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In ihrem Text "besser" beleuchtet die Autorin die unterschiedlichsten Aspekte des Begriffs "besser". In einer Sammlung von Erzählungen, Anekdoten, Briefen, Chats und Zitaten zeigt sie Figuren aller Schichten und jeden Alters in ihrem Bestreben, etwas zu verbessern oder andere zu überflügeln, und die daraus resultierenden Konsequenzen. Mit augenzwinkerndem Humor gelingen der Autorin Beschreibungen und Beobachtungen zu überraschenden Wendungen, faszinierenden Beziehungsgeflechten, wahren Begebenheiten, die Motive oder unmoralische Charakterzüge entlarven. Eine absolut lohnenswerte, bisweilen bissige Studie über die Abgründe der menschlichen Seele und die folgenreichen Handlungen menschlichen Strebens.
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Seitenzahl: 84
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Eva Janssen wuchs im Kölner Friesenviertel auf.
Nach ihrer Ausbildung in der Grafikabteilung des
DuMont Buchverlages studierte sie Germanistik und
Slawistik am slawischen Institut in Köln und am
Gorki-Institut in Moskau. Im Anschluss war sie als freie Übersetzerin, Referentin und Kritikerin tätig.
Die Autorin arbeitete zudem 20 Jahre als Lehrerin in der Erwachsenenbildung.
Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Die Figuren und Lebensgeschichten dieses Textes sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Teil I
GUMMI
BABEL
FREUNDE
CHRISTFEST
DATE
SLAP STICK
FÜRSORGE
FORSCHUNG
GEBET
WILLKOMMEN
Teil II
GUMMI
BABEL
FREUNDE
CHRISTFEST
DATE
SLAP STICK
FÜRSORGE
FORSCHUNG
WILLKOMMEN
GEBET
„Raclette is better than mozzarella."
Schweizer Fan, Fußball-EM 2024
Ihr Blick klebt am Schreibheft. Der Stift – unberührt – wartet.
Sie grübelt.
Es ist ein positives Wort. Der Komparativ von „gut“.
Ihr Blick schweift über die gegenüberliegende Häuserreihe. Qualm steigt aus den Schornsteinen in einen strahlendblauen Winterhimmel.
Es lässt sich mit anderen Worten kombinieren. Etwas ist besser als schlecht, besser als gewohnt, besser als sonst.
Clarissa huschte beschämt aus dem Laden. Wieder hatte die Ladenbesitzerin ihr einen Kredit verweigert. Nirgendwo mehr in dieser vermaledeiten Stadt ließ man sie anschreiben. Was sollten ihre Kinder essen? Viel war es nicht mehr, was sie ihnen vorsetzen konnte.
Draußen stolperte sie über ihre plumpen Schuhe, aus denen sie immer wieder herausrutschte. Um ein Haar wäre sie gefallen, hätte nicht eine aufmerksame, junge Frau sie aufgefangen. „Kann ich Ihnen helfen, Mrs.?“, fragte diese. „Nein, nein danke!“, erwiderte Clarissa und wandte sich beschämt ab, um dann hastig in die andere Richtung zu gehen. Doch nur einige Meter weiter überkam sie ein jäher Schwindel und sie musste sich in den Rinnstein übergeben.
Eine vorbeifahrende Kutsche hätte sie beinahe erfasst. Clarissa hörte den Kutscher laut fluchen.
Von Schlamm bespritzt, flüchtete sie in eine kleine Gasse und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die kalte Ziegelsteinmauer eines Hauses. „Nicht schon wieder! Ach Gott, lass mich nicht wieder schwanger sein!
Unsere kleine Clarissa, der süße Schatz! Mit nur zwei Jahren musste sie geh´n, da war ich schon wieder schwanger mit Sarah.“ Clarissa schluchzte laut auf und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Hastig sah sie sich um, aber niemand von den vorbeieilenden Menschen beachtete sie. Es gab zu viel Armut, Leid, Dreck. Die meisten in diesem Viertel der Stadt waren mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Eine weinende Frau in einer Häuserecke war nichts Besonderes. Clarissa atmete tief durch. Die Kälte des Februars kroch langsam in ihre Glieder. Sie versuchte, sich zu fassen.
Auch Sarah, ihr drittes Kind, war mit drei Jahren gestorben.
Cynthia, die Erstgeborene – Clarissa hatte sie mit 23 Jahren zur Welt gebracht – lebte. Sie war ihr beider Ein und Alles, wenn sie auch ein wenig kränkelte, was bei ihren Lebensverhältnissen ja kein Wunder war.
Und Charles Nelson jr., ihr sechsjähriger Sohn. Er lebte. Ja! Gott sei Dank! Ihr erstgeborener Sohn lebte und war gesund!
Auch Ellen lebte. Sie war ein quirliges, fröhliches Kind. Mit ihren vier Jahren war sie sehr aufgeweckt und neugierig, stellte dauernd Fragen und war immer dort, wo ihre älteste Schwester Cynthia war. Und Cynthia, ihre Älteste, war Clarissa eine große Stütze. Liebevoll und geduldig kümmerte sie sich um die kleineren Geschwister.
Große Sorge bereitete Clarissa ihr zweiter Sohn William. Er war ein schwaches Kind. Hustete in einem fort. In der Nacht stand Clarissa auf, machte ihm heiße Wickel und beruhigte den Einjährigen, der kläglich unter seiner Wolldecke wimmerte. Er schlief bei seiner Mutter im Bett, damit sie sich zu jeder Zeit um ihn kümmern konnte.
Und jetzt? Sollte sie wirklich ihr 7. Kind erwarten? Wie sollte das gehen? Clarissa schauderte und zog den steifen Mantel fester um ihre Schultern. Sie atmete schwer aus. Die Atemwolke stieg in den grauen Winterhimmel.
Noch im letzten Jahr hatte ein Gläubiger ihren Mann festnehmen lassen, als dieser nach Philadelphia zurückgekehrt war. New York, Massachusetts, Philadelphia, Connecticut – wo waren sie nicht überall gewesen? Überall auf der Jagd nach der Lösung.
Und wenn es diese eine und einzige Lösung gar nicht gab? Wenn Charles nur einem Phantom nachjagte? Was trieb ihn bloß an? Wieso konnte er nicht einem normalen Geschäft nachgehen wie andere Familienväter auch?
Die ersten Jahre ihrer Ehe waren noch ruhig und erfolgreich verlaufen. Gemeinsam waren sie von New Haven nach Philadelphia übergesiedelt, wo Charles ein Eisenwarengeschäft eröffnet hatte, in dem er die Waren seines Vaters vertrieb. Und auch der Verkauf landwirtschaftlicher Geräte verlief glücklich, nachdem die Landwirte ihnen anfänglich mit Misstrauen begegnet waren. Bisher hatten diese ihr Gerät aus England bezogen. Doch dann hatten sie sie davon überzeugen können, dass ihre Maschinen genauso viel taugten.
Na ja, ein guter Geschäftsmann war Charles freilich nicht. Zunächst war er sehr krank geworden und mit der Erkrankung kam die Pleite. 1830 hatten sie ihr Geschäft dann endgültig schließen müssen. Da war ihre kleine Tochter Clarissa gerade mal 1 Jahr alt und Sarah wurde geboren.
Wieder stiegen Clarissa Tränen in die Augen. Schwerfällig wie eine alte Frau reckte sie sich gerade, raffte ihren langen Rock, um über eine Schlammlache zu steigen, und machte sich auf den Weg in die kleine Pension, in der sie zurzeit mit den Kindern lebte.
Ein paar Passanten betrachteten sie belustigt. Sie sah aber auch zu seltsam aus mit den großen Schuhen, dem Hut und dem weiten Mantel. Clarissa war es gewohnt, dass man sie und ihre gesamte Familie belächelte. Sie bemerkte die teilweise mitleidigen oder spöttischen Blicke schon gar nicht mehr.
Den Erfindungsdrang ihres Mannes hatte sie nicht aufhalten können. Also unterstützten sie und die älteren Kinder ihn nach Kräften bei seinen Versuchen. Und auch die von ihm erfundenen Kleidungsstücke trugen sie bereitwillig.
Sogar in ihrem eigenen Wohnraum hatten sie seine Versuche unterstützt, als ihm keine Räume zum Experimentieren mehr zur Verfügung standen.
Sie hatten den Naturkautschuk mit Lampenruß, Magnesia und Terpentin vermischt. Es hatte so erbärmlich gestunken. Ihr war fast der Atem stehen geblieben. Charles hatte einen seiner vielen Anfälle bekommen.
Aber es waren Schuhe entstanden. Schuhe, die sie alle mit Stolz trugen.
Und wieder waren Charles Versuche fehlgeschlagen. Wieder hatten die Gläubiger gemurrt und ihrem Mann jede weitere Unterstützung verweigert. Die neuen Schuhe klebten und lösten sich auf im Sommer und im Winter wurden sie hart und spröde. Trotzdem trug Clarissa sie weiter. Sie glaubte an ihren Mann. Auch wenn sie manchmal voller Verzweiflung war und nicht mehr weiterwusste. Es war schwer, einen mittellosen Erfinder als Vater und Mann zu haben.
Kautschuk!! Manchmal konnte sie das Wort nicht mehr hören. Dieses Material hatte es ihm angetan und ließ ihn nicht mehr los.
Kautschuk, Kautschuk, Kautschuk. Manchmal wünschte sie sich, ihr Charles wäre diesem Kautschuk nie „begegnet“. Seit 8 Jahren schien er wie besessen von der Idee, ein Produkt mithilfe von Kautschuk zu erfinden, das beständig, fest und wasserabweisend wäre. Und nichts und niemand vermochte ihn davon abzuhalten. Während sie um das Dasein und das Überleben ihrer gemeinsamen Kinder kämpfte und immer wieder schwanger wurde, schien er mit einer fixen Idee zu kämpfen.
Und auch nach der letzten Schlappe hatte er sich von dieser Idee nicht abbringen lassen. Kurzerhand hatte er alle Möbel verkauft und seine Familie in der kleinen Pension untergebracht, in der Clarissa nun mit den Kindern mehr schlecht als recht wohnte, während ihr Mann nach New York gegangen war, um dort auf einem Dachboden seine Experimente fortzusetzen. Was nur trieb ihn an?
Von einem befreundeten Apotheker, der ihren Mann unterstützte, hatte sie erfahren, dass Charles in seinem Labor in New York fast umgekommen wäre. Er hatte mit Salpetersäure und Bleioxid hantiert und wäre fast erstickt. Dachte er denn gar nicht an die Folgen für seine Familie?
Nichts konnte ihn von seiner besessenen Idee abhalten, kein Gläubiger und auch kein Misserfolg – geschweige denn seine Familie. Schlug ein Ergebnis fehl, wollte er es beim nächsten Mal besser machen. Er war davon überzeugt, durch seine Forschung eine Lösung zu finden.
In der Pension angekommen, stieg Clarissa langsam die enge, unter ihren Tritten quietschende Treppe in den ersten Stock. Es roch noch Moder und Schimmel.
Hinter sich hörte sie die Stimme ihrer Wirtin: „Mrs. Goodyear?“ Clarissa wandte sich um und blickte müde in das rosige Gesicht ihrer Vermieterin. Was würde diese von ihr wollen? Sie hatte kein Geld für die Miete.
Aber die Wirtin hatte ein breites Grinsen aufgesetzt. Ein ungewohnter Anblick. „Ja?“ „Ihr Mann is da, Mrs.. Hat schon die janze Miete füe dissen Monat bezahlt. Er wartet oben aufse, Mrs..
Clarissas Herz schlug heftig. Sie stürzte nach oben – beinahe wäre sie wieder über ihre Schuhe, die Schuhe des Erfinders – gestolpert. Oben riss sie atemlos die Tür auf.
Dort stand er, ihr Mann, der Erfinder, und um ihn scharten sich ihre Kinder. Cynthia hatte den kleinen William auf dem Arm.
„Charles!“ Er strahlte sie an und hielt ihr ein Papier entgegen:
US Patent: Nr. 1090 stand fettgedruckt darauf.
Versonnen hält sie inne.
Der Anfang steht.
Aber was ist es, was Forschende antreibt, nicht aufzugeben, trotz aller Unwägbarkeiten? Woher stammt dieser Drang, etwas besser machen oder besser sein zu wollen? Dem Wunsch nach Unsterblichkeit?
Der Stift wippt zwischen den Fingern. Ihr Blick fällt auf den Duden im Regal, den heutzutage kaum noch jemand verwendet.
Braucht es ein Ziel? Eine Idee?
Als Erna M. beschloss, eine Sprache zu lernen, war sie schon sehr betagt, genauer gesagt 88 Jahre alt. Im Seniorenheim hatte sie sich gelangweilt. Man sprach zu laut mit ihr – sie war doch nicht taub – die Gedächtnisübungen waren ein Witz – sie war doch kein Kleinkind, und der Tonfall zu gönnerhaft, war sie eine Bittstellerin? Ja, alle gaben sich Mühe, waren freundlich. Sie wollte sich nicht beschweren. Es war bestimmt nicht einfach, zwischen all den kranken und dementen alten Leuten zu unterscheiden, wer noch klar im Kopf und geistig interessiert war, wer noch über ein gutes Gehör oder gute Augen verfügte.
