Der historische Roman und wir - Alfred Döblin - E-Book
Beschreibung

Mit einem Nachwort von Erich Kleinschmidt. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk. Ob er gegen den Futurismus oder gegen die Psychologie des Romans polemisiert, ob er mehr »Tatsachenphantasie« oder größere politische Verantwortung fordert – stets ist Döblin auch auf dem Feld der ästhetisch-poetologischen Reflexion ein radikal gegenwärtiger Autor, der sich aus der Dynamik der eigenen literarischen Praxis heraus einmischt und sich bei keiner These beruhigen kann. Diesem unorthodoxen, engagierten Grundzug seiner Essays verdankt sich ihre Lebendigkeit bis heute, und ihre produktive Unruhe macht sie zu wichtigen Impulsgebern auch für gegenwärtiges Nachdenken über Literatur und Kunst.

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Seitenzahl:53


Alfred Döblin

Der historische Roman und wir

FISCHER E-Books

Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur

Mit Daten zu Leben und Werk

Inhalt

Der historische Roman und wirI Jeder Roman hat einen Fonds Realität nötigII Die Allgemeinheit der Realität im RomanIII Der historische Roman ist erstens Roman und zweitens keine Historie[.]IV Was ist Historie? Mit Historie will man was[.]V Die neue Funktion des Romans: Bericht von der Gesellschaft und von der Person. Jeder gute Roman ist ein historischer Roman[.]VI Der Autor ist eine besondere Art Wissenschaftler. Dichtung ist niemals eine Form der Idiotie[.]VII Der sonderbare Entstehungsprozeß eines historischen RomansVIII Die beiden widersprüchlichen Triebkräfte des heutigen Romans und ihre TrägerIX Der historische Roman in der Literatur unserer Emigration. Welches ist heute die Parteilichkeit des Tätigen?AnhangEditorische NotizDaten zu Leben und WerkAlfred Döblin

Der historische Roman und wir

IJeder Roman hat einen Fonds Realität nötig

Wodurch unterscheidet sich der historische Roman von einem anderen Roman?

Ich habe hier den Beginn eines einfachen Romans: »Die Nacht war über den Garten gekommen. Aus der mächtigen Wand von Baumkronen hinter dem Haus, in deren dichtverschränktem Gezweig er seit Stunden langsam emporgeklettert war, löste sich jetzt in rötlichem Glühen der Mond. Klaus öffnete die Fenster und beugte sich hinaus zu dem nächtlichen Garten. Wie immer nahm der stille schweigsame Zauber seine Sinne gefangen. Ruth, die auf seine Bitten hin hatte spielen müssen, schloß mit einer heftigen Bewegung den Flügel, unwillig, daß er sie plötzlich vernachlässigte. Klaus wandte sich um.« usw.

Jeder von uns, der dies liest, weiß: dies ist nicht vorgekommen, und auch der Autor, als er dies schrieb, hat nicht einen Augenblick den Willen gehabt, uns vorzumachen, dieser Klaus und diese Ruth h[ätt]en gelebt, und es habe sich in jener Mondnacht, einer Nacht mit einem bestimmten Datum, das abgespielt, was er jetzt zu erzählen beginnt. Wir sind eben im Roman, im Bereich der Erfindung, wenngleich – das ist eine eigentümliche Sache – diese Vorgänge hier so vorgetragen werden, als ob sie sich real ereignet hätten und historische wären. Ja, es steht so, und ist außerordentlich kurios, aber wichtig, und muß nachdenklich machen: wenn im simplen Roman die Dinge nicht so erzählt werden, als ob sie sich richtig ereignet hätten, nicht so erzählt werden, daß sie sich haben ereignen können, wenn die Handlungen unglaubhaft, (verglichen mit der Realität) unwahrscheinlich sind, so lehnen wir diesen Roman ab. Es ist ein schlechter Roman.

In unserem Fall, wo der Klaus und die Ruth auftreten, sind wir bereit mitzumachen, und zwar warum? Solche Nächte, wo der Mond langsam im Gezweig von Baumkronen emporklettert – ein deutliches plastisches Bild – gibt es. Und einen Klaus, wohlgemerkt irgendeinen Klaus, der sich hinauslehnt, er kann auch Max oder Erich heißen, kann es auch geben. Und wir sind gar nicht erstaunt, daß sich unter diesen Umständen auch eine Ruth findet, die Klavier spielt und sich ärgert, daß er zum Fenster hinausblickt. Wir machen mit, weil dies alles möglich ist, und es braucht gar nicht vorgekommen zu sein. Wir akzeptieren die Spielregel: es braucht nicht vorgekommen zu sein, aber wir lassen das Spiel nur zu unter der Bedingung: es muß wenigstens möglich sein.

Der einfache erfundene Roman also, schon er hat, damit wir ihn überhaupt annehmen, einen Fonds Realität nötig. Und wenn wir fragen, woher das kommt und warum wir nicht einfach ein völlig und ganz unwahrscheinliches Spiel, eine 100prozentige Spielerei hinsetzen dürfen, so ist die Antwort: dieser unser heutiger Roman zeigt so seine Herkunft. Er ist ein Überbleibsel, besser gesagt: eine Entwicklungsstufe einer Erzählungsart, die wirklich von erfolgten Vorgängen berichtet. Ehemals war Epik überhaupt die Mitteilungsform, die Verbreitungsform und die Aufbewahrungsform für wirklich abgelaufene Vorgänge. Es war die Zeit, wo man noch nicht Schrift und Zeitung hatte. Da man nur mündlich überlieferte, konnte sich Fabelhaftes einmischen. Um besser aufzubewahren, fixierte man damals auch die Mitteilung in Versen; die Versform erleichterte die Wiederholung und sicherte nach Möglichkeit den Inhalt, und dies beides, und keine »ästhetische Absicht« ist der eigentliche Grund, warum die frühen Epen und Erzählungen in Versform auftreten. Die saubere Trennung von Wahrheit und Dichtung erfolgte erst später, als sie durch neue Überlieferungs- und Aufbewahrungsformen, also Schrift und Buch vor allem, möglich wurde, wonach sich dann auch unsere erzählende und berichtende Prosa entwickeln konnte. Trotz dieser Entwicklung, lange nach Verbreitung von Schrift und Druck, finden sich noch alte, gewissermaßen prähistorische Zeichen in unserm heutigen Roman, und wir haben eines eben genannt: wir wollen in dem zugestandenermaßen erfundenen Roman die Dinge glauben können, und Dinge, wenn sie nicht historisch sind, müssen wenigstens möglich sein. Damit ist dem heutigen Autor eine doppelte Aufgabe zugefallen: einmal erkenntlich und überzeugend Realität zu geben, wenn auch nicht zeitlich, räumlich bestimmte, und das andere Mal aus diesen Realitätsbestandteilen etwas zu machen, wodurch das Ganze Roman wird. Sie müssen zugeben, daß hier eine kuriose Sache erfolgt. Im geheimen Einverständnis setzen Autor und Hörer sich hin, und der Autor fängt an, einen Wunsch des Hörers zu befriedigen, und er setzt ihm dazu Tatsachen der Welt vor, interessante und wichtige, aber reichlich allgemeine und keineswegs so, wie sie irgendwo wirklich verlaufen wären, aber so, wie es dem Hörer gefällt. Autor und Hörer tun da mit verteilten Rollen das, was nächtlich überall der Traum, aber knapper und robuster leistet in der einen Person, die zugleich Autor und Hörer ist, nämlich im Träumer.

Es gibt keine Art der Erzählung, der epischen Dichtung, wo solch Anschein der Realität, wie wir ihn noch im heutigen Roman aufdeckten, nicht gefordert wird. Wenn im Märchen Hänsel und Gretel in den Wald gehen und die Knusperhexe treffen, so sind Vorgänge und Personen, die ganze Situation vollkommen unmöglich. Keine Spur von Historie. Die Situation strotzt von Feh