Berliner Freitagsgeschichten - Marie Meerberg - E-Book

Berliner Freitagsgeschichten E-Book

Marie Meerberg

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Beschreibung

Wenn man als Berlinerin in Tempelhof wohnt und in Neukölln arbeitet, erlebt man so einiges. Das Fahrradfahren wird zum Abenteuer, die Bahnfahrt zur Erlebnisstrecke und Mitmenschen sind plötzlich Hauptdarsteller in einem zwar alltäglichen und trotzdem so typischen Hauptstadtgeschehen. Die Autorin beschreibt ihre ganz eigenen Beobachtungen mit einem Augenzwinkern und verleiht der Realität dabei ab und an eine phantasievolle Note.

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Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über die Autorin:

Marie Meerberg schreibt unter Pseudonym. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in ihrer Geburtsstadt Berlin.

Ihre Geschichten entstehen vorzugsweise in Berliner Cafés, im Britzer Garten, auf Föhr, in Reisezügen und überall dort, wo ihr Laptop Platz findet. In besonders kreativen Phasen und bei entsprechenden Außentemperaturen arbeitet sie auch gerne auf der Bank vor dem Haus.

Die "Berliner Freitagsgeschichten" sind nach der Erzählung"UnGlücksbringer" (erschienen 2017 im BoD-Verlag) ihre zweite Veröffentlichung.

Be you, be here, be Berlin

Marie Meerberg

Inhaltsverzeichnis

Shopping Rallye

Gestern in den Öffentlichen

Teure Rache

Frere Jacques

Die tut dir doch nichts

Fahr doch langsamer

Benny und der Weihnachtsmann I

Ausgeschlossen

Nix geht mehr

Zuverdienst

Einbruch ohne Spuren

Mann kocht

Strategien

Traumtyp

Ein Fahrradmärchen

Papa hat viel zu tun

Vorbildlich?

Märchenhaft

Spielsüchtig

Lieselotte kauft ein

Doppeltes Glück

Eine unter Vielen

Sprachmodus

Das erste Date

Benny und der Weihnachtsmann II

Shopping – Rallye

Der lange gelbe Bus mit Zieharmonika-Verbindung kurvt in Alt-Mariendorf rasant um die Ecke.

Mit gefühlten hundert Stundenkilometern. Wir müssten eigentlich jeden Augenblick umkippen. Tun wir aber nicht. Der Fahrer hat alles voll im Griff.

NOCH, denke ich. Mal sehen, wie lange das gut geht.

Wir sind auf dem Weg zur Schlossstraße. Ich brauche dringend eine neue Jacke. Während sich in meinen Gedanken die Marschroute durch das Einkaufsparadies entwickelt, die mich effizient zum Erfolg führen soll, will der vor meinem Sitz eingeparkte Rollstuhlfahrer aussteigen. Er scheint den für ihn erreichbaren Halteknopf nicht zu sehen und ruft stattdessen laut in Richtung Fahrerkabine, während wir schon fast in Höhe der nächsten Haltestelle sind.

Vollbremsung.

Zwei Frauen kreischen hysterisch.

„Ich habe ihr 'Hallo' eben erst gehört“, entschuldigt sich der Busfahrer beim Rollstuhlfahrer, springt behände auf, sprintet zur ersten Ausgangstür und klappt flugs die Rampe aus, um den Mann aussteigen zu lassen. „Auf Wiedersehen“, ruft er freundlich, klappt die Rampe wieder ein und flitzt zu seinem Fahrersitz zurück. Wir fahren nun noch schneller. Klar. Der Zwischenstopp muss natürlich zeitlich aufgeholt werden. Zwanzig Sekunden werfen zurück. Vielleicht findet auch gerade die Rallye de Steglitz statt und mein Fahrzeugführer strebt den ersten Platz an. Er hat aus meiner Sicht die allerbesten Chancen.

Ich warte auf die erste Außenspiegelkollision mit links vorbeifahrenden oder rechts parkenden Autos.

Die Gersdorfstraße ist extrem eng. Aber es passiert nichts.

‚Der kann das, der kann das, der kann das…‘, suggeriere ich mir optimistisch, meine innere Anspannung leicht lockernd und den rechten Zeigefinger knetend – das soll angstbefreiend wirken. ‚Außerdem hat er rechts und links seines attraktiv gebräunten Gesichts schon leicht ergraute Schläfen – das spricht für ERFAHRUNG‘.

Wir rasen weiter und erreichen in Windeseile die Feuerbachstraße, wo zwei Rentner am Zebrastreifen warten.

Kein Problem für meinen Rennfahrer.

Erneute Vollbremsung.

Diesmal kreischen drei Frauen hysterisch. Ich bin dabei.

Auch wenn die Fahrgäste von seinen unvorhergesehenen Bremsaktionen ganz und gar nicht begeistert sind: es macht Schumi sympathisch, dass er Rücksicht auf Senioren nimmt, die dann im Schneckentempo die Straße überqueren.

Nach Weiterfahrt mit erneuter Geschwindigkeitsüberschreitung (diesmal müssen mindestens vierzig Sekunden aufgeholt werden), kommen wir raketenschnell am Walter-Schreiber-Platz an.

Ich löse die Umklammerung meines gut durchgekneteten Zeigefingers (inzwischen dem linken) und steige aus.

Mein Angstschweiß trocknet nur langsam.

Gleichzeitig ist meine Morgenmüdigkeit wie weggeblasen. Ich fühle mich hellwach. Und freue mich über meine BVG-Umweltkarte. Sie ermöglicht mir nicht nur ein Benzingeld und Parkgebühren-freies Steglitz-Shopping. Wenn die Anfahrt so schnell ist wie heute, wirkt sie sogar gesundheitsfördernd.

Jedenfalls wenn man zu niedrigen Blutdruck hat ;-).

Gestern in den Öffentlichen

Ich fahre im U-Bahnhof Alt-Mariendorf die Rolltreppe herunter. Drei Stufen unter mir steht eine Frau, die ihren Kaffeebecher an den Mund setzt.

Wahrscheinlich trinkt sie in diesem Moment den letzten Schluck aus, denn als sie unten ankommt, stellt sie den Becher einfach rechts von ihr auf die silberne Ablage der Rolltreppe, die sich zwischen Wand und schwarzem Handlauf befindet. Praktisch.

Muss man keinen Abfalleimer suchen. Der übrigens in knapp zwanzig Metern Entfernung zu finden wäre.

Ich überhole die dunkelhaarige kleine Frau um die Fünfundfünfzig.

"Es wäre aber schon sehr nett, wenn Sie Ihren Kaffeebecher selbst wegwerfen würden. Sonst müssen es andere für Sie machen", sage ich freundlich von der Seite.

"Mache isch sonst imma. Heut nischt. Gibt aber schlimmer..."

Klar.

"Schlimmer geht immer...", stimme ich ihr zu.

Etwas schlimmer ist dann zum Beispiel fünf Minuten später, als sich einem Mann in der S-Bahn der Inhalt seines Kaffeebechers zur Hälfte über den Boden ergießt. Etwas weniger schlimm ist es, wenn er selbst Taschentücher dabei hat, um die Lache nach und nach aufzuwischen. Ich setze mich beim Einsteigen in Tempelhof neben ihn, weil ich zunächst nur den verlockend freien Sitzplatz sehe und das Kaffeeproblem gar nicht wahrnehme. Als die braune Brühe in die Richtung meines Rucksacks läuft, fließt es in mein Sichtfeld.

"Vorsicht", warnt mich der schon ältere, dunkelhaarige Mann mit südländischem Aussehen besorgt, während er versucht, den Kaffee mit einem ehemals weißen Taschentuch aufzusaugen.

"Ach herrje“, schnell hebe ich den Rucksack auf meinen Schoß. „Brauchen sie ein weiteres Tuch?"

"Nein. Villen Dank, hab' selbst", antwortet er mir vom Fußboden aus, während er mit einem neuen weißen Tuch die Feuchtigkeit aufsaugt.

Er scheint ohne fremde Hilfe auszukommen. Ich hole mein Handy raus und checke Nachrichten.

"Ey, hier hast'e noch'n paar. Für de Hände...".

Ein älterer Mann im farbbeklecksten Maleroverall von der Bank gegenüber reicht eine noch halb gefüllte Taschentücherpackung herüber.

"Oh – villen Dank", strahlt der Mann neben mir, greift nach dem Angebot und wischt dann mit dem neu erhaltenen Material weiter den Boden auf. Ich staune. Vielleicht ist es für ihn leichter von Männern Unterstützung anzunehmen.

"Sieht doch schon wieder sehr o.k. aus", sage ich lobend zu ihm.

"Die haben hier nischt rischtig sauber gemacht", versucht er zu scherzen.

Der Maler von gegenüber macht sich zum Aussteigen bereit.

"Villen Dank nochmal – und schönen Tag!",

wünscht mein Nachbar ihm.

"Is doch klar! Gleichfalls", brummt es fast freundlich zurück.

Die nächste Station ist dann Sonnenallee.

Der Mann neben mir erhebt sich mit seinem Kaffeebecher.

"Schönen Tag noch", wünscht er mir freundlich.

"Danke – Ihnen auch", antworte ich lächelnd und folge ihm zur Tür, um ebenfalls den Zug zu verlassen. Mein Lächeln hält sich auf dem gesamten Weg zum Büro.

Ist doch schön, wenn Menschen sich gegenseitig helfen. Und wenn sie dafür sorgen, dass Busse und Bahnen sauber bleiben.

Teure Rache

Henry steht auf der Tankstelle und wartet mit finsterem Blick darauf, dass vor ihm die Zapfsäule frei wird. Eine nicht mehr ganz junge Frau ist gerade dabei, ihren weinroten Ford Fiesta zu betanken.

Der Tank muss vollkommen leer gewesen sein. Das dauert entsprechend.

Während er auf heißen Kohlen sitzt, weil er schon längst im Dienst sein müsste, sieht die Tussi fröhlich und entspannt aus. Kann er absolut nicht ab. Wer morgens um halb sieben gute Laune ausstrahlt, muss was geschmissen haben. Mindestens einen Vitamincocktail. Oder sogar irgendein verbotenes Kraut.

Ausgeschlafen sieht sie auch noch aus. Und hat die Ruhe weg. Ihre Bewegungen erinnern an einen Slowmotion-Film. Henry merkt, wie tief aus seinem Inneren etwas sehr Böses aufsteigt, was unbedingt raus will.

„Ey, es warten hier auch noch andere“, brüllt er aus dem Fenster. „Es gibt Leute, die müssen heute arbeiten.“

„Genau. Mich zum Beispiel“, antwortet sie seelenruhig. Das gibt es ja wohl nicht! Auch noch frech werden. Er spürt deutlich seine Halsschlagader pulsieren. Diese blöde Kuh steckt die Tankpistole zurück an die Säule und schleicht schneckengleich zur Glastür des Tankhäuschens. Sie geht zum Kassenschalter.

Der hellbeleuchtete Innenraum ist gut einsehbar.

Mann! Henry wartet inzwischen seit gefühlten Stunden.

Was wird das jetzt? Ein Morgentalk mit dem Tankwart? Sag mal, hat die sonst keinen zum Reden? Er schlägt entnervt mit der flachen Hand auf sein Lenkrad. Na endlich. Die Frau nimmt ihre Kreditkarte entgegen und wendet sich dem Ausgang zu. Oder auch nicht. Warum dreht sie wieder um? Sie geht zum Regal. Nimmt eine Tüte Bonbons heraus, um dann NOCHMAL zum Kassenschalter zu gehen.

Gute Laune steigert offensichtlich nicht das Konzentrationsvermögen. Sonst hätte sie ja wohl gleich an ihr Süßzeug denken können. Das Blut in Henrys Adern hat langsam den Siedepunkt erreicht, seine Halsschlagader ist kurz vorm Platzen. Als sich die Schiebeglastür zur Seite bewegt und die Frau in gelassenem Schritt zu ihrem Fiesta läuft, hat er den Wunsch, sie aus tiefstem Herzen in Grund und Boden zu schreien. Er unterdrückt es mühsam, weil gerade ein anderer Kunde in Richtung Tankhäuschen an seinem Auto vorbeiläuft. Manche Männer entwickeln ritterliche Züge, wenn sie eine Frau in Bedrängnis wähnen. Wer weiß, wozu der kräftige Typ imstande wäre. Henry hat keine Lust auf eine Prügelei. Seine Agression wandert in seinen Magen und reizt dort gewaltig die Schleimhaut.

Die Frau verstaut inzwischen im Wagen sitzend sorgfältig ihre Kreditkarte im Portemonnaie und wirft noch einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. Dann fährt sie ENDLICH los. Henry rollt auf ihre Position und befüllt seinen Tank. Beim Bezahlen kauft er sich eine frische Brezel mit Butterfüllung. Ein schwacher salziger Trost. Dann kehrt er zum Auto zurück . Setzt sich rein. Ist immer noch wütend. SEHR wütend. Diese Trödeltusse hat ihn zeitlich zurück geworfen und durch ihr gelassenes Wesen zur Weißglut getrieben. Er verspürt ihr gegenüber tiefe Rachegelüste, die er unbedingt ausleben möchte. Leider steht sie dafür nicht mehr zur Verfügung. Ärgerlich. Er fährt zur Ausfahrt der Tankstelle, die über einen kreuzenden Radweg führt.

Noch etwas entfernt naht eine gelbe Signalweste auf zwei Rädern von links. Aha. Eine Frau auf dem Fahrrad rollt heran. Bestens. Da kann man was draus machen. DIE wird sein Ersatzopfer. Der vor ihm stehende Daimler steht bereits wartend zum Einordnen in den Straßenverkehr. Und zwar genau auf dem Radweg. Das passt ausgezeichnet. Schön, dass Freunde da sind, wenn man sie braucht. Freunde helfen doch in der Not, nicht wahr? Dieser Daimlerfahrer wird heute einer sein. Er versperrt nämlich der radelnden Westentante wunderbar den Weg. Wenn das dahinterstehende Fahrzeug – in diesem Falle Henrys - genug Abstand lassen würde, könnte sie den Wagen natürlich umfahren. Tja - das wird er aber heute zu verhindern wissen. Henry spürt, wie sein Herz freudig zu schlagen beginnt, als er auf fünf Zentimeter an den Daimler heranfährt. Die Westentante muss eine Vollbremsung machen. Na bitte. Das ist doch schon mal sehr schön. Sie beginnt sich wunderbar wild und heftig über ihn aufzuregen. Kriegt