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Er sitzt Tag für Tag auf einer Decke und schaut den vorbeieilenden Fahrgästen hinterher. Sein Entschluss steht fest. Für das, was er getan hat, muss er büßen. Auf ewig. Als der Junge Jeremy in sein Berliner Bahnhofsleben tritt, nehmen die Dinge jedoch nach und nach einen unvermuteten Verlauf...
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Seitenzahl: 52
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Zum Inhalt der Erzählung:
Eddie sitzt Tag für Tag auf seiner Decke und schaut den vorbeieilenden Fahrgästen hinterher.
Sein Entschluss steht fest. Für das, was er getan hat, muss er büßen. Auf ewig.
Als der Junge Jeremy in sein Berliner Bahnhofsleben tritt, nehmen die Dinge jedoch nach und nach einen unvermuteten Verlauf...
Zur Autorin:
Marie Meerberg schreibt nebenberuflich unter Pseudonym und lebt mit ihrer Familie in Berlin.
‘UnGlücksbringer’ ist ihre erste Veröffentlichung (siehe auch www.mariemeerberg.de).
Jeder Mensch hat sein eigenes Schicksal, weil jeder seine eigene Art zu sein und zu handeln hat.
Johann Gottfried von Herder (1744 - 1803), deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer
Für meine wunderbare Familie. Ich bin froh und dankbar, dass ich Euch habe.
Für meine Freundinnen und Freunde.
Schön, dass es Euch gibt.
Für “Eddie”
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Er zitterte leicht. Es war arschkalt in seinem Zimmer. Frieda lag dicht an ihn gekuschelt. Das war wenigstens etwas. Ohne Frieda hätte er sich schon lange aufgegeben. Sie gab ihm das Gefühl, nicht alleine zu sein. Auch Frieda liebte die Muße und leistete ihm Gesellschaft, wenn er den Tag verweigerte. Als er neulich jedoch bis in die späten Nachmittagsstunden nicht aufstehen wollte, hatte sie ihm die Decke weggezogen. Es blieb ihm quasi nichts anderes übrig, als aus dem Bett zu steigen und sich anzuziehen. Na gut. Frieda wusste, was gut für ihn war. Er liebte sie. Mit ihr würde er weiter durchhalten und sein Leben ertragen.
Die Kälte war noch extremer geworden. Nachts durchgehend Minusgrade. Frieda wollte am liebsten den ganzen Tag in der Wärme bleiben.
Das ging natürlich nicht. Schließlich hatte sie Dinge zu erledigen, die sich nicht aufschieben ließen. Er begleitete sie, weil er sie nicht alleine laufen lassen wollte. Sie hing an ihm und er an ihr. Zu zweit waren sie wenigstens nicht einsam.
Einsamkeit war schrecklich. Da kamen immer so traurige Gedanken. Sie kreisten im Kopf herum und hämmerten im Hirn. Ließen einen nicht los.
Die konnten einen verrückt machen. Wenn er nicht mit Frieda spazieren ging, zog es ihn zu seinem Lieblingsort. Da war Ablenkung. Da bewegte sich was. Da waren Menschen. Die taten das, was er zur Zeit nicht konnte. Sie gingen ihren täglichen Verpflichtungen nach. Für ihn war es am erträglichsten, einfach nur dazusitzen. Abzuwarten. Zu beobachten. Und Geld brauchte er natürlich auch.
Die Leute, die täglich an ihm vorbei liefen, ließen sich durch ihn nicht stören. Nur wenige nahmen ihn überhaupt wahr. Und das schon zu normalen Zeiten. Momentan sahen sie alle noch beschäftigter aus als sonst. Das hing mit dem morgigen Tag zusammen. An dem die Hektik der Welt für einen kleinen Moment, wie mit einem unsichtbaren Hebel, abgestellt wurde. An dem Frieden herrschen sollte auf Erden. Und selbstverständlich eine feierliche Stimmung.
Was für ein Quatsch. Man konnte traurige Gedanken nicht einfach hinter bunten Kugeln verstecken. Oder in Geschenkpapier einwickeln.
Es würde so werden wie immer in den letzten beiden Jahren. Er würde sich von seinem Mützengeld eine Flasche Doppelkorn kaufen und in die hochprozentige Höhle des Vergessens abtauchen.
Er schaute auf die vorbeihastenden Passanten.
Wie gewohnt waren alle in Eile. Das neue Jahr hatte begonnen. Jeder rannte seinen guten Vorsätzen hinterher. Keiner hatte Zeit, ihn anzuschauen. Warum auch. Er war nicht das, was man als Hingucker bezeichnen würde. Im Gegenteil. Rote Augen, aufgedunsene Haut, ungepflegte Haare. Aber das war ihm egal. So wie ihm sein ganzes Leben egal war. Seit diesem einen Tag.
Er fühlte eine leichte Unruhe in sich aufsteigen.
Bene hatte sich noch nicht blicken lassen. Das war merkwürdig. Eigentlich war der Bursche zuverlässig. Meist kam er nach der Arbeit bei ihm vorbei. Er war ein guter Freund, der sich um ihn kümmerte. Das taten nur wenige. Klar. Wer war er denn noch, dass jemand ein Interesse an ihm haben könnte? Er war ein Unglücksbringer. Verdiente es, links liegen gelassen zu werden. Es machte ihm nichts aus. Er hatte Frieda und Bene. Mehr brauchte er nicht.
Vielleicht noch Hans. Der war auch für ihn da. Allerdings nur, wenn er zu ihm ging. Und dazu hatte er selten Lust. Wenn er zu Hans wollte, musste er einen weiten Weg laufen. Außerdem war es nicht übermäßig gemütlich bei Hans. Aber wenigstens warm.
Plötzlich sah er einen blonden Haarschopf auf sich zukommen. Bene hatte ihn doch nicht vergessen.
“Hier mein Guter...hab' dir was mitgebracht!”
Das tat Bene fast immer. Eine der wenigen Sachen, auf die er sich freuen konnte. Zu Weihnachten hatte Bene ihm einen riesigen Kuchen geschenkt. Mit Äpfeln, Walnüssen und Zimt.
Der hatte für eine ganze Woche gereicht. Ihm lief jetzt noch das Wasser im Munde zusammen. Heute war es nur eine kleine Tüte, die Bene für ihn gefüllt hatte. Aber sie roch sehr verführerisch.
“Na? Wie war denn dein Tag so?” erkundigte sich Bene und setzte sich zu ihm auf die Decke.
“Viel los!” antwortete er.
“Und? Einnahmen gut?”
“Nein”, antwortete er, “Nicht gut.”
Es war ein schlechter Tag gewesen.
Er sah den vorbeilaufenden Passanten hinterher. Ganz selten nickte ihm einer zu, der ihn kannte. Weil er quasi zum Inventar gehörte. Er saß schließlich seit Monaten jeden Tag auf dem Plateau im Bahnhof. Genau an dieser Stelle. Direkt an der Treppe. Wo es trocken war und kaum zog.
Er hatte Hunger. Wo blieb eigentlich Bene? Sein junger Freund war Bäckerlehrling. In der Bäckerei blieben oft Sachen übrig. Am Tag nach dem Vortag war der Verkauf noch erlaubt. Danach nicht mehr. Dann mussten sie entsorgt werden.
