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Mit einem Nachwort von Erich Kleinschmidt. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk. Ob er gegen den Futurismus oder gegen die Psychologie des Romans polemisiert, ob er mehr »Tatsachenphantasie« oder größere politische Verantwortung fordert – stets ist Döblin auch auf dem Feld der ästhetisch-poetologischen Reflexion ein radikal gegenwärtiger Autor, der sich aus der Dynamik der eigenen literarischen Praxis heraus einmischt und sich bei keiner These beruhigen kann. Diesem unorthodoxen, engagierten Grundzug seiner Essays verdankt sich ihre Lebendigkeit bis heute, und ihre produktive Unruhe macht sie zu wichtigen Impulsgebern auch für gegenwärtiges Nachdenken über Literatur und Kunst.
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Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2013
Alfred Döblin
Ob er gegen den Futurismus oder gegen die Psychologie des Romans polemisiert, ob er mehr »Tatsachenphantasie« oder größere politische Verantwortung fordert – stets ist Döblin auch auf dem Feld der ästhetisch-poetologischen Reflexion ein radikal gegenwärtiger Autor, der sich aus der Dynamik der eigenen literarischen Praxis heraus einmischt und sich bei keiner These beruhigen kann. Diesem unorthodoxen, engagierten Grundzug seiner Essays verdankt sich ihre Lebendigkeit bis heute, und ihre produktive Unruhe macht sie zu wichtigen Impulsgebern auch für gegenwärtiges Nachdenken über Literatur und Kunst.
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Covergestaltung: bilekjaeger, Stuttgart
Veröffentlicht als E-Book 2013.
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402285-7
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Der historische Roman und wir
I Jeder Roman hat einen Fonds Realität nötig
II Die Allgemeinheit der Realität im Roman
III Der historische Roman ist erstens Roman und zweitens keine Historie[.]
IV Was ist Historie? Mit Historie will man was[.]
V Die neue Funktion des Romans: Bericht von der Gesellschaft und von der Person. Jeder gute Roman ist ein historischer Roman[.]
VI Der Autor ist eine besondere Art Wissenschaftler. Dichtung ist niemals eine Form der Idiotie[.]
VII Der sonderbare Entstehungsprozeß eines historischen Romans
VIII Die beiden widersprüchlichen Triebkräfte des heutigen Romans und ihre Träger
IX Der historische Roman in der Literatur unserer Emigration. Welches ist heute die Parteilichkeit des Tätigen?
Anhang
Editorische Notiz
Daten zu Leben und Werk
Alfred Döblin
Wodurch unterscheidet sich der historische Roman von einem anderen Roman?
Ich habe hier den Beginn eines einfachen Romans: »Die Nacht war über den Garten gekommen. Aus der mächtigen Wand von Baumkronen hinter dem Haus, in deren dichtverschränktem Gezweig er seit Stunden langsam emporgeklettert war, löste sich jetzt in rötlichem Glühen der Mond. Klaus öffnete die Fenster und beugte sich hinaus zu dem nächtlichen Garten. Wie immer nahm der stille schweigsame Zauber seine Sinne gefangen. Ruth, die auf seine Bitten hin hatte spielen müssen, schloß mit einer heftigen Bewegung den Flügel, unwillig, daß er sie plötzlich vernachlässigte. Klaus wandte sich um.« usw.
Jeder von uns, der dies liest, weiß: dies ist nicht vorgekommen, und auch der Autor, als er dies schrieb, hat nicht einen Augenblick den Willen gehabt, uns vorzumachen, dieser Klaus und diese Ruth h[ätt]en gelebt, und es habe sich in jener Mondnacht, einer Nacht mit einem bestimmten Datum, das abgespielt, was er jetzt zu erzählen beginnt. Wir sind eben im Roman, im Bereich der Erfindung, wenngleich – das ist eine eigentümliche Sache – diese Vorgänge hier so vorgetragen werden, als ob sie sich real ereignet hätten und historische wären. Ja, es steht so, und ist außerordentlich kurios, aber wichtig, und muß nachdenklich machen: wenn im simplen Roman die Dinge nicht so erzählt werden, als ob sie sich richtig ereignet hätten, nicht so erzählt werden, daß sie sich haben ereignen können, wenn die Handlungen unglaubhaft, (verglichen mit der Realität) unwahrscheinlich sind, so lehnen wir diesen Roman ab. Es ist ein schlechter Roman.
In unserem Fall, wo der Klaus und die Ruth auftreten, sind wir bereit mitzumachen, und zwar warum? Solche Nächte, wo der Mond langsam im Gezweig von Baumkronen emporklettert – ein deutliches plastisches Bild – gibt es. Und einen Klaus, wohlgemerkt irgendeinen Klaus, der sich hinauslehnt, er kann auch Max oder Erich heißen, kann es auch geben. Und wir sind gar nicht erstaunt, daß sich unter diesen Umständen auch eine Ruth findet, die Klavier spielt und sich ärgert, daß er zum Fenster hinausblickt. Wir machen mit, weil dies alles möglich ist, und es braucht gar nicht vorgekommen zu sein. Wir akzeptieren die Spielregel: es braucht nicht vorgekommen zu sein, aber wir lassen das Spiel nur zu unter der Bedingung: es muß wenigstens möglich sein.
Der einfache erfundene Roman also, schon er hat, damit wir ihn überhaupt annehmen, einen Fonds Realität nötig. Und wenn wir fragen, woher das kommt und warum wir nicht einfach ein völlig und ganz unwahrscheinliches Spiel, eine 100prozentige Spielerei hinsetzen dürfen, so ist die Antwort: dieser unser heutiger Roman zeigt so seine Herkunft. Er ist ein Überbleibsel, besser gesagt: eine Entwicklungsstufe einer Erzählungsart, die wirklich von erfolgten Vorgängen berichtet. Ehemals war Epik überhaupt die Mitteilungsform, die Verbreitungsform und
