Marienbilder - Eva Janssen - E-Book

Marienbilder E-Book

Eva Janssen

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Beschreibung

Zwei Frauenschicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, stehen im Mittelpunkt des Romans. Maria B., die 1923 geboren wurde, und Maria S., ein Kind der 1950er Jahre. Erzählt werden kaleidoskopartig in einzelnen Bildern die bewegenden Lebensgeschichten der beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten, deren Ringen um ihr persönliches Glück berührt und erschüttert und deren Wege sich überraschend kreuzen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Zur Autorin dieses Buches

Eva Janssen wuchs im Kölner Friesenviertel auf. Nach ihrer Ausbildung in der Grafikabteilung des DuMont Buchverlages studierte sie Germanistik und Slawistik in Köln und am Gorki-Institut in Moskau. Im Anschluss war sie als freie Übersetzerin, Referentin und Kritikerin tätig. Heute arbeitet die Autorin als Lehrerin in der Erwachsenenbildung.

Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder

Für die Toten

When I am laid, am laid in earth, may my wrongs

create

No trouble, no trouble in, in thy breast.

When I am laid, am laid in earth, may my wrongs

create

No trouble, no trouble in, in thy breast.

Remember me, remember me, but ah!

Forget my fate.

Remember me, but ah!

Forget my fate.

Remember me, remember me, but ah!

Forget my fate.

Remember me, but ah!

Forget my fate.

Didos Lamento von N. Tate

Die Figuren und Lebensgeschichten dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Sommaire

Teil 1

Maria S., September 1964 I

Maria B., August 1923 I

Maria S., Dezember 1964 II

Maria B., Weihnachten 1928 II

Maria S., August 1966 III

Maria B., III. Sommer 1929

Maria S., November 1966 IV

Maria B., Sommer 1931 IV

Maria S., Frühjahr 1967 V

Maria B. Frühjahr 1932 V

Maria S., Frühjahr 1969 VI

Maria B., 1939 VI

Maria S., Sommer und Herbst 1975 VII

Maria B., 1940 VII

Maria S., Herbst 1978 VIII

Maria B., 1940 - 1941 VIII

Maria S., Frühjahr 1981 IX

Maria B., 1942 - 1945 IX

Teil 2

Maria B

kennen lernen 1958

Maria S

sich begegnen 1984

Maria B., verheiratete K. spielen 1960 - 1966

Maria S. lesen 1984

Maria K. Neues erleben 1966 – 1967

Maria S. kochen und essen 1984 – 1986

Maria K. lachen und lernen 1968 - 1976

Maria S. leben und lieben 1987

Maria K. 1977- 1987 sich sehnen und erinnern

Maria K. und Maria S. 1988 feiern

Maria S. und Maria K. 1989 – 1991 sterben

Der Weg

Der Flug

Ein eigener Raum

Teil 1

Maria S., September 1964

I.

Mama hat das Licht angelassen. Nur für sie. Mama weiß, dass ihre Maria im Dunkeln Angst hat. Mama ist lieb. Mama ist eine Königin. Maria ist ihre kleine Prinzessin.

Eine Tür quietscht unten. Es ist die Tür. Maria kennt das Geräusch. Schnell und möglichst lautlos huscht sie ins Bett und zieht die Decke über den Kopf. Die Füße sind kalt. Kalt und wie Stein. Angestrengt horcht sie unter der Decke. Fast kann sie nichts hören, der Atem ist so laut. Doch die harten Schritte auf der Holztreppe sind unverkennbar. Sie kommen näher, sind jetzt im zweiten Stock. Dann ist es still. Maria hält den Atem an. Ganz fest kneift sie die Augen zusammen. Ein kurzes Poltern. Nebenan öffnet sich die Tür zum Zimmer von Barbara. Maria hält sich die Ohren zu. So fest sie kann. Ganz still liegt sie dort unter der Decke mit den Plüschteddys darauf und den Steinzehen darunter. Sie zählt. Maria kann schon bis 100 zählen. Sie weiß, was zu tun ist. Sie muss mindestens fünfmal bis 100 zählen. Dann ist es vorbei.

Es ist schwer zu zählen, ohne die Hilfe der Finger, nur mit dem Kopf, mit dem Kopf, der nicht hören, nicht sehen, nicht atmen, nicht denken, nur zählen soll.

Viermal hat Marie bis 100 gezählt. Viermal und ein bisschen mehr. Dann hört der Kopf doch die Tür nebenan. Er kann nicht anders. Er muss doch hören, was passiert. Maria zählt nicht mehr. Sie erstarrt. Wartet. Da klingelt unten das Telefon. Die Schritte, jetzt ruhig und bestimmt, in festem Takt bewegen sich fort.

Ganz allmählich entspannt sich der kleine Körper. Nur die Füße bleiben kalt. Sie hört noch Barbaras leises Tapsen und die Tür zum Badezimmer, bevor sie schläft.

Es ist Morgen. Die Kinder sitzen am Tisch. Da sitzen Markus, Matthias, Barbara und Maria. Die kleine Elisabeth sitzt im Kinderstuhl. Draußen ist es noch dämmrig. Die Frau, die sagt, sie sei Marias Mutter, steht am Herd. Sie hat einen kleinen Kugelbauch. Seitdem sie den Kugelbauch hat, ist sie anders. Irgendwie gelöst. Sie lächelt. Die älteren Kinder müssen sich beeilen. Sie gehen schon in die Schule. Nur Maria und Elisabeth bleiben bei der Frau, die lächelt. Auf dem Tisch stehen zwei große Töpfe Marmelade und Margarine. Erdbeere und Aprikose. Wurst gibt es nur am Sonntag. Für jedes Kind eine Scheibe. Die liegt auf dem Teller jedes Kindes und man muss darauf aufpassen, darf sich nicht rumdrehen oder weggucken. Dann ist die Scheibe weg.

Jetzt nehmen Barbara und die Jungen die Ranzen, bekommen noch das Schulbrot von der Frau und verlassen die Küche.

Der Mann, der sagt, dass er Marias Vater sei, ist schon zur Arbeit gegangen. Er geht vor den Kindern aus dem Haus, wenn es draußen noch ganz dunkel ist.

Maria B., August 1923

I.

Im St.-Johannes-Hospital in Dortmund wird am 18. August 1923 ein kleines Mädchen geboren. Es wird die Namen Maria Hedwig tragen. Maria wird ihr Leben lang diese Namen hassen und sie mehr ertragen als tragen. Weder Maria noch Hedwig gehören zu ihr. Das ist sie nicht, wird sie nie sein.

Apathisch und erschöpft verschwindet ihre Mutter nach der Geburt fast in den weißen Krankenhauskissen. Sie ist schmächtig, zu zierlich, um so kurz hintereinander zu gebären. Der große Bruder Wilhelm ist nur etwas mehr als ein Jahr älter. Ihn hat sie stolz während der gesamten Schwangerschaft mit Maria gestillt, ihren Sohn. Für das kleine Mädchen bleibt da nicht mehr viel. Schlapp und ausgezehrt sind die Brüste.

Zurück bei Mann und Sohn in der winzigen, dunklen Wohnung im Dortmunder Norden bleibt die Milch ganz aus. Vielleicht ist es auch die Anspannung, die unausgesprochene Frage, wie sie das alles allein bewältigen soll mit zwei so kleinen Kindern. Sie ist fremd hier. Immer noch.

Eine Nachbarin weiß Rat. Sie hält im Hinterhof eine Ziege. Maria wird mit Ziegenmilch großgezogen.

Der Vater, Josef B., ist hilflos. Ein stummer, unbeholfener Westfale, der seine Zuneigung nicht zu zeigen vermag. Die Kraftlosigkeit seiner Frau macht es nicht besser. Er hat sie vor drei Jahren über die Wirtin seiner Stammkneipe kennen gelernt. Dort hat der arbeitslose Buchhalter allabendlich an der Theke vor seinem Glas Bier gesessen. Die Wirtin, eine Rheinländerin, ist herzlich, patent und entwaffnend. Sie versteht es, mit all den arbeitslosen, zum Teil angetrunkenen Männern umzugehen. Pragmatisch geht sie die Hochzeit ihres Stammkunden Josef B. mit ihrer jüngsten Schwester Margarete an, die mittlerweile auch schon das 27. Lebensjahr erreicht hat. Beide, Josef und Margarete, sind zu schüchtern, als dass sie jemals auf dem Heiratsmarkt eine Chance hätten.

Margarete ist das elfte Kind eines Dorfschullehrers aus einem Ort in der Nähe von Mönchengladbach. Die große Familie ist beliebt und wird von den dort ansässigen Bauern durchgefüttert. Obwohl sie gerne die Schule weiterbesucht hätte, neugierig und wissensdurstig wie sie ist, lässt man Margarete, als das Nesthäkchen, von ihrem 14. Lebensjahr an bei der Mutter zuhause, weil diese nicht allein sein möchte. Alle anderen Geschwister, Jungen wie Mädchen, besuchen die höhere Schule. Margarete ist zwar schüchtern, weltfremd und ängstlich, da sie kaum unter Menschen kommt, dabei aber sehr fröhlich. In der Familie wird sie „die Lachtaube“ genannt.

Eine Großstadt wie Dortmund hat sie noch nie gesehen. Aber der ruhige, freundliche Josef, den ihre Schwester ihr vorstellt, gefällt ihr. Außerdem ist die Alternative, als unverheiratete „alte Jungfer“ bei den Eltern zu bleiben, keine. Also wird geheiratet. Ein Jahr darauf wird Wilhelm, genannt Willi, geboren.

Maria S., Dezember 1964

II.

Maria steht am Fenster. Bald wird es dunkel. Es dämmert schon. Aber ganz hinten sieht sie die Umrisse des Schlosses. Dort wohnt ihre Mama. Und gleich wird ihre Mama für sie das Licht einschalten. Maria betet. Sie betet, dass ihre Mama sie bald holen kommt. Der liebe Gott hilft Menschen, wenn sie zu ihm beten. Böse Menschen bestraft er. Das hat Maria in der Kirche gelernt. Jeden Sonntag sitzen sie in der Kirche. Die Frau, die sagt, sie sei ihre Mutter, der Mann, Markus, Matthias, Barbara, Elisabeth und sie, Maria. Ganz still sitzen sie auf den Holzbänken in der Kirche. Ab und zu stehen alle auf oder knien sich auf die harten Bänke. Maria versteht nicht, wann man stehen, sitzen oder knien soll. Sie macht einfach mit. Das ist langweilig. Aber sie ist still, weil der Mann sie sonst zuhause haut. Und mit der Frau schimpft er dann ganz laut. Das hat sogar die kleine Elisabeth begriffen. Nur manchmal wimmert sie. Aber dann fasst die Frau sie hart am Handgelenk. Ganz fest, so dass ein Streifen zurückbleibt.

Der Pfarrer steht am Ende an der Tür und spricht ganz freundlich mit dem Mann. Die Frau und die Kinder warten.

Bald muss Maria nicht mehr dort stehen und warten. Denn dann kommt ihre Mama. Ihre richtige Mama und holt sie in das Schloss. Maria wurde nämlich bei der Geburt vertauscht. Das weiß sie ganz bestimmt. Und der liebe Gott weiß das auch. Und ihre Mama weiß das auch. Ihre Mama ist eine Königin. Das sieht man an dem Schloss. Und Maria ist eine Prinzessin. Das darf sie nur niemandem verraten. Das ist ihr Geheimnis. Aber bald werden es alle erfahren. Nämlich, wenn ihre Mama sie holt. Ihre Mama hat nur noch keinen richtigen Weg gefunden, Maria zu holen. Dafür gibt sie ihr aber Zeichen. Sie macht abends am Fenster das Licht an für Maria.

Und wenn Maria viel betet, dann wird alles gut.

Unten im Tal geht ein Licht an. Hell erleuchtet ist ein Fenster des Schlosses.

Für Maria.

Maria B., Weihnachten 1928

II.

Sie haben nicht viel, aber es ist sehr gemütlich, wie sie alle so zusammen im Wohnzimmer sitzen. Der Ofen bullert. Die Kinder hocken auf dem Teppich und spielen mit ihren Geschenken. Willi hat eine kleine Eisenbahn bekommen. Für Maria, die seit ihrer Geburt von allen „Mieze“ oder noch zärtlicher „Miezgen“ genannt wird, hat das Christkind Puppenmöbel gebracht, die genauso aussehen, wie die großen Möbel in der Küche. Ihr Vater hat die Möbel im Keller des Hauses über Wochen selbst geschreinert. Aber das begreift Mieze erst, als sie älter ist. Die Stuhlpolster und Vorhänge vor dem Küchenschrank hat ihre Mutter genäht. Die Eltern sitzen zusammen auf dem Sofa und halten sich bei den Händen. Zufrieden betrachten sie ihre Kinder. Miezes Mutter lächelt still und auch ein bisschen müde.

Vor der Bescherung waren sie alle vier in der Kirche. Miezes Mutter ist sehr fromm. Sie betet viel. Eine katholische Rheinländerin. Wenn sie etwas verloren hat, betet sie so lange zum heiligen Antonius, dem Schutzheiligen für verlorene Dinge, bis ihr wieder einfällt, wo sie den vermissten Gegenstand zuletzt gesehen hat.

Miezes Vater wird grantig, wenn er mit in die Kirche gehen soll. Er hält nicht viel von dem ganzen Brimborium. An Sonntagen geht er gewöhnlich nicht mit. Aber an Weihnachten gehen sie alle gemeinsam zur Messe. Mieze liebt das. Sie liebt die kirchlichen Zeremonien, den Weihrauch, die Orgel, die andächtige Atmosphäre, die ganze sinnliche Palette der katholischen Kirche. Das fremde Latein des Pastors klingt wie geheimnisvolle Beschwörungsformeln. Alle singen laut und getragen. Wo sonst darf man öffentlich laut singen, ohne belächelt zu werden? Den Pastor mag Mieze auch. Er ist freundlich zu Kindern.

An Sonntagen predigt er in den kommenden Jahren immer dröhnender, eindringlicher und voller Pathos. Er wird die Gemeinde davor warnen, Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen. Das sei Teufelswerk. Miezes Mutter nimmt diese Warnung sehr ernst. Auch wenn alle Nachbarn viel über dieses Buch, einen Bestseller, reden. Sie wird es nicht anrühren. Und es wird sich nie im Haushalt der Familie B. finden. Jahre später als erwachsene Frau wird Maria das gut gemeinte Verhalten des Pastors sowie das ihrer Eltern als einen Fehler kritisieren. Während die im Dortmunder Norden um sie herum lebenden Kommunisten politisch informiert und vorbereitet sind und die Vorhaben der Nazis realistisch einschätzen können, bleiben ihre unpolitischen Eltern in ihrer Naivität gefangen und schlittern unversehens und ahnungslos in die Katastrophe der Naziherrschaft.

Aber jetzt, Weihnachten 1928, herrscht noch Frieden. Wenn auch die Unruhen auf den Straßen zunehmen und die Zahl der Arbeitslosen stetig steigt. Auch Josef B. ist nach wie vor von Arbeitslosigkeit betroffen.

Trotz existentieller Sorgen sitzen sie zufrieden beieinander, nachdem sie das bescheidene Weihnachtsessen genossen haben. Margaretes Schwester hat ihnen Lebensmittel zukommen lassen. Mit der Kneipe haben sie und ihr Mann ihr Auskommen. In schlechten Zeiten wird gerne getrunken.

Und während die Kerzen herunterbrennen, die Kinder auf dem Teppich spielen, die Eltern sich bei den Händen halten, ruhig und zufrieden, ist die Zukunft ausgesperrt aus diesem Raum.

Maria S., August 1966

III

Maria hat heute Geburtstag. Sie ist 7 Jahre alt geworden. Es ist schon Abend. Der Tag war schön. Langsam zieht Maria das Nachthemd an. Die Geschenke liegen auf dem Schreibtisch: eine Puppe, ein Buch und ein neuer Pullover. Maria weiß, dass die Puppe einmal Barbara gehört hat. Jetzt hat die Puppe eine neue Frisur und neue Kleider. Die Mutter hat die Puppe für sie so schön hergerichtet. Sie hat auch den Pullover für Maria gestrickt. Er hat Marias Lieblingsfarbe: Blau. Inzwischen weiß Maria, dass sie nicht vertauscht wurde. Das hat sie sich nur ausgedacht. Warum, weiß sie selber nicht. Aber jetzt ist sie ja schon ein großes Schulkind und glaubt nicht mehr an solche Märchen.

Es gab heute auch Kuchen. Maria lächelt. Es gibt nicht oft Kuchen. Die Mutter hat ihr über den Kopf gestreichelt. Auch das gibt es nicht oft. Wenn der Vater nicht da ist, ist die Mutter freundlicher. Sie und Marias Geschwister haben ein Geburtstagslied gesungen und Maria durfte die Kerzen auspusten. Natürlich hat die kleine Andrea nicht mitgesungen. Das kann sie ja noch gar nicht. Aber sie war dabei. Sie hat auf dem Schoß von Mutter gesessen und lustig gebrabbelt.