Vom Du - Eva Janssen - E-Book

Vom Du E-Book

Eva Janssen

0,0

Beschreibung

"Der Du tanzte unaufgefordert, spontan und losgelöst von jeglichen pädagogischen Ansätzen, Bildungsaufträgen und Betreuungsschwerpunkten, was den alltäglichen Ablauf der Einrichtung durcheinanderbrachte, ja vielleicht sogar in Frage stellte." Einfühlsam erzählt der Kurzroman die Geschichte des eigenwilligen "Du" und seiner geistig zurückgebliebenen Mutter Jessica. Ein warmherziges und zugleich humorvolles Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit, das sich gegen Schubladendenken und eine allzu schnelle Kategorisierung von Menschen wendet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zur Autorin dieses Buches

Eva Janssen wuchs im Kölner Friesenviertel auf. Nach ihrer Ausbildung in der Grafikabteilung des DuMont Buchverlages studierte sie Germanistik und Slawistik in Köln und am Gorki-Institut in Moskau. Im Anschluss war sie als freie Übersetzerin, Referentin und Kritikerin tätig. Heute arbeitet die Autorin als Lehrerin in der Erwachsenenbildung.

Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Für Till

Inhaltsverzeichnis

Dus Mama

Wie der Du zu seinem Namen kam

Dus Kopf ist voll

Wie der Du tanzte

Wie der Du das geschriebene Wort entdeckte

Wie der Du seine Mama fast nicht mehr erkannte

Ein Lexikon in Dus Kopf

Wie dem Du Liebe widerfuhr, ohne dass er es erfuhr

Der Du und die anderen Kinder

Der Du und die Freundschaft

Wie der Du und die Jessica sich schämten

Der Du und die Sprachen

Der Du und die Liebe

Wie der Du seine Mutter wiedersah

Epilog

I.

Dus Mama

Als der Du ein Jahr alt war, hatte seine minderjährige Mutter gerade gelernt, wie man eine Dose öffnet. Nicht so eine einfache Konservendose mit Lasche, an der man lediglich ziehen muss, um die Dose zu öffnen. Nein, sie verwendete zum ersten Mal in ihrem Leben einen richtigen Büchsenöffner, den ihre Oma ihr schon vor langer Zeit überlassen hatte und der in ihrem Besteckkasten auf diesen entscheidenden Moment gewartet zu haben schien. Denn er ließ sich leicht und einfach handhaben, verrutschte nicht in der unbeholfenen Hand der 17- Jährigen und war auch sonst sehr entgegenkommend. Der Du saß derweil auf seinem erhöhten, schäbigen Plastik-Kinderstühlchen wie auf einer Zuschauertribüne, ein buntes, verschmiertes Lätzchen vor der Brust, schaute seiner Mama bei ihrem Tun aufmerksam zu und brabbelte dabei Unverständliches, offenbar aber Bestätigendes, zumindest aber Interessiertes, was den Dosenöffner betraf.

Was aber hatte die junge Mutter dazu bewogen, sich auf derartige Art und Weise und so plötzlich für diese neue, ungewohnte Selbstständigkeit zu entscheiden? Es ist wahr, dass die staatliche Zuwendung, die ihr durch das Jobcenter monatlich zur Verfügung stand, für das Essen in den diversen Fastfood-Ketten nicht mehr reichte, jetzt, wo der Du auch feste Mahlzeiten zu sich nahm und dabei einen gesunden Appetit entwickelte. Die daraus resultierende Geldnot war sicher mit ein Grund dafür, dass Jessica zu dem Büchsenöffner gegriffen hatte, um zum ersten Mal selbst etwas zu kochen, für sich und ihr Kind. Wahr ist aber auch, dass Jessica eine gute Mutter sein wollte und die nette Frau vom Amt, die sie regelmäßig besuchte und kontrollierte, ob auch alles in Ordnung war, ihr mehrfach versichert hatte, dass es gesünder für ihren kleinen Jungen sei, wenn seine Mama eigenhändig etwas für ihn koche.

Und so kam es, dass der Du seine ersten Erbsen aß. Die runden, grünen Dinger kullerten lustig in seinem Mund, auf dem Lätzchen und auf dem Küchenfußboden herum, denn es war schwer, jeweils eine ganze Ladung Erbsen im Mund zu behalten. Seine Mama pustete immer zuerst auf den kleinen Löffel, bevor sie ihn in Dus Mund schob. Der Du baumelte ungeduldig mit seinen dicken Beinchen, ruderte mit den Ärmchen, quietschte und wartete ungeduldig auf den nächsten Löffel, während seine Mama angestrengt, konzentriert die Zungenspitze auf ihren Lippen hin- und her bewegend, den Löffel zu seinem Mund balancierte. Einige Ladungen stieß der Du, als er gierig nach ihnen griff, weil es ihm zu langsam ging, auf den Boden.

Alles in allem verlief die erste selbst gekochte Mahlzeit für den Du und seine Mama erfolgreich - bis auf die bedauerliche Tatsache, dass der kleine Du, sich windend vor Bauchschmerzen und lautstark pupsend, die ganze Nacht schrie, während seine unglückliche Mama ihn in ihren Armen hin- und hertrug.

So lernte der Du allmählich die ganze prächtige und bunte Innenwelt der Konservendosen kennen. Es gab abwechselnd Königsberger Klopse, geschälte Tomaten, Pichelsteiner, Grünkohl, den der Du ausspuckte, und Kartoffelsuppe. Am liebsten aß der Du aber Eierravioli. Ihr Geschmack regte ihn so an und auf, dass er sogar eigenhändig mit seinen dicken Fingerchen nach dem Löffel grapschte und seine ersten selbstständigen Essversuche in Angriff nahm. Und auch wenn die nette Frau vom Jugendamt Jessy immer wieder darauf aufmerksam machte, wie wichtig Obst und Gemüse für den Kleinen seien, so kaufte Jessy doch immer häufiger Eierravioli, weil sie sah, dass sie dem Du schmeckten, und sie war der festen Überzeugung, dass, was schmeckt, auch gesund sei.

Den Du hatte Jessy geboren, als sie 16 Jahre alt war. Geschwängert hatte sie der Bekannte einer Freundin in der Ecke einer Kneipe hinter dem Billardtisch. Jessy, die zuvor nie getrunken hatte, erinnerte sich noch ungenau an Worte wie „du bist süß“ und „stell dich nicht so an!“, Worte, die ihr bisher nur die Oma ab und zu gesagt hatte, als sie noch klein war. Ihrer Mama war die Jessy mit vier Jahren weggenommen worden, weil die Mama so viel trank und dann wütend wurde oder einschlief, während das Essen auf dem Herd überkochte. Die Oma hatte die Jessy dann aus dem Heim geholt, als sie sechs Jahre alt war. Seither hatte sie bei der Oma gewohnt, bis sie schwanger wurde. Da hatte die Oma mit ihr geschimpft und Jessy bekam eine Betreuung vom Jugendamt. Die Jessy hatte zuerst nicht verstanden, dass sie schwanger war. Und einen Zusammenhang zu dem Bekannten ihrer Freundin hatte sie schon gar nicht gesehen. Den hatte sie nur ausgehalten wie die anderen Kinder und Jugendlichen im Heim, die die Jessy immer geschubst oder in die Mülltonne gesteckt hatten. Denn die Jessy konnte viel aushalten. Auch, dass die Oma jetzt nicht mehr mit ihr sprach.

Nur als man ihr den Du wegnehmen wollte, konnte die Jessy das nicht aushalten. Da wurde sie stur und schrie und weinte und tobte. Und die nette Frau vom Jugendamt hatte ihr tatsächlich geholfen. Jetzt bekam Jessy regelmäßig Besuch von einer Familienhelferin und das hatte ja auch etwas Gutes. Immerhin war sie dann nicht ganz allein mit dem Du. Ihre Freundinnen sah sie nur noch selten, im Einkaufszentrum, auf der Straße bei ihren Spaziergängen mit dem Du. Aber in der Stadtbücherei sah sie niemanden, den sie kannte. Die Stadtbücherei hatte ihr die nette Frau vom Jugendamt gezeigt und ihr geholfen, sich dort anzumelden. Dort gab es Pappbilderbücher für den Du und Modezeitungen mit Farbfotos von berühmten Leuten für Jessy.

Alles in allem verlief Jessys Leben regelmäßig und ruhig. Sie vermisste nichts und niemanden. Wenn der Du im Bett war und schlief, guckte sie DSDS oder Germany´s Next Topmodel, aß dabei die Reste vom Abendessen und fühlte sich erwachsen.

II.

Wie der Du zu seinem Namen kam

Bei der Geburt im Krankenhaus waren alle lieb zu Jessica gewesen. Zwar kam die Oma nicht zu Besuch, aber dafür war da ein Arzt, der sich um das Kind und die junge Mutter kümmerte. Noch nie war jemand so lieb zu Jessy gewesen. Er fragte, wie der Junge denn heißen solle, und untersuchte Jessica regelmäßig. Jetzt wo ihr dicker, schwerer, runder und rosiger Bauch in Gestalt eines dicken, schweren, runden und rosigen Babys in ihren Armen lag, das fest und zielstrebig an ihrem Busen sog, sich mit einer lauten und kräftigen Stimme bemerkbar machte und so zu unterstreichen schien, dass es nicht etwa ein Hirngespinst, sondern handfeste Wirklichkeit war, fiel Jessica erst auf, dass dieses Lebewesen, ihr Kind, noch keinen Namen hatte. Wie er sie mit seinen blauen Augen erschnupperte, das rosige Gesichtchen dem ihren zugewandt, als sei sie eine Art Gott, den er anhimmelte, erinnerte er sie an ihren langjährigen Schwarm, einen Seriendarsteller namens Jeremy M., und so trug sie in das dafür vorgesehene Formular, das ihr eine der Ordensschwestern im Krankenhaus vorlegte, spontan den Namen „Jeremy“ ein, mit dem Zusatz „Vater unbekannt“. Jessica und Jeremy, so schwebte ihr vor, waren füreinander geschaffen, hielten zusammen, wie Pech und Schwefel und nie würde sie den kleinen Jeremy allein lassen, so wie es ihre Mutter mit ihr gemacht hatte. Sie wollte ihren kleinen Jeremy beschützen, wie es