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Wie gewohnt betrachtet die Autorin ihr Umfeld mit einem liebevollen Augenzwinkern und macht sich ihre ganz eigenen Gedanken. Ob es nun ihr Mann, ihre Söhne, eine verirrte Heimbewohnerin, ein Frauenliebhaber, weinende Hühner oder lachende Spatzen sind - Marie Meerberg lässt sich nicht davon abbringen, den ganz normalen Alltagswahnsinn mit einer Prise Humor zu würzen und das Beste daraus zu machen.
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Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2024
Wolken am Himmel sind ein Momentanzustand.
Sie ziehen weiter.
Marie Meerberg
Für Menschen, die nicht alles ernst nehmen
Ist spielen gesund?
Frühstücksausflug
Kevin ist ungern allein zu Haus
Annahmeirrtum
Anfang oder Ende
Muschel oder Adler?
Eine Frage der Perspektive
Gründe gibt es immer
Fast verpasst
Da weinen ja die Hühner
Da lachen ja die Spatzen
Mal sehen
Ein Hinweis vorab: Am 6. Juli 2016 wurde ein neues Computer-Spiel herausgebracht. Es hieß Pokémon GO. Dabei rennt man mit seinem Handy in der Gegend herum und versucht digital Figuren zu fangen, die man nur findet, wenn man real die auf dem Display sichtbaren Straßen abläuft. Die folgende Geschichte entstand ein paar Monate später.
Ich treffe meinen zwanzigjährigen Sohn morgens in der Küche. Seltsam. Es ist Freitag. Nach meinen Informationen beginnt seine Arbeitszeit bei einem Discounter erst nachmittags. Dort jobbt er übergangsweise. Bis sein Studiensemester anfängt. Mein Sohn sitzt gerne bis tief in die Nacht am PC und ist Spätaufsteher. In der Regel verlässt er sein Zimmer nicht vor zwölf Uhr. Heute ist er um 8.30 Uhr bereits komplett angezogen. Seine Füße stecken in Turnschuhen, er trägt einen Kapuzenpullover und trinkt mit müden Augen ein Glas Wasser.
Im Stehen.
„Nanu? Bist du für die Frühschicht eingeteilt worden?“, frage ich ihn überrascht.
„Nö“, murmelt er ins Wasserglas hinein.
„Musst du was Dringendes erledigen?“
Er schüttelt knurrend den Kopf.
„Was machst du dann um diese Zeit hier unten?“, frage ich irritiert.
Er stellt das leere Glas ab und nuschelt etwas in seine übergestülpte Kapuze.
„Wie bitte?“, frage ich, denn selbst mein über Jahre geschultes und daher bestens trainiertes Mutter-Gehör vermag das Gesagte nicht zu dechiffrieren.
„Geh' raus. Pokemon suchen“, blubbert es aus der Kapuze hervor.
Nun kenne ich meinen Sohn schon seit mehr als zwei Jahrzehnten und bin kaum mehr durch etwas zu erschüttern.
Da muss schon mehr kommen, als so ein kleiner Rückfall in eine spätpubertäre Begeisterung für ein PC-Spiel.
Ich formuliere lässig ein möglichst neutrales „Ach so, na dann viel Erfolg“, bevor der laufende Kapuzenpullover ungefrühstückt das Haus verlässt.
Ja – er ist über zwanzig, denke ich. Und ja - er sucht kleine Monster.
Na und?
Er läuft mit seinem Smartphone durch die nahe Umgebung.
Dabei ist er an der frischen Luft. Er bewegt sich permanent, weil sich die digitalen Ungeheuer in den angrenzenden Straßen verstecken und es nur Pluspunkte gibt, wenn man sie an verschiedenen Orten virtuell fängt. Das ist Spiel und Sport gleichzeitig, oder?
Zur Absicherung meiner bemüht positiven Situationsbewertung (meine Freundin Maggie würde sagen:
„Du redest dir das mal wieder schön“) schaue ich bei google rein und finde:
„Spielen ist gesund. Nicht nur für den Geist, sondern auch für die körperliche Entwicklung des Kindes. Spielen bringt in Bewegung. Spielend üben Kinder ihre körperlichen Fähigkeiten und entwickeln dabei Freude an Bewegung und körperlicher Anstrengung.“
Na bitte. Da steht nur: KINDER. Ohne Altersangabe. Wir sind doch alle Kinder. Auch wenn ein Teil von uns schon selbst Kinder und Kindeskinder hat. Und ist es nicht so, dass spielerisches Suchen eine 1A - Vorübung für das ist, was noch auf meinen Sohn zukommen wird? Ausbildung suchen, Wohnung suchen, glückliche Beziehung suchen, Sinn des Lebens suchen und so weiter.
Monstersuche ist Lebensvorbereitung auf Level 1. Das ist die unterste Stufe. Also noch ganz leicht. Außerdem gut auf dem Display kontrollierbar. Das wirkliche Leben hat damit nichts zu tun.
Normalerweise.
Manchmal kann es aber auch sein, dass Spiel auf harte Realität stößt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Als es wenig später an der Haustür Sturm klingelt, ahne ich nichts Gutes und öffne.
„Mama, der war nicht zu sehen auf dem Display“, stöhnt mein Sohn und hält sich seine Hand an die blutende Stirn. „Laut Distanzanzeige befand sich ein Pokemon ganz in meiner Nähe.
Aber nicht dieser BAUM.“
Gegen den war der Handyhalter frontal gelaufen und hatte sich dabei eine Platzwunde über dem rechten Auge zugezogen.
Natürlich hatte er kein Verbandszeug dabei. Wer rechnet schon beim Pokemonsuchen mit blutigen Zwischenfällen?
„Vielleicht ein Programmfehler?“, frage ich um Anteilnahme bemüht, reiche meinem Sohn ein Küchenhandtuch, schiebe ihn ins Auto und fahre sofort in die Notaufnahme.
Im Krankenhaus wird die Platzwunde mit einigen Stichen genäht. Die Naht sitzt dann auf einem gelblichblauen Hügel, der sich einhornartig von der Stirn meines Sohnes abhebt.
Kann es sein, dass eines dieser Monster aus seinem Smartphone herausgesprungen ist und mit schmerzverzerrtem Gesicht neben mir auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat?
Ich überlege.
Spielen war in diesem Falle leider doch nicht so gesund. Und mit körperlicher Anstrengung ist ganz sicher etwas anderes als der Zusammenstoß mit einem Baum gemeint. Aber was soll's.
