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„Wenn man wissen will, wieviel Prozent welcher Altersgruppe es in welcher Lage wie oft pro Woche treiben - bis auf die Stelle nach dem Komma teilen sie das einem mit. Doch was man tun muss, damit einem die Freundin nicht plötzlich davonläuft, darüber finden sie nichts als Gemeinplätze ...“ - so räsoniert der junge Bernd Bendgen, der während seiner Armeezeit von seiner Verlobten verlassen und damit lange nicht fertig geworden ist. Sein vermeintlich naiver Unmut ist jedoch nicht mehr ganz aufrichtig. Inzwischen Student, hat er sich nämlich eine „Strategie gezügelten Engagements“ zugelegt, um gegen weitere Enttäuschungen gewappnet zu sein. Aber nur scheinbar werden seine Erfolge im Studium durch solche bei Frauen ergänzt. Von Misstrauen und wachsender Gefühlskälte beherrscht, misslingt ihm jede seiner Bekanntschaften zum „Verhältnis“, das er löst, sobald es an die von ihm selbst gezogenen engen Grenzen stößt. Es vergeht Zeit, bis er lernt, bewusst mit jenen Risiken und Verantwortungen zu leben, ohne die es keine Freundschaft, keine Liebe gibt.
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Seitenzahl: 374
Veröffentlichungsjahr: 2023
Wolfgang David
Bendgens Frauen oder Prüfungen ohne Testat
Roman
ISBN 978-3-96521-948-9 (E-Book)
Das Buch erschien erstmals 1980 im Mitteldeutschen Verlag Halle Leipzig.
© 2023 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de
Die Handlung des Romans ist erfunden. Ähnlichkeiten sind zufälliger Natur.
Bitte, schön lange, flüsterte das Mädchen und rückte mit fahrigen, wiederum auch sehr bestimmten Bewegungen das Kissen zurecht; ihre Lider waren so weit gesenkt, dass sie die Augen verdeckten, sie selbst aber vermutlich gerade noch sehen konnte, was sie tat.
Zu Befehl, gab der junge Mann zur Antwort – und gebärdete sich wie ein Spezialist, dem eine zwar schwierige, jedoch lösbare Aufgabe übertragen worden war und der somit sicher sein durfte, dass er nicht enttäuschen würde.
Das ist vor wenigen Minuten gewesen, und alles hat darauf hingedeutet, dass die Dinge ihren üblichen Verlauf nehmen würden; zumindest dann, wenn man das mit dem „üblichen Verlauf“ nicht zu eng auffasste. – Statt dessen passiert nun folgendes: Der Mund des Mädchens skandiert plötzlich ein unfrohes, irgendwie von Protest und Verzweiflung erfülltes „Ich–lie–be–dich“, das, eine Spur zu laut, noch sekundenlang im Raum zu schweben scheint. Der junge Mann hält daraufhin inne. Er reißt die Augen auf, blickt auf das verzerrte Gesicht seiner Freundin, schließt sie wieder; dann seufzt er, macht ein paar matte Bewegungen, aber als auf dem Korridor eine Tür klappt und Gelächter zu vernehmen ist, löst er sich von ihr, lässt sich neben sie fallen und schmiegt sein Gesicht ans Kopfkissen.
Das Mädchen hat kurz gestöhnt, jedoch nicht versucht, ihn zu halten. Nun liegt sie reglos und heftig atmend auf dem Rücken und presst die Fingerspitzen gegen den Hals, was weder hilflos noch geziert, sondern einfach sonderbar wirkt. Mitleiderregend ist es jedoch, wie sich bei jedem Atemzug ihre Nasenflügel blähen; sie will offenbar vermeiden, durch den Mund Luft zu holen.
„Was ist denn“, fragt sie nach einer Weile, tonlos und bemüht, ihr Keuchen zu unterdrücken. – Der junge Mann murmelt: „Nichts.“ Hierauf öffnet er den Mund und tastet sich über die Zunge, als sei ihm ein Haar hineingeraten.
„Was los ist, habe ich gefragt!“
Er streckt sich wohlig, als sei ihr zorniger Tonfall ganz nach seinem Geschmack, und entgegnet träge: „Das weißt du doch.“
„Was weiß ich?“
„Dass ich das dabei nicht mag. Es verdirbt mir die Stimmung. Ich hab’s dir schon ein paar Mal erklärt.“
Sie richtet sich halb auf, starrt ihn aus geweiteten Augen an und schreit unvermittelt: „Aber warum magst du das nicht?“ Sie presst die Hände gegen die Schläfen, wobei sie fast zurückgefallen wäre. Dann: „Wa–rum–magst–du–das–nicht? Das ist doch das normalste von der Welt! Du hast es doch früher auch gesagt.“
Der junge Mann wird im Gesicht um eine Winzigkeit dunkler, zwinkert einige Male. Er blickt nach unten und kratzt mit dem Fingernagel auf einem Webfehler im Bettbezug herum. Laut, jedoch etwas weicher als vorher, sagt er, dass es da nichts zu verstehen gebe. Es sei eben so. Widerspricht sich sogleich, indem er auf „diesen Artikel“ in einer österreichischen Psychologie-Zeitschrift verweist, den er ihr „damals“ gezeigt habe. Mehr könne er auch nicht sagen. Er räuspert sich und fügt hinzu: „Gib mir doch bitte meine Uhr.“
Mit abgewandtem Gesicht und gerunzelter Stirn hat sie ihm zugehört, jetzt beugt sie sich zum Nachttisch hinüber und reicht ihm das Gewünschte, ohne aber selbst draufzuschauen. „Kurz vor halb neun“, sagt er, während er die Uhr umbindet – nun wieder sehr bestimmt.
„Wir gehen jetzt hoch. Das lohnt sich noch.“
„Was machen wir jetzt? Hochgehen?“ Seine Freundin hat sich ruckartig aufgesetzt, dabei allerdings nicht vergessen, die Bettdecke unter die Achselhöhlen zu klemmen, was ihrer Geste etwas von der gewiss beabsichtigten Schärfe nimmt. „Du hast sie wohl nicht alle! Denkst du, ich bin in der Verfassung, mir Gespenstergeschichten anzuhören? Was bist du bloß für ein Mensch!“
Einer, der jetzt nicht in der Verfassung sei, hysterische Anfälle zu ertragen, erwidert er schlagfertig, jedoch mit einem heuchlerischen Gekränktsein in der Stimme. „Ich gehe jetzt hoch“, fährt er mit strenger Miene fort. „Du kannst natürlich mitkommen. Aber dann sofort – und ohne Verzögerungsmätzchen.“ Damit steigt er über sie hinweg aus dem Bett und beginnt, sich anzukleiden.
Sie zieht die Beine an, verschränkt die Hände über den Knien. Ein grüblerischer Ausdruck tritt auf ihr Gesicht. „Bitte – lass uns hierbleiben“, sagt sie mit deutlicher Überwindung. „Wir unterhalten uns ein bisschen, wir sprechen uns aus. Ja?“
Der junge Mann, er stopft sich gerade das Hemd in die Hose, blickt auf, als traue er seinen Ohren nicht. Er verfärbt sich, unterbricht seine Beschäftigung und zerrt mit der rechten nacheinander an allen fünf Fingern der linken Hand. Dann stößt er aufgebracht hervor: „Nein! Dazu ist hinterher auch noch Zeit. Außerdem – dir ist doch wohl klar, dass wir uns da oben mal sehen lassen müssen?“
„Das fällt dir jetzt ein, was?“
„Das fällt mir nicht erst jetzt ein. Hatte ich den ganzen Abend vorgehabt. Konnte allerdings nicht ahnen, dass wir darüber diskutieren müssen.“
„Den ganzen Abend schon? Das ist ja interessant.“
„Kann ich nicht beurteilen. Aber wenn du nicht sofort einen Zahn zulegst, gehe ich allein. Das ist mein voller Ernst.“ Es besteht ein gewisser Gegensatz zwischen seinen herrischen Worten und seiner Miene, die von Verwirrung, fast Panik gekennzeichnet ist, und als sei ihm dies bewusst, dreht er sich um und fährt fort, seine Kleidung zu ordnen.
„Voller Ernst, voller Ernst“, wiederholt seine Freundin erbittert. Sie versinkt in Nachdenken und sagt nach kurzer Pause halblaut: „Meinetwegen.“ Das klingt vieldeutig, und es hätte drohend geklungen, wenn es lauter gesagt worden wäre. Hierauf schält sie sich aus dem Bett. Sowie sie draußen ist, springt sie zu dem Stuhl mit ihren Sachen und zieht sich rasch an.
Der junge Mann, er heißt Bernd Bendgen, hat sich inzwischen vor dem Spiegel aufgestellt. Er hat kurzes, braunes, lockiges Haar, ist groß und auf jene Art mager, die man im Niederdeutschen „spack“ nennt. Seine Haut ist matt und großporig, dennoch scheint sein Bartwuchs schwach entwickelt. Er hält sich ein wenig gebeugt, zieht jetzt das Unterlid des rechten Auges herab und mustert sorgenvoll den Bindehautsack, der indessen nicht stärker gerötet ist als normal. Ohne sich umzusehen, sagt er versöhnlich: „Außerdem werden bald deine Mitbewohnerinnen auf der Bildfläche erscheinen. Ein Grund mehr, unsere Zelte hier schleunigst abzubrechen, nicht wahr?“
Das Mädchen antwortet nicht. Sie macht eine unbestimmte Gebärde und drängt ihn vorsichtig vom Spiegel weg; dann beginnt sie, ihr zerzaustes Haar zu kämmen, das lang und blond und wundervoll seidig ist. Ihr Gesicht verzerrt sich, wenn der Kamm steckenbleibt, und doch scheint es, als bereite ihr der Schmerz, den sie sich zufügt, Befriedigung.
Beklommen schaut Bendgen an ihr vorbei. Noch mal Glück gehabt, denkt er. Oder auch nicht, wie man’s nimmt. Im Übrigen ist der Abend noch nicht zu Ende. Aber aller Erfahrung nach müsste sich ihre ziemlich gering bemessene Streitlust in der stattgefundenen Auseinandersetzung verbraucht haben. Sie lässt sich ja so leicht ablenken. Und genau das ist es, was ihn bedrückt und zugleich wütend macht. Warum zwingt sie ihn nicht, Farbe zu bekennen? Warum setzt sie seiner Vertuschungstaktik, die ihm selber schon zum Hals heraushängt – dieser Mischung aus autoritärer Strenge und oberflächlich-logischen Niederargumentierens – nicht mehr Widerstand entgegen? Hat sie wirklich keine Ahnung? Gibt es nicht genug Anzeichen, die nach einer Erklärung verlangen? Andererseits: Warum hat er solche Angst, es ihr beizubringen, warum wird er so traurig und bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn er daran denkt? Er schuldet ihr doch nichts … Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gehen, hat sich sein Gesicht unwillkürlich verfinstert. Ilka, so heißt das Mädchen, scheint dies bemerkt zu haben, denn sie fragt, indem sie sein Spiegelbild anblickt: „Ist was?“
Bendgen zuckt zusammen. „Nein“, sagt er barsch und streicht sich die Augenbrauen glatt. „Können wir starten?“
Der Klubraum des Studentenwohnheims befand sich drei Stockwerke höher. Weil der Fahrstuhl kaputt war, mussten sie die Treppe benutzen. Bendgen nahm immer zwei Stufen auf einmal, oben angelangt, war er ausgepumpt und hatte ein trockenes Gefühl im Rachen.
Er betrat das Internat stets mit Widerwillen. Nicht nur deshalb, weil er nach drei Jahren Armee von jeder Art kasernierten Wohnens die Nase gründlich voll hatte. Internat – das waren defekte Lifts, abmontierte Brauseköpfe, von Binden verstopfte Klosetts, Abfallberge in der Küche, hellhörige Wände und Lärm rund um die Uhr, Türen, die von selbst aus der Hand flogen … Alles hell und „modern“, aber auch provisorisch und unsolide. Natürlich lag das weitgehend an den Bewohnern selbst; da sie ihren Aufenthalt hier befristet wussten, machten einige (ein paar von der Sorte reichten schon) keine großen Umstände und benahmen sich wie auf einem Zeltplatz. Appelle und ähnliches hatten da bisher wenig geholfen, und Bendgen war insgeheim der Meinung, dass sich so lange nichts ändern würde, wie man nicht das Reglement grundlegend verschärfte. Schließlich bewies die Armee, dass es möglich war, unter noch viel ungünstigeren Bedingungen Ordnung durchzusetzen. Doch allein dieser Vergleich zeigte, dass die Hoffnung auf Veränderungen ziemlich utopisch war. Übrigens war Bendgens Haltung gegenüber dieser Institution keineswegs eindeutig, sie war zwiespältig. Für sich lehnte er sie ab. Er hatte seinerzeit alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ein Privatzimmer zu bekommen, und war dann auch sofort bereit gewesen, dafür jeden Monat 45 Mark auszugeben. Als Funktionär jedoch erkannte und nutzte er die Vorteile, die das Internat der Organisation gesellschaftlicher Arbeit bietet. Die Vorstellung, seine Kommilitonen könnten eines Tages dem Wunsch nach individuellem Wohnen nachgeben und sich alle ein Zimmer suchen, war ihm fast ebenso unangenehm wie die, auf sein Quartier verzichten und hierher ziehen zu müssen. Zum Glück kam weder das eine noch das andere ernstlich in Betracht.
Der Klubraum war ein kleines kahles Zimmer, dessen Fußboden ein Spannteppich bedeckte, es glich darin den anderen Räumen in dem Gebäude. Dass hier fünfzig Personen Platz fanden, glaubte gewiss niemand, der es nicht gesehen hatte. Als er die Tür öffnete, prallte Bendgen zurück, so penetrant war die Hitze, die ihm entgegenschlug. Außerdem roch es nach Griebenschmalz, denn traditionsgemäß gab es zu jeder solcher Veranstaltungen Tee und Schmalzstullen.
Ganze Reihen schweißglitzernder Gesichter wandten sich ihnen zu, als sie eintraten, bestraften so die Schamlosigkeit der beiden, die es wagten, jetzt noch und vor allem „danach“ hier aufzutauchen. Bendgen war das fatal, er blickte zu Boden. Dass ihm keine bessere Ausrede eingefallen war! Doch Ausrede stimmte nicht ganz: Von Mitgliedern der FDJ-Leitung der Sektion durfte man schon erwarten, dass sie sich dem kulturellen Leben im Heim nicht wegen eines Schäferstündchens entzogen, zumal dann, wenn jenes im gleichen Gebäude stattfand. Insofern hatte er mit seiner Behauptung recht gehabt, dass ihre Anwesenheit hier erforderlich sei. Lediglich der Zeitpunkt ihres Erscheinens war unglücklich gewählt. – Während Bendgen mit seiner Verlegenheit rang, schaute Ilka herausfordernd umher; ein vielsagendes, geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Lippen, zwang jedoch keinen der vielen Blicke nieder.
Allein Teichmann, der ihnen an der anderen Seite des Raumes gegenübersaß und offensichtlich das Programm bestritt, sah nur kurz auf und beugte sich rasch wieder über das Buch, das er in der Hand hielt. „Bisschen Beeilung“, sagte er rau, worauf ein paar lachten; es war allgemein bekannt, dass er bei Ilka trotz großen Einsatzes erfolglos geblieben war. Bendgen hob beschwichtigend die Hand, dankbar, dass ihm jemand sagte, was er jetzt zu tun hatte. Und im selben Moment entdeckte er Siegel, der ihnen heftig zuwinkte und Anstalten traf, zwischen sich und seinem rechten Nachbarn Platz zu machen.
Bendgen folgte dieser Aufforderung mit gemischten Gefühlen und zwängte sich mit Ilka auf die beiden freigewordenen Stuhlhälften. Siegel war nämlich das, was man einen schmierigen Burschen nannte. Während der Armeezeit hatte er zu Bendgens Gruppe gehört, war ihm damals allerdings nicht weiter aufgefallen. Nun hatten sie sich an derselben Sektion wiedergetroffen. Als müsse er sich dafür entschuldigen, dass er aufgrund seiner kürzeren Dienstzeit bereits im zweiten Studienjahr war, legte Siegel gegenüber Bendgen stets ein besonders aufmerksames, fast ehrerbietiges Benehmen an den Tag. Er begrüßte ihn scherzhaft mit Genosse Unteroffizier, zwinkerte ihm häufig zu und bediente sich im Gespräch mit ihm meist eines komplizenhaften Tones, der Bendgen jedes Mal irritierte. Außerdem bot er ihm in einer aufdringlich-bescheidenen Art bei allen möglichen Gelegenheiten seine Hilfe an, und nicht immer war die so willkommen wie eben jetzt.
Teichmann hatte inzwischen seine Lesung fortgesetzt. Das Thema der Veranstaltung hieß „Gespenstergeschichten der Weltliteratur“. Die Geschichte, die er gerade las, handelte von einer Katze, welche von ihrem Besitzer misshandelt wurde. Der allgemeinen Unruhe nach zu urteilen, erwartete das Publikum mit Ungeduld das Auftauchen des versprochenen Gespenstes – oder hatte sich bereits mit der gequälten Katze abgefunden. Stühle knackten, Füße scharrten, hier und da wurde nicht mehr nur geflüstert, sondern bereits halblaut gesprochen. Teichmann las in einem affektierten Stil, ohne die Stimme zu heben, ohne aufzusehen; er warf die sprichwörtlichen Perlen nicht vor die Säue, sondern ließ sie gewissermaßen einfach fallen. Das war seine Art, wenn er sich ärgerte, doch die Störungen wurden dadurch nicht geringer, sondern nahmen noch zu. Bei allem war es so warm, dass Bendgen die Empfindung überkam, seine Haut triebe Tausende kleiner Schweißknospen hervor. Er blickte zu Ilka. Die schaute angestrengt nach vorn, doch kannte er sie gut genug, um zu merken, dass sie längst abgeschaltet hatte. Da überließ auch er sich seinen Gedanken.
Er war jetzt zweiundzwanzig. Vor gut einem halben Jahr hatte er sein Studium begonnen. Die Erwartungen, mit denen er an die Uni gekommen war, ließen sich ungefähr so beschreiben: Jetzt geht es los. In jeder Beziehung. Und überhaupt. Das hatte er mal irgendwo gelesen.
Vermutlich bildete er darin keine Ausnahme. Dennoch meinte er, dass seine Erwartungen weniger ziellos waren als die vieler seiner Kommilitonen, wenn auch in anderer Hinsicht, als man von ihm glauben mochte. Das hing mit einem Ereignis ausschließlich privater Natur zusammen, das ihn aber tiefer und nachhaltiger beeindruckt hatte als jedes andere in seinem bisherigen Leben.
Drei Jahre lag das nun schon zurück. Der frischgebackene Unteroffizier Bernd Bendgen erhielt damals einen Brief seiner Freundin, in dem sie ihm knapp und auf umwerfend konventionelle Art mitteilte, dass sie die Verlobung gelöst hätte. Weitere Gründe außer dem, dass sie ihn nicht mehr liebte, führte sie nicht an; wünschte ihm nur, er möge bald darüber hinwegkommen. – Bendgen hatte das Mädchen auf dem Mittelball kennengelernt; er ging da in die zehnte, sie in die neunte Klasse. Während der Wochen zwischen seinem Abitur und der Einberufung hatten sie sich verlobt. Ilona war ein durchschnittlich hübsches und keineswegs sonderlich kluges Mädchen, und Bendgen hätte nicht begründen können, weshalb er gerade auf sie verfallen war. Übrigens stellte er sich diese Frage nie, hätte sie wohl auch als überflüssig empfunden. Er liebte sie, wie man so sagt, von ganzem Herzen, fühlte sich wiedergeliebt und hatte niemals das Bedürfnis verspürt, ihre Beziehung zu analysieren oder an irgendetwas zu messen. Dazu bestand auch kein Anlass.
Wie viel sie ihm bedeutete, merkte er spätestens bei der Armee. Die Sehnsucht machte ihn fast krank, er träumte von ihr, schrieb ihr (was er vorher nicht für möglich gehalten hätte) in jeder freien Minute und wartete auf ihre Briefe wie ein Kind auf die Weihnachtsbescherung. Schon nach wenigen Wochen bereute er seinen Entschluss, sich für drei Jahre verpflichtet zu haben.
Und dann hielt er ihre Nachricht in den Händen. Das war an einem sonnigen Tag Ende Mai gewesen, er war eben von dem Kiosk, der sich im Objekt befand, zurückgekehrt, mit einer Flasche Kirschmost in der Hand, hatte den Brief auf seinem Bett liegen sehen, ihre Schrift erkannt, ihn aufgerissen … Sein erster Gedanke war nicht der gewesen, sie darum zu bitten, ihre Entscheidung zu ändern; nur verstehen wollte er sie, dann würde er weitersehen. Er schrieb sofort zurück, bat um eine nähere Erklärung, bekam jedoch keine Antwort.
In den darauffolgenden Tagen rief er sich die letzte Begegnung mit ihr ins Gedächtnis zurück, las noch einmal ihre Briefe, die er fast schon auswendig konnte. Wann hatte es angefangen? Wo gab es Anzeichen? Er kam aber keinen Schritt weiter. Als sie ihn vor drei Wochen zum letzten Mal besucht hatte, war alles wie sonst gewesen. Und ihren Briefen konnte man ohnehin nicht viel entnehmen, die waren ziemlich trocken und floskelhaft abgefasst und beschränkten sich weitgehend auf Mitteilungen über ihr elendes Los in der Schule. Sie hatte aber bis zuletzt immer pünktlich geschrieben. Flüchtig erwog er den Gedanken, sie könne einen anderen haben, verwarf ihn aber sofort wieder. Wenn er sich kein anderes Mädchen vorzustellen vermochte, musste es ihr umgekehrt genauso gehen; so lange, wie sie einander kannten! Wie konnte da plötzlich Schluss sein, ohne einen wirklich vernünftigen Grund? – Und den gab es hier offensichtlich nicht (welchen Grund er als „wirklich vernünftig“ gelten gelassen hätte, wusste er allerdings selber nicht).
Während dieser zehn Tage besaß er noch Hoffnung, obschon ihn die Ungewissheit peinigte, dass er manchmal meinte, es nicht mehr auszuhalten. Dann bekam er Urlaub und fuhr zu ihr, und damit begann eine Zeit, von der er anfangs glaubte, dass sie niemals enden würde.
Mit dem Empfang fing es bereits an. Ihre Mutter öffnete. Als sie ihn sah, glitt ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Mitleid über ihr Gesicht, so dass Bendgen gleich die Knie zitterten, doch gewohnheitsgemäß bat sie ihn, einzutreten. Da ertönte aus dem Hintergrund Ilonas Stimme: Mutti, wer ist da? – Der Bernd, antwortete die Mutter, aus irgendeinem Grund gereizt und zog ihn hinein. Im Nu erschien Ilona selber, sie stand im Halbdunkel des Korridors und rief hastig: Bernd? Warte ein paar Sekunden, ich ziehe mir nur schnell was an. Wir gehen ein Stück spazieren. Die Mutter ließ die Arme sinken und wagte es nicht mehr, ihn anzuschauen.
Sie gingen ein Stück spazieren. Ilona verschränkte die Hände auf dem Rücken, was Bendgen bei ihr noch nie gesehen hatte. Außerdem drehte sie sich andauernd um. Was ist denn nun eigentlich los, fragte er. Nichts, was soll denn los sein, erwiderte sie und wurde rot … Später sagte sie: Ich habe eben einen anderen Jungen lieber als dich. (Es handelte sich um einen Studenten der hiesigen Ingenieurhochschule, wie er einige Zeit danach erfuhr. Vor zwei Jahren hatten sie geheiratet.) – Er blieb stehen, wie vom Donner gerührt. Aber wieso denn das? – Ich weiß doch auch nicht. Ilona schnüffelte, dann weinte sie. Ich kann doch nichts dafür. Das kam so plötzlich. Ich habe mir nicht getraut, dir das zu schreiben. Sei mir bitte nicht böse … Den Rest der Unterhaltung hatte er vergessen. Er entsann sich nur noch, dass er immer wieder in sie gedrungen war, ihm die Gründe dafür zu nennen, dass es so gekommen war – und dass sie sich dazu nicht nur außerstande sah, sondern seiner Hartnäckigkeit sogar mit einer gewissen Verständnislosigkeit und später sogar ausgesprochener Ungeduld begegnet war.
Sie hatte eben einen anderen Jungen lieber als ihn, dieser Satz sowie ihre nichtssagenden Entschuldigungsfloskeln prägten sich ihm ein und beschäftigten ihn noch lange danach.
So einfach war das also? Da war man mit einem Menschen eine halbe Ewigkeit zusammen, hegte ihm gegenüber Gefühle von nie gekannter Ausschließlichkeit, spürte, dass diese erwidert wurden, vermochte sich nicht vorzustellen, jemals wieder darauf verzichten zu müssen, war bereit, alles zu tun, diesen Zustand zu bewahren, und dann – aus. Einfach so. Nicht einmal nach Gründen durfte man fragen, geschweige denn, sich dagegen auflehnen. Es gab keine Instanz, bei der die eine Seite ihren Anspruch auf Gegenliebe einklagen und von der die andere Seite zur Erfüllung dieser Forderung verpflichtet werden konnte. Man durfte sich zwar beschweren (und bekam in der Regel auch sein Recht), wenn einem eine Ware mangelhafter Qualität verkauft worden war, hier jedoch, wo es um viel mehr ging, hatte man hinzunehmen, was der Zufall über einen verhängte.
Bendgen war nicht so naiv zu glauben, dass ihm Außergewöhnliches widerfahren war. Natürlich nicht. Dass Liebesverhältnisse zerbrachen, und dies sehr häufig auf Kosten eines Partners, erfuhr man ja aus Filmen und Büchern; auch Bekannte erzählten davon. Ein etwas älterer Soldat seines Bataillons hatte sich, wie gemunkelt wurde, sogar erschossen, weil ihn seine Frau verlassen hatte. – Früher hatten ihn solche Geschichten nicht berührt. Lächerlich, sich deswegen umzubringen. Nun, wo es ihn selbst betraf, wurde er das Empfinden nicht los, Opfer einer schreienden und unbegreiflichen Ungerechtigkeit zu sein. Er wunderte sich manchmal, dass so viele Menschen über diese Dinge mit einem Achselzucken hinweggingen und dass er mit seinem Kummer eigentlich ganz alleine war. Was gab es denn noch Schlimmeres? Hunger, Krieg, Krankheit, Tod – sicher. Aber in diesen friedlichen Zeiten spürte man doch nicht viel davon, wenigstens nicht hier. Man lebte im Großen und Ganzen normal, hatte sich an einen Zustand von Schmerzlosigkeit, an das Fehlen von Angst und Leid gewöhnt – und plötzlich, aus heiterem Himmel, war die Welt aus den Fugen, und niemand, außer einem selber, empfand das so. Das vermochte er nicht zu fassen, konnte er nicht begreifen.
Sehr oft träumte er von ihr, in den ersten Wochen beinahe jede Nacht. Es waren Träume von noch nie erfahrener Intensität, so dass er, im Unterschied zu früher, immer erst nach dem Aufwachen (und manchmal auch dann nicht sofort) merkte, dass er geträumt hatte. Die Träume hatten vieles gemeinsam. Stets traf er Ilona irgendwo: auf der Straße, in einer Gaststätte, im Theater, in einem Zug oder Flugzeug. Einmal war sie die Bibliothekarin im Objekt. Nie war er darauf gefasst, sie zu treffen, aber mit einem Mal leuchtete sie aus einer Menge hervor, erkannte ihn schon von weitem und winkte ihm zu. Sie lächelte hintergründig und verheißend, wie sie in Wirklichkeit nie gelächelt hatte, und dann sprachen sie miteinander über belanglose Dinge, und wenn Bendgen aufwachte, war ihm einen Augenblick lang leicht und fröhlich zumute. Manchmal sagte sie, dass sich alles wieder einrenken werde, aber auch dann, wenn sie das nicht sagte, fühlte er sich hinterher so, als hätte sie es gesagt.
Wann war er mit der Sache fertig geworden? Das ließ sich nicht mehr feststellen, so sehr er auch grübelte. Überhaupt besaß er klare Erinnerungen nur an die ersten Wochen danach, später floss alles zusammen, schien sich im Kreis zu bewegen. Was waren diese drei Jahre doch für eine lange Zeit gewesen! Bereits nach einem Jahr beherrschte ihn die Empfindung, dass Anfang und Ende gleichermaßen weit voneinander entfernt, ja unerreichbar waren und dass er den größten Teil seines Lebens in der Armee verbracht hatte. Dem Abschluss seiner Dienstzeit sah er mit einer formellen, irgendwie gehemmten Sehnsucht entgegen, ohne sich diesen Augenblick recht vorstellen zu können. So war es vor allem in D., einem winzigen Ort in Mecklenburg, wo sich inmitten von Seen, Wäldern und Sümpfen ein Militärflugplatz befand. Im Gegensatz zu seinen Kameraden, die ihren Aufenthalt hier als wahre Strafe empfanden, war Bendgen von der neuen Umgebung sehr angetan; und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem die anderen sie als trostlos ablehnten: es fehlten hier (eine kleine Dorfkneipe ausgenommen) die üblichen Möglichkeiten der Zerstreuung. Denn diese waren ihm mittlerweile verhasst geworden.
In seiner Freizeit ging er oft angeln. Außerdem las er viel und eignete sich eine Menge Kenntnisse über Dinge an, die ihn vorher nie interessiert hatten; dies zunächst ins Blaue hinein und ohne sich darüber Gedanken zu machen, welchen Nutzen das einmal bringen würde. Bei den Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen galt er als ausgesprochen seltenes Exemplar, in dem sich Eigenschaften, die von allen drei Gruppen geschätzt wurden, konfliktlos vereinigten: Zuverlässigkeit in der Erfüllung dienstlicher Aufgaben, ein merkwürdiges Desinteresse gegenüber Vergünstigungen sowie jene Mischung aus Kompetenz, Konsequenz und einer gewissen Gleichgültigkeit – Merkmale einer um ihre Erhaltung unbesorgten Autorität –, welche selbst notorische Drückeberger zu Leistungen führt, die sie ansonsten nur unter massivem Druck erbringen würden.
Erst wenige Monate vor der Entlassung, als das Ende schon greifbar nahe war, erwachte er aus seiner Erstarrung. Das geschah, als er vom Aufnahmegespräch zurückkehrte, die Stadt war voller Frauen gewesen, schien nur von Frauen bevölkert zu sein. Er rieb sich die Augen. Was war denn nur los gewesen mit ihm? Jetzt begann es doch erst! Er verstand nicht mehr, was ihn die ganze Zeit aufrechtgehalten hatte, wie er so ohne Ziel und Hoffnung hatte leben können. Von da an konnte es ihm nicht schnell genug gehen.
Da er das Studium mit sechs Wochen Verspätung antrat, stürzte er sich zunächst in die Arbeit und holte in verhältnismäßig kurzer Zeit nach, was er versäumt hatte. Als man merkte, wie gut das bei ihm lief, wurde ihm gleich noch eine Funktion übertragen … In der ersten Parteiversammlung lernte er dann Ilka kennen. Sie war ihm von Beginn an aufgefallen, aber so, wie man einen Gegenstand zur Kenntnis nimmt, den man aller Wahrscheinlichkeit nach nie besitzen wird; das gutgebaute blonde Mädchen mit dem Äußeren eines Fotomodells würde wohl nicht gerade auf ihn gewartet haben. Außerdem war sie ihm „rein menschlich“ unsympathisch: Sie ließ sich keine Gelegenheit entgehen, in Diskussionen aufzutreten, regte sich aber in der Zeit, in der sie zum Schweigen verurteilt war, mit ihrem Anhang laufend über andere Redner auf. Dazu diese überspannten FDJ-Manieren, sich wegen jeder Kleinigkeit mit der staatlichen Leitung anzulegen, nur, um sich Mündigkeit zu bescheinigen. Und schließlich war sie schon im zweiten Studienjahr. Kurzentschlossen schrieb er sie, was ihre Bedeutung für seine Person betraf, ab und verwendete keinen Gedanken mehr auf sie. Aber in der Dezember-Versammlung geschah es, dass sich ihre Augen trafen, und Bendgen, aus irgendeinem Grund froh gestimmt, musste unwillkürlich lächeln. Ihre Gesichtszüge, die eben noch von einer nervösen Empörung verzerrt waren, glätteten sich daraufhin und gingen überraschend schnell ebenfalls in ein Lächeln über. Das war so reizvoll, dass Bendgen für einen Moment fast schwindlig wurde.
Nach ein paar Tagen wiederholte sich der gleiche Vorgang in der Bibliothek, und so ging das eine Weile fort. Der Punkt, an dem Bendgen meinte, sich unwiderruflich blamiert zu haben, war schon längst überschritten, als es dann, kurz vor den Weihnachtsferien, auf einem Tanzabend im Klub endlich zu der überfälligen Begegnung kam; in dem dämmrigen Gewühl eines dieser kleinen kahlen Zimmer gab es weder einen Grund noch die Möglichkeit, ihr auszuweichen. Als er sich gegen Morgen nach Hause begab (sie hatten ein paar Stunden stehend im Heizungskeller zugebracht), war er von einer laschen Zufriedenheit erfüllt; ansonsten entsprach aber seine Stimmung nicht dem, was er in dieser Nacht erlebt hatte. Das Mädchen hatte sich ihm mit einer Rückhaltlosigkeit offenbart, für die es, so schien ihm, einfach keine Erklärung gab; sie hatte ihm geradeheraus gesagt, dass sie in ihn verliebt sei und ganz verzweifelt gewesen wäre, weil er nicht die Initiative ergriffen hätte; sie hatte ihn mehrmals inbrünstig an sich gedrückt, von der Freude überwältigt, dass es nun doch noch so gekommen war, wie sie sich es gewünscht habe … Bendgens Beitrag zu der Unterhaltung hatte lediglich in einem ab und an gemurmelten „Ich bin ja auch froh“ oder „Jetzt hat es ja doch noch geklappt“ bestanden; im übrigen war er damit beschäftigt gewesen, sich die – für ihn tatsächlich wichtige, aber in dieser Situation natürlich völlig unmögliche – Frage zu verkneifen, womit er sich ihre Zuneigung verdient habe (später erfuhr er, dass sein Lächeln den Ausschlag gegeben haben sollte, doch damals hätte er das sicher noch nicht geglaubt). Er nahm sich vor, auf der Hut zu sein und den Zeitpunkt, zu dem sich der Irrtum aufklären und ihre unverständliche Begeisterung für ihn nachlassen würde, eher zu bemerken als sie. In den folgenden Tagen war er von einer gleichbleibenden, aber leidenschaftslosen Freundlichkeit, die ihm keine besondere Beherrschung abverlangte und sie nicht zu stören schien, obwohl sie sich doch von ihrem Verhalten erheblich unterschied. Er begriff nichts mehr.
Dann kamen die Weihnachtsferien, und beide fuhren nach Hause zu ihren Eltern. Ihm kam das sehr gelegen, mal sehen, was sie nach den zwei Wochen sagen würde. Sie schrieb ihm ausführliche Briefe, in denen sie auf eine lustige und gar nicht gezierte Art ihren Tagesablauf schilderte – Mädchenkorrespondenz, wie er sie bisher noch nicht kannte. Jeder dieser Briefe schloss mit einer knapp, aber angemessen formulierten Loyalitätsversicherung (wie er das bei sich nannte), über die er sich mehr freute als über den restlichen Inhalt, denn mit der Dauer der Trennung begann er, ihr Wiedersehen herbeizuwünschen.
Als es dann aber soweit war, musste er feststellen, dass er völlig vergessen hatte, wie sie in Wirklichkeit war; der nüchterne Stil ihrer Briefe hatte ihm jedenfalls besser gefallen als die überschwängliche Art, in der sie ihm nun wieder entgegentrat. Erneut begann eine Zeit, in der er zwischen Misstrauen (das er sorgfältig verbarg) und dem Gefühl, ihrer sicher sein zu können, schwankte. Obwohl dieser Zustand kein Vergnügen bereitete, blieb Bendgen bei seiner Strategie eines gezügelten Engagements, um am Ende nicht oder im günstigsten Fall angenehm enttäuscht zu werden. Dieser Zug war ihm selber neu, aber er fand kaum Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Außerdem: Der Erfolg gab ihm recht … Allmählich neigte sich die Waage auf die von ihm gewünschte Seite, an Ilkas Ergebenheit ließ sich bei aller Vorsicht nicht mehr zweifeln. Damit begann die zweite Phase ihrer Beziehungen. Bendgen lebte in der angenehmen Gewissheit, geliebt zu werden, und da seine Freundin hübsch und klug war sowie in ihrer beider Umgebung großes Ansehen genoss, war es für ihn keine Frage, dass auch er sie liebte. Sie schliefen nicht nur miteinander, sondern besuchten auch Foren, Film- und Theateraufführungen und diskutierten über Studienprobleme. Mit einem Wort – alles war so, wie es gewisse Bücher empfahlen. Und dennoch …
Es begann mit Kleinigkeiten, die sich erst in der Rückschau zu einem Bild fügten. An einem Wochenende, Mitte März, verbrachten sie die Nacht im Internat (die beiden anderen Mädchen waren nach Hause gefahren). Sie hatten die Gelegenheit sozusagen weidlich ausgenutzt, was man tun konnte, war getan, jetzt ging es nur noch darum, einzuschlafen; Ilka rutschte, die Augen bereits geschlossen, hin und her, die Lage suchend, die die größte Bequemlichkeit versprach. Nicht zum ersten Mal stellte Bendgen fest, dass sein Bedürfnis, jetzt allein an der frischen Luft zu sein und dann im eigenen Bett zu liegen, mindestens ebenso groß war wie seine Müdigkeit. Oder war es größer? Was zwang ihn eigentlich, noch fünf Stunden in dem für zwei Personen viel zu engen Bett auszuharren, einen Zustand zu ertragen, den man Schlaf nicht nennen konnte, da jede ihrer Bewegungen ihn aufweckte – um dann gegen Morgen wie zerschlagen nach Hause zu laufen und dort nachzuholen, was er hätte schon früher haben können? Welchen Sinn hatte das? Keinen.
Aber Ilka war anderer Meinung gewesen, und wenn er hätte den Zeitpunkt nennen müssen, zu dem sein Verhältnis zu ihr umgeschlagen war, dann wäre ihm zuerst jener Augenblick eingefallen, als er, ihr Einverständnis voraussetzend, geflüstert hatte: Ich haue jetzt ab, ja?
Sie war aufgeschreckt, hatte, anfangs ohne zu begreifen, was er meinte, gestammelt: was, wieso, wohin denn, hatte dann, wie es ihre Art war, die Augen weit aufgerissen, ihn fassungslos angestarrt und schließlich gesagt: Das ist doch nicht dein Ernst! – Doch, hatte er verblüfft erwidert und ihr die (beiderseitigen) Vorteile erläutert, die sein Aufbruch nach sich ziehen würde.
Aber Ilka hatte sich seinen zwingenden Argumenten verschlossen, sie war in ein trauriges, abweisendes Schweigen verfallen, und erst kurz bevor er sie verließ, hatte sie nachdenklich, ohne Vorwurf und als spräche sie zu sich selbst, gesagt: Bisher ist es immer mir so gegangen, dass ich hinterher allein sein wollte. Das bezog sich auf ihre verflossenen Bekanntschaften. Bendgen, wegen dieses Hinweises auf ihre Vergangenheit sogleich verstimmt (von der er übrigens einiges wusste, da sie die, wie sie meinte, ungleich höhere Qualität ihres Verhältnisses zu ihm gern daran maß), hatte erst entgegnen wollen, dass sie ihn dann ja verstehen müsste, unterließ es jedoch, als ihm die Bedeutung des Satzes aufging.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen wurde diese Episode niemals erwähnt. Doch in Bendgen klangen jene Worte nach und verrichteten ein unaufhaltsames, böses Werk. Anfangs war ihm noch nicht bewusst, dass er sich und seine Beziehung zu Ilka wieder zu beobachten begann – nun allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen; denn er hatte sich an den Zustand der Harmonie (den zu erlangen mühevoll genug gewesen war) gewöhnt und ihn als endgültig angesehen. Zwar gab es nun häufiger kleine Unstimmigkeiten. So beklagte sich Ilka, dass es ihn, Bendgen, dauernd in die Öffentlichkeit zöge, wo sie doch viel lieber mit ihm allein sein wolle – natürlich nicht nur, aber die Gelegenheiten dafür wären doch wirklich nicht zu dicht gesät. Bendgen jedoch hatte gute Gründe, dem Alleinsein mit ihr auszuweichen, denn hier lag eine Quelle ständiger Ärgernisse: Wenn er seinen Wunsch, sie (wie in jener Nacht) vorzeitig zu verlassen, unterdrückte, geriet er in eine gereizte Stimmung; kam er ihm nach, fühlte er sich schuldig, und ihm war elend. Trotzdem brauchte er noch eine gewisse Zeit, bis er sich eingestand, dass er sie womöglich doch nicht so liebte, wie er geglaubt hatte.
Von da an ging alles sehr schnell. Vergebens rief er sich in Erinnerung, wie unerreichbar sie ihm noch kurze Zeit zuvor erschienen war, wie froh, ja stolz er gewesen war, dass sie ausgerechnet ihn den anderen Bewerbern – an denen es wirklich nicht fehlte – vorgezogen hatte; vergebens zählte er sich ihre Vorzüge auf – sie war schön, intelligent, temperamentvoll, zärtlich, hilfsbereit, aufgeschlossen, lustig … Alles umsonst. Wenn er sie nicht liebte, dann mochte sie hervorragende Eigenschaften haben soviel sie wollte – die spielten dann keine Rolle, waren ohne Bedeutung. Nur jenes Gefühl galt, das war die Erfahrung, an die er sich zu halten hatte.
So ganz ohne handfeste Gründe ging es dann aber auch nicht; wohl noch eine Gewohnheit von früher. Die neuen Empfindungen suchten nach Bestätigung, und sie fanden sie. Ihn störte ihre Nase, die zu schmal war und, obwohl sie jeden Morgen gepudert wurde, bereits gegen Mittag wieder glänzte; ihn störte, dass sie die Stirn runzelte, wenn sie nachdachte; er fand, dass sie hässlich und verstockt aussah, wenn sie sich gekränkt glaubte; er fand ihre Begeisterung für Ernesto Guevara, den sie und die Leute aus ihrer Gruppe nur „Che“ nannten, unreif und versnobt; ihm missfielen die Nervosität, in die sie geriet, wenn sie etwas aufregte (nicht selten war das kaum der Rede wert) und der Übereifer, mit dem sie sich für die „Interessen der Studenten“ einsetzte; ihm missfielen die sentimentale Art, die sie in gewissen Situationen an den Tag legte und die ihr nicht abzugewöhnen war, und ihre Eifersucht, der sie freien Lauf ließ, wenn es ihr angebracht schien. Schließlich empörte ihn überhaupt, dass sie ihn liebte und sich nicht im Geringsten den Kopf darüber zerbrach, ob es ihm genauso ging – ihm, dem so etwas alles andere als selbstverständlich war.
Es war nun fast einen Monat her, seitdem für Bendgen unwiderruflich feststand, dass er mit ihr Schluss machen würde. Wenn er es bis jetzt noch nicht getan hatte, so gab es dafür mehrere Ursachen. Das Bedauern, einen Freund einzubüßen, die Furcht vor der Auseinandersetzung an sich und dem Gerede, das es an der Sektion geben würde – gewiss, das alles waren Faktoren, die die Verwirklichung seines Entschlusses nicht sonderlich beschleunigt hatten. In der Hauptsache jedoch graute ihm vor der Notwendigkeit, ihr wehtun zu müssen. Zu frisch war noch die Erinnerung an das, was er damals durchgemacht hatte, als dass er jetzt nicht ermessen konnte, wie groß der Kummer war, den er ihr zufügen würde. Bei dem Gedanken daran überlief es ihn jedes Mal heiß … Andererseits – allzu lange konnte die Trennung auch nicht mehr hinausgeschoben werden, denn auf die Dauer würde ihr dieser Zustand genauso zur Qual werden wie ihm. Wenn sie nur nicht so blind wäre und einen Anfang machte!
Die Worte, mit denen Teichmann seinen Vortrag schloss, gingen zur Hälfte im Scharren gerückter Stühle unter; die allgemeine Erleichterung war offenkundig. Gespenstergeschichten hatte man sich wohl spannender vorgestellt. Und dann natürlich die Hitze … Bendgen bemerkte an Teichmanns arroganter Miene, dass dem der Misserfolg zu schaffen machte. Er vermochte nicht, ihn zu bedauern, beschloss aber dennoch, ihn auf der nächsten Leitungssitzung für seine Initiative zu loben; dessen Freundschaft würde ihm das zwar nicht eintragen, denn er war in seiner gekränkten Eitelkeit unbestechlich und lehnte grundsätzlich alles ab, was von ihm kam – doch gerade das war für Bendgen ein Grund, es zu tun. Erst unter solchen Umständen war es doch ein Vergnügen, gerecht zu sein.
„Kommt ihr mit hoch?“, hörte er Siegel fragen. „Bisschen was trinken und ein paar Bändern lauschen …“ Siegel boxte ihn in kumpelhafter Manier auf den Arm. „Na los, Kapo, will sagen Unterfeld, zier dich nicht! Veteranentreffen im kleinen Kreis – wie ist es?“ Noch ehe Bendgen antworten konnte (er hätte abgelehnt, denn morgen hieß es zeitig aufstehen), erklärte Ilka eilig und ohne eine Spur von Verbindlichkeit: „Dankeschön, Dieter, aber heute nicht. Wir haben was vor.“
Bendgen horchte auf. Ilkas Eingreifen war ungewöhnlich, denn meist überließ sie solche Entscheidungen ihm. Er verdrängte den Verdacht, der in ihm aufstieg, und zuckte bedauernd die Achseln: „Leider …“ Siegel in seiner grenzenlosen Ergebenheit nahm diesen Korb ohne ein Zeichen der Verstimmung entgegen und erwiderte tröstend: „Macht nichts, Alter. Dann eben ein andermal. Schönen Abend noch.“ Er haute Bendgen erneut auf die Schulter und trollte sich.
„Was haben wir denn noch vor?“, fragte Bendgen beiläufig auf der Treppe.
Ilka blieb stehen. „Das hast du also auch schon wieder vergessen!“
„Wie bitte?“
„Du hast vorhin gesagt, dass wir uns nachher ein bisschen … unterhalten wollen. Weißt du das nicht mehr?“
„Doch, natürlich. Trotzdem noch mal zu deiner Behauptung, ich hätte schon wieder was vergessen. Ehrlich, ich kann damit nichts anfangen.“
Ilka setzte sich wieder in Bewegung. Unwillig sagte sie: „Das hatte nichts zu bedeuten. Das war nur so eine Floskel gewesen. Aber warum hast du mich denn gefragt, was wir vorhätten, wenn du wusstest, was ich meinte?“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich wusste, was du meintest“, entgegnete Bendgen; er verlieh seiner Stimme einen Ton, der Ilka anzeigen sollte, dass er sehr viel Geduld aufbringen musste. „Etwas vorhaben klingt so anspruchsvoll, ich hatte keine Ahnung, dass es sich nur auf ein Gespräch bezog. Jetzt klar?“
„Nur ist gut. Es gibt doch auch anspruchsvolle Gespräche.“
„Sei nicht albern. Du hast mich schon verstanden.“
Ilka stieß die Luft durch die Nase und versetzte nach einer kleinen Pause: „Besser, als du glaubst. – Wohin gehen wir?“
„In den Park“, antwortete Bendgen prompt und unterdrückte ein Räuspern, das nicht zu vermeiden gewesen wäre, wenn er noch ein Wort mehr gesagt hätte …
Sie stapften über den spärlich erleuchteten Bauplatz. Eigentlich war es verboten, ihn zu betreten, aber wie der Trampelpfad, auf dem sie liefen, bewies, wurde dieses Verbot von den hier wohnenden Studenten kaum respektiert. Schließlich befand sich die Kaufhalle dem Internat genau gegenüber auf der anderen Seite des Platzes, und wenn man da jedes Mal außen herum … Mit dem Bus war es das gleiche.
Zwei Schweißer hantierten in Höhe eines künftigen ersten Stockwerkes, verursachten violette Blitze, wodurch ihre Bewegungen seltsam abgehackt wirkten. Doch zu hören war nichts, denn den ungleich größeren Lärm machte der Dieselmotor einer „Raupe“, die neben dem Internat in der Erde wühlte.
Sie durchliefen mehrere Seitenstraßen und sahen sich endlich der niedrigen und noch ziemlich neuen Kirche einer Methodistengemeinde gegenüber. Hinter ihr begann der Park, ein kleiner Flecken mit sehr alten Bäumen, einem Spielplatz sowie einem verfallenen Pavillon, der aus wer weiß welchen Gründen dort einmal errichtet worden war. Bendgen hatte unterwegs geschwiegen, und auch Ilka war still gewesen. Sie waren in einem scharfen Tempo gelaufen, wie zwei Duellanten, die nur das eine miteinander verband: der Wunsch, möglichst rasch zu dem Ort zu gelangen, der für die Austragung ihrer Händel vorgesehen war. Natürlich hinkte dieser Vergleich in mancherlei Beziehung, nicht nur deshalb, weil Duellpartner gewöhnlich mit Kutschen und aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Aber dem Gefühl des Unwirklichen, das Bendgen erfüllte, entsprach er noch am ehesten.
„Da wären wir“, sagte Ilka und blieb neben einer Bank stehen. Bendgen fragte: „Willst du dich etwa hinsetzen? Lieber nicht. Fass mal an, die ist ganz feucht.“
„Ich will mich nicht hinsetzen. Ich habe nur gesagt, dass wir jetzt da sind. Du wolltest doch in den Park.“
Plötzlich gab es im Gebüsch ein Geräusch. Ilka machte eine Bewegung, als wolle sie bei ihm Schutz suchen, besann sich aber und hielt sich zurück. Bendgen bemerkte das, ihm zog es die Kehle zusammen. Er zwang sich zu einem Lachen. „Wölfe gibt’s hier nicht mehr.“ Und als darauf keine Antwort erfolgte: „Gehen wir ein Stück?“
Sie gingen ein Stück … unter den ausladenden Ästen bejahrter Kastanienbäume, deren kerzenähnliche Blüten in der Dunkelheit schimmerten, vorbei an Blumenrabatten und stark duftenden Sträuchern. Die Luft war lau und weich und so voller Gerüche, dass Bendgen vor manchem Atemzug unwillkürlich stockte. Bis vor Kurzem war es noch kalt und regnerisch gewesen.
Wieder trat Schweigen ein. Bis auf das Knirschen unter ihren Füßen und – allerdings von weither – das Kreischen einer Straßenbahn war kein Laut zu vernehmen. Bendgen lief wie im Traum, zumindest versuchte er, sich das einzureden. Er fühlte sich nicht gedrängt, etwas zu sagen, und nahm an, dass es Ilka genauso ginge. Worüber sollte man auch reden? Genügte es nicht, einfach so zu laufen, inmitten dieses zauberhaften Stücks Natur?
„Ist es wirklich so schwer?“, bemerkte Ilka auf einmal mit spitzer Stimme. Im Nu wurde er dadurch von der Illusion befreit, dass sie seine romantische Stimmung teilte. War es denn tatsächlich soweit? Stand nun jener Augenblick bevor, auf den er nun schon seit Wochen gewartet und vor dem er sich zugleich gefürchtet hatte? Vorsichtshalber fragte er: „Was meinst du?“
„Nein! Nicht wieder so“, rief sie schrill. „Das hatten wir lange genug.“
Er zog etwas den Kopf ein. „In Ordnung“, sagte er, einesteils eingeschüchtert, andererseits verwundert. Seit dem Gespräch auf der Treppe war sie wie verwandelt. Innerlich gab er ihr recht, dachte aber zugleich: Daran bist du nicht schuldlos. Das hättest du früher haben können.
Es entstand eine Pause, von der sich gleich erwies, dass Ilka ihm nur Gelegenheit geben wollte, etwas hinzuzufügen. Als er nichts sagte, hakte sie nach: „Nun …?“
Er seufzte. „Es ist wirklich schwer.“ Seine Stimme zitterte. Doch sie blieb ihm auf den Fersen. „Was ist daran so schwer? Soll ich es sagen? Willst du das?“
Eigentlich ja, dachte er. Aber das war wohl zu viel verlangt. Somit blieben ihm nur noch anderthalb Züge. „Sei doch nicht so giftig“, klagte er. „Denkst du –“ Er holte tief Luft: „Also gut: Ich glaube, ich liebe dich nicht mehr.“
„Du glaubst es nicht, du weißt es. Und zwar schon seit einem Monat. Oder noch länger. Stimmt’s?“
„Stimmt.“
Sowie die schrecklichen Worte heraus waren, fühlte er sich erlöst, wie ein kleiner Junge, der einen Streich begangen und ihn endlich seiner Mutter gebeichtet hatte. Mit einem Ruck war er der Spannungen von Wochen ledig. So einfach war das. Und sofort entstand in ihm das Bedürfnis, diesen angenehmen seelischen Zustand zu verlängern, zu vertiefen. Als sie daher fragte: „Und seit wann genau?“, antwortete er mit einer eilfertigen Begeisterung (die ihm gleich darauf selbst obszön vorkam, denn die Information, die seine Worte enthielten, hatte für den, der sie empfing, einen mehr als zweifelhaften Wert): „Endgültig seit fast einem Monat, da hast du schon recht. Aber es begann früher … Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll … Ich sehe da selber noch nicht ganz durch.“ Er ertappte sich dabei, dass er wie ein Forscher sprach, der von der Lösung einer ungeheuer interessanten Aufgabe in Anspruch genommen wurde; sogar die Stirn hatte er gerunzelt.
Er schaute Ilka an, von der er aber im Dunkeln nicht viel sehen konnte.
Sie fragte mit bebender Stimme: „Endgültig? Was heißt das: endgültig?“
„Nun … wie du schon richtig gesagt hast: Seitdem weiß ich, dass es zwischen uns … aus ist“, erläuterte er arglos.
„Oh Gott!“, rief sie schluchzend und brach in ein hemmungsloses Weinen aus.
Das kam so unerwartet, dass Bendgen vor Entsetzen zusammenzuckte und ein gepresstes Stöhnen von sich gab.
Seitdem er mit ihr zusammen war, hatte er nie Tränen bei ihr gesehen. Wenn sie Kummer hatte oder sich ungerecht behandelt fühlte, verzerrte sich ihr Gesicht auf eine wenig schöne Art, sie schrie dann oder verschloss sich – mehr nicht. Irgendwie passte auch Weinen nicht zu ihr. – Nun war die Situation, in der sie sich befand, nicht gerade alltäglich, und man konnte schon damit rechnen, dass Tränen flossen. Doch nachdem Ilka sein Geständnis derart zielstrebig herausgefordert und er ihr auch nur bestätigt hatte, was sie sowieso zu wissen vorgegeben hatte, war nicht mehr ohne Weiteres zu verstehen, weshalb sie gerade jetzt weinte.
Er legte ihr die Hand auf die Schulter, zog sie dann wieder weg, als er spürte, dass er mit dieser Geste nichts bewirkte. Stattdessen fragte er: „Warum heulst du denn? Was habe ich denn so Besonderes gesagt? Los … hör doch auf! Erkläre mir das mal!“
Sie antwortete nicht. Sie war stehengeblieben, kramte in ihrer Tasche herum, brachte ein Schnupftuch heraus, schnäuzte sich. Wie um diese Unterbrechung wettzumachen, wurde ihr Schluchzen danach noch heftiger.
Bendgen wartete. Er machte eine überraschende Entdeckung: Je länger sie weinte, desto weniger berührte ihn das. Obwohl ihm nach wie vor nicht sonderlich fröhlich zumute war, schossen ihm plötzlich alberne Gedanken durch den Kopf. Es begann mit dem Wort „einregnen“. Und dann: Wenn bei anderen Mädchen Sonne- und Regentage im häufigen Wechsel aufeinanderfolgten, gab es bei ihr vielleicht nur eine Trocken- und eine Regenzeit. Da konnte er sich aber auf was gefasst machen.
Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht. Irgendwann wurde Ilkas Weinen schwächer, sie trompetete kräftig und abschließend ins Taschentuch und beruhigte sich danach rasch.
„Also, was war los“, fragte Bendgen nach einer Anstandspause. Sie zögerte kurz und erwiderte mit belegter Stimme: „Dass du so feige bist …“
„Feige?“
„Ja, feige!“, bekräftigte sie lauter. „Wenn ich heute nicht auf einer Aussprache bestanden hätte – hättest du es dann von allein gesagt?“
„Nein, wahrscheinlich nicht …, na ja, ganz sicher nicht.“
„Eben. Und wie lange wäre das so gegangen? Ich meine, wann hättest du mir es denn gesagt?“
Er entgegnete kleinlaut: „Das weiß ich nicht. Bei irgendeiner passenden Gelegenheit …“
„Bei irgendeiner passenden Gelegenheit? Also dann, wenn ich dich direkt danach gefragt hätte? Oder nach einem Streit?“
„Nein“, sagte Bendgen eilig, „auf keinen Fall. So billig nicht.“
„Was?“
„Das zweite, meine ich. Nach einem Streit.“
„Das bleibt sich doch egal“, versetzte sie trocken. „Auf die Art ist es am leichtesten … Ich hab’s auch oft so gemacht.“
Sie hing sich wieder ihre Tasche über die Schulter und machte mit gesenktem Kopf ein paar Schritte. Er folgte ihr, sagte: „Nein …, aber es stimmt, ich hatte gehofft, dass du mich direkt danach fragen würdest.“
„Und das, meinst du, hat nichts mit Feigheit zu tun?“
„Mitleid würde ich dazu sagen“, entgegnete Bendgen mit Nachdruck. Ihm war unklar, worauf sie hinauswollte, doch der Vorwurf, feige zu sein, missfiel ihm in jedem Fall. Er fügte hinzu: „Schließlich hatte ich ja keinen Vorteil davon, es dir zu verschweigen. Was glaubst du, wie ich mich in den letzten Wochen gequält habe.“
Ilka überhörte das und beharrte: „Mitleid und Feigheit sind in dem Fall dasselbe.“
„Na schön. Ich verstehe bloß nicht, weshalb wir uns gerade darüber unterhalten. Ist das dein Problem? – Meinetwegen, ich gebe ja zu … Sicher spielt hier auch Feigheit mit hinein. Mitleid, mitleiden – also die Angst davor, mitzuleiden. Wenn du das meinst …“
Sie antwortete nicht. Sie blieb wieder stehen und machte sich an ihrer Tasche zu schaffen. Dann fragte sie in einem veränderten Tonfall: „Kannst du mir dein Taschentuch geben? Meins ist ganz aufgeweicht.“
„Natürlich. Bei den kleinen Dingern kein Wunder. – Weinst du etwa wieder?“
„Nein“, sagte sie durchs Taschentuch hindurch. – Er wartete einen Moment und drehte sich weg, denn es genierte ihn zu hören, mit welcher fast männlichen Derbheit sie sich schnäuzte. Offenbar war ihr jetzt alles gleichgültig.
„Und warum hast du geheult? Ich habe doch nur zugegeben, was du mir in den Mund gelegt hattest.“
„Na ja …“, sagte sie kindlich-klagend. „So sicher war ich mir auch wieder nicht. Eigentlich hatte ich gehofft, dass das Ganze ein Irrtum ist. Ich wollte dich nur aus der Reserve locken … Als du dann gesagt hast, dass du schon seit vier Wochen weißt, dass es zwischen uns aus ist … Das war so schrecklich …“
Ihre Stimme brach ab und ging in ein herzzerreißendes Wimmern über. Sie umarmte ihn, legte ihren Kopf an seine Schulter, und er drückte sie an sich.
„Ach so“, sagte er dumpf, mit einem Mal alles begreifend, und von einer bodenlosen Trauer überwältigt.
„Weißt du, ich habe es von Anfang an gespürt. Damals, in dieser Nacht, als du zeitiger gegangen bist … Seitdem habe ich immer Angst gehabt. Ich war kein Mensch mehr. Aber ich habe gedacht, wenn ich nicht darüber rede und dich auch nichts merken lasse … Vielleicht war das falsch, aber wenn man erst mal davon redet … Man darf nicht mal daran denken. Aber am Ende nützt das auch nichts. Wenn es erst mal anfängt, kann man nichts mehr machen.“
Sie hielt inne und fuhr dann tonlos fort: „Ich habe gemerkt, dass ich dir immer lästiger wurde. Vor vierzehn Tagen, auf der Geburtstagsfeier von Ali, da glaubte ich schon, dass nun wieder alles in Ordnung ist. Du warst so lustig und so nett zu mir. Aber dann auf dem Nachhauseweg, als du plötzlich gesagt hattest, du wärest müde … ich dachte, ich muss sterben.“
