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In diesem Buch versammelt Hartwig Hanser, Chefredakteur des Magazins Gehirn & Geist, Texte zum Thema Denken. Namhafte Autoren wie Vera F. Birkenbihl, Gregor Staub, Manfred Lorenz, Maja Storch und Jürg Mehlhorn, um nur einige zu nennen, haben ebenso spannende wie fundierte Texte zum Thema beigesteuert. Entstanden ist eine beeindruckende Sammlung zum Thema "Gehirn & Geist".
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2007
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Beiträge von Ian Ayres, Maria Beyer, Vera F. Birkenbihl, Carsten Brandenberg, Dietmar Hansch, Gertrud Kemper, Manfred J. Lorenz, Michael Lutz, Jörg Mehlhorn, BarryNalebuff, Carl Naughton, Michael Spang, Gregor Staub,Bernhard Stelzl, Maja Storch und Corinne Ullrich
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Beiträge wurden erstmals 2002 bis 2006 in der Zeitschrift „Gehirn&Geist“ veröffentlicht.
© 2007 bei mvgVerlag, Redline GmbH, Heidelberg. Ein Unternehmen von Süddeutscher Verlag | Mediengruppewww.mvg-verlag.de
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Konzeptionelle und redaktionelle Bearbeitung: wortvollendet, Pia Gelpke, WiesbadenUmschlaggestaltung: Atelier Seidel – Verlagsgrafik, Teising Satz: Redline GmbH, Jürgen EchterDruck: Himmer, AugsburgBindearbeiten: Thomas, AugsburgPrinted in GermanyISBN 978-3-636-06312-0
Kennen Sie Terry Pratchett? Der britische Kultautor lässt seine satirisch angehauchten Fantasyromane auf einer scheibenförmigen Welt spielen, in der etwas andere Regeln gelten als bei uns. So prasseln dort ständig „Inspirationspartikel“ auf die Bewohner ein. Trifft eines davon auf ein Gehirn, entwickelt dieses im gleichen Moment eine brillante Idee. Wer sich jedoch im entscheidenden Augenblick bückt, um beispielsweise seine Schuhe zuzubinden, geht leider leer aus: Der Geistesblitz fegt über ihn hinweg.
An diesen skurrilen Einfall musste ich denken, als ich das Kapitel der Management-Trainerin Vera F. Birkenbihl über das Geheimnis kreativer Genies (Seite 107) las. Ein Glück, dass unsere Inspirationen nicht auf so zufällige Weise zu Stande kommen! Stattdessen können wir unsere Kreativität mit den hier beschriebenen Übungen selbst in Schwung bringen. In dieselbe Kerbe schlägt Jörg Mehlhorn. Der Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für Kreativität präsentiert Ihnen einen ganzen Strauß an bewährten Methoden, mit deren Hilfe Sie die Ideen sprudeln lassen können (Seite 134). So etwa die „Walt-Disney-Technik“, bei der man je nach Stand eines Projekts in eine andere Rolle schlüpft – und dafür auch unter Umständen jeweils in einen anderen Raum geht.
Nun ist es eine Sache, gute Ratschläge, wie Sie sie auf den folgenden Seiten in Hülle und Fülle finden werden, zu lesen – eine ganz andere ist, sich an sie im Fall des Falles noch zu erinnern. Daher liefern wir gleich ein Gegenmittel gegen die Vergesslichkeit mit: Ab Seite 13 finden Sie die besten Merktechniken, von der antiken Tempelsäulen-Methode bis zu den Tricks, mit denen heutige Gedächtniskünstler schier unglaubliche Merkleistungen vollbringen. Megamemory-Erfinder Gregor Staub (Seite 199) und einige seiner Kollegen plaudern aus dem Nähkästchen und stellen praktische Trainingsaufgaben, mit denen Sie Ihr Erinnerungsvermögen auf Vordermann bringen können.
Unser Menü zum Thema „mentale Fitness“ beschränkt sich jedoch keineswegs auf die Aspekte Gedächtnis und Kreativität. So weiß die Zürcher Psychologin Maja Storch, wann es sich lohnt, bei Entscheidungen auf seinen „Bauch“ zu hören und gezielt seine Intuition zu nutzen (ab Seite 149), und Deutschlands Mind-Mapperin Nummer eins Maria Beyer führt Sie in die Grundlagen dieser faszinierenden Denktechnik ein (Seite 193). Weitere Kapitel geben konkrete Anleitungen, wie man gut verständliche Texte verfasst (Seite 186) und PowerPoint- Präsentationen mit Pfiff erstellt (Seite 203). Außerdem erhalten Sie einen Überblick über die gängigsten Schnelllesetechniken (Seite 177).
Neben solchen nützlichen Praxistipps dürfen aber auch die langfristigen Lebensstrategien nicht zu kurz kommen. Weshalb Sie auf Seite 213 die „sechs goldenen Regeln“ des Alltagsmanagements lesen sollten. Dann haben Sie nämlich schon mal größte Aussichten auf ein zufriedenes, glückliches Leben. Und da Sie dieses wohl auch möglichst lange genießen möchten, lege ich Ihnen zum Schluss noch ein besonderes Schmankerl ans Herz: Die von Vera F. Birkenbihl entwickelte „Nonnen- Strategie“ (Seite 242), mit der Sie Ihren Schatz an persönlichen Erinnerungen bis ins hohe Alter festigen können.
Viel Spaß beim Lesen – sowie Erfolg beim Umsetzen – wünscht Ihnen
Hartwig Hanser(Herausgeber dieses Buches und Redakteur der Zeitschrift „Gehirn&Geist“)
Mit ein paar einfachen Symbolen und etwas Fantasie können wir uns mühelos neue Lerninhalte merken
VON MANFRED J. LORENZ
„Der Mensch nutzt vermutlich nur zehn Prozent seiner geistigen Kapazität.“ Dieser populäre Ausspruch wird wohl zu Unrecht Albert Einstein zugeschrieben, und er ist auch unter Experten höchst umstritten. Dennoch begegnet uns überall die Ansicht, dass wir unsere geistige Leistungsfähigkeit nicht optimal nutzen. Das ist auch kein Wunder, schließlich haben Hirnforscher in den letzten Jahren ans Licht gebracht, wie ungeheuer komplex unser Denkorgan funktioniert. Dies betrifft vor allem die Vielfalt simultaner Abläufe, mit denen wir Informationen aufnehmen.
Die rasante Entwicklung der modernen Wissenschaft verstellt vielen den Blick dafür, dass die Denkmaschine Gehirn im Gebrauch eigentlich recht einfach zu handhaben ist, sofern einige grundsätzliche Regeln berücksichtigt werden. Doch leider entspricht unser anerzogenes Lernverhalten oft nicht der natürlichen Arbeitsweise unseres Denkapparats.
So lernen wir in der Schule 26 Buchstaben (mit Umlauten 29) sowie die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie zu Wörtern und Sätzen zu kombinieren sind. Doch das Gelernte beschreibt dann die meisten Dinge nur unzureichend. In unserer geistigen Vorstellung bleiben dabei kaum Gefühlsregungen oder bildhafte Eindrücke zurück. Bilder, Sinneserfahrungen und Zusammenhänge stellen wir in langen, linearen Zeichenketten dar, ohne zu bedenken, dass diese Art der Informationsverarbeitung in keiner Weise zur Konstruktionsweise der neuronalen Netze im Gehirn passt, genauso wenig wie tabellarische Darstellungsformen und stures Auswendiglernen.
Das rächt sich schon dann, wenn es nur darum geht, sich schnell und dauerhaft einige Begriffe einzuprägen, beispielsweise zehn Fachausdrücke aus der Hirnforschung.
…folgende zehn Fachausdrücke aus der Hirnforschung:
NeuronCorpus callosum StirnlappenHypophyselimbisches SystemDendritenSynapseAdrenalinHemisphärelaterales DenkenAls Aufzählung stellt diese Liste unser Gehirn vor eine mühevolle Aufgabe. Denn unsere moderne westliche Kultur diktiert uns einen festgefügten Ablauf, wie wir beim Lernen Fakten aufnehmen. Man nimmt eine beliebige rationale Information oder logische Verbindung. Diese ruft eine neuronale Aktivität hervor, welche sie dauerhaft und wieder auffindbar im Gehirn hinterlegen kann. Ein solcher Vorgang ist automatisch und praktisch unvermeidbar mit Emotionen verbunden, die unser subjektives Empfinden beim Lernen prägen und entsprechend auch unser Lernverhalten für die Zukunft.
Leider resultieren jedoch aus Merkversuchen in der Regel eher negative Gefühle: Neues löst in Menschen oft instinktiv Unsicherheit oder gar Bedrohung und Angst aus, meist noch verstärkt durch Erfolgsdruck.
Im Laufe unseres Lebens sammeln wir so immer mehr schlechte emotionale Erfahrungen in Verbindung mit verschiedenen Lernprozessen. Wenn es dann in späteren Jahren mit dem Merken nicht mehr so recht klappen will, versuchen wir uns mit Sprüchen wie „Einem alten Hund kann man keine neuen Kunststücke mehr beibringen“ zu beruhigen.
Dabei erbringen Menschen auch noch im fortgeschrittenen Alter oft eindrucksvolle Lernleistungen. Die einen können sich an einem geselligen Abend spielend fünf verschiedene neue Witze merken. Andere behalten ohne besonderen Denkund Lernaufwand sämtliche Produkte aus der Fernsehwerbung. Und jeden dürften schon einmal außergewöhnliche Erlebnisse aus dem beruflichen und privaten Alltag scheinbar automatisch noch im Schlaf verfolgt haben. In diesen Fällen geht dem rationalen und aktiven Merkvorgang eine natürliche, meist positive emotionale Grundhaltung voraus, die sich etwa in Neugierde, Interesse, Vorfreude oder angenehmen Erwartungen äußert.
Allein schon durch schöne Gefühle im Vorfeld bereitet sich unser Gehirn auf ankommende Sinnesreize völlig anders vor als beim konventionellen Pauken. Mit einem nachfolgenden rationalen Input verbinden sich diese Emotionen zu einer ungewöhnlichen und daher gut zu merkenden Kombination und liefern zudem meist einen bildhaften Eindruck. Solche Gedankenbilder prägen sich dann ohne Umwege tief in den entsprechenden Gehirnarealen ein und werden dort dauerhaft gespeichert.
Natürlicher Speicherzyklus: Am leichtesten und dauerhaftesten lernt das Gehirn neue Fakten, wenn es dabei durch positive Gefühle empfänglich gestimmt ist.
Erlerntes Falschdenken: Versucht man, dem Gehirn eine rationale Information ohne emotionalen Kontext einzuprägen, entstehen beim Merkvorgang meist negative Gefühle.
Der Trick besteht darin, einer scheinbar ganz normalen Information den Charakter des Besonderen zu verleihen, dann bemüht sich das Gehirn automatisch darum, den Gedanken möglichst sorgfältig zu archivieren. Wenn man dieses Wissen um die Memorierfähigkeit unserer Denkmaschine in effiziente Methoden umsetzt, ist es ein Leichtes, selbst komplexe und abstrakte Informationen spontan und direkt in unserem Gedächtnis abzulegen. So basiert etwa eine einfach zu erlernende Technik zur Merkfähigkeitssteigerung auf einer Reihe von Symbolen, die sich jeweils mit einer zu lernenden Information verknüpfen lassen. Als Arbeitsgrundlage muss man sich anfangs nur ein einziges Mal Symbolbilder für die Zahlen von eins bis zehn einprägen. Diese sind leicht merkbar, da sie sich an Form oder Bedeutung der jeweiligen Zahl anlehnen.
Diese zehn Bilder helfen beim Merken von Wörterlisten. Die einzelnen Grafiken erinnern an die Zahlen von eins bis zehn und erleichtern damit auch das Einprägen der Reihenfolge.
Um jetzt die oben genannten zehn Fachausdrücke aus der Hirnforschung abzuspeichern, lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf und erfinden Sie um diese Begriffe herum einige kleine Geschichtchen oder Situationen, in denen die Zahlensymbole eine Rolle spielen, und zwar jeweils diejenige Zahl, die der Nummerierung des Begriffs in der Liste entspricht. Auf diese Weise merken Sie sich auch gleich die Reihenfolge der Wörter.
Den ersten Ausdruck bauen Sie also in einen Satz ein, in dem eine Kerze vorkommt. Auf diese Weise verknüpfen Sie das „Neuron“ mit der Position eins in der Liste. Genauso verbinden Sie dann das „Corpus callosum“ mit Platz zwei und so weiter. Dabei muss der Begriff überhaupt nicht exakt und unverändert vorkommen, er kann zerrissen und auf verschie-
dene Wörter im Satz verteilt sein. Es genügt auch schon, wenn ähnlich klingende Silben und Wörter auftauchen. Zum Beispiel:
Mit einigen etwas verrückten und unkonventionellen gedanklichen Kapriolen schaffen Sie eine Vielzahl ungewöhnlicher assoziativer Denkansätze, sodass Ihr Gehirn diese Informationen mit weitaus größerer Aufmerksamkeit behandelt, als es bei der konventionellen Vorgehensweise der Fall wäre. Testen Sie es doch einmal selbst und versuchen Sie dann, diese zehn Begriffe nach einigen Minuten zu rekapitulieren. Denken Sie dabei nur an die Symbole, und die Erinnerung dürfte Ihnen viel leichter fallen als gewohnt.
Was ist dabei passiert? Sie haben gerade den natürlichen Lernprozess des Gehirns berücksichtigt. Für eine positive emotionale Stimmung als Voraussetzung zum Lernen sorgte Ihre sicherlich vorhandene Grundmotivation für diesen Artikel – warum würden Sie ihn sonst freiwillig bis hierhin gelesen haben? – sowie meine Ankündigung einer speziellen nutzbringenden Methode. Die zehn Begriffe der Übung stellten den rationalen Informationsgehalt dar, und ihre Kopplung mit den Bildsymbolen setzte schließlich den Einprägevorgang in Aktion.
Außerdem stellte sich ein angenehmer Nebeneffekt ein: Durch diese Art des Denkens sammeln Sie nach und nach positive Erinnerungen an geistiges Arbeiten und steigern damit Ihre grundsätzliche Aufnahmebereitschaft und geistige Kondition. Wenn wir beim intellektuellen Arbeiten eine konventionelle, lineare Merkstrategie verfolgen, erleben wir häufig sehr rasch ein Gefühl der Monotonie und mentalen Ermüdung. Spannendes und entdeckendes Lernen kann hingegen Konzentrationsphasen, die sonst nur etwa eine gute Stunde am Stück betragen, bis aufs Doppelte verlängern, ohne dass der Geist seine Aufnahmefähigkeit verliert.
Über den Autor: Manfred J. Lorenz ist Gedächtnis- und Managementtrainer des Roland-Geisselhart-Teams und Betreiber der Trainerinitiative LENZ & Friends in Passau.
Literaturtipps:Geisselhart,R.,Zerbst,M.:DasperfekteGedächtnis. München: dtv 1996. Michalik, M. J., Rose, C.: M.A.S.T.E.R. Learning. Frankfurt: mvgVerlag 2002. Spitzer, M.: Lernen. Heidelberg/Berlin: Spektrum Akademischer Verlag 2003.
Weblink: www.geisselhart.com
Am besten können wir uns Dinge einprägen, wenn wir sie uns als Gegenstände in einem imaginären Raum vorstellen
VON MICHAEL SPANG
Das Unglück geschah aus heiterem Himmel. Gerade war der Hauptgang des Menüs aufgetragen worden, als plötzlich die Decke des Festsaals einstürzte und die Gäste unter sich begrub. Außer dem Dichter Simonides, der kurz zuvor das Haus verlassen hatte, überlebte keiner der Geladenen den Einsturz. Viele der Opfer waren so stark entstellt, dass ihre Identifizierung schwer fiel. Doch Simonides wusste Rat: Im Geiste schritt er noch einmal die Festtafel ab und konnte so die Sitzordnung der Gäste komplett rekonstruieren. Von der Position der Verschütteten unter den Trümmern ließ sich wiederum auf ihre Identität schließen.
Diese Geschichte erzählt der römische Rhetoriker Cicero (106–43 v. Chr.) in einem seiner Lehrbücher. Ob sich die Episode tatsächlich so zugetragen hat, ist ungewiss – zu Ciceros Lebzeiten war Simonides schließlich bereits mehr als vierhundert Jahre tot. Doch zumindest der Legende nach veranlasste der tragische Dacheinsturz den griechischen Dichter, eine Merktechnik zu entwickeln, die sich vor allem für professionelle Redner als nützlich erweisen sollte. Denn in der Antike galten Politiker und Rechtsanwälte, die ihre Reden oder Plädoyers vom Blatt ablasen, als Stümper. Wer nicht im Kopf hatte, was er sagen wollte, stand wohl kaum mit voller Überzeugung dahinter – so die gängige Meinung. Umso wichtiger war es für griechische und römische Rhetoriker, über eine Methode zu verfügen, mit der sie sich einen komplexen Argumentationsstrang einprägen und bei Bedarf wieder abrufen konnten.
Worin bestand nun der Gedächtniskniff, den Simonides entdeckte? Dem Dichter war aufgefallen, mit welcher Leichtigkeit er im Geiste den in Wirklichkeit gar nicht mehr existierenden Festsaal auf und ab spazieren und sich dabei die Sitzordnung der Gäste in Erinnerung rufen konnte. Hätte Simonides nur eine nummerierte Liste mit den Namen der Anwesenden zur Verfügung gehabt, hätte er sich die Abfolge der Personen am Tisch wohl nicht so präzise eingeprägt. Offensichtlich kommt es der Funktionsweise unseres Gedächtnisses sehr entgegen, wenn wir Namen, Dinge oder Begriffe, die wir uns merken wollen, visuell räumlich anordnen.
Wer schon einmal Memory gespielt hat, weiß: Nur weil die Kärtchen räumlich vor uns ausgebreitet liegen, finden wir eine bestimmte Bildkarte oft intuitiv, ohne zu überlegen. Wüssten wir bloß die abstrakten Koordinaten der einzelnen Motive – etwa „zweite Spalte, fünfte Karte“ –, könnten wir uns kaum die vielen verschiedenen Positionen einprägen. Diese Besonderheit unseres Gedächtnisses haben auch schon Generationen von Schülern bei Vokabeltests erfahren: Sie können sich partout nicht an die Bedeutung der abgefragten Wörter entsinnen – wissen aber noch ganz genau, dass der betreffende Begriff in der vorletzten Zeile der vierten Seite im Vokabelheft steht!
Auch die Gedächtnistheoretiker des Altertums kannten schon diese Eigenheit unseres Erinnerungsvermögens und entwickelten auf ihrer Grundlage eine spezielle Mnemotechnik. Sie beruht im Wesentlichen auf denselben zwei Elementen, auf die es auch beim Memory-Spielen ankommt: Es gilt, im Geiste Bilder (imagines) an bestimmten Orten (loci) abzulegen, die man danach wieder in einer zuvor festgelegten Reihenfolge abschreiten kann. Dazu muss jeder für sich selbst ein individuelles Ortssystem entwickeln, in dem er Begriffe, Stichworte oder Gedanken deponieren und nach Bedarf wieder abrufen kann.
Die antiken Lehrbücher empfahlen öffentliche Bauwerke wie Tempel oder Versammlungsgebäude als räumliche Erinnerungsstützen. Hinter Säulen, neben Statuen oder in Nischen gab es zahlreiche Möglichkeiten, Gedächtnisbilder mental zu deponieren und beim gedanklichen Abschreiten des Gebäudes wieder aufzugreifen. Allerdings sollte man sich dazu in diesen Räumlichkeiten sehr gut auskennen. Als nahe liegendes und persönliches Ortssystem eignet sich daher zunächst einmal die eigene Wohnung.
In diesem „Merkraum“ definieren wir auf einer festgelegten Route eine bestimmte Reihenfolge von Orten: erst das Tischchen im Flur, dann der Spiegel an der Wand, der Wohnzimmertisch, das Sofa, das schwarze Regal über dem Fernseher und so fort. Wichtig ist, immer die gleiche Abfolge im Geiste beizubehalten. Nur so können wir uns ein fixes Ordnungssystem einprägen, das wir dann mit immer neuen Inhalten füllen können. Hat man eine Weile mit einem einfachen Parcours – etwa zehn Orte in drei Räumen – gearbeitet, lassen sich weitere Zimmer hinzufügen, was den Erinnerungsspeicher vergrößert. Ganz wesentlich für die Entwicklung eines solchen Ortsgedächtnisses ist regelmäßiges Training. „Ohne dauernde Übung“, ermahnt auch das anonyme römische Rhetoriklehrbuch Ad Herennium seine Leser, „bleiben die Regeln nahezu wirkungslos. Du musst dafür sorgen, dass du möglichst viele, nach den Regeln ausgedachte Orte zur Verfügung hast. Und das Anbringen der Bilder muss täglich trainiert werden.“ Antike Rhetoriklehrbücher schildern mit Vorliebe phänomenale Gedächtnisleistungen, wie sie auch heute noch manchmal den spektakulären Mittelpunkt von Samstagabend-Fernsehshows bilden. Da ist von Leuten die Rede, die sich eine bloße Aufzählung von zweitausend Namen merken und anschließend fehlerfrei herunterspulen. Andere können Gedichte nach einmaligem Hören vollständig wiedergeben – mit umgekehrter Reihenfolge der Verse! Denn hat man sich einmal eine feste Abfolge von Gedächtnisorten zugelegt, kann man sich vorwärts wie rückwärts daran entlanghangeln. Die Reihenfolge der Worte, die man sich eingeprägt hat, lässt sich dann auch ohne weiteres umdrehen.
Während also das Ortssystem bis auf Erweiterungen möglichst unverändert bleiben soll, gilt bei den zu merkenden Objekten das Gegenteil: Jedes muss anders und möglichst unverwechselbar eingespeichert werden. Denn während wir uns an den Gang durch unsere Wohnung deshalb so gut erinnern, weil er uns so vertraut ist, müssen wir die wechselnden Gedächtnisinhalte höchst kreativ in eindrucksvolle und vielleicht sogar skurrile Bilder packen – eine Kartoffel etwa als Meteor im Sturzflug oder als Haus für Käfer, komplett mit Fenstern und Türen.
Das Lehrbuch Ad Herennium erklärt das mit einer einfachen, alltagspsychologischen Einsicht: An „unbedeutende, gewöhnliche und banale Dinge können wir uns in der Regel nicht erinnern“. Wenn wir jedoch „etwas Gemeines, Niederträchtiges, Ungewöhnliches, Großes, Unglaubwürdiges oder Lächerliches sehen oder hören, werden wir daran wahrscheinlich lange denken“. Auf- und Untergang der Sonne seien alltäglich, Sonnen- und Mondfinsternisse hingegen würde man nicht so leicht vergessen. Entscheidend ist deshalb, Bilder auszuwählen, die uns emotional in irgendeiner Weise ansprechen.
Antike Gedächtnistrainer hatten dafür zwei Strategien parat, die auf dem Wort- und dem Sachgedächtnis basierten. Beide stehen uns zur Verfügung, wenn wir zum Beispiel eine Liste von Namen auswendig lernen wollen, ohne dass wir uns – wie damals Simonides – an eine tatsächliche Sitzordnung bei Tisch erinnern. Das Wortgedächtnis benutzt ähnlich klingende Worte als Eselsbrücken: Markus können wir uns als Markstück vorstellen, Horst als Adlerhorst oder Peter als Pater. Das Sachgedächtnis hingegen verknüpft Namen und Dinge inhaltlich. Wer weiß, dass Friedrich der Große die Kartoffel in Deutschland heimisch gemacht hat, kann einen neuen Bekannten namens Fritz mit einer Kartoffel assoziieren. Genauso kann man sich auch den frisch eingezogenen Nachbarn Karl als Riesen vorstellen („Karl der Große“) und seine Frau Steffi – als Tennisschläger!
Schließlich müssen die Bilder auf die eingeübten Orte verteilt werden – und das möglichst originell: Dümpelt die Kartoffel im Wohnzimmer-Aquarium und schmilzt der Tennisschläger auf dem Küchenherd, können sie beim Gang durch die Wohnung leicht wieder in Erinnerung gerufen werden.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Wir wollen einkaufen gehen und uns eine Liste mit neun Artikeln einprägen: Eier, Käse, Spaghetti, Fisch, Brot, Seife, Butter, Salami und Schokoriegel. Es kommt nun darauf an, aus diesen Begriffen ungewöhnliche Bilder zu konstruieren und diese in einem Ortssystem abzulegen. Dazu stellen wir uns drei Räume einer Wohnung vor, in denen wir jeweils drei Artikel von unserer Einkaufsliste deponieren – und das möglichst bildhaft. Wir betreten also den Flur durch die Wohnungstür und hängen die Schlüssel ans Schlüsselbord, wo bereits ein Laib Brot hängt – „Brot“ und „Bord“ lassen sich durch die Ähnlichkeit der Worte leicht verknüpfen. Im Flur treten wir auf einen Flickenteppich aus Salamischeiben.
Dann blicken wir in den Wandspiegel, an dem zwei Spiegeleier kleben. Im Wohnzimmer hat sich der Fernseher in ein Aquarium verwandelt, in dem ein Fisch schwimmt. Dieser blickt zur Heizung, auf der ein Päckchen Butter schmilzt. Das flüssige Fett trieft auf das Sofa, das aus großen Seifestücken zusammengesetzt ist. Im Arbeitszimmer schließlich macht sich die Computermaus gerade über ein Stück Käse her. Das Buchregal dort wackelt bedenklich, da es aus Schokoriegeln besteht. Und die Gardinenstange droht aus der Wand zu brechen, weil die Vorhänge aus langen, schweren Spagetti gewoben sind!
Diesen gedanklichen Spaziergang durch die Wohnung wiederholen wir nun zwei oder drei Mal. Dann haben wir die Liste mit den neun Begriffen sicher intus und können sie jederzeit problemlos reproduzieren – wesentlich schneller, effektiver und zuverlässiger, als es durch das stupide Auswendiglernen der Wortliste möglich gewesen wäre. Die einzelnen Stationen wie Spiegel und Sofa sind allerdings nun mit ganz bestimmten Lerninhalten verbunden und damit quasi besetzt. Enthält in der folgenden Woche die Einkaufsliste Müsli- statt Schokoriegel, sollte man tunlichst vermeiden, dafür wieder dasselbe Buchregal als Eselsbrücke zu verwenden; die Verwechslungsgefahr wäre hierbei einfach zu groß. Stattdessen muss nun eben ein neues Regal, möglichst in einem anderen Zimmer, herhalten – oder vielleicht auch die Verriegelungsanlage der Eingangstür.
Wer heute eines der vielen Ratgeberbücher zu Gedächtnissteigerung und Gehirntraining aufschlägt, stellt rasch fest, dass die Methode der antiken Rhetoriklehrer die letzten zwei Jahrtausende fast unverändert überdauert hat. Freilich wurden im Lauf der Zeit die Methoden verfeinert; neue Strategien kamen hinzu oder wurden aus den alten Techniken weiterent-wickelt.
Geradezu ein Urahn heutiger „Gedächtnisweltmeister“ scheint Petrus von Ravenna gewesen zu sein – ein Rechtsgelehrter des späten Mittelalters. Der Autor eines lateinischen Handbuchs mit Gedächtnisstrategien war beruflich viel in Italien unterwegs. Wann immer er in eine neue Stadt kam, besuchte er die dortigen Kirchen und Klöster und prägte sich deren Räumlichkeiten ein. Bei diesen Rundgängen durch die Gebäude erarbeitete er sich nach und nach einen stattlichen Fundus von Erinnerungsräumen. Nach eigenen Angaben verfügte Petrus am Ende über mehr als hunderttausend solcher Gedächtnisorte. Ganze Gesetzesbücher samt Kommentaren, zahlreiche Bibeltexte sowie Hunderte von Klassikerzitaten wollte der Jurist dort gespeichert haben.
Auch Petrus von Ravenna befolgte dabei die goldene Regel, dass besonders in Erinnerung bleibt, was uns emotional berührt. So verriet er seinen Lesern folgenden Trick: „Wenn du etwas besonders schnell im Gedächtnis parat haben willst, dann verwende in deinem Ortssystem schöne Frauen. Denn auf ganz wunderbare Weise wird das Gedächtnis durch Mädchen angeregt.“ Dieser Kniff scheint außerordentlich gut funktioniert zu haben, allerdings wohl vor allem bei männlichen Gehirnen. Frauen können ihn ja einmal mit Alain Delon, Brad Pitt und Leonardo di Caprio ausprobieren – oder ihrem ganz persönlichen Traumprinzen.
ÜberdenAutor:MichaelSpangistpromovierterPhilosophund LehrbeauftragteranderTUKaiserslauternsowiederUniversität Flensburg.
Literaturtipps: Draismaa, D.: Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedächtnisses. Darmstadt: Primus-Verlag 1999. Yates, F. A.: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag 2001.
Regelmäßiges Kartenspielen macht nicht nur Spaß, sondern verbessert auch unsere Merkfähigkeit. Dieser Effekt lässt sich noch verstärken, indem man sich die Karten mit Hilfe einer speziellen Technik einprägt
VON MICHAEL LUTZ
Wer sich unter der Woche mit Erna treffen möchte, braucht den Donnerstagabend gar nicht erst vorzuschlagen: Der ist nämlich seit über zwanzig Jahren für die Bridgerunde mit ihren Freunden reserviert. Hier läuft die rüstige Endsechzigerin regelmäßig zu geistiger Höchstform auf, denn anspruchsvolle Kartenspiele wie Bridge, aber auch Rommee, Skat, Doppelkopf oder Canasta erfordern Merkfähigkeit und logisches Denken. Im Unterschied zu einfachen Spielen wie Mau-Mau muss man hier nämlich die bereits ausgespielten Karten möglichst zuverlässig im Kopf behalten sowie fortlaufend strategische Überlegungen anstellen.
Da überrascht es kaum, dass aktive Kartenspieler meist auch bis ins hohe Alter geistig erstaunlich fit sind. Solche Spiele eignen sich daher auch hervorragend als Gedächtnistraining. Doch beanspruchen Skat & Co. normalerweise nicht unser gesamtes Gehirn, sondern vor allem dessen linke Hälfte, die sich bei den meisten Menschen eher mit logisch-analytischen Aufgabenstellungen befasst, während unsere rechte Hirnseite – die in der Regel stärker auf Kreativität und bildliches Erfassen abonniert ist – Däumchen dreht. Um diese unterforderten Hirnbereiche ebenfalls zu trainieren, kann man sich nun die Kartenwerte mit Hilfe von mentalen Bildern, für die unsere rechte Hirnhälfte zuständig ist, einprägen.
Das Prinzip, die Eigenschaften und Fähigkeiten beider Gehirnhälften miteinander zu verbinden, nutzten bereits die antiken Gedächtniskünstler und Rhetoriker – wenn auch unwissentlich – mit der „Loci-Methode“ (siehe Seite 20). Bei dieser verknüpft man beliebige Dinge und Fakten, die man sich merken möchte, in Gedanken mit Bildern. Diese können dann in einer zuvor fest eingeprägten Reihenfolge, etwa entlang einer Liste von Einrichtungsgegenständen in einer Wohnung, mental abgelegt und bei Bedarf wieder abgeholt werden.
Ganz wichtig: All diese Bilder und „Orte“ gilt es so fantasievoll, bunt und schrill wie nur irgend möglich auszumalen. Je verrückter und ausgefallener sie sind, umso besser bleiben sie im Gedächtnis hängen! Ein rosa Elefant mit blauen Punkten, der in Ihrem Wohnzimmer laut trompetend Schlittschuh läuft, eignet sich daher für ein dauerhaftes Einprägen wesentlich besser als eine gewöhnliche Obstschale auf dem Couchtisch.
Gerade beim Merken abstrakter Dinge wie Zahlen, Namen oder eben Spielkarten – die ja Ziffern oder Buchstaben und die Symbole der vier verschiedenen Farben miteinander kombinieren – hilft diese Art bildlicher Verknüpfung enorm. Denn ansonsten wird eine solche Gedächtnisübung schnell zu einer äußerst mühevollen und frustrierenden Angelegenheit. Etwa, wenn es darum geht, sich eine zwanzigstellige Zahl dauerhaft einzuprägen, beispielsweise 20170912160114181307.
Ein aussichtsloses Unterfangen? Keineswegs, wenn man die rechte Hirnhälfte zur Unterstützung heranzieht, denn gegenständliche Bilder haften eben viel besser im Gedächtnis als die zwar einfach strukturierten, aber für unser Gehirn bedeutungslosen Zahlzeichen. Probieren Sie es doch einmal!
Grundsätzlich benötigen Sie für alle solche Gedächtnisaufgaben zwei Listen, die Sie fest in Ihrem Kopf abgespeichert haben müssen. In der einen verknüpfen Sie die Zahlen mit Bildern, die andere – die „Ortsliste“ – hilft Ihnen, die Reihenfolge zu behalten. Für diese zweite Liste mit den verschiedenen Stationen, an denen die Bilder abgelegt werden, stellen Sie sich ein Hotelzimmer vor, in dem Sie sich langsam von links nach rechts um Ihre eigene Achse drehen und dabei markante Bezugspunkte ausmachen, die Sie später in der gleichen Reihenfolge wieder abklappern, wenn Sie sich an das Gemerkte erinnern wollen. Um die Anzahl der notwendigen Stationen zu beschränken, empfiehlt es sich, lange Ziffernfolgen wie diese in zweistellige Zahlen aufzulösen, etwa 20, 17, 09 und so fort. Das halbiert die Menge der zu merkenden Einheiten, sodass wir mit zehn Orten im Hotelzimmer auskommen.
Dort könnte nun als erster Bezugspunkt an der linken Wand ein unglaublich kitschiges Ölbild mit einem röhrenden Hirsch hängen (1). Rechts daneben steht dann vielleicht ein kleiner, bunter Nierentisch aus den 1950er Jahren (2). Weiter im Uhrzeigersinn folgt eine handgeschnitzte, vergoldete, massive Sitzgelegenheit, die fast wie ein Thron aussieht (3). Ihr letzter Referenzpunkt an der linken Wand ist ein bis zur Decke reichender gläserner Eckschrank (4). Nun blicken Sie geradeaus und sehen an der Kopfwand des Zimmers einen modernen Flachfernseher hängen (5). In der rechten Ecke des Zimmers steht eine große, bemalte chinesische Vase (6). Es folgt als Nummer 7 ein würfelförmiges Waschbecken. Als achter Referenzpunkt befindet sich darüber ein seltsamer Spiegel, in dem alles auf dem Kopf steht. Daneben ist ein Handtuchhalter (9) in Form einer Fahnenstange mit einer wunderschön gedrechselten Spitze angebracht. Als zehnter und letzter Merkort steht an der rechten Wand ein riesiger Abfalleimer, der wohl schon länger
