Das fremde Mädchen - Katherine Webb - E-Book

Das fremde Mädchen E-Book

Katherine Webb

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Beschreibung

Dunkle Schatten hinter herrschaftlichen Mauern

Die prächtigen Häuser von Landsdown Crescent thronen über der englischen Stadt Bath – hier stellt sich Rachel als Gesellschafterin vor und begegnet dem zurückgezogenen Jonathan zum ersten Mal. Obwohl ihn dunkle Erinnerungen zu quälen scheinen, zieht er sie in seinen Bann. Einst verlor er seine große Liebe Alice unter mysteriösen Umständen. Welches Geheimnis verbindet Rachel mit jener jungen Frau, die so plötzlich verschwand und der sie aufs Haar gleicht? Immer tiefer gerät sie in eine Spurensuche, die ihr Schicksal bestimmen wird …

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Über das Buch

Die prächtigen Häuser von Landsdown Crescent thronen über der englischen Stadt Bath – hier stellt sich Rachel als Gesellschafterin vor und begegnet dem zurückgezogenen Jonathan zum ersten Mall. Obwohl ihn dunkle Erinnerungen zu quälen scheinen, zieht er sie in seinen Bann. Einst verlor er seine große Liebe Alice unter mysteriösen Umständen. Welches Geheimnis verbindet Rachel mit jener jungen Frau, die so plötzlich verschwand und der sie aufs haar gleicht? Immer tiefer gerät sie in eine Spurensuche, die ihr Schicksal bestimmen wird …

»Katherine Webbs stimmungsvollen Romanen ist die Authentizität anzumerken.«      Freundin Donna

»Katherine Webbs hat ein tolles Gespür für Atmosphäre. Ein wunderbarer Roman!«      Lucinda Riley

Über die Autorin

Katherine Webb, 1977 geboren, wuchs im englischen Hampshire auf. Nach ihrem Geschichtsstudium verbrachte sie einige Jahre in London und Venedig. Ihre Romane Das geheime Vermächtnis, Das Haus der vergessenen Träume und Das verborgene Lied waren internationale Erfolge und eroberten auch in Deutschland die Bestsellerlisten. Das fremde Mädchen ist der vierte Roman der Autorin. Katherine Webb lebt heute in einem Cottage in der Nähe von Bath, England.

KATHERINE WEBB

Das fremde

Mädchen

ROMAN

Aus dem Englischen

von Katharina Volk

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem TitelThe Misbegotten bei Orion Books,an imprint of the Orion Publishing Group Ltd, London.
Copyright © 2013 by Katherine WebbCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Diana Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion | Angelika LiekeCovergestaltung | t.mutzenbach design, München Covermotiv | © Susan Fox/Trevillion; Mauritius Images;Nejron/Shutterstock; Watin/ShutterstockAutorenfoto | © Jennie Frampton Satz | Leingärtner, NabburgAlle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-641-14267-4V006
www.diana-verlag.de

Wie schwer ist doch das Schicksal aller Weiblichkeit

In engen Schranken steter Untergebenheit

Der Eltern, bis wir in die Ehe gegeben,

Dann Sklavin des Mannes das restliche Leben.

The Ladies’ Case, Englisches Volkslied, 18. Jh.

Dein Herz ist einer anderen verbunden

Wie eines Liebesbaumes beide Stämmchen sich

So eng umschlingen, so fest umwunden,

Dass sie sich stützen, doch ist dort kein Platz für mich.

So mag’s wie Rosenranken mir gelingen,

Mich um euch beide wachsend hochzuschlingen.

1803

Der Tag, an dem das Kind aus dem Moor kam, war ein Tag betäubender Kälte. Unablässig wehte der Nordwind, von dem Ohren, Lunge und Knochen schmerzten. Die nackten Füße des Kindes durchbrachen bei jedem Schritt eine knisternde Eiskruste auf dem überfrorenen nassen Boden. Es kam von Westen her langsam auf das Gehöft zu, lautlos begleitet von dem angeschwollenen Fluss und der Sonne, die tief über seine Schulter spähte, unheilvoll und milchig trüb wie ein blindes Auge. Eine junge Frau trat aus dem Bauernhaus und ging über den Hof zum Hühnerstall. Sie schlang sich das Tuch fest um die Schultern und hob das Gesicht zum Himmel, um eine riesige Schar Stare zu beobachten, die sich in der Rosskastanie niederließen. So bemerkte sie das Kind zunächst gar nicht. Die Vögel zwitscherten und kreischten und wendeten im Flug wie ein einziges formloses Geschöpf, wie dichter Rauch, ehe sie alle auf einmal zwischen den kahlen Zweigen verschwanden.

Das kleine Mädchen ging einfach weiter, schnurstracks durch das Tor auf den Hof. Es zögerte kurz, als die junge Frau es schließlich bemerkte und es anrief – die Worte hörte es nicht, nur die Stimme, die es erschreckte. Schwankend blieb es stehen. Das Bauernhaus war groß, aus hellem Stein erbaut. Der Rauch aus den Schornsteinen verflog im Wind, und aus den Fenstern im Erdgeschoss fiel ein warmer gelber Lichtschein auf den matschigen Boden. Das Licht zog das Kind unwiderstehlich an, wie eine Motte. Licht versprach Wärme, Schutz, vielleicht sogar Essen. Mit steifen kleinen Schritten ging es weiter darauf zu. Der Weg vom Hof zum Haus hin stieg sanft an, und allein die Anstrengung dieser leichten Steigung ließ es taumeln und im Zickzack nach links und rechts stolpern. Es war schon so nah, dass es beinahe die Hand ausstrecken und sie in diesen goldenen Schein tauchen konnte. Doch dann fiel es hin und stand nicht wieder auf. Es hörte die junge Frau erschrocken aufschreien, dann wurde es gepackt und hochgehoben. Danach spürte es eine Weile nichts mehr.

Schmerzen in Händen und Füßen weckten es wieder. Das warme Blut pulsierte mit einem unerträglichen Kribbeln durch die Glieder. Das Kind zappelte, doch jemand hielt es fest. Es öffnete die Augen. Die junge Frau von vorhin hielt es auf dem Schoß, in eine Decke gewickelt. Neben ihnen bullerte ein großes Feuer in einem riesigen Kamin. Hitze und Licht raubten dem Kind beinahe den Atem. Über sich sah es Deckenbalken, flackernde Kerzen auf einem nahen Wandbord, und all das erschien ihm wie eine fremde Welt.

»Du willst die Kleine doch wohl nicht vor die Tür setzen – bei dieser Kälte!«, sagte die junge Frau. Ihre Stimme war sanft, aber leidenschaftlich. Das Kind blickte zu ihr auf und sah ein so bezaubernd schönes Gesicht, dass es sich fragte, ob ein Engel es auf seinem Schoß hielte. Der Engel hatte sehr helle Haare, wie frische Sahne. Ihre Augen waren riesig und tiefblau, mit langen Wimpern wie winzigen goldenen Federn. Sie hatte hohe Wangenknochen, einen etwas kantigen Kiefer und ein spitzes Kinn, gemildert von einem kleinen Grübchen.

»Sie ist eine Vagabundin, täuschen Sie sich ja nicht.« Diese Stimme war älter und klang grimmig.

»Was spielt das für eine Rolle? Sie ist ein Kind, und es wäre ihr Tod, noch eine Nacht im Freien zu verbringen, ohne etwas zu essen. Sieh her – sieh sie dir an! Nur Haut und Knochen, wie ein armes Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist.« Die junge Frau schaute auf das Kind herab, sah, dass es wach war, und lächelte.

»In der Nacht wird sie ihren Leuten die Tür aufschließen – das sage ich Ihnen. Sie wird sie hereinlassen, und dann werden sie uns alles rauben, was wir haben, Ihre Tugend eingeschlossen!«

»Ach, Bridget! Sei nicht immer so ängstlich! Du bist ja eine Sklavin deines eigenen Argwohns. Sie wird nichts dergleichen tun – sie ist doch noch ein Kind! Ganz ohne Arg.«

»Niemand hier ist so arglos wie Sie, Miss Alice«, brummte Bridget. »Aus mir spricht die Klugheit, nicht die Angst. Woher ist sie gekommen?«

»Ich weiß es nicht. Sie war plötzlich einfach da.« Die junge Frau zupfte mit den Fingerspitzen eine Feder aus dem Haar des Kindes. »Als hätten die Stare sie mitgebracht.«

»Welch alberne Vorstellung. Sie wimmelt gewiss von Läusen und anderem Ungeziefer – drücken Sie sie nicht auch noch an sich! Riechen Sie nicht, wie faulig sie stinkt?«

»Wie kannst du so über ein Kind sprechen, Bridget? Hast du denn gar kein Herz?« Alice zog die Kleine schützend noch enger an sich. Die drückte das Ohr an Alices Brust und hörte, wie deren Herz raste, obwohl sie so ruhig wirkte. Es rannte und zauderte und stolperte in seiner Hast. Sie spürte, wie schnell sich die Brust ihrer Retterin hob und senkte. »Sie wieder fortzuschicken käme einem Mord gleich. Kindsmord! Das tue ich nicht. Und du wirst es auch nicht tun.«

Einen Augenblick lang funkelten die beiden Frauen einander an. Dann stand Bridget von ihrem Stuhl auf und verschränkte die mageren Arme.

»Also schön, aber auf Ihre Verantwortung, Miss. Ich wasche meine Hände in Unschuld«, erklärte sie ernst.

»Gut. Danke, Bridget. Würdest du ihr bitte etwas Suppe bringen? Sie muss großen Hunger haben.« Erst als die ältere Frau den Raum verlassen hatte, legte sich Alices Anspannung ein wenig, und sie presste die freie Hand auf die Brust. Dann schaute sie auf das Kind herab und lächelte wieder. »Wenn ich mit Bridget streite, fängt mein Herz immer an zu stottern«, erklärte sie atemlos. »Wie heißt du, meine Kleine?« Doch das Kind konnte ihr nicht antworten. Seine Zunge fühlte sich an wie festgefroren, und es war übervoll von Wärme und diesem kribbelnden Gefühl. »Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Hier bist du sicher, du hast es warm, und zu essen bekommst du auch. Oh, sieh mal – noch eine!«, sagte Alice leise und zupfte eine weitere Feder aus seinem Haar. »Dann werden wir dich fürs Erste Starling nennen.« Starling starrte diesen Engel an, und in diesem Augenblick vergaß sie alles – wo sie gewesen war, zu wem sie gehörte, wie sie zuvor geheißen hatte und wie der Hunger in ihrem Bauch tobte. Sie vergaß alles und wusste nur noch, dass sie Alice liebte und immer bei ihr bleiben würde und alles tun wollte, was Alice wünschte. Dann schlief sie ein.

1821

Böse Vorzeichen prägten den Tag ihrer Hochzeit. Rachel bemühte sich, ihnen keine Bedeutung beizumessen, denn der vernünftige Teil ihres Geistes glaubte natürlich nicht daran. Doch die Zeichen mehrten sich. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Mutter sie für solch geistige Schwäche sanft getadelt hätte, mit einem Lächeln, um die Worte zu mildern. Die Nerven, meine Liebe. Nur ein Anflug von Nervosität. Rachel sah sie trotzdem, immer mehr davon, und all die Zeichen kamen ihr wie Warnungen vor. Eine einsame Elster stolzierte über den Rasen. Eine Misteldrossel sang auf dem Torpfosten. Sie trat beim Ankleiden auf ihren Unterrock, und er riss am Bund auf. Als sie die Stoffstreifen aus ihrem Haar wickelte, fielen sämtliche Locken sogleich in sich zusammen. Doch immerhin war dies der erste trockene Tag seit über einer Woche – das war gewiss ein gutes Zeichen. Es war früher September, und während der letzten Augusttage war das Wetter recht stürmisch geworden, mit heftigem Regen und starkem Wind, der die grünen Blätter von den Bäumen riss. Rachel hatte gehofft, dass bis zu ihrer Hochzeit noch Sommer sein würde, doch nun war eindeutig Herbst. Ein weiteres Zeichen. Mit schmerzenden Armen ließ sie von ihrem Haar ab und trat ans Fenster. Die Sonne schien, aber sie stand tief, und ihr Licht war spröde – die Art Sonnenschein, die einem in die Augen stach und nicht wärmte, nur blendete. Heute stehe ich zum letzten Mal an einem der Fenster von Hartford Hall und wünsche mich weit fort von hier, sagte sie sich, und dieser Gedanke übertrumpfte alle bösen Omen. Morgen schon würde sie in einem neuen Leben erwachen, in einem neuen Zuhause, als neuer Mensch. Als Ehefrau – keine alte Jungfer, kein Niemand mehr.

Rachels Mutter hätte nicht nur die vermeintlichen Vorzeichen abgetan, sondern ihrer Tochter gewiss auch versichert, dass diese Verbindung vorteilhaft war, in Anbetracht der Umstände. Anne Crofton war eine praktisch denkende Frau gewesen – gütig und liebevoll, aber durch und durch pragmatisch. Sie hatte Rachels Vater nicht aus Liebe, sondern aus Vernunft geheiratet, ihn aber später lieben gelernt. Auch Rachels gründliche, umsichtige Überlegung, ob sie Richard Weekes’ Antrag annehmen sollte, hätte die volle Zustimmung ihrer Mutter gefunden. Zwar war sie von höherer Geburt als er, aber seine Aussichten waren gut, sein Geschäft florierte. Mit dessen Einnahmen war er sehr wohl in der Lage, einer Ehefrau ein bescheidenes, aber komfortables Auskommen zu sichern. Seine Manieren waren ein wenig derb, sein Charme jedoch bestechend, und auf der Grundlage dieses angeborenen Charmes würde Rachel alles andere formen können. Ein ungeschliffener Diamant, den sie zum Strahlen bringen würde. Und wie vornehm ihr eigenes Elternhaus auch gewesen sein mochte, so blieb doch die Tatsache, dass ihr jetziger Stand ein recht niederer war. All das konnte sie ihre Mutter förmlich sagen hören, wenn sie abends die Augen schloss und ihre Eltern so schmerzlich vermisste, als steckte diese Pein in ihren Knochen. Und die Stimme ihres Vaters … nun, er hätte weniger dazu gesagt. Rachel hätte nur die Bedenken in seinem Blick gesehen, denn John Crofton hatte aus Liebe geheiratet und stets erklärt, das hätte ihn zum glücklichsten Mann auf Erden gemacht.

Rachel hatte allerdings ein Gegenargument für ihn: Sie wusste, dass Richard Weekes sie liebte. Also ging sie diese Verbindung unter ganz ähnlichen Voraussetzungen ein wie damals ihre Eltern, und sie hoffte, ebenso glücklich zu werden. Rachel hatte nicht an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt – bis sie im Juni Richard begegnet war und selbst mit angesehen hatte, wie diese Liebe ihn traf wie ein Blitzschlag. Er war mit einer Auswahl Bordeaux-Weine nach Hartford Hall gekommen, die Sir Arthur Trevelyan verkosten wollte, und wartete im kleinen Salon, als Rachel auf der Suche nach einem Kartenspiel hereinkam. Draußen braute sich nach einer Woche schwüler Hitze ein Sommergewitter zusammen. Der Himmel hatte sich verdunkelt, und ein seltsames Wetterleuchten flammte immer wieder auf und verschwand, wie Glühwürmchen am Himmel. Ihre beiden jüngeren Schützlinge waren unruhig und schlecht gelaunt, und sie wollte sie mit einer Partie Whist ablenken. Sie wusste nicht, dass sich jemand im Salon aufhielt, und platzte in wenig damenhafter Hast und mit gerunzelter Stirn herein. Richard sprang auf und zupfte seinen Rock zurecht, und Rachel hielt abrupt inne. Einen sich ausdehnenden Moment lang standen sie einander reglos und stumm gegenüber, und in der nächsten Sekunde sah Rachel es geschehen.

Richards Augen weiteten sich, und die Worte, die ihm schon auf der Zunge lagen, kamen nicht über seine Lippen. Erst wurde er sehr bleich, dann errötete er heftig. Er starrte sie völlig gebannt, ja beinahe ehrfürchtig an. Rachel ihrerseits war einfach zu erschrocken, und auch sie brachte die Entschuldigung für ihr Eindringen nicht heraus. Selbst in dem schwachen Licht, das von draußen hereindrang, sah er auffallend gut aus. Er war groß und breitschultrig und wirkte stattlich, obgleich er sich nicht besonders aufrecht hielt. Er hatte hellbraunes Haar, blaue Augen und einen kräftigen Kiefer. Unter seinem direkten Blick errötete auch Rachel unwillkürlich. Sie war gewiss nicht schön genug, um jemanden allein mit ihrem Gesicht oder ihrer Figur derartig aus der Fassung zu bringen – sie war groß, ihr Körper zu schmal und zu wenig gerundet. Ihr Haar war von einem sehr hellen Blond, aber zu fein, und es wollte sich einfach nicht in Locken legen lassen. Ihre Augen mit den schweren Lidern waren groß, dafür war ihr Mund ein wenig zu klein geraten. Was also hätte diese Reaktion hervorrufen können außer einer Erkenntnis? Der Erkenntnis, dass dies die Person war, nach der er gesucht hatte, ohne es auch nur zu ahnen. Hier war er, der Kontrapunkt seiner Seele, der Harmonie schaffen würde.

Als endlich Sir Arthurs Schritte zu vernehmen waren und die beiden aus diesem Zauber lösten, schimmerte ein dünner Schweißfilm auf Richards Oberlippe. Rachel knickste wenig anmutig und wandte sich zum Gehen, ohne ihr Kartenspiel. Da rief Richard: »Miss … bitte verzeihen Sie.« Seine Stimme war tief und weich und ließ sie nicht wieder los.

Sie ging hinauf zu den Kindern und war eigenartig atemlos und verstört. Eliza, die älteste Tochter des Hauses, saß mit angezogenen Beinen auf einer Fensterbank und las. Sie blickte auf und machte ein finsteres Gesicht.

»Was haben Sie denn?«, fragte sie voller Verachtung. Elizabeth hatte wirklich Glück, so dunkelhaarig, zart und hübsch zu sein. Einem reizloseren Mädchen hätte niemand diese scharfzüngige, gehässige Art nachgesehen, doch Eliza hatte mit ihren fünfzehn Jahren bereits zahlreiche Bewunderer.

»Nichts, was dich beträfe«, entgegnete Rachel kühl. Während ihrer sechs Jahre als Gouvernante auf Hartford Hall hatte es ihr des Öfteren in den Fingern gejuckt, Elizas freches Mundwerk mit einer Ohrfeige zum Verstummen zu bringen.

In den Wochen darauf erschien Richard Weekes da und dort, ganz unerwartet und unter dem Vorwand, er habe in der Nähe zu tun – vor der Kirche, neben dem Dorfladen, am Sonntagnachmittag auf dem Anger, wo sich alles auf ein Schwätzchen traf. Er kam mehrmals nach Hartford, vorgeblich, um sich zu erkundigen, wie die jüngst gelieferten Weine mundeten. Er erschien so oft, dass Sir Arthur ihm gegenüber gereizt und brüsk auftrat. Dennoch kam Richard Weekes weiterhin und hielt sich möglichst lange auf, und wenn er Rachel entdeckte, fand er stets eine Gelegenheit, sich mit ihr zu unterhalten. Dann bat er sie um die Erlaubnis, ihr schreiben zu dürfen, und Rachel spürte ein seltsames Flattern im Magen, denn von diesem Augenblick an waren seine Absichten ganz unmissverständlich. Seine ungelenke Handschrift war schwer zu entziffern, da sich die einzelnen Buchstaben störrisch weigerten, sich mit ihren Nachbarn zu verbinden. Die Briefe waren von drolligen Eigenheiten geprägt, was Rechtschreibung und Grammatik anging, doch die Botschaften, die sie enthielten, waren zärtlich und inbrünstig.

Rachel hatte bisher nur einen einzigen Heiratsantrag erhalten, obgleich ihre Familie früher einmal, vor jener Schmach, wohlhabend und hoch angesehen gewesen war. Eine Schönheit war sie nie gewesen, aber attraktiv und gewandt genug, um mehr als einen jungen Herren für sich einzunehmen. Doch gab sie keinem von ihnen je Grund zur Hoffnung, nicht die geringste Ermunterung, und so kam es, dass nur ein einziger von ihnen schließlich den Mut fand, um ihre Hand anzuhalten: James Beale, der Sohn eines Nachbarn, dem eine philosophische Laufbahn in Oxford in Aussicht stand. Sie hatte ihn so freundlich wie möglich abgewiesen, weil sie das Gefühl gehabt hatte, dass sie warten sollte – worauf, hätte sie allerdings nicht sagen können. Schon damals hatte ihre Familie Verluste verkraften müssen, doch es war nicht die Trauer, die sie davon abhielt, ihn zu heiraten. Nein, es hatte irgendetwas gefehlt, das sie kaum richtig benennen konnte – ein gewisses Maß an Überzeugung vielleicht. Sie war keine Romantikerin und erwartete nicht, dass ihrer Seele Flügel wuchsen, wenn sie ihrem zukünftigen Ehemann begegnete. Doch sie hatte gehofft, irgendetwas zu empfinden, jedenfalls ein wenig mehr. So etwas wie Gewissheit, Erfüllung.

Richard Weekes verdarb seinen Antrag, denn als es so weit war, stolperte er mit flammenden Wangen über die eigenen Worte. Doch gerade diese plötzlich zutage gekommene Verletzlichkeit hätte Rachel in diesem Augenblick beinahe dazu gebracht, den Antrag anzunehmen. An einem warmen Nachmittag im Juli unternahmen sie einen Spaziergang, anstandshalber in Begleitung der Kinder. Die Landschaft um Hartford Hall, nahe dem Dorf Marshfield nördlich von Bath, war eher golden denn grün, wie schläfrig vor Wärme und Licht. Der Sommer war heiß gewesen, der Weizen früh gereift, und die Wiesen standen voller Wildblumen – Mohn, Kornblumen und Vogelwicken. Auf einer am Hang gelegenen Weide, wo es nach Erde und frischem Kuhdung roch, hielten sie im Schatten einer Buche inne, während die Kinder weiter durch das hohe Gras tollten wie kleine Schiffe auf einem gräsernen Meer. Nur Eliza setzte sich ein Stück entfernt auf die niedrige Mauer, schlug ein Buch auf und wandte ihnen demonstrativ den Rücken zu.

»Ein herrliches Fleckchen Erde, nicht?«, bemerkte Richard, der mit im Rücken verschränkten Händen neben ihr stand. Er hatte seinen Rock ausgezogen und die Hemdsärmel aufgerollt, und Rachel bemerkte seine kräftigen Arme und die rauen, rissigen Hände. Die Hände eines Arbeiters, nicht die eines Gentleman. Er trug hohe, ausgetretene Lederstiefel über einer dunkelbraunen Hose, und seine blaue Weste war ihm ein wenig zu groß. Gebraucht erstanden und nicht passend geändert. Das macht den Mann nicht weniger achtbar, dachte Rachel.

»Die Aussicht von hier mag ich besonders«, stimmte Rachel ihm zu. Hinter einem Streifen Birken und Kopfweiden am Fuß des Hangs schwang das Land sich im Karomuster der Felder wieder empor. Hoch über ihnen am wolkenlosen Himmel rief ein junger Bussard seinem Elterntier etwas zu. Seine Stimme klang noch sehr kindlich und pfeifend, obgleich das Tier Hunderte Fuß über ihren Köpfen dahinflog. Die Haut auf Rachels Nasenrücken spannte, und sie hoffte, dass sie keinen Sonnenbrand bekommen hatte. Ihr Strohhut juckte an der Stirn.

»Gewiss möchten Sie Hartford am liebsten nie verlassen«, sagte Richard.

»Ich bin sicher, dass es viele Orte auf der Welt gibt, die ich ebenso lieb gewinnen könnte. Und wenn man einen Ort auch einmal verlassen hat, so kann man ihn doch immer wieder besuchen«, entgegnete Rachel.

»Ja. Sie könnten immer wieder zu Besuch kommen.« Richard Weekes schien zu spüren, dass er zu viel gesagt hatte. Er starrte auf seine Füße hinab und verlagerte leicht das Gewicht. »Sie sind hier in der Nähe aufgewachsen, nicht wahr?«

»Ja. Meine Familie stammt aus dem Bybrook-Tal, keine sechs Meilen von hier entfernt. Und ich habe drei Jahre lang die Saison in Bath verbracht, ehe … ehe meine Mutter von uns ging.« Ehe alles in Stücke brach, dachte sie bei sich.

»Verzeihen Sie, ich wollte keine traurigen Erinnerungen wecken.«

»Das haben Sie nicht – es sind glückliche Erinnerungen, Mr. Weekes.«

Nach einer kurzen Pause räusperte Richard sich leise und fuhr fort: »Ich nehme also an, Sie haben noch Verbindungen in Bath und der Umgebung? Leute, deren Bekanntschaft Sie während Ihrer Zeit dort gemacht haben?«

»Einige, ja«, antwortete Rachel verlegen. Er schien nicht zu begreifen, dass die Schmach ihres Vaters jeglichen gesellschaftlichen Umgang beendet hatte, und sie verspürte auch nicht den Wunsch, es ihm zu erklären. Sie hatte den Verlust beider Eltern erwähnt, und das schien er als Grund dafür hinzunehmen, dass sie Gouvernante geworden war, ohne dahinter eine Schande oder Notlage zu vermuten. »Aber ich war schon viele Jahre lang nicht mehr dort.«

»Oh, man hat Sie gewiss nicht vergessen, Miss Crofton. Da bin ich mir sicher. Es wäre ganz unmöglich, Sie zu vergessen«, erklärte er hastig.

»In der Stadt herrscht ein ständiges Kommen und Gehen«, wehrte sie bescheiden ab. »Sind Sie in Bath aufgewachsen?«

»Nein, keineswegs. Sehr ländlich, genau wie Sie. Mein Vater war Stallbursche. Aber das Leben in der Stadt gefällt mir viel besser. In Bath fühle ich mich sehr wohl – ich möchte nirgendwo anders leben. Obwohl es natürlich auch dort Sünde und Elend gibt, wie überall auf der Welt, und sie sind vielleicht umso deutlicher sichtbar, wo so viele Menschen dicht zusammengedrängt wohnen.«

»Das Leben kann grausam sein«, murmelte Rachel, die sich fragte, weshalb er so etwas erwähnte.

»Das Leben, ja, aber auch die Menschen. Einmal habe ich gesehen, wie ein Mann ein kleines Kind schlug – einen halb verhungerten, zerlumpten Jungen, höchstens sechs Jahre alt. Als ich eingriff, erklärte der Mann, dass ein Apfel von seinem Karren gefallen sei und das Kind ihn aus dem Rinnstein stibitzt habe. Und für dieses Vergehen hat er das arme Kerlchen mit einem Knüppel geschlagen.« Richard schüttelte den Kopf und blickte in die sonnige Szenerie hinaus, und Rachel wartete. »Schließlich kam es zu Handgreiflichkeiten. Ich fürchte, ich habe ihm den Kiefer gebrochen.« Er wandte sich wieder ihr zu und sah sie an. »Schockiert Sie das? Sind Sie entsetzt über mich, Miss Crofton?«

»Ob mich was schockiert? Dass ein grausamer Mann ein Kind wegen eines Apfels geschlagen hat oder dass Sie eingegriffen und ihn bestraft haben?«, fragte sie ernst. Er ist so bemüht, mich wissen zu lassen, dass er mutig, gerecht und mitfühlend ist. Richard blickte besorgt drein, also lächelte sie. »Die grausame Misshandlung des Kindes war bei Weitem das größere Übel, Mr. Weekes.«

Da ergriff Richard ihre Hand, und auf einmal nahm Rachel Elizas steifen Rücken, ihre gespitzten Ohren und das ferne Lachen der anderen Kinder überdeutlich wahr. Eine Brise ließ die Blätter der Buche zittern und strich ihr eine Strähne ihres hellen Haars über die Wange. Jetzt ist es so weit.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie sehr ich Sie – bewundere, Miss Crofton. Dass ich Sie liebe, wie ich noch nie eine Frau geliebt habe. Sie müssen meine Frau werden.« Richards Stimme war so angespannt, dass dieser Antrag wie ein barscher Befehl klang, und seine Wangen verfärbten sich dunkelrot. Er starrte wieder auf seine Füße hinab, ließ jedoch ihre Hand nicht los. Das ergab beinahe den Eindruck einer kleinen Verbeugung, einer flehentlichen Geste. »Die Verbindung wäre für uns beide vorteilhaft, da bin ich mir sicher. Ihre vornehme Herkunft und Ihre Umgangsformen sind – so einnehmend, Miss Crofton. Ihre Verbindungen in Bath … Unser beider vereinte Mittel, meine ich, können nur … vermögen unsere gemeinsame Zukunft nur noch … Was ich damit sagen will: Werden Sie meine Frau, ich bitte Sie von Herzen.« Er hüstelte und sammelte sich. »Wenn Sie mir die große Ehre erweisen würden, mich zu ehelichen, werde ich mein Leben danach ausrichten, für Sie zu sorgen und Ihnen alle Annehmlichkeiten zu bieten, das schwöre ich.« Er atmete tief durch und blickte dann auf, als wagte er es kaum. Der zweite Heiratsantrag, bald ein Jahrzehnt nach dem ersten. Dieser ist weit weniger gewandt, doch er wird zweifellos der letzte sein. Rachel war sich keineswegs sicher, aber der Himmel war so strahlend blau, seine Hand so warm, und die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben, während er ihre Antwort auf seine unbeholfenen Worte erwartete. Die Sonne schimmerte auf seinen ausgeprägten Wangenknochen und seinem kräftigen Kiefer. Ein schönes Gesicht, und so erhitzt vor lauter Liebe zu mir. Da ging ihr das Herz auf, nur einen kleinen Spaltbreit. Der Hauch einer unerwarteten, lang vermissten Gefühlsregung trieb ihr Tränen in die Augen.

»Ja. Ich werde Sie heiraten, Mr. Weekes«, sagte sie.

Rachel und Richard sollten gleich nach der Trauung in der Kapelle bei Hartford Hall nach Bath abreisen, wo Rachel fortan in Richards Haus leben würde.

»In welcher Straße liegt es denn?«, fragte Eliza sofort, als sie von diesem Plan erfuhr.

»Das habe ich vergessen. Kingsgate vielleicht?«, antwortete Rachel ausweichend mit einem erfundenen Namen. Tatsächlich lag das Haus in der Abbeygate Street, und Rachel war recht elend zumute gewesen, nachdem sie das dem Kindermädchen Mina Cooper erzählt und beobachtet hatte, wie die freundliche Frau etwas Gutes über diese Adresse zu sagen versuchte. Die Gegend hat sich sicherlich gemacht, seit ich zuletzt dort war.

»Kingsgate? Der Name sagt mir gar nichts. Die Straße kann nicht in einem der besseren Viertel liegen, wenn ich noch nie davon gehört habe.«

»Möglicherweise gibt es auf dieser Welt manche Dinge, von denen du noch nichts gehört hast, Eliza.« So wusste Rachel jetzt beispielsweise einiges über Richard, was nur wenigen bekannt war. Etwa, dass er trotz seines jugendlichen Äußeren die dreißig schon überschritten hatte. Dass er am liebsten Brot in die heiße Butter getunkt aß, in der zuvor Pilze gebraten worden waren. Dass er Angst vor dem Reiten hatte, seit er als Kind einmal abgeworfen worden war. Dass sein Vater zwar ein niederer Stallknecht gewesen war, Richard selbst jedoch hart gearbeitet, Bildung erworben, seinen guten Geschmack entwickelt und es dadurch zu einem der erfolgreichsten Wein- und Spirituosenhändler von Bath gebracht hatte.

All das erzählte er ihr ungefragt, wie ein Mann, der sich entblößte – er zeigte ihr das Gute wie das Schlechte, damit sie alles über ihn wisse, und dadurch erwarb er ihr Vertrauen. Ihm schien nicht aufzufallen, dass er ihr umgekehrt kaum Fragen gestellt und sie ihm nur wenig über sich erzählt hatte. Und jede Einzelheit, die er ihr mitteilte, weckte ein Dutzend neue Fragen in ihrem Hinterkopf. Die neugierige Beobachterin dort war so unauffällig wie ein Schatten. Rachel kam sie vor wie das ferne Echo einer Stimme aus großer Tiefe – ein Teil ihrer selbst, der sich irgendwie abgespalten hatte in jenen Jahren der Trauer und Verluste nach ihrer glücklichen Kindheit. Doch sie liebte diese Stimme, und wenn sie sie vernahm, spürte sie den schmerzlichen Stich einer tief sitzenden Trauer, verbunden mit der Freude darüber, sie wieder einmal zu hören, und sei es noch so leise. Was Richard Weekes anbelangte, klang sie beinahe kindlich, voller Faszination, schüchterner Freude und flüchtigem Zweifel.

Sir Arthur und Lady Trevelyan erklärten pflichtschuldig, dass sie Rachel vermissen würden, als sie ihnen kündigte. Vor allem bedauerten sie vermutlich, dass sie sich eine neue Gouvernante würden suchen müssen. Nur Frederick, der Jüngste, schien wahrhaft betrübt über die Aussicht, Rachel zu verlieren. Als er die Arme um ihre Taille schlang und den Kopf in ihre Röcke drückte, um seine Tränen zu verbergen, empfand auch Rachel echtes Bedauern.

»Du bist ein guter Junge, Freddie, und ich werde dich sehr vermissen. Hoffentlich werden wir einander recht oft besuchen«, sagte sie zu ihm.

»Das bezweifle ich«, warf Eliza ein. »Bath ist heutzutage so langweilig und irgendwie – verkümmert. In Zukunft werden wir wohl eher nach Lyme reisen, nehme ich an. Und selbst wenn wir einmal nach Bath kämen, würden wir uns wohl in sehr unterschiedlichen Kreisen bewegen.« Aus Elizas immer boshafterer Art las Rachel auch einen Hauch Kummer heraus. Sie fürchtete, Eliza gehöre zu jenen Menschen, die ihren wahren Gefühlen nur durch Wut Ausdruck verleihen konnten. Deshalb brachte sie die Größe auf, zu dem Mädchen hinüberzugehen und es auf die Wange zu küssen.

»Werde glücklich, Eliza. Und bemühe dich, ein wenig liebenswürdiger zu sein«, sagte sie. Eliza machte ein schrecklich finsteres Gesicht und wandte den Kopf ab. Eisern schweigend starrte sie zum Fenster hinaus, als hätte sie nichts lieber getan, als es aufzureißen und davonzufliegen, hinaus in die Welt, weit fort von ihrem Elternhaus mit all seinen Mauern und Türen, seinen strengen Linien und noch strengeren Regeln.

Als es an der Tür klopfte, wandte Rachel sich vom Fenster ab. Ihr Hochzeitskleid – in Wahrheit ihr einziges gutes Kleid aus beigefarbener Baumwolle mit kurzen Ärmeln, unter der Büste gerafft – glitt um ihre Knöchel. Sie spürte die erschlafften Locken im Nacken und fragte sich, ob es zu spät sei, noch etwas an ihrer Frisur zu ändern. Eliza betrat Rachels Zimmer, ohne eine Antwort auf ihr Klopfen abzuwarten.

»Wenn Sie so weit wären, den Weinhändler zu heiraten – Vater hat den Landauer für Sie vorfahren lassen. Ich habe ihm gesagt, dass die fünfzig Schritte bis zur Kirche leicht zu bewältigen sind, aber er besteht darauf, dass zu einer Hochzeit eine Kutsche gehört«, sagte sie gelangweilt. Sie trug ein wunderschönes Kleid aus cremefarbenem Satin mit aufwendigen Stickereien, viel schöner als alle Kleider, die Rachel besaß. Rachel betrachtete das als letzte Demonstration der Taktlosigkeit ihres ehemaligen Schützlings.

»Danke, Eliza. Ich bin so weit.«

»Aber – Ihr Haar …«

»Meine Frisur wird genügen müssen. Es ist ohnehin windig draußen. Außerdem ist das Mr. Weekes nicht so wichtig.«

»Ihm vielleicht nicht, aber Sie sollten mehr darauf achten. Setzen Sie sich einen Moment.« Eliza nahm ein paar Haarnadeln von der Frisierkommode und machte sich daran, ein paar der widerspenstigen Strähnen festzustecken. »Sie hätten Bessie rufen sollen, damit sie Ihnen hilft«, brummte sie.

»Wie du bereits oft genug betont hast, hat Bessie reichlich zu tun, ohne mir auch noch das Haar machen zu müssen.«

»Heute ist Ihr Hochzeitstag, Miss Crofton. Und es ist mir unbegreiflich, weshalb Sie sich weigern, künstliche Stirnlocken zu tragen. Miss Crofton, Miss Crofton – ich dachte, Sie würden diesen Namen gern noch ein paarmal hören, ehe Sie Mrs. Weekes werden.«

»Es ist sehr freundlich von dir, zu einer Hochzeit zu erscheinen, die du so missbilligst«, bemerkte Rachel belustigt.

»Ich habe nie behauptet, dass ich sie missbillige. Mr. Weekes ist … Nun ja. Ganz passend für Sie, nehme ich an.« Eliza zuckte mit den Schultern.

»Ein guter, ehrlicher Mann, der mich liebt. Ja, das würde ich als ganz passend bezeichnen«, entgegnete Rachel und sah im Spiegel, wie Eliza leicht errötete und die Lippen zusammenpresste. Auf einmal kam ihr der Gedanke, dass Eliza sie womöglich insgeheim beneidete. Sie hatte das Mädchen mehr als einmal dabei ertappt, wie es Richard Weekes von einem Fenster aus verstohlen beobachtet hatte. Er hatte etwas Romantisches an sich und sah sehr gut aus – mehr brauchte es nicht, um eine Fünfzehnjährige zu bezaubern. Rachel war bewusst, dass sie sich über diesen Gedanken nicht freuen sollte, weil Eliza im Grunde noch ein Kind war. Dennoch stand sie viel entschlossener und zuversichtlicher von ihrem Stuhl auf, als sie darauf Platz genommen hatte.

Sie ging die breite Treppe mit dem geschwungenen Geländer hinunter, über den prächtigen Orientteppich im Entree und auf die hohen Flügel der Haustür zu. Ihr Spiegelbild begleitete sie und huschte wie ein geselliger Geist von einem Spiegel zum nächsten neben ihr her. Diese Dualität hatte etwas zutiefst Tröstliches. Rachel verspürte die starke Versuchung, ihr Abbild als eigene, von sich getrennte Persönlichkeit zu betrachten. Sie wagte es nicht, den Kopf nach den Spiegeln zu drehen, denn sie wusste, was sie sehen würde – nur sich selbst, nun doch ohne Gefährtin an ihrer Seite. Wahrscheinlich würde sie nie wieder einen Fuß in ein so prachtvolles Anwesen setzen, aber Hartford Hall war auch kalt und starr. Man hörte hier wenig Lachen, trotz der Kinder, und sah nur selten Gäste. Rachel hatte das Haus immer als traurig und zu still empfunden nach der herzlichen Fröhlichkeit in ihrem Elternhaus und dem ständigen Mädchengeschwätz im Pensionat. Sie rief sich in Erinnerung, wie ihr Vater und ihr kleiner Bruder Christopher miteinander gerungen hatten – sie hatten sich auf dem Teppich gewälzt und sich gegenseitig gekitzelt, bis sie sich vor Lachen nicht mehr rühren konnten. Sie versuchte sich diese Szene mit Sir Arthur und Freddie vorzustellen, und es gelang ihr nicht. Aber vielleicht hatte sie selbst in der Trauer um ihre Eltern einen Teil dieser Stille mit hierhergebracht, denn etwas in ihr war mit ihnen gestorben. Zumindest fühlte es sich so an.

Ihre Mutter war nach einem schweren Anfall von ihnen gegangen, und ihr Vater folgte ihr drei Jahre später, nachdem die Trauer ihn in den Ruin getrieben hatte. Ihr gesamtes Mobiliar war verkauft worden, weil er seine Schulden nicht hatte begleichen können. Die genaue Todesursache war den Ärzten ein Rätsel gewesen, aber Rachel hatte seinen Gesichtsausdruck bei ihrem allerletzten Gutenachtkuss gesehen und war überzeugt davon, dass ihr gütiger, freundlicher Vater an Scham gestorben war. Der Gedanke war zu schmerzlich, also bemühte sie sich, ihn zu verscheuchen. Da war die Elster wieder – als die Kutsche vor der Haustür anrollte, saß sie auf dem Torpfosten. Eine bringt Kummer. Rachel hob zwei Finger zum Gruß an den Vogel, aller Rationalität zum Trotz.

Nervosität. Weiter nichts. Immerhin würde ihr Leben sich nun unwiderruflich verändern. Da war es verständlich, wenn sie aufgeregt war, vor allem, da sie sämtliche Entscheidungen allein treffen musste, ohne sich Rat bei ihren Eltern holen zu können. Vielleicht brauche ich nur irgendeine Bestätigung, dass ich das Richtige tue. Sie hatte Richard recht gut kennengelernt und vertraute ihm, doch ihre Verlobung war sehr kurz gewesen. Manchmal, wenn er lächelte, hatte sie das Gefühl, andere, ernstere Gedanken in seinem Blick zu spüren. Und manchmal, wenn er ernst dreinblickte, tanzte stille Belustigung in seinen Augen. Manchmal blickte sie auf und sah, dass er sie mit einem Gesichtsausdruck beobachtete, den sie nicht entschlüsseln konnte. Solche Dinge ergeben sich mit der Zeit. Ich werde lernen, ihn zu lesen, und er mich. Doch er hatte ihr immer wieder gesagt, dass er sie liebte, und ihr ewige Treue geschworen. Und bei ihrer ersten Begegnung hatte sie ihre Wirkung auf ihn ja mit eigenen Augen gesehen. Dennoch pochte ihr Herz, als sie ganz allein zum Altar ging, wo er auf sie wartete. Sie hatte keinen männlichen Verwandten, der sie hätte führen können. Schon lange vor dem Tod ihrer Mutter war ihr Bruder Christopher im Alter von neun Jahren von einem Fieber dahingerafft worden, und Sir Arthur hatte sich nicht erboten, diese familiäre Pflicht zu übernehmen. Die Kirchenbänke auf der Seite der Braut waren fast leer, doch sie stellte sich alle ihre lieben Verstorbenen vor, mit fröhlichen Mienen voller Zustimmung zu ihrer Entscheidung. Sie hielt sich betont aufrecht und ging gemessenen Schrittes an ihnen vorbei.

Richard trug seinen besten blauen Rock und eine makellos weiße Krawatte. Er hatte sich das Haar zurückgekämmt und war glatt rasiert. Hinreißend sah er aus, als er ihr mit ein wenig beklommenem Blick entgegenschaute. Während der Geistliche die Anwesenden begrüßte, stand Richard so dicht neben ihr, dass ihre Arme aneinandergepresst wurden. In dieser Berührung schien ein Versprechen zu liegen – das Versprechen, dass bald nichts mehr, nicht einmal Stoff, zwischen ihrer Haut und seiner liegen würde. Bei dem Gedanken wurde Rachel noch nervöser. Die Sonne schien warm durch das Kirchenfenster. Sie konnte Richards Rasierseife riechen, einen Hauch Kampfer von seinem Rock und den lebendigen, maskulinen Geruch von frischem Schweiß. Während der Pastor seine Rede hielt, richtete sie den Blick zur Seite und sah, dass Richard das Kruzifix über dem Altar anstarrte. Sein Kiefer war sichtlich verkrampft, doch als er aufgefordert wurde, sein Gelöbnis abzulegen, wandte er sich ihr zu und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Obwohl Rachel sich sehr bemühte, ruhig zu bleiben, war ihre eigene Stimme so leise und erstickt, dass der Pastor offenbar Mühe hatte, sie zu verstehen. Als es geschafft war, führte Richard ihre Hand an die Lippen, schloss die Augen und verneigte sich vor ihr.

»Mrs. Weekes. Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt«, flüsterte er, und dann lachte er laut heraus, als könnte er sich vor lauter Freude nicht mehr beherrschen.

Starling pustete verärgert gegen eine Locke ihres rötlichen Haars an, die ihr immer wieder vor die Augen fiel. Ihre Hände waren klebrig von Zwiebelsaft, deshalb wollte sie die Strähne nicht zurückstreichen. Die Küchengerüche hafteten ohnehin immer lange an ihr. Obwohl sie ein Stück trockenes Brot auf ihre Messerspitze gespießt hatte – ein Kniff, auf den Bridget schwor –, brannten ihr die Zwiebeldünste in den Augen, und nun fing auch noch ihre Nase an zu jucken. Daher biss sie schon gereizt die Zähne zusammen, als Dorcas sich neben sie schlich. Mehrmals strich Dorcas sich die Schürze glatt und rang sich dann ein kurzes, dünnes Lächeln ab. Sie drückte sich zögerlich hinter Starling herum wie eine Fliege, die nicht recht weiß, wo sie sich niederlassen soll. Starling holte tief Luft, legte das Messer zur Seite und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dorcas machte ein finsteres Gesicht, und Starling sah ihr an, wie sehr es ihr zuwider war, ein einfaches Küchenmädchen um einen Gefallen zu bitten.

Die Sonne war gerade erst untergegangen und die Lampen noch nicht angezündet. Das Feuer ließ bizarre Schatten an den Wänden tanzen.

»Machst du es heute, Starling? Du weißt doch, wie schlimm er gestern war«, platzte Dorcas schließlich heraus. Das magere Hausmädchen mit dem Pferdegebiss und den schmalen, beinahe wimpernlosen Augen schwitzte. Starling hätte aber nicht sagen können, ob es die Anspannung war oder die Hitze der Kochstellen.

»Na, ist das eine Art, vom Herrn zu sprechen?« Starling war zu gereizt, um es Dorcas leicht zu machen. Soll sie doch betteln, dachte sie.

»Komm mir nicht so von oben herab, Starling. Du weißt genau, was ich meine«, erwiderte Dorcas. Starling musterte sie und sah echte Angst in den Augen des Dienstmädchens. Sie verschloss ihr Herz dagegen.

»Ich weiß nicht, warum du erwartest, dass ich deine Arbeit tue, Dorcas Winthrop. Ich sehe dich auch nicht hier unten stehen und Berge von Zwiebeln für die Suppe schneiden.« Dorcas blähte vor Abscheu die Nasenflügel.

»Ich bin das oberste Zimmermädchen. Ich verrichte keine Küchenarbeit.«

»Du bist das einzige Zimmermädchen, also geh und tu deine Arbeit und lass mich in Ruhe.« Starling wandte sich wieder den Zwiebeln zu und spürte die hilflose Wut, mit der Dorcas sich zurückzog.

Die Küche des Hauses im Lansdown Crescent in Bath hatte eine Gewölbedecke und Fenster hoch oben, denn der Raum lag halb unter der Erde. Die Fenster gingen auf einen schmalen, schattigen Hof und ließen nicht viel Licht herein. Der große Kellerraum schmiegte sich unter die Grundmauern des Gebäudes und stützte das Haus darüber in mehr als einer Hinsicht. Starling kam er manchmal vor wie der Bau eines Tieres – die Dienstboten eilten tagein, tagaus rastlos darin herum, mit Schmutzrändern unter den Fingernägeln und getrocknetem Schweiß in den Kleidern, und blinzelten, wenn sie einmal ans Tageslicht kamen. Die Köchin, Sol Bradbury, kicherte verhalten, als Dorcas schließlich widerstrebend die Treppe hinaufschlich.

»Du kannst wirklich boshaft sein, Starling. Zum Schluss gehst du ja doch hinauf, das weißt du genau.«

»Mag sein. Aber diese Dorcas ist mir so lästig wie ein Floh. Ich kann mich nicht überwinden, es ihr leicht zu machen«, entgegnete Starling.

Der Herr des Hauses, Mr. Jonathan Alleyn, war seit ein paar Tagen tatsächlich schlimmer als sonst, was Starling sehr befriedigend fand. Immerhin war das ihr Werk. Er wurde ganz von seinen Launen, Träumen und Kopfschmerzen beherrscht, und die Unordnung in seinen dunklen, viel zu vollgestellten Räumen spiegelte seinen wirren Geisteszustand. Starling kannte viele Möglichkeiten, ihn zu reizen. Erst diese Woche hatte sie von einem alten Soldaten im Moor’s Head den Marschrhythmus der französischen Trommler gelernt. Als sie danach in Jonathan Alleyns Studierzimmer war, um den Kamin zu kehren, hatte sie diesen Takt mit Schaufel und Besen auf der Kaminplatte geklopft, vorgeblich, um die Asche abzuschütteln. Als sie fertig gewesen war, hatte er mit zusammengekniffenen Augen und weiß verfärbten Nasenflügeln dagesessen, der ganze Körper so hart verkrampft, dass er zitterte. Nichts anderes hast du verdient, hatte Starling gedacht und sich ebenso darüber gefreut, dass es die restliche Woche mit ihm bergab gegangen war. Gestern war Dorcas bleich und mit aufgerissenen Augen aus seinem Zimmer gekommen. Starling rümpfte bei der Erinnerung verächtlich die Nase. Dieses Mädchen war ein solcher Hasenfuß. Sie steckte die widerspenstigen Strähnen fest unter ihre Haube und nahm sich wieder der Zwiebeln an. Sol knetete Teig für einen Pflaumenkuchen und sang dabei leise ein unzüchtiges Lied vor sich hin.

Kurz darauf war Dorcas wieder da. Tränen verschmierten die Rußflecken auf ihren Wangen.

»Er hat den Verstand verloren! Diesmal hat er wahrhaftig den Verstand verloren!«, rief sie schrill aus. Starling konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Wag es nicht, mich auszulachen, Starling! Kein achtbarer Mensch sollte in diese Zimmer gehen müssen! Das ist schlimmer als alles, was der Teufel sich ausdenken könnte! Er ist ja selbst wie ein Dämon … Seine Seele muss pechschwarz sein! Pechschwarz, sage ich!«, jammerte Dorcas.

»Was ist das für ein Geschrei?« Das war Mrs. Hatton, die Hausdame – eine kleine, forsche Person mit stahlgrauem Haar und verhärmtem Gesicht. Die drei Frauen in der Küche nahmen eine aufrechtere Haltung an und verstummten. »Nun? Heraus damit, sagt schon.«

»Es geht um Mr. Alleyn, Madam. Er … Er … Ich wollte seine Zimmer für die Nacht zurechtmachen, und er …« Dorcas brach wieder in Tränen aus, und ihre Mundwinkel zogen sich herab, bis ihr Mund einem breiten, auf dem Kopf stehenden Halbmond glich.

»Du meine Güte. Nicht doch, Dorcas! Er wollte dir gewiss nichts Böses.« Die Hausdame holte ihr Taschentuch hervor und reichte es dem Mädchen.

»O doch, ganz bestimmt, Madam! Ich glaube, jetzt ist er ganz und gar verrückt geworden! Er hat den Nachttopf nach mir geworfen! Der hätte mir sämtliche Zähne ausgeschlagen, wenn ich mich nicht geduckt hätte …«

»Ein Jammer«, brummte Starling. Dorcas warf ihr einen giftigen Blick zu.

»Starling, niemand hat dich gefragt«, sagte Mrs. Hatton entnervt. Dorcas weinte immer noch.

»Und – und er hat mich beleidigt! Ich sollte mir so etwas nicht anhören müssen. Ich habe nichts getan, wofür ich das verdient hätte!«

»Genug jetzt. Beruhige dich. Du bist mit deiner Arbeit noch nicht fertig, und …«

»Nein! Ich gehe da nicht wieder hinauf! Jetzt nicht und morgen auch nicht! Das ist nicht normal, was er treibt! Er ist nicht normal, und man kann von einem anständigen Mädchen nicht erwarten, ihn … ihn sehen oder ihn bedienen zu müssen! Ich tue das nicht mehr, und wenn ich dafür entlassen werde!« Damit rannte Dorcas aus der Küche. Sol Bradbury und Starling wechselten einen Blick, und Starling unterdrückte mit Mühe ein Lächeln.

»Himmel, nicht noch eine, die uns davonläuft«, murmelte Mrs. Hatton. Ihre Schultern sanken erschöpft herab. »Starling, mach nicht so ein hämisches Gesicht. Geh du bitte hinauf zu Mr. Alleyn und richte seine Zimmer. Du musst die Kohlen gut anhäufen, es ist recht kühl heute. Er wird nach Wein verlangen, aber die Herrin hat Anweisung gegeben, dass er keinen bekommen soll – der Ärmste, seine Kopfschmerzen waren diese Woche besonders schlimm. Jede von uns wäre ebenso launisch, wenn wir mit solchen Schmerzen leben müssten. Nein, bitte, Starling – ich will keine Widerrede hören.« Sie hob warnend den Zeigefinger und ging dann hinaus, um Dorcas zu suchen.

Starling lächelte hinter ihrem Rücken. Es war ihr nur recht, wenn Mrs. Hatton glaubte, dass auch sie Jonathan Alleyns Gemächer nur ungern betrat. Immerhin hätte es verdächtig aussehen können, wenn sie den Anschein erweckte, dass sie geradezu darauf brannte, dort hineinzugehen. Denn das war tatsächlich der Fall, obwohl ihr Herz jedes Mal raste und ihr Atem schneller ging und sie wusste, dass sie sich in gewisser Weise doch vor ihm fürchtete. Nicht vor seiner Erscheinung, den Dingen in seinem Studierzimmer oder seinen Wutanfällen, wie die anderen Mädchen. Nein, sie fürchtete sich davor, was sie möglicherweise tun könnte und was er tun könnte. Denn sie kannte Jonathan Alleyn schon, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, und sie wusste einiges über ihn, wovon die anderen Dienstboten nichts ahnten. Und auch niemand sonst außer ihr.

Sie fand das Tablett mit seiner Abendmahlzeit, das Dorcas auf einem Tisch im Flur abgestellt hatte. Er bewohnte zwei ineinander übergehende Zimmer im ersten Stock des Hauses auf der Westseite, und eines davon teilte sich die Häuserwand mit dem nächsten Haus in der prächtigen Reihe. Sein Schlafzimmer lag zur Rückseite des Hauses hin und war schlicht ausgestattet bis auf ein riesiges Himmelbett mit vergoldeten Bettpfosten und einem Baldachin aus schwerem, dunkelrotem Damast. Durch eine zweiflügelige Tür war es mit dem vorderen Raum verbunden, der als sein Studierzimmer bezeichnet wurde. Es hatte ein großes Erkerfenster, das über der Straße aus der Fassade ragte und einen weiten Ausblick über die Stadt und die umgebenden Hügel bot. Die Aussicht blieb fast immer hinter den geschlossenen Fensterläden verborgen. Dieses Zimmer hatte schon eine ganze Reihe von Hausmädchen mit Grauen erfüllt. Starling hielt inne und lauschte, ob Mrs. Hatton oder sonst jemand in der Nähe war, ehe sie eine Weinflasche mit auf das Tablett stellte. Diese Flasche hatte sie extra von Richard Weekes gekauft, der den Wein mit Branntwein versetzt hatte, damit er stärker war. Mr. Alleyn würde ihn trinken, das wusste sie, selbst dann, wenn er merken sollte, dass etwas damit nicht stimmte. Anscheinend konnte er einfach nicht anders. Vielleicht – dieser Gedanke entlockte ihr beinahe ein Lächeln – vielleicht glaubte er sogar, dass sie ihm damit einen Gefallen tun wollte.

Starling horchte an der Tür. Sie wappnete sich. Dort drin herrschte Stille – keine Bewegung, keine Stimme, keine Anzeichen für einen Wutanfall. Er würde im Dunkeln warten, aber Starling fürchtete sich nicht vor der Dunkelheit. Jonathan Alleyn entzündete seine Lampen niemals selbst. Er saß gern da, während es um ihn herum finster wurde. Einmal hatte sie ihn sagen hören, dass die Schatten ihn beruhigten. Nun, die würde sie jetzt verbannen. Weshalb sollte er ruhig sein dürfen? Ein leises Geräusch wie von reißendem Stoff kam von der Lampe an der Wand hinter ihr, als sie in einem Luftzug flackerte. Derselbe Luftzug strich über Starlings Nacken, und ihre Haut kribbelte. Das ist weiter nichts, versicherte sie sich. Nur ein kalter Zug, weil jemand eine Tür offen gelassen hat. Das war keine Angst. Sie weigerte sich, Angst vor Jonathan Alleyn zu haben, obwohl sie als Einzige sein größtes und schlimmstes Geheimnis kannte: dass er ein Mörder war.

Er würde drin auf sie warten, und nichts würde ihr verraten, wo er war, bis auf das rötliche Glimmen des Feuerscheins, der sich in seinen Augen spiegelte. Für dich, Alice, gelobte sie im Stillen, dann klopfte sie forsch an die Tür und trat ein.

Sir Arthurs Großzügigkeit reichte so weit, dass er Rachel und ihrem frischgebackenen Ehemann den Landauer für die Fahrt nach Bath zu ihrer Hochzeitsfeier überließ. Sobald sie vor dem Gasthaus, dem Moor’s Head, ausgestiegen waren, fuhr die Kutsche wieder weg, und Rachels Verbindung zu Hartford verklang mit dem Klappern beschlagener Hufe auf dem Pflaster. Ein frischer Wind fegte die Walcot Street entlang. Richard gab zwei kräftigen Burschen ein paar Münzen, damit sie Rachels Truhe zum Haus in der Abbeygate Street brachten.

»Komm, meine Liebe. Gehen wir hinein, der Wind ist kalt«, sagte er, nahm ihre Hand und legte sie in seine Armbeuge. In diesem Moment schlugen die Glocken der Abteikirche die volle Stunde, und Rachel hielt inne.

»Einen Moment«, sagte sie. »Diese Glocken habe ich lange nicht mehr gehört.« Sie blickte die Straße entlang ins Herz der Stadt, wo sich Häuser aus hellem Stein dicht an dicht drängten, die gepflasterten Straßen von Wagen, Kutschen und Eselskarren wimmelten und Dienstboten hastig im Auftrag ihrer Herrschaften umhereilten. Schäbig gekleidete Mägde mit Wäschebündeln in den Armen schlurften in hölzernen Pantinen vorbei, die ihre Schuhe vor dem gröbsten Schmutz schützten. Haushälterinnen und Köchinnen hatte ihre Körbe mit frischem Fleisch und Gemüse beladen, schwitzende Träger transportierten die Reichen in eleganten Sänften bergauf, vorbei an Straßenhändlern und Gassenkindern und vornehmen Damen, die sich mit zugeknöpften Umhängen vor dem Wetter schützten. Rachel atmete tief ein und roch den muffigen Fluss, den süßlichen Gestank von Abfall in der Gosse, frisch gebackenes Brot und gebratenes Fleisch und eine Wolke Bierdunst und Tabakrauch aus dem Gasthaus. Eine Mischung von Düften, die sie nach der sterilen Ruhe von Hartford Hall nicht mehr gewöhnt war. »Nicht, seit ich zur Saison mit meinen Eltern hier war. Und meinem kleinen Bruder, ehe wir ihn verloren.« Die Erinnerung daran war schön, doch Richard missverstand sie und glaubte, Rachel sei traurig.

»Vergiss das alles, Mrs. Weekes.« Er drückte ihre Hand und zog sie zur Tür des Gasthauses. »Ich bin jetzt deine Familie, dies ist ein neuer Anfang. Bath hat sich sicher sehr verändert, seit du zuletzt hier warst – ständig werden neue Gebäude fertiggestellt, und neue Leute ziehen zu. Gute Leute, von der richtigen Sorte«, erklärte Richard, und Rachel lächelte ihn an und machte sich nicht die Mühe, ihm ihre wahren Gedanken zu erklären.

Das Gasthaus Moor’s Head hatte eine niedrige Balkendecke und einen Boden aus rotem Backstein, von vielen Jahren lebhaften Gebrauchs glatt geschliffen. Obgleich es erst fünf Uhr am Nachmittag war, herrschte bereits fröhlicher Lärm, und als Richard erschien, brach Jubel aus. Er grinste und begrüßte mehrere Männer per Handschlag, die, nach ihren roten Wangen und schweren Lidern zu urteilen, bereits reichlich getrunken hatten. Rachel lächelte unbehaglich, als sie mit Bierhumpen auf ihr Wohl anstießen und Rachel derber die Hand schüttelten, als sie es gewöhnt war. Vom Rauch brannten ihre Augen, sodass sie häufig blinzelte. Richard grinste von einem Ohr zum anderen, bis sein Blick auf Rachel fiel und er ihr Unwohlsein bemerkte. Sein Lächeln erlosch.

»Sadie, ist unser Tisch bereit?«, rief er dem Mädchen hinter dem Tresen zu. Die junge Frau hatte ein Mondgesicht mit Apfelbäckchen, dunkelbraune Locken und ein üppiges Dekolleté.

»Jawohl, Mr. Weekes, so wie Sie’s bestellt haben. Gehen Sie nur rauf«, sagte Sadie. In diesem Moment trat ein Mann vor sie hin – korpulent, mit faltigem Gesicht und einer schmuddeligen grauen Perücke, die über ein Ohr herabgerutscht war. Ungeschickt tätschelte er Rachels Hand.

»Na, mein junger Herr, da hast du aber eine großartige Partie gemacht. Dass sie eine Schönheit ist, hast du uns ja gesagt, aber keiner von uns hätte damit gerechnet, dass du dir ein so feines Geschöpf angeln könntest, was?«, verkündete der Mann ein wenig lallend. Sein Atem stank nach Branntwein, doch sein Gesicht wirkte gütig, und Rachel nahm das Kompliment mit höflich geneigtem Kopf entgegen. Ihr frischgebackener Ehemann runzelte finster die Stirn.

»Natürlich ist sie fein. Ganz sicher feiner als ich. Aber ich werde mich bemühen, mich weiter zu verbessern und mich ihrer würdig zu erweisen«, erklärte er steif.

»Das ist zu gütig, und du unterschätzt dich, Mr. Weekes«, sagte Rachel.

»Also, ich habe noch nie eine so strahlende Braut gesehen. Wahrhaftig nicht. Sie sind das Bezauberndste, woran ich mich in diesem schäbigen Loch erinnern kann«, fuhr der Mann fort. »Erlauben Sie …«

»Es würde mich überraschen, wenn du dich auch nur daran erinnern könntest, welchen Monat wir haben. Komm, meine Liebe. Hier entlang.« Richard führte Rachel weg, während der ältere Mann noch Luft holte, um sich ihr vorzustellen. Er wirkte getroffen von ihrem abrupten Abschied, und Rachel wandte den Kopf, um ihm zuzulächeln.

»Wer war das?«, fragte sie, als Richard sie zum Fuß einer krummen Holztreppe führte.

»Das? Ach, niemand. Sein Name ist Duncan Weekes. Er ist mein Vater, wenn ich ehrlich sein soll«, brummte Richard, der sie mit einer Hand in ihrem Rücken weiterdrängte.

»Dein Vater?« Rachel war schockiert. Richard führte sie in ein gemütliches Zimmer im oberen Stock mit welligem Fußboden und vor Schmutz blinden Bleiglasfenstern. Doch der Tisch war sauber geschrubbt und für sie gedeckt, mit Porzellantellern und Weingläsern. Rachel setzte sich und bemerkte, dass das Geschirr hier und da angeschlagen und das Besteck fleckig war. Sie war stolz darauf, dass sie solche Dinge nicht so bedrückend fand, wie sie erwartet hätte. »Du hattest also wenig Kontakt zu deinem Vater?«

»So wenig wie möglich«, antwortete Richard.

»Und dennoch – hast du ihn offenbar heute hierher eingeladen, zu unserer Hochzeitsfeier?«

»Ihn eingeladen? Nein, keineswegs. Aber – wir haben vermutlich gemeinsame Bekannte. Er muss wohl gehört haben, dass wir hier feiern würden.«

»Ich vermute, dass du oft hierherkommst. Zumindest scheinst du hier viele Freunde zu haben.«

»Freunde – ein paar von ihnen, ja. Andere sind Kunden und manche Bekannte, die ich früher gern getroffen habe und jetzt nicht so leicht wieder loswerde. Aber denk nicht mehr an sie – heute ist unser Tag. Hier, koste den Wein. Ein Constantia, den ganzen weiten Weg aus der holländischen Kolonie am Kap der Guten Hoffnung verschifft. Eine seltene Kostbarkeit, und diese Flasche bewahre ich nun schon seit einigen Jahren für meine Braut auf. Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, endlich ein Glas davon zu heben und mit dir anzustoßen, meine Liebste.« Er schenkte zwei Gläser ein, reichte ihr eines und führte seinen Unterarm um ihren herum.

»Glücklich, deine Braut gefunden zu haben oder endlich den Wein kosten zu dürfen?«, neckte Rachel ihn.

»Beides.« Richard lächelte. »Aber du bist ohne Zweifel das größere Vergnügen. Auf dich, Mrs. Rachel Weekes.«

Der Wein sickerte heiß in Rachels leeren Magen.

»Er ist köstlich«, erklärte sie und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie fremd sich ihr neuer Name in ihren Ohren anhörte. Seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie sich ihre Hochzeitsfeier immer wieder vorgestellt, allerdings ein wenig anders, als sie sie jetzt erlebte. Sie hatte stets ihre Eltern dabei gesehen und andere Verwandte, ein weiß besticktes Tischtuch und ein Festmahl auf silbernen Servierplatten und feinstem Porzellan. Sich selbst hatte sie viel jünger gesehen, in der Blüte ihrer Schönheit, und nicht mit neunundzwanzig, nach Jahren mitleidsvoller Blicke auf die alte Jungfer. Doch sie hätte sich keinen attraktiveren und liebevolleren Mann wünschen können. »Sollten wir deinen Vater nicht zu uns bitten? Was immer zwischen euch geschehen sein mag, es erscheint mir nicht richtig, dass er so nah und doch von unserer kleinen Feier ausgeschlossen ist«, sagte sie. Richard antwortete ihr nicht gleich. Er trank einen kräftigen Schluck Wein und spielte dann mit dem Stiel seines Glases, sodass es sich auf der Tischplatte drehte.

»Ich hätte dich lieber ganz für mich«, erklärte er schließlich und sah sie mit einem Lächeln an, das nicht recht zu dem Ausdruck in seinen Augen passen wollte.

»Ich fürchte eher, du schämst dich seiner und möchtest deshalb nicht, dass ich ihn kennenlerne. Bitte, ich versichere dir, dass du dir deshalb keine Gedanken zu machen brauchst. Duncan Weekes ist nun immerhin auch mein Vater, und ich würde ihn gern besser kennenlernen …«

»Das sagst du nur, weil du nicht weißt, wie er ist.«

»Mag sein. Aber eine Hochzeit ist ein familiärer Anlass, findest du nicht? Er machte einen freundlichen Eindruck … Ein wenig unordentlich vielleicht, aber …«

»Nein«, unterbrach Richard sie mit einem so entschiedenen Unterton in der Stimme, dass Rachel nicht wagte, auf ihrem Ansinnen zu bestehen, um die Stimmung nicht zu verderben.

Also speisten sie allein, und als der Constantia getrunken war, brachte das Serviermädchen, Sadie, eine andere Flasche und dazu einen riesigen Teller Lammkoteletts, eine ganze Forelle in Petersilienbutter und scharf gewürztes Wurzelgemüse. Richard leerte sein Glas dreimal so oft wie Rachel, und bald waren seine Wangen gerötet, seine Augen glänzten, und seine Worte klangen ein wenig undeutlich. Er erzählte ihr von seinem Geschäft und wie er es zu erweitern hoffte, dass sie schon bald in ein besseres Haus ziehen würden, dass ihr Sohn mit in den Wein- und Spirituosenhandel einsteigen und ihre Tochter einen Adeligen heiraten würde.

»Ich fürchte, du wirst unser Heim ein wenig – bescheidener finden als die Häuser, an die du gewöhnt bist«, sagte er. »Hoffentlich bist du nicht allzu enttäuscht davon.«

»Welches Recht hätte ich, enttäuscht zu sein?«, erwiderte Rachel. »Ich, die so gut wie nichts besitzt außer den Kleidern, die ich am Leib trage? Hartford Hall war nicht mein Zuhause, und das Haus meiner Familie habe ich schon vor vielen Jahren verloren. Du hingegen hast alles, was du besitzt, selbst erarbeitet, das ist viel mehr, als ich von mir behaupten kann. Und du bist bereit, all das mit mir zu teilen … Ich werde nicht enttäuscht sein.«

»Aber in Wahrheit bist du doch an feine Häuser gewöhnt, feines Essen und die Gesellschaft kultivierter Leute …«

»Ich bin die Gesellschaft übellauniger Kinder gewöhnt«, entgegnete sie, nahm seine Hand und drückte sie. »Das war nicht das Leben, das ich wollte. Dies hier schon.« Sie lächelte. Liebe, flüsterte das Echo in ihrem Kopf. Liebe ist das, was dazu nötig ist und woran du dich gewöhnen solltest. Also liebe ihn.

Richard küsste ihre Hand, sichtlich erfreut und erleichtert, und Rachel wunderte sich über ein seltsames Gefühl der Entrücktheit, das im Lauf des Abends stetig zunahm.

Ihr war, als beobachte sie eine Szene, an der sie keinen Anteil hatte – Dinge, die einer anderen Person geschahen. Irgendein wichtiger Teil von ihr hatte sich davongeschlichen und suchte nach ganz anderen Dingen. Das war die gleiche eigenartige Betäubung, die sie seit dem ersten Todesfall in ihrer Familie manchmal empfand und die mit jedem weiteren Verlust stärker geworden war. Sie hatte gehofft, dass Richards Heiratsantrag, der ihr Herz so gerührt hatte, das baldige Ende dieses Zustandes eingeleitet hätte. Schließlich schob Rachel ihr Glas von sich und hielt die Hand darüber, als das Mädchen kam, um nachzuschenken. Ein paar Tropfen Wein spritzten aus dem Krug auf ihre Finger, und sie blickte auf, um Sadie sanft zu tadeln, stellte jedoch fest, dass nicht das dunkelhaarige Mädchen einschenken wollte, sondern ein Rotschopf. Eine hübsche junge Frau mit auffallend länglichen und weit auseinanderstehenden Augen, die klug und allzu wissend dreinblickten. Sie hatte eine kurze Stupsnase, braune Augen und einen breiten, üppig geschwungenen Mund. Ihr Haar war kupferfarben wie Herbstlaub, und lange Strähnen schauten unter der Haube hervor. Mitten im Versuch, Rachel einzuschenken, hatte sie innegehalten, und nun stand sie ganz still da und starrte Rachel mit einem äußerst merkwürdigen Ausdruck an. Ihr Blick schien durch Rachel hindurch auf einen fernen Ort oder eine andere Zeit gerichtet zu sein.

»Was ist denn?«, fragte Rachel, der all der Wein die Zunge gelöst hatte. Das Serviermädchen blinzelte kurz und schloss dann mit einem hörbaren Schnappen den Mund.

»Bitte um Verzeihung, Madam«, sagte sie leise.

»Dein Tuch, bitte, für meine Hand.« Rachel streckte die Hand nach dem Geschirrtuch aus, das über der Schulter des Mädchens hing.

»Ich nehme noch etwas.« Richard schob dem Mädchen sein Glas hin und blickte auf. Er schien erst jetzt zu bemerken, dass dies nicht ihre vorherige Bedienung war, sagte jedoch nichts. Er betrachtete das Mädchen ein wenig reserviert, und einen Moment lang waren alle drei in stummer Reglosigkeit erstarrt.

»Dein Tuch, bitte«, wiederholte Rachel.

»Verzeihung«, sagte das Mädchen noch einmal. Mit einem dumpfen Knall stellte es den Krug hin und verließ abrupt das Zimmer.

»Nein, so etwas! Was mag wohl in sie gefahren sein?«, fragte Rachel, doch Richard antwortete ihr nicht. Er griff nach seinem Glas, um daraus zu trinken, bemerkte, dass es leer war, und stellte es verärgert wieder hin.

»Sadie!«, brüllte er in Richtung der offenen Tür, und Augenblicke später erschien Sadie und nahm den Weinkrug zur Hand. Rachel hielt Ausschau nach der Rothaarigen, doch die kam nicht wieder.

Das Haus in der Abbeygate Street lag im Dunkeln, als sie eintraten. Richard entzündete nur eine Kerze, um sie die Treppe hinauf zum Schlafzimmer zu führen, sodass Rachel sich keinen Eindruck von ihrem neuen Heim machen konnte, abgesehen von einer klammen Kälte im unteren Stockwerk und einer schmalen, knarrenden hölzernen Treppe. Das obere Zimmer war groß, hatte jedoch eine niedrige Decke. In der Mitte stand ein unordentlich zerwühltes Himmelbett. Die Luft roch, als hätte seit längerer Zeit niemand die Fenster geöffnet, und das Bett, als sei in den Laken schon lange geschlafen worden. Alledem fehlt nur eine weibliche Hand, sagte Rachel sich. Richard stellte die Kerze auf den Nachttisch und blieb ihr gegenüber am Fuß des Bettes stehen. Er verschränkte die Finger einer Hand mit ihren und schwankte leicht hin und her. Im Kerzenschein wirkte sein lächelndes Gesicht weich. Rachels Lächeln war mehr als unsicher, und sie wünschte plötzlich, sie hätte beim