Berge Meere und Giganten - Alfred Döblin - E-Book
Beschreibung

Ein Meilenstein des utopischen Romans Megacities, Gentechnik, abschmelzendes Grönland-Eis – viele Themen dieses apokalyptischen, bildgewaltigen Zukunftsromans sind längst zu Themen unserer Gegenwart geworden. Döblins beunruhigende Frage »Was wird aus dem Menschen, wenn er so weiterlebt?« ist der Antrieb eines utopischen Erzählens zwischen Science & Fiction, das ›Berge Meere und Giganten‹ mit Romanen wie George Orwells ›1984‹ oder Frank Schätzings ›Der Schwarm‹ verbindet. Mit einem Nachwort von Gabriele Sander.

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MOBI

Seitenzahl:974


Alfred Döblin

Berge Meere und Giganten

Roman

Fischer e-books

Mit einem Nachwort von Gabriele Sander

Zueignung

WAS TUE ich, wenn ich von dir spreche. Ich habe das Gefühl, als dürfte ich kein Wort von dir verlauten lassen, ja, nicht zu deutlich an dich denken. Ich nenne dich »du«, als wärst du ein Wesen, Tier Pflanze Stein wie ich. Da sehe ich schon meine Hilflosigkeit und daß jedes Wort vergebens ist. Ich will nicht wagen euch nahe zu treten, ihr Ungeheuren, Ungeheuer, die mich auf die Welt getragen haben, dahin, wo ich bin und wie ich bin. Ich bin nur eine Karte, die auf dem Wasser schwimmt. Ihr Tausendnamigen Namenlosen hebt mich, bewegt mich, tragt mich, zerreibt mich.

Ich habe schon Vieles geschrieben. Nur herumgegangen bin ich um euch. Mit Angst habe ich mich vor euch entfernt. In meiner Demut vor euch war Angst vor Lähmung und Betäubung. Immer habe ich euch, ich gestehe es, als Schreckliches in einem dunklen Winkel des Herzens gehabt. Da hatte ich euch verborgen, hielt die Türe zu.

Jetzt spreche ich – ich will nicht du und ihr sagen – von ihm, dem Tausendfuß Tausendarm Tausendkopf. Dem, was schwirrender Wind ist. Was im Feuer brennt, dem Züngelnden Heißen Bläulichen Weißen Roten. Was kalt und warm ist, blitzt, Wolken häuft, Wasser heruntergießt, magnetisch hin- und herschleicht. Was sich in Tieren sammelt, in ihnen die Schlitzaugen nach rechts und links bewegt auf ein Reh, daß sie springen schnappen, die Kiefern öffnen und schließen. Von dem, was dem Reh Furcht macht. Von seinem Blut, das fließt und das das andere Tier trinkt. Von dem Tausendwesen, das in den Stoffen Steinen Gasen haucht, raucht, sich löst, verbindet, verweht. Immer neuer Hauch und Rauch. Immer neues Prasseln Verschmelzen Verwehen.

Jede Minute eine Veränderung. Hier wo ich schreibe, auf dem Papier, in der fließenden Tinte, in dem Tageslicht, das auf das weiße knisternde Papier fällt. Wie sich das Papier biegt, Falten wirft unter der Feder. Wie die Feder sich biegt, streckt. Meine führende Hand wandert von links nach rechts, nach links vom Zeilenende zurück. Ich spüre am Finger den Halter: das sind Nerven, sie sind vom Blut umspült. Das Blut läuft durch den Finger, durch alle Finger, durch die Hand, beide Hände, die Arme, die Brust, den ganzen Körper, seine Haut Muskeln Eingeweide, in alle Flächen Ecken Nischen. So viel Veränderung in diesem hier. Und ich bin nur ein Einzelnes, ein winziges Stück Raum. Auf meinem Tisch, dem weißen Tuch verwelken drei gelbe Tulpen, jedes Blatt daran unübersehbar reich. Daneben grüne Blätter von Weißdorn Rotdorn. Unten auf dem Rasen Stiefmütterchen Vergißmeinnicht Veilchen. Es ist Mai. Ich habe nicht gezählt, wie viele Bäume Blumen Gräser in den Anlagen stehen. An jedem Blatt Stengel Wurzelschaft geschieht sekundlich etwas.

Da arbeitet das Tausendnamige. Da ist es.

Singen der Drosseln, Rasseln Schmettern der Schienen: da ist es.

Stille, mit einer Bewegung gefüllt, die ich nicht höre, von der ich doch weiß, daß sie abläuft: da ist es. Das Tausendnamige. Sich unaufhörlich Wälzende Drehende Aufsteigende Zurückfallende sich Kreuzende.

Ich gehe auf dem weichen wippenden Boden am flachen Ende des Schlachtensees. Drüben die Tische Stühle der Alten Fischerhütte, Dunst über dem Wasser und Schilf. Am Boden der Luft gehe ich. Eingeschlossen in diesem Augenblick mit Myriaden Dingen an dieser Ecke der Welt. Wir sind zusammen diese Welt: weicher Boden Schilf See Stühle Tische der Fischerhütte, Karpfen im Wasser, Mücken darüber, Vögel in den Gärten der Villen von Zehlendorf, Kuckucksruf Gräser Sand Sonnenlicht Wolken Angler Angelrute Leinen Haken Köder Kindergesang Wärme elektrische Spannung der Luft. Wie blendend tobt oben die Sonne. Wer ist das. Welche Masse Sterne toben neben ihr, ich seh’ sie nicht.

Die dunkle rollende tosende Gewalt. Ihr dunklen rasenden, ineinander verschränkten, ihr sanften wonnigen kaum ausdenkbar schönen, kaum ertragbar schweren nicht anhaltenden Gewalten. Zitternder greifender flirrender Tausendfuß Tausendgeist Tausendkopf.

Was habt ihr mit mir vor. Was bin ich in euch. Ich muß sprechen von euch, was ich fühle. Denn wer weiß wie lange ich noch lebe.

Ich will nicht aus diesem Leben gegangen sein, ohne daß sich meine Kehle geöffnet hat für das, was ich oft mit Schrecken, jetzt stille, lauschend, ahnend empfinde.

Erstes Buch

Die westlichen Kontinente

ES LEBTE niemand mehr von denen, die den Krieg überstanden hatten, den man den Weltkrieg nannte. In die Gräber gestürzt waren die jungen Männer, die aus den Schlachten zurückkehrten, die Häuser übernahmen, welche die Toten hinterlassen hatten, in ihren Wagen fuhren, in ihren Ämtern dienten, den Sieg ausnutzten, die Niederlage überstanden. In die Gräber gestürzt die jungen Mädchen, die so schlank und blank über die Straßen gingen, als wäre nie ein Krieg zwischen Männern in Europa gewesen. In die Gräber gestürzt die Kinder dieser Männer und dieser Frauen, die heranwuchsen, an den Häusern bauten, die sie übernommen hatten, die Fabriken bevölkerten, die die Toten errichtet und stehen gelassen hatten.

Geschlecht um Geschlecht war wie von einer langsam rutschenden Wand umgelegt worden. Sie begaben sich in die dunklen Wohnungen, die die Elemente bereiteten. Hinter ihnen wurden schon die neuen Geschlechter emporgehoben, fluteten aus geöffneten Schleusen über die verlassene Welt.

Immer waren wieder blanke junge Mädchen da. Junge Männer mit glänzendem zurückgekämmtem Haar, lebhaften Augen, frischen Mündern und Backen, die gern lächelten. In den Alleen Alte an Stöcken mit abwesenden Blicken, und winzige Geschöpfe in weißem Leinenzeug, die mit schrumpfligen Fingerchen sich vor das blinzelnde rosige Gesicht griffen. Am Himmel bewegte sich das stille blitzende Licht, das morgens erschien und abends unterging. Die Erde drehte sich in Tag und Nacht. Trug Erdteile Meere Gebirge Flüsse mit sich. Gab von Jahr zu Jahr neuen Sommer und Winter von sich. Wälder wurden von ihr hochgewälzt; sie stürzten ein; sie trieb neue auf. Schmetterlinge hauchte sie für ein paar Tage hin. Fische Landtiere Vögel Ameisen Käfer Schnecken wuchsen und zerfielen.

Die Menschen der westlichen Völker hinterließen ihren Nachkommen das Eisen die Maschinen, Elektrizität, die unsichtbaren stark wirkenden Strahlungen, die Berechnung zahlloser Naturkräfte. Man hatte Apparate von ungeheurer Macht. Wie die neuen Menschen ins Leben traten, jubelten sie über die Aufgabe, die vor ihnen lag. Es war ihnen gleich, daß ihnen der Weg vorgezeichnet war; sie und dieser Weg konnten sich nicht trennen. Diese Maschinen, Apparate, für die die glanzvollsten reichsten Lehrstätten gegründet wurden, die die anderen Wissenschaften verdrängt und banal gemacht hatten, unernst und ärmlich, wurden Saugapparate, die von Jahrhundert zu Jahrhundert, zuletzt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt intensivere Kraft entfalteten.

Wie die Apparate und Einrichtungen da standen, sprühend an Vermögen, wurden die Menschen gedrängt, sie über die Länder zu führen. Die Erfindungen waren Zauberwesen, die ihnen aus den Händen glitten und sie hinter sich herzogen. Die Menschen fühlten, es war ihr Wille, der vor ihnen flog.

Um Europa und Amerika lagen die Länder, denen man die Macht der Apparate zeigen mußte, wie ein Liebhaber seine süße Geliebte strahlend über die Straßen führt. Jeder bewundernde Blick fährt ihm wonnig ins Herz; er geht neben ihr, ihren Arm haltend, die ihn verschämt anblickt, blickt stolz nach allen Seiten. Sie drangen in die östlichen und südlichen Kontinente ein. Die Winde der Atmosphäre flossen um die Erdkugel, strömten von wärmerer nach kälterer Erde, stiegen auf, flossen oben ab. Sie wehten, die heiße Zone verlassend, nach Süden und Norden hin; die drehende Erde bog sie zur Seite. Gewaltig die Meeresströmungen, die das gleichmäßige Wasser durchdrangen. Von regelmäßigen breiten Furchungen waren die küstennahen Meere durchzogen, den Strandlinien parallel: Wellen in ungeheurer Bewegung setzten an, unablässig aus der Ferne nachdrängend; einförmig ihr Weg; sie schmetterten gegen den Strand. Den Apparaten der Menschen war nicht vorgeschrieben, wohin sie sich zu wenden hatten. Die fliegenden Menschen durchzuckten jede warme und kalte Luft, mochte sie über dem Boden östlich oder westlich schwimmen, oder in dem Kalmengürtel sich langsam über dem tropischen Boden erheben. Ölschiffe Unterwasserboote sausten fegten durch jedes Wasser; wie ein Messer in der Hand des Chirurgen, das das Gefäß umschneidet überschneidet. Die Menschen drangen in die weiträumigen Landschaften ein, Gebirge und Tiefebenen, heiße und kalte Gegenden tragend, die Asien heißen. Die schweifenden fellbekleideten Wogulen Ostjaken Jakuten Tungusen wichen von ihnen erschreckt und höhnisch ab. Die gelben Völker, Chinesen Japaner, wehrten sich nicht, aber nahmen ihnen die Apparate aus der Hand.

Auf Afrika richteten die blassen eisengetriebenen Männer und Frauen ihre Augen. Der uralte noch immer traumverlorene Erdteil. Über die blaugrüne Fläche des Mittelmeeres fuhren von Norden her wie Geschosse die Schiffe der weißen Völker. Die Randgebirge überflogen die leichten Menschen. Siebzig Breitengrade überdeckte der plumpe Erdkoloß.

Am Mittelmeer lagen die Reste der kleinen arabischen Siedlungen, noch von Räubern Entarteten Ungezähmten bewohnt, die Zufluchtsstätte der nordischen Verbrecher, Kampfzentra gegen die erdumspannende Gesellschaft und ihre knebelnde Sicherheit, auch Schmarotzerherde, wie Polizisten und Richter die Blößen der Gesellschaft erspähend, um sie auszubeuten. Sie züngelten viperartig vor. Aus den Jammerlöchern um die Große Syrte, aus Trabulus Lebda Masrata, die verfallen waren wie altbabylonische und ägyptische Städte, stiegen die zahllosen Männer und Frauen, die während vieler Jahrzehnte den europäischen Stier stichelten und quälten. Über sie brausten die weißen Männer und Frauen in kleinen fliegenden Apparaten weg, über die Randgebirge in die heiße große Wüste.

Die Wüste, das mächtige Wesen, zog sich fünfzehn Breitengrade hin, hinter den Bergketten von Marokko bis Tunis versteckt, von Mauretanien und den Zugstraßen der braunen Tuaregs bis zu alten Weideplätzen der berberischen Aulad Soliman. Sie streckte sich, von den Küstenterrassen herwachsend, mit Ebenen Gebirgsstöcken Dünen grau und weiß unter der Sonne aus, die fast gesichtsnah auf ihr lag. Kiesebenen und Steinwüsten ließ sie wechseln. Der Wind zehrte an den nackten glühenden Hügeln, zerrieb mit Sand die Felsen, die Hitze zersprengte zermürbte die Felsen. Wirbelstürme arbeiteten wetzend. Langsam zerfielen die uralten Gebirge der Erde. Aus der Masse des gelben und weißen Flugsandes stiegen schwarze Hügel Klippen hervor. Neben den Steinplateaus der Hammada al-Hamra lagen die niederbrechenden niedersinternden Trümmerfelder des zernagten Serirs. Der Kalk trat zutage, der den schwarzen zerriebenen Sandstein trug; in Dünen wurde alles zu Sand hingelegt. Tibesti das wilde Gebirge, das im Süden zwei Breitengrade überdeckte; dunkelfarbige Blöcke, massig aufeinander gestuft, kahl und nackt. Aus den senkrechten Wänden rieselte stäubte unter dem saugenden Gluthauch der bläuliche grüne weiße Kalkstein. Riesenwürfel bröckelten glitten langsam von den skelettierten Bergen ab, die Hügel flachten sich ab, schoben sich zu Steinflächen aus mit schwankenden Pfeilern und Säulen. Sechshundert öde Kilometer von Ost nach West das Steinland, die Hammada al-Hamra; der Boden gab sich nur dem Wind und der Sonne her; dünner Sand trieb über ihn hin. Zweihundert tote Kilometer wogte das Land südwärts. Wasserlose Ebenen nach Südosten hin. Dies war Fessan. In den kahlen Kalkebenen zwischen den schwarzen Bergen des Tibesti wohnten die Tedas. Lebten mit dem rasenden Wind, der in Wirbeln über die Platten ihres Landes strich, unter den graugelben Sandhosen, die über den Ebenen hinschwebten. Nadlige Tamariskenbüsche stiegen aus dem gedörrten Boden auf, Sajalakazien, breitkronige Bäume. Selten quoll trübes Wasser zur Oberfläche auf, zu den Disteln Dornbüschen Halfagras. In den zerstreuten spärlichen Pflanzungen stand die Dattelpalme; tief ließ das schlanke anmutige Pflanzengeschöpf seine saugenden Wurzeln in die feuchte Bodenschicht hängen, wiegte auf dem hohen Stamm seine buschige Krone. Die Tedas der Wüste hatten zierliche magere Leiber, dunkelgelblich ihre Haut, die platte Nase hing herab, wulstig die Lippen, der falsche lauernde Blick, nicht haftend wie der der Zwergvölker der Büsche. In ihren dunklen Hemden, den dunklen Schal vor Mund und Nase, Ledersäckchen mit Zauber an Turban Hals Arm zogen sie mit Kamelen von Brunnen zu Brunnen. Kamelmilch und Datteln ihre Nahrung, die ihre Zähne zu braunen Stummeln auflöste. Die Haut unter ihren Sohlen so hornig, daß sie über Kiesel und heißes Schiefergestein laufen konnten. Gebleichte Kamelknochen, die sie fanden, pulverten sie, rührten das Pulver mit Blut, das sie einer Ader der Tiere entnahmen zu Teig; daran sättigten sie ihren Leib. Die Lederringe an ihren Messern zerklöppelten sie mit Steinen, kochten zerschnitten sie, sättigten sich. Nachts schwieg der Sandwind. Wenn an dem tiefdunklen klaren Himmel glänzende Lichter hervortraten, die große Mondkugel im silbernen Äther hoch schwebte, erhoben sie sich stumm aus dem Felsschatten, ein Fatiha murmelnd, wanderten stumm unverschleiert weiter. Tuaregs wuchsen wie sie auf den Flächen der westlichen Wüste; magere mißtrauische Menschen mit zweizinkigen kurzen Wurfeisen und Speeren.

Über den Wellen und Bergketten der Wüste erschienen die weißen getriebenen Flieger. Von den Lagerplätzen der Nomaden trugen sie ängstliche junge mit Gewalt mit sich fort, setzten sie nach Stunden wieder bei ihrer hinstürzenden Horde aus. Die Tedaleute ließen sie bei sich übernachten. Wie der Mond aber sein weißes Licht über die Landschaft goß, lagen die bronzehäutigen Männer vor den Zelten der Fremden, im Schatten, lüfteten lautlos die Wand, warfen Speere. Kaum eine Handbreit flogen die ins Dunkle. Zum Entsetzen der sich hinwerfenden Tedas prallten die eisernen Spitzen wie von einer Wand ab; der lange vibrierende Stab rollte rückwärts. Wenn sich drin bei den schlafenden Männern nichts rührte, schlichen überall geduckt verhüllte Nomaden an die Lagerstätten der Fremden, Revolver in den Händen, die sie von ihnen geschenkt erhalten hatten zu dem roten Tarbusch, dem blauschwarzen Sudanhemd und Beinkleid, dem blauschwarzen Schal für Mund und Nase. Je dichter sie an die Fremden herankamen, um so gewichtiger wurden die Waffen in ihren Fingern. Sie mußten mit Gewalt die Revolver vorwärtsdrängen, die sich vor der Annäherung an ihren früheren Besitzer zu fürchten schienen. Wie aber der gespannte Hahn einschnappte und das Pulver krachte, warf das Explosionsgas das Geschoß nur wenig im Rohr vorwärts, dann drückte die Kugel rückwärts, das Rohr zersprang knatternd, zerriß den Angreifern die Hände. Die Fremden standen ruhig auf. Die kleinen Lederkästchen, die die eisenabstoßende Ladung enthielten, schnallten sie fester über ihren Brüsten, verbanden die Verwundeten, sprachen den Angreifern, die sich im Sand vor ihnen vergruben, zu, und denen, die im schwarzen Tamariskenschatten im Hinterhalt bewegungslos lagen.

Über Horden, die mit ihren Kamelen von versiegenden Brunnen zu versiegenden Brunnen sich schlugen, senkten sich fliegende Fremde, legten gefüllte Schläuche unter sie. Da kam Unruhe Ungeduld unter die Stämme von der Großen Syrte bis zum Tsadsee. Mehr und mehr von den Männern und den zierlichen Frauen blickten verlangend auf die weißen fliegenden Menschen, verschwanden mit ihnen. Die Alten saßen an ihren Lagerplätzen, in den Dattelpflanzungen, fühlten Grimm Haß Trauer Ohnmacht. Stämme im südlichen Tibestigebirge ließen ihre Pflanzungen im Stich, flohen in die Wüste bei der Annäherung der Weißen, zerrissen die Schläuche, die ihnen die fremden Zauberer zuwarfen, schlugen sich, vom Haß getragen, vorwärts. Das Abbröckeln unter der Verlockung der Europäer war nicht zu verhindern. Fessan, die Hammada von Murzuq, das westliche Steinplateau der Wüste leerte sich von den dürren braunen Menschen, die sie gezeugt hatte. Sie schwammen durch die Luft, dienten den weißen Meistern, die Diener einer geheimnisvollen abenteuerlichen Weisheit, eines Zauberwesens waren, das sich in der kalten feuchten Region angesiedelt hatte. Die ernsten Wüstensöhne wurden in die warmen Küstenlandschaften des Mittelmeers, nach Sizilien, Unteritalien, dem Balkan, Spanien geworfen. Viele flohen nach Freiheit verlangend zurück, verkamen, unfähig die alten Sitten zu lieben, die neuen anzunehmen, von den einschmelzenden Resten ihrer Stämme geächtet.

Die Große Wüste dehnte sich unbewegt, stumm von den Küstenterrassen, mit Steinflächen Kiesebenen Dünen und Hochplateaus, mit Natronseen grünen Oasen über das heiße Festland bis zum Tsadsee, aus dem die Elefanten soffen, an dem die Antilopen sprangen, Pelikane flogen.

Die Massen des Sudan wurden ergriffen, Wangela Aschanti Sokoto Fellata, die vom Kongo Mantema Urua und südlich am Tanganjika. Diesmal gab man ihnen nicht bunte Stoffe Glasperlen, nahm ihnen Elfenbein Kautschuk. Die Völker schmolzen nicht zusammen, als die Nordmänner und -frauen bei ihnen erschienen. Es hatte die längste Zeit Buschvölker Akkahs Pygmäen gegeben. Die kaffeebraunen Waldkobolde mit den tiefeingesenkten verkniffenen Augen, den großen Rundköpfen, den affenartigen Fratzen, die gehaßten scheuen Zwerge waren in Kürze von ihren Nachbarn, den Monbuttu, ausgerottet; und wo sie auf der Wanderschaft erschienen, saß man hinter ihnen her, tötete sie. Die gekrümmten Säbelmesser die Lanzen Pfeilspitzen mit Blutrinnen, die Bogen aus Rohr fielen den dunklen Männern zuerst aus der Hand. Es hatte keinen Sinn mit den alten Waffen umzugehen, die Weißen boten stärkere, leicht handliche. Sie brachten nicht nur die Waffen, sondern setzten sich unter die dunklen Männer und Frauen, zeigten, wie man gefährliche Kräfte aus der Luft und Erde holt, wie man sie steigern und anreichern kann. Auf nichts waren die Schwarz- und Braunhäute so aus wie auf Gewinnung der neuen Geschosse Gase Abwehrschilde und Masken. Und wie sie die Geschosse hatten und ihren Nachbarn überlegen wurden, – die zuerst ergriffenen von der Guineaküste, die von Joruba und Benin über die westlichen Aschantis, die Mandingoleute über die von Futa Djallon und die Gebirgsvölker am oberen Niger, die Makua von Mozambique über das Gasaland Matebelereich Lobisa Uemba Batonga – gaben sie, sich kriegerisch ansiedelnd, die Holzscheunen die Rundhütten aus Lehm Akazienästen Strohdächern auf. Die eisernen gläsernen rasch zerlegbaren Wohnungen der nördlichen Striche zogen unwiderstehlich ein. Und die Menschen drängte es, zu wissen, wie man sie baute, um neue zu bauen, die entfernten Stämme zu unterwerfen. An der Westküste, am mittleren Niger, Tanganjikasee, Senegal, wo feste Negerstaaten entstanden, gingen die ersten Bergwerke in den unerschlossenen Boden, getrieben von den kriegerischen Einheimischen. Stämme über Stämme wurden ausgerottet. Immer kämpfte die lähmende reiche Schönheit, üppige Fruchtbarkeit der Länder mit dem Ehrgeiz der Menschen, hinter denen die Wunderapparate der Nordleute standen. Da entstanden die ungeheuerlichen Reiche der Eingeborenen, wie die Gewächse des Landes sich rapid ausbreitend, andere umschlingend und in sich zusammenstürzend.

Und wie die Reiche stürzten sich befestigten, flogen und fuhren neue stolze Scharen Weißer, die Erfinder Entdecker, Herren der Gewalten, ein, gaben ihr Werk hin, schmolzen selbst unter den Fiebern und der Wärme des Landes. Die Braunen Schwarzen Graubraunen aber wurden verlockt, an die Quellen dieser Kräfte zu gehen; sie drängten nach Norden. Und es war ein sonderbares Geschick, das damals die eisernen weißen Volksstämme traf: ihre Fruchtbarkeit ließ nach. Während ihr Hirn zu immer glänzenderen Taten vordrang, verdorrte die Wurzel. Gleichmäßig sanken im Laufe der Jahrzehnte bei den europäischen Völkern die Kinderzahlen. Es war nicht erkenntlich, ob es die Berührung mit den neugefundenen strahlen- und gasförmigen Substanzen war, die dies verursachte, oder die Ernährung mit den sehr erregenden reizenden künstlichen Mitteln, die neuen Rausch- und Betäubungsstoffe. Um so fruchtbarer waren die lüstern an die strahlenden Zentren drängenden Farbigen, die schweißdunstenden Männer und Frauen mit den blitzenden und melancholischen Augen, die wie Dienende und Unterworfene erschienen und in einigen Generationen alles überfluteten.

WIE DÄMONENSCHAREN durchzogen Einpeitscher die Kontinente Afrikas Amerikas Europas. Das waren Männer und Frauen, die die Menschen reizten mit Dingen, die sie ihnen boten, – reizten, versuchten, gegeneinander stachelten. Die Menschen waren ein wachsendes Bündel, ein Sandhaufen von Bedürfnissen, auf die die Einpeitscher neuen Sand bliesen. Durchzittert von Spannungen wurden die Menschen wie erhitzte Luft über Feuer. Von allen großen Stadtlandschaften nach allen Orten kamen Männer und Frauen, beobachteten, trugen Dinge Freuden Schmeicheleien Wohliges Mildes heran. Man sah die Wesen in den Städten und auf dem freieren Lande sich verändern. Die Einpeitscher hatten das Spiel in der Hand, hatten die Bewegung nur einzuleiten; dann drängten die Gehetzten schon, schrien nach ihren Hieben. Die früheren Generationen hatten sich damit begnügt, genährt gekleidet gewärmt mäßig unterhalten zu werden. Es war den Menschen an den Apparaten klar, daß dies nicht genügte. Die westlichen Menschen begehrten viel; es mußte ihnen noch mehr gegeben werden.

Nachrichten wurden verbreitet. Man hatte in den Stadtschaften kunstvolle zauberhafte Apparate, die nach allen anderen Orten meldeten, womit sich die Menschen hier befaßten, was sie zueinander sagten, wie sie ihre Einrichtungen veränderten, was sich bei ihnen hervortat. Fernbilder trugen die Gestalten der Menschen, der Gegenstände weiter. Ein Reiz, der aufstand, war eine Feuersbrunst, die eben noch Funken einer Flamme, jetzt das ganze Viertel, die Stadt einhüllte. In fernen Ländern, auf Gebirgen, an wilden wassertosenden Strömen, auf tropischen hitzeübergossenen tierwimmelnden Steppen saßen Menschen, Stämme, die in sich ruhten. Zu ihnen fuhr der Reiz das Wort die Gestalt. Die Bilder standen vor ihnen, traten immer wieder vor sie, rissen an ihnen. Daß sie sich vom Wasser lösten, aus der einwiegenden Hitze drängten. Wie eine Schaufel unter einen Steinhaufen, der am Boden liegt und bemoost ist, drang die Erregung knirschend unter die Menschen, hob sie an, zerstreute sie.

DIE ALTEN politischen Staaten bestanden noch dem Namen nach. Wie die Hautfarben, die Gesichter arabisch ägyptisch negerhaft sich veränderten, die Sprachen zu einem Kauderwelsch wurden, in dem sich nördliche und südliche Zonen berührten, so verloren die Staaten ihren alten strengen Charakter. Eine fast gleichförmige Menschenmasse bevölkerte das Gebiet von Christiania bis Madrid und Konstantinopel. Wie im Sprachlichen so überwog hier die, dort die Art.

Langsam war in zwei neuen Jahrhunderten der westliche Völkerkreis unter das Imperium London-Neuyork gekommen. Das angelsächsische Imperium war es, in dem sich die Ströme dunkler grauer schwarzer brauner weißer Menschen miteinander langsam mischten. Dann zermorschten die politischen Gewalten. Als die Apparate und Erfindungen sich häuften, wuchs der allgemeine Reichtum. Eine Erleichterung, Abkürzung fast aller Tätigkeiten trat ein. Zugleich zeigte sich die Gefahr dieser Menschheitsperiode, deren Ungeheuerlichkeit sich erst nach weiteren Jahrhunderten entfalten sollte. Man bedurfte nicht vieler Menschen für die Apparate. Der Krieg früherer Zeiten ernährte sich selbst; jetzt konnte man die Menschen nur in Bewegung erhalten durch immer neue Erfindungen, die den Niederbruch alter Industrien, den Aufbau neuer mit sich führten. In einer Erschlaffungsperiode, als man von den Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte lebte und sie sich ungehindert auswirken ließ, setzte die erste große, nicht lärmende Katastrophe ein. Die Besitzer der Werke Erfindungen, denen die Reichtümer zuströmten, streckten zuerst, um die Menschen festzuhalten, die Arbeiten, fügten Zwischenarbeiten ein, ja legten wichtige Maschinen still, um Arbeit zu schaffen. Sie entwickelten für Aufsicht, Berechnung eine ungeheure völlig luxushafte Bureaukratie. Aber all diese krampfhaften ängstlichen und hilflosen Maßnahmen genügten nicht. Die Betriebe wurden fast erdrückt, aber noch stärker war der Zustrom der Menschen, die sich in den Städten versammelten. Die Beherrscher der Apparate wußten nicht mehr, wie sie den Schein der Arbeit aufrechterhalten sollten. Sie wußten nicht, ob sie ihre technischen Gefährten und Wissenschaftler zu neuen Erfindungen anspornen sollten oder nicht vielmehr selbst ihre Betriebe demolieren. Mit Grauen sahen sie die Reichtümer auf sich zufließen; ein sonderbares Schuldgefühl drängte sie, die Güter von sich abzulenken. Sie kämpften entsetzt mit der Technik, die über sie hergewachsen war, und mit den Menschen, deren Zahl und Furchtbarkeit wuchs. Es gab eine Zeit, wo die Industrien erst selbständig, dann mit Hilfe des Staates ein riesiges alle umspannendes System der Geld- und Warenverteilung organisierten. Das waren die freiwillig von den Industrien abgeworfenen Güter. Die Industrien ernährten den Staat, aber versteckten sich. Es war, als wollten sie Entscheidungen aus dem Weg gehen und sich loskaufen. Dann wuchsen sie in ihre Rolle hinein. Als Gelder und Waren aus ihren Becken wegschwammen, fühlten sie, wer sie waren und was sie hatten. Eine kleine Anzahl Industrieherren warf, unfähig die Verantwortung zu tragen, die Werke dem Staat in die Hände. Die Mehrzahl aber griff in die schon automatisch laufende Verteilungsmaschinerie. Mit zwei drei Zügen kämmten sie ihre gewaltigen Anlagen fast menschenleer. Sie wollten eine Regelung der Zuwanderung, selbständige Bestimmung über die Verteilung der Güter. Da auch der Staat und die politische Regierung nur durch sie lebte, wollten sie Macht über die Regierung. Während Hungersnot Menschenflucht einsetzte, stapelten die Maschinenherren Geld und Waren auf. Die Regierungen traten hervor. Sie wollten sich der gefahrdrohenden fluktuierenden Massen annehmen. Diesen Augenblick hatten die Industrien erwartet. Sie lehnten das alte Almosensystem ab. In allen Staaten näherten sich die politischen Machthaber den Industrieherren. Wie einen abgemagerten Fuchs hatten sie die Regierung aus ihrem Bau aufgestöbert. Es gab, wie man sich offen, der Besitzende und der Ausgehaltene, gegenüberstand, kein Halten mehr. Im Belgischen, in Brüssel, wurde zuerst der Schlag geführt, der längst erwartet war. Im Parlament erklärte zynisch ein Vertreter der Werkherren, den man geladen hatte, er lehne es ab, zu verhandeln oder die sogenannt öffentlichen Institutionen anzuerkennen. Dies Parlament sei vom sogenannten Volk gewählt; er kenne nur Werkherren und ferner Arbeiter und Ausgehaltene. Man möge den Ministern untersagen, vom öffentlichen Wohl zu reden; das seien Dinge, von denen ein Minister nichts verstehe.

Am Tage drauf wurden die Minister dieses Landes beiseite geschleppt. Das Heer war längst in der Hand der großen technischen industriellen Gruppen. Es bestand, wie überall in Europa, aus jungen Menschen, die aus den Fabriken Werkstätten stammten, in denen sie die Herstellung und Bedienung ihrer Waffen erlernt hatten. Sie hatten nur Ehrfurcht vor den Männern und Frauen in den Werken, faßten nicht, was die sogenannten Politiker taten. Die Massen in den Städten rebellierten nicht; wurden rasch beruhigt. Sie waren alle selbst innigst nur an die Maschinen gebunden, verlangten Luxus Brot und freie Bahn für die Kräfte der Maschinen. Die politischen Ministerien wurden zur Durchforschung ihrer Arbeit von den technischen und Industriezentralen beschickt. Dann wurden die Baulichkeiten für andere Zwecke verwandt. Die Wohlfahrtseinrichtungen wurden der Arbeitsüberwachungs- und Verteilungsstelle der großen Verbände angegliedert. Der Verkehr mit anderen Staaten war schon vorher im angelsächsischen Imperium vertrauliche Sache der großen Verbände.

Ungeheuer wirkte der in Belgien fast lautlos sich abspielende Vorgang auf die Nachbarstaaten. Es verlief kein Jahrzehnt, da hatten freiwillig oder unfreiwillig, zum Teil dem Druck Englands folgend, die politischen Regierungen, die nur hemmende und dekorative Rudimente waren, den Industriekörpern Platz gemacht. Scheinparlamente, bedeutungslose ordnende Selbstverwaltungskörper liefen neben ihnen her. In den großen Reservoirs der Menschen, den Stadtreichen Stadtschaften, bildeten sich Senate, deren Hauptsitz die Menschen der Apparate einnahmen.

DIE STADTSCHAFTEN lagen frei da. Aber unsichtbar umgab sich jede mit einem System von Verteidigungsanlagen. Die Peripherie der unübersehbaren Gebiete von Bergen und Niederungen Flüssen Seen Sümpfen, überrieselt wie mit einer Zuckerglasur von flachen Häusern, kilometerlangen Werken, dichten und lockeren Menschensiedlungen, war überall unscheinbar umzogen mit Reihen von Masten aus Holz. Sie standen ohne Verbindung miteinander im Gelände, glichen abgeästeten sehr hohen Pappeln. Sie schienen Wegweiser zu sein, trugen Tafeln von Straßen, maskierten sich als Telegraphenstangen. Im Innern waren die Masten hohl und als Eingeweide trugen sie Bündel meterlanger zusammengebogener elastischer Metalldrähte. Die Masten waren auf Granitplatten montiert, welche das Endstück eines Kabels enthielten. Die Metalldrähte waren verschieden geformt. Das Drahtbündel konnte durch eine Schalterbewegung in der Stadt aus dem Mast heraus in die Höhe geschnellt werden. Wie ein lebendiges Band konnte es sich steif in die Höhe strecken, und im Moment, wie es aufrecht stand, warf es einen tötenden Wirbel von Strahlen um sich.

Die Stadtlandschaften hatten, was wenige wußten, Verteidigungswerke und Abwehrgürtel schon in der Zeit vor dem Uralischen Krieg.

Die Beherrscher der stärksten Industrieanlangen und Riesenwerke hatten sie in geheimer Gemeinschaft mit den Senaten angelegt, als die einzelstaatliche Gewalt in dem europäischamerikanischen Völkerverband erlosch und in Südamerika, in dem ehemaligen Griechenland, in Kapland Südfrankreich, zuletzt in Dänemark militärische anarchische Gebilde hochschossen. Die Rebellionsschläge ängstigten die Kontinente.

Mit Bangen erfuhr man von der geradezu höhnenden Leichtigkeit, mit der der Franzose Bourdieu, ein einfacher Techniker, sich des Mittelmeerzentrums Marseille bemächtigte. Im Nu waren Tausende, aus dem Dunkel der Städte auftauchend, wie magisch gerufen um ihn versammelt gewesen. Er hatte nichts getan als eine Anzahl krafterzeugender Fabriken und Sammelstationen mit einer Handvoll trotzigen Gesindels besetzt. Aus den Stoffen, die die Zeit lieferte, verstand er im Augenblick furchtbare Abwehr- und Angriffswaffen zu schaffen, die herzustellen man bisher keine Veranlassung gehabt hatte. Er gab das erste Beispiel einer systematischen Störung der den Erdball umlaufenden Verständigungsapparate. Schlag um Schlag hatte er nun, im geheimen arbeitend, die Siedlungen und Wirtschaftsanlagen der Provence, ganz Südfrankreichs bis vor Bordeaux besetzt. Vor Bordeaux kam der flinke Mann durch seine eigenen Waffen um, indem er einen der Blitze, die seine Maschinen erzeugen konnten und die Brand auf Kilometer in das getroffene Objekt warfen, statt im Winkel nach oben tief auf den Boden richtete. Der Blitz, ohne durch den schon abgesandten zweiten wolkenhochlaufenden Strom nach unten reflektiert zu werden, funkelte breit vorwärts, veraschte den blassen Bourdieu und eine Anzahl seiner Leute, die vor seinem Lager schlenderten und in deren Rücken das heiße Ungetüm kam. Es verlohte auseinander rauschend an einer Zypressenwaldung. Dies war bei Begles an der Garonne. Der Kerntrupp Bourdieus ließ kostbare Zeit verstreichen; das rückwärtige eroberte Land, aus dem Wirtschaftsverband mit der übrigen Welt gerissen, lag wartend kritisierend lachend. Bis von Marseille selber ein unbeobachteter Trupp junger Einwohner, die von Kampfstimmung angesteckt waren, dazu eine Schar gemieteter überfalldurstiger Marokkaner von der Küste aufbrach, die Fernsprüche und Weisungen der Truppe Bourdieus täuschend aufnahm, die fünfhundert Menschen, aus denen Bourdieus Korps bestand, zu einer bestimmten Morgenstunde auf ein Feld südlich Begles lockte und während jene da warteten, ihre Flammen- Wurf- und Verteidigungsmaschinen vernichteten, sie selbst mit dem Rest der Apparate massakrierte. Der siegreiche Trupp, der den Handstreich verübt hatte, kam aber nicht vollzählig in Marseille an. Man hatte dort beim Anrücken der Schar vor ihr nicht weniger Furcht wie vor dem beseitigten Bourdieu. Unterwegs kam die Weisung an den Führer der Mannschaft, sich der Marokkaner, soweit sie in den Besitz gewisser Geheimnisse oder gar Apparate gekommen seien, rasch und lautlos zu entledigen. Er ließ sie nach einigen Tagen vor sich her die schöne starkfließende Loire in sechs bewimpelten, freudig musikschmetternden Schiffen in großem Abstand fahren. Während der Fahrt setzte er wie Blutegel die kleinen Versenkerkasten unter der Wasserlinie an die Schiffe an. So daß einem unwiderstehlichen Antrieb folgend Schiff auf Schiff sich ins Wasser drängte, gezogen von den lautlos neben sie geführten, rasend neben sie niedergehenden, dicht an sie geschmiegten Unterwasserbooten, die sich mit Ketten Saugern Tastern an sie hängten. Die leeren biegsamen gläsernen Gehäuse, abwärts gestoßen durch den wütenden mit Hammergewalt einsetzenden Druck komprimierter Gase, der von rückwärts auf ihre Deckplatten niederfuhr, zwängten im Nu die Marokkanerschiffe unter den Wasserspiegel, ihre Kraft von Sekunde zu Sekunde steigernd, angeklammert und die Umklammerung nicht loslassend, bis Schiff und Boot, die aufgerissene weiß zusammenklatschende Wasseroberfläche verlassend sturzartig auf den Grund des dunklen Stromes stießen, verkrampft den Sand aufrührten, sich ruckweise warfen zuckten strudelten. Die restliche Führerschaft sah ihr eigenes Schicksal voraus. Sie riet den übrigen Truppen sich zu zerstreuen. Sie selbst erschienen unaufgefordert einzeln auf den Hügeln vor Marseille, vernichteten im Freien von Apparaten, was sie besaßen, vor den Augen des zugezogenen Senats. Entgingen dadurch dem Tode, nicht aber dem Schicksal, in der Stadt sogleich aus ihrem Arbeitsbereich gedrängt zu werden. Der Senat war wachsam geworden.

Für einige Zeit war seit dieser Epoche jedes Zentrum der afrikanisch-europäisch-amerikanischen Erde vor bestimmten Bedrohungen sicher. Wenige feste, geheim gehaltene Hauptstellen für die Verteilung der Energie hatte man überall eingerichtet. Man war immer im unklaren darüber, ob man zu viel oder zu wenig Menschen mit dem Vorhandensein der stärksten Kraftanhäufung vertraut machte. Man hatte keine Furcht mehr wie in früheren Zeiten vor Fernbeschießungen Bomben- und Kanonenkugeln. Die eisernen Geschosse konnten mit voller Wucht in die energiegeladene Luft stürzen. Sie war verdichtet wie die Luft des Erdballs für den Meteor, der aus dem dünnen Äther saust. Schon kilometerweit vor den Städten verlangsamte sich unter dem entgegentosenden elektrischen Orkan der Masten der Lauf des Geschosses, um zuletzt zerrieben, glühend pulverförmig abzufallen. Die Schwäche dieser größten Anlagen bestand darin, daß der Stromwirbel sich geradeaus pflanzte, mit einer Schicht die Städte von oben her abschloß, aber in der Tiefe bis zur Häuserhöhe kein weitreichender Dauerschutz möglich war. Denn diese ausgeworfene Energie wirkte zerstörend und verbrennend auf alles was in seinen Bereich fiel. Eine Sekunde nach Anschalten der Masten in Höhe der Häuser wäre alles, Stein Holz Fleisch Metall in einen glühenden Brei verwandelt verkohlt verkrümelt, als hätte sich Ätzlauge über die Stadt geworfen.

Von einer leisen, spielerisch abgelehnten, innerlich nie verhehlten Furcht wurden seit den Rebellionen alle Länder und Kantone durchzittert, es könnten im geheimen Menschen die Wissenschaft auf gefährliche Dinge durchstudieren und zähere ernstere härtere Männer als Bourdieu möchten darauf zu Entschlüssen kommen. Langsam bildete sich in den Städten eine Herrenklasse heraus. Sie kannten alles; saßen über Zeichenbrettern konstruierten standen vor Modellen arbeiteten mit Gasen erdigen Stoffen in den Laboratorien. Aus ihnen stammten die Errichter der Anlagen und Werke, Besitzer der Werke. Sie begannen, mit der Verbreitung bestimmter Kenntnisse anzuhalten. Fremde, ihnen nicht Sichere mühten sich vergeblich in den Spezialschulen Zugang zu gewinnen. Lächelnd wurden sie mit alten Kenntnissen abgespeist, mit Teilarbeit beschäftigt. Der Besitz der angeschwollenen gefahrvollen Kenntnisse konnte nicht allen gestattet werden. Mathematik Ingenieurwissenschaft Chemie Elektrotechnik Biologie Radiotechnik waren nur Ausgewählten gestattet, deren Zahl man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verringerte. Diese standen unter strenger Aufsicht. Die politischen Behörden übten die Aufsicht selbst aus. Mit einem Geheimnis umgab man die theoretischen Wissenschaften. Man zerstückelte die Disziplinen, um keinem, der nicht bestellt war, eine Übersicht zu gestatten.

ES HATTE eine Zeitlang den Anschein, als ob man zur Einführung der Sklaverei schreiten würde. Das schwallartige Heranwogen unermeßlicher Scharen Farbiger und Mischlinge aus den Ländern Afrikas, die sich mit der Aufnahme der freigestellten Kenntnisse und Genüsse begnügten, begünstigte die Neigung dazu. Bald kam es in spanischen und italienischen Stadtlandschaften, die den wildesten Andrang der Massen zu bewältigen hatten, die auch ein außerordentlich leidenschaftliches unduldsames Herrengeschlecht erzeugten, zu Vorfällen, die zu einer raschen Änderung in der Behandlung der Massen aufforderten. San Franzisko wie London rieten schon längst den Herren von Barcelona Madrid Mailand Palermo zu größter Strenge und Aufmerksamkeit. Man könnte Fremde, sagten sie, denen der Mondgottesdienst noch im Blute steckte, die für einen Schluck kalten Biers ihre Habe und Arbeitskraft verkauften, nicht behandeln wie Menschen nördlicher Herkunft. Die westliche und nördliche Kultur war von ihnen aufzunehmen, nicht aber zu verschlucken. Ungestüm und aufdrängend, wie die Abkömmlinge der Berber und Haussa waren, waren sie geneigt im Grunde nichts zu achten.

Der wulstnackige schmerbäuchige Mailänder Ravano della Carceri, dessen Großvater noch Elefanten mit schwarzen Sklaven gejagt hatte, hatte in seinem Glaswerk den ersten von ihm provozierten Ausbruch der Arbeitermassen nur erwartet. Er ließ, um ein warnendes Beispiel seinen lauen Freunden in der Stadt zu geben, die Zügel schleifen. Man zertrümmerte, als er zwei Mulatten niederschoß, seinen Direktionssitz im Stadtzentrum. Er tat, als ob er erschreckt floh und alles im Stich ließ. Er hatte noch Zeit, unter Hohn die Verflutung seiner Werke mit dem erhitzten Volk zu beobachten. Die Revolte blieb nicht in den Anfängen stecken. Bei dem Getümmel der Leute Carceris wurden die angegliederten Werke Sanudos und Horzis unruhig; dann die angrenzenden in der Landschaft Pisa. Fremdenviertel wurden alarmiert, die Massen wogten durcheinander, sie sangen ihre Heimatlieder, Landsmannschaften gliederten sich, in alberner Erregtheit rief man Frauen und Kinder. Das strahlte ahnungslos festlich. Glücklich sahen sie zu den endlosen niedrigen zauberhaften Werkfronten auf, die sie einst bestaunt hatten, an denen sie furchtsam wie unter Dämonenblicken gekrochen waren; dort liefen jetzt auf dem Dach schwarze Plattgesichter, machten Männchen.

Als noch Morosinis Lebensmittelwerk und zwei unterirdische Linien die afrikanischen Sprünge erduldet hatten, lief ein bunter Wirrwarr von Schreiern in langen Sätzen zum Senat der Stadt, um seine Demission zu erzwingen. Sie rannten, als käme es darauf an zu zeigen, wer der erste war. Ravano della Carceri war bei dieser Audienz anwesend. Die Hauptlärmer der Deputation, zwei Mulatten, schon im heimatlichen Hemd über dem europäischen Arbeitskittel, beachteten oder erkannten ihn nicht, den Herrn ihres Werks. Das versetzte ihn in große Wut und hinderte ihn, wie er sich vorgesetzt hatte, weiter im Hintergrund hinter dem hohen Lehnstuhl des Vorsitzenden zu bleiben. Er stellte sich stampfend vor die beiden, die er anfaßte, denen er das Hemd über der Brust lüftete; ob sie wüßten wer er sei. Und dann, was sie zu dieser Zeit hier zu suchen hätten. Auf ihre ungläubige schüchterne Lache und die kichernde Bemerkung, er solle sich nach seinem Werk umsehen, – was hinge zum Beispiel jetzt auf dem Dache? Die Mulatten grinsten sich an und brüllten vor Spaß – griff er dem einen heiser an den Schlips auf dem Arbeitskittel, sie sollten sich ihrer Wege scheren. Da war er von dem starken Farbigen abgeschüttelt, lag am Boden. Im Nu auf den Beinen hing er sich dem Mann an den Hals, wurde mit einem Ruck an den Boden geschleudert, mit Fußstößen traktiert, von den anlaufenden Farbigen am Boden vor den Herren, die wegsahen, die Hände rangen, sich blaß auf die Lippen bissen, mit Riemen verwalkt. Die Riemen in der Hand, unflätig schimpfend, traten sie vor die Herren, denen niemand beistand; was sie nun dächten. Die erbaten sich nicht aufsehend Bedenkzeit, mußten auf das grobe Drohen der Farbigen das Zimmer räumen. Den halb besinnungslosen Carceri durften sie unter dem Gespött der Deputation, die sich auf den Senatssitzen, an den Sprechapparaten breit machte, aufheben. Ein fürchterlicher Stockhieb sauste noch über sie an der Türschwelle; der zerbrach dem grauen schweren Sanudo, der Carceri um die Hüfte führte, den Unterarm, so daß er den schwankenden Mann fallen ließ, den die Farbigen aus dem Zimmer rollten, um knallend die Tür hinter ihnen zuzuschlagen und ein prahlendes Fernsprechen in die Nachbarorte zu beginnen. Carceri kam in dem Erdgeschoßzimmer, in das sie sich auf einer Hintertreppe geflüchtet hatten, zur Besinnung. Er sah schrecklich aus; die Zähne waren ihm ausgeschlagen; er lallte, ein Zahn hatte seine Zunge durchbohrt; er lehnte luftschnappend mit fausthohen Stirnbeulen auf der Bank, spie Blut, schluckte einen Branntwein nach dem andern. Verfluchte sich innerlich, daß er sich für die anderen hergegeben hätte.

Der alte Sanudo saß auf der Erde. Sie schnitten ihm den Ärmel auf; er weinte. Carceri stöhnte aus seinem verschwollenen Gesicht zu den anderen, die ihn hielten: »Tut ihr nur, was ihr wollt. Ich tue was ich werde.« Und dann, als sie flüsternd zu diskutieren anfingen, er steif zurückgelehnt: »Tut was ihr wollt. Was ihr wollt.« Sie berieten, während es in den Gängen hinter der verriegelten Tür von Liedern hallte, wohin man sich zurückziehen sollte, um das Weitere abzuwarten. Sowohl die jungen wie die älteren waren einig, daß die Revolte noch rascher als die früheren militärischen abklingen werde. Man zuckte mit den Achseln; sie dachten, wie sie sich bleich ansahen und an den Wänden zusammendrängten: einmal werde sie doch ihr Schicksal erreichen; es sei im Grunde viel, daß sie sich bis jetzt gehalten hätten. »Und was kommt nachher?« wimmerte Sanudo. »Wann?« Carceri riß hinten die Augen auf, sie quollen ihm zu. »Wenn wir nicht mehr sind. Sie sagen doch, es sei schon viel, wenn wir uns so lange halten. Also was ist dann? Was werden sie können? Wir werden ihnen alles übergeben, den Säufern. Und was werden sie daraus machen?« Carceri versuchte zu lächeln: »Ich kanns mir ausdenken. Wir werden dann auch noch ein paar Jahre leben, wofern sie uns nicht vorher zum Zeitvertreib totgeschlagen haben. Sie kehren vielleicht in ihrer Begeisterung wieder zu den heimatlichen Sitten zurück und fressen uns auf. Ich gratuliere euch allen zu dem warmen Wohnsitz, der euch bevorsteht. Neben Knoblauch und Sellerie und Branntwein.« Sie machten sich, als der Lärm draußen verklang, heimlich davon. Erreichten den Platz vor dem Ratsgebäude. Man erkannte sie nicht. Das Tosen auf den nahen Straßen war ein Gemisch von Freude kindlicher Gutmütigkeit Blutrünstigkeit. Der Aufruhr war noch nicht über ganz Mailand ausgedehnt, aber man schlug sich schon auf den Straßen um Rang und Beute. Man sah schon schlaue Europäer, die zu den Farbigen hielten, auf und daran, sich der Bewegung zu bemächtigen, in den überall gebildeten Konventikeln horchen, die klügsten der Redner beiseite ziehen, den und jenen mit sich vor die gebrüllerfüllten Ratszimmer führen.

Ravano della Carceri erlebte eine feierliche, sicher ihn durchsteigende Wut, als auf den Straßen nördlich Mailands Peitschen knallten und Farbige aufrecht auf den Pferderücken stehend ihre Tiere jagten, die Arme warfen, die Pferde schnaubten. Wagerecht warfen sie ihre Beine, die braunen Rümpfe dicht über dem Boden hängend. Diese Menschen würden nicht die italienischen Menschen und Werke beherrschen; es ging alles seinen guten Weg. Er kniff dem jungen Guistiniani, schwarzhaarig und gelbblasses nervös zitterndes Gesicht, in den Arm, wie sie seitwärts in eine Pinienschonung umbogen, wies ihm schweigend die vorüberstürmende Jagd. Guistiniani bebte, blickte weg: »Das muß ich mit ansehen. Ich schäme mich. Ich werde nicht lange leben, um dies anzusehen.« »Du bist jung. Blick mein Gesicht an. Hast du das heute morgen noch für möglich gehalten. Weine nicht. Weine ich denn. Wie sie mich auf den Boden geworfen haben. Wer war es eigentlich, der mich mit dem Fuß getreten hat.« »Ich weiß nicht.« »Hätt es gerne gewußt. Ein tüchtiger Mann. Möchte ihn weniger einen Kopf als einen Fuß kürzer machen.« Der junge schlug den linken Arm um Carceris Brust, klammerte sich mit seinem rechten an ihn an, stöhnte: »Dann weine ich für dich, weil es meine Art ist. Und ich sage dir, Carceri, du magst von mir denken, was du willst, weil ich weine; ich werde aber gewiß nicht stille halten. Ich stand mit den andern im Gedränge, als sie dich anpackten und das Gräßliche losging. Wir waren alle ja – hilflos. Nein, ich war nicht hilflos. Aber von den anderen ging dieses Gefühl, dieses niederträchtige auf mich über; ich hätte allein stehen können neben denen, ich hätte mich auch nicht für dich bewegen können. Aber: ich bin bestraft genug worden, daß ich zusah. Es ist einmal geschehen, wird nicht wieder geschehen.« »An mir wird es nicht wieder geschehen, Guistiniani. Danach haben sie auch keinen Appetit mehr. Sie werden annehmen, ich habe fürs erste genug. Aber da sind ja noch andere, an denen sich allerhand versuchen läßt. Was meinst du zum Beispiel, Guistiniani, zu einem schlanken jungen Mann mit schwarzem Haar und unruhigem unzufriedenem Ausdruck, der den verdammten Ravano della Carceri nach Hause begleitet. Sie werden dir dein Gesichtchen, das dein Mütterchen immer gewaschen gepudert gesalbt gestrichen hat, noch einmal salben und streichen. Ein feines Pulver haben sie, afrikanischer Wüstensand, Kieselsteine aus dem Atlasgebirge, das wirst du erleben. Soll ich dich küssen, Bübchen Guistiniani, auf dein zartes Gesicht. Ich glaube, morgen tue ich es nicht mehr.« Sie gingen; Guistiniani, den Kopf gesenkt, den Blick auf das Gras, strenge Stirnfalten: »Du bist ein so unbändiger Mann, Carceri. Du mußt mir Farbe bekennen. Du mußt sagen, was du meinst. Ich bin aus dem ältesten Geschlecht unseres Landes, du mit mir. Ich gebe nicht nach. Den stinkigen Afrikanern. Dem Gesindel, dessen Kraft worin liegt? In den Lenden. In den Hoden der Männer, im Bauch der Weiber. Diese Plapperaffen Fettwanste Papageien. Ich schäme mich, von Menschen zu sprechen. Sie sind von den Bäumen gekrochen und spucken auf uns.« »Und mein Gesicht? Und der Arm von Sanudo?« »Ich will nicht, Carceri. Oh lieber Carceri, höre auf und sprich nicht so.«

Da zog Carceri den jungen Menschen beiseite, setzte sich mit ihm unter einen Baum, fragte ob jemand in der Nähe sei. Und dann, dicht an Guistiniani gelehnt, murmelte er, gestikulierte. Es sei gut, nicht zu laut zu reden. Der Junge solle sich vorsehen. Vor den anderen Männern und Frauen ihrer Kreise. Wenn die hörten, was er von Blut, altem Geschlecht und so weiter gesagt habe, so würde er etwas bemerken. »Wie viel altes Blut gibt es. Wer hat nicht ein Tröpfchen Afrika in der Ader. Nicht drüber reden. In ein zwei Generationen sind wir hops. Sind Nachspeise, Dessert, Schokolade, Käsebrötchen im Lande; das Hauptfutter sieht gelb und schwarz aus. Vom Tiber zum Po werden Kamele getrieben. Ich wollte auch, sie wären grün wie Gras und ich könnte sie zertrampeln; sieh mal, so. Aber deine Freunde, die Schufte geben schon nach. Ihr Blut taugt nichts. Es ist ihnen gleich, ob sie morgen noch da sind, wenn sie nur leben. Die Schufte, ja, die mit der Hilflosigkeit von vorhin. Ein Segen, daß sie dem Sanudo den Arm zerschmettert haben. Das merken sie besser als mein Gesicht, das ist für sie dickere Galle. Unsere Brüder, unsere Freunde! Mutloses Gesindel, Pack, das sein Los verdient. Weißt du, was ich täte, jetzt, wenn ich nicht das Gesicht schon hätte?« Er schrie; der junge neben ihm im Gras hielt ihm ängstlich den Mund zu. »Ich ginge zu den Kannibalen. Stellte mich auf ihre Seite. Ja. Ich zeigte diesem Stinkvolk, was sie tun müßten. Tu dus doch! Ratzekahl alles! Das sollten sie tun! Schwamm drüber. Ein Volk, ein Pack.« »Still« schmiegte sich Guistiniani an, »nun ist gut. Nun hast du gesprochen. Nun ist alles gesprochen. Du darfst nichts mehr sagen. Nun will ich dir etwas von dem Gras erzählen. Sieh mal, ich bitte dich, sieh her, Carceri, das Moos an der Rinde. Und hier wieder Gras. Es ist ganz hellgrün, du kannst es wohl nicht sehen. Ich will es dir genau beschreiben. Es sind, fühle, ganz lange kurze mittelgroße Halme. Man kann sie zwischen den Fingern ziehen, ja nimm nur, nimm doch nur, ich will dir alles sagen. Zieh sie ganz lang zwischen den Fingern aus, bis zur Spitze, aber nicht daran schneiden, sie haben einen scharfen Rand. So, das ist lauter Grashalm. So sind alle Grashalme. Und weißt du, wo ich sie herhabe, die du eben da hältst? Alle? Ein paar von den Füßen, wo du eben draufgetreten hast, die Afrikaner, die du zuerst zertreten wolltest. Sie sind noch glatt, sie haben sich wieder aufgerichtet, einige sind geknickt, es sind ganz wenige. Und hier die – sind von deinem Kopf: da hast du doch, Carceri, wütend mit dem Kopf gegengedrückt; sie haben eins abbekommen, sind aber noch lebendig. Was glaubst du, sind das Afrikaner? Vielleicht. Aber vor allem: ich bin es auch und du bist es auch, Carceri. Ich geh nicht zu den Farbigen den Kannibalen. Denn warum sollte ich nicht auf das Grashälmchen hören, das unter dem Fuß ruhig weiter wächst. In den alten Liedern, die die Frommen haben, heißt es immer vom Gras, es hätte Ähnlichkeit mit dem Menschen, oder der Mensch mit dem Gras. Und wenn der Wind über sie weht, verschwindet ihre Spur. Ist schon richtig. Aber das Gras ist auch immer wieder da. Was ist mehr: das Weggehen oder das Wiederkommen? Ich halte mich an das Wiederkommen.« Der unten hatte die Arme unter den seitlich gesunkenen Kopf verschränkt. »Und so denkst du, Guistiniani, mit den Bunthemdigen fertig zu werden. Sehen möchte ich dich einmal, wenn die Angst aus dem Gedränge kommt. Sehen werde ich dich einmal.« Carceri kroch auf allen vieren hoch; der andere half, während der mächtige Mann knurrte: »Ihr seid alle nicht viel wert. Was meinst du«, er wankte vorwärts, sprach, die Hand vor dem Mund, »du glaubst, mir machen die Bunthemden angst. Weil sie die Werke haben. Ich habe schon noch abseits für alle Notfälle ein paar kleine Waffen, und Sanudo hat welche; schöne Geräte. Sieht aus wie nichts, und wenn du sie ansiehst, bist du schon nichts. Der beste Spiegel für gewisse Menschen: sie blicken hinein und finden nichts. Wir könnten damit so in der Nacht oder spät abends, wenn das Gedränge groß ist, auf den Senat spazieren. Magistrat sagen sie; sie halten das, glaub ich, für eine nordische Suppe. Wir könnten ihnen eine Einlage in die Suppe machen. Nur den Sanudo und Morosini und unsere anderen lieben Freunde möchte ich von der Suppe nicht ausschließen. Du bist von der Partie? Sag ja. Bist doch von der Art der Grashalme; unvergänglich aber naiv.«

Sie saßen Meilen weg vom Zentrum Mailands in einem unterirdischen kühlen Haus. Eine Marmorsäule stand auf dem Treppenpodest des gewölbeartigen ganz mit Rankenblumen bewachsenen und behangenen Zimmers. Die Marmorsäule leuchtete mattweiß sonnenartig gelb. Bald leuchteten nur die Augen im Kopf, bald silbern und golden der Schulterschal und die Hände, die ihn hielten. Während alles im Dunkel lag, überlief eine rosa Röte die Brüste; ihre Kugeln versendeten das Licht auf das weiche Kinn, das von unten angestrahlt wurde, auf den schalverhüllten gewölbten Leib, die bloßen im Dämmer tretenden Füße. Der über sich gebeugte tücherbedeckte weißhaarige Sanudo schlug seinen stummen Gästen, die auf bettartigen Lagern ruhten, vor, sich der Waffen zu bedienen, die man hätte, und freies Feld um sich zu machen. »Wir müssen es« stöhnte er, »ich tu es nicht leicht.« Man fragte nach der Art der Waffen, lag wieder dumpf da. Sanudo, gezwungen lächelnd stand auf, während er hinwarf: »Man muß ihnen noch danken, daß sie uns die Zeit dazu lassen«, wankte zur Tür, um durch einen Griff an den Ranken ein leises Weben am Gewölbe herauf zu erregen, fern verschwebendes Kindersingen. Sanudo: »Es sind, wie ich weiß, noch Herren hier, die ihre Meinung zurückhalten und denen man vielleicht etwas Zeit lassen muß, sich zu äußern. Es wäre schade, wenn man sie schweigen ließe. Ich wüßte gern zum Beispiel, was Carceri verschweigt.« Carceri grob lachend: »Was denkst du, mein Süßer?« »Daß du lauerst und abwartest, was wir machen werden. Ich bin so gut mit im Spiel wie du. Du machst dir nichts aus mir und den andern, aber allein wirst du auch nicht stehen können.« Carceri knurrte, mit beiden Armen sich von seinem Lager hochstemmend: »Ich mach mir nichts aus den andern. Machen sie sich etwas aus mir? Hab ich nicht vor Jahren gewarnt, als Schiff nach Schiff von Algier von Senegal von Tripolis kam und jedes warf wie eine Kloake diese Menschen über uns aus. Hab ich euch nicht in diesem selben Raum gewarnt. Da kam dasselbe: im äußersten Fall haben wir Waffen! Davon weiß niemand! Die geheimen Geräte! Oh eure geheimen geheimnisvollen Geräte. Ich weiß schon nicht, ob es unter den Bunthemden nicht Leute gibt, die noch andere haben; Gott schenkt sie ihnen im Schlaf, ihr werdet eure Entdeckungen machen.« Sanudo schüttelte den Kopf; Michieli und Faskarini, zwei stolze schnauzbärtige Gesichter, richteten sich von den Lagern auf neben Carceri, warfen sich Blicke zu. »Wir sollten« Sanudo streichelte resigniert seinen kranken Arm, »keine Schiffe mehr zulassen, vielleicht die Schiffe versenken? Du hattest sonderbare Pläne, von denen du nicht deutlich sprachst. Wir leben schließlich nicht im alten Mittelafrika. Wir haben es mit Menschen zu tun.« Carceri sprang auf, die Arme hoch: »Da ist es! Wir haben es mit Menschen zu tun. Seid mir recht zahm. Caressiert sie, damit sie euch Zucker aus der Hand fressen. Seht, nicht mal das tun sie. Wie füttern sie genug. Sie wollen mehr. Sie wollen uns gar nicht. Sie wollen einfach nichts, als uns weghaben. Nun tut ihnen doch den Gefallen. Sie sind Menschen. Man wird ihnen doch ihren Willen nicht nehmen. Und wir sind doch Klügere. Der Klügere gibt nach.« »So gehts nicht weiter.« Michieli, der kleine Schwarzbärtige, sprang auf: »Wohin soll das. Sprich was du meinst. Warum sollen wir nicht die Mittel anwenden, die wir haben.« »Das sag ich ja auch« der dicke prustende Mann mit dem verschwollenen Gesicht. »Das sagst du nicht. Du sagst, die Waffen seien lächerlich, sinnlos. Du willst nicht auf den Busch klopfen.« »Das werde ich auch nicht. Den Gefallen tue ich ihnen nicht.« »Also« Michieli brüllte vor ihm, die Hände fuchtelnd vor der Stirn, »was ist denn das für ein Hin und Her. Die Waffen, die du hast, wendest du nicht an. Die Mittel, die du hast, willst du anwenden. Was ist das für ein Unsinn, Carceri. Wir sind hier keine Kinder.«

Nach einem Schweigen, während er den springenden Schwarzbärtigen fixierte, hob der listige Carceri die breiten Schultern, seufzte offen apathisch, ließ sich seinen langen Mantel raffend auf sein Lager fallen, flüsterte mit Guistiniani. Die Säule strahlte sehr weiß, gab Tageslicht. Sanudo blickte zu Carceri hinüber: »Ich sehe, Carceri ist seiner alten Ansicht, dies und das hätte geschehen müssen. Einen Vorschlag, was jetzt geschehen soll, macht er nicht. Ich bin ein alter Mann, Carceri. Ich bin nicht aus europäischem Geschlecht wie du. Es ist noch nicht gar so weit her, einige Handvoll Jahrzehnte, da waren meine Väter Läufer Kameltreiber Dattelpflanzer Brunnensucher wie die draußen, die uns in der Hand haben. Mir würde es leichter sein, müßte es doch leichter sein, vor ihnen zu kapitulieren. Es wäre nicht einmal eine Kapitulation. Ich könnte mir den Weg zu ihnen leicht machen. Aber so geht es doch nicht. Etwas hab ich inzwischen gelernt. Es ist mir einiges ins Blut übergegangen. Ich bin entschlossen, ihnen nicht zu überlassen, was wir und die vor uns geschaffen haben. Und wenn ich sie zwischen den Fingern zerreiben müßte.« Carceri widerwillig und scheinbar schlafsüchtig: er wolle nicht weiter diskutieren. Er hätte gesagt, was er sagen könnte. Guistiniani schwieg auf die Blicke, die ihm Carceri zuwarf. Carceri wollte ersichtlich mit den andern nicht mitmachen. Sanudo wurde aufgefordert, alle Zuverlässigen rasch mit den Waffen vertraut zu machen. Man wollte noch in der Nacht, die Verwirrung bei dem siegreichen Gesindel bringen werde, vorgehen. Sanudo beschwor den liegenden Ravano della Carceri sich an dem Werk zu beteiligen. Der lehnte stumm wie Guistiniani ab.

Sie benutzten, etwa zweihundert der Herrenschicht, in der Nacht die Freudenfeiern der Farbigen, die sich im Besitz von ganz Mailand befanden, zu einem Angriff. Erlebten, wie sie sich um den ausersehenen Zentralbezirk der Stadt gruppierten auf abseits liegenden Plätzen, hinter Büschen von Parkanlagen, einen vollkommenen Mißerfolg. Die Apparate, verschiedener Konstruktion und mit verschiedenen Angriffspunkten, Fernwirker und Durchdringer auf geradem oder durch Zwischenlenker zackigem Weg, versagten. Der Gleichgewichtszustand der unteren Luftschicht war gestört durch Farbige, die halb verspielt, halb furchtsam hinter allen Energieumformern und Umschaltern standen, sinnlos alle Apparate spielen ließen. Heimliche Versuche des nächsten Tages ergaben dasselbe Resultat; es kam hinzu, daß die transportablen Waffen, sehr empfindlich, durch die intensive Sonnenstrahlung des Tages gehindert wurden. Sie sollten lautlos strichweise Häuserreihen lähmen und arbeiteten leer.

Damals gehörten in den südlichen Landschaften Europas die Frauen zu den aktivsten Elementen. Sie waren durch den furchtbaren Wirtschaftskampf der vorangegangenen Epochen, der ein Überangebot von Menschenmaterial vorfand, stark gezüchtet. Überall waren die Ehen und Untertänigkeitsverbände zwischen Mann und Weib zerstört worden durch den Zwang, der auf die Männer ausgeübt wurde, Frauen und Töchter in den Wirtschaftskampf herzugeben. Grausam scharfe Jahrzehnte waren gewesen, in denen man in allen Ländern der ineinandergeflochtenen Völker Messer auf Messer sich gegenüberstand, während gleichzeitig die Erfindungen und die Bewältigung der Naturkräfte beispiellos vorwärtstrieben. Als die Spannung nachließ, die großen Entdeckungen kamen, die Güter auf breite Massen überflossen, waren Männer und Frauen verändert. Die weißen Männer fanden zu den hemmungslos zuströmenden und herbeigerufenen Farbigen Afrikas einen Stamm weißer Wesen neben sich, der sie waren und nicht waren. Von denen sie nicht wußten, ob sie mit ihnen zu kämpfen oder sich zu verbinden hatten. Es geschah nichts von beidem. Die Frauen taten was sie mochten, und mit geringerem Sentiment als die Männer. Sie hatten zur Wut der weißen Männer keinen Sinn für die weißen, sondern mischten sich unter die Fremden. Die Männer verpönten die in den Tropen gewöhnliche Verbindung mit Farbigen, aber die Frauen entwichen ihnen, taten im Lande, was die Männer in den Tropen getan hatten. Taten es kaum anderthalb Jahrhundert. Dann war die Gefahr der neu aufgekommenen Typen klar. Irgendwie mußte man sich, um nicht zu ertrinken, abschließen. Damals mischten sich nur gewöhnliche Frauen mit den zuströmenden Fremden. Die stärkeren, die Organisatorinnen, die mächtigen Herrinnen und Schöpferinnen von Riesenanlagen, die geschickten und waghalsigen weiblichen Experimentatoren, die kräftigen großen muskulösen Menschen mit den langen Schritten und den prüfenden harten Zügen bildeten unter sich die Vorstellung aus, eine überlegenere Rasse zu sein. Sie zogen sich dahin zurück, wo sie vor einem erneuten Sturz sicher waren; sie wurden die Avantgarde des Kampfes für die aufgeblühte, riesenhaft entfaltete und sich entfaltende Technik. Wenig Mutterliebe sahen sie; wenig Mutterliebe konnten sie geben.

Sie sprangen, als im Mailändischen die vernichtende Niederlage drohte, zuerst ein. Jene zögernden Bedenken, die von Männern, besonders den lahmen älteren geäußert wurden, Gleichgültigkeit gegen das Erliegen, kannten sie nicht. Sie hatten ein ungeheures Mißtrauen gegen die Fremden. Ein beinah nicht geringeres gegen die Männer ihrer Schicht und Volksart. Es war ihnen furchtbar, diesen Männern, gegen die sie als Gleichgestellte, aber doch als siegreiche Empörer öfter Haß, bisweilen Verachtung empfanden, Dinge zu überlassen, die für sie selbst verhängnisvoll werden konnten. In nicht wenigen Frauen stieg der schreckliche Gedanke auf, die Männer könnten sie aus Rache an die Fremden preisgeben und vermuteten, die Männer gäben nach, weil sie sich der Weibsherrschaft entziehen wollten, der Weibsherrschaft, die sie beschämt, noch immer im Herrengefühl, heraufkommen sahen. Die Frauen sprangen zu. Die Weiber, jetzt nicht im Besitz der tödlichen Angriffswaffen, gingen, wie sie waren, in den roten und blauen Togen, die vornehme Frauen trugen, an die Stätten, wo die lautlosen und doch tosenden Energiemassen erzeugt umgeformt weitergeleitet wurden, suchten, wie man sie vergnügt und hämisch an die feinen und gewaltigen Maschinen, die ihnen nicht mehr gehörten, heranließ, die Kundigen unter den Usurpatoren zu erstechen und zu erschießen. Das gelang in mehreren Fällen. Die Frauen wurden darauf an Ort und Stelle getötet; die Kraftstelle ruhte eine kurze Weile oder zerbrach; die Usurpatoren ließen es darauf ankommen, ließen keinen, dessen sie nicht sicher waren heran; der tiefe Argwohn, der den nomadisierenden Völkerstämmen innewohnte, wirkte sich aus. Darauf sich demütigend schickten die Frauen sehr junge verlockende Wesen ihrer Art zu Scheinverhandlungen zu den neuen Herren. Die Mädchen sollten bei Ablehnung aller Vorschläge zu den Farbigen übergehen, rasch die lüsternen Fremden gefügig machen, sie vor die Leitungen und Umformungen zu lassen. Die Herrinnen gaben ihnen den Spruch, mit dem sie ein halbes Geheimnis verrieten: die Frauen seien bereit den Siegern Dienst zu leisten, wenn die Fremden davon absähen sie zu knechten. Das Geschick Mailands, im Grunde ganz Südeuropas hing damals an einem Haar. Uneingestanden hatten die Frauen, die schon damals halb bundartig zusammenhingen, die Absicht, die Männer ihrer Farbe fallen zu lassen und sich der Fremden zu bedienen. Die jungen Wesen in Mailand gaben ihre gefährliche Halbwahrheit den braunen und bronzefarbigen Männern weiter, denen sie angenehm klang. Die abgesandten klugen Geschöpfe erlebten dann aber ein Schicksal, das sie in die grauste Zeit der weiblichen Vergangenheit zurückführte: nach Mißbrauch und Schändung vor vielen Männern und jauchzenden Weibern wurden sie alten Männern als Sklavinnen beigegeben.

Ravano della Carceri, Guistiniani, Sanudo verließen eine Woche nach dem Ausbruch die Mailänder Landschaft, kamen zu Fuß wandernd unter Gefahren nach Alessandria, von da fliegend nach Genua. Riefen Genua Marseille Bordeaux um Hilfe. Guistiniani flog nach London, an den Zentralsitz der westlichen Regierungsmacht. London erklärte, wie vorauszusehen, daß an ein zentrales Eingreifen erst zu denken sei, wenn zugestandenermaßen die örtlichen Schutzmaßnahmen versagten. Böse Blicke bekam der sehr still berichtende Guistiniani zu sehen. Die Londoner hatten gesagt, man sei offenbar unfähig im Mailändischen; ob man wieder zur Einrichtung von London bestellter Magistrate zurückkehren solle; ob man nicht wisse, was man riskiere nicht für sich allein, sondern für alle, wenn man wichtige Dinge den Gegnern und Unbotmäßigen überließe oder ausliefere; wie einen Giftschrank einem verrückten Apotheker, der einen halben Ort damit umbringt; oder wie früher ein Regiment, das nicht aufpaßt und seine Artillerie vor dem Feind stehen läßt. Rom Marseille Bordeaux, selbst noch frei aber schon bedroht erklärten sich bereit zur Hilfe, verlangten aber zugleich Sicherung vor der Wiederkehr solcher Unfälle im eigenen Interesse. In Rom erregte der zurückgekehrte Guistiniani mit seinem Bericht aus London Aufsehen; der Tadel erschien berechtigt und machte wütend auf Mailand wie auf London. Rom, durch Mailand stark gefährdet, ebenso Genua und Bordeaux verlangten Kontrolle Mailands und seiner Adnexe. Die Mailänder Deputation mußte das zugeben und unterschreiben; sie wurde nur anerkannt als Stadtvertretung unter diesem Vorbehalt. Im übrigen gab es, was Mailand anlangte, angesichts der Kraftquellen, die die Revoltierenden in der Hand hatten, keine Möglichkeit als die Vernichtung des größten und wichtigsten Teils der Stadtschaft. Sie erfolgte nach weiteren vier Tagen, im ganzen zwanzig Tage nach dem Ausbruch der Revolte. Die verbrannte erstickte Stadt wurde ihren Herren wieder übergeben.

Der schwer leidende vergrämte Sanudo spielte im neuen Mailand dann keine Rolle mehr. Ein Kontrolleur, Emissär Londons, wurde neben den Senat Mailands gestellt. Carceris Augenblick war gekommen. Er suchte die Oberhand in Mailand zu gewinnen, stieß auf den Widerstand der Frauen, die ihm die Zähne zeigten. Der junge Guistiniani unterstützte erst den bärenhaften Carceri, der offen zugab, daß er die Sache auf die Spitze getrieben habe und nun zeigen werde, wie zu verfahren sei. Diese Zynismen machten ihn bei vielen Männern, durchaus bei allen Frauen unmöglich, die im ganzen enttäuscht, sich vor seiner Tücke und Gewalttätigkeit fürchteten. Ravano della Carceri hatte auf die folgende Entwicklung von Südeuropa nur kurze Zeit Einfluß; er geriet in Streit mit Guistiniani, der sich ihm nicht fügen wollte. Ein Mordanschlag Carceris auf Guistiniani, auf den er plötzlich seinen ganzen Groll richtete, mißlang. Am Tage darauf erlag Carceri den Verletzungen, die er beim Einsturz seines Hauses erlitt; die Sprengung hatten Frauen vorgenommen. Schneidig und kühn stellte Guistiniani, ein stählerner gelbblasser Mann, die Verdächtigen vor Gericht. Seine Hand, die die südlichen Stadtschaften nun zwei Jahrzehnte spürten, war nicht weniger hart als die seines erschlagenen Freundes Carceri, um dessen eingefallenes Haus er ein Gitter zog und das nicht berührt werden durfte. Er schlug den Ansturm der Frauen zurück, hielt sie lange im Zaum. Bis er verzweifelnd, in seiner Vereinsamung durchschauert sich zurückzog wie Hunderte seiner Zeit, nach den lockenden Abfallstätten Europas und Amerikas, an die Mittelmeer- und atlantischen Küsten. Es war die Zeit der Frauenbünde, der übermütigen unwiderstehlichen Verbände, der hinsterbenden Mannesgewalt. Die Wut der Frauen verfolgte Guistiniani nach Trabulus an der Großen Syrte.

DER FALL