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Maral Koohestanian

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Beschreibung

»Die Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit existieren bereits – direkt vor unserer Haustür, in unseren europäischen Nachbarländern.«

Maral Koohestanian ist die entschlossene Stimme einer neuen Politik-Generation, die radikal nach vorne blickt. Auf ihren Reisen zu beeindruckenden Best Practices in Europa zeigt sie, mit welchen innovativen Konzepten wir in Deutschland und Europa neue Wege gehen können – bei Klimaschutz, Digitalisierung, Sicherheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit.
Konkret und konstruktiv analysiert sie erfolgreiche Lösungen für unsere drängendsten Probleme und belegt ihre zentrale These: Es mangelt nicht an Ideen oder erprobten Konzepten, sondern am politischen Mut, sie umzusetzen.

Fundierte Fakten, lebendige Praxisbeispiele und eine persönliche Perspektive – Maral Koohestanians packende Erzählweise macht dieses Buch unverzichtbar für alle, die an einer besseren Zukunft arbeiten wollen.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zu den Autoren:

Maral Koohestanian (1991), visionäre Politikerin und Expertin für nachhaltige Stadtentwicklung, Digitalisierung und Smart City und Volt Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl 2025. Mit Leidenschaft setzt sie sich für mutige, innovative Lösungen ein, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Seit 2023 ist sie Stadträtin und Dezernentin für Smart City, Europa und Ordnung in Wiesbaden. In dieser Rolle treibt sie Projekte für die nachhaltige Stadt der Zukunft voran – mit dem Ziel, Wiesbaden zukunftsorientiert und lebenswert zu gestalten.

Benjamin Schwarz (1978) ist Autor, Berater und Politikwissenschaftler sowie geschäftsführender Gesellschafter der part GmbH für digitales Handeln. Das Projektbüro mit Schwerpunkt auf politischer Kommunikation engagiert sich vor allem in den Bereichen Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. 2021 erschien, gemeinsam mit Raúl Krauthausen, sein Buch »Wie kann ich was bewegen?« bei Edition Körber.

Zum Inhalt

»Die Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit existieren bereits – direkt vor unserer Haustür, in unseren europäischen Nachbarländern.«

Maral Koohestanian ist die entschlossene Stimme einer neuen Politik-Generation, die radikal nach vorne blickt. Auf ihren Reisen zu beeindruckenden Best Practices in Europa zeigt sie, mit welchen innovativen Konzepten wir in Deutschland und Europa neue Wege gehen können – bei Klimaschutz, Digitalisierung, Sicherheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit.

Konkret und konstruktiv analysiert sie erfolgreiche Lösungen für unsere drängendsten Probleme und belegt ihre zentrale These: Es mangelt nicht an Ideen oder erprobten Konzepten, sondern am politischen Mut, sie umzusetzen.

Fundierte Fakten, lebendige Praxisbeispiele und eine persönliche Perspektive – Maral Koohestanians packende Erzählweise macht dieses Buch unverzichtbar für alle, die an einer besseren Zukunft arbeiten wollen.

Maral Koohestanian

Benjamin Schwarz

Bereit für besser

Europas Lösungen für eine lebenswerte Zukunft

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

In diesem Buch wird in der Regel die weibliche oder männliche Form verwendet. Wenn von Frauen die Rede ist, sind damit alle Personen gemeint, die gesellschaftlich als weiblich gelesen werden, unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität oder biologischen Zuordnung. Umgekehrt schließt die männliche Form alle ein, die als männlich gelesen werden. Sprache bleibt immer unvollständig, wenn sie versucht, komplexe Lebensrealitäten abzubilden. Wo möglich, wurde auf eine inklusive Formulierung geachtet. In manchen Fällen wurde aus Gründen der Lesbarkeit auf eine explizite Nennung aller Geschlechtsidentitäten verzichtet, ohne damit deren Existenz oder Relevanz infrage zu stellen.

Copyright © 2025 by Ludwig Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

www.ludwig-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Redaktion: Steffen Geier

Zitat S. 215: Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis

Copyright © 2017 by Kein & Aber AG Zürich – Berlin

Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch

Umschlagabbildung von Mia Conolly und Shutterstock.com / anna42f

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33552-6V001

Inhalt

Vorwort

Kopenhagen  – Wie wir besser mit der Klimakrise umgehen

Stockholm  – Wie aus politischer Planung gelebter Wandel wird

Helsinki  – Warum Wohnen Menschenrecht sein muss

Tallinn  – Wie zwanzig Jahre digitaler Vorsprung entstehen

Warschau  – Wie Bürger*innen eine Eislaufbahn erschaffen

Amsterdam  – Wie eine Wirtschaft aussieht, in der alles rundläuft

Paris  – Wie die Menschen ihre Stadt zurückbekamen

Wien  – Wie bezahlbares Wohnen zur Tradition wird

Prag  – Wie eine Verwaltung auf Innovation setzt

Deutschland  – Wie wir Wandel möglich machen

Quellen und weiterführende Literatur

Vorwort

Veränderung beginnt mit Hoffnung und mit dem Mut, daraus etwas zu machen. Während vielerorts politische Debatten das Lauteste sind, was man vernehmen kann, und selbst praktikable Lösungen im Stillstand enden, sieht man dazwischen immer wieder, dass Wandel möglich ist. Dass ein Alltag anders funktionieren kann: durchdachte Verkehrsnetze, sozialer Wohnungsbau, praktischer Klimaschutz, digitale Teilhabe oder ein verankertes Recht auf Wohnen. Inmitten wachsender Krisen beweisen Städte immer wieder: Fortschritt ist eine Frage politischer Entschlossenheit. Er entsteht aus der Bereitschaft, neu zu denken, was lange als unveränderlich galt. Es mangelt nicht an Lösungen, und Veränderung scheitert selten an Wissen, sondern an der Angst, den nächsten Schritt wirklich zu gehen. Während wir diskutieren, ob Wandel überhaupt möglich ist, wird er andernorts längst gestaltet.

Dieses Buch ist keine Utopie. Es ist eine Einladung, den Blick zu heben und zu erkennen, dass das Bessere nicht weit weg ist. Es ist nebenan.

Ich bin Deutsche, und ich bin Iranerin. Zwei Herzen und Welten, die mich prägen und mir eigene Blickwinkel geben, jede für sich. Im September 2022 wurde die junge Kurdin Jina Mahsa Amini im Iran ermordet, weil sie ihr Kopftuch nicht vorschriftsgemäß trug. Die »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung wurde immer lauter. Frauen und mit ihnen gemeinsam auch Männer wehrten sich öffentlich gegen ein Regime, das Demokratie, Gleichberechtigung und Freiheit bis heute missachtet. Dieser Widerstand geschieht immer mit dem Wissen, dafür mit dem Leben zahlen zu können. Bis heute finden im Iran politisch motivierte Hinrichtungen statt. Die Menschen vor Ort tragen den Widerstand allein, mit nichts bewaffnet als Mut.

Nicht alle können es sich leisten, mutig zu sein. In Deutschland können wir fast alle unsere Stimme nutzen. Es gibt dabei Unterschiede, die nicht gerecht sind. Es gibt Menschen, die weniger Zugang und andere Herausforderungen haben, wenn es um Beteiligung oder die Übernahme eines politischen Amtes geht. Ich zähle mich zur privilegierten Gruppe. Also beschloss ich vor wenigen Jahren, nicht mehr zuzuschauen, sondern meiner Hoffnung Raum zu geben und selbst zu verstehen, wo wir ansetzen müssen, um das zu schützen, wofür Menschen im Iran ihr Leben geben würden.

Hoffnung entsteht, wo Handeln zu Veränderung führt. Im Winter, in dem ich die Reise für dieses Buch machte, verspürten viele Menschen entweder Wut oder Lethargie gegenüber der politischen Realität. Ich wollte Lösungen finden, um zu zeigen, dass es Veränderung gibt. Meine Reise führte mich nach Kopenhagen, Stockholm, Helsinki, Tallinn, Warschau, Amsterdam, Paris, Wien, Prag und wieder zurück nach Deutschland.

Die gegenwärtigen Herausforderungen liegen offen. Klimaschutz, soziale Infrastruktur, die Mobilitätswende und die Digitalisierung sind in ihren Strukturen untersucht, ihre Dynamiken sind beschrieben, und uns liegen unzählige Handlungsmöglichkeiten vor. Technische Instrumente sind bekannt, finanzielle Mittel vielfach identifiziert, und auch die administrativen Voraussetzungen sind grundsätzlich geklärt. Trotzdem bleibt die Umsetzung aus oder findet viel zu langsam und nur fragmentiert statt. Dort, wo Gestaltung möglich wäre, finden wir oft Stillstand. Statt Entscheidung dominiert Absicherung. Während in anderen europäischen Ländern institutionelle Prozesse verändert, politische Prioritäten neu gesetzt und Verwaltungsabläufe angepasst werden, bleibt in Deutschland oft die Frage bestehen, ob der nächste Schritt gegangen werden soll, und Rufe nach der Vergangenheit werden im Diskurs immer lauter wiedergegeben.

Die Diskrepanz zwischen Fortschritt und Stillstand liegt so oft nicht im Kenntnisstand oder in der Komplexität der Probleme. Sie zeigt sich darin, wie politisches Handeln organisiert ist und ob es darauf ausgerichtet ist, Verantwortung zu übernehmen oder vor allem darauf, Risiken zu vermeiden. Veränderung ist möglich. Auf meiner Reise habe ich sie gesehen, und ich konnte die Menschen, die zu diesen Veränderungen beigetragen haben, kennenlernen und verstehen, was es braucht, sie umzusetzen.

Ich wollte wissen: Wie sieht eine Stadt aus, in der das Auto nicht mehr das Maß aller Dinge ist? Wie fühlt sich eine Verwaltung an, die nicht als Gegnerin erlebt wird, sondern als Partnerin? Wie funktioniert Demokratie, wenn Menschen nicht nur alle paar Jahre beteiligt werden, sondern jeden Tag mitgestalten können? Ich wollte echte Perspektiven erleben. Weil ich glaube, manchmal haben wir uns schon viel zu sehr daran gewöhnt, dass vieles einfach nicht geht, dass es »nicht möglich« ist oder »leider noch dauert«, weil es »nicht so einfach« ist. Wir haben uns eingerichtet in der Warteschleife der politischen Vorsicht. Ich bin losgefahren, um zu lernen und vor Ort zu sehen: Es geht anders. Es geht besser. Meine Reise führte mich in Städte, die uns etwas erzählen können, über Mut, über Veränderung, über das Morgen, das schon begonnen hat, und über uns selbst. Sie führte mich durch nordische Schneestürme, über vereiste Gewässer und 6256 Kilometer durch halb Europa. Aber davon werde ich nicht erzählen. Dieses Buch ist kein klassischer Reisebericht. Es ist eine Erinnerung daran, dass es auch anders gehen kann, und daran, dass es spätestens jetzt anders gehen muss, weil Demokratie nicht wartet.

Unterwegs wurde auch deutlich, dass gesellschaftlicher Wandel nicht unter gleichen Voraussetzungen beginnt. Viele Menschen sind durch strukturelle Ungleichheit, ökonomische Unsicherheit, gesundheitliche Belastung, Diskriminierung oder Sorgeverantwortung in ihrer Handlungsmacht eingeschränkt. In einer Demokratie haben alle das gleiche Recht, sich politisch zu beteiligen – zumindest formal. In der Realität zeigt sich jedoch, dass dieser Zugang ungleich verteilt ist. Wer sich einbringen will, braucht Zeit, Informationen und die Erfahrung, willkommen zu sein. Vieles davon ist nicht selbstverständlich. Teilhabe bleibt möglich, aber nicht für alle gleich. Dieses Buch spricht aus einer privilegierten Position – mit Zeit, Ressourcen und Zugang zu Austausch.

Manche Menschen brauchen im Winter eine Flucht in den Süden. Ich finde, wir brauchen viel eher einen Aufbruch in die Zukunft. Einen Blick in das, was machbar ist und nebenan schon längst passiert. Am Ende ging es bei meiner Reise aber nicht nur um gute Beispiele. Es ging um das Versprechen, dass wir als Gesellschaft mehr können, dass wir in der Lage dazu sein müssen, die Demokratie zu schützen und alle diejenigen, die in diesem System noch immer zu wenig abgebildet sind. Ich bin gereist, weil ich nicht mehr glauben wollte, dass Stillstand normal ist. Weil ich sehen wollte, was möglich ist, wenn Politik sich traut. Weil ich überzeugt bin: Wir sind bereit für besser.

Kopenhagen – Wie wir besser mit der Klimakrise umgehen

Es ist Januar. Die Straßen in Kopenhagen sind verschneit, die Luft ist kalt, und der flache Himmel prägt das Bild, ohne es zu verdunkeln. Zwischen den Häuserzeilen mit ihren beschlagenen Fenstern zieht der Verkehr gleichmäßig durch die Stadt. Das leise Surren der Räder begleitet die Bewegung, als hörbare Linie einer Entscheidung, die längst getroffen wurde. Es erzählt von einer Infrastruktur, die auf Verlässlichkeit setzt und Stillstand vermeidet. Der Winter wird hier mitgedacht: Die Wege bleiben befahrbar, auch bei Frost. Die Stadt versteht das Klima als bestimmenden Faktor ihres Handelns. Was sich im Betrieb selbstverständlich anfühlt, ist Ergebnis politischer Entscheidungen, die auf Dauer angelegt wurden. In dieser Planung liegt ein Prinzip. Die räumliche Ordnung verzichtet auf Spektakel und Inszenierung: Sie stellt schlicht bereit, was gebraucht wird.

Ich gehe die Lyrskovgade in Vesterbro entlang. Das Viertel offenbart seine Geschichte. Alte Werkstätten stehen neben minimalistischen Cafés. Ein Bäcker verkauft hier seit Jahrzehnten Brot, ein paar Meter weiter ein Laden veganes Eis. Es gibt Veränderung, aber sie drängt nichts aus dem Bild. Das Prinzip der Stadt ist Kontinuität: Kopenhagen bleibt beweglich, gerade dann, wenn die Herausforderungen zunehmen, seien sie klimatischer, finanzieller oder anderer Natur.

Das Eintauchen in die eisigen Gewässer des Hafenbeckens trotz Minusgraden erscheint Außenstehenden wie ein Akt größter Überwindung. Für viele Menschen in Kopenhagen ist es schlicht Alltag und keine Heldentat. Im Moment des Kontakts von Körper und Kälte entsteht eine ungewöhnliche Klarheit. Was hier praktiziert wird, basiert auf einer pragmatischen Entscheidungskultur: Man verhandelt nicht täglich neu mit sich selbst. Die Entscheidung wurde grundsätzlich getroffen und manifestiert sich seither in konsequenter Praxis: unabhängig von Tagesform und wechselnden Befindlichkeiten. Darin zeigt sich ein gesellschaftliches Muster, das weit über das Eisbaden hinausreicht.

Für mich klingt das alles fast absurd. Ich frage mich, ob meine gefrorenen Finger jemals wieder mein Handy benutzen können, aber Kopenhagen bleibt um mich herum in Bewegung: Die Fahrräder rollen, die Kanaltouren fahren. Hier gibt es kein pathetisches Staunen über den Winter und kein Romantisieren der Kälte. Es gibt kein verträumtes Innehalten, um »den Moment zu spüren«: Jedes Mal, wenn wieder ein Fahrrad vorbeisurrt, denke ich beeindruckt: Sie ziehen es wirklich durch. Nicht vornehmlich aus Gründen der Nachhaltigkeit, es sind praktische Erwägungen: Das Rad ist verlässlicher, schneller und effizienter. Ein Drittel aller Wege legen die Menschen in Kopenhagen täglich mit Rad zurück, in Berlin sind es 18 Prozent. Kopenhagen war Fahrradstadt, schon lange bevor hier darüber gesprochen wurde, wie die Stadt mit den Folgen des Klimawandels umgehen könnte. Ein glänzendes Vorbild urbaner Nachhaltigkeit war Kopenhagen hingegen nicht immer. Die Stadt war schmutzig, geprägt von Industrie, Dampf, Ruß und Straßen voller Autos. An anderen ehemaligen Industriestandorten werden die alten Umweltverbrechen bis heute als Tradition verklärt, Kopenhagen hat sich immer wieder und immer radikaler neu erfunden. Heute gibt die Stadt der Welt die Richtung vor. Eine Bewegung, die mir gerade unmöglich erscheint, denn meine Finger sind zu Fischstäbchen mutiert: nicht paniert, aber tiefgefroren.

Ich mag keinen Schnee und noch weniger Kälte. Sie ist wie ein unnachgiebiger Personal Trainer, der einen zur Bewegung zwingt, ob man will oder nicht. Kälte duldet weder Zögern noch gemütliches Flanieren: Sie verlangt Entschlossenheit. Die Menschen hier scheinen ununterbrochen in Bewegung zu sein, auf dem Fahrrad, zu Fuß, als wäre Stillstand unter diesen Bedingungen schlicht nicht vorgesehen. Mein eigener Körper folgt dieser Logik noch zögerlich. Während andere mit routinierter Leichtigkeit durch Raum und Eiszeit gleiten, bleiben meine Schritte vorsichtig. Einmal wie eine Dänin sein, nur für ein paar Minuten. An meinem Zielort wird sich die Temperatur wohl kaum ändern: Ich betrete den Enghaveparken.

Wie Wandel zum Alltag wird

Auf den ersten Blick wirkt alles unauffällig: ein Park, wie man ihn in vielen Städten finden könnte. Mir zumindest drängt sich nichts auf, weder eine besondere Geste, noch irgendein Hinweis auf eine außergewöhnliche Funktion. Vielleicht hatte ich mit mehr gerechnet. Vielleicht mit einem Ort, der sichtbar als Modellprojekt auftritt, der sich als innovativer Raum inszeniert: eine Art Climate-Freizeitpark mit CO2-neutraler Achterbahn und veganer Bratwurst. Stattdessen ein scheinbar ganz normaler Park. Schnell wird mir klar: Dieser Ort überzeugt durch das, was er kann. Der Enghaveparken wurde so gestaltet, dass er auf Starkregen reagiert, Wasser schnell aufnimmt, speichert, wieder abgibt. Die Veränderung, die hier stattgefunden hat, zeigt sich im System und nicht im Spektakel. Die Stadt hat hier nicht nach Bildern gesucht. Sie hat eine wichtige Struktur geschaffen, die im Alltag trägt.

Während ich mich durch den Park bewege, spüre ich: Alle klimatischen Bedingungen sind mitgedacht. Die Wege sind offen, die Plätze voller Leben. Diese Form der Gestaltung entsteht aus einer Haltung, die Klimaresilienz als Grundlage städtischer Planung und nicht als Sondermaßnahme behandelt.

In diesem Moment merke ich, wie sich Gegensätze auflösen. Die Kälte bleibt, aber sie verliert ihre Schärfe. Der Enghaveparken, mitten in Kopenhagen, zeigt an diesem Tag ein Bild, das wie beiläufig entsteht, aber wirkt, als hätte sich die Stadt für einen Moment entschlossen, zu zeigen, dass es sich durchaus lohnt, im Januar hierherzukommen. Kinder in bunten Schneeanzügen werfen sich quietschend in weiße Hügel. Hunde hüpfen wie übermütige Kängurus in Wintermänteln hinterher. Erwachsene, eingepackt in Schichten aus Wolle und Daunen, sehen aus, als hätten sie ihre gesamte Garderobe auf einmal angezogen. In der Mitte des Parks gleiten Schlittschuhläufer über das Eis, manche mit einer selbstverständlichen Eleganz, andere mit der Art von Entschlossenheit, die das Gleichgewicht nicht der Ästhetik opfert.

Ein Hauch von Mary Poppins liegt in der Luft, aber niemand schwebt mit Regenschirm durch das Bild. Die Menschen wirken nicht in Eile, nicht abgelenkt, sie wirken gegenwärtig. Vielleicht liegt darin eine Form von Zufriedenheit, die nicht erklärt werden muss. Es ist möglich, dass dieses Gefühl mit Hygge zu tun hat. Nicht mit dem, was als Exportversion dieser dänischen Lebenshaltung bekannt geworden ist, mit etwas Tieferem, weniger Sichtbarem. Hier, mitten im Enghaveparken, braucht es keine flackernden Kerzen oder weichen Decken, die Wärme kommt aus der Bewegung, aus dem Leben, das sich in diesem winterlichen Stadtbild entfaltet. Ich stehe mittendrin, und für einen Moment scheint es, als würde selbst der kitschigste Weihnachtsfilm gegen die Realität verblassen. Vielleicht liegt darin eine weitere Lektion dieser Stadt: Es geht nicht darum, sich vor der Kälte zu verstecken, es geht darum, eine Stadt so zu gestalten, dass sie ganzjährig lebenswert bleibt. Hier wird nicht debattiert, wie nachhaltige Mobilität aussehen könnte, hier gleiten täglich Tausende auf dem Fahrrad durch den Verkehr.

Ich hingegen bewege mich weiter zu Fuß durch den Park, dessen heutige Selbstverständlichkeit nur aus seiner Geschichte heraus zu begreifen ist. Ich entdecke den historischen Musikpavillon, der von Arne Jacobsen, einem der größten Architekten Dänemarks, entworfen wurde: eine einfache, mit Kupfer überzogene Schale, eine Viertelkugel, die den Klang nach vorne lenkt. Heute tanzen vor der Bühne die Menschen auf dem Eis. Die Musik ist nicht live, aber ich frage mich trotzdem, ob es sich hier vor knapp hundert Jahren ähnlich angefühlt hat. Es lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, sicher ist aber, dass der Enghaveparken, der am 26. April 1929 eröffnet wurde, damals noch in einer anderen Stadt stand. Vesterbro war noch kein Hotspot auf Tripadvisor, es war ein Arbeiterviertel vor den Toren der Altstadt. Ein verdichtetes, industriell geprägtes Quartier. Das Leben seiner Einwohner*innen war bestimmt von Schichtplänen und funktionalem Lebensrhythmus. Selbstversorgung war kein Lifestyle, es war eine Überlebensstrategie. Bevor auf dem heutigen Parkgelände ein Ort der Naherholung entstand, war das Areal durchzogen von Kleingärten, provisorisch angelegte, intensiv genutzte Parzellen. Umgeben von rußgeschwärzten Fassaden und den vertikalen Linien der Fabrikschornsteine, zogen hier Menschen Kartoffeln aus dem Boden. Um sie herum wuchs die Stadt, und sie wuchs schnell. Vesterbro war in dieser Zeit der Motor eines Kopenhagen, das von Expansion und Erschöpfung zugleich geprägt war. In den Mietskasernen lebten oft mehrere Generationen auf engem Raum, geteilt wurden Zimmer und oft auch Notwendigkeiten. In dieser Enge entstanden Formen der Solidarität, die weit über nachbarschaftliche Hilfe hinausreichten. Es formierten sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen. Es ging um Löhne, um Wohnraum und um Sichtbarkeit. Die Kleingärten wurden dem Bedarf an Erholung nicht mehr gerecht. Der Enghaveparken entstand als Ausdruck eines neuen städtischen Bewusstseins: ein Park für die arbeitende Bevölkerung, als Teil einer sozial funktionalistischen Stadtidee, die Erholung als Teil des urbanen Gemeinwesens, nicht als Luxus verstand.

Die Deindustrialisierung begann in Kopenhagen früh, schon in den 1960er Jahren. Vesterbro verlor seine industrielle Identität, ohne unmittelbar eine neue zu gewinnen. Was folgte, war ein tiefer Bruch. Der Stadtteil wurde zum Schauplatz von Sucht, Gewalt und Verdrängung. Der Enghaveparken, früher als Rückzugsort entworfen, war davon gezeichnet, als Symbol des urbanen Scheiterns, nicht als Raum der Erholung. Erst in den frühen 2000er Jahren setzte ein erneuter Wandel ein: Sanierungsprogramme, kulturelle Zwischennutzungen, sozial orientierter Wohnungsbau. Vesterbro begann, sich neu zu formulieren, im Dialog mit der Vergangenheit und nicht als Gegensatz zu ihr.

Heute stehe ich zwischen alten Bäumen, und die Geschichte dieses Ortes ist nicht verschwunden, sie ist eingebettet. Das, was einmal war, das Arbeiterleben, die Kleingärten, die politischen Kämpfe, die soziale Enge, ist nicht ausgelöscht, es ist überlagert von neuen Nutzungen und Möglichkeiten. Vesterbro hat sich mehrfach gewandelt. Die Geschichte des ehemaligen Arbeiterviertels zeigt, dass Veränderung mit Erinnerung beginnt und nicht mit Auslöschung.

Kopenhagen ist eine Stadt, die aus ihren Fehlern lernt. Es gibt Programme für sozialen Wohnungsbau und Initiativen, um die alteingesessene Bevölkerung nicht völlig zu verdrängen. Ein Viertel kann wiederbelebt werden, aber die Menschen, die es geprägt haben, dürfen dabei nicht verloren gehen. Die Stadtverwaltung plante, Vesterbro nicht dem Spiel des freien Marktes zu überlassen. Es sollte gezielt transformiert werden: Unternehmen aus der Kreativbranche wurden angelockt, Start-ups mit Steuererleichterungen geködert, alte Gewerbeflächen in Wohnraum umgewandelt. Langsam wurde aus dem früheren Brennpunkt eine der angesagtesten Gegenden.

Mit steigenden Mieten und dem wachsenden Anspruch, dass ein Stadtteil wie Vesterbro vor allem modern, attraktiv und wirtschaftlich rentabel sein soll, verändert sich jedoch auch, wer hier noch einen Platz findet. Die Gefahr wächst, dass dieser Teil Kopenhagens zunehmend jenen vorbehalten bleibt, die sich die neue urbane Lebensqualität leisten können: finanziell, aber auch kulturell. Für viele entsteht der Eindruck, dass Wandel nicht für alle gedacht ist, dass er sich nur an die richtet, die mit ihrem Einkommen, ihrem Lebensstil und ihrer Sprache mithalten können. Wer aus diesen Anforderungen herausfällt, erlebt den Wandel als Ausschluss, nicht als Öffnung. Er wird als Selektionsprozess wahrgenommen, nicht mehr als gemeinsames Projekt. Hier liegt die Gefahr: für die Gesellschaft und für die Demokratie. Nimmt man Menschen ihre Viertel, nimmt man ihnen Geschichte und ihre Identität. Noch stimmt die Mischung auf den Straßen von Vesterbro, zwischen Kopfsteinpflasterstraßen und Cafés. Im Sommer sind die Cafés und Bars Vesterbros bis in die Abendstunden voll besetzt.

Wie das Wasser alles verändert hat

Samstag, 2. Juli 2011, Kopenhagen. An diesem Abend liegt die Temperatur bei 26 Grad, die Hitze des Tages schwebt noch immer zwischen den Fassaden von Nyhavn und den Straßen von Vesterbro. Menschen sitzen draußen, Gläser klirren, Stimmengewirr, ein friedliches Summen in der warmen, dichten Luft. Die Stadt atmet langsam.

18:50 Uhr: Die Luft ist schwül, noch scheint die Sonne über der Stadt. Aber über dem Øresund verdichtet sich eine dunkle Wand aus Gewitterwolken. Ein böiger Wind setzt ein, lose Gegenstände werden über die Straßen gefegt. Die Stadt hält den Atem an.

19:00 Uhr: Am Hafen schlagen Windböen gegen Boote. Die Blätter der Bäume zittern, Papierschnipsel tanzen durch die Straßen. Ein Gewitter zieht auf.

19:20 Uhr: Eine schwarze Wolkenfront schiebt sich über Kopenhagen. Der erste Blitz entlädt sich, unmittelbar gefolgt von einem durchdringenden Donner: Ein Knall hallt durch die Stadt.

19:30 Uhr: Was als Regen beginnt, eskaliert binnen Minuten. Wassermassen stürzen auf die Straßen. In Vesterbro sprudeln sie aus den Gullys, in Østerbro wachsen Pfützen zu Seen an. Die Kanalisation versagt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, Menschen waten durch Fluten.

19:50 Uhr: Der Regen intensiviert sich dramatisch: In nur zwei Stunden fallen 135 bis 150 Millimeter Niederschlag, etwa doppelt so viel wie sonst im ganzen Monat. Straßen stehen metertief unter Wasser. Autos werden weggespült, Keller laufen voll. Mehr als 5000 Blitzeinschläge werden registriert.

20:00 Uhr: Der Wind fegt durch Kopenhagen. Aber es sind vor allem die Wassermassen, die alles lahmlegen. Im Tivoli-Park fällt der Strom aus, Fahrgeschäfte stoppen abrupt, Menschen fliehen. Zeitweise sind über 10 000 Haushalte ohne Strom. Die Polizei verliert ihr internes Telefonsystem. U-Bahn-Stationen werden geflutet, auch der öffentliche Nahverkehr kollabiert.

20:20 Uhr: In Erdgeschosswohnungen steht das Wasser auf Augenhöhe. Die Notaufnahme des Rigshospitalet droht überflutet zu werden, Evakuierungen sind unmöglich, alle Zufahrtswege sind blockiert. Die Katastrophe erreicht ihren Höhepunkt: Kopenhagen ist eine Seenlandschaft.

20:50 Uhr: Der Regen hört abrupt auf. Kein sanftes Abklingen, ein Ende wie ein Schnitt. Der Wind legt sich, aber die Dunkelheit bleibt. Zurück bleibt eine Stadt im Schockzustand. 90 000 Versicherungsmeldungen, Schäden von bis zu 6 Milliarden DKK, ein Todesfall durch Leptospirose infolge kontaminierten Wassers.

Der Tag kam und legte den klaren Blick auf die Schäden frei: über 800 Millionen Euro. Zerstörungen reichten von beschädigter Infrastruktur bis hin zu unbewohnbaren Häusern. Die tiefer gelegenen Stadtteile hatte es am härtesten getroffen. In Vesterbro waren Kellerwohnungen und Hinterhöfe überflutet, der Enghaveparken, das grüne Herz des Viertels, hatte sich in einen riesigen, schlammigen See verwandelt. Dort, wo am Morgen noch Kinder gespielt hatten, spiegelte sich nun eine unheimliche Wasseroberfläche. Trümmer trieben darauf, abgerissene Plakate, weggespülte Fahrräder und Einkaufswägen, gespenstische Relikte eines zerstörten Tages. Dazu eine Geräuschkulisse aus Alarmanlagen und dem dumpfen Scheppern von Müllcontainern, die wie Schiffe gegen Hausfassaden stießen.

Nach Stunden sommerlicher Trägheit lag Kopenhagen plötzlich unter Wasser. Eine schwere Flut, begleitet von Schlamm, hatte die Stadt über Nacht in eine Landschaft der Zerstörung verwandelt. Nachdem das Wasser abgeflossen war, blieben die Spuren sichtbar. Diese Flut war keine normale Episode, sie war ein Einschnitt. Sie schrieb sich ein, in das kollektive Gedächtnis, in die Erzählungen derer, die in jener Nacht barfuß durch das Wasser gingen, die in Kellern standen und versuchten, zu retten, was zu retten war. Noch heute kehrt diese Erinnerung zurück, wenn der Himmel sich verdunkelt und der Sommer schwer auf der Stadt liegt. Das Wasser war fort, aber das Gefühl, das es hinterließ, blieb.

Alle hatten verstanden, was passiert war. Das war kein einmaliges Unglück oder eine Laune der Natur, die man einfach hinter sich lassen konnte. Der Klimawandel war da, und er würde bleiben. Kopenhagen konnte sich nicht länger darauf verlassen, dass es »so schlimm schon nicht werden würde«. Die alten Modelle hatten versagt, die alten Schutzmechanismen waren der Gegenwart nicht länger gewachsen. Die Stadt konnte nicht einfach aufräumen und weitermachen: Sie musste sich anpassen.

Der Plan, der schließlich gefasst wurde, war ambitioniert, aber notwendig: Kopenhagen sollte zur widerstandsfähigsten Stadt Europas werden. Durch eine radikale Neugestaltung des städtischen Raums, nicht nur durch höhere Deiche oder bessere Abwasserkanäle. Straßen, Plätze, Parks, alles sollte ein Teil des Schutzsystems werden. Kopenhagen begann, sich in eine Schwammstadt zu verwandeln – eine Stadt, die das Wasser nicht fürchtet, sondern aufnimmt. Was früher in Rohren verschwand, wird heute in Böden gespeichert, in Becken gelenkt, in Grünflächen gehalten. Aus Beton wurde Durchlässigkeit.

Mittendrin: der Enghaveparken als Modellprojekt. In seiner bisherigen Form war er machtlos gegen die neue Realität gewesen. Er musste nicht nur saniert, er sollte grundlegend umgebaut werden: nicht als Schnellschuss, nicht als Provisorium, als echte Lösung. Es war das Ergebnis eines langen, komplexen Prozesses, vorangetrieben von wissenschaftlichen Analysen. Schon seit den frühen 2000er Jahren war klar: Trotz aller Vorzeigeprojekte in Sachen Nachhaltigkeit war Kopenhagen nicht ausreichend auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet. Die Stadtregierung setzte auf erneuerbare Energien und nachhaltige Mobilität, CO₂-Reduktion. Die Anpassung an extreme Wetterereignisse blieb lange ein Randthema. Die Klimakrise nicht zu verschlimmern, war das eine, bereits existierende Folgen zu überleben, das andere. Der Wolkenbruch vom 2. Juli 2011, das war die Klimarealität.

Der Klimawandel stellte Kopenhagen vor neue Herausforderungen:

Wasser von oben: Die Winter werden feuchter. Starkregenereignisse überfordern die historische Kanalisation.Wasser von der Seite: Der Meeresspiegel steigt. Heftigere Stürme bedrohen die Küstengebiete.Wasser von unten: Längere Trockenperioden führen dazu, dass der ausgetrocknete Boden plötzliche Regenfälle nicht mehr aufnehmen kann und sie sich stauen.

Für den Enghaveparken bedeutete das: Er durfte nicht nur schön sein, er musste intelligent werden. Noch blieben nach Starkregen die Wiesen tagelang unter Wasser. Pfützen verbanden sich zu kleinen Tümpeln, Wege wurden zu Schlammfeldern. Der Boden, verdichtet durch Jahrzehnte der Nutzung, hatte seine Fähigkeit verloren, Wasser aufzunehmen. Gleichzeitig fehlte jede Möglichkeit, dieses Wasser sinnvoll zu speichern. Der Park war entweder ein überflutetes Feuchtgebiet oder eine staubige, ausgetrocknete Einöde. Die Wiesen versengten unter der Sonne, die alten Bäume, die jahrzehntelang Schatten gespendet hatten, kämpften ums Überleben. Das Holz wurde brüchig, die Bäume wurden krank. Mit ihnen verschwand der Schutz, den sie boten, und mit dem Schatten gingen die Menschen.

Der Enghaveparken hatte die dunklen Zeiten des Drogenhandels und der Unsicherheit hinter sich gelassen, aber das reichte nicht. Nach jedem Regen wurde er unbenutzbar: Bänke standen in Pfützen, Spielplätze verwandelten sich in lehmige Gruben. Mehr Begrünung und zusätzliche Drainagen wären bestenfalls Pflaster auf einer tiefen Wunde gewesen. Die Stadt musste neu denken. Der Enghaveparken sollte einerseits seine ursprüngliche Funktion zurückbekommen: ein Naherholungsgebiet. Andererseits sollte er ein Schutzschild für Kopenhagen werden. Ein Park, der die Stadt aktiv verteidigte. Ein Raum, der Wasser kontrollierte, speicherte und lenkte. Die alte Strategie, Regenwasser so schnell wie möglich aus der Stadt zu leiten, war gescheitert. Ein Relikt aus einer Zeit, in der das Wetter berechenbarer war. Jetzt ging es nicht mehr darum, das Wasser einfach nur loszuwerden, es ging darum, es zu nutzen. Es musste Teil des städtischen Ökosystems werden. Der Enghaveparken bot die Gelegenheit, diese neue Denkweise in die Realität zu übersetzen. Aber der Plan war eine Gratwanderung: Der Enghaveparken war nicht einfach eine leere Fläche, die man nach Belieben umgestalten konnte. Er hatte Geschichte: Für viele Anwohnende war er mehr als nur ein Park. Eine rein technische Umgestaltung hätte massiven Widerstand ausgelöst. Der Park durfte also nicht zu einem bloßen Hochwasserspeicher degradiert werden, er musste ein lebendiger, nutzbarer Raum bleiben.

Jede Veränderung musste daher drei Prüfungen bestehen:

Die Umgestaltung musste ökologisch tragfähig sein. Der Park sollte nicht auf einzelne Extremereignisse reagieren, er sollte dauerhaft mit veränderten klimatischen Bedingungen umgehen können: als Teil einer Infrastruktur, die Wasser aufnimmt, speichert und steuert.Die Anlage sollte sozial nutzbar bleiben. Der Enghaveparken als öffentlicher Raum sollte weiterhin für Kinder, Nachbar*innen und ältere Menschen zugänglich sein.Die Gestaltung sollte sich organisch in das bestehende Stadtbild einfügen. Die technischen Funktionen durften sichtbar werden, ohne sich aufzudrängen.

Es ging also darum, Funktionalität und Aufenthaltsqualität im Gleichgewicht zu halten. Gesucht wurde eine anspruchsvolle Lösung, die sich aber wie eine natürliche Weiterentwicklung anfühlen sollte, nicht wie eine aufgezwungene Notwendigkeit. Der Umbau des Enghaveparken wurde zu einem der ambitioniertesten Stadtentwicklungsprojekte Kopenhagens und gleichzeitig zu einem der spannendsten Experimente für eine klimaresiliente Stadt.

Die Herausforderung, vor der Kopenhagen stand, ging weit über den Enghaveparken hinaus. Die Klimakrise war weder eine abstrakte Zukunftsprognose noch ein lokal begrenztes Phänomen. Kopenhagen entschied sich für den notwendigen Wandel, nicht nur für ein technisches Upgrade. Das ambitionierte Ziel: Die erste klimaneutrale Hauptstadt der Welt zu werden. Eine Stadt, die nicht mehr nimmt, als sie gibt.

Wie ein Park die Stadt beschützt

Zurück im frostigen Hier und Jetzt. Der eisige Wind pfeift durch die Straßen und findet seinen Weg durch alle Kleidungsschichten. Ich laufe zitternd die Heimdalsgade im Stadtteil Nørrebro entlang. Irgendwo hier muss es sein. Zwei große Hinterhöfe später stehe ich vor einem versteckten Eingang. Eine enge Stahltreppe führt hinauf in den fünften Stock. Oben, an einer alten Industrietür, ein kleines Schild: Tredje Natur. Hier bin ich richtig, hier ist es warm. Es ist wie erwartet ein Architekturbüro und wenig Hygge, aber auch diese Atmosphäre wärmt mich sofort. An den Wänden große Skizzen und Karten, auf den Tischen 3D-Modelle, Zukunftsvisionen in klein. Junge Menschen sitzen konzentriert vor ihren Bildschirmen, klicken sich durch digitale Entwürfe, während im Hintergrund eine Kaffeemaschine leise vor sich hin brummt.

Ein strahlender Flemming Rafn, einer der Gründer der »Dritten Natur«, begrüßt mich. Er ist gerade aus dem Urlaub zurück. Wir setzen uns an einen langen Tisch. Die Präsentation flimmert bereits auf dem großen Screen: Enghaveparken. Rafn spricht ruhig, seine Worte sind überlegt. Jemand, der versteht, wie eine Stadt funktioniert. Vor dem Konferenzraum steht das maßstabsgetreue Modell des Parks. Daneben: akribisch ausgearbeitete Pläne, die mich an mein Architekturstudium erinnern. Jede Linie ein durchdachter Kompromiss zwischen Vision und Machbarkeit.

Rafn lehnt sich leicht vor. Die Ellbogen auf dem großen Holztisch. »Architektur«, sagt er schließlich, »ist ein permanentes Aushandeln zwischen Innovation und Realität. Wir Architekten und Architektinnen werden normalerweise nicht dafür bezahlt, innovativ zu sein, sondern dafür, Anforderungen zu erfüllen. Aber wenn wir unsere Aufgabe ernst nehmen, dann reicht es nicht, nur im Bestand zu optimieren. Wir müssen viel mehr über das Naheliegende hinausdenken.« Seine Stimme bleibt ruhig, aber sein Blick verrät, dass dieser Satz mehr ist als ein Standard-Statement eines bekannten Architekten. Er meint es ernst. Er spricht über den 2. Juli 2011, den Wolkenbruch: »Über 800 Millionen Euro Schaden, 90 000 überflutete Haushalte, die Stadt wurde im wahrsten Sinne des Wortes überrollt.« Ein Wendepunkt für die Stadtplanung und für ihn: »Es wurde klar: Hochwasserschutz bedeutet nicht nur höhere Dämme und leistungsstärkere Pumpwerke. Wir standen vor großen Fragen. Wie verbindet man Klimaanpassung mit einem historischen Stadtbild? Wie schützt man eine Stadt vor Hochwasser, ohne ihr die Identität zu nehmen? Die Antwort lag, so simpel es klingen mag, im Wasser selbst.«

Statt das Wasser aus der Stadt zu drängen, sollte der Park selbst zu einem Teil der Lösung werden. Kern der Idee wurde ein Wasserrückhaltebecken mit einem Fassungsvermögen von 22 600 Kubikmetern, groß genug, um selbst extreme Regenfälle aufzufangen und die umliegenden Straßen vor Überschwemmungen zu schützen. »Andere Städte bauen Betonmauern, um sich vor Wasser zu schützen«, sagt Rafn mit einem Schmunzeln. »Wir haben eine gebaut, auf der Menschen sitzen, spielen und Radfahrende ihren Kaffee abstellen können.« Er hat recht. Ich habe sie gesehen. Ein Schutzschild, das sich nicht wie eines anfühlt. Die Hochwasserbarriere im Enghaveparken ist keine klobige Wand, kein sichtbares Bollwerk gegen den Klimawandel, sie ist fast unsichtbar: eine niedrige, elegante Mauer, die sich nahtlos ins Design des Parks einfügt. An vielen Stellen dient sie als Sitzbank, ein scheinbar beiläufiges Detail, aber ihre Funktion ist essenziell: Sie hält das Wasser im Park, wenn die Regenfälle kommen, anstatt es in die umliegenden Straßen entweichen zu lassen. Ein ausgeklügeltes Kanalsystem sorgt dafür, dass Regenwasser gezielt genutzt wird und nicht verloren geht. Wasser von umliegenden Dächern und Straßen wird in den Park geleitet. Bei normalem Niederschlag wird es in einem unterirdischen Speicher gesammelt, später wird es zur Bewässerung von Bäumen und Pflanzen verwendet. Es entsteht ein geschlossener Kreislauf: eine Infrastruktur, die Überschwemmungen verhindert und wertvolle Grundwasserreserven schont.

Es geht hier allerdings nicht nur um Funktion, es geht um eine neue Art von Stadtgestaltung. »Der Park bleibt ein wichtiger Ort, auch wenn keine Flut droht«, erklärt Rafn. Die flachen Wasserbecken, die Regen speichern, werden im Sommer zu Spielbereichen für Kinder. Das Wasser ist nicht einfach nur da, es lädt ein. Besucher*innen lassen ihre Hände durch das kühle Nass gleiten. Eine Erinnerung daran, dass Wasser auch eine wertvolle, gestaltbare Ressource sein kann, nicht nur eine Bedrohung.

Nicht alle Veränderungen im Enghaveparken drehten sich ums Wasser und das Klima. Manche waren Wünsche aus der Nachbarschaft. »Eine ältere Dame kam in eines der Bürgerbüros«, erzählt Rafn mit einem Schmunzeln. »Sie wollte die alte Eislauffläche zurück. Sie hatte die Handynummer des Bürgermeisters, und sie wusste sie zu benutzen.« Heute ist die Eisbahn zurück und damit ein Stück Geschichte, ein Treffpunkt für die Nachbarschaft. Ein Symbol dafür, dass Stadtplanung auch auf das hören muss, was die Menschen jetzt gerade bewegt. Damit ist der Enghaveparken ein Prototyp für klimaadaptive Architektur, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft.

»Wenn Städte resilienter werden sollen, dürfen sie nicht in Beton ersticken«, sagt Rafn. Sein Blick wandert aus dem Fenster, auf das winterliche Kopenhagen. »Sie können leicht, elegant und menschlich sein.« Ob dieses Konzept auf andere Städte übertragbar ist? Rafn zögert keine Sekunde. »Absolut. Es geht darum, bestehende Investitionen mit nachhaltigen Lösungen zu kombinieren. Wenn eine Stadt ohnehin eine neue Straße baut, warum nicht gleich mit integrierter Regenwasserspeicherung?« Es ist pragmatisch, logisch und günstiger als die Kosten von Hochwasserereignissen. Warum wird es noch so selten umgesetzt?

Ich verlasse das Büro und denke mal wieder: Ja, Architektur ist mehr als Ästhetik. Sie kann Strategie sein, ein Werkzeug, das Städte widerstandsfähiger, nachhaltiger und lebenswerter machen kann. Während ich durch die Straßen zurücklaufe, hallen Rafns Worte in meinem Kopf nach: »Wenn Fakten allein ausreichen würden, um die Welt zu verändern, hätten wir das Problem längst gelöst. Aber wir brauchen Geschichten, die inspirieren.«

Der Enghaveparken ist so eine Geschichte. Eine Geschichte von Anpassung und Veränderung. Er steht für die Erkenntnis: Der Klimawandel kann nicht ausgesperrt werden, wir müssen uns und unsere Lebensweise an ihn anpassen, so wie sich der Park an das Wasser anpasst. Mit Veränderungen, die sich für die Menschen organisch anfühlen. Der Park ist nach dem Umbau immer noch »ihr Park«, nur mit neuen Fähigkeiten. Die größten Veränderungen liegen dort, wo man sie nicht auf den ersten Blick sieht: unter der Erde. Die Böden sind komplett neu aufgebaut. Statt der alten, verdichteten Schichten besteht der Enghaveparken nun aus einer mehrlagigen Struktur: Spezielle Bodensubstrate saugen das Wasser auf und leiten es langsam weiter. Unterirdische Rückhaltebecken speichern die Regenmassen und geben sie kontrolliert ab. Versickerungsflächen und Mulden ermöglichen eine natürliche Regulierung des Wasserhaushalts. Die entscheidende Innovation ist ein smartes Drainagesystem, das den Park aktiv in die Wasserwirtschaft der Stadt integriert. Unterirdische Speicher und abgesenkte Flächen wie das Sportfeld und der Rosengarten dienen als Rückhalteräume für Starkregen. Eine umlaufende Deichanlage lässt sich bei Bedarf schließen, sodass, wie gesagt, bis zu 22 600 Kubikmeter Regenwasser aufgenommen und kontrolliert zurückgehalten werden können. Bei Trockenheit wird gespeichertes Wasser genutzt, bei Starkregen wird der Park zur Retentionsfläche, ein Ort, an dem sich das Wasser ausbreiten kann, bevor es Schaden anrichtet. Es gibt kein hektisches Abpumpen oder überforderte Kanäle mehr. Es wäre einfach gewesen, den Enghaveparken zu einer rein technischen Schutzanlage zu machen: mit Betonbecken, Barrieren und funktionalen Strukturen. Dann wäre jedoch der soziale Raum verloren gewesen. Das ist der eigentliche Erfolg dieses Projekts: Es beantwortete die Frage »Schönheit oder Sicherheit?« mit »Beides!«

Die Gestaltung der Wasserflächen ist einer der entscheidenden Punkte, denn hier zeigt sich, wie sehr sich der Enghaveparken von klassischen Stadtparks unterscheidet. In vielen Parks sind Teiche oder Brunnen nur Dekoration, hier sind die Wasserflächen ein aktiver Teil des Hochwassermanagements: Versenkte Flächen, die an normalen Tagen als Spiel- und Freizeitbereiche dienen, können sich bei Starkregen innerhalb weniger Minuten in Seen verwandeln. Ein Park, der den Klimawandel überstehen soll, kann nicht einfach nur anders gebaut werden, er muss auch anders bepflanzt werden. Die bestehenden Bäume sind analysiert worden: Einige waren gesund, aber andere hätten die neuen klimatischen Bedingungen nicht überstanden. Stattdessen wachsen nun widerstandsfähigere Arten, die mit langen Trockenperioden zurechtkommen. Die Bäume sind nicht nur robuster, sie sind auch strategisch platziert, um die zunehmende Sommerhitze abzumildern. Nicht nur einzelne Bäume, das gesamte Ökosystem des Parks ist angepasst worden: Die klassischen Rasenflächen sind nach und nach verschwunden, sie wurden durch artenreiche Wiesen ersetzt, die robuster gegenüber Wetterextremen sind und für mehr Biodiversität, mehr Insekten, mehr Vögel und mehr Leben sorgen. Der Enghaveparken ist nicht mehr nur eine grüne Fläche in der Stadt, er macht die Stadt resilienter.

Was entsteht, wenn Bürger*innen mitentscheiden dürfen

Identifikation kann man nicht erzwingen. Während die technischen Arbeiten voranschritten, lief im Hintergrund eine ebenso entscheidende Aufgabe: Menschen mussten einbezogen werden. Deshalb fanden über Jahre hinweg Workshops und Beteiligungsformate mit Bürger*innen statt. Anwohnende sollten nicht nur zuschauen, sie sollten ihre Wünsche und Bedenken einbringen. Besonders die älteren Anwohnenden, die den Park seit Jahrzehnten nutzten, für die dieser Ort mehr war als nur Grünfläche.

Zur Identität und Geschichte des Parks gehört auch Arne Jacobsen. Er wusste, dass Form Funktion folgen muss, aber niemals auf Kosten der Ästhetik. Seine Pavillons im Enghaveparken sind mehr als Gebäude: Sie waren minimalistisch, elegant und zeitlose Haltung. Als der Park für den Klimawandel umgestaltet wurde, stand die Frage im Raum: Kann man verändern, ohne zu zerstören? Die Antwort lag in Jacobsens eigener Philosophie. Die historischen Pavillons wurden nicht ersetzt, sie wurden originalgetreu rekonstruiert und als architektonisches Vermächtnis bewahrt: als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Denkmalschutz und Klimaschutz, zwischen Jacobsen und einer Stadt, die sein Denken noch immer atmet.

Der Umgang mit Arne Jacobsens architektonischem Erbe macht sichtbar, wie sorgfältig der Park weiterentwickelt wurde. Die Pavillons blieben nicht nur erhalten, sie wurden in die neue Struktur eingebettet und nicht einfach als nostalgisches Zitat verwendet. Der Enghaveparken ist heute mehr als ein historischer Ort mit neuer Funktion, er ist ein Raum, in dem sich Vergangenheit und Zukunft gemeinsam tragen. Auch das fördert die Identifikation der Menschen mit der Stadt.

Die Neugestaltung folgte dem Prinzip der »blau-grünen Infrastruktur«: eine Fläche nimmt Regen auf, leitet Wasser weiter und ermöglicht Speicherung, ohne sich dabei zu verschließen und ihre soziale Funktion aufzugeben. Bei Trockenheit ist der Park Treffpunkt, Spielfläche, Nachbarschaftsraum, kommt der Regen, verändert er seine Form, ohne seine Offenheit zu verlieren. Der Park bleibt ein öffentlicher Raum, der mit dem Klima arbeitet, nicht gegen es. Kopenhagen zeigt in diesem Projekt, wie sich Stadt gestalten lässt, wenn Funktion und Gestaltung aufeinander bezogen bleiben. Ästhetik und Alltag stehen nicht nebeneinander, sie durchdringen sich. Dort, wo das gelingt, entsteht ein öffentlicher Raum, der schützt und trägt.

Europas Lösungen für eine lebenswerte Zukunft – Kopenhagen

Problem: Wiederkehrende Starkregenereignisse überlasten die Kanalisation und verursachten massive Schäden.Lösung: Umbau urbaner Grünflächen zu integrierten Regenwasserspeichern.Maßnahmen: Gestaltung multifunktionaler Parks, die als Rückhaltebecken und soziale Räume dienen; Bodenmodellierung, klimaresistente Vegetation, flexible Wasserspeicher, sichtbarster Prototyp: Enghaveparken.Ergebnisse: Flutsicherheit steigt, Biodiversität nimmt zu, Aufenthaltsqualität bleibt erhalten. Parks werden zu Klimaanlagen der Stadt.Übertragbarkeit: sehr hoch – öffentliche Räume als Wasserinfrastruktur sind weltweit einsetzbar.Fortschritt: Kopenhagen denkt Klimaanpassung als Gestaltungsaufgabe. In Deutschland ist sie oft noch technisches Randthema.

Warum Tourist*innen den Müll besteigen

Mit diesem Gedanken mache ich mich auf den Weg zum CopenHill. Es gibt nicht viele Städte, in denen die Müllverbrennungsanlage eine offizielle Sehenswürdigkeit ist. In Kopenhagen aber gehört genau das inzwischen zum festen Bestandteil geführter Touren. CopenHill, diese hybride Konstruktion aus Industrie, Architektur und öffentlicher Nutzung, hebt sich aus der Topografie der Stadt und der Logik des Gewohnten heraus. Schon auf dem Weg dorthin zeigt sich: Diese Anlage will nicht verschwinden, sie will gesehen werden. Ihre Präsenz ist kein Betriebsunfall, sie ist Programm. Sie zieht Menschen an, nicht nur Techniker*innen und Tourist*innen, auch Neugierige, die herausfinden wollen, wie sich ein Ort anfühlt, der gleichzeitig Energie erzeugt und Freizeitvergnügen verspricht. In einem städtischen Kontext, in dem industrielle Infrastruktur traditionell als funktionale Rückseite gedacht wird, behauptet sich CopenHill als Vorderseite.

Die Botschaft lautet: Was wir hier verbrennen, wird gefiltert, gereinigt, in Energie und städtische Lebensqualität transformiert. Die ganzjährige Skipiste auf dem Dach, die Kletterwand an der Fassade, die Bar mit Blick auf das Containerterminal: All das sind Elemente einer Ästhetik, die keinen Gegensatz zwischen Technik und Alltag anerkennen will. Hier soll spürbar werden, dass Nachhaltigkeit in der Verbindung von Zweck und Möglichkeit liegt, nicht in der Einschränkung. Je näher man aber kommt, desto deutlicher werden auch die Spannungen, die diesem Ort eingeschrieben sind. Amager Bakke, die eigentliche Anlage, produziert Strom und Fernwärme für etwa 150 000 Haushalte, verarbeitet jährlich rund 440 000 Tonnen Müll und gehört zu den technisch effizientesten ihrer Art. Was nach einem Fortschritt klingt, basiert auf einer strukturellen Voraussetzung, die nicht übersehen werden darf: Das System funktioniert nur, solange möglichst viel Abfall vorhanden ist.

Im Inneren des Gebäudes wird diese Logik greifbar. Der gläserne Aufzug, der direkt durch das technische Zentrum führt, gewährt einen ungeschönten Blick auf das Innere: Turbinen, Rohrsysteme, massive Metallstrukturen. Nichts davon ist kaschiert, nichts inszeniert sich als romantische Zukunftsvision. Es ist eine Maschine, der man in Echtzeit bei der Arbeit zusehen kann. Es ist zugleich eine Erfahrung, die sich nicht auf Technik reduzieren lässt. Denn während sich die Kabine durch die Etagen bewegt, mischt sich ein wachsendes Unbehagen in die Faszination.

Oben angekommen, entfaltet sich eine Szene, die sich jeder konventionellen Lesart entzieht. Auf dem Dach, im dichten Licht eines dänischen Wintertages, steht eine Freiluft-Bar mit dem Charme eines Strandausschanks. Wenige Meter weiter schnallt sich jemand seine Skier an, Wanderer*innen erklimmen die Anlage, als seien es die Alpen, während unter ihren Füßen Müll verbrannt wird. Was wie eine Überlagerung disparater Nutzungen erscheinen könnte, bildet hier eine durchkomponierte Gleichzeitigkeit. Nichts wird versteckt, nichts ins Scheinwerferlicht gerückt, alles gehört zur gleichen Oberfläche. Die Atmosphäre oben ist ruhig, fast beiläufig. Niemand scheint sich über den Widerspruch zu wundern. Die Szene erklärt ihre Plausibilität nicht, sie zeigt vielmehr Gewöhnung. Genau in dieser Normalisierung liegt eine Verschiebung, die sich nicht ignorieren lässt. CopenHill präsentiert ein Arrangement, das das Beste aus der gegenwärtigen Lage machen will. Die architektonische Leistung ist unbestritten, die technische Kompetenz eindrucksvoll. Aber das zugrunde liegende Problem bleibt erhalten: Es handelt sich hier um eine Verbesserung der Gegenwart, nicht um eine Lösung für die Zukunft.