Besuch aus ferner Zeit - Katherine Webb - E-Book

Besuch aus ferner Zeit E-Book

Katherine Webb

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Beschreibung

Liv Molyneaux ist gerade in das alte Haus ihres Vaters in Bristol gezogen. Er ist verschwunden und Liv glaubt nicht an die Theorie der Polizei, dass er Selbstmord begangen hat. Sie hofft, zwischen Martins Sachen in der Wohnung und der Buchbinderwerkstatt einen Hinweis zu finden. Neben der Trauer um ihr totgeborenes Kind wird Liv nachts immer wieder von seltsamen Geräuschen und dem Weinen eines Babys geweckt. Ist das alles Einbildung, oder steckt mehr dahinter?

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Zum Buch

Liv Molyneaux ist gerade in das alte Haus ihres Vaters in Bristol gezogen. Er ist verschwunden, und Liv glaubt nicht an die Theorie der Polizei, dass er Selbstmord begangen hat. Sie hofft, zwischen Martins Sachen in der Wohnung und der Buchbinderwerkstatt einen Hinweis zu finden. Neben der Trauer um ihr tot geborenes Kind wird Liv nachts immer wieder von seltsamen Geräuschen und dem Weinen eines Babys geweckt. Ist das alles Einbildung, oder steckt mehr dahinter?

Zur Autorin

Katherine Webb, geboren 1977, wuchs im englischen Hampshire auf und studierte Geschichte an der Durham University. Später arbeitete sie mehrere Jahre als Wirtschafterin auf herrschaftlichen Anwesen. Auf ihr großes internationales Erfolgsdebüt »Das geheime Vermächtnis« folgten weitere SPIEGEL-Bestseller-Romane. Nach längeren Aufenthalten in London und Venedig lebt und schreibt sie heute in der Nähe von Bath, England.

KATHERINE

WEBB

Besuch aus

ferner Zeit

ROMAN

Aus dem Englischen

von Babette Schröder

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2021 by Katherine Webb

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021

by Diana Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Covermotive: © Christopher Rees/arcangel und Steven Paul Pepper,

Maxim Khytra, schankz, Matt Gibson, Richard Bowden,

Helen Hotson/shutterstock.com

Autorenfoto: © Adrian Sherratt

Redaktion: Angelika Lieke

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-27316-3V001

www.diana-verlag.de

Doch wie du fröhlich unsere Welt eroberst,

das haben wir nie gesehen.

Du konntest nicht kommen, dennoch willst du gehen.

Elizabeth Jennings

1

Heute

Liv stand vor dem Laden in den Christmas Steps, betrachtete die vertraute georgianische Fassade und fragte sich, ob sie das Richtige getan hatte. Ihre hastig gepackte Tasche lastete schwer auf ihrer Schulter, und aus dem tief hängenden grauen Oktoberhimmel fiel ein kalter Nieselregen.

Gestern war ihr die Idee, zum Laden zu gehen, wie die perfekte Lösung erschienen; ein idealer Ort, um eine Weile dort zu bleiben – wie lange es auch dauern mochte. Liv war sich allerdings nicht sicher, was es eigentlich war. Doch die Fenster waren dunkel, das alte Eisengitter war heruntergelassen, in der Tür hing das Geschlossen-Schild, und obwohl Liv die Schlüssel in der Tasche hatte, fühlte sie sich abgewiesen.

Es war niemand da – natürlich nicht. Sie hatte es sich trotzdem wie früher vorgestellt, als der Laden hell und warm gewesen war und sie, umgeben von dem Geruch von Holz und altem Papier, hinten an dem großen Schreibtisch Kekse gegessen und mit der Fingerspitze die Krümel aufgetupft hatte. Der Laden war jetzt schon seit viereinhalb Monaten geschlossen, aber es fühlte sich noch viel länger an. Liv bemerkte ihr Spiegelbild in der Schaufensterscheibe – klein, blass, radikal kurz geschnittenes dunkles Haar, dunkle Augen, die durch die darunter liegenden Schatten riesig wirkten.

Martin hatte die Christmas Steps als Waisenkind bezeichnet. Im Krieg war im Stadtkern von Bristol so vieles zerstört und inzwischen saniert und wiederaufgebaut worden. Doch hier und da war eine alte Straße oder ein Haus übrig geblieben, lag einsam zwischen den Gewerbegebäuden aus Backstein und Glas, den trostlosen Sechzigerjahrebauten. Die Christmas Steps waren auch so eine Straße – eine steil ansteigende schmale Kopfsteinpflastergasse mit Narnia-Straßenlaternen, an der sich Läden mit Fassaden aus dem neunzehnten Jahrhundert und dem noch weitaus älteren Kern gegenüberlagen. Hier gab es ausgefallene Geschäfte – einen Whiskyspezialisten, einen alten Videoladen, Vintage-Brautkleider, Sammelpostkarten, einen hippen Herrenfriseur. Ganz oben befand sich Fosters Armenhaus, ein viktorianisches Backsteingebäude, das man in all seiner Pracht restauriert hatte. Die Nischen in den alten Steinen, in denen die Armen gesessen und gebettelt hatten, waren zu beiden Seiten der obersten Stufen bestehen geblieben. Martin hatte Liv aufgefordert, die abgetretenen Steine unter ihren Füßen genauer zu betrachten, ebenso wie die gebogenen Abwasserrohre aus Blei über ihr, in denen Farn und Flohkraut wuchsen. Du wandelst in der Vergangenheit, Livvy. Es hatte der Straße in ihren Augen etwas Magisches verliehen, doch heute war schlechtes Wetter, es war ein unbedeutender Dienstag, und die Gegend wirkte verlassen. Livs Finger waren taub geworden. Plötzlich ging hinter ihr eine Tür auf, und sie drehte sich abrupt um.

»Alles in Ordnung?«, fragte jemand – eine magere Frau mit einem zarten Goldring in der Nase, vielleicht Mitte dreißig, das helle Haar zu langen Zöpfen geflochten, die an den Enden blau gefärbt waren. Sie war aus dem gegenüberliegenden Laden getreten, dessen Schaufenster eine Mischung aus Vinylschallplatten, Kristallen und Wasserpfeifen präsentierte.

»Ja, ich wollte gerade …« Liv deutete auf den verlassenen Laden.

»Ach – der hat schon ewig geschlossen. Dann suchst du nach Martin?«

»Nein. Ich meine, ich weiß, dass er nicht da ist.«

»Okay«, sagte die Frau verwirrt. Liv spürte ihre Neugier.

»Danke«, sagte Liv und trat vor, um das Metalltor aufzustoßen – das Schloss war kaputt, solange sie denken konnte. Sie setzte ihre Tasche ab und holte den Schlüssel heraus. Das Holz war von der Feuchtigkeit aufgequollen, sodass beim Öffnen neben dem Läuten der Ladenglocke auch ein widerwilliges Quietschen ertönte. Liv hörte, wie die Frau hinter ihr in ihren Laden zurückging.

Das Innere kam ihr ganz und gar vertraut und zugleich vollkommen fremd vor – fremd durch die Dunkelheit, den abgestandenen feuchten Geruch und die deutlich spürbare Abwesenheit eines Menschen, den Liv gegen alle Wahrscheinlichkeit hier zu finden gehofft hatte. Die Auslagen im Fenster waren alle ansprechend arrangiert, und als Liv den Schalter betätigte, brachte das Licht alle Farben zum Vorschein. Die Rückwand des Ladens hatte er in einem tiefen Rotton gestrichen, die Seitenwände in Dunkelgrün. Es war alles noch so eingerichtet, wie sie es in Erinnerung hatte, auf die antiquierte Art, wie in den Büchern von Charles Dickens, die er gemocht hatte. In dem großen Schaufenster vorn neben der Tür hatte er einen antiken Mahagonitisch mit zwei Stühlen aufgebaut. Kunstvoll hatte er alte Papiere und Schriftrollen darauf arrangiert, dazu einen Federkiel in einem leeren Tintenfass. Ein bisschen kitschig, oder?, hatte Liv, damals ein zynischer Teenie, bemerkt. Martin hatte unbeeindruckt die Schultern gezuckt. Die Leute mögen es etwas kitschig.

Das Buch, an dem er gearbeitet hatte, lag noch auf dem Schreibtisch, umgeben von winzigen Papierstreifen, Tinte, Cuttern und Kalligrafie-Stiften, Töpfen mit Kleber und Lederfett, Pinseln in einem Einmachglas. Liv blickte auf das Buch hinab – eine Ausgabe von Die schwarze Tulpe von 1861, gut sechs Zentimeter lang und zweieinhalb Zentimeter breit. Nicht sonderlich viel wert, schätzte sie, aber etwas Erschwingliches für einen neuen Sammler oder jemanden, der ein bisschen stöberte. Durchgangsware. Sie stellte sich vor, wie Martins kräftige Finger mit überraschender Geschicklichkeit daran gearbeitet hatten, durch ihre Größe wirkten die winzigen Bücher in seinen Händen noch kleiner. Offensichtlich hatte er auch endlich auf bargeldlose Bezahlung umgestellt – das Kartenlesegerät stand neben der Kasse.

Liv stellte ihre Tasche ab und lauschte. Hier war es nie still gewesen – stets war das Radio gelaufen, von irgendwoher waren Schritte zu hören gewesen, ein Kessel hatte gesummt oder der Wind im Kamin gepfiffen. Abgesehen davon hatte sie irgendwie erwartet, dass das Holz in dem alten Laden knacken würde oder dass man von beiden Seiten die gedämpften Laute ahnungsloser Nachbarn hörte. Doch da war nichts als ihr eigenes leises Atmen. Denn er war nicht da. Ihr Vater war nicht da, und sie wünschte sich wieder einmal inständig, dass sie auf seine Anrufe reagiert oder zumindest eine seiner Nachrichten beantwortet hätte, die er ihr hinterlassen hatte, als alles auseinanderbrach. Er hatte ihr ein kleines handgearbeitetes Buch mit einem einzigen Gedicht geschickt, das er nur für sie abgeschrieben hatte. Eine Zeile pro Seite in seiner winzigen, sorgfältigen Kalligrafie – ein Gedicht, das genau wiedergegeben hatte, wie sie sich fühlte. Ein Gedicht, das ihr signalisierte, dass er sie verstand. Es befand sich jetzt in ihrer Tasche – sie trug es immer bei sich. Er hatte es in himmelblaues Leder gebunden und in Gold ihre Initialen auf die Vorderseite geprägt, OM. Doch sie hatte nicht reagiert. Sie konnte es einfach nicht. Und jetzt, wo er fort war, stellte sie unwillkürlich einen Zusammenhang her – sie war davon überzeugt, dass ihr Schweigen ihm den Rest gegeben hatte. Mit unsicherer Hand schaltete sie das Radio ein.

Der Laden war klein, ungefähr fünf Meter breit und vielleicht sechs oder sieben Meter tief. Auf der linken Seite befanden sich ein von einem Geländer umgebenes Podest mit einem Kamin sowie die Tür zum Treppenhaus, das in die darüberliegende Wohnung führte. Liv hatte diese Treppe immer geliebt, die sich von vorn nach hinten durch das Gebäude schlängelte und es irgendwie geschafft hatte, in all den Jahren nie gestrichen zu werden. Die Stufen und der Handlauf waren glatt von Jahrhunderten der Benutzung. Das Eichenholz schimmerte im durch das Fenster hereinfallenden Licht und knarrte bei jedem Schritt.

Hinten befanden sich eine Luke, die in den vollgestopften Kellerraum führte, und zwei nebeneinanderliegende Türen – eine ging hinaus in den Hof und die andere in die eingeschossigen Lagerräume im hinteren Bereich. Der letzte Raum beherbergte eine düstere Toilette mit einem braunen Ring aus Kesselstein in der Schüssel. Der Hof war mit Ziegeln gepflastert und bot nach Norden und Osten einen weiten Blick über die zusammengedrängten Dächer und belebten Straßen von Bristol. An klaren Tagen waren am fernen Horizont undeutlich grüne Hügel zu erkennen. Im ersten Stock befanden sich die Küche, das Wohnzimmer und ein Bad, im zweiten zwei kleine Schlafzimmer, und unter dem Dach gab es einen eiskalten Dachboden, den man über eine schmale Stiege erreichte. Martin hatte immer vorgehabt, ihn zu isolieren, einzurichten und zum Hauptschlafzimmer zu machen, doch Kosten und Zeitmangel hatten dem entgegengestanden.

Liv ging hinauf in die Küche, die mit billigen weißen Geräten eingerichtet war, und füllte den Kessel mit Wasser. Die Gewohnheit, eine Tasse Tee zu kochen, fühlte sich ebenso vertraut an wie das Treppenhaus. Auf der grauen Arbeitsplatte standen Einmachgläser mit Teebeuteln und Zucker, aber es gab keine Milch. War jemand hier gewesen und hatte alles ausgeräumt, das im Kühlschrank verderben könnte, oder hatte Martin das selbst erledigt? Nur ein paar verkrustete Einmachgläser mit Chutney waren noch da.

Der Wasserhahn ächzte und spuckte, nachdem er so lange nicht benutzt worden war. Liv ließ sich mit der Zubereitung des Tees viel Zeit. Dann setzte sie sich mit ihrem Becher ins Wohnzimmer, und automatisch glitt ihre Hand zur Tasche ihrer Jeans, um das winzige Buch zu berühren. Als sie es zum ersten Mal gelesen hatte, hatte es sich wie eine Umarmung angefühlt – wie eine seiner herzlichen Umarmungen, die sich so tröstlich anfühlten. Zugleich hatte es ihren Schmerz jedoch so vollkommen zum Ausdruck gebracht, dass es war, als habe das Buch ihn kristallisiert, und für einen kurzen Moment bekam sie keine Luft mehr. Jetzt kam ihr das Buch wie eine greifbare Verbindung zu ihm vor. Es fühlte sich an, als würde sie seine Hand halten, wenn sie es berührte. Aber sie musste mit dem Gedanken leben, dass sie genau das wahrscheinlich nie wieder tun konnte.

Liv entdeckte auf dem Boden hinter dem Sofa eines der Kissen und hob es auf. Dann sah sie sich genauer im Zimmer um und registrierte, wie unordentlich es war. Eine seltsame Art von Unordnung – nicht die Art, bei der verlassene Kaffeebecher herumstanden, alte Zeitungen und achtlos abgestreifte Schuhe herumlagen. Stattdessen war alles ein wenig verrückt. Keines der Möbel befand sich an seinem richtigen Platz. Der Beistelltisch war etwas von der Wand abgerückt, und das Sofa stand schief – Abdrücke im Teppich zeigten, wo sich die Füße über Jahre befunden hatten. Der Fernseher stand wackelig auf der Kante des Regals, das Kabel war herausgezogen. Der Teppich war an den Ecken aufgeworfen, als habe man ihn hochgehoben und nicht wieder richtig hingelegt. Ein gerahmter Druck von Picassos Blauem Akt war vom Haken genommen und lehnte an der Wand. Es sah aus, als sei jeder Gegenstand im Raum bewegt worden. Die Polizei hatte das Gebäude durchsucht, das wusste sie, aber Liv konnte sich nicht vorstellen, warum sie den Teppich hätten anheben sollen.

Ihr Telefon meldete den Eingang einer Nachricht von ihrer Mutter. Willst du wirklich dortbleiben? Sei nicht albern, das muss doch schrecklich sein. Komm nach Hause, dann können wir darüber reden. Liv atmete tief durch und antwortete nicht sofort. Ihre Mutter hatte keine Zeit für das Zögern anderer Menschen, keine Geduld, wenn sie nicht gleich wussten, wie sie sich entscheiden oder was sie sagen sollten. Liv beschloss, dass es einfacher und netter war, die Nachricht zu ignorieren, als zu schreiben Ich komme nicht zurück.

Ihr war bewusst, dass ihre Mutter nicht mehr die treibende Kraft in ihrem Leben sein sollte. Sie war sechsundzwanzig, aber aus irgendeinem Grund schien sie sich nicht so einfach von zu Hause abnabeln zu können wie andere junge Leute. Ihr Bruder Dominic hatte es getan, aber er war auch schon wesentlich älter gewesen, als Martin sie damals verlassen hatte. War es Livs eigene Schuld, dass sie nicht flügge geworden war, oder die ihrer Mutter? Ihre Mutter hing an ihr, das wusste sie. Es war ihre Aufgabe, sich sanft zu lösen und ihren eigenen Weg zu gehen. Aber irgendwie war es nie dazu gekommen – dreimal war sie schon ausgezogen, aber immer wieder nach Hause zurückgekehrt. Jedes Mal hatte sie das Gefühl gehabt, ihrer Mutter einen Gefallen tun, sie glücklich machen zu müssen. Irgendwann war ihr schließlich klar geworden, dass das schlechte Gewissen, das dieses Gefühl auslöste, unangemessen war, doch das hatte nichts an ihrem Verhalten geändert.

Aber diesmal würde sie nicht zurückgehen.

Von jetzt an und vermutlich für den Rest ihres Lebens würde sie sich über etwas anderes als über ihre Eltern definieren. Doch Liv wünschte sich nichts mehr, als dass es wieder wie früher wäre. Sie sehnte sich danach, einfach planlos vor sich hin zu leben, im Krieg zwischen zwei starken Persönlichkeiten gefangen zu sein, Treibgut der Gezeiten, unfähig auszubrechen.

Martin hatte den Laden in den Christmas Steps gekauft, als Liv zehn Jahre alt war. Zu dem Zeitpunkt hatte sie ihn seit vier Jahren nicht gesehen. Die ersten sechs Jahre ihres Lebens hatte er bei ihnen gelebt – ihr großer, lustiger Daddy, der so gern lachte und voller Abenteuer steckte. Damals war er manchmal tagelang zum Arbeiten weg gewesen. Einmal hatte Liv ihn im Bett des Gästezimmers gefunden. Er war nicht bei der Arbeit gewesen und hatte auch nicht geschlafen, sondern an die Decke gestarrt. Sie war aufs Bett gesprungen und hatte losgeplappert, doch als er nicht antwortete und sie auch nicht ansah, war sie verwirrt wieder hinausgeschlichen. Am Abend davor sei er spät nach Hause gekommen, erklärte ihre Mutter, er sei sehr müde und dürfe nicht gestört werden. Das hast du doch nicht ernsthaft geglaubt, oder?, hatte Dominic Jahre später gesagt.

Doch, das hatte sie. Sie hatte alles geglaubt, was man ihr erzählte. Dass es okay war, wenn ihre Eltern sich stritten, weil es für reine Luft sorgte. Dass es okay war, wenn ihr Vater überraschend in der Schule auftauchte und ihrem Lehrer erzählte, dass Liv einen Zahnarzttermin hätte, obwohl es nicht stimmte. Und dass es okay war, wenn er stattdessen mit ihr an den Strand nach Weston fuhr und in einem Pub drei große Whiskys trank, während sie Fish and Chips aß. Oder in einen Safaripark, wo er mit dem Wagen im Löwenfreigehege liegen blieb, weil er vor Lachen keine Luft mehr bekam. Die Leute mussten um sie herumfahren, bis schließlich ein Wärter in einem Jeep neben ihnen hielt und Liv sich beschämt auf dem Sitz wand. Und es war okay, dass es schon dunkel war, wenn sie nach Hause kamen und Liv verwirrt auf der Rückbank des Wagens aufwachte, und dass ihre Mutter ihr den Arm verdrehte, als sie sie ins Haus zerrte. Er war ihr Vater, er würde ihr niemals etwas antun.

Als er ging und nicht mehr zurückkam, wartete Liv sehr lange auf ein Wiedersehen. Manchmal lag ihre Mutter morgens weinend im Bett, und Dominic machte ihr das Frühstück. Sie zogen von dem großen Haus mit dem breiten Treppenhaus, mehreren Stockwerken und einem Blick auf die Clifton Bridge ein paar Straßen weiter in eine Wohnung. Dort musste sich Liv ein Zimmer mit Dom teilen, und sie machte sich Sorgen, dass ihr Vater sie womöglich nicht finden könnte. Doch schließlich fand er sie. Als er vier Jahre später an die Tür klopfte, weigerte sich ihre Mutter allerdings, ihn hereinzulassen, und als Liv fragte, wo er die ganze Zeit gewesen sei, sagte ihre Mutter: Ach, er hat gemacht, wozu er Lust hat. Wie immer.

*

Lange nachdem ihr Tee kalt geworden war, verließ Liv die Wohnung und ging hinunter in den Pub am Ende der Christmas Steps, der von außen mit seinem schwarzen Anstrich nicht besonders einladend aussah, innen aber sehr gemütlich war. Sie bestellte ein Sandwich und trank viel zu schnell ein großes Glas Weißwein. Sie spürte, wie die angenehme Wärme sie etwas entspannte, unterdrückte jedoch den Impuls, ein zweites Glas zu ordern, stellte stattdessen eine Einkaufsliste zusammen und ging in den nächsten Supermarkt. Vorerst wollte sie nur ein paar Grundnahrungsmittel für die nächsten Tage besorgen. Und eine Flasche Wein für den Abend.

Es nieselte unablässig weiter, während sie das Gewirr aus Fahrbahnen auf der A38 überquerte und die Broad Street Richtung Bristol Bridge nahm. Dies war eigentlich eins der älteren, attraktiveren Viertel der Stadt, aber in dem unendlichen Grau wirkte es trostlos. In der Wine Street gab es einen kleinen Tesco-Supermarkt, vor dessen Tür ein Mädchen saß und bettelte. Sie war in eine schmutzige Decke gewickelt, das Gesicht von Erschöpfung gezeichnet. Nichts, was sie anhatte, war wasserfest, und als Liv an ihr vorbeiging, sah sie ein geflecktes Kätzchen aus einer der Stofffalten hervorspähen. Es beobachtete sie aus großen grünen Augen, und als Liv stehen blieb, sah auch das Mädchen zu ihr hoch – sein Blick war wachsam und abweisend. Liv spürte einen unausgesprochenen Vorwurf, wusste aber nicht, ob sie sich das vielleicht nur einbildete. Schnell ging sie in den Laden.

Sie packte ein paar Tüten Katzenfutter in den Einkaufskorb, dazu ein Sandwich und Chips für das Mädchen, und als sie es ihm draußen übergab, lächelte es zurückhaltend und bedankte sich mit einer leisen, heiseren Stimme. Der Geruch von feuchter Kleidung, nassem Haar und ungewaschener Haut stieg Liv in die Nase. Das Mädchen sah so jung aus, aber in seinen Augen war nichts mehr von dem Kind zu sehen, das es noch bis vor Kurzem gewesen war. »Als ich klein war, hatte ich auch eine Katze«, sagte Liv.

»Ich habe die hier in einer Mülltonne gefunden«, antwortete das Mädchen. »Sie heißt Maus, weil sie so klein war wie eine Maus.«

»Meine hieß Blacky, weil sie schwarz war. Ich war nicht sehr einfallsreich als Kind.« Liv lächelte flüchtig und blieb noch einen Moment stehen. Sie hatte das Gefühl, dass sie noch etwas sagen, etwas anbieten sollte – ein Gespräch, ein Zeichen der Solidarität vielleicht. Aber was sollte sie sagen, das nicht herablassend oder abgedroschen klang? Sie konnte nicht so tun, als wüsste sie, wie es war, obdachlos zu sein. Sie konnte dem Mädchen keinen Rat geben. Ihre eigene Mittelklasseherkunft war ihrem Akzent anzuhören, zeigte sich in ihrer Kleidung, in ihren geraden Zähnen und ihrer gesunden Haut. Wahrscheinlich würde das Mädchen sie dafür hassen. Liv fühlte sich irgendwie beschämt und fehl am Platz und ging weiter.

Auf dem Rückweg zu Martins Wohnung schnitten ihr die Einkaufstüten in die Finger. Nachdem sie sie ausgepackt hatte, versuchte sie zu ignorieren, wie leer die Regale noch immer aussahen, trotz der Dosen und Schachteln, die er zurückgelassen hatte. War es richtig, seine Nahrungsmittel aufzubrauchen? Sie dachte, es sei besser, sich zu beschäftigen, und begann das von Gerbsäure braun verfärbte Spülbecken zu putzen, und schließlich schrubbte sie die ganze Küche – bis hin zu den Tropfspuren am Mülleimer und den schwarzen Schimmelflecken im Kühlschrank. In einem Wäschekorb in Martins Zimmer fand sie saubere Bettwäsche, bezog das Bett im Gästezimmer und schaltete alle Nachtspeicherheizungen ein, obwohl sie erst gegen Morgen Wärme abgeben würden. Unter dem Bett ihres Vaters fand sie einen Heizlüfter, der nach verbranntem Staub stank, als sie ihn anstellte, die Luft aber langsam nicht mehr ganz so eisig wirken ließ. Dabei hatte sie die ganze Zeit ein beunruhigendes Gefühl, weil ihr die Wohnung so fremd vorkam. Und es lag nicht allein daran, dass sie ungewohnt still und leer war.

Martin war nie unordentlich gewesen, noch nicht einmal in den schlimmsten Zeiten – vielmehr war er in einer Krise noch ordentlicher, als bräuchte er die Ordnung, um dem Chaos, das er innerlich empfand, eine Form zu geben. Doch in jedem Zimmer war es dasselbe – in der Küche waren Töpfe und Teller ungeordnet in die Schränke zurückgeräumt worden, sodass einige Türen nicht richtig schlossen. Im Bad war der Duschvorhang mit derartiger Wucht zur Seite gezogen worden, dass die ersten drei Haken herausgerissen waren, und an der Toilette saß der Deckel schief auf dem Spülkasten. Im Gästezimmer stand nur ein kleiner doppelter Diwan mit Nachttischen, aber selbst dort war das Möbel ein ganzes Stück von der Wand abgerückt worden, wodurch ein Kopfkissen dahintergerutscht war.

Es sah aus, als wäre die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt worden. Als hätte Martin – oder irgendjemand anders – etwas in jedem Winkel gesucht, hätte es aber zu eilig gehabt, um anschließend alles wieder ordentlich zurückzustellen. Livs Puls beschleunigte sich. Beim Herumgehen hatte sie Dinge wieder zurechtgerückt, jetzt sie hielt inne. Vielleicht war es wichtig, alles zu lassen, wie es war – als Beweis. Es war nicht ihr Haus, es fühlte sich nicht richtig an. Nichts davon fühlte sich richtig an.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer und scrollte durch ihr Telefon, bis sie die Telefonnummer der Polizei und das Aktenzeichen fand. Ihre Mutter hatte ihr beides gegeben, als Liv aus den Trümmern ihres Lebens wiederaufgetaucht war und darum gebeten hatte, als erste Ansprechpartnerin bei der Suche nach ihrem Vater eingetragen zu werden. Je nach Tag und Uhrzeit meldeten sich dort unterschiedliche Beamte. Diesmal hatte sie Constable Whitley am Apparat, einen jungen Mann, der Stimme nach zu urteilen wohl ungefähr so alt wie sie. Sie war ihm noch nie persönlich begegnet und wusste nicht, was sein Schweigen bedeutete, nachdem sie ihm die Unordnung in der Wohnung beschrieben hatte.

»Gut«, sagte er schließlich. »Sie meinen also, die Unordnung könnte von Bedeutung sein? Davon steht nichts in der Akte.«

»Nein, nun ja, meiner Mutter oder meinem Bruder wäre das nicht aufgefallen. Sie kommen fast nie her, und ich bin jetzt das erste Mal hier seit … Aber könnten Sie es gewesen sein? Ihre Kollegen, meine ich, als sie hier nach ihm gesucht haben?«

»Das ist sehr unwahrscheinlich, Miss Molyneaux. Wir haben eine sogenannte Durchsuchung der offenen Tür durchgeführt. Ihre Mutter war dabei. Das bedeutet, der Suchtrupp sieht nur an Orten nach, an denen der Vermisste eingeschlossen sein oder sich versteckt haben könnte. Damals wurden seine Zahnbürste und ein paar Kleidungsstücke für DNA-Proben mitgenommen, und ich glaube, auf seinem Schreibtisch wurde nach irgendwelchen offensichtlichen Nachrichten oder Briefen gesucht …«

»Nachrichten?«, fragte Liv. Dann verstand sie. »Sie meinen einen Abschiedsbrief.«

»Ja. Aber wir haben nichts gefunden.«

»Dann ist eindeutig etwas passiert. Es muss etwas bedeuten, oder? Die Wohnung ist durchsucht worden. Jemand wollte hier etwas finden. Vielleicht war es ein Raubüberfall, und mein Vater wurde entführt? Vielleicht konnte er etwas nicht finden, das er dringend brauchte, und musste deshalb untertauchen?«

Es folgte eine kurze Pause, in der Liv die Skepsis des Constable spüren konnte.

»Miss Molyneaux«, sagte er vorsichtig, »es deutet nichts auf irgendeine Straftat hin. Als wir ankamen, war die Haustür verschlossen, und es gab keinerlei Zeichen von gewaltsamem Eindringen. Vermuten Sie, dass Ihr Vater in eine Straftat verwickelt sein könnte?«

»Nein, natürlich nicht. Nicht bewusst jedenfalls … Aber was, wenn es etwas mit dem Geschäft zu tun hat, oder so?«

»Er handelt mit gebrauchten Büchern, oder?« Whitley klang noch immer zweifelnd.

»Einige sind sehr wertvoll.«

»Unserer Information nach hatte Ihr Vater keine Schulden. Haben Sie etwas in seinen Unterlagen gefunden, das in diese Richtung deutet?«

»Nein. Aber denken Sie nicht …«

»Ihr Vater war bereits länger psychisch krank, Miss Molyneaux. Darum wurde er schon einmal als vermisst gemeldet.«

»Ja.«

»Ist es nicht wahrscheinlicher, dass er einfach … die Wohnung unordentlich hinterlassen hat? Wenn es ihm nicht gut ging, meine ich? Es wirkt auf mich, als …«

»Aber es ist nicht einfach nur unordentlich, das habe ich Ihnen doch gerade erklärt.« Liv hörte selbst, wie die Verzweiflung ihre Stimme schrill klingen ließ, und bemühte sich um einen normalen Tonfall. »Es ist mehr als unordentlich. Die Wohnung ist durchsucht worden, da bin ich mir sicher. Entweder bevor er verschwunden ist oder danach.«

»Gab es Anzeichen von gewaltsamem Eindringen, als Sie heute dort hinkamen?«

»Nein …«

»Gut. Also, hören Sie zu, ich werde nachher mit meinem Vorgesetzten sprechen. Und ich werde eine Notiz in die Akte legen, sodass der leitende Ermittlungsbeamte sie bei der nächsten Fallbesprechung sieht.«

»Wann findet die statt?«

»Das ist die Halbjahresbesprechung im November.« Er zögerte, und Liv schwieg. »Wir tun alles, was wir können, um ihn zu finden, Miss Molyneaux. Wir wissen, dass er gefährdet ist, aber ich fürchte, es ist immer noch am wahrscheinlichsten, dass er sich das Leben genommen hat.«

*

Die Hoffnung war ein gemeines Ding. Es war schwer, sie ganz aufzugeben. Sie lag auf der Lauer, erwachte bei der geringsten Gelegenheit aufs Neue zum Leben und stieg wieder an die Oberfläche. Ja, Martin war schon einmal verschwunden – als die Beamten das herausfanden, hatten sie einen bedeutungsvollen Blick gewechselt. Aber er war auch schon einmal zurückgekommen, darum kam er vielleicht auch diesmal wieder zurück. Im Laufe der Jahre hatten sich die Behandlungsmöglichkeiten seiner Depression und seiner Bipolarität wesentlich verbessert. Es ging ihm jetzt über lange Strecken gut, aber vielleicht war er trotzdem wieder aus der Spur geraten und irgendwohin gefahren.

Liv holte tief Luft und versuchte, sich nicht an den Gedanken zu klammern. Ihre Mutter und die Polizei hatten sie wiederholt davor gewarnt. Offensichtlich waren sie der Meinung, sie würde sich etwas vormachen und am Ende verletzt werden. Martins Jacke mit seiner Brieftasche, den Schlüsseln und seinem iPhone war am zwanzigsten Mai diesen Jahres auf der Avonmouth Bridge gefunden worden. Wenn sie etwas Ähnliches über einen Fremden in der Zeitung gelesen hätte, wären Liv keine Zweifel am Ausgang der Geschichte gekommen. Doch er war kein Fremder, und sie brauchte ihn und wollte unbedingt weiter hoffen.

Auf der Brücke gab es keine Überwachungskameras, darum hatte vielleicht nicht er selbst die Jacke dort zurückgelassen. Vielleicht hatte sie ihm jemand gestohlen und dann weggeworfen. Er könnte ausgeraubt worden sein, und der Dieb könnte die Jacke aus dem Wagenfenster geworfen haben, als er über die Brücke fuhr. Andererseits waren sein Geld und die Kreditkarten noch in der Brieftasche, und er selbst war verschwunden. Würde er ihr das antun, wenn er in der Lage wäre, Kontakt zu ihr aufzunehmen? Würde er sie dieser Sorge aussetzen? Liv glaubte es nicht, doch hatte sie ihm nicht das Gleiche angetan?

Sie ging in die Küche, öffnete eine Flasche Wein und schenkte sich ein großes Glas voll ein. Der Wein war noch nicht richtig kalt und schmeckte sauer. Sie wusste, dass das nicht die Antwort war, aber vielleicht half es wenigstens vorübergehend ein bisschen. Liv nahm ihr Smartphone und hörte die Mailbox ab. Alle seine Nachrichten waren noch da, einschließlich der letzten. Sie war länger als die anderen. Es war schmerzhaft gewesen, sie anzuhören. Liv konnte sich nicht mehr genau an die Worte erinnern, aber sie wusste, dass sie ihr wehgetan hatten und dass sie sie nicht noch einmal hören wollte. Stattdessen klickte sie auf eine ältere, nur um seine Stimme zu hören. Die Nachricht begann mit einem kurzen angespannten Seufzer.

»Livvy …«

Liv stellte das Telefon auf Freisprechen und drehte die Lautstärke auf, bis seine donnernde Stimme das Zimmer erfüllte. Dann schloss sie die Augen. »Ach, Livvy, Süße … mir bricht das Herz deinetwegen. Bitte ruf mich zurück, wenn du kannst. Ich war bei euch, aber deine Mum wollte mich nicht reinlassen. Bitte, Liv. Okay. Ich schicke dir meine ganze Liebe.« Das Klicken, als er auflegte, hörte sich an, als würde eine Tür zufallen.

Liv trank weiter, bis die Flasche leer war. Sie machte sich Rührei auf Toast zum Abendessen, dann stöpselte sie den Fernseher wieder ein, setzte sich davor und starrte auf den Bildschirm, ohne wirklich etwas zu sehen. Es gab keine Routine, auf die sie zurückgreifen konnte. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Also ging sie früh ins Bett, konnte aber stundenlang nicht einschlafen. Trotz zweier zusätzlicher Decken auf dem dünnen Federbett wurde ihr nicht warm. Ihre Zehen waren eiskalt, und der Wein versetzte ihre Gedanken und ihren Magen in Aufruhr.

Sie hatte die vage Idee gehabt, den Laden zu öffnen und das Geschäft weiterzuführen, bis Martin zurückkäme. Ein neuer Weg für sie, ein frischer Start. Jetzt, wo sie tatsächlich hier war, kam ihr die Idee völlig absurd vor. Nachdem sie mit ihm zusammen auf Messen und Auktionen gewesen war, verstand sie zwar einiges von Kauf und Verkauf antiker Miniaturbücher, aber sie konnte die Bücher nicht selbst restaurieren. Und sie konnte erst recht nicht die kleinen einzigartigen Schätze produzieren, die er hergestellt hatte. Es waren kleine Kunstwerke, die den Großteil seines Einkommens ausmachten – personalisiert, in Leder gebunden, drei bis acht Zentimeter groß, manchmal mit winzigen Holzschnitten und Zeichnungen versehen. Martin betrieb einen Online-Shop, in dem er Bestellungen annahm – jedes Gedicht, das frei von Urheberrechten war, oder auch ein Absatz Prosa. Jede persönliche Nachricht, jeder bemühte Reim, den sich jemand selbst ausgedacht hatte, wurde in seiner wunderschönen Schrift festgehalten. Liv konnte sie unmöglich imitieren. Zudem war sie sich keineswegs sicher, ob sie das Geschäft überhaupt einfach so weiterbetreiben durfte – in rechtlicher Hinsicht –, und sie hatte keine Ahnung, wie sie es herausfinden konnte. Sie wusste nicht, ob alle seine Konten eingefroren waren, nachdem er als vermisst gemeldet war, oder ob das erst der Fall war, wenn jemand für tot erklärt wurde. Was sollte sie also tun, so lange sie hier war? An seinem Schreibtisch sitzen und irgendwelche Kunden wieder wegschicken, die sich hereintrauten?

Als Liv schließlich einschlief, träumte sie von einem weinenden Baby. Sie hörte das klägliche Jammern eines Neugeborenen, das zu jung war, um überhaupt zu wissen, warum es weinte, und das hilflos darum bat, gehalten zu werden. Sie träumte, dass sie das Baby suchte – wie verrückt suchte –, es aber nicht finden konnte. Sie wachte mit rasendem Herzschlag auf und umklammerte die Decke, während sie noch immer das Weinen hörte. Sie wusste nicht, ob sie wach war oder schlief, und war von panischer Angst erfüllt. Sie stand auf, stolperte durch die Dunkelheit und verharrte zitternd am oberen Treppenabsatz, bis die Realität sich durchsetzte und die Stille zurückkehrte. Nur ein schwaches Klingeln in ihren Ohren blieb, als sie schließlich wieder zurück ins Bett ging, mehr nicht.

Als sie von quälendem Durst und dem ersten Morgenlicht erwachte, war es wärmer im Zimmer. Ihr Kopf schmerzte, und ihr war schwer ums Herz. Der Traum hatte das bedrückende Gefühl hinterlassen, versagt zu haben. Sie beschloss zu gehen – die Entscheidung stand fest. Sie wollte allerdings auf keinen Fall wieder zu ihrer Mutter, und in ihre eigene Wohnung konnte sie nicht zurück. Noch nicht. Sie zermarterte sich das Hirn, um eine andere Möglichkeit zu finden. Dom könnte sie vielleicht eine Weile bei sich aufnehmen, aber dort würde sie sich vermutlich nicht besser fühlen, und seine Frau Katrina mochte es nicht, wenn andere Leute ihr Leben in Unordnung brachten. Außerdem wollte Liv nicht, dass ihre Nichten sie in diesem Zustand sahen. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass Kinder ein echtes von einem aufgesetzten Lächeln wesentlich besser unterscheiden konnten als Erwachsene. Sie machte Kaffee, setzte sich an den Tisch und wärmte sich die Hände an dem Becher, dann schickte sie ihrer besten Freundin, die im Urlaub gewesen war, eine WhatsApp. Bist du schon zurück? Hast du Lust auf Besuch? Doch sie wartete zwanzig Minuten, dann vierzig, ohne dass ihre Nachricht gelesen wurde.

Liv packte ein paar Sachen in ihre Tasche, änderte dann ihre Meinung und holte sie wieder heraus. Sie ging in Martins Zimmer und legte sich eine Weile auf sein Bett. Das Bettzeug roch nach der abgestandenen Luft in der Wohnung, nicht nach ihm. Sie stand wieder auf, öffnete den Schrank und stellte fest, dass alle seine Kleider entweder auf eine Seite geschoben oder von den Bügeln gerutscht waren und in Haufen auf dem Schrankboden lagen. Dahinter kam die nackte Zimmerwand zum Vorschein. Abblätternde gelbe Farbe und eine dicke Staubschicht auf der Bodenleiste. Liv wünschte, sie wüsste, wonach er gesucht hatte und ob er es gefunden hatte.

Sie packte ein zweites Mal ihre Sachen, eilte nach unten in den Laden und zog sich im Gehen den Mantel über. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie ging, aber sie musste dringend unter Menschen, auch wenn sie den Umgang mit anderen nicht mehr gewohnt war. Sie hatte gedacht, in Martins Haus zu sein, würde sie trösten, aber im Grunde machte es seine Abwesenheit nur noch spürbarer. Die Stille hier war beinahe greifbar, als würde sie jede ihrer Bewegungen verfolgen.

Draußen schien blass die Sonne und warf rechteckige Formen durchs Ladenfenster. Liv blieb abrupt stehen und legte schützend eine Hand über die Augen. Die Ladentür war blockiert. In der überdachten Nische lag zusammengekauert ein Mann in einem schmutzigen Mantel, mit Mütze und Schal. Sofort flammte ihre Hoffnung wieder auf und blendete sie so schmerzhaft wie das Licht.

2

1831

Bethia beschloss, das Zimmer ein letztes Mal zu überprüfen, auch wenn Mrs. Fenny gegen diesen Vorschlag aufbegehrte – die Hausmutter fasste alles als Kritik auf, selbst ein Kompliment konnte bei ihr leicht zu einer Beleidigung werden, ein vorsichtiger Tadel erst recht. Die arme Margery Wiggins, die das Zimmer zuvor bewohnt hatte, war an der verfluchten Ruhr gestorben, die sie weitaus länger ertragen hatte, als angesichts ihres schwachen Zustands möglich schien. Sie war nur noch Haut und Knochen gewesen, große wässerige Augen lagen tief in den Höhlen. Sie durfte das Zimmer nicht verlassen, damit sich die Krankheit nicht auf andere Bewohner übertrug, und als sie schließlich verschieden war, schien der Geruch in jeden Stein in Boden und Wänden gekrochen zu sein.

Zum Glück hatte sich Bethia eingeschaltet und die übliche Suche nach einer neuen Bewohnerin etwas hinauszögern können. In der Zwischenzeit war das Zimmer immer wieder geschrubbt, mit Rosmarin und Weihrauch ausgeräuchert und gelüftet worden, obwohl es ungewöhnlich kühl für Oktober war und der Wind scharfe Krallen zeigte. Von der Kälte schmerzten Bethias Gelenke, doch sie achtete sorgsam darauf, dass niemand es bemerkte. Nachdem sie seit sechs Jahren zusah, wie Kranke, Alte und Arme in das Armenhaus humpelten und es in Leichentüchern wieder verließen, hatte sie schreckliche Angst, selbst gebrechlich zu werden. In vier Jahren wurde sie sechzig, aber ihre Wangen waren noch fest und rosig – sie half heimlich mit etwas Rouge nach –, der Rücken gerade und ihr Geruchssinn äußerst empfindlich.

Sie schloss die Augen und atmete tief ein, als sie das leere Zimmer betrat, doch das Einzige, was sie wahrnahm, war, dass ihre Nebenhöhlen von der Kälte schmerzten. Kein Gestank mehr.

»Bei ihrer Ankunft muss es wärmer sein als jetzt«, sagte sie zu Mrs. Fenny, die mit finsterer Miene neben ihr stand.

»Hab gehört, sie hat die letzten zwanzig Jahre in einem Heuhaufen gelebt«, erwiderte Mrs. Fenny. »Da ist sie Kälte sicher gewohnt.«

»Ja.« Bethia lächelte. »Aber jetzt soll sie es ja angenehm haben, nicht?«

Mrs. Fenny schnalzte missbilligend mit der Zunge, und Bethia verdrängte einen Anflug von Gereiztheit. Es hatte einfach keinen Zweck, mit dieser Frau zu streiten, auch wenn sie Bethia nie den Respekt erwies, der ihr eigentlich zustand. Wieder einmal musste sie den Impuls unterdrücken, Mrs. Fenny daran zu erinnern, dass sie sich ohne die großzügigen Gaben von Bethias Mann wahrscheinlich selbst ein Bett im Armenhaus würde suchen müssen, anstatt zwanzig Pfund im Jahr dafür zu erhalten, dass sie eins führte. »Also«, sagte Bethia nur und sah sich um. Auf dem Boden lag eine neue Strohmatte, und das schmale Bett war mit frischem Leinen und zwei dicken Wolldecken bezogen. Darüber hing ein schlichtes Holzkreuz, und die geweißten Wände ließen keinerlei Schmutzspuren mehr erkennen. Auf einem Stuhl am Fenster lag eine Garnitur getragener, aber tadellos sauberer Kleidung. Der Kamin war gefegt und vorbereitet, auf dem Kaminsims standen Krug und Becher. Es war bescheiden, aber sauber und gottgefällig. Bethia nickte und wünschte, es wäre Sommer, damit sie ein paar Blumen pflücken und hereinstellen könnte – nur eine kleine weibliche Geste, um dem Neuankömmling zu signalisieren, dass er an einem guten Ort war. »Zu spät für Blumen und zu früh für Stechpalmen und Mistelzweig«, sagte sie, eher zu sich selbst.

Mrs. Fenny schnaubte leise. »Die hat in einem Heuhaufen gelebt«, murmelte sie.

Die Hausmutter dachte ganz offenbar, dass Bethia zu viel Aufhebens um die neue Bewohnerin machte, und vermutlich tat Bethia tatsächlich etwas zu viel des Guten. Aber wie konnte sie das nicht, angesichts dessen, wer da kam? Mit einem Freudenschauer dachte sie wieder daran, wie es Caroline Laroche kurz die Sprache verschlagen hatte, als Bethia es ihr mitgeteilt hatte – beim Tee, so beiläufig wie möglich und erst, nachdem andere deutlich unwichtigere Neuigkeiten besprochen worden waren. Caroline verschlug es sonst nie die Sprache, und Bethia hatte auch noch nie so aufregende Neuigkeiten zu berichten gehabt.

Alles hatte mit einem Gedicht begonnen, das Die Verrückte von Bristol hieß und von Charlotte Moore stammte. Einer Frau, die in Bethias Augen wenig Talent besaß, deren Ehemann jedoch so unglaublich reich war, dass ihre Gedichte in einer edlen Ausgabe erschienen waren und auch noch regelmäßig in Felix Farley’s Bristol Journal abgedruckt wurden, unter anderem dieses. Caroline hatte es in dramatischem Ton vorgelesen, und Bethia hatte die anderen in der Hoffnung angesehen, ihren eigenen milden Spott in ihren Gesichtern wiederzufinden. Doch sie zeigten nur höfliche Wertschätzung. Oh! Warum geistert hinter deinen umherirrenden Augen solch tiefes Grauen? Warum zerreißt dein Heulen des Himmels Auen? Was für ein Unsinn. Aber die Geschichte hatte Bethia ebenso fasziniert wie jeden anderen, dem sie zu Ohren gekommen war. Und dann hatte irgendein Journalist Wind davon bekommen und eine Abhandlung mit dem Titel Die Magd im Heuhaufen verfasst, in der er behauptete, die geheimnisvolle Frau – die man Louisa nannte, da sie ihren Namen nicht verraten wollte – sei ein Kind von Kaiser Franz I., und man habe sie vom europäischen Kontinent vertrieben.

Bethia schenkte der Geschichte nicht viel Glauben. Warum um alles in der Welt sollte eine solche Person an einem derartigen Ort landen? Und wo um Himmels willen sollte diese Geschichte überhaupt herkommen, wenn die Frau nie über so etwas gesprochen hatte? Es war reine Fantasie. Die Tatsachen, wie Bethia sie verstanden hatte, waren wie folgt: Eine Landstreicherin hatte zweiundzwanzig Jahre in einem Heuhaufen außerhalb der Ortschaft Bourton gelebt, ungefähr sechs Meilen südwestlich von Bristol. Zu Beginn hatte sie etwas höfliche Konversation mit den Einwohnern betrieben, die sie besuchten, wobei sie nie ihren Namen nannte oder erklärte, woher sie kam. Sie war recht wortgewandt, hieß es – zu wortgewandt, um ein in Ungnade gefallenes Bauernmädchen oder eine irische Hure zu sein. Doch im Laufe der Zeit versiegten die Gespräche, und es war inzwischen Jahre her, dass die Frau zum letzten Mal gesprochen hatte. Ihr Zustand hatte sich mit dem Alter verschlechtert, aber weder ein Bett noch eine heiße Mahlzeit, die man ihr anbot, konnten sie verleiten, ein Haus zu betreten. Sie ernährte sich von Milch und Brot und einfachen Speisen, wenn man sie ihr brachte, und schien dankbar für abgelegte Kleidungsstücke zu sein. Es hieß, dass sie sehr freundlich auf kleine Kinder reagierte, wenn sie sich ihr näherten – das waren die einzigen Gelegenheiten, bei denen man sie lächeln sah. Man hatte sie von Ärzten untersuchen lassen, Spezialisten für Sprache und Wahnsinn hatten auf Französisch, Deutsch und Italienisch versucht, mit ihr zu sprechen. Einer nach dem anderen verlor ob ihrer Stummheit die Geduld und in der Folge das Interesse. Der Herr, dem das Feld gehörte, auf dem der Heuhaufen anwuchs und wieder zusammenschmolz, erlaubte ihr zu bleiben, anstatt sie der Gemeinde zu übergeben, und so war sie Jahr um Jahr an diesem Ort geblieben. Bis jetzt. Jetzt würde Bethia sie unter ihre Fittiche nehmen und sie aus der Kälte holen. Vor Aufregung zog sich ihr Magen zusammen.

Die Fremde war inzwischen eine ältere Frau, und dass sie nicht mehr sprach, deutete zweifellos darauf hin, dass ihr Verstand nachließ. Wie viele Winter konnte sie noch unter freiem Himmel überleben? Dieser könnte ihr letzter sein, wenn man nicht etwas für sie tat. Dem Stiftungsrat von Fosters Armenhaus lagen eine ganze Reihe Anträge von Bristols vielen Armen und Schwachen vor, die darauf warteten, dass ein Platz frei wurde – bei der Platzvergabe wurde berücksichtigt, wie groß die Not des Bittstellers war und ob er einen guten Leumund hatte. Es gab nur je sieben Zimmer für Männer und für Frauen und nur wenige andere wohltätige Einrichtungen in der Stadt, in der großer Bedarf herrschte. Bethia hatte ihren Mann Edwin Shiercliffe jedoch überredet, vom üblichen Prozedere abzuweichen und die Magd aus dem Heuhaufen vorzuziehen. Als größter Gönner des Armenhauses verfügte er über genügend Einfluss. Bethia hatte auch einen eloquenten Brief an den Rat geschrieben und eine Kopie für jedes Mitglied angefertigt. Sie hatte an ihr Mitleid appelliert, ihr gutes Urteilsvermögen und ihren Gerechtigkeitssinn. Louisa sei ganz allein, hatte sie geschrieben. Sie habe genug erlitten – wer wisse, wie lange sie schon in der Welt herumgeirrt sei, ohne Freunde und ohne Dach über dem Kopf, bevor sie die zwanzig Jahre in dem Heuhaufen in Bourton gelebt hatte? Wie lange mochte sie schon schreckliche Not gelitten haben, und hatte sie nicht endlich Ruhe verdient?

Letztendlich hatte es funktioniert. Nur ein Mitglied des Vorstands hatte widersprochen – Sir Donald Goldstone, ein Pedant, der auf dem korrekten Prozedere bestand. Hat die zuvor Genannte überhaupt darum gebeten, dass man einen Platz für sie sucht? Bethia hatte ihn noch nie gemocht. Er war ein freudloser Mann mit entsetzlichem Odem, der ihr immer das Gefühl gab, dumm zu sein. Doch ungeachtet seines Einspruchs wurde die Fremde heute von Bourtons Pfarrer und seiner Frau in die Stadt zu ihrem neuen Zuhause im Armenhaus gebracht, und Bethia wollte sie persönlich begrüßen. Wenn sie Caroline Laroche und ihren Kreis das nächste Mal sah, würde sie mit Fragen überhäuft werden, denn nur sie, Bethia, konnte ihre Neugier befriedigen. Diesmal würden sie ihr zuhören müssen, nachdem Caroline ihr normalerweise ungeduldig über den Mund fuhr, wenn sie sprach. Ja, ja, das haben Sie uns schon beim letzten Mal erzählt, Bethia, Liebes.

Jetzt, wo der Zeitpunkt näher rückte, war Bethia etwas besorgt. Louisa hatte tatsächlich nicht um ein Zimmer gebeten. Soweit Bethia wusste, hatte sie seit Jahrzehnten keinen Fuß mehr in ein Gebäude gesetzt – sie hatte sich jedes Mal lebhaft geweigert. Was, wenn sie schrie und sich wehrte? Bethia hatte keine Ahnung, was sie dann tun sollten. Sie konnten die Frau ja wohl kaum fesseln und hereinschleppen.

Sie lief in ihrem persönlichen Zimmer auf und ab und trat immer wieder ans Fenster. Als Leiterin war sie dreimal die Woche hier, um Bestellungen und Belege zu prüfen, das Personal zu bezahlen und sich mit Mrs. Fenny über das Wohl der Bewohner zu beraten, zum Beispiel ob ein Arzt benötigt wurde oder Ähnliches. Hin und wieder musste ein Bewohner weggeschickt werden, der gegen die Regeln verstieß – wie jener Mann, der im letzten Jahr darum gebeten hatte, seine Frau zu rufen, weil er meinte, im Sterben zu liegen. Das Armenhaus nahm nur Unverheiratete und Verwitwete auf, und Letzteres hatte er ihnen bei seinem Einzug versichert zu sein. Thomas Pocock hat sich seinen Platz hier unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen, hatte sie an den Stiftungsrat geschrieben. Sobald der Mann genesen war, hatte man ihn fortgeschickt, wobei sein trauriger Blick ein Herz aus Stein zum Schmelzen gebracht hätte. Bethia hatte sich abwenden müssen.

Sie rieb die Hände aneinander, um die Kälte zu vertreiben. Das Armenhaus war zur Zeit von König Heinrich VII. erbaut worden, vor über dreihundert Jahren. Ein L-förmiges robustes Gebäude aus grauem Stein, das sich oben an der Stelle der Christmas Steps befand, wo sie auf die Steep Street trafen. Es verfügte auf der einen Seite über eine eigene schlichte kleine Kapelle, die den drei Königen von Köln gewidmet war. Schmale Fenster und Torbögen verliehen dem Ganzen eine kirchliche Anmutung, und die L-Form öffnete sich zu einem Garten mit Wegen und Gemüsebeeten, der von einem hohen Zaun umgeben war. Dort konnten die Bewohner etwas frische Luft schnappen, wenn sie dazu in der Lage waren – allerdings roch die Luft hier ständig nach Melasse von den Zuckerhäusern unten am Hang. Es gab drei davon im Umkreis von einer Viertelmeile. Das war allerdings immer noch besser als der Gestank von dem dreckigen Fluss Frome, der am Fuß der Christmas Steps vorbeifloss, aber es war eine stete Herausforderung für Bethia. Sie hatte eine Schwäche für Süßes und sehnte sich zu den unmöglichsten Tageszeiten nach glasierten Schnecken und heißer Schokolade, kämpfte jedoch heldenhaft gegen dieses Verlangen an. Bethia besaß nicht Caroline Laroches natürliche Anmut, und auch nicht ihre zarten Knöchel und Handgelenke, doch sie hatte noch eine Taille und ihre eigenen Zähne – und das sollte auch so bleiben.

Als sie das Geräusch von Rädern und darauf das Knarren der Tore hörte, die der Kirchendiener öffnete, lief sie erneut zum Fenster. Beim Anblick des kleinen offenen Zweispänners, der um die Ecke bog, tat ihr Herz einen Sprung. Bourtons Pfarrer hielt die Zügel des rotbraunen Cob-Ponys. Unter dem Verdeck saßen zwei Gestalten, eine jung und zierlich, die andere in Kleider eingewickelt, mit einem Schal um den Kopf, das Gesicht nach unten gerichtet. Die Magd aus dem Heuhaufen war nur noch wenige Meter entfernt. Bethia fragte sich, wie gut ihr Verstand noch arbeitete – ob sie überhaupt begriff, dass die Tage der Not jetzt vorbei waren. Dass sie es von nun an warm und bequem haben würde und regelmäßig zu essen bekam. Wer sollte so etwas nicht wollen, nachdem er es so lange Zeit entbehren musste? Bethia holte tief Luft, überprüfte ihr Haar auf lose Strähnen, griff nach ihrem Schal und ging hinaus, um die Ankömmlinge zu begrüßen.

»Mrs. Fenny! Sie ist da!«, rief sie über den Flur, wobei ihre Stimme schriller klang, als ihr lieb war. Sie wartete jedoch nicht auf die Hausmutter und ging allein hinaus.

»Mrs. Shiercliffe? Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen«, sagte der Pfarrer, der rötlich braunes Haar und einen blassen Teint hatte. Sein Name war Bethia entfallen. Zum Glück gab es seinen Titel.

»Es ist mir eine aufrichtige Freude, Hochwürden«, sagte sie und versuchte, nicht an ihm vorbei auf seine Passagiere zu spähen, die sich zum Aussteigen bereit machten – zumindest eine, die Frau des Pfarrers, die ihrem Mann zulächelte, als er ihr aus dem Wagen half. Ihre Wangen waren von der frischen Luft gerötet, und sie hatte lebhafte grüne Augen und ein liebenswertes Gesicht.

»Darf ich Ihnen meine Frau Mrs. Crane vorstellen?«, sagte der Pfarrer. Pfarrer Crane, genau.

»Herzlich willkommen, meine liebe Mrs. Crane«, sagte Bethia lächelnd zu der jüngeren Frau. »Ich bin ja so froh, Louisa hier zu haben und ihr den Schutz bieten zu können, den sie so dringend braucht«, fuhr sie fort und klang in ihren eigenen Ohren wie ein übereifriges Kind.

Die jungen Leute tauschten einen Blick. »Ist … etwas nicht in Ordnung?«, fragte Bethia.

»Nein. Es ist nur …«, hob Mrs. Crane an und schien verlegen. »Ich bin mir nicht sicher, ob Louisa weiß, wohin man sie gebracht hat. Und … ich weiß nicht … Nun ja. Sie müssen verstehen, Mrs. Shiercliffe, es ist sehr lange her, dass sie ein Zuhause hatte. Eins aus Stein und Mörtel, meine ich. Und bislang …«

»Bislang hat sie sich geweigert, irgendein Haus zu betreten?«

»Dann sind Sie mit ihrer Geschichte vertraut«, sagte der Pfarrer in einem Ton, der sich für Bethia etwas missbilligend anhörte.

»Allerdings. Eine äußerst bemitleidenswerte und berührende Geschichte«, sagte sie.

»Allerdings«, echote er.

»Nun«, sagte Bethia, als Mrs. Fenny neben ihr erschien, mit einer Miene, so herzlich wie ein kalter Regenguss. »Wir können nur hoffen, dass ihr dieser Ort gefällt. Es ist ein bescheidenes Haus, aber vorbildlich geführt und friedlich. Hier bekommt sie alles, was sie braucht, das versichere ich Ihnen.«

»Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte Mrs. Crane. »Aber Sie wissen selbstverständlich, dass sich der Verstand bei sehr alten Menschen verändern kann. Sie verlieren die Fähigkeit, logisch zu denken. Nun ja. Sehen wir, wie weit wir kommen.«

Mrs. Crane – die Bethia mit ihrem für eine so junge Frau äußerst selbstsicheren Auftreten überraschte – wandte sich zur Kutsche und legte der alten Frau sanft eine Hand auf den Arm. Louisa zuckte zusammen und drehte leicht den Kopf, Bethia sah wildes graues Haar. »Louisa? Wir sind da, liebste Freundin. Es ist Zeit auszusteigen«, sagte Mrs. Crane. »Kommen Sie. Sie sind hier ganz sicher, das verspreche ich.«

Bethia holte Luft und wollte mit ein paar aufmunternden Worten vortreten, doch der Pfarrer hielt sie zurück.

»Sie erschrickt leicht«, sagte er leise.

Bethia biss sich auf die Zunge. Schweigend beobachteten sie, wie Mrs. Crane die alte Frau mit sanften Worten und behutsamer Unterstützung dazu brachte, auf dem Sitz vorzurücken, dann aufzustehen und schließlich über die Stufe hinunter in den Hof zu kommen. Sie stand zusammengesunken, das Gesicht noch immer zum Boden gerichtet, und wirkte, als wäre sie gar nicht ganz anwesend. Bethia vermutete, dass die Reise sie erschöpft hatte. Sie war in verschiedene Kleider gehüllt, die allesamt zerschlissen und löchrig waren. Es war eine seltsame Mischung aus sehr groben und sehr feinen Stücken – bei Letzteren handelte es sich zweifellos um abgetragene Kleider ihrer reichen Nachbarn. So lag um ihre Schultern ein hellblauer Schal mit Quasten, darunter trug sie einen merkwürdigen weiten Überwurf aus Sackleinen und wiederum darunter ein ordentliches bäuerliches Tageskleid, das am unteren Rand steif und schlammverkrustet war. Ihre Füße waren einfach mit Sackleinen umwickelt.

»Louisa, ich bin Mrs. Shiercliffe«, sagte Bethia mit gedämpfter Stimme. »Ich bin die Leiterin hier und heiße Sie herzlich willkommen. Wir haben uns schon so auf Ihre Ankunft gefreut. Wollen Sie nicht hereinkommen und sich das Zimmer ansehen, das wir für Sie vorbereitet haben?«

Die alte Frau gab nicht zu erkennen, ob sie hörte, was Bethia sagte, doch als Mrs. Crane ihren Arm nahm, ließ sie sich von ihr führen. Ihre Schritte waren schleppend und zögerlich. Als sie näher kam, fing Bethia ihren Geruch auf und musste sich beherrschen, nicht zurückzuweichen. Natürlich stank jemand, der keinen Zugang zu Seife und sauberer Kleidung hatte, aber die Intensität des Gestanks war schockierend – ein scharfer, beinahe animalischer Geruch. »Ein warmes Bad wäre jetzt genau das Richtige«, murmelte sie, woraufhin der Pfarrer sie mit einem tadelnden Blick bedachte, Mrs. Fenny jedoch zustimmend knurrte.

An der Türschwelle blieb Louisa unvermittelt stehen. Sie hob den Kopf, ihr Blick glitt von links nach rechts, und endlich sah Bethia ihr ganzes Gesicht. Braune Augen unter zusammengezogenen Brauen. Die Haut schwielig, voller Runzeln und Schmutz, der tief in den Furchen saß. Sie hatte einen breiten Mund und eine schiefe Nase. Einen mageren, sehnigen Hals. Ihr Haar war so stumpf, dass es kaum noch wie Haar aussah, es musste von Ungeziefer wimmeln. Bethia lehnte sich ganz leicht zurück, und in genau diesem Moment schüttelte Louisa den Kopf und versuchte umzudrehen.

Mrs. Crane hielt ihren Arm fest, hatte jedoch Schwierigkeiten, sie aufzuhalten. »Ist ja gut, Louisa. Ich gebe Ihnen mein Wort, Ihnen wird hier nichts geschehen«, sagte sie, doch der Kampf setzte sich fort. Mrs. Fenny schnalzte missbilligend mit der Zunge, trat auf Louisas andere Seite, nahm ihren Arm und zog sie mit mehr Kraft nach vorn.

»Sanft, ich bitte Sie!«, mahnte der Pfarrer. »Das haben wir befürchtet.« Er versuchte, Louisas Hand zu nehmen, doch sie schüttelte nur den Kopf und wehrte sich noch mehr, woraufhin alle drei ins Straucheln gerieten. Die alte Frau stieß einen klagenden Laut aus, der so unglücklich und verzweifelt klang, dass er Bethias Herz durchbohrte.

»Oh, kommen Sie herein, Sie gute Seele!«, sagte sie, trat näher und streckte lockend die Hände aus. »Wir wollen doch nur das Allerbeste für Sie.«

Beim Klang ihrer Stimme verstummte Louisa. Sie sah mit flackerndem Blick zu Bethia, dann an dem schlichten Gebäude hoch und zum kalten blauen Himmel darüber, schließlich wieder zurück zu Bethia, die aufmunternd lächelte und sich fragte, welche Gedanken der Fremden wohl durch den Kopf wirbelten. »Sehen Sie?«, sagte sie. »Dies ist ein guter Ort.« Zu Bethias Freude richtete sich die alte Frau etwas mehr auf und entwand ihren Arm dem Griff der Hausmutter.

»Möchten Sie mitgehen, liebe Freundin?«, fragte Mrs. Crane, und zur Antwort ging Louisa einen Schritt voran, wenn auch langsam, und überschritt die Schwelle. Bethia sah den Pfarrer an, der ganz offensichtlich verblüfft zurückblickte, und empfand einen Anflug von Triumph. Vielleicht würde sie ihr Vertrauen gewinnen, was bisher noch niemandem gelungen war. Vielleicht würde sie die rätselhafte Fremde dazu bewegen können, zu sprechen und ihr ihre Geschichte anzuvertrauen. Vielleicht würde Bethia diese Geschichte aufschreiben und veröffentlichen. Ein Rätsel, das sie lösen konnte, während zahlreiche berühmte Männer und Ärzte gescheitert waren. Sie würde viele Briefe erhalten.

»Mrs. Fenny wird ihr alles zeigen«, sagte sie zu dem Pfarrer und versuchte so zu klingen, als sei nichts Bemerkenswertes geschehen. »Sie und Ihre reizende Frau müssen sich setzen und etwas mit uns essen, bevor Sie wieder aufbrechen.«

*

Edwin Shiercliffe war groß, hatte breite Schultern und die Haltung eines weitaus jüngeren Mannes. Das sandbraune Haar unterstrich sein jugendliches Aussehen noch, und die Fältchen in den Augenwinkeln wirkten, als wären sie nicht einfach seinem Alter geschuldet, sondern vielleicht der Tatsache, dass er fünfundsechzig Jahre lang gelächelt hatte. Was auch der Fall war. Er war immer noch ein gut aussehender Mann, und Bethia beobachtete mit bewundernden Blicken, wie er höflich Pfarrer Crane begrüßte, der über die Notlage der Armen vom Land salbaderte. Das Thema Louisa hatten sie bereits ausführlich besprochen, und Bethia musste dem Drang widerstehen, es erneut aufzunehmen, denn sie hatte dem eigentlich nichts Neues hinzuzufügen. Sie konnte sich jedoch auf nichts anderes konzentrieren und war erpicht darauf, zum Armenhaus zurückzukehren und die alte Frau wiederzusehen. Als sie merkte, dass Mrs. Crane bereits seit einiger Zeit nichts mehr gesagt hatte, räusperte Bethia sich.

»Kommen Sie häufig in die Stadt?«, fragte sie die schöne Pfarrersfrau.

»Nicht sehr häufig, Mrs. Shiercliffe, nein.«

»Ach, das ist schade. Es gibt für junge Leute hier in der Stadt so viel Unterhaltung. Ich kann mir vorstellen, dass es in einem so kleinen Ort wie Bourton wesentlich ruhiger zugeht. Und noch ruhiger vielleicht, nachdem Sie jetzt eine Ihrer berühmtesten Einwohnerinnen verloren haben.«

»Ach, ich versichere Ihnen, dass wir jede Menge Möglichkeiten haben, uns zu amüsieren.« Mrs. Crane lächelte. »Mir waren die gute Luft und die ehrlichen Menschen auf dem Land immer lieber als …« Sie verstummte, lächelte wieder und errötete leicht. »Natürlich haben wir nicht so elegante Häuser wie Ihres«, fügte sie hinzu und ließ ihren Blick durch das Esszimmer der Shiercliffes wandern, das in der Tat äußerst vornehm war.

Das Mobiliar glänzte von Politur; die neue Einfassung des Kamins war aus einem einzigen schimmernden Stück Blue John aus Derbyshire gefertigt, und auf beiden Seiten hielten aufwendige vergoldete Girandolen je zehn Kerzen. Der Tisch war bereits mit dem Dessert-Service aus blauem Glas gedeckt, und sie warteten, dass die Nachspeise serviert wurde. Das Haus befand sich am oberen Ende der Charlotte Street mit Blick auf die Kathedrale und die dahinterliegenden Schiffsmasten im Float. Es lag nur einen Steinwurf vom Haus des hochverehrten Bürgermeisters Charles Pinney in der Great George Street entfernt, was als beste Adresse galt, bis die Laroches ein Haus in Clifton erworben hatten. Seither rümpfte Caroline jedes Mal die Nase, wenn Bethia eintraf, und bemerkte, dass der Stadtgeruch in ihrem Haar und ihrer Kleidung hinge, was ihr jetzt besonders auffalle, wo sie an die saubere Landluft gewöhnt sei.

»Freut mich, dass es Ihnen gefällt«, sagte Edwin höflich lächelnd, er war nicht im Geringsten beleidigt. So leicht es war, Mrs. Fenny zu beleidigen, so schwer war es, Edwin zu beleidigen.

Es folgte eine Pause, die der Pfarrer schließlich durchbrach.

»Sagen Sie, macht Ihnen das Aufkommen der Cholera hier in Bristol eigentlich große Sorgen?«, fragte er Edwin. Es war wohl kaum ein passendes Gesprächsthema bei Tisch, und Bethia schürzte die Lippen. Da beugte sich Mrs. Crane unvermittelt zu ihr herüber.

»Darf ich offen sprechen, Mrs. Shiercliffe?«, fragte sie.

»Ja, gewiss«, sagte Bethia beunruhigt.

»Ich mache mir große Sorgen um Louisa. Das ist eine große Veränderung für sie, und sie ist eine so sanfte Seele und so leicht zu verängstigen …«

»Aber die erste Hürde haben wir doch schon genommen«, unterbrach Bethia sie. »Sie hatten Zweifel, dass sie überhaupt einen Schritt ins Haus machen würde, doch sie hat sich kaum widersetzt. Und sie schien mir zu vertrauen, oder nicht?«

»Ja, das stimmt.« Mrs. Crane schüttelte verwundert den Kopf. »Was mehr und besser ist, als wir zu hoffen wagten.«

»Ich habe keinen Zweifel, dass sie sich gut an ihr neues Leben bei uns gewöhnen wird, Mrs. Crane. Vielleicht wird sie mit der Zeit sogar über sich und ihre Vergangenheit sprechen.«

»Vielleicht. Wobei sie dann mit einer lebenslangen Gewohnheit brechen würde.«

»Man sagt, dass ich gut mit Menschen umgehen kann«, behauptete Bethia, was nicht stimmte, aber sie hatte sich immer sehr gewünscht, dass man so über sie sprach.

Mrs. Crane richtete sich etwas gerader in ihrem Stuhl auf. »Das ist in der Tat eine Gabe«, murmelte sie. »Aber … sollte es Schwierigkeiten geben, würden Sie mir dann bitte schreiben? Dann würde ich Louisa lieber nach Hause holen, nicht dass sie woanders hinkommt und für uns verloren ist.«

»Nach Hause? In den Heuhaufen, wenn der Winter kommt?«

»Ein Heuhaufen, ja, aber sie hat ihn zu ihrem Zuhause gemacht und schien sich dort wohlzufühlen«, sagte Mrs. Crane, und Bethia begriff, dass die Entscheidung, Louisa ins Armenhaus zu bringen, nicht ihre gewesen war.

»Aber meine Liebe, Sie müssen doch einsehen, dass eine ordentliche Umgebung das Beste für Louisa ist?«

»Ich … Ich glaube, dass jemand, dem nur noch wenig Zeit auf dieser Erde bleibt, am besten an einem Ort aufgehoben ist, der ihn glücklich macht und der ihm vertraut ist. Wenn Sie sich bei Ihnen einlebt – und ich bete, dass sie das tut –, wäre ich natürlich überglücklich. Aber wenn nicht, werden Sie mir dann schreiben und mich informieren, Mrs. Shiercliffe? Bitte? Eigentlich wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir so oder so schreiben würden, damit ich weiß, wie es Louisa geht.«

Sie beugte sich erneut zu Bethia und sah sie durchdringend aus ihren grünen Augen an.

Ohne dass Bethia sagen konnte, warum, spürte sie eine Angst, als jemand entlarvt zu werden, der unaufrichtig gewesen war. »Natürlich werde ich Ihnen schreiben«, sagte sie nervös und mit einem Anflug von Eifersucht, da diese Frau ihr Louisa ganz offenbar wieder wegnehmen wollte.

Sie war erleichtert, als sich Paris auf ein Zeichen hin, das nur er sah und hörte, umdrehte und Juno die Tür öffnete. Sie trug auf einer großen Platte Früchte von den West Indies herein, die bereits geschält und aufgeschnitten waren, sodass die wundervoll leuchtenden Farben im Inneren zum Vorschein kamen – orange, rot und gelb. Dazu Marmeladen und Gelees in den gleichen Farben. Bethia klatschte vor Begeisterung in die Hände. »Oh, wie wunderbar! Womöglich haben Sie noch nie eine Riesenmirabelle probiert, Mrs. Crane? Oder eine Guave? Dann müssen Sie es jetzt unbedingt nachholen«, sagte sie und versuchte, nicht zu sehr auf Juno zu achten. Das Mädchen verursachte ihr ein merkwürdiges, unangenehmes Gefühl, als befände sich unter ihren Rippen ein Hohlraum. Sie konnte es nicht genau beschreiben, aber es schien ihr den Atem zu rauben.

Juno zog unweigerlich die Blicke auf sich. Sie trug die einfache, schlicht geschnittene Kleidung einer Bediensteten, doch Haube und Nadeln auf ihrem Kopf konnten kaum die üppigen schwarzen Korkenzieherlocken darunter bändigen. Als Bethia sie zum ersten Mal gesehen hatte, dachte sie, sie müssten sich drahtig anfühlen, doch als das Mädchen eines Winters krank war und sie ihr das Haar aus der Stirn strich, hatte es sich überraschend weich angefühlt. Ebenso wenig konnte das Kleid Junos Figur verbergen, die dermaßen kurvig war, dass es schon fast obszön wirkte. Das Mädchen schwang beim Gehen derart übertrieben die Hüften, dass Bethia sich sogar bei ihr darüber beschwert hatte. Aber Juno hatte nur gelacht. Soll ich versuchen, mehr wie ein Mann zu gehen, Madam?

Paris war ihr Bruder und zum Glück sehr viel zurückhaltender. Ein tadelloser Diener, immer makellos gekleidet und so still und vorausschauend, dass Bethia sich kaum erinnern konnte, wann sie ihn das letzte Mal hatte ansprechen müssen oder ihn hatte sprechen hören. Er tat einfach, was verlangt wurde, noch ehe sie oder Edwin darum baten. Bethia wünschte, Juno wäre mehr wie er und würde weniger Aufsehen erregen. Mrs. Crane starrte die beiden mit unverhohlener Neugier an und bekam vor Staunen runde Augen.

»Stimmt etwas nicht, Mrs. Crane?«, fragte Edwin. Der Pfarrer räusperte sich demonstrativ, woraufhin seine Frau den Blick senkte.