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Während Karla als alleinerziehende Mutter von vier Kindern ihr Familienleben in Neukölln mehr oder weniger gut im Griff hat, geraten die Männer ihres Umfeldes in Erschöpfungszustände. Erst fällt Schwager Klaus aus. Dann sucht Nachbar Paul in Italien Ruhe und Erholung. Schließlich gibt es da noch den überengagierten Mentor ihrer Tochter Marlene, der kurz vor der Zwangspause steht. Als der ihr immer mehr ans Herz wachsende Paul ein doppeltes Spiel zu treiben scheint, beginnt auch Karlas Akku langsam leer zu laufen. Und wer ist eigentlich dieser mysteriöse Henry?
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2022
Zur Autorin
Marie Meerberg schreibt unter Pseudonym, lebt mit ihrem Mann in ihrer Geburtsstadt Berlin und hat zwei erwachsene Söhne. Der Roman “Doppelt und Vierfach” ist nach der Erzählung “Unglücksbringer”, den “Berliner Freitagsgeschichten” und „Corina und Corona“ ihre dritte Veröffentlichung.
Zum Buch
Vier Kinder von vier Vätern – und dann alleinerziehend in Neukölln. Das ist für Karla weder einfach noch langweilig, denn in ihrem Leben fallen neben Schulunterricht, Strom und dem Fernsehgerät auch Männer aus. Nicht nur, dass ihr Schwager Klaus mit einem Erschöpfungszustand zur Kur muss. Auch Nachbar Paul verabschiedet sich nach einem richtig netten Abend plötzlich für eine längere Auszeit nach Italien. Das löst bei Karla lästige Gefühlsturbulenzen aus – erst recht, als sie den vermeintlich abwesenden Paul in attraktiver Begleitung im Friedrichstadt-Palast antrifft. Treibt er ein doppeltes Spiel? Wer ist dieser mysteriöse Henry? Und wie lange hält Moori seinen ehrgeizbedingten Schulstress noch aus?
Karla beginnt zu ermitteln und fragt sich am Ende, ob es so viele Zufälle wirklich geben kann.
Mit besonders liebevollem Dank an meinen Mann und meine beiden Söhne für jahrelange Inspirationen, Anhörungen, Anmerkungen und PC-Hilfe.
Ganz herzlichen Dank an meine Testleser und Lektoren Christine, Katja, Daggi, Baggie und Uwe, an Felicitas für gutes Zuhören sowie an meine Schreibgruppe (Monika, Monika, Erika, Helga, Eva-Maria, Gerd) für die Motivation zur Fertigstellung des Buches und konstruktive Kritik, insbesondere in Sachen Cover.
Ein besonderer Dank geht an meine Lektorin Nathalie (https://www.lesezeichen-lektorat.de) für die professionelle abschließende Überarbeitung.
Ihr alle habt mich immer wieder ein Stück weitergebracht und für weiteren Feinschliff gesorgt.
Danke dafür!
Die Autorin
Teil I
Einige Monate früher
Urlaubsreif
Der Mann von nebenan
Hausmusik
Kontaktanzeigen
Veränderungen
Noch mehr Kontaktanzeigen
Stefano
Neue Interessen
Besuch bei Maja
Formtief
Sehr ordentlich
Initiativbewerbung
Klaus fällt aus
Ausgebremst
Abgelenkt
Kochkünste
Winterblues
Vorweihnachtszeit
Heiligabend
Silvester
Das Haus am See
Das Paket
Lottozahlen
Nachbarschaftshilfe
Ausgeschlossen
Kellerdiebe
Valentinstag
Hausaufgaben
Nix geht mehr
Kochduett
Einbruch ohne Spuren
Kleinere Probleme
Klaus kurt
Besuch bei Klaus
Razzia
Maja ist misstrauisch
Ähnlichkeiten
Abschiedsessen
Sophie im Koma
Der Mann mit Bart
Tanzkurs
Im Britzer Garten
Plan B
Ein zweiter Ausflug
Georg
Lebenszeichen
Leer
Lukas kocht weiter
Der Beweis
Die Bestätigung
Auf nach Italien
In der Toscana
Lukas wünscht sich was
Die Trennung
Abschiedsabend
Wieder zurück
Sophie weiß Bescheid
Das Geständnis
Teil II
Ein paar Wochen früher
Neue Dimensionen
Leistungsdruck
Annäherungsversuch
Fördern und fordern
Majas Ankunft
Stufe 5 bis 7
Schon wieder dieser Henry
Es braut sich was zusammen
Es stürmt
Abschied
Einladung nach Hannover
Prüfungsgespräch
Ermittlungen
Mann kocht
Brief von Maja
Weihnachtswünsche
Bald ist heilige Nacht
Im Tierheim
Elterngespräch
Katzenkinder
Tabu-Thema
Weihnachtsessen
Behri
Gregor
Herz auf dem richtigen Fleck
Auf den zweiten Blick
Strategien
Ausfall
Waldprinzipien
Essenseinladung
Rolf
Tassenphilosophie
Schulstress
Drei Tage früher
Gespräch unterm Sternenhimmel
Der doppelte Henry
Unfallgeschichten
Erholungstendenzen
Aussichten
Teil I
– Wie alles anfing –
Berlin-Neukölln, den 23.05.2008
(Mittwoch)
Nichts geht mehr. Ich liege seit mehr als einer Woche flach. Ein Fiebervirus hat mich voll erwischt und zwingt mich zur Bettruhe. Marlene und Sophie kümmern sich um den Haushalt und ihre Brüder. Brauche Unmengen an Schlaf. Habe ich jetzt auch so ein Burnout, oder was? Meine Probleme begannen an dem Tag, als Pauls Brief kam. Kein Wunder!
Einige Monate früher
Karla fuhr im Bus der Linie M 41 vom Hermannplatz zur Sonnenallee. Vor ihr saßen zwei Frauen um die Vierzig und unterhielten sich lautstark.
„Der Calle hat ma erzählt, dass seine Schwesta nich mehr kann und imma nur müde is. Liegt den janzen Tag uff de Couch. Der macht sich totale Sorgen um sie, keiner weiß, wat se hat.“
Als gebürtige Berlinerin, und erst recht als eine, die in Neukölln lebte, war Karla diesen einzigartigen Dialekt ihrer Heimatstadt natürlich gewohnt. Manchmal liebte sie ihn und fühlte sich ihm tief verbunden. Manchmal erzeugte er heftige Aggressionen in ihr – so wie in diesem Moment. Sie wäre dem unüberhörbaren Dialog gerne entflohen. Leider war das unmöglich, denn der Bus war völlig überfüllt und sie hatte mit Glück einen der letzten Sitzplätze ergattert.
„Rita! Ick globe, die Krankheit hab‘ ick ooch...“
„Quatsch, Peggy. Du darfst bloß abends nich imma so lange fernseh'n. Du schläfst viel zu wenig!“
„Meinst'e? Aber det Putzen is trotzdem janz schön anstrengend!“
„Man Peggy! Die paar Stunden zusätzlich zu Hartz IV! Det is doch easy, oder?“
Karla verneinte innerlich. Auch sie musste neben ihren staatlichen Leistungen etwas dazu verdienen, denn die Zahlungen vom Jobcenter reichten vorne und hinten nicht fürsie und die Kinder. Aber easy? Also das war etwas anderes. Das kam doch von leicht, oder? Sie verschloss mit aller Kraft ihre Ohren, um den sprachbotanischen Auswüchsen der beiden Damen nicht weiter folgen zu müssen. Ihr Handy vibrierte.
„Ja Lukas?“
„Mama, ich bin schon zu Hause. Wann bist du denn endlich da?
Ich hab' echt Hunger! Die Schulbrote waren nach der zweiten Stunde alle.“
„Nimm dir doch noch was aus dem Brotkasten.“
„Da is nix mehr, Mama!“
Verflixt.
„Okay Lukas, dann musst du warten, bis ich da bin. Bringe was mit. Tschüss!“
Karla seufzte. Offensichtlich waren mal wieder Unterrichtsstunden ausgefallen. Gut, dass Lukas bereits einen eigenen Schlüssel hatte und nicht vor verschlossener Tür stand.
Kein Brot mehr da? Meine Güte! Ihr älterer Sohn schaffte mit seinen fast acht Jahren problemlos die gleiche Anzahl an Stullen pro Tag. Ständig musste Nachschub besorgt werden.
Das ging ins Geld. Und dies stand bei einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern nur sehr begrenzt zur Verfügung.
Urlaubsreif
Klaus Kopf hämmerte wie verrückt und Fieber hatte er bestimmt auch. Diese verdammten Grippeviren kamen immer dann, wenn man sie überhaupt nicht brauchen konnte.
Ausgerechnet heute! In einer Viertelstunde war Team-Meeting.
Da musste er hin als Filialleiter. Das ging gar nicht ohne ihn.
Wer sollte seinen Leuten schließlich sagen, was demnächst auf sie zukam? Die Ergebnisse sahen schlecht aus momentan. Sie würden sich erheblich steigern müssen. Sonst sah er Köpfe rollen. Auch seinen. Denn er war verantwortlich für die Leistungen seiner Mitarbeiter. Dafür hatten sie ihn eingestellt.
Jedes Jahr fünf Prozent Gewinnsteigerung in seiner Filiale. Das war die Bedingung gewesen. Und der Druck entsprechend hoch. Es gab genug Interessenten für seine Stelle.
Zu allem Überfluss hatte Maja für diesen Abend auch noch Karten für ein Theaterstück besorgt. Welches überhaupt? Er hatte es vergessen. Oder nicht richtig hingehört, als sie davon erzählte. Seine Lust auf Unternehmungen tendierte momentan gegen null. Aber seine Frau lag ihm permanent damit in den Ohren. „Wir müssen auch mal wieder etwas zusammen machen, Schatz! Wir verlieren uns!“
Das war sicherlich richtig. Noch schlimmer war allerdings, dass er das Gefühl hatte, auch sich selbst zu verlieren. Und zwar aus den Augen. Für alles, was das allernotwendigste Tagesgeschehen überstieg, fehlte ihm die Kraft. Er brauchte dringend eine Pause. Aber das ging momentan nicht. Der nächste Urlaub lag noch in weiter Ferne und stand erst in ein paar Monaten an. Zwei Wochen lang. Das war nicht viel. Aber länger konnte er nicht fehlen. Es ging alles drunter und drüber, wenn er nicht in der Filiale war. Seine Leute brauchten ihn als Ansprechpartner. Er musste Entscheidungen treffen. Und seine Kontrollfunktion ausüben. Es lief alles über seinen Tisch.
Schließlich trug er als Chef die Verantwortung und hatte keine Lust, in der Chefetage für Fehler seines Teams gerade stehen zu müssen.
Sein Kopf schmerzte noch stärker. Er versuchte es zu ignorieren. Den Abend konnte er seiner Frau definitiv nicht abschlagen. Dann redete sie mindestens zwei Tage lang nicht mit ihm. Er hasste es, wenn sie ausdruckslos neben ihm saß und vor sich hin schwieg.
Wo war denn nur sein Aspirin? Das würde ihm erst mal über die nächsten Stunden hinweghelfen. Anders ging es heute nicht. Er zog die unterste Schublade seines Schreibtisches auf und nahm die 40-Stück-Packung mit den Brausetabletten heraus. Noch zwei drin. Genau richtig. Eine war garantiert zu wenig. Er löste beide in einem Glas Wasser auf und trank es in einem Zug aus. Dann wählte er einen optimistischen Gesichtsausdruck und machte sich auf den Weg zum Meeting.
Der Mann von nebenan
Auf dem Nachhauseweg besorgte Karla zwei Brote, zwei Kilo Mehl und zwei Hefewürfel. Das eine für den schnellen Hunger, das andere für die aufwändigere Selbstbackvariante. An der Kasse war es wie immer voll um diese Zeit. Sie stellte sich in die Schlange.
„Na sagen Sie mal, haben Sie keine Augen im Kopf? Ich bin doch nicht durchsichtig, oder?“
Karla beobachtete, wie eine ältere grauhaarigen Dame am Eingang in gebückter Haltung auf einen Mann einredete, der sie offenbar angerempelt hatte. Karla konnte den Mann nur von der Seite sehen. Das Profil, der kurze schwarze Mantel und der graue Rucksack kamen ihr sehr bekannt vor. Es war Paul Steinbruch. Ihr Nachbar aus der Wohnung gegenüber. Den man immer alleine sah. Mitte vierzig. Breite Schultern.
Schlank. Schien heute recht früh Feierabend zu haben.
Schließlich war es erst kurz nach zwölf. Mit den Worten „Tut mir leid, aber ich habe es eilig“, durchschritt er den Eingangsbereich und verschwand hinter den Regalen mit Süßigkeiten. Karla wandte sich wieder dem Geschehen an der Kasse zu. Die türkische Mutter vor ihr versuchte den bereits bezahlten Wocheneinkauf im Kinderwagen zu verstauen. Es dauerte.
„Machst du dann mal Pause, Mandy?“
Die Anfrage kam von der Kassiererin nebenan, sodass Karla hinüberschaute. Dort stellte sich gerade Herr Steinbruch in die Wartereihe. Schien ja ein sehr kurzer Einkauf gewesen zu sein.
Er hielt nur eine Tiefkühlpizza in den Händen. Ihre Blicke trafen sich. Sie nickte ihm kurz zu, worauf er ruckartig in eine andere Richtung sah.
Na sag mal! Warum grüßte er denn nicht zurück? Er hatte sie doch erkannt, oder? Schließlich begegneten sie sich ab und zu im Treppenflur. Allerdings lief er dann stets hektisch an ihr vorbei und ließ allerhöchstens ein knappes „Hallo“ erklingen.
Na gut. Dann eben nicht. Männer! Bevor Karla zu weiteren Überlegungen kam, wurde sie von ihrer Kassiererin mit einem abgekämpften „Guten Tag“ begrüßt und war endlich dran.
Wenig später traf Karla zu Hause ein, nachdem sie ihren Sohn Benny vom Kindergarten abgeholt hatte. Dort wartete bereits Lukas, der ihr das Brot aus den Händen riss.
„Na endlich, Mama!“
Er nahm sich ein Messer aus der Küchenschublade und schnitt sich geschickt den Kanten ab.
„Ich koche uns gleich was, ja? Also bitte nicht so viel vorher essen.“
„Ich habe aber Hunger!“
„Es dauert nicht lange, geht sofort los. Danach muss ich gleich mit Benny zum Kinderarzt. Er möchte ihn nochmal sehen wegen seines Hustens.“
„Mama?“
„Ja, Benny?“
„Gibt es heute wieder Spaghetti?“
„Ja. Mit Tomatensauce.“
„Und Pamisaan-Käse?“
„Nein, mein Süßer. War ausverkauft. Leider.“
Das war gelogen. Notlügen waren aber manchmal unvermeidbar, fand Karla. Und Benny nahm ihr die falsche Auskunft mit seinen vier Jahren auch noch ab. Hätte er dagegen verstanden, dass es einfach zu teuer war, am Monatsende eine Tüte Parmesan-Käse zu kaufen, die mehr kostete als Nudeln und selbst gemachte Sauce zusammen?
Wohl eher nicht!
„Ach Karla!“, sagte Maja dann später am Telefon. „Du bist ein echter Sparfuchs. Wie du das immer alles hinkriegst. So was könnte ich im Leben nicht!“
Maja war Karlas jüngere Schwester. Sie kam zur Welt, kurz bevor ihr Vorname für eine ganze Generation von kleinen Zeichentrickfilmfreunden untrennbar mit einer Biene verbunden war.
Mit „so was“, meinte sie die Fähigkeit, ein leckeres Essen aus billigsten Zutaten zu kreieren. Karla verdrehte innerlich die Augen.
Natürlich konnte Maja „so was“ nicht. Sie hatte darin nämlich keine Übung. Wie auch. Sie wohnte in einem schönen großen Einfamilienhaus im grünen Umland von Hannover und hatte einen gut bezahlten Halbtagsjob bei der Bank. Dort hatte sie vor über zwölf Jahren ihren Klaus kennengelernt, der die Filiale leitete. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die beiden heirateten in Schallgeschwindigkeit und neun Monate später kam Karlas Nichte Inga zur Welt. Maja genoss ihre drei Erziehungsjahre und stieg dann halbtags wieder bei der Bank ein. Klaus gehörte mit seinem Einkommen zwar zu den Gutverdienern, aber teure Urlaube und die Kreditraten für Haus und Grundstück wollten schließlich bezahlt werden. Für diesen gehobenen Lebensstandard brauchten sie Majas zusätzlichen Verdienst.
Karlas finanzielle Lage sah – gelinde gesagt – anders aus. Sie wohnte im dritten Stockwerk eines Neuköllner Hinterhofhauses und musste sich als alleinstehende Mutter durch ein Leben mit ausgesprochen übersichtlichen Einnahmen schlängeln. Hierfür brauchte Frau gute Nerven. Erst neulich hatte man ihr den Strom abgedreht.
„Frau Gehrmann, Ihre Banküberweisung an uns war leider nicht gedeckt“, erläuterte die geschult-freundliche Frau im Vattenfall-Callcenter telefonisch, nachdem Karla sie nach minutenlanger Reise durch diverse Verbindungsnummern und Abteilungen endlich an der Strippe hatte und ihr Anliegen vortrug.
Karlas Nachforschungen ergaben, dass ihr Konto im Minus war – es fehlte die monatliche Zahlung des Arbeitsamtes. „Frau Gehrmann, Ihre Sozialleistungen können aus betriebsinternen Gründen leider erst in vierzehn Tagen überwiesen werden. Wir haben Probleme mit der EDV-Anlage.“ Karla hätte die ebenfalls geschult-freundliche Sachbearbeiterin vom Amt für diese Auskunft sehr gerne sofort durchs Telefon gezogen. „Wir bitten Sie um Entschuldigung und um Ihr Verständnis.“
Das hatten weder Karla noch ihr Stromanbieter, aber wen interessierte es?
„Du, ich muss weitermachen.“
Karla wusste, dass Maja abends mit ihrem Mann im Theater verabredet war und ein umfangreiches Pflegeprogramm vor sich hatte. In der Regel benötigte sie hierfür ungefähr zwei Stunden – und das auch nur, wenn ihre Haare nicht noch zusätzlich kastanienbraun getönt werden mussten und ihre Fingernägel bereits frisch manikürt waren. Sonst dauerte es doppelt so lange.
„Ja, ja, schon gut. Ich wollte eh noch ein bisschen Tagebuch schreiben.“
Dazu war Karla seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gekommen. Außerdem schrien ihre langen blonden Haare nach einer Pflege-Packung. Der Gang zum Friseur war seit Wochen überfällig. Ihre 'Ich-schneide-mir-meinen-Pony-selbst-Methode' war zwar sehr preiswert, aber leider optisch suboptimal.
„Du wirst es nicht glauben Karla – ich mache das jetzt auch manchmal! Klaus hat mir so ein hübsches Büchlein im DIN-A5-Format geschenkt. Mit einem Gummi drum. 'Für meine ganz persönlichen Gedanken', meinte er.“
Karlas Schwager war ein sehr engagierter Filialleiter. Er ackerte von acht bis zwanzig Uhr, um sich dann noch Akten mit nach Hause zu nehmen.
„Sonst ist das alles nicht zu schaffen. Und ich kann ja von meinen Leuten nicht erwarten, dass sie 100 Prozent geben sollen, wenn ich nicht mindestens das Gleiche leiste.“
Aus Karlas Sicht waren das kontinuierlich 150 Prozent. Wenn man das wiederum auf den Stundenlohn herunterrechnete, entsprach der höchstens noch dem Gehalt einer gut bezahlten Sachbearbeiterin. Worin lag also der Sinn dieser Dauerüberlastung? Sie hatte einmal mit Maja darüber gesprochen, aber die hatte nur abgewinkt.
„Hat keinen Sinn, Karla. Klaus will das so. Und es muss schließlich auch Menschen geben, die wirklich etwas leisten. Es kann ja nicht jeder auf der faulen Haut liegen. Klaus liebt seinen Job. Er ist auch richtig gut darin. Und fleißig. Meinst du, er hätte es sonst so weit gebracht? Von nix kommt nix. Das hat schon Mama immer zu uns gesagt.“
Das stimmte. Aber hatte sie wirklich damit gemeint, dass man sich so aufopfern sollte? Karla schluckte kurz bei dem Gedanken an ihre Mutter und versuchte, sich wieder auf das Gespräch mit ihrer Schwester zu konzentrieren, die scheinbar inzwischen ab und an niederschrieb, was sie bewegte.
„Prima Maja! Das ist eine wirklich gute Sache. Du beschäftigst dich mit deinem Tagebuch, während Klaus auf Geschäftsreise oder bis in die späten Abendstunden im Büro ist. Da kommst du nicht auf dumme Gedanken und kannst sie stattdessen schriftlich in deinem Büchlein ordnen.“
„Genau“, grinste Maja, den leicht ironischen Tonfall ihrer Schwester ignorierend. „Zum Beispiel über seine alljährliche, einwöchige Reise nach Malle. 'Ich will einfach mal ausspannen, Schatz!' Weißt du, wie mich das nervt, Karla? Er merkt einfach nicht, dass unser Familienleben leidet, wenn er mit seinen bescheuerten Freunden auf diese Touri-Insel fährt und sich die Nächte um die Ohren schlägt. Man, er hat noch nicht mal sechs Wochen Urlaub! Für uns bleibt da kaum mehr was übrig!“
„Mach' doch mal was mit Inga! Ihr könntet uns besuchen kommen, wenn dein Mann unterwegs ist.“
„Karla! Inga muss zur Schule, wenn Klaus weg ist, er fährt doch nicht in den Ferien! Und seine Tennis-Freunde erst recht nicht!
Das ist denen zu teuer! Zur Ferienzeit kosten Reisen doch fast doppelt so viel. Familien werden halt ausgebeutet.“
„Na dann kommt ihr halt ohne ihn in den Ferien.“
„Nee, Karla, Inga will ihr Pferd nicht so lange alleine lassen.“
„Wenn ihr zusammen in den Urlaub fahrt, muss sie es doch auch, oder?“
„Ja. Aber das ist etwas anderes. Da ist Papa mit dabei. Papa ist wichtiger als Merle.“
„Na gut. Dann lässt du Inga einfach bei einer Freundin und kommst mal alleine nach Berlin.“
„Geht nicht Karla! Inga ist doch erst elf. Und außerdem kann ich das keinem zumuten, sie über ein ganzes Wochenende zu beherbergen.“
Karla gab auf. Dann eben nicht. Ihre Schwester war noch nie besonders unternehmungslustig gewesen. Das Einzige, wozu sie sich regelmäßig aufraffte, war der zweimal wöchentliche Gang ins Fitnessstudio: „Wegen der Figur, Karla. Frauen um die Vierzig müssen etwas tun! Sag mal, was machst du denn eigentlich so zurzeit?“
Die Antwort war einfach. Nichts. Der Monatsbeitrag lag bei 50 Euro. Minimum. Und das für Selbstquälerei. Wer brauchte so was?
„Klaus findet es super, dass ich mich körperlich fit halte. Er geht dreimal pro Woche zum Sport. Am Montag, Mittwoch und Freitag. ‚Damit sich die Muskulatur zwischendurch regenerieren kann, Schatz.‘“
Karla hielt sich beim Einkaufen, Staubsaugen und Fensterputzen fit. Das musste reichen und diese überfüllten Fitnessstudios mochte sie sowieso nicht. Alles viel zu künstlich und naturfremd.
„Okay Maja, ich lege jetzt auf. Viel Spaß heute Abend!“
„Danke. Ich hoffe, Klaus schläft nicht ein bei dem Stück. Er macht in letzter Zeit einen sehr müden und erschöpften Eindruck.“
Nach dem Telefonat mit Maja gönnte sich Karla am Nachmittag trotz kühler Temperaturen ein Mußestündchen im Hinterhof, während die Kinder ausnahmsweise vor dem Fernseher saßen.
Sie liebte diese Naturoase der Ruhe. Im Frühling blühte hier lila Flieder neben leuchtend gelben Forsythien. Im Sommer entfalteten Rosen ihre wunderbar aromatischen und betörenden Düfte. Ein paar vereinzelt auf dem Boden verstreute Blätter zeugten noch von ihrer Farbenvielfalt. Der Ahornbaum zeigte bereits sein schönstes Herbstkleid. Darunter befand sich eine alte, verwitterte Holzbank. Karla legte eine wärmende Decke darauf – auch um die hässlichen Graffitis verschwinden zu lassen, mit denen sich irgendwelche Möchtegernkünstler darauf verewigt hatten. Als sie an der Hauswand hochsah, weil im obersten Stockwerk eine Tür zuschlug, hatte sie das Gefühl, als ob sich die schneeweiße Gardine neben ihrem Schlafzimmerfenster leicht bewegt hätte.
Nanu? Da wohnte doch ihr Nachbar von gegenüber. Das Fenster stand auf kipp. Wahrscheinlich nur ein Luftzug.
Warum sollte Herr Steinbruch sie beobachten?
Karla fröstelte. Ihre dünne Jacke hielt den aktuellen Temperaturen nur noch für kurze Zeit stand. Sie erhob sich, faltete die Decke zusammen und kehrte zurück in ihre Wohnung.
Als die Kinder nach dem Abendbrot und Vorlesen endlich im Bett lagen und sie den Abwasch erledigt hatte, zog Karla ein altes abgegriffenes Mathematikheft mit kleinen Karos aus ihrer Nachttischschublade und setzte sich damit an den Küchentisch.
Es tat ihr stets gut, ihre Gedanken schriftlich zu ordnen. Leider kam sie nur selten dazu. Irgendwas war immer. Da blieb keine Muße für längere Notizen. Als ihre Mutter noch lebte, war das anders. Sie hatte ihr die Kinder oft abgenommen. „Damit du auch mal was für dich machen kannst, Karla.“ Das waren noch Zeiten! Die Erinnerungen an sie verengten sofort wieder Karlas Hals. Weil da tief aus ihrem Inneren etwas aufstieg, was nicht herauskommen sollte. Sie griff nach dem vor ihr liegenden Karoheft und klappte es energisch auf.
Berlin-Neukölln, den 22.09.2007
(Samstag)
Immer diese Gedanken an Mama. Die tun weh. Genauso wie das Gespräch mit Maja. Das hat auch weh getan. Ein bisschen jedenfalls. Weil Maja zwei Dinge hat, die mir ab und an sehr fehlen. Erstens: ausreichend Geld. Zweitens: einen Mann.
Klaus ist zwar überhaupt nicht mein Typ, aber dafür ein zuverlässiger Familienvater. Auch wenn er mehr Zeit im Büro als mit seinen Lieben verbringt – Maja hat immer einen Ansprechpartner für ihre Sorgen. Sie kann einfach mal was abgeben. Das würde ich auch gerne. Sehr gerne sogar!
Karla sah von ihrem Heft auf und starrte in die Luft. Sie hatte nie geplant, alleine für ihre vier Kinder verantwortlich zu sein, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Georg, Rolf, Gregor und Stefano hatten jeweils nur kurz ihr Leben begleitet. Mit dem Ersten hatte sie es nicht ausgehalten, der Zweite war vergeben, der Dritte verschwunden und der Vierte von einer Frau mit vier Kindern plus abgebranntem Restaurant überfordert gewesen.
Die Beziehungsepisoden mit den vier Vätern ihrer Kinder waren zu Beginn stets sehr schön, aber nie von langer Dauer gewesen. Trotzdem hinterließen ihr die Männer das Großartigste, was sie sich vorstellen konnte: zwei Töchter und zwei Söhne. Marlene und Sophie, die zwei Stockwerke unter ihr in einer WG wohnten und bereits studierten – und natürlich ihre beiden Kleinen – Lukas und Benny. Ihre Kinder waren wirklich jeden Stress, jede Enttäuschung und jeden Herzschmerz wert und sie war unendlich dankbar, dass es sie gab. Nur manchmal, in seltenen Augenblicken, vor allem dann, wenn ihr die Verantwortung über den Kopf wuchs, fühlte sich Karla sehr alleine und merkte, dass es ihr noch nicht gelungen war, die ganzen Ereignisse und Erfahrungen der letzten Jahre vollständig zu verarbeiten. Dafür war einfach keine Zeit gewesen. Es bohrte mal hier und mal dort in ihrem Bauch herum, wenn sie – meist durch aktuelle Geschehnisse – an ihre Vergangenheit erinnert wurde.
„Siehst du, meine Süße, die Männer taugen nichts“, pflegte ihre Mutter stets zu sagen, wenn sie sich nach den vier Trennungen bei ihr ausheulte. Sie musste es ja wissen. Karlas Vater verließ die Familie noch während ihrer Grundschulzeit. Er lernte „diese Ami-Schlampe“ während des Besuches eines Reiseveranstalter-Kongresses in Kalifornien kennen. Sie war dort Hostess und kümmerte sich scheinbar ausgesprochen intensiv um ihn. Ohne zu zögern, verlegte ihr Vater daraufhin sein Neuköllner Reisebüro nach San Diego und heiratete seine amerikanische Entdeckung, nachdem die Scheidung von seiner Frau in Deutschland durch war. In den ersten Jahren bekamen Karla und Maja noch regelmäßig Briefe und Pakete. Als ihre Mutter ihrem Exmann irgendwann schrieb, dass es wohl an der Zeit wäre, seine Töchter entweder zu besuchen oder sie zu sich einzuladen, schien ihn das zu überfordern. Der Kontakt brach vollständig ab. Karlas Mutter vermutete damals, dass „diese Ami-Schlampe“ gar nichts von seinen Kindern wusste, und verbannte „den miesen Feigling“ endgültig aus ihrem Leben.
Fortan schmiss sie den Familienladen alleine und gab ihr Bestes.
Hausmusik
„Mama! Ich kann nicht in Ruhe lesen. Frau Müller-Rotenburg hat aber zu uns gesagt, dass wir jeden Tag mindestens zwei Kapitel schaffen müssen.“
Zu Karlas großer Freude war Lukas Klassenlehrerin seit ein paar Wochen wieder in der Schule, nachdem sie aus unbekannten Krankheitsgründen zwei Monate gefehlt hatte. In Elternkreisen wurden überlastungsbedingte Gründe und private Probleme vermutet. Der zu großen Teilen ausgefallene Unterrichtsstoff, musste nun im Eiltempo nachgeholt werden.
Lukas hatte sich zu diesem Zweck ins Schlafzimmer zurückgezogen, weil er von seinem kleinen Bruder nicht gestört werden wollte. Karla folgte ihrem Sohn, um der Ursache seiner Beschwerde auf den Grund zu gehen. Sie war unüberhörbar.
Zwar leicht gedämpft, aber trotzdem laut genug, um einzelne Worte verstehen zu können, tönte ihr „Time to say goodbye“ entgegen. Oh neee! Nicht schon wieder! Und dann noch an einem Samstag um 14.00 Uhr!
„Moment, mein Schatz!“
Sie nahm ihren Schlüssel vom Haken und ging direkt nach gegenüber. Nach dem dritten Klingeln öffnete Herr Steinbruch die Tür.
„Das Lied ist ja wirklich sehr ergreifend, aber wir dürfen es jetzt gefühlt zum hundertsten Mal genießen. Geht es vielleicht auch etwas leiser? Vor allem in der Mittagsruhe?“
Der Mann im Türrahmen schaute sie erst irritiert und dann leicht schuldbewusst an.
„Sie hören das?“
„Ich kann den Text inzwischen auswendig.“
„Oh. Also das, …, das war mir jetzt nicht so bewusst …“
„Aha.“
„Ich setze mir Kopfhörer auf.“
„Danke.“
„Schönes Wochenende, und bitte entschuldigen Sie …“
„Schon gut. Danke. Ihnen auch.“
Karla schloss die Tür.
Also dieser Steinbruch war schon merkwürdig. Warum hörte er immer diesen gleichen Song? Sie konnte inzwischen wirklich jedes einzelne Wort mitsingen. Die Wände waren scheinbar extrem dünn zwischen ihnen. Hatte der Mann Liebeskummer, oder was? Von wem wollte er sich verabschieden? Das konnte doch höchstens ein heimliches Verhältnis sein. Sie hatte ihn noch nie mit einer Frau gesehen. Egal. Ging sie ja nichts an.
Hauptsache, es kehrte wieder Ruhe ein.
Kontaktanzeigen
„Mama?“
„Ja Sophie?“
„Wir finden, dass du jetzt schon ganz schön lange allein bist.“
„Allein?“, Karla lachte. „Mit vier Kindern?“
„Na ja, du weißt schon … ohne Mann! Wäre es nicht schön, jemanden zu haben?“, pflichtete Marlene ihrer jüngeren Schwester bei. „Du solltest mal wieder mehr an dich denken, das ist wichtig.“
„So?“
„Du könntest zum Beispiel eine Kontaktanzeige aufgeben.“
„Bitte? Ich weiß doch überhaupt nicht, wie man so was macht.“
„Ist ganz einfach. Wir entwerfen dir auch den Text“, versprach Marlene.
Na gut. Warum eigentlich nicht? Was hatte sie zu verlieren?
„Wenn ihr meint.“
Ihre Töchter machten sich sofort an die Arbeit.
„Die Anzahl deiner Kinder lassen wir lieber weg. Das könnte abschreckend wirken“, beschloss Sophie.
„Genau. Wie wäre es mit 'Attraktiver mütterlicher Typ um die Vierzig sucht netten Mann für Freizeitaktivitäten und mehr'?“, ergänzte Marlene.
Es meldeten sich tatsächlich mehrere Interessenten. Bei ihrem ersten Date mit einem Brillenträger mittleren Alters fielen Karla beim Bezahlen ihres Rotweins (sie hatte die Einladung ihres Gegenübers emanzipiert und unabhängig bleiben wollend abgelehnt) die Passfotos ihrer beiden Mädchen aus dem Portemonnaie. Direkt ins Blickfeld ihres Date-Partners.
„Oh! Die sind aber hübsch. Und schon so erwachsen. Toll!“,
äußerte er höchst erfreut.
„Na ja, erwachsen, sie studieren noch“, warf Karla ein.
„Trotzdem. Ist doch schön. Da hast du bestimmt wieder mehr Zeit für dich, was?“
„Also …“, setzte Karla zu einer Antwort an.
„Reist du auch so gerne? Ich wollte schon so lange mal eine Safari-Tour durch Afrika machen. Namibia. Tolles Land. Tolle Menschen. Wär' das was für dich?“
Nein, war es nicht. Und zwar unabhängig davon, dass sie ihre beiden Söhne Benny und Lukas in ihrem Alter natürlich nicht so lange alleine lassen konnte.
Afrika war Karla einfach zu weit weg. Da musste man hinfliegen. FLIEGEN!
Als Karla in kurzen Worten ihre Flugphobie und Familiensituation umriss, fiel ihrem reiselustigen Gesprächspartner plötzlich ein, dass er noch einen Zahnarzttermin wahrnehmen müsse. Er entschwand geschwind. Karla kam noch nicht einmal mehr dazu, eine Anmerkung über die ungewöhnlich späten Sprechzeiten zu machen. Es war nämlich bereits 21 Uhr. Wieder zu Hause angekommen, warf sie die übrigen Annoncenantworten ungelesen in den Mülleimer und erläuterte ihren Töchtern: „Das bringt so nichts. Die Männer sollen wissen, dass es euch gibt. Ich bin halt zu fünft! Und das ist auch gut so!“
Marlene und Sophie ließen sich so leicht nicht entmutigen. Sie starteten umgehend einen zweiten Annoncenversuch: „Liebevolle Mutter von vier Kindern sucht netten, möglichst gutsituierten Partner, der Familienanschluss wünscht.“
Nach vierzehn Tagen gab zur großen Enttäuschung der beiden noch immer keine Zuschriften. Das war doch gar nicht möglich, oder? Die beiden riefen besorgt bei der Post an. Wahrscheinlich gab es dort ein Zustellungsproblem.
„Nee, nee, ihr Briefträger ist kerngesund. Und von einem aktuellen Personalstreik wissen wir auch nicht.“
Merkwürdig. Ganz offensichtlich hatte niemand auf die Kontaktanzeige geantwortet. Die Schwestern gaben erst einmal auf.
Sophie analysierte die Situation ihrer Mutter unter betriebswirtschaftlichen Aspekten.
“Mama, dein Marktwert muss sich verbessern. Sonst funktioniert das nicht mit den Annoncen! Du hast zu viel Anlagevermögen, das dich bindet. In fünf Jahren kannst du neu durchstarten.”
Veränderungen
„Ich glaube, mein Mann hat die Schlafkrankheit.“
Maja klang entnervt am Telefon. Es war Sonntag und daher außergewöhnlich, dass sie miteinander sprachen. Jedenfalls um 14.00 Uhr. Zu dieser Zeit waren Maja, Klaus und Inga in der Regel bei Merle auf dem Pferdehof. Oder auf Ausflügen unterwegs. Der Sonntag gehörte der Familie.
„Warum?“
„Er hat gestern schon den ganzen Tag auf der Couch gelegen.
Und heute können wir auch nichts machen, denn Klaus braucht seinen Nachmittagsschlaf. Danach ist doch schon fast wieder Montag!“
„War es vielleicht die Woche über sehr anstrengend für ihn im Büro?“
„Meine Güte, bei mir ist es auch anstrengend. Schlafe ich deshalb ununterbrochen?“
„Mach' doch was mit Inga alleine.“
„Alleine, alleine – ich bin die ganze Woche über mit ihr alleine.
Wenn Klaus nach Hause kommt, schläft sie schon.“
„Stimmt. Alleinsein ist manchmal doof.“
„Entschuldige bitte, Karla. Ich weiß, dass es bei dir momentan noch nicht mal spät abends jemanden gibt. Und seit Mama nicht mehr da ist … ach Mensch … ich bin ja schon ruhig.
Vielleicht können wir ja nachher noch zu dritt mit Klaus ins Kino gehen. Wenn er ausgeschlafen hat.“
Karla saß nach dem Gespräch mit ihrer Schwester noch eine Weile reglos auf ihrer roten Lieblingscouch im Wohnzimmer und umklammerte mit beiden Händen den Kaffeepott. Ihr Hals tat weh. Sie hatte das Gefühl weinen zu müssen, aber sie konnte es nicht. Ihre Tränen waren tief vergraben und kamen nicht an die Oberfläche. Maja hatte recht. Seit sie ohne ihre Mutter auskommen musste, war sie vollkommen auf sich alleine gestellt. Erika Gehrmann war vor drei Jahren aus ihrem Leben gerissen worden. Mit siebenundsechzig. Von einem rechtsabbiegenden Lastwagen. Beim Überqueren der Straße.
Die Fußgängerampel war grün. Auf dem Weg ins Krankenhaus konnte der Notarzt im Rettungswagen nichts mehr für sie tun.
Karla wollte den Polizisten zunächst nicht glauben, was sie ihr persönlich mitteilten. Als es zur Gewissheit wurde, fiel sie ihnen vor die Füße. Wie immer, wenn das Leben sie zu stark forderte. Ihr Körper streikte dann. Er wollte nicht mehr.
„Junge Frau!!! Mensch Bert. Die ist ja völlig weg!“, war das Erste, was sie wieder wahrnahm. Im selben Moment kamen unendlich viele Tränen. Einen ganzen Tag lang. Danach versuchte sie, ihre Situation zu begreifen. Sie war plötzlich allein mit den Kindern. Ohne Unterstützung. Ohne Halt. Die Trauer über den plötzlichen Verlust ihrer Mutter traf sie tief ins Herz hinein. Aber was half es? Sie verdrängte den Schmerz, so gut es ging. Sie musste stark sein und weitermachen. Die Kinder brauchten sie doch!
Natürlich dachte sie damals an ihren Vater und beriet sich mit ihrer Schwester.
„Maja, wollen wir nicht Papa anrufen?“
„Warum Karla? Jetzt brauchen wir ihn auch nicht mehr! Wir haben doch uns!“
Das stimmte. Der Tod ihrer Mutter brachte die Schwestern noch näher zusammen. Sie telefonierten fast täglich und trösteten sich gegenseitig. So konnte Karla wenigstens einen Teil ihrer Trauer verarbeiten.
Sie starrte in ihre Kaffeetasse. Bis heute bestand kein Kontakt zu ihrem Vater. Warum war er damals von heute auf morgen aus ihrem Leben verschwunden? Wie hatte er seinen Töchtern das antun können?
Karla war sich ziemlich sicher, dass nicht nur ihre vier Kinder der Grund dafür waren, keinen Partner zu finden. Sie hatte, wegen des für sie unverständlichen Verhaltens ihres Vaters, ein tiefes Misstrauen zu Männern entwickelt und schlichtweg Angst, ebenso verlassen zu werden, wie damals ihre Mutter.
Außerdem gab es nicht einen einzigen vernünftigen Mann in ihrem Umfeld. Jedenfalls keinen wie Max. Der war ihr TRAUM-Mann. Er war höflich, freundlich, humorvoll, intelligent, sportlich, kinderlieb, technisch begabt, handwerklich geschickt, küchentauglich, gut im Bett und immer einer Meinung mit ihr. Darüber hinaus hatte er ein umwerfendes Aussehen. Aber als TRAUM-Mann löste er sich leider in ein Nichts auf, wenn der Wecker klingelte. Oder auch, wenn Benny nachts in seinem Zimmer schrie. Blöd.
Sie riss sich zusammen, stellte ihren Pott in die Spüle und beschloss, mit Lukas und Benny auf den Spielplatz zu gehen.
Das würde sie auf andere Gedanken bringen.
Noch mehr Kontaktanzeigen
Sophie und Marlene hatten ihre Mutter in Sachen Kontaktanzeigen zwar als temporär hoffnungslosen Fall abgeschrieben, waren aber auf den Geschmack gekommen.
Warum sollten sie eigentlich nicht mal selbst …?
In ihrer Frauen-WG sah man Männer so gut wie nie. Vielleicht war es an der Zeit, daran etwas zu ändern.
Sophie benötigte nach ihrer ersten aufgegebenen Annonce einen Terminkalender zur Koordination und Organisation ihrer Dates. Wenn sie einen freien Abend hatte, absolvierte sie an diesem drei Treffen. Jeweils zur vollen Stunde von neunzehn bis einundzwanzig Uhr. Zeitlich begrenzt auf fünfundvierzig Minuten. Ihre Strategie lautete: sichten, aussortieren, probieren, entscheiden.
„Nur so geht es Marlene. Alles andere ist Zeitverschwendung.“
Es dauerte eine Weile, bis sie die Masse der Antwortbriefe durchgearbeitet hatte. Es schien Unmengen an Männern zu geben, die in Berlin lebten, um die zwanzig Jahre waren, nicht rauchten, Humor und Intellekt hatten und auf langhaarige Brünette mit sportlicher Figur standen. Sophie traf sich mit ihnen in ihrem Lieblingscafé „Café Solo“ in Zehlendorf. Nicht weit von der Uni. Erstens war das übersichtlicher für ihre Freundinnen und Marlene. Die Mädchen informierten sich gegenseitig, wenn sie Verabredungen hatten, um ein gewisses Gefühl der Sicherheit zu haben – schließlich wusste man nie, an wen man da geriet. Zweitens war es weit genug entfernt vom Wohnort.
„Mama! Wenn ich mich bei uns um die Ecke treffe, kann das nichts werden! Wer will denn schon nach Neukölln kommen?“
Wichtig war zusätzlich, dass die Dates alle in derselben Lokalität stattfanden, denn eine dreiviertel Stunde pro Kandidat war schon ohne Ortswechsel knapp bemessen.
Ein weiterer Pluspunkt, der für das „Café Solo“ sprach, hieß Iwan. Er war vor über fünfzehn Jahren mit seinen Eltern aus Russland nach Berlin gekommen und studierte mit Sophie im dritten Semester Betriebswirtschaft. Nach dem Abitur hatte er eine Ausbildung als Industriekaufmann absolviert, und war bereits siebenundzwanzig. Iwan war Sophies bester Freund und Mann für alle Fälle, der ihr bei Studienproblemen und sonstigen Lebensfragen beratend zur Seite stand – wann immer sie es wollte. Die beiden hatten ein geschwisterliches Verhältnis und wollten es bei diesem Status auch belassen.
„Mama – ich finde ihn total nett und er sieht wirklich gut aus – trotzdem ist er nicht mein Typ. Er ist so bodenständig und vernünftig!“
Die Masse der eingegangenen Annoncenantworten wurde von Sophie in verschiedene Kategorien eingeteilt. Von den Männern der A-Kategorie schrieb sie die Telefonnummer in ein alphabetisch geordnetes Sonderheft und verabredete Termine.
Die Männer der B-Kategorie rief sie an und versprach ihnen, sich zu melden, wenn es ihre außerordentlich umfangreichen Studienvorbereitungen erlauben würden. Diese Telefonnummern wurden ebenfalls in dem Sonderheft notiert und mit einem großen B versehen. Die Briefe der C-Kategorie wurden in einem „Vielleicht-Ordner“ sorgfältig abgeheftet und die D-Kategorie wanderte direkt in den Papierkorb.
„Sag mal, kann es sein, dass sich dein Betriebswirtschaftsstudium bereits erheblich aufs Privatleben auszuwirken beginnt?“, fragte Marlene ihre Schwester lachend.
„Na ja, weißt du, ich denke, auch dem Bereich Liebe und Partnerschaft können System und Struktur nicht schaden.
Heißt es nicht immer in diesen Ratgebern, dass man an seinen Beziehungen arbeiten muss? Na also!“
Marlene war zunächst wenig angetan von Sophies Methode der Partnersuche. Für sie stand fest: Es musste ihr einfach nur irgendwann der Traumprinz über den Weg laufen und der Blitz würde einschlagen.
„Das ist doch oberflächlicher Mist mit den Annoncen!“
Weil ihre Schwester aber – wie so oft – nicht lockerließ, verfasste sie schließlich, um endlich Ruhe zu haben – entnervt einen eigenen Text: Eigentlich finde ich Kontaktanzeigen vollkommen bescheuert, weil man dadurch sowieso nicht den Richtigen findet. Wenn es dir genauso geht, du um die fünfundzwanzig bist und allergische Reaktionen auf Lehrerinnen ausgeschlossen werden können, dann melde dich doch einfach. Ein Bild wäre nett (Brillenträger werden bevorzugt behandelt). Innerhalb einer Woche fanden sich siebzehn Männer mit Passfoto und Brillenmodellen aller Art, die nach ihren Angaben bisher noch nie Kontaktanzeigen beantwortet hatten, es ja aber nun mal auf diese Weise versuchen könnten, eine nette Frau kennenzulernen. Also begann auch Marlene, sich mit ihren Zuschriften zu verabreden. Ebenfalls im „Café Solo“ und des Öfteren gemeinsam mit Sophie – natürlich an unterschiedlichen Tischen.
„Mit euch wird es nie langweilig!“, amüsierte sich Iwan. Er hatte immer ein paar passende Bemerkungen für die Kandidaten auf Lager. Bella, die Stammkellnerin, fragte die Schwestern sogar dann und wann nach Namen und Telefonnummern. „Nur wenn es dir recht ist, Sophie! Aber der sah wirklich süß aus!“
Mit zunehmender Dauer der Aktion begann Iwan, sich für den Ausgang der Verabredungen von Marlene zu interessieren. Er fragte oft, was denn aus XY oder ‚dem mit dem Bart‘ oder ‚dem ohne Haare‘ geworden sei. Außerdem brachte er stets einen Cappuccino ‚aufs Haus‘ an den Tisch, wenn die Schwestern eintrafen.
„Schließlich sorgt ihr beide bei uns für regelmäßigen Umsatz.“
Stefano
Karla putze ihre Schlafzimmerfenster. Die spätherbstlichen Sonnenstrahlen hatten den Dreck auf den Scheiben unerträglich sichtbar werden lassen. Sie stieg auf die Leiter, um sich die Oberfenster vorzunehmen. Dabei fiel ihr Blick auf die Bank unter dem Ahornbaum. Sie stutzte. Statt der abgenutzten Naturholzfarbe leuchtete ihr ein schönes dunkelrot entgegen.
Die hässlichen Graffiti waren komplett darunter verschwunden.
Welcher nette Mensch hatte ihr denn zu dieser späten Jahreszeit eine solche Freude bereitet? Sollte der Hausmeister …?
Sie hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte.
„Mama?“
„Hier hinten, Sophie.“
„Ich habe dir den Rest von unserem Himbeer-Tiramisu mitgebracht.“
„Lieb von dir, danke. Das essen wir nachher zum Nachtisch. Die Jungs werden begeistert sein. Seid ihr mit dem Renovieren eurer Küche fertig?“
„Fast. Eine kleine Ecke fehlt noch. Die will Marlene nachher streichen, wenn sie von der Uni kommt. Übrigens scheint dein Nachbar auch gerade zu malern!“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Er ist mir gestern am späten Vormittag im Treppenhaus mit einem Farbeimer entgegengekommen, als ich zur Uni ging.“
„Aha.“
„Jetzt muss ich zum Sport – tschüss!“
Nachdem Karla die Fenster trockengerieben hatte, trug sie das Tiramisu in die Küche und nahm sich eine Dessertschale aus dem Schrank. Wieso warten? Sie brauchte sofort etwas Süßes.
Das Himbeer-Tiramisu sah so verführerisch aus mit seinen Schokostreuseln darauf. Köstlich. Ihre Töchter konnten hervorragend italienisch kochen. Sie hatten einen guten Lehrmeister gehabt. Stefano. Er war Karla über den Weg gelaufen, als sie mit ihrer Mutter und den Kindern in Rom Urlaub machte. Lukas war damals zwei Jahre alt, Sophie eine pubertierende Sechzehnjährige und Marlene gerade volljährig geworden. Sie wohnten in einer kleinen Pension am Rande der Stadt. Der Sohn des Inhabers war in Karlas Alter und ein sehr attraktiver Terrence-Hill-Verschnitt mit guten Deutschkenntnissen. Die hätte er sich in vielen Gesprächen mit sehr netten Touristen angeeignet, erklärte er.
„Wohl eher Touristinnen, meine Süße!“, kommentierte ihre Mutter.
Das Blau seiner Augen entsprach der Farbe des Meeres bei schönstem Sonnenschein und haute Karla komplett um. Er wiederum stand auf langhaarige Blondinen. Es dauerte keine vierundzwanzig Stunden und die beiden hatten eine wunderbar heftige Urlaubsaffäre. Da Lukas bei seiner Oma in den besten Händen war und Marlene und Sophie alleine auf Entdeckungstouren gingen, konnten sie sich häufig sehen.
Stefano war Koch und arbeitete in einem kleinen Restaurant in der Nähe der Pension. Er wurde nicht müde, seiner neuen Lieblingstouristin die leckersten italienischen Spezialitäten zu kredenzen – auf Kosten des Hauses. Wenn es nicht bereits die blauen Augen geschafft hätten, wäre Karla spätestens seinen liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten zum Opfer gefallen. Da noch Hochsaison war und er täglich vom frühen Mittag bis in den späten Abend arbeiten musste, blieben ihnen zwar nur die Nächte und Vormittage, um miteinander Zeit zu verbringen, aber das tat ihrer Verliebtheit keinen Abbruch. Am Ende des dreiwöchigen Aufenthalts war für Stefano klar, dass er Karla besuchen würde.
„Ma si, Karla. Naturalmente. Wenn die Saison vorbei ist.
Vielleicht ich finde Arbeit in Berlin. In eine Restaurante. Oder ich mache eine Trattoria auf, Cara mia´. Ich habe Geld. Gar keine Problema.“
Zu diesem Zeitpunkt lebte Karla mit ihren Kindern in einer kleinen Dreizimmerwohnung in Steglitz und arbeitete in einem Rechtsanwaltsbüro. Sie kamen ganz gut über die Runden. Mit dem geerbten Geld ihrer Großtante reichte sogar eine Halbtagsstelle für den Lebensunterhalt. Als Stefano bei seinem Besuch in Berlin den Vorschlag machte, mit ihr gemeinsam ein Restaurant zu eröffnen, war sie begeistert. Das kam ihrer Kochleidenschaft und Sehnsucht nach Selbständigkeit entgegen. Sie sahen sich nach geeigneten Räumen um. Die Mieten in guten Lagen waren hoch. Also versuchten sie es in preiswerteren Bezirken. In Neukölln fanden sie einen kleinen Laden, den sie ganz individuell gestalten wollten. Der Ausbau sollte nicht besonders aufwändig sein, sondern schlicht und gemütlich. Karla investierte ihr gesamtes Vermögen in die neue Existenz. Sie brauchte ohnehin eine neue Einnahmequelle, denn ihr Chef würde in Kürze in den Ruhestand gehen und seine Rechtsanwaltspraxis auflösen.
Nachdem sich der größte Trubel etwas gelegt hatte, vereinbarte Karla endlich einen Termin bei ihrer Frauenärztin. Sie hatte es zunächst auf den Stress geschoben, dass ihre Regel seit drei Monaten ausgeblieben war. Dies war jedoch ein Irrtum.
„Verflixte Disziplinlosigkeit!“, seufzte sie, als ihr die zwei vergessenen Pillen in Rom einfielen. Sie war mal wieder schwanger.
„Mamma mia.“ Stefanos erste Worte nach Verkündigung der frohen Botschaft irritierten Karla ein wenig. Wieso rief er nach seiner Mutter? Die war in Italien und konnte ihm nicht helfen.
„Per Dio!“, fand sie schon besser. Gottesbeistand konnte sicherlich nicht schaden. Als Stefano auf die Knie fiel und um ihre Hand anhielt, fand sie das Ganze allerdings leicht theatralisch und ziemlich übereilt. Sie bat um Bedenkzeit. Ihr steckte noch die Sache mit ihrem ersten Mann Georg, dem Vater von Marlene, in den Knochen. Bevor sie ein zweites Mal heiraten würde, müsste schon etwas sehr Besonderes passieren.
Eine weitere Schwangerschaft reichte hierfür nicht aus. Ihr Familienstand blieb also unverändert. Stattdessen eröffnete sie, mit dem sich in freudiger Erwartung befindlichen Vater ihres noch ungeborenen Kindes, ihr kleines Lokal. Es lief richtig gut an. Stefano kochte und Karla führte die Bücher. Außerdem kellnerte sie zur Mittagszeit, während Lukas im Kindergarten war. Abends wurden die Gäste von Studentinnen bedient. Weil der Fahrweg aus Steglitz weit und die Wohnung für die bald sechsköpfige Familie zu klein geworden war, zogen sie nach Neukölln, als Karla im achten Monat war. Ganz in die Nähe ihrer Mutter. Marlene hatte angefangen zu studieren, Sophie bereitete sich auf ihr Abitur vor. Es war ein großer Glücksfall, dass die beiden im gleichen Haus in eine WG einziehen konnten, denn die neue Familienwohnung war zwar geräumig – für sechs Personen aber trotzdem zu eng.
Benny kam planmäßig zur Welt. Leider ohne väterlichen Beistand. Der musste nämlich für eine Geburtstagsgesellschaft ein italienisches Buffet herrichten, während Karla in den Wehen lag. Als ob die Zeit bis dahin nicht schon anstrengend genug gewesen wäre (oder vielleicht gerade deshalb?), hatte Benny von der ersten Lebensminute an ein ausgeprägtes Schrei-Bedürfnis, was seiner gesamten Familie in unzähligen Nächten den Schlaf raubte. Die Folge war eine mehr als gereizte Atmosphäre, in der seine Eltern feststellten, dass die romantischen Tage in Rom schon länger zurücklagen. Sie überlegten, ob es nicht doch besser wäre, wieder getrennte Wege zu gehen. Statt gemeinsam positive synergetische Kräfte zu entwickeln, war bei ihnen inzwischen eins plus eins eher minus zwei statt plus drei. Als Benny sieben Monate alt war, passierte dann etwas, was diese Gedankenspiele endgültig zur Realität werden ließ. Ungeklärt blieb, ob ein Versehen oder mutwillige Brandstiftung die Ursache hierfür waren. Jedenfalls fackelte ihr gerade erst neu eingerichtete Laden über Nacht komplett ab und die Versicherungsleistung für den entstandenen Schaden war unterirdisch. Sie waren pleite, fertig mit den Nerven und auch mit ihrer Beziehung. Stefano verspürte den tiefen Wunsch, nach Italien zurückkehren zu wollen, und wurde von Karla nicht aufgehalten.
Der Alltag war eben kein Urlaub.
Was blieb, waren die durch Stefano erworbenen italienischen Kochkünste und die Fähigkeit, einen guten Cappuccino zu machen.
Genau den brauchte Karla jetzt. Sie schüttete frische Kaffeebohnen in ihre Maschine. Ein Geschenk ihrer Mutter.
Wunderschön chromblitzend. Sie hatte gerade auf den Startknopf gedrückt, als es an der Wohnungstür klopfte. Es war Herr Steinbruch.
„Haben Sie vielleicht ein Ei für mich? Ich habe nämlich Urlaub.“
„Ja …?“
„Ähhh – ja – und da wollte ich mal einen Kuchen backen.“
„Aha.“ Mit nur einem Ei? Das konnte ja was werden, dachte Karla amüsiert.
„Blöderweise ist mir eins von den Vieren, die noch in der Packung waren, heruntergefallen.“
Na gut. Der Fall lag wohl anders, als sie angenommen hatte.
„Verstehe. Ich hole eins – Moment …“
Karla ging zum Kühlschrank. Wieso backte ein Mann für sich alleine einen Kuchen? Na ja, ihr konnte es ja egal sein. Sie nahm ein großes braunes Hühnerei aus dem Spezialfach und kehrte zur Wohnungstür zurück. Ihr Nachbar sah ihr dankbar entgegen. Sein Pulloverärmel rutschte ein wenig über das Handgelenk, als er seinen Arm ausstreckte, um Karla das Ei abzunehmen. Dabei wurde ein dunkelroter Farbfleck sichtbar.
Moment mal! Ihr fiel Sophies Bemerkung von vorhin ein.
Farbeimer. Hatte etwa Herr Steinbruch ihrer Lieblingsbank zu neuer, roter Schönheit verholfen? In seinem Urlaub? Gestern Vormittag war bei ihm Musik zu hören gewesen. Diesmal in Zimmerlautstärke. Irgendwas Klassisches.
„Danke. Werde mich revanchieren“, sagte der Kuchenbäcker.
„Bitte. Gern geschehen. Sagen Sie mal, waren Sie das mit der Bank auf dem Hof?“
„Ähh – ja – na ja – ich hatte noch etwas Farbe im Keller. Soll ja ein bisschen nett aussehen, bei uns – oder? Also – ich muss dann mal wieder – der Kuchen …“ Und weg war er. Wie immer in Eile.
Berlin-Neukölln, den 06.10.2007
(Samstag)
Ob der Steinbruch wirklich ausgerechnet dunkelrote Lackfarbe im Keller gehabt hat? Ist schon ein ganz schön großer Zufall, oder? Aber wirklich nett von ihm die Bank zu streichen. Er fand die Graffiti wohl auch hässlich. Wenn er nicht immer diese hektischen Züge hätte, sähe sein Gesicht ziemlich attraktiv aus. Vor allem seine graugrünen Augen.
Neue Interessen
„Mama! Iwan ist irgendwie anders seit ein paar Wochen. Ich weiß gar nicht, was mit ihm los ist. Wir reden nicht mehr so viel wie früher. Mir kommt es auch so vor, als würde er Marlene mehr beachten als mich,“ berichtete Sophie eines Tages.
„Nanu?“
„Ich glaube, er mag Marlene total gerne!“
„Schlimm?“
„Neee! Ist okay. Hab' eh genug zu tun mit diesen ganzen anderen Typen. Heute sind es schon wieder drei.“ Sophie verdrehte angestrengt die Augen. „Du weißt ja, Iwan und ich sind nur gute Freunde. Mehr nicht.“
Karla wusste zwar nicht, ob sie ihrer Tochter das zu hundert Prozent abnehmen sollte, aber sie glaubte es zumindest sehr gerne. Rivalitäten zwischen Schwestern trugen nicht gerade zur Familienharmonie bei und konnten extrem problematisch werden.
„Was sagt denn Marlene zu dieser Entwicklung?“
„Keine Ahnung, Mama. Sie ist ja immer sehr zurückhaltend, wenn es um Gefühle gegenüber Männern geht.“
Das empfand Karla genauso. Ihre ältere Tochter schien Iwan bisher keine Beachtung zu schenken. Er war zwar älter als sie, was Marlene grundsätzlich sehr positiv bewertete. Gleichzeitig hatte er einen schlanken Körperbau mit breiten Schultern, dunkle, längere Haare und grünbraune, intensiv blickende Augen. Gutaussehenden Männern begegnete Marlene mit großer Skepsis. Nach ihren bisherigen Erfahrungen befand sich hinter wunderbaren Fassaden selten das, was ihr wichtig war – nämlich Intellekt und Verlässlichkeit.
Eines nachmittags wurde Karla jedoch durch eine Anmerkung hellhörig. Wie viele Mütter, besaß auch sie die Fähigkeit, Gänseblümchen bereits tief unter der Erde wachsen zu hören.
„Mama! Ist es nicht total interessant, dass Russen quasi mit einer Angel zur Welt kommen? Das haben sie in einer sehr gut recherchierten Reportage über Sitten und Gebräuche in fernen Ländern gebracht. Das Angeln stelle ich mir sehr entspannend vor? Fast schon meditativ! Man sitzt inmitten der schönen Natur und kann auch noch massenhaft sauerstoffreiche Luft einatmen! Hast du schon mal frisch gefangenen Fisch gegessen? Der ist bestimmt köstlich!“
Dass sich Marlene Auslandsreportagen ansah, war Karla neu.
Und auch für die Angelei oder russische Traditionen hatte sie bisher nicht das geringste Interesse gezeigt. Karla lächelte in sich hinein. Für diese neuen Betrachtungsweisen ihrer Tochter gab es mit ziemlicher Sicherheit einen guten Grund.
Besuch bei Maja
„Mama – ist das cool!“
Klar. Einen beheizten Swimmingpool gab es zu Hause nicht.
Lukas und Benny waren daher schwer begeistert.
„Der ist solarbeheizt, Karla, dadurch sparen wir Energie.
Umweltfreundlich ist es außerdem“, hatte Klaus ihr stolz erklärt.
Sie waren in den Herbstferien nach Hannover gefahren. Maja und Klaus mussten zwar beide arbeiten und Ingas Ferien waren bereits vorbei – aber das war kein Problem. „Karla – ich finde es schön, wenn ihr da seid. Die Kinder können doch am Nachmittag zusammen spielen. Und vormittags habt ihr alles für euch.“
„Alles“ waren ein großer Garten mit Schaukel, ein Sandkasten und ein überdachter Pool. Herrlich. Karla faulenzte im Liegestuhl, während die Jungs planschten und buddelten.
Dafür übernahm sie abends gerne das Kochen.
„Mein Gott, wie lecker Karla. Einfach fantastisch, wie du diese Rezepte entwickelst. Und ich muss nicht an den Herd.“ Besser gesagt: An den traumhaften Herdblock in einer geräumigen Wohnküche mit großen Fenstern zum Garten. Karla bereitete dort nur zu gerne ihre Kreationen zu. Besonders gefiel ihr die von der Decke herabschwebende Dunstabzugshaube in matt glänzendem Edelstahl. Auch die Töpfe waren aus diesem Material und ebenso sämtliche Kellen, Heber und Schneebesen.
Was für eine inspirierende Ausstattung. Wie in einem Küchenstudio.
„Maja, hast du Kartoffeln da? Wusstest du, dass die total gesund sind? Haben noch mehr Vitamin C als Möhren und Äpfel.“ Und darüber hinaus noch Vitamin B 1, Niacin und Kalium, verschiedene Enzyme, Aminosäuren sowie diverse Mineralstoffe. Dem hohen Kaliumgehalt verdankte die Kartoffel ihre Fähigkeit, den Organismus beim Entwässern zu unterstützen. Das hatte Karla in einer dieser Frauenzeitschriften beim Kinderarzt gelesen.
Im Laufe ihres Aufenthalts machte sie Kartoffelsalat (mit sehr wenig Mayonnaise-Creme und viel Joghurt), Cowboy-Kartoffeln (geviertelte Kartoffeln mit Olivenöl, Salz, Pfeffer und Kräutern, im Backofen dreißig Minuten auf höchster Stufe gegart), Kartoffelauflauf (mit Meeresfrüchten, Knoblauch und Schmand), Kartoffelsuppe und natürlich ihr Spezialgericht: In Olivenöl gebratene Kartoffeln mit Knoblauch, Zwiebeln, Speck, einem Hauch Chili, Salz, Pfeffer – zum Schluss mit diversen Küchenkräutern wie Oregano, Schnittlauch und Petersilie überstreut.
„Hallo Karla, meine Güte, riecht das toll hier.“
