obdachlose, zum Beispiel«, antwortete Kendrick. »Haben Sie eine Ahnung, wie viele minderprivilegierte Menschen wir von der Straße holen und in diesen Häusern einquartieren könnten?«

»Aber wo sollen die Vampire dann hin? Würde Ihr Vorschlag nicht nur dazu führen, eine Gruppe Obdachloser gegen eine andere auszutauschen?«, fragte der Interviewer.

»Müssen Vampire in edlen Villen leben? Sie sind wohlhabend genug, um ein neues, ganz normales Zuhause zu finden, genau wie alle anderen auch«, erwiderte Kendrick.

»Und was schlagen Sie vor, wovon sie sich ohne Vampirhäuser und Spendende ernähren sollen?«

»Ich gebe zu, dass ich darauf noch keine Antwort habe, aber ich bin sicher, es gibt verschiedene Möglichkeiten.«

»Zahlreiche Parlamentsmitglieder haben sich dafür ausgesprochen, nicht alle Vampirinnen und Vampire für die Verbrechen einiger weniger zu bestrafen. Wie stehen Sie selbst dazu?«

Kendrick verzog reumütig den Mund. »Es geht mir nicht darum, die Vampire nicht zu bestrafen, sondern darum, die Menschen zu beschützen.«

»Aber Vampirinnen und Vampire haben auch Rechte.«

Kendrick neigte den Kopf zur Seite. »In welcher Hinsicht?«

Der Interviewer geriet ins Straucheln.

»Vampiren stehen dieselben grundlegenden Menschenrechte zu«, warf eine Frau aus der Gruppe hinter ihm ein.

»Grundlegende Menschenrechte«, wiederholte Kendrick. »Nur, dass sie keine Menschen sind, nicht wahr? Das Menschenrechtsgesetz gilt für Menschen, nicht für Vampire.«

Das Video endete abrupt.

»Was zur Hölle?«, stieß Jason aus.

»Das können sie nicht tun, oder?«, fragte Renie.

Ysanne schwieg einen Moment lang, schien ihre Worte vorsichtig abzuwägen, bevor sie antwortete: »Ich will niemandem Angst machen, indem ich vom Worst-Case-Szenario ausgehe. Aber genauso wenig will ich euch anlügen, wie ernst diese ganze Sache möglicherweise ist. Kendrick könnte das Recht auf seiner Seite haben. Als das Menschenrechtsgesetz für das Vereinigte Königreich 1998 verabschiedet wurde, wussten die Menschen noch nicht, dass wir existierten. Kendricks Einwände könnten also berechtigt sein«, erklärte sie.

»Aber wir sind trotzdem menschlich«, entgegnete Renie, und ihre Stimme zitterte vor Wut und Emotionen.

Ysanne hob eine Hand. »Wir sollten uns nicht zu sehr in diese ganze Sache hineinsteigern. Morgen kommt die Premierministerin nach Belle Morte, um über unsere Zukunft zu diskutieren, und ich habe ehrlich keine Ahnung, was sie sagen wird. Außerdem ist da noch die Sache mit den Vampirkindern – eine Angelegenheit, die Kendrick völlig vergessen zu haben scheint.«

Da neu erschaffene Vampire extrem empfindlich auf Sonnenlicht reagierten, konnten die von Schofield verwandelten Kinder nicht nach Hause gehen und lebten nun im Westflügel von Belle Morte.

»Die Premierministerin wird in Begleitung einiger Mitarbeitender des Jugendamts hier erscheinen, die nach den Kindern sehen. Diese ganze Situation ist vollkommen neu und unvorhergesehen und wirkt sich in vielerlei Hinsicht auf so viele Betroffene aus«, fügte Ysanne hinzu.

»Aber da ist noch etwas anderes, nicht wahr?«, fragte Edmond und durchbohrte Ysanne förmlich mit seinem Blick.

Wieder zögerte sie, bevor sie antwortete, was ihr überhaupt nicht ähnlich sah.

»Uns sind Berichte über Angriffe zu Ohren gekommen«, räumte sie vorsichtig ein.

»Was für Angriffe?«

»In den letzten paar Tagen haben vier Personen öffentlich ausgesagt, von einem Vampir gebissen worden zu sein. Bislang wurde niemand ernsthaft verletzt, aber medizinische Untersuchungen scheinen diese Behauptungen zu stützen«, erwiderte Ysanne.

»Um welche Art von Verletzungen handelte es sich?«, wollte Ludovic wissen.

»Bisswunden und Blutverlust«, antwortete Walsh.

»Selbstverständlich sind das noch keine eindeutigen Beweise, und genau aus diesem Grund werde ich diesen angeblichen Opfern heute selbst einen Besuch abstatten. Falls sie lügen, bin ich zuversichtlich, dass ich es erkennen werde«, sagte Ysanne.

»Aber wenn sie die Wahrheit sagen, läuft irgendwo dort draußen noch immer ein abtrünniger Vampir herum«, entgegnete Gideon.

Ysanne nickte nur knapp.

»Etienne oder Jemima müssen noch mehr Menschen verwandelt haben, als uns bewusst war«, bemerkte Gideon.

»Nein«, widersprach Ysanne ihm. »Dank Susan Harcourts Unterstützung haben wir jede Person gefunden, die während dieses Coups verwandelt wurde. Es fehlt niemand.«

»Dann muss Schofield auch jemanden verwandelt haben«, sagte Renie.

Nur leider konnten sie ihn nicht mehr verhören – nicht, seit Roux ihm einen spitzen Holzpflock ins Herz gerammt hatte.

»Ich fürchte, das ist nicht möglich. Drei der vier Opfer geben an, am helllichten Tag angegriffen worden zu sein. Zwei von ihnen führten gerade ihren Hund Gassi, einer joggte, und sie wurden alle auf dem Land angegriffen – und es ist äußerst wahrscheinlich, dass ein frisch verwandelter Vampir dort den nötigen Schutz vor der Sonne finden würde.«

»Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich«, konterte Renie.

Ysanne würdigte ihren Einwand mit einem weiteren knappen Nicken.

»Aber du glaubst das nicht, hab ich recht?«, fragte Jason, und er fühlte sich, als hätte er einen ganzen Sack voller Steine verschluckt.

Ysanne sah ihn an, doch ihr Blick verriet nichts.

»Ich verstehe das nicht. Was wäre denn die Alternative?«, wollte Renie wissen.

»Dass es irgendwo dort draußen noch einen anderen, aber viel älteren Vampir gibt«, erwiderte Jason, und die Worte schmeckten bitter in seinem Mund. »Einen Vampir, der schon dort draußen existierte, lange bevor sich die Vampirwelt den Menschen zu erkennen gab.«

Kapitel 2

Gideon

Er hatte das Gefühl, in Eiswasser getaucht worden zu sein. Sicher war das alles unmöglich.

»Ich dachte, sämtliche Vampirinnen und Vampire hätten sich offenbart, nachdem Ysanne enthüllt hatte, dass es euch gibt«, bemerkte Seamus und kratzte sich am Kopf.

»Das dachten wir auch.« Ysanne senkte den Blick. »Aber vielleicht haben wir uns geirrt.«

»Haben diese Opfer irgendetwas dazu gesagt, wer sie angegriffen hat? War es ein Mann? Oder doch eine Frau? Wissen wir irgendetwas?«, wollte Gideon wissen.

»Im Augenblick weiß ich nicht mehr als das, was ich euch bereits erzählt habe. Vielleicht kann ich euch nach meinem Besuch bei den Betroffenen weitere Einzelheiten bieten«, erwiderte Ysanne.

»Warum sollte sich ein Vampir die ganze Zeit verstecken wollen?«, fragte Jason stirnrunzelnd.

»Ich vermute, das kommt auf den Vampir an.«

»Aber das ergibt keinen Sinn. Selbst wenn ihm – oder ihr – nichts am Ruhm und Reichtum des modernen Vampirlebens liegt, würde diese Person doch gewiss in einer Welt leben wollen, in der sie akzeptiert wird, statt ein Dasein in den Schatten fristen zu müssen?«, fragte Jason.

»Darauf habe ich keine Antworten, Jason«, erwiderte Ysanne, und zum ersten Mal, seit sie dieses Treffen einberufen hatte, lag unverkennbare Erschöpfung in ihrer Stimme.

»Aber wir können nicht zulassen, dass der nächste außer Kontrolle geratene Vampir, den wir noch nicht mal kennen, dort draußen sein Unwesen treibt«, warf Roux ein. »Vor allem nicht, wenn er oder sie Menschen angreift.«

»Zunächst einmal müssen wir herausfinden, ob diese Anschuldigungen wahr sind oder ob es sich dabei um irgendeine hinterhältige List handelt, um unseren Ruf noch weiter zu beschmutzen«, erklärte Ysanne.

Sie glaubte jedoch, dass die Vorwürfe der Wahrheit entsprachen, da war Gideon sich ganz sicher.

Seamus sagte irgendetwas, doch Gideon konnte es nicht hören. Da war dieses seltsame Brummen in seinen Ohren, dieses wachsende Gefühl der Panik, das ihn zu überwältigen drohte.

Um ihn herum ging die Diskussion weiter, doch Gideon nahm kein Wort davon wahr. Er hatte das Gefühl, in einer reißenden Strömung gefangen zu sein, die ihn immer weiter aufs Meer hinauszog, ohne irgendetwas, woran er sich festhalten konnte.

Dann ertönte Jasons Stimme, heller und klarer als der Rest, und Gideon hatte plötzlich einen Anker.

»Ganz gleich, was passiert, die Vampirhäuser müssen moderner werden«, befand Jason.

Ysanne zuckte ein wenig zusammen.

»Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber selbst im besten Fall können die Häuser nicht so weitermachen wie bisher. Zumindest nicht nur. Es muss sich einiges ändern«, fügte Jason hinzu.

»Das ist eine Diskussion, die wir ein andermal führen können«, erwiderte Ysanne.

»Na schön, aber du kannst diese Tatsache nicht für immer ignorieren.«

Ysannes Miene verhärtete sich, aber Jason starrte ihr unbeirrt in die Augen.

Gideon spürte etwas wie Stolz in sich aufblitzen.

Zehn Jahre lang war Belle Morte nahezu ohne moderne Technologien ausgekommen, und den meisten von ihnen gefiel es auch so. Zu verlangen, dass sie ihr privates Reich modernisierten, bedeutete einen Riesenschritt. Aber hatten sie nicht bereits einige große Schritte unternommen? Die jüngeren Vampirinnen und Vampire hatten Smartphones, genau wie Jason. In der Woche, die vergangen war, seit Roux Schofield getötet hatte, hatte Gideon beobachtet, wie Seamus heimlich, still und leise zwei nagelneu verpackte Laptops in die Villa gebracht hatte, auch wenn er sich nicht sicher war, wo sie sich nun befanden. Selbst Ludovic, der moderne Technologien stets am vehementesten abgelehnt hatte, verfügte inzwischen über ein rudimentäres Verständnis mobiler Endgeräte.

»Jason hat recht«, sagte Renie leise.

Ysanne versteifte sich.

»Selbst kleine Veränderungen wie Überwachungskameras würden einen Unterschied machen. Wenn hier im Haus Kameras installiert gewesen wären, hätte Etienne den Mord an June nicht so einfach vertuschen können«, fügte Renie hinzu, und ihre Stimme brach, als sie den Namen ihrer Schwester aussprach.

Ysanne erwiderte nichts.

»Außerdem habt ihr hier bereits einiges an Technologie. Die Geheimgänge?«, ergänzte Roux.

Gideon setzte sich gerader auf. Er kam sich ziemlich töricht vor. Auf diesen Gedanken war er gar nicht gekommen. Seit Jahren kursierten Gerüchte, dass sich hinter den Mauern von Belle Morte geheime Gänge versteckten, doch erst durch Etiennes Machenschaften hatten sich die Gerüchte als wahr erwiesen. Zutritt zu den Geheimgängen erhielt man nur mithilfe eines Codes, den man in ein Tastenfeld eingab.

»Diese Technologie wurde nur für den Notfall installiert«, erwiderte Ysanne.

Renie spreizte die Hände. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass das, was hier gerade passiert, als Notfall durchgeht.«

Die Atmosphäre im Raum spannte sich noch weiter an.

Ysanne senkte den Blick. »Ich war arrogant genug zu glauben, ich wüsste stets, was in meinem eigenen Haus vor sich geht, aber die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, wie sehr ich mich in dieser Hinsicht geirrt habe. So schwer es uns auch fallen mag, dies zu akzeptieren, ich fürchte, wir können uns nicht weiter vor dem Fortschritt verschließen.«

»Aber gehört das nicht genau zu den Dingen, die uns so populär gemacht haben?«, ergriff Isabeau zum ersten Mal das Wort. Ihre Hände waren auf der Tischplatte gefaltet, und sie ließ die Schultern hängen. »Wir sind nicht nur zum Leben erwachte Mythen, wir sind ein Teil der Vergangenheit. Wir haben uns jenseits der modernen Welt unsere eigenen kleinen Reiche erschaffen, und es erscheint mir töricht, so zu tun, als seien die Menschen davon nicht fasziniert.«

Ludovic schüttelte den Kopf. Eine blonde Haarsträhne rutschte aus seinem Pferdeschwanz. »Ich würde behaupten, die jüngsten Ereignisse haben den Blick der Öffentlichkeit auf uns verändert. Was sie einst für altmodisch-skurril hielten, betrachten sie nun als kurzsichtig. Wenn wir uns nach dieser schrecklichen Tragödie und all diesen Toten weiterhin weigern, bessere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, werden wir damit gewiss keine Herzen gewinnen.«

»Es würde schon helfen, es den Spendenden zu erlauben, auch mit Freundinnen und Freunden und ihrer Familie draußen zu kommunizieren«, sagte Renie.

»Es ist ihnen erlaubt«, verteidigte sich Ysanne.

Renie rollte mit den Augen. »Ich meine, auf die im einundzwanzigsten Jahrhundert übliche Art. Per Handy, nicht durch Briefeschreiben.«

»Was macht das für einen Unterschied?«

»Die Häuser würden dadurch weniger isoliert wirken. Das ist eins der Probleme, mit denen wir es im Augenblick zu tun haben. Die Vampirwelt ist so streng vom Rest der Welt getrennt, dass es nicht schwerfällt, uns jede Menschlichkeit abzusprechen und uns nicht mehr als empfindsame Wesen zu betrachten. Es den Spendenden zu erlauben, ihre Smartphones zu behalten, würde dazu beitragen, die Mauern zwischen uns und ihnen einzureißen.«

»Diese Regeln wurden aus einem bestimmten Grund aufgestellt: um zu verhindern, dass Spendende unautorisiertes Material teilen«, mahnte Isabeau.

»Oh, komm schon, das ist nicht der einzige Grund. Vampire mögen keine Handys, weil sie sie nicht verstehen, und deshalb wollt ihr sie auch nicht in euren Häusern haben.«

»Wenn die potenzielle Verletzung eurer Privatsphäre das einzige Problem ist, dann fügt den Spenderverträgen doch einfach eine neue Klausel hinzu«, warf Roux ein. »Stellt sicher, dass ihr sie bis auf Heller und Pfennig verklagen könnt, wenn sie irgendetwas veröffentlichen, das ihr nicht vorher autorisiert habt.«

Isabeau verzog die Lippen. »Wir sprechen hier über Spenderverträge, als würden sie immer noch existieren.«

»Für den Moment tun sie das auch noch«, erwiderte Jason.

»Ohne Spendende sind die Verträge bedeutungslos. Außerdem habt ihr Kendrick doch gehört: Für das Spendersystem kommt womöglich jede Rettung zu spät«, entgegnete Isabeau.

»Vielleicht aber auch nicht. Die Situation ist ernst, aber sie könnte auch noch ernster sein.«

Gideon fuhr mit dem Daumen über die Tischplatte, folgte den Verwirbelungen im Holz. »Vielleicht müssen wir der Möglichkeit ins Auge schauen, dass dies eine Schlacht ist, die wir nicht gewinnen können«, sagte er.

Jasons Miene wurde weicher. »Sagt das nicht.«

»Warum nicht? Nach allem, was passiert ist, habe ich keine Ahnung, wie wir je wieder im Einklang mit der Menschenwelt existieren sollen, also vielleicht ist es leichter für alle, wenn wir uns einfach wieder in die Schatten zurückziehen.«

»Blödsinn«, widersprach Jason ihm sofort. »Ihr habt dasselbe Recht wie alle anderen, hier zu sein.«

Renie stimmte ihm mit einem energischen Kopfnicken zu.

Jason fing Gideons Blick ein und lächelte.

Gideon schaute auf den Tisch hinunter.

Kurz darauf erklärte Ysanne die Besprechung für beendet, und sie und Walsh brachen zu ihrem Besuch der angeblichen Opfer des außer Kontrolle geratenen Vampirs auf.

Renie and Roux verschwanden mit Edmond und Ludovic, Seamus kehrte zu seinen Pflichten zurück und Jason blieb noch ein paar Augenblicke und wirkte ein wenig verloren, bevor auch er schließlich den Speisesaal verließ. Dann waren nur noch Isabeau und Gideon übrig.

Isabeau war Ysanne mit den Augen gefolgt, als die Lady von Belle Morte den Raum verlassen hatte, ihre Miene zwischen Sehnsucht und Wut gefangen. Nun starrte sie mit leerem Blick auf den Platz ihr gegenüber.

Gideon rückte mit seinem Stuhl näher an sie heran. Es gab nur wenige Personen auf dieser Welt, denen er blind vertraute, und Isabeau war schon seine Freundin gewesen, viele Jahre bevor sich die Vampire offenbart hatten. Sie war auch der Grund gewesen, warum er Belle Morte als sein neues Zuhause gewählt hatte. Lange Zeit war sie das strahlendste Licht in seinem Leben gewesen, aber sie war nicht mehr dieselbe, seit der Vampirrat sie für Verbrechen eingesperrt hatte, die sie nicht begangen hatte. Nun war sie nur noch ein Schatten der Frau, die sie einst gewesen war, außer wenn sie sich im selben Raum befand wie Ysanne – dann wurde die Luft plötzlich eiskalt.

Gideon fragte sich, ob Ysanne versucht hatte, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Sie war eine überaus stolze Frau, aber würde sie ihr eigenes Glück wirklich für ihren Stolz opfern? Er hatte versucht, das Thema gegenüber Isabeau anzuschneiden, aber sie weigerte sich standhaft, darüber zu reden, sogar mit ihm.

»Was sollen wir tun, wenn sie uns unsere Häuser wegnehmen?«, fragte Gideon.

»Früher haben wir auch ohne Spendende und Blutkonserven überlebt. Wir können es wieder tun«, erwiderte Isabeau. Ihre Stimme war genauso emotionslos wie ihre Miene.

»Aber damals wusste niemand, dass wir existieren. Jetzt weiß die ganze Welt, dass wir real sind, und alle kennen unsere Gesichter. Wie könnten wir je wieder auf den Straßen jagen, ohne dass es irgendjemand weiß?«, entgegnete Gideon.

Isabeau schwieg.

»Und was sollen wir tun, falls diese Angriffe wirklich geschehen sind und es irgendwo dort draußen einen weiteren Vampir gibt?«, bohrte Gideon nach.

Keine Antwort.

Er ließ den Blick durch den Speisesaal schweifen. Obwohl er zu den größten Räumen in der Villa gehörte, verbrachten die Vampirinnen und Vampire für gewöhnlich weniger Zeit darin als die Spendenden, die jeden Tag drei Mahlzeiten hier eingenommen hatten. Gideon hatte den Speisesaal immer als ihren Raum betrachtet.

Nun fragte er sich, ob jemals wieder Spendende darin essen würden.

Was würde passieren, wenn die Vampire wirklich aus ihrem Zuhause vertrieben würden? Würde Kendrick seine Idee, die Villen in Obdachlosenunterkünfte zu verwandeln, wirklich in die Tat umsetzen? Oder war das Ganze nur eine Ausrede, um die Vampire auf die Straße zu setzen?

Es war erst zehn Jahre her, seit Gideon nach Belle Morte gezogen war – nicht mehr als ein Augenblick für viele Vampire –, und doch erschien es ihm bereits unmöglich, sich die Vampirhäuser ohne Vampirinnen und Vampire vorzustellen.

Aber das war es nicht.

Er sah Isabeau an, aber sie starrte noch immer auf den Stuhl gegenüber, ihr Blick gesenkt. Ganz offensichtlich wollte sie im Moment nicht darüber reden.

Leise erhob sich Gideon. Er legte eine Hand auf Isabeaus Schulter, und sie tätschelte seinen Handrücken, sah ihn jedoch noch immer nicht an, und einen Moment später verließ er den Raum.

Er hatte noch etwas zu erledigen.

#

Jason

Nachdem sich der Speisesaal geleert hatte, war Jason bewusst geworden, dass er nicht recht wusste, was er mit sich selbst anstellen sollte.

Nun lag er auf seinem Bett und starrte an die Decke, während sich der kleine Knoten der Einsamkeit hinter seinen Rippen ein wenig fester zusammenzog.

Ysanne hatte auch ihn zu der Besprechung bestellt, weil sie der Ansicht war, dass ihn die ganze Sache genauso viel anging wie alle anderen, und Jason war glücklich darüber. Trotzdem fühlte er sich noch immer wie das fünfte Rad am Wagen – wie das Puzzleteil, das nicht richtig dazu passte.

Es klopfte an seiner Tür, und seine Stimmung hellte sich sofort auf. Vielleicht hatten die Mädchen doch bemerkt, dass er sich ein wenig einsam fühlte.

Er kletterte vom Bett, öffnete die Tür – und erstarrte.

Gideon stand davor.

Jason vergaß beinahe, wie man atmete. Wie viele seiner Fantasien begannen damit, dass Gideon an seine Tür klopfte? Er widerstand dem Drang, sich selbst zu kneifen, nur für den Fall, dass er eingeschlafen und das hier nur ein wunderschöner Traum war.

»Hallo«, sagte Gideon und verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

Er schien Jason nicht direkt ansehen zu können, und es verriet ihm, dass das hier wirklich passierte. In seinen Träumen zögerte Gideon nie, ihm in die Augen zu schauen.

»Hi«, erwiderte Jason.

Ein Moment der Verlegenheit verstrich.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte Jason dann.

Gideon straffte die Schultern, als würde er seinen Mut zusammennehmen. »Das hoffe ich.«

Ein weiterer unbehaglicher Moment verstrich.

»Also, wenn du meine Hilfe brauchst, dann musst du mir schon sagen, wobei. Ich kann keine Gedanken lesen«, sagte Jason.

Auch wenn er wünschte, er könnte es. Gideon war ein Rätsel für ihn – ein Code, den er liebend gern knacken würde.

»Ich möchte, dass du mir alles über die moderne Welt beibringst«, sagte Gideon.

Jason blinzelte ihn an. Offensichtlich war Gideon – ganz anders als in Jasons Träumen – nicht wegen eines sexy verspielten Schäferstündchens hier, aber das hatte er nun wirklich nicht erwartet.

»Warum?«, fragte er.

»Weil ich, falls wir den Schutz verlieren, den dieses Haus uns bietet, die Welt verstehen will, in die ich zurückkehren muss.«

Jason verspürte den Drang, ihn zu umarmen – und das nicht nur, weil er ihn schlicht zum Anbeißen fand. Gideon wandelte schon länger auf dieser Welt, als Jason es sich vermutlich vorstellen konnte, und dennoch wirkte er in diesem Moment … verloren.

»Das Wichtigste zuerst«, sagte er und winkte Gideon ins Zimmer. »Ihr werdet Belle Morte nicht verlieren.«

Gideon starrte ihn mit leeren Augen an. »Das weißt du nicht.«

»Na gut, okay, weiß ich nicht, aber –«

»Nicht, bitte«, unterbrach der Vampir ihn. »Ich weiß, dass du mich nur trösten willst, aber ich muss vorbereitet sein.«

Jason klappte den Mund wieder zu. Jetzt war er derjenige, der sich unbeholfen fühlte.

Gideon Hartwright war in seinem Zimmer, und Jason hatte keine Ahnung, was er zu ihm sagen sollte.

»Warum ich? Du weißt schon, dass Renie und Roux den anderen sowieso schon alles über die moderne Welt beibringen, oder?«, fragte er.

Endlich schaute Gideon Jason richtig an, und es lag ein leiser Anflug von Heiterkeit in seinen Augen.

»Renie und Roux waren in letzter Zeit ein wenig abgelenkt«, sagte er.

Jason lachte. »Ja, ist mir auch schon aufgefallen.«

»Davon abgesehen«, fügte Gideon hinzu, »muss ich das alles zwar besser verstehen, aber ich mache mir Sorgen, dass es ziemlich unschön werden könnte. Renie und Roux haben in letzter Zeit schon genug durchgemacht, und ich will sie nicht noch mehr negativen Erfahrungen aussetzen. Sie haben es verdient, wenigstens für eine Weile glücklich zu sein.«

Jasons Herz pochte wie wild.

Einmal, bei einem Ball in Belle Morte – es kam ihm vor, als sei es Jahre her –, hatte er Renie davor gewarnt, sich in Edmond zu verlieben. Selbst wenn Beziehungen zwischen Menschen und Vampiren nicht verboten waren, konnten sie nur böse enden. Vampirinnen und Vampire lebten ewig. Menschen nicht.

Aber Gideon war wie die Sonne, die an einem wolkenverhangenen Tag endlich zum Vorschein kam – strahlend und wunderschön –, und Jason konnte nicht ignorieren, was er fühlte, wenn er den Vampir nur anschaute. Ebenso wenig, wie er den Funken Hoffnung in seiner Brust ignorieren konnte, weil der Vampir beschlossen hatte hierherzukommen – zu ihm.

»Wirst du es mir beibringen?«, fragte Gideon.

»Natürlich«, antwortete Jason.

#

Jason beschloss, mit dem Offensichtlichen anzufangen und Gideon in die grundlegenden Funktionen eines Handys einzuführen, während er versuchte, nicht total durchzudrehen, weil Gideon auf seinem Bett saß.

»Dann kann ich also zu jeder und jedem, überall auf der Welt, Kontakt aufnehmen?«, fragte Gideon.

»Solange du ihre Nummer hast. Und Empfang.«

»Faszinierend.« Staunend drehte Gideon das Smartphone in seiner Hand hin und her. »Sie sind so klein.«

»Eine Zeit lang waren sie sogar noch kleiner. Ursprünglich waren es riesige klobige Brocken, dann kamen irgendwann winzige Klapphandys in Mode, und jetzt haben wir die.«

»Und alle haben eins?«

»Die meisten Leute schon, ja.«

Gideon beugte sich über das Handy und probierte, es zu entsperren, wie Jason es ihm gezeigt hatte.

Er bewunderte Gideons Profil. Sein Haar war blond, aber dunkler als Ludovics oder Ysannes, wie Honig im Sonnenlicht, und Jason sehnte sich schmerzlich danach, mit den Fingern hindurchzufahren. Vorzugsweise, während er ihn küsste. Die Art, wie sich das honigfarbene Haar in Gideons Nacken kräuselte, wie sein Adamsapfel die sanfte Linie seiner Kehle durchbrach und die goldenen Pinselstriche seiner Augenbrauen – bei dem Anblick breitete sich eine wohlige Wärme in Jasons Körper aus.

»Was ist das?«, fragte Gideon in seltsamem Tonfall.

Jason sah ihn an, und sein Herz hüpfte in seine Kehle. Er versuchte, Gideon das Handy abzunehmen, aber der Vampir schob seine Hände weg. Er kniff die Augen zusammen, während er las, was auf dem Bildschirm zu sehen war.

»Denken die Menschen wirklich so über uns?«, fragte er.

Er ließ das Handy sinken, und Jason schnappte es sich. »Social Media hat nichts zu bedeuten«, sagte er.

»Einige Menschen fordern, uns bei lebendigem Leib zu verbrennen. Sie wollen uns im grellsten Sonnenschein anketten oder uns einen Pflock durchs Herz rammen«, sagte Gideon tonlos.

Jason warf das Handy hinter sich aufs Bett. »Hör mir mal gut zu«, sagte er. »Online geben die Leute einen Riesenhaufen Scheiß von sich. Dort können sie anonym bleiben, und das bringt ihre schlimmste Seite zum Vorschein. Und das nicht nur, wenn es um die Vampirwelt geht. Auf allen Internetplattformen gibt es Leute, die sich total widerlich aufführen, weil sie wissen, dass sie damit durchkommen. Das bedeutet aber nicht, dass ihnen irgendjemand zustimmt.«

»Ich glaube, die Proteste haben gezeigt, dass die Menschen ihnen sehr wohl zustimmen.«

»Deswegen haben sie noch lange nicht recht«, konterte Jason.

»Sie sagen, wir sind genauso schlimm wie Schofield«, erwiderte Gideon mit derselben tonlosen Stimme.

»Moment mal, was?« Diesen Post hatte Jason noch nicht gesehen, und er löste eine Woge der Wut in ihm aus.

Gideon sah ihn an, seine grauen Augen unerträglich traurig. »Schofield hat all diese Kinder entführt und verwandelt, aber manche Menschen finden, wir sind genauso schrecklich wie er, weil wir sie hier auf Belle Morte festhalten.«

»Wo zur Hölle sollen sie denn sonst hin?«

»Selbst wenn sie fortgehen könnten – das ist die Welt, der sie sich nun stellen müssen«, erwiderte Gideon und zeigte auf das Handy.

»Dann ist es gut, dass sie nicht allein sind«, gab Jason zurück.

»Glaubst du, das macht es irgendwie besser?«

»Besser? Nein. Einfacher? Vielleicht. Wenn du das Gefühl hast, die ganze Welt sei gegen dich, dann ist es unglaublich wichtig, Freunde zu haben, die zu dir stehen. Das solltest du niemals unterschätzen.«

Gideon erwiderte nichts.

Jason hätte das Thema gern noch weiter vertieft, aber manchmal war Gideon wie ein schreckhaftes Tier. Und er wollte den Vampir nicht vertreiben.

»Ich sollte jetzt gehen«, sagte Gideon und erhob sich abrupt.

Enttäuschung schwoll in Jasons Brust an. Gideon war seit kaum einer halben Stunde hier, aber die vergangenen Minuten fühlten sich unglaublich kostbar an, und Jason war noch nicht bereit, sie enden zu lassen. Aber er konnte den Vampir auch nicht zwingen, noch zu bleiben.

»Okay«, murmelte er und erhob sich ebenfalls.

Jason kam sich ein wenig lächerlich dabei vor, Gideon zur Tür zu begleiten, schließlich wohnten sie beide im selben Haus, aber er tat es trotzdem.

An der Tür hielt Gideon noch einmal inne. »Danke«, sagte er.

»Gern geschehen.«

»Können wir das irgendwann wiederholen?«, fragte der Vampir.

Jasons Hirn bekam fast einen Kurzschluss, bevor ihm aufging, was Gideon ihn tatsächlich fragte: ob Jason ihm weiter dabei helfen würde, sich in der modernen Welt besser zurechtzufinden.

»Ist schließlich nicht so, als hätte ich sonst viel zu tun«, antwortete er mit einem Lächeln.

Gideons Blick schweifte über seine Lippen, und Jason war sich sicher, dass die Welt aufhörte, sich zu drehen, nur für einen winzigen Moment.

Keiner von ihnen rührte sich, und dann, als Jason sich sicher war, Gideon würde sich zu ihm neigen, brach der Vampir den Blickkontakt ab und streckte eine Hand nach der Türklinke aus.

»Wir sehen uns dann beim nächsten Mal«, sagte er und verließ das Zimmer.

Jason schloss die Tür, lehnte sich mit dem Kopf dagegen und atmete tief durch. Das hatte er sich auf keinen Fall nur eingebildet. Gideon hatte ausgesehen, als wollte er ihn küssen, und es war sehr real gewesen.

In diesem Zimmer war etwas passiert. Jason war sich zwar nicht ganz sicher, was, aber es fühlte sich an wie ein Anfang.

Kapitel 3

Jason

Als es Abend wurde und Ysanne noch immer nicht zurückgekehrt war, lungerte Jason im Eingangsbereich herum, schlenderte auf der einen Seite in die Räume hinein, auf der anderen wieder hinaus und ging sämtliche Flure, die davon abzweigten, hinauf und hinunter, in der Hoffnung, die Lady von Belle Morte abzufangen, ohne zu offensichtlich zu machen, dass er auf sie wartete.

Als sie schließlich zurückkehrte, ohne Walsh, wusste Jason sofort, dass sie keine guten Neuigkeiten mitbrachte. Ihre Miene war gefasst, ihre Haltung so aufrecht wie immer, aber ihre Augenlider wirkten schwer, so als müsste sie nun eine größere Last tragen als zuvor.

»Was ist passiert?«, fragte Jason und lehnte sich mit einer Schulter an das Geländer der Haupttreppe.

»Ich konnte bei den Menschen, die Walsh und ich besucht haben, keine Lügen erkennen«, antwortete Ysanne.

Jason nahm sich einen Moment Zeit, um sacken zu lassen, dass die Lady von Belle Morte nun mit ihm sprach wie zu einem Ebenbürtigen. Noch vor wenigen Wochen hätte sie das niemals getan.

»Also wurden sie entweder tatsächlich von einem Vampir angegriffen, oder sie glauben ehrlich, dass es so war«, erwiderte Jason.

Ysanne nickte.

»Okay, lass uns die Sache mal ganz logisch betrachten. Eine Menge Leute sind im Augenblick wütend auf die Vampirwelt – wütend genug, um gegen euch zu demonstrieren und eure Blutlieferungen zu zerstören. Ist es wirklich so weit hergeholt, anzunehmen, irgendjemand – Menschen vor Vampiren, zum Beispiel – könnte diese Vampirangriffe gefakt haben, um euch noch mehr durch den Dreck zu ziehen? Dann wüssten die Opfer nicht unbedingt, dass die Angriffe gar nicht echt waren«, überlegte Jason laut.

»Aber die Angriffe waren echt. Diese Leute wurden wirklich gebissen, oder zumindest haben sie Bisswunden am Hals, die von Vampirzähnen zu stammen scheinen, und sie haben auch tatsächlich Blut verloren«, entgegnete Ysanne.

»Schon, aber das bedeutet trotzdem nicht, dass ein Vampir dafür verantwortlich ist. Sie könnten trotzdem von einem Menschen angegriffen worden sein, der dafür gesorgt hat, dass es wie ein Vampirbiss aussieht.«

Ysanne lächelte traurig. »Auch wenn ich glaube, dass es Menschen gibt, deren Hass auf uns groß genug ist, um so etwas zu tun, berichteten sämtliche Opfer, ihr Angreifer hätte über solch unglaubliche Kraft verfügt, dass er sie vollkommen wehrlos machte. Sie beschrieben genau, wie es war, gebissen zu werden, das Gefühl der Lippen und Reißzähne auf ihrem Hals.«

»Und es ist absolut unmöglich, dass eines der Opfer in der Sache mit drinstecken könnte?« Jason klammerte sich an jeden Strohhalm.

Ysanne hob eine blasse Hand. »Ich weiß deinen Optimismus zu schätzen und bewundere dich dafür, aber wir müssen der Realität ins Auge sehen. Ein Vampir hat das getan.«

Der letzte Funken Hoffnung in ihm erlosch. »Aber wie konnte sich dort draußen all diese Jahre ein weiterer Vampir herumtreiben, ohne dass irgendjemand davon wusste?«

»Vampire haben jahrtausendelang existiert, ohne dass irgendjemand davon wusste«, konterte Ysanne.

»Aber warum jetzt? Alle anderen Vampirinnen und Vampire kamen aus den Schatten, als du der Welt eure Existenz offenbart hast, also warum nicht dieser eine?«

Ein angespannter Ausdruck huschte über Ysannes Gesicht. »Was, wenn es nicht nur dieser eine ist?«

»Du glaubst, es sind noch mehr?« Eine Woge der Panik schwappte über Jason hinweg.

»Im Augenblick kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob dies das Werk eines einzelnen Vampirs oder einer ganzen Gruppe ist. Aber selbst wenn es nur ein Einziger ist, heißt das nicht, dass irgendwo dort draußen nicht doch noch andere sind.«

»Aber warum hat er ausgerechnet diesen Zeitpunkt gewählt, um sich zu erkennen zu geben?«, fragte Jason. »Und noch viel wichtiger: Was will er?«

Ysanne neigte den Kopf zur Seite. Ihr glattes blondes Haar glänzte im Licht. »Warum glaubst du, er wollte etwas?«

»Warum sollte er sonst so unvorsichtig sein? Dieser Vampir hat sich die ganze Zeit versteckt, möglicherweise mehrere Jahrhunderte lang, und trotzdem fängt er jetzt erst an, Leute auf diese Art zu beißen? Das ist kein Zufall. Wer immer es auch ist, will uns wissen lassen, dass er hier ist«, sagte Jason.

»Da stimme ich dir zu.« Ysanne betrachtete Jason abschätzend.

»Und dass er es uns wissen lässt, bedeutet auch, dass er noch etwas anderes will. Er ist aus einem ganz bestimmten Grund aus seinem Versteck gekrochen«, fügte Jason hinzu. »Aber wie zur Hölle sollen wir herausfinden, was das ist, wenn wir nicht wissen, wer oder wo er ist?«

»Wir sollen überhaupt nichts. Das ist nicht dein Problem, und du musst es nicht für uns lösen«, entgegnete Ysanne.

»Hey, wir stecken da alle gemeinsam drin«, erwiderte Jason.

»In vielerlei Hinsicht, ja, aber dabei kannst du uns nicht helfen, Jason. Walsh und ich kümmern uns darum.«

Jason dachte, Ysanne würde noch etwas hinzufügen, aber dann versteifte sie sich plötzlich und richtete den Blick auf etwas hinter ihm. Jason schaute über die Schulter zurück.

Isabeau und Gideon waren aus dem Flur links neben der Treppe aufgetaucht. Die Temperatur im Foyer schien so rapide zu sinken, dass Jason beinahe erwartete, Frost an den Wänden hinaufklettern zu sehen.

»Du solltest ein wenig schlafen«, sagte Ysanne, aber Jason war sich nicht sicher, ob sie immer noch mit ihm sprach. »Die Premierministerin wird morgen früh eintreffen, und wir haben einiges mit ihr zu besprechen.«

Sie stolzierte zum Salon auf der anderen Seite des Foyers, und ihre hohen Absätze klapperten über den Boden. Isabeau drehte sich um und ging auf demselben Weg wieder zurück, auf dem sie gekommen war, während Jason sich mit angehaltenem Atem fragte, ob Gideon bleiben würde. Doch nachdem er Jason einen flüchtigen Blick zugeworfen hatte, folgte der Vampir Isabeau.

Jason stieß ein langes Seufzen aus.

Im Moment liefen so viele Dinge ziemlich miserabel, in jeder Hinsicht, aber wenigstens konnte es nicht noch schlimmer werden.

Oder zumindest hoffte er das.

#

Obwohl er die ganze Nacht recht unruhig geschlafen hatte, erwachte Jason am nächsten Morgen mit neuer Hoffnung im Herzen. Über ihren Köpfen braute sich noch immer ein düsteres Unwetter zusammen, aber Belle Morte hatte schon so manchem Sturm getrotzt.

Er ging nach unten in die kleine Küche neben dem Ballsaal, zu der Spendende früher keinen Zugang gehabt hatten. Doch seit das restliche Personal die Villa verlassen hatte, konnten Jason und die noch übrig gebliebenen Wachleute die Küche nach Belieben nutzen. Da es keinen Speiseplan mit festen Essenszeiten mehr gab, versorgten sich alle selbst, wenn sie Hunger hatten. Auch die Regel, dass sich alle in Belle Morte gesund ernähren mussten, schien nicht mehr zu gelten – irgendjemand hatte für einen üppigen Speckvorrat im Kühlschrank gesorgt.

Erfreut beschloss Jason, sich ein Bacon-Sandwich zu machen, und summte leise vor sich hin, während er die Streifen in der Pfanne umdrehte und sie wunderbar knusprig briet, bevor er sie auf das Brot legte.

Er aß das Sandwich in der Küche, an die Arbeitsplatte gelehnt. Es kam ihm irgendwie nicht richtig vor, im Speisesaal zu essen. Nicht, wenn er der Einzige war, der es noch tat.

Davon abgesehen schien sich im Speisesaal nichts Gutes mehr zu ereignen.

Die Tür ging auf, und Gideon kam herein. Jasons Herz machte einen kleinen Satz.

»Hi«, sagte er und hoffte inständig, dass ihm keine Sandwichkrümel zwischen den Zähnen klebten.

Die Blutkonserven, von denen sich die Vampirinnen und Vampire zurzeit ernährten, wurden in der Küche gelagert, was bedeutete, dass auch sie diesen Raum deutlich häufiger aufsuchten als in der Vergangenheit.

Gideon näherte sich ihm, einen vorsichtigen Ausdruck im Gesicht. »Guten Morgen.«

Er öffnete die Kühlschranktür, nahm eine Blutkonserve heraus und starrte einen langen Moment darauf.

»Alles okay?«, erkundigte sich Jason.

Gideon hob den Blick.

»Dieser Vorrat wird nicht ewig reichen. Wenn wir keinen Nachschub bekommen, was sollen wir dann tun, wenn alles aufgebraucht ist?«, fragte er.

Jason biss sich auf die Lippe. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. »Ihr könnt euch von Tierblut ernähren, oder?«, erwiderte er, als ihm wieder einfiel, womit Ysanne und Isabeau June Mayfield gefüttert hatten, während sie im Westflügel angekettet gewesen war.

»Wir könnten für eine Weile damit überleben, aber auf Dauer kann es Menschenblut nicht ersetzen«, antwortete Gideon. »Und jüngere Vampire wie Renie, Roux und die Kinder brauchen Menschenblut. Sie sind noch nicht stark genug, um allein mit Tierblut zu überleben.«

Jason strich mit einer Hand über seinen Hals. »Mich gibt’s ja auch noch«, sagte er dann.

Gideon starrte ihn an, seine Miene unlesbar, bevor sein Blick zu Jasons Kehle sank, und einen atemlosen Moment lang glaubte Jason, der Vampir würde es tatsächlich in Betracht ziehen.

Doch dann wandte Gideon den Blick ab. »Du kannst uns nicht alle ernähren.«

Seamus kam in die Küche.

»Hey, willst du was frühstücken?«, fragte Jason und drehte sich zu der Pfanne um, die er noch nicht abgewaschen hatte.

»Ehrlich gesagt hab ich dich gesucht«, antwortete Seamus. »Ysanne will mit dir reden.«

Sein Tonfall klang beiläufig, normal, aber Jasons Herz hämmerte trotzdem ein wenig nervös. Was konnte Ysanne von ihm wollen?

»In ihrem Büro?«, fragte er.

Er hoffte, Seamus würde verneinen, dass es sich nicht um irgendetwas Förmliches handelte. Doch als Seamus nickte, wurde Jason ein wenig schwerer ums Herz. Er warf Gideon einen leicht panischen Blick zu.

Der Vampir schaute zu Boden.

»Okay«, murmelte Jason.

Ihm schnürte sich die Brust zusammen, als Seamus ihn zu Ysannes Büro brachte. Abgesehen von den Wachleuten, die ihrer Arbeit nachgingen, war Jason der einzige Mensch, der noch in einem der Vampirhäuser im Vereinigten Königreich oder Irland lebte. Doch da er die Vampirinnen und Vampire nicht mehr fütterte, war er sich nicht einmal sicher, ob er sich überhaupt noch als Spender bezeichnen konnte. Man hatte ihm erlaubt zu bleiben, weil er den Vampirinnen und Vampiren von Belle Morte dabei geholfen hatte, sich gegen sämtliche Bedrohungen in der jüngsten Vergangenheit zu behaupten, aber vielleicht konnte er sich nicht ewig darauf berufen.

Was, wenn Ysanne ihn in ihr Büro bestellt hatte, um ihm mitzuteilen, dass es Zeit war zu gehen?

Als sie das Büro schließlich erreichten, klopfte Seamus an die Milchglastür.

»Entrez«, war Ysannes klare Stimme von drinnen zu hören.

Seamus stieß die Tür auf und schob Jason hindurch. Aus irgendeinem Grund hatte Jason geglaubt, Seamus würde mit ihm hineingehen, doch er war kaum über die Schwelle getreten, als Seamus die Tür hinter ihm schloss und ihn allein im Büro stehen ließ.

Allein, abgesehen von Ysanne.

Sie saß hinter ihrem Schreibtisch, ihre bleichen Hände auf der polierten schwarzen Tischplatte gefaltet, ihre scharfen Augen bohrend.

Jason schluckte.

»Setz dich«, forderte sie ihn auf und zeigte auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Jason ließ sich darauf nieder.

»Heute haben sich zwei Mitarbeitende von Daily Topic mit mir in Verbindung gesetzt. Weißt du, was das ist?«

»Ähm … das ist eine Talkshow«, stammelte Jason.

Genauer gesagt, eine der langjährigsten und beliebtesten morgendlichen Talkshows in der Geschichte des britischen Rundfunks, die fünfmal pro Woche ausgestrahlt wurde und so gut wie alles abdeckte, von Interviews mit Stars und Sternchen bis hin zu ernsten politischen Diskussionen.

»Sie möchten dich als Gast einladen«, verkündete Ysanne.

Jason runzelte die Stirn. Das war so ungefähr das Letzte, was er erwartet hatte. »Warum?«

»Sie planen einen speziellen Beitrag über die Vampirwelt, und als letzter Spender im ganzen Vereinigten Königreich bist du in einer einzigartigen Position. Ich glaube, sie interessieren sich dafür, warum du dich entschieden hast, bei uns zu bleiben. Sie wollen wissen, was du denkst, was passiert ist und was du tun wirst, wenn all das hier irgendwann ein Ende findet«, fügte sie hinzu.

Falls es irgendwann ein Ende fand.

»Was hältst du davon?«, wollte Ysanne wissen.

»Ich weiß nicht recht«, gab er zu.

»Vielleicht brauchst du noch ein bisschen mehr Zeit, um darüber nachzudenken. Aber nur zu deiner Information: Die Show will den Beitrag in ein paar Tagen bringen, deshalb musst du dich schon bald entscheiden.«

»Okay«, erwiderte Jason, doch in seinem Kopf drehte sich alles.

»Selbstverständlich werde ich dich unterstützen, ganz gleich, wie deine Entscheidung ausfällt. Aber ich möchte dich dennoch bitten, es in Erwägung zu ziehen«, sagte Ysanne.

»Wäre es nur ich?«, wollte Jason wissen.

»Noch wurden keine anderen Gäste bestätigt, aber ich glaube, sie wollen auch auf ehemalige Spendende zugehen.«

»Was ist mit Vampirinnen oder Vampiren? Sollten sie nicht auch eingeladen werden?«, fragte Jason.

Ysanne verzog kaum merklich die Lippen. »Ich habe mit den Showverantwortlichen darüber gesprochen und angeboten, selbst zu erscheinen, aber sie haben mir sehr diplomatisch zu verstehen gegeben, dass eine weniger kontroverse Persönlichkeit aus der Welt der Vampire eine bessere Wahl wäre.«

Jason runzelte erneut die Stirn. »Seit wann bist du denn kontrovers?«

»Seit einige dieser Anti-Vampir-Bewegungen entschieden haben, dass ich, weil ich der Welt damals offenbart habe, dass wir existieren, nun schuld an all dem bin, was passiert ist.«

Ysannes Stimme klang tonlos, und Jason konnte richtig einschätzen, was sie dabei empfand.

»Was ist mit Renie und Roux? Ich wette, sie würden es machen«, schlug er vor.

»Da bin ich mir auch ganz sicher, aber sie sind noch nicht lange Vampirinnen. Ich glaube, die Perspektive eines älteren, der Öffentlichkeit vertrauteren Vampir wäre wertvoller«, erklärte Ysanne.

Renie und Roux waren der Öffentlichkeit inzwischen zwar auch sehr vertraut, aber Jason verstand, was Ysanne meinte. Seine Mädchen waren erst seit Kurzem berühmt, während die anderen Vampirinnen und Vampire in Belle Morte auf ein ganzes Jahrzehnt als Celebritys zurückblicken konnten.

»Ich mache es«, beschloss er.

»Bist du sicher? Möchtest du die Sache nicht vorher mit deiner Familie oder deinen Freunden besprechen?«, vergewisserte sich Ysanne.

»Ich bin sicher.«

Ysanne ließ für einen Moment die Schultern sacken, das einzige Anzeichen ihrer Erleichterung.

»Danke«, sagte sie.

Jason verspürte den plötzlichen Drang, über den Schreibtisch zu greifen und ihre Hand zu nehmen. Ysanne war nicht die gefühllose, eiskalte Schlampe, für die viele sie hielten, aber jemand in ihrer Position konnte ganz schön einsam sein. Sie war gezwungen, alle auf Abstand zu halten, und zurzeit stand sie unter noch viel höherem Druck als je zuvor. Irgendetwas sagte ihm jedoch, dass sie es ganz und gar nicht zu schätzen wüsste, deshalb ließ er die Hände in seinem Schoß liegen.

»Ich warte noch immer auf die letzten Einzelheiten, aber ich werde dich sofort informieren, sobald ich Genaueres weiß«, versicherte Ysanne ihm.

»Kann ich sonst noch irgendwas für dich tun?«, bot Jason an.

Ysanne setzte einen Ausdruck auf, der nicht ganz ein Lächeln war, aber er war nahe dran. »Im Moment nicht.«

Da es nichts weiter zu sagen gab, schlüpfte Jason leise zur Bürotür hinaus. Ein Stück den Flur hinunter entdeckte er Gideon, der an der Wand lehnte, als würde er auf ihn warten, und Jason spürte wieder dieses Flattern im Herzen.

»Was wollte Ysanne?«, fragte Gideon.

Jason erzählte es ihm.

Bildete er es sich nur ein, oder huschte tatsächlich ein Anflug von Erleichterung über Gideons Gesicht?

»Bist du dir sicher, dass du das tun willst?«, fragte der Vampir.

Jason lehnte sich neben ihn an die Wand, die Hände hinter dem Rücken. »Es ist wichtig.«

»Das hab ich nicht gefragt.«

Jason verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und versuchte, die richtige Antwort zu finden. »Ich weiß es nicht«, gab er schließlich zu. »All diese Proteste und Angriffe machen mir ziemliche Angst, und ich verstehe, dass ich mich mit diesem Auftritt selbst in die Schusslinie bringen könnte. Aber ich werde sicher nicht in der Villa rumhocken und Trübsal blasen, wenn ich etwas tun kann, um zu helfen.«

»Ist dir irgendwann mal der Gedanke gekommen, dass das hier gar nicht dein Kampf sein könnte?«, fragte Gideon.

Jason knuffte ihn freundschaftlich in die Seite. »Nein, verdammt, ich werde immer für diejenigen kämpfen, die mir etwas bedeuten.«

Gideon verfiel in Schweigen und starrte auf die Wand gegenüber. Jason betrachtete ihn aus dem Augenwinkel, bewunderte den markanten Kiefer des Vampirs, wie sich das Haar sanft um seine Ohrmuschel lockte, und die gerade Neigung seiner Nase.

»Du meintest, es könnte auch ein Vampir in dieser Sendung auftreten«, ergriff Gideon schließlich das Wort. »Was, wenn ich dieser Vampir wäre?«

Jason glaubte, er hätte sich verhört.

»Äh …«, war die eloquenteste Antwort, die er zustande brachte. Auf diese Idee war er noch gar nicht gekommen.

Der Vampir fing seinen Blick ein, und Jason schluckte schwer. Gideons Augen waren dunkel, aufgewühlt, wie das Meer im Winter. In diesen Augen konnte man ertrinken.

»Willst du nicht, dass ich es mache?«, fragte er.

»Es geht nicht darum, was ich will. Ich bin nicht für die Show verantwortlich«, erwiderte Jason.

»Aber was denkst du?«

Eine Erinnerung blitzte in Jasons Kopf auf. In der Nacht, in der Roger Schofield endlich seiner gerechten Strafe zugeführt worden war, hatte einer seiner Komplizen Roux mit einer Heugabel angegriffen, und Gideon hatte sie zur Seite gestoßen und die Verletzung an ihrer Stelle kassiert. Jason war bei dem Kampf nicht dabei gewesen, aber er würde niemals vergessen, wie Gideon in die Villa zurückgekehrt war, von seinem eigenen Blut überströmt, und sich diese grauenvolle Angst wie ein Faustschlag in Jasons Magen gerammt hatte, weil er nicht auf den ersten Blick hatte einschätzen können, wie gravierend die Verletzung war.

Gideon war unglaublich loyal und zögerte nie, die Seinen zu beschützen.

»Ehrlich gesagt kann ich mir niemand Besseren vorstellen«, sagte Jason.

Es bescherte ihm ein flüchtiges Lächeln.

»Vielleicht sollte ich mich dann mal mit Ysanne unterhalten«, erwiderte Gideon.

»Willst du, dass ich mitkomme?«, bot Jason an.

Gideon schüttelte den Kopf.

Jason versuchte es erneut: »Willst du, dass ich auf dich warte?«

Erneutes Kopfschütteln.

Enttäuscht gab Jason es auf. »Ich schätze, wir … sehen uns dann später«, murmelte er.

Gideon erwiderte nichts, sondern ging einfach davon.

Jason ließ sich wieder gegen die Wand sinken und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. »Du musst aufhören, ihn so anzuhimmeln«, ermahnte er sich selbst streng.

Er wusste jedoch, dass es nichts nützen würde.

Aus irgendeinem Grund ging Gideon Hartwright ihm direkt unter die Haut, und Jason hatte keine Ahnung, was er dagegen tun sollte.

Kapitel 4

Jason

Die nächsten Tage verstrichen ereignislos. Daily Topic war mit Gideon als weiterem Gast einverstanden, und obwohl ihm der Vampir widersprüchliche Signale sandte, war Jason froh, ein vertrautes Gesicht neben sich zu wissen, wenn er in einer landesweit ausgestrahlten Fernsehshow auftrat.

Vor allem, wenn dieses Gesicht so verdammt schön war.

Es gab keine neuen Berichte über weitere Angriffe des mysteriösen Vampirs, oder zumindest hatte Ysanne nichts davon erwähnt, auch wenn Jason nicht so naiv war zu glauben, Belle Morte hätte zum letzten Mal von der ganzen Sache gehört.

Und dann war der Tag plötzlich da, und Jason lag bereits stundenlang wach in seinem Bett, bevor er aufstehen musste, sein Magen ein wahres Nest aus flatternden Nerven.