Die Mentorin - Eva Janssen - E-Book

Die Mentorin E-Book

Eva Janssen

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Beschreibung

Zusammen mit ihrem Ehemann Roman und dem kleinen Sohn Lukas führt die Sonderpädagogin Sandra Schwarz ein harmonisches und glückliches Familienleben im frisch erworbenen Eigenheim. Auch die Arbeit an einer inklusiven Grundschule erfüllt die 38-Jährige mit Stolz und Zufriedenheit. Eindrücke und Ereignisse aus diesem idyllischen Leben hält sie in ihrem Tagebuch fest. "Ich werde dich, mein Buch, also benutzen, um meine Gedanken wandern zu lassen, und vielleicht auch, um mich später an diese Zeit erinnern zu können." Da erhält sie den Auftrag, die Lehramtsanwärterin Rebekka Wiesner als Mentorin zu betreuen ... Ein entlarvender, bitterböser Roman über den Umgang mit Macht.

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zur Autorin dieses Buches

Eva Janssen wuchs im Kölner Friesenviertel auf. Nach ihrer Ausbildung in der Grafikabteilung des DuMont Buchverlages studierte sie Germanistik und Slawistik in Köln und am Gorki-Institut in Moskau. Im Anschluss war sie als freie Übersetzerin, Referentin und Kritikerin tätig. Heute arbeitet die Autorin als Lehrerin in der Erwachsenenbildung.

Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Für Lara

Vorbemerkung

Die Figuren und Lebensgeschichten dieses Kurzromans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Lünen, 3.März

Roman hat mir dieses Buch geschenkt. Es riecht so gut nach dem Ledereinband und dem Büttenpapier. Das ist lieb von ihm. Er hat es auf dem Weihnachtsmarkt für mich gekauft, sagt er. Also hat er es schon länger für mich aufgehoben. Gestern hat er es mir dann zu meinem 38. Geburtstag geschenkt. „Damit du etwas ganz alleine für dich hast. Deinen eigenen Raum zum Atmen. Dein Refugium sozusagen.“

Es überrascht mich, dass er meint, ich brauche das, wo wir drei doch rundum glücklich sind. Aber natürlich werde ich ihm den Gefallen tun, vor allem, weil er sich so liebevoll Gedanken um mich gemacht hat. Ich werde dich, mein Buch, also benutzen, um meine Gedanken wandern zu lassen, und vielleicht auch, um mich später an diese Zeit erinnern zu können. Um Raum zum Atmen zu finden, wie Roman sagt.

Ja, das werde ich tun.

Lünen, 6. März

Lukas hat heute Nacht geweint. Ich habe ihn aus dem Bettchen geholt und herumgetragen. Aber er wollte sich erst gar nicht beruhigen, der kleine Mann. Schließlich sind wir beide auf dem Sofa eingeschlafen. Er hat auf meinem Bauch gelegen und ist zuerst ganz schwer und warm geworden. Daran merke ich immer, dass er einschläft, und dann entspanne ich mich auch. Er sah aus, als würde er sich nach langen Kämpfen dem Schlaf ergeben, gegen den er sich so gewehrt hat. Ich habe ihn dann noch eine Weile betrachtet. Er ist so süß und zerbrechlich, wenn er so erschöpft daliegt, mit offenem Mündchen und ganz roten Bäckchen. Er ist mein ganzes Glück! Nie darf ihm etwas Schlimmes zustoßen. Ich behüte ihn.

Lünen, 8. März 2017

Ich hatte ganz vergessen, die Jahreszahl zu schreiben. Wer weiß, ob ich mich später noch daran erinnern werde, in welchem Jahr ich das hier geschrieben habe? Aber das ist ja Unsinn! Ich werde es immer an Lukas´ Alter errechnen können. Seine Geburt war schließlich eine einschneidende Veränderung in meinem, unserem Leben.

Lukas schläft und Roman hämmert unten im Wohnzimmer an den Fußleisten herum! Hoffentlich wacht Lukas nicht auf! Es ist so gemütlich in unserem Heim, wenn es auch noch nicht fertig ist.

In der Schule läuft alles zum Besten. Auch wenn die Kinder oft schwierig sind und sich nicht immer gut verhalten. Aber es ist ja meine Aufgabe, ihnen zu helfen. Und das tue ich gerne. Ich werde darauf achten, dass Lukas sich später in der Schule und auch schon vorher im Kindergarten benimmt. Eine gute Erziehung ist doch die Grundlage für das ganze weitere Leben.

Die Kinder in der Schule tun mir oft leid. Schließlich können sie ja nichts für ihre Elternhäuser. Ich bin dankbar dafür, dass es uns so gut geht!

Manchmal gibt es etwas Stress mit Silke. Aber wo gibt es keinen Stress? Das gehört einfach zum Leben dazu. Angelika hat sich früher mehr um uns gekümmert, hatte ein Auge für unsere Situation. Außerdem hat sie nicht andauernd die Chefin raushängen lassen. Im Gegenteil! Sie hat uns und unsere Vorschläge ernstgenommen, hat uns unterstützt in unserer Arbeit. Silke dagegen meint, alles, was wir tun, kontrollieren zu müssen. Aber das ist ihr Problem, nicht meins. Ich komme damit schon klar. Alles andere wäre ja auch unprofessionell. Ich konzentriere mich einfach weiterhin auf meine erfolgreiche Arbeit.

Alles in allem läuft mein Leben in guten Bahnen. Und dass ich meine Gedanken darüber in diesem Buch niederschreiben und vertiefen kann, erhöht mein Glücksgefühl noch. Roman hatte also Recht, als er davon sprach, dass mir dieses Buch Kraft und Selbstvertrauen geben würde.

Lünen, 30. März 2017

So lange hatte ich keine Zeit mehr zu schreiben! Es gab einfach zu viel zu tun. Ach! Mein Leben ist so prall und voll!

Ich habe die ersten Seiten, die ich bereits geschrieben hatte, noch einmal durchgelesen. Wie glücklich wir sind, Roman, Lukas und ich! Auf meiner Arbeit kann ich viel bewirken, kann schwächere und benachteiligte Kinder unterstützen. Und den Rest des Ausbaus werden wir auch noch überstehen. Da bin ich zuversichtlich. Roman ruft nach mir. Ich muss Schluss machen.

Lünen, 31. März 2017

Der komplette Strom ist ausgefallen! Roman hat aus Versehen beim Fliesenlegen oder Bohren irgendeine Leitung getroffen. Das kann passieren. Schließlich ist er kein ausgebildeter Installateur, sondern ein Amateur in all diesen Dingen. Aber dafür macht er es sehr gut. Bei so einem Ausbau wird das Leben oft zum Abenteuer. Über Langeweile können wir jedenfalls nicht klagen.

Natürlich brauchen wir dringend Strom, um abends Lukas´Mahlzeiten aufwärmen zu können, um ihn zu baden und zu waschen. Denn die Therme springt ja ohne Strom auch nicht an. Und der Elektriker kommt erst morgen.

Roman hat irgendeinen Gaskocher besorgt und gemeint, ich solle mich nicht aufregen. Das könne schonmal passieren, wenn man alles selber macht. Es ist lieb von ihm, mich zu trösten. Schließlich muss ich mich um Lukas kümmern!

Zum Glück schläft Lukas schon. Ihn hat die Aufregung sicher müde gemacht. Wie genau er spürt, wenn etwas mal nicht in Ordnung ist. Er ist so sensibel, mein Goldstückchen!

Lünen, 2. April 2017

Roman war so lieb! Kam vorgestern in der Nacht in Lukas´ Zimmer und hat sich neben mich auf das enge Sofa gequetscht. „Wenn du nicht zu mir kommst, muss ich ja wohl oder übel zu euch kommen“, hat er mir ganz leise ins Ohr geflüstert, und: „Ohne Strom und ohne dich ist es einfach zu kalt in unserem Bett!“ Da musste ich lachen.

Aber jetzt ist auch wieder Strom da und Roman hat uns gestern Abend etwas Leckeres gekocht, mein Lieblingsessen: Gemüseauflauf, überbacken. Zwar ist Lukas beim Essen wieder aufgewacht und hat geschrien – ich glaube, er hatte Bauchwehaber es war trotzdem ein schöner Abend, auch wenn ich wieder früh rausmusste.

Bald sind Osterferien. Vor den Ferien sind die Kinder oft unruhig, unkonzentriert und laut. Das hat natürlich auch mit unserem Einzugsgebiet zu tun. Es sind eben schwierige Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Meine Aufgabe besteht in dieser Zeit vor allem darin, die Kolleginnen zu entlasten, was mir ja auch meistens gelingt. Besonders Renate ist erschöpft. Sie hat wirklich eine schwierige Klasse, mit all den Migrantenkindern. Und dann noch Marvin, Jascha und Angelina mit ihren massiven Verhaltensauffälligkeiten und Lernbehinderungen. Gut, dass ich sie unterstützen kann. Ja, Renate braucht dringend Ferien. Silke vielleicht weniger. Ich weiß auch nicht genau, was sie eigentlich den ganzen Tag macht, wenn sie sich nicht gerade in unsere Arbeit einmischt oder Elterngespräche führt.

In den Ferien werde ich mich ein bisschen entspannen. Roman meint, ich solle mich ausruhen. Wie liebevoll und einfühlsam er immer ist.

Der Garten ist zwar noch voller Bauschutt und Holzbalken, aber vielleicht findet sich ja ein Plätzchen zum Lesen und Ausruhen.

Außerdem freue ich mich darauf, den Garten zu planen, zu überlegen, welche Pflanzen wir setzen, wohin der Sandkasten und die Schaukel für Lukas kommen sollen. Ja, darauf freue ich mich schon sehr!

Lünen, 7. April 2017

Endlich Ferien!

Aber richtig entspannen kann ich mich nicht. Silke hat mich heute in ihr Büro gerufen und mir mitgeteilt, dass im Mai eine Lehramtsanwärterin für Sonderpädagogik an unsere Schule kommt. Und ich soll ihre Mentorin werden! Silke hat mich nicht einmal gefragt! Das ZfsL hat angefragt und Silke hat zugesagt – ohne irgendeine Rücksprache mit mir zu treffen! So ist sie nun mal. Offenbar hat Silke dann bemerkt, dass ich völlig perplex war. Sie hat mir erklärt, dass ich als Mentorin zwei Entlastungsstunden erhalten würde und dass sie bei der Entscheidung an mich gedacht habe. Immerhin zwei Stunden weniger Unterricht und das bei der Schülerklientel! Für eine Mutter wie mich, mit einem 1 1/2 – jährigen Kind, sei dies doch eine Erleichterung.

Außerdem könne ich eine junge Frau bei ihrer Ausbildung unterstützen. Das wäre doch mal etwas Neues! Eine Herausforderung. Irgendwie hat sie versucht, mir die Sache schmackhaft zu machen. Dabei geht es ihr doch nur um das Renommee der Schule, ihren Ruf als Schulleiterin und ihre weitere Karriere. Sie will hoch hinaus. Jetzt kann sie sagen: „Seht alle her! Wir bilden eine Sonderpädagogin in der Inklusion aus!“ Trotz meiner anfänglichen Skepsis konnte sie mich aber schließlich überzeugen. Als Sonderpädagogin, die schon viel Berufserfahrung sammeln konnte, halte ich mich für einen reflektierten und selbstkritischen Menschen und natürlich ist mir bewusst, wie notwendig es in der heutigen Schullandschaft ist, Sonderpädagoginnen für das Gemeinsame Lernen auszubilden. Und ich halte mich für kompetent genug, diese Aufgabe zu erfüllen. Aber natürlich wissen gerade wir erfahrenen Kolleginnen doch auch genau, wie arbeitsintensiv die Aufgabe einer Mentorin ist. Ich denke da nur an Laura. Wie viel Mühe und Arbeit hat sich die arme Claudia als Mentorin mit ihr gegeben. Und trotz all dieser Bemühungen ist Laura am Ende bei der UPP durchgefallen. So eine Referendarin ist eben doch nur eine Katze im Sack. Man weiß nie, was einen erwartet, und hat auch noch die Verantwortung!

Lünen, 10.April 2017

Roman meint, ich solle mich auf meine neue Aufgabe einlassen. Ich würde doch immer versuchen, meine Arbeit gewissenhaft und gut zu machen und außerdem täten mir zwei Entlastungsstunden gut.

Ich werde seinem Rat folgen. Er bewahrt immer so gut den Überblick für uns alle.

Zwar habe ich mich inzwischen gut auf meine Aufgaben in der Schule eingestellt, einen Rhythmus gefunden: Die Arbeit in den Förderräumen mit nur wenigen Kindern macht mir große Freude - auch wenn die Kinder oft schwierig sind oder den Stoff nicht verstehen - aber nun wartet eine neue Herausforderung auf mich. Und da ich flexibel bin und in meinem Mann immer einen Rückhalt habe, werde ich diese verantwortungsvolle Aufgabe meistern. Da bin ich sicher.

Jetzt mache ich erst einmal Ferien und nehme mir Zeit für Lukas.

Lünen, 12. April 2017

Es ist so schön hier! Im Garten blühen die Tulpen – wenn auch zwischen dem Geröll. Die Vögel zwitschern und ich genieße jeden Sonnenstrahl. Roman musste zur Arbeit.

Irgendeine Komplikation mit der Anlage. Und Lukas ist in der Kita. Sie hat in dieser Woche noch bis Karfreitag geöffnet. Zeit für mich! Ich spüre es in allen Gliedern! Wie gut das tut!

Lünen, 13. April 2017

Ich habe mir Bücher über das Mentorat bestellt und bin guter Dinge. Ich freue mich auf meine neue Aufgabe und werde mich gut darauf vorbereiten.

Aber jetzt steht erst einmal Ostern mit der Familie vor der Tür. Am Ostersonntag fahren wir zu Romans Eltern nach Dortmund und am Montag zu Mama und Papa nach Kamen.