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Was haben Sie gedacht, als Corona kam? Um die besondere Stimmung dieser außergewöhnlichen Zeit festzuhalten, hat die Berlinerin Corina Clarmann sie, aus ihrer ganz persönlichen Sicht, in Tagebuchform aufgezeichnet. Sie beleuchtet zum Teil augenzwinkernd, zum Teil fassungslos, Anteil nehmend und nachdenklich die sich täglich verändernde Lage, wobei sie aktuelle Presseinformationen mit einbezieht, die die Geschehnisse historisch einordnen.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Marie Meerberg schreibt unter Pseudonym. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in ihrer Geburtsstadt Berlin.
Ihre Bücher entstehen vorzugsweise in Berliner Cafés, im Britzer Garten, auf Föhr, in Reisezügen und überall dort, wo ihr Laptop Platz findet.
In besonders kreativen Phasen und bei entsprechenden Außentemperaturen arbeitet sie auch gerne auf der Bank vor dem Haus.
„Corina und Corona“ ist nach der Erzählung "UnGlücksbringer" (erschienen 2017 im BoD-Verlag) und den "Berliner Freitagsgeschichten" (erschienen 2019 im BoD-Verlag) ihre dritte Veröffentlichung.
Liebe Leserinnen und Leser,
was haben Sie gedacht, als Corona kam?
Moment, das ist schon eine Weile her, sagen Sie? Genau. Und weil unser Gehirn vergangene Ereignisse schnell von der Festplatte schmeißt, wollte ich meine ganz persönlichen Eindrücke festhalten. Bevor sie verwischen.
Deshalb ist dieses Buch entstanden. So wie Hunderttausende von anderen Corona-Aufzeichnungen. Viele Menschen haben im März 2020 ihre Gedanken über die aktuelle Situation festgehalten – denn viele hatten die Zeit dazu.
Weil so vieles aus- und wegfiel. So wie bei mir auch.
Wer ich bin?
Mein Name ist Corina Clarmann.
So heiße ich nicht wirklich, aber ich brauchte einen vernünftigen Buchtitel.
Mitte März 2020 begann ich eine Art Corona-Tagebuch zu führen. Nicht durchgehend, aber doch ziemlich regelmäßig.
Gemeinsam mit meinem Mann (und damals noch unseren beiden schon volljährigen Söhnen) wohne ich bis heute in einem Reihenhaus mit kleinem Garten im südlichen Teil Berlins. Wir führten dort seit Jahren ein überwiegend beschauliches und unspektakuläres Leben.
Das blieb Gott sei Dank auch so, als das Covid 19-Virus die Welt befiel. Wir haben großes Glück gehabt. Trotzdem ist seit Corona nichts mehr wie vorher.
Wer noch einmal mit meinen Augen die Anfänge dieser sehr besonderen Zeit betrachten möchte, ist herzlich dazu eingeladen, die folgenden Seiten zu lesen.
Die Autorin
P.S.:
Kennen Sie das Buch 'Was Krankheiten uns sagen' von Dr. Elfrida Müller-Kainz und Dr. Beatrice Steingaszner? Die beiden Ärztinnen beschreiben darin, was Krankheiten für Ursachen und Bedeutungen haben können.
Unter anderem geht es auch um die Risikofaktoren und Ursachen einer Grippe (das Coid-19-Virus gab es noch nicht, als ihr Buch entstand). Hierzu gehören aus Sicht der Ärztinnen Gifte durch ungesunde Ernährung (Zusätze, Fastfood usw.) sowie fehlende Ruhephasen.
Auch wenn das Corona-Virus durch die teilweise schweren Atemprobleme sowie die noch nicht endgültig geklärten Folgeerscheinungen der Erkrankung weitaus unberechenbarer und gefährlicher als eine Grippe erscheint, sind die oben genannten Grundsätze für mich auf Covid-19 übertragbar.
Ist es nicht so, dass wir uns häufig – aus welchen Gründen auch immer – eher ungesünder ernähren? Und gehen uns durch die gesellschaftlichen Zwänge und Ideale (schneller, größer, besser) die dringend für Gedanken und Erholung notwendigen Ruhephasen nicht permanent verloren?
Müssten wir uns weltweit nicht noch viel mehr Gedanken um uns und vor allem auch um unsere Nachkommen machen?
Stichwort: Klimawandel?
Brauchen wir vielleicht eine HEILKRISE, damit sich endlich Dinge ändern, die schon längst hätten geändert werden müssen?
Sind vielleicht aufgrund einer solchen Krise Dinge möglich, die vorher undenkbar waren?
Ich glaube: JA!
Hätte jemand noch vor ein paar Monaten geglaubt, dass für mehrere Wochen der gesamte Einzelhandel bis auf wenige Ausnahmen stillgelegt würde? Dass sämtliche Restaurants, Cafes und Kneipen geschlossen und wir mehrheitlich zu Hause blieben? Dass die ganze Welt zur Ruhe käme? Dass alle wirtschaftlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten sowie Profitgier für eine gewisse Zeit vollkommen in den Hintergrund und der Mensch und seine Gesundheit in den Vordergrund träten?
Nun wissen wir: ES IST MÖGLICH.
Können wir mit diesem Wissen zukünftig vielleicht dauerhaft Dinge anders gestalten, ohne dass Menschen ihre Existenz verlieren oder der Staat Milliarden von Subventionen für eine Pandemie leisten muss?
Könnte die Corona-Krise vielleicht neben allen schlimmen gesundheitlichen und finanziellen Auswirkungen eine sehr positive Weiterentwicklung der Weltbevölkerung bewirken?
Nun - das liegt wohl an uns Menschen selbst und es hängt davon ab, was wir daraus machen.
Falls wir wieder in unsere alten Strukturen und Denkweisen zurück kehren, wenn alles vorbei ist, klappt es ganz sicher nicht.
Wenn die Krise einer positiven Weiterentwicklung beim Zusammenspiel zwischen Mensch, Natur und wirtschaftlichen Vorgängen dient, hätte sie einen sehr wichtigen Zweck erfüllt.
Das wünsche ich uns!
19.03.2020 Der Anfang
21.03.2020 Schließungen
23.03.2020 Corona in Berlin
24.03.2020 Im Supermarkt
26.03.2020 Homeoffice
28.03.2020 Da fehlt doch was
31.03.2020 Strukturen und Stille
01.04.2020 Es bleibt relativ
02.04.2020 Widerspenstige Vollpfosten
03.04.2020 Der Klimawandel bleibt nicht stehen
10.04.2020 Corona-Ostern
15.04.2020 Weniger ist mehr
16.04.2020 Öffnet langsam die Türen
17.04.2020 Södern statt zögern
18.04.2020 Keine, kleine und große Freuden
19.04.2020 Richtig oder Falsch
20.04.2020 Alltagsmasken und Abstandsgespräche
21.04.2020 Maskerade
22.04.2020 Wir lockern uns
23.04.2020 Sonne ohne Ende
24.04.2020 Experimente
25.04.2020 Corona-Wahnsinn
26.04.2020 Es ist wie es ist
27.04.2020 Noch immer nicht
28.04.2020 Ja oder nein oder was?
29.04.2020 Das wird nicht einfach werden
30.04.2020 Wir halten zusammen
01.05.2020 Erster Mai mal anders
02.05.2020 Moderat bringt auch nix
03.05.2020 Ist es zu früh?
05.05.2020 Locker vom Hocker
06.05.2020 Ein Bier bitte
07.05.2020 Erst wenn man es nicht mehr hat
08.05.2020 Durchblick fällt schwer
10.05.2020 Corona-Ruhe
11.05.2020 Corona-Demo
12.05.2020 Susi Sorglos
14.05.2020 Alle Menschen sind gleich
15.05.2020 Fast unbeschwert
16.05.2020 Endlich wieder
19.05.2020 Wirklich wahr?
22.05.2020 Corona-Alltag
23.05.2020 Wer braucht schon Termine
24.03.2020 Verschobene Realitäten
25.04.2020 Noch nicht vorbei
27.05.2020 Alles wieder grün
30.05.2020 Wir öffnen uns
31.05.2020 Vermehrte Infektionen
01.06.2020 Schwankungen
02.06.2020 Trendwende
06.06.2020 Erster Versuch
07.06.2020 Italienischer Urlaub
08.06.2020 Amerika demonstriert
09.06.2020 Kurzunterricht und Sonntagsshopping
10.06.2020 Keine Sperrstunde mehr
11.06.2020 Merkwürdige Ideen
12.06.2020 Schwere Auswirkungen
15.06.2020 Erster Mallorca-Flug
16.06.2020 Manche machen Mist
18.06.2020 Alles Routine
19.06.2020 Zwangsurlaub
20.06.2020 Wenn alles so bleibt
23.06.2020 Es geht wieder los
24.06.2020 Was ist das denn?
25.06.2020 Corona und die Schlachtbetriebe
26.06.2020 FREItagsgedanken
27.06.2020 Keine Kontaktsperre mehr
28.06.2020 No Problem
01.07.2020 Lasst uns singen
05.07.2020 Corona und der Fußball
06.07.2020 Corona-Frühstück
10.07.2020 Geht doch
12.07.2020 Schritt für Schritt
14.07.2020 Erbsenhirne und Schweine
16.07.2020 Rücksichtslos und gefährlich
17.07.2020 Konzentration auf das Wesentliche
19.07.2020 Neue Vorschriften für Schlachtbetriebe
21.07.2020 Wieder etwas mehr
22.07.2020 Arsch auf Grundeis
23.07.2020 Fauxpas
24.07.2020 Nun testen wir
25.07.2020 Die zweite Welle
Wahnsinn. Seit Montag sind die Nordseeinseln dicht. Keiner darf mehr rauf. Alle Touristen mussten nach Hause fahren.
Noch am Sonntag, den 15.03.20, sind wir auf Föhr gewesen. Dort hatte die Lage sich innerhalb weniger Tage zugespitzt. Am Freitag hörte man erste Stimmen, dass vielleicht die Föhrer Cafés ab Montag schließen könnten, wirklich glauben wollte und konnte es niemand. Am Samstag wurde bekannt, dass der Föhrer Bürgermeister sich in Quarantäne begeben musste, weil er in Südtirol Ski gelaufen ist.
„Wieso muss der auch in einer solchen Zeit dorthin fahren, ne?“, äußerte meine Lieblingsbedienung aus dem Coffee-Fee-Café und fragte sich wenig später: „Kann ich mich eigentlich beim Geld entgegennehmen infizieren?“
Am Sonntag durften wir noch unseren Vormittagskaffee einnehmen, mussten uns aber bereits auf einem vorbereiteten Zettel unsere persönlichen Daten hinterlassen, damit man bei Bedarf Infektionsketten nachvollziehen könnte. Während der Rückfahrt mit der Bahn nach Berlin, kam am Nachmittag die Nachricht, dass ab Montag niemand mehr auf die Inseln dürfe, der dort nicht mit Hauptwohnsitz gemeldet sei. Außerdem würden alle noch anwesenden Gäste höflich um Abreise gebeten und die Cafés geschlossen. Krass.
Als ich am Montag nach dem Urlaub im Büro eintraf, hatte die Senatsverwaltung für Finanzen bereits einen Pandemieplan herausgegeben. Am Dienstagvormittag fand dann eine Besprechung mit meinem Amtsleiter und den Sachgebietsleitern statt, auf der etwas vorher noch nie Dagewesenes beschlossen wurde: um 11.00 Uhr wurde der Großteil der anwesenden Kollegen nach Hause geschickt, weil nur noch 20 % des Personalbestands, vor allem die Schlüsselpositionen, präsent sein durften.
Ich nahm ein paar Akten mit und entschwand ins Homeoffice. Ohne technische Möglichkeiten – denn ich war keine Telearbeiterin. Was blieb mir anderes übrig als auf dem privaten Laptop zu schreiben? Schließlich wollte ich nicht tatenlos rumsitzen – und auch nicht im Büro nochmal alles abschreiben müssen. Meine Entwürfe kamen anonymisiert auf einen Stick, den ich dann meinem IT-Mann gab. Dieser prüfte ihn auf Viren und leitete die Dokumente in meinen Postkorb. Erlaubt war es eigentlich nicht, wurde aber zunächst geduldet (und dann endgültig verboten).
Wir waren ab sofort zu viert im häuslichen Office. Mein Mann und unsere beiden Söhne arbeiteten im Dach, im OG und im Keller: Ich belegte das EG unseres kleinen Reihenhauses.
Als ich am Nachmittag des 16.03.2020 zu Edeka ging, um für das Abendessen einzukaufen, waren die Regale für Klopapier, Nudeln, Mehl und Hefe schon komplett leer.
Alle Gastronomen hatten bereits dicht machen müssen. Ebenso die Bekleidungsgeschäfte.
Ich beschließe heute, am 19.03.2020, die sich täglich überschlagenden Ereignisse in einer Art Corona-Tagebuch festzuhalten. Wahrscheinlich wird dies eins der einschneidendsten und prägendsten Erlebnisse in meinem Leben werden. Ich möchte mich später einmal daran erinnern und die Stimmung nachfühlen können, die in unserer Hauptstadt und bei mir ganz persönlich herrschte.
Eigentlich wollte ich heute noch schnell zum Friseur gehen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit ab Montag - wie viele andere Geschäfte - schließen muss. Bei meinem gestrigen Anruf war genau noch ein Termin frei.
„Sag mal, ist das wirklich wichtig, Cori?“, fragte mich meine Freundin Maggie, als ich ihr davon erzählte. Ehrlicherweise konnte ich diese Frage nur mit einem „Nein“ beantworten. Mir war eh komisch zumute, als ich gestern am Laden vorbei fuhr und die Chefin mit Maske arbeiten sah.
Also: Terminabsage.
Meine überfälligen Nägel kann ich leider auch nicht neu lackieren lassen. Das Nagelstudio wird ebenfalls schließen. Egal. Das ist gerade nicht 'wirklich wichtig'.
Das Einzige, was momentan zählt, ist gesund zu bleiben und sich nicht mit diesem Virus anzustecken.
Ich sitze seit 7.30 Uhr mit meinem Tagebuch auf der Couch und habe weder das Radio, noch den Fernseher, noch das Handy noch den Laptop an. Es herrscht absolute Stille. Alle anderen Hausmitbewohner schlafen noch. Sie Sonne scheint durchs Fenster. Was für eine Zeit!
Noch immer ist mir, als sei ich in einem Traum, der nun endlich bald zu Ende gehen möge – aber ich wache einfach nicht auf.
Wenn ich eins der oben genannten Geräte einschalte, werden mir dort immer wieder neue katastrophale Corona-Nachrichten präsentiert.
Es macht mich fassungslos, dass tatsächlich die gesamte Welt betroffen ist. Es gibt nicht viel, was alle Menschen gleichermaßen durchleben müssen. Natürlich wird jeder Mensch geboren und jeder muss sterben. Jeder braucht Nahrung und auch Schlaf.
Aber nun gibt es noch eine Gemeinsamkeit.
Die Gesamtheit der Menschen ist mit dem Corona-Virus beschäftigt.
Unmittelbar und/oder durch Einschränkungen.
Unter anderem können wir nicht mehr reisen. Unser Spanien-Urlaub über Ostern wird wohl ausfallen. Wir warten aber erst mal noch ab.
Gestern kaufte ich bei Edeka ein. Inzwischen sind weiß/rote Markierungsstreifen auf den Boden geklebt, die den Abstand von 1,50 m vorgeben. Die Kassierer*innen sitzen hinter Plexiglasscheiben.
„Das wurde ja wohl auch Zeit“, knurrte Maggie per Sprachnachricht, „sowas hätten die dort schon längst bauen müssen.“ Ihr Sohn arbeitet dort und ist dem täglichen Ansteckungsrisiko ausgesetzt.
Nach Klopapier und Mehl habe ich bei Edeka gar nicht erst gesucht. Diese Artikel sind seit Tagen ausverkauft, weil es scheinbar das essentiell Wichtigste in dieser Zeit ist, sich den Hintern abzuwischen und Brot zu backen. Jedenfalls für Deutsche. In Frankreich gibt es keine Kondome und keinen Rotwein mehr. Ohne Worte.
Ich hätte gerne Zitronen und Milch gekauft – auch das war leider nicht möglich. Dinge des notwendigen Lebensbedarfs waren nicht vorrätig. Ich fühlte mich ausgebremst. So muss das früher in der DDR gewesen sein. Mir fallen in diesem Zusammenhang gelbe Bananen ein. Die lagen aber noch leuchtend in den Obsthorden.
Na gut. Wer aufgibt, hat verloren. Ich fuhr weiter zu Lidl. Mit dem Fahrrad. In mir ist das permanente Gefühl von Bewegungsmangel, weil wir alle weiterhin möglichst zu Hause bleiben sollen - #stay at home# - und es mehrheitlich auch tun. Alleine Sport zu machen ist allerdings erlaubt.
Bei Lidl fand ich dann, was ich suchte. Außerdem ebenfalls Bodenmarkierungen und Plexiglasscheiben im Kassenbereich. Als ich mich mit gebührendem Abstand in die Warteschlange stellte, sprang plötzlich von weiter hinten ein Mann auf 30 cm an mich heran, weil er es nicht erwarten konnte, an seine Zigaretten zu kommen.
'Mann! Der soll froh sein dass es die noch gibt!', dachte ich. 'Im Übrigen wird das Rauchen wegen Corona ausdrücklich NICHT empfohlen. Befürchtet der Mann, dass die Frau vor mir oder ich sämtliche vorhandenen Packungen aufkaufen werden? Vielleicht ist er auch scharf auf die Schokokekse, die aufdringlich im Kassenbereich aufgebaut sind – NUR noch 40 Packungen – da muss man sich aus seiner Sicht vielleicht vordrängelnd bevorraten. Meine Güte!'
Ich schaute den Mann mit einem Blick an, den ich mir vor vielen Jahren antrainiert habe als meine Söhne noch im erziehungsfähigen Alter gewesen sind. Wenn dieser Blick kam, wussten sie, jetzt wird es ernst. Er schien auch in Corona-Zeiten zu funktionieren. Der Mann sprang erschrocken zurück in den 1,50 m Abstand.
Das freute mich sehr. Für ihn, für mich und für alle, die sich durch ein vernünftiges Abstandsverhalten NICHT anstecken.
Während ich so wartete, bis ich vor die Plexiglasscheibe treten und meine Einkäufe in gebührender Entfernung von der Kassiererin in den Wagen laden konnte, kam mir ein Einfall für die Nachmittagsgestaltung. Ich könnte mich auf das Tempelhofer Feld stellen und die in meinen Augen asozialen Erbsenhirne, die dort in großen Gruppen Freiheitspartys feierten, mit meinem speziellen Blick anschauen. Natürlich aus 1,50 m Abstand. Ob die sich dadurch vertreiben lassen würden?
Da ich den Nachmittag mit Gartenarbeit verbrachte, setzte ich meine Idee dann leider doch nicht um.
Seit heute ist das vielleicht nicht mehr notwendig, weil neue Einschränkungen bekannt gemacht wurden. Versammlungen von mehr als zehn Leuten sind jetzt verboten. Na schauen wir mal, ob die Information bis aufs Flugfeld vordringt.
Jedenfalls hat auch unsere Bundeskanzlerin in einer wirklich eindringlichen Sonderansprache auf den Ernst der Lage hingewiesen. Hoffentlich hilft es was – schaden kann es auf keinen Fall.
Laut Abendschau scheinen die Flughafenpartyfeierer tatsächlich vernünftig geworden zu sein – es seien kaum noch Menschenansammlungen zu verzeichnen gewesen.
Das freut mich sehr für unsere Stadt und ich kann mich wieder entspannt meinen Vorbereitungen für die Zeit nach Corona widmen: Tomaten-Samen in die Erde bringen. Auf dass sie wachsen und gedeihen mögen. Und zwar extrem antiproportional zum Corona-Virus.
Bleibt gesund, Berliner!
Ich bin heute mit dem Auto in 21 Minuten zum Büro gefahren. Um 11.00 Uhr am Vormittag. Das ist ein Rekord, den ich garantiert nicht mehr schaffen werde, wenn wir uns irgendwann wieder frei bewegen können und alle aus dem Homeoffice kriechen. Auch einen Parkplatz in Büronähe werde ich dann nicht mehr bekommen und meine Arbeitgeberbescheinigung über meine dienstliche Anwesenheitsnotwendigkeit für eventuelle Polizeikontrollen kann in den Mülleimer wandern. Stattdessen wird es wieder Gespräche zwischen Kollegen geben, die in weniger als 2 m Abstand stattfinden und aus dem Weg gehen müssen wir uns auch nicht mehr. An den Supermarkt-Kassen wird es wieder egomotivierte Drängler geben. Ade, ihr Trennungsstreifen, die ihr zur Zeit ein geordnetes, gerechtes und infektionssicheres Anstehen ermöglicht – jedenfalls wenn sich nicht bebirnte Ignoranten in die entstandenen Lücken quetschen.
Ein bisschen bange wird mir vor den zu erwartenden Mengen an weggeworfenen Lebensmitteln. Zwar halten sich Mehl und Nudeln ewig. Und Toilettenpapier hat kein Verfallsdatum - glücklicherweise. Trotzdem: irgendwann platzt auch die größte Hamsterhöhle aus allen Nähten. Vielleicht werden die Hamsterkäufer dann endlich begreifen, dass sie jetzt aufhören können sich asozial hortend zu verhalten und schnallen, dass es doch tatsächlich immer wieder Nachschub im Supermarkt gibt!!!
Richtig toll finde ich, dass sich die Berliner inzwischen daran halten, höchstens noch zu zweit auf der Straße und ansonsten zu Hause zu sein. Die Devise lautet weiterhin: 'Stay at Home'. Ich bin total stolz auf meine vernünftige Stadt!
Und sehe gleichzeitig mit Entsetzen, wie sich das Virus auf der ganzen Welt ausbreitet. Corona lehrt: Grenzen schützen nicht. Und eines ist mal sicher: Corona im eigenen Land zu verleugnen und Schuldzuweisungen nach China helfen nicht wirklich weiter in solchen Zeiten, Mr. Noch-President der Vereinigten Staaten.!
Ich freue mich sehr, dass es noch immer Lebensmittel im Supermarkt gibt. Toilettenpapier ist natürlich weiterhin aus, Pizza-Tomaten auch. Aber das sind halt Dinge, die wirklich wichtig sind. Deshalb sind sie vergriffen. Ist doch klar.
Ich bin dankbar. Am 23.03.2020, also zu einer Zeit, in der wegen Corona ein Kontaktverbot von mehr als zwei Personen herrscht, die sich außerdem in einem Abstand von 1,50 m aufhalten sollen (außer in Familien, etc.), sind Menschen bereit, sich an die Kasse meines Edeka-Ladens hinter eine Plexiglasscheibe zu setzen. Sie ermöglichen, dass sich alle gut versorgen können, bzw. andere (insbesondere Risikogruppen) mitversorgt werden können. DANKE.
In diese positiven Gedanken versunken stehe ich vor dem ratzekahl leeren Nudelregal, betrachte es und sage mir: das wird schon wieder. Irgendwo fahren sie über die Autobahn, die Nudeln. Sie werden in diesem Laden ankommen. Irgendwann. Bis dahin habe ich noch einen kleinen Vorrat und außerdem Kartoffeln.
Plötzlich hustet mich jemand an.
Es ist ein Mann um die 75, der gerade mal einen Meter von mir entfernt steht. Tatsächlich ohne die Hand - geschweige denn die Armbeuge - vorzuhalten.
"Sagen Sie mal, geht's noch?", frage ich ihn fassungslos.
"Entschuldigen Sie bitte, dass ich huste", antwortet er empört.
NEIN. Ich entschuldige hier gar nichts. Ein durchaus vitaler Mann in seinem Alter MUSS in diesen Zeiten in der Lage sein, das Gehirn einzuschalten. Ich bin im falschen Film. Berlin ist im Ausnahmezustand. Ich arbeite im Homeoffice, weil ich aus Sicherheitsgründen nicht im Büro dauerhaft anwesend sein darf. Alle Menschen in diesem Laden laufen vorsichtig umeinander herum:
Und dieser Mann hustet mich an? Das grenzt an Körperverletzung.
"Sie können ja wohl wenigstens in die Armbeuge husten", ferzt ihn eine andere ältere Frau zu Recht an.
Ich laufe weiter zur Kasse und bin begeistert. Alle Kunden haben sich gemäß den rotweißen Klebestreifen in einer langen Reihe mit einem Abstand von 1,50 m formiert. An den beiden Kassen teilt sich diese Reihe nach rechts und links. Ein junger Verkäufer steht an der Schneise und weist die Leute freundlich ein, wenn sie dran sind. Als ich meinen Einkauf auf das schwarze Transportband lege, stürmt ein älterer Mann an allen wartenden Kunden vorbei und will sich in die hinter mir entstandene Lücke von 2,50 m stellen.
"Wir stellen uns aber schön hinten an, nicht wahr?", wird er höflich und bestimmt von dem einweisenden Verkäufer in seine Schranken gewiesen.
"Aber ich dachte,..."
Denken ist schon mal nicht schlecht, finde ich. Mitdenken noch besser. Und an andere denken ist in dieser Zeit so wichtig wie vielleicht noch nie.
Gestern schloss ein Edeka-Markt seine Pforten, weil ein größerer Teil der Kunden sich nicht an die vorgegebenen Abstände hielt. Die Schließung verstehe ich und finde sie absolut konsequent. Außerdem bin ich ganz sicher, dass die vernünftigen Kunden aus eigenem Interesse – wenn dieser Edeka-Laden heute wieder öffnet – ab sofort noch mehr versuchen werden, die Unvernünftigen zur Vernunft zu bringen. Und das ist genau richtig und auch gut so! Wir müssen zusammen halten und auf uns aufpassen!
Meine Freundin Stine fragte mich heute per Whatsapp, ob sie mich zum Mittag hin mal anrufen könne.
„Klar – gerne. Ich bin zu Hause“, antwortete ich ihr mit einem zwinkernden Smiley.
Genauer gesagt: im Homeoffice.
