Beth Chatto - Catherine Horwood - E-Book

Beth Chatto E-Book

Catherine Horwood

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Beschreibung

Wer kennt Sie nicht, die große, englische Gartenlady Beth Chatto. 2018 starb die berühmte Gärtnerin, Autorin und Pflanzenfrau im Alter von 94 Jahren. Ihr Leben lang gärtnerte sie nach dem Motto "The right plant in the right place". Wer war sie? Einblicke in ihr erfülltes (Garten-)Leben und ihr einzigartiges Pflanzenwissen gibt diese Biografie. Bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Leben von Beth Chatto vermitteln eindrücklich ihre Verdienste um das standortgerechte Pflanzen und Gestalten von Gärten. Ihr berühmter Kiesgarten dient(e) unzähligen Gärtnergenerationen als Inspiration. Dieses Buch gehört zur Pflichtlektüre jedes Gartenenthusiasten.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Catherine Horwood

BETH CHATTO

Mein Leben für den Garten

Aus dem Englischen

von Sabine Hesemann

Die in diesem Buch enthaltenen Empfehlungen und Angaben sind von der Autorin mit größter Sorgfalt zusammengestellt und geprüft worden. Eine Garantie für die Richtigkeit der Angaben kann aber nicht gegeben werden. Autorin und Verlag übernehmen keine Haftung für Schäden und Unfälle. Bitte setzen Sie bei der Anwendung der in diesem Buch enthaltenen Empfehlungen Ihr persönliches Urteilsvermögen ein. Der Verlag Eugen Ulmer ist nicht verantwortlich für die Inhalte der im Buch genannten Websites.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel Catherine Horwood, Beth Chatto – A life with Plants.

© 2019 Pimpernel Press Limited; www.pimpernelpress.com

Text © Catherine Horwood 2019

© 2019 Eugen Ulmer KG

Wollgrasweg 41, 70599 Stuttgart (Hohenheim)

E-Mail: [email protected]

Internet: www.ulmer.de

Lektorat: Alessandra Kreibaum, Doris Kowalzik

Übersetzung: Sabine Hesemann

Herstellung: Gabriele Wieczorek

Design: Anne Wilson

Umschlaggestaltung: Claudia Eder – Konzept und Gestaltung, Schönburg

Satz: r&p digitale medien, Echterdingen

Produktion: Zeilenwert GmbH | v1

ISBN 978-3-8186-1017-3 (ePub)

Anmerkung der Autorin: Beim Schreiben ihrer Tagebücher und Notizbücher kürzte Beth Chatto oft Namen durch Initialen ab, beispielsweise steht A. für ihren Ehemann Andrew. Auf gleiche Weise kürzte sie auch Orts- und Pflanzennamen ab. Bei der Edition habe ich für Personen und Pflanzen wieder die vollständigen Namen eingesetzt.

Christopher Lloyd nannte sie entweder Christo oder „C“. Ich entschied mich durchgängig für Christo, weil er seinen engen Freunden – ebenso wie vielen anderen Menschen – unter diesem Namen bekannt war.

Zu Namen, die ein Sternchen tragen, finden sich am Ende des Buches biografische Angaben.

In einigen Fällen haben sich botanische Namen von Pflanzen seit der Erwähnung in Beth Chattos Tagebüchern und Notizbüchern geändert. Ich habe ihre originalen Bezeichnungen beibehalten.

Inhalt

Vorwort von Julia Boulton

Einleitung

1 Unter dem Stachelbeerstrauch

2 Aus Betty wird Beth

3 Benton End

4 White Barn House

5 „Unusual Plants“ – die Gärtnerei

6 Die Goldmedaille in Chelsea

Reisenotizen: Zum Sitz der Rothschilds, Château Mouton Rothschild (1981)

7 Freundschaften und Bücher

Reisenotizen: Beths erste Reise in die USA (1983)

8 Die Goldenen Jahre

9 Annus mirabilis

10 Nach dem Sturm

Reisenotizen: Die Schottlandreise mit Christopher Lloyd (Juni 1988)

11 Ehrungen und Opern

Reisenotizen: Auf nach Yorkshire und Schottland (September 1988)

12 Hymne an den Herbst

13 Die Gärten gedeihen

Reisenotizen: Eine Reise um die Welt mit Christopher Lloyd (1989)

14 Familie und Freunde

15 Fallendes Laub

16 Die letzten Jahre

17 Legende und Vermächtnis

Chronologie

Biografien

Gartenplan

Dank

Vorwort von Julia Boulton

Meine Großmutter Beth Chatto war eine bemerkenswerte Frau. Niemand konnte umhin, ihren außergewöhnlichen Weitblick und ihre Energie zu bewundern, wenn sie einen Garten aus einer Wildnis heraus schuf. Ihrer Zeit weit voraus, wenn es um die Verbreitung und Umsetzung des ökologischen Konzepts der „richtigen Pflanze am richtigen Ort“ ging, glänzte sie mit großer Kommunikationsfähigkeit in Wort und Schrift.

Ihre Karriere nahm richtig Fahrt auf, als sie die 40 überschritten hatte, und spiegelt sich in den Ausstellungen der Royal Horticultural Society in Chelsea, wo sie 10 Goldmedaillen gewann, in acht Büchern und zahlreichen Kolumnen, internationalen Vorträgen, der Victoria Medal of Honour und dem Verdienstorden Order of the British Empire … Sie inspirierte mich und den Rest der Familie ebenso wie ihre Mitarbeiter sowie Gärtner und Pflanzenliebhaber in aller Welt, die Pflanzungen nach den Gesetzen der Natur auszurichten.

Ihre Geschichte ist inspirierend und ich bin froh, dass sie sich die Zeit nahm, sie mit Dr. Catherine Horwood zu teilen. Neben vielen miteinander verbrachten Stunden hatte Dr. Horwood Zugang zum umfangreichen Archiv meiner Großmutter einschließlich ihrer Tagebücher und der sorgfältig aufbewahrten Korrespondenz.

Beth hat tiefe Spuren hinterlassen: ihre Bücher, ihre Philosophie, ihre wunderschönen Gärten und die große Gärtnerei sowie in jüngster Zeit noch ihre Stiftung. Niemand kann Beth ersetzen, aber ihre Familie, ihre loyalen Mitarbeiter und der große Kreis von Gartenfreunden aus nah und fern und auch ich führen ihr Vermächtnis und ihre Arbeit in Form ihres Geschäftes und des Wohltätigkeitsunternehmens fort. Ich hoffe, dass die Biografie Ihnen einen Einblick in die Beweggründe und Motivation meiner Großmutter geben wird. Ein großer Dank gebührt Catherine Horwood, die dieses Buch mit viel Sorgfalt schrieb und die Hälfte ihres Honorars in großzügiger Weise der von Beth gegründeten Stiftung spendete, um dazu beizutragen, dass Menschen aller Altersstufen Spaß, Freude und Kenntnis an Gartengestaltung haben können.

Einleitung

Im Jahr 1989, am Ende einer internationalen Tagung im australischen Melbourne wurde das gute Dutzend Referenten auf die Bühne gebeten, um ein Geschenk als Dankeschön entgegenzunehmen. Als der Veranstalter beim letzten Namen angekommen war, sagte er schlicht und einfach „Beth“. Es gibt nur eine Frau in der Welt der Garten- und Landschaftsgestaltung, die man sofort allein an ihrem Vornamen erkennt. Beth ist einmalig.

Beth Chattos Gärten und Gärtnerei übten weltweiten Einfluss auf Gärtner aus. Und ihre Schriften werden weiterhin einen Leitfaden für kommende Generationen darstellen. Dieses Buch hat jedoch weder Beth Chattos Gärten noch die von ihr bekannt gemachten Pflanzen zum Thema. Es stellt vielmehr ihre Person in den Mittelpunkt, auch wenn die drei Facetten – Gärtnerin, Autorin und Pflanzenfrau – in vielerlei Hinsicht untrennbar miteinander verknüpft sind.

Im Jahr 2011 bat mich Christopher Woodward vom Londoner Gartenmuseum in Lambeth darum, Beth Chatto bei der Aufbereitung ihres Archives zur Gartenentwicklung und ihrer Gärtnerei zu unterstützen, um eine mögliche Übernahme in das Museum vorzubereiten. Ohne Zögern sagte ich zu. Ich bin seit den 1970er-Jahren ein großer Fan von Beth Chatto. Schon seinerzeit gehörte ich zu den begeisterten Massen, die sich um ihre Präsentationen bei der Chelsea Flower Show scharten. Zudem hatte ich in meinem Buch Gardening Women (Die Gärtnerinnen) im Jahr 2010 über sie geschrieben.

So kam ich ein- bis zweimal im Monat nach Elmstead Market, wo Beth mir eine Kladde voller neuer Fundstücke übergab und sagte, ich solle sie wegwerfen, wenn sie unnütz wären. Darunter fanden sich gelegentlich Briefe von Christopher Lloyd oder hin und wieder Pflanzenlisten. Außerdem verbrachte ich Zeit mit Beth, anfangs eher zum Plausch, später wurden lange Gespräche daraus.

Schnell wurde klar, dass neben der Geschichte von Beth Chattos Gartengestaltungen und ihrer Gärtnerei auch die Geschichte ihres Lebens höchst erzählenswert ist. Beth Chatto bat mich im Jahr 2013, ihre Biografie zu schreiben, nachdem sowohl ihre damalige persönliche Assistentin Tricia Brett und später ihre Enkelin Julia Boulton sie darin bestärkt hatten. Julia Boulton ist heute Direktorin der Gärten. Ich packte die einmalige Gelegenheit also beim Schopf.

Beth Chattos Privatarchiv war eines der ersten Archive, das dem erweiterten Gartenmuseum in Lambeth 2017 übereignet wurde.

Ich arbeitete mit drei grundlegenden Quellen. An erster Stelle stand das umfangreiche Privat- und Geschäftsarchiv, das Beth Chatto in mehr als einem halben Jahrhundert zusammengetragen hatte. Darin finden sich Tausende Objekte: Zeitungsausschnitte, Artikel von oder über Beth, Fotos, Dias, Briefe, Bücher über Lagerbestände, Saatgutlisten und ihre handgeschriebenen Buchmanuskripte sowie die dazugehörigen getippten Abschriften mit Beths zahlreichen Korrekturvermerken und Ergänzungen. Das Maschinenschreiben lernte Beth allerdings nie.

Den Anfang machen die privaten Tagebücher, die Beth von 1963 bis in die 1990er-Jahre fast ohne eine Unterbrechung führte, und ihre Reisetagebücher. Während ihres gesamten Arbeitslebens schrieb Beth Chatto mit wenigen Lücken Tagesberichte und bei den späteren Auslandsreisen machte sie ausführliche Notizen in ihren Reisetagebüchern. Das Format der Tagebücher reicht von kleinen Taschenbüchlein in den 1960ern bis zu riesigen Kladden in den 1990ern. Jeder Tag hatte eine eigene Seite. Die Wetterbeobachtungen waren oben stichpunktartig notiert, das Mittagessen oft unten vermerkt, und dazwischen schrieb sie alle Ereignisse des Tages – von Pflanzen, die sie vermehrt hatte, bis hin zum Zeitpunkt der Dauerwelle, einschließlich Namen der Friseuse. Ihre Handschrift war stets elegant, die Lesbarkeit hingegen an ihre Stimmung gekoppelt. Ihre Reisenotizen schrieb sie fast durchweg in billige Kladden mit grellrotem Einband, die auf den ersten Blick von der Generation der Woolworth-Einkäufer als Pfennigartikel erkannt und erworben wurden. Man erlaubte mir freien Zugang zu diesen oft sehr persönlichen Dokumenten, weil Beth um den unschätzbaren Wert für mich als Biografin wusste.

Wie die meisten Tagebuchschreiber notierte Beth schnöde Ereignisse des Tages, aber gelegentlich auch ihre sehr persönlichen Gedanken. Ihr Mann Andrew las weder die Tagebücher noch die Reisenotizen, die Beth als Gedankenstütze dienten – zu Menschen, die sie getroffen hatte, Orten, die sie besucht und natürlich Pflanzen, die sie gesehen hatte. Es gibt auch Lücken in den Aufzeichnungen, Monate oder ein ganzes Jahr fehlen. Entweder gingen sie verloren oder sie stehen im Zusammenhang mit Zeiträumen, in denen Beth durch ihre Gärten, andere Schriften, Gäste oder das Leben selbst abgelenkt wurde. Letzteres ist wahrscheinlicher. Denn wie schrieb sie so treffend in Beth Cattos Notebook (1988), dass „es schwierig ist, selbst ein stichpunktartiges Tagebuch zu führen, wenn die Pflanzen erwachen“.

Als zweites sah und hörte ich mir alles an, was Film, Fernsehen und Radio im Laufe der Jahre über Beth Chatto produziert hatten. 2002 wurde sie von Louise Brodie von der British Library im Zuge eines Projekts mündlich überlieferter Geschichte zu ihrem Leben und ihrer Arbeit interviewt. Die Aufnahmen dauern etwa zwölf Stunden und waren eine wertvolle Quelle, vor allem zu Beginn meiner Recherchen.

Schließlich habe ich Dutzende Personen interviewt, die Beth Chatto persönlich kannten: Familie, Freunde, Kollegen aus der Sparte Gartenbau, ihre umfangreiche Mitarbeiterschar und frühere Schüler – die jahrelang mit ihr zusammenarbeiteten und es noch immer tun. Am wichtigsten war jedoch die Zeit, die ich mit Beth Chatto in den letzten Jahren gemeinsam verbrachte, in der wir einander kennenlernten.

Eine Biografie ähnelt einem unvollständigen Puzzle. Man fügt so viele Teile wie möglich zusammen, doch es bleiben Lücken, die man nicht schließen kann. Beths Verstand war bis zum Ende scharf. Allerdings gab es Dinge, über die sie nicht sprechen konnte oder wollte – sei es, weil sie sie vergessen hatte oder weil sie sich weigerte. Sie verlor nie den stählernen Willen, alles richtig machen zu wollen. Ich hoffe, dass ich in ihrem Sinne wirke, indem ich ihre Lebensgeschichte erzähle.

1

Unter dem Stachelbeerstrauch

Herr und Frau Andrew Chatto beim Verlassen der Kirche St. Anne and St. Laurence in Elmstead Market am 7. August 1943. Die geborene Betty Little hält ihren Strauß roter Rosen fest in Händen.

Eine bemerkenswerte Trauung wurde am Samstag, dem 7. August, von Pastor Julian J. Butler vollzogen, als Miss Betty Diana Little, die einzige Tochter von Herrn und Frau W. G. Little, Police House, Elmstead, mit Mr. Andrew Edward Chatto vermählt wurde … Der Bräutigam ist ein bekannter Obstbauer aus Essex, Besitzer von White Barn Farm in Elmstead. Die Braut, die vom Vater zum Altar geführt wurde, trug ein puderrosa Kleid, braune Accessoires und einen roten Rosenstrauß … Die Flitterwochen führen nach Wales, das Reisekostüm der Braut war ein graues Flanellensemble mit rostbrauen Schuhen.

Dieser Ausschnitt aus einer ungenannten Lokalzeitung in Essex aus dem August 1943, ganz verblichen von den Jahren in einer Kladde, die Gottesdienstordnung dieser „bemerkenswerten Trauung“ und ein paar Schwarz-Weiß-Fotos sind alles, was von diesem Tag erhalten ist. Es war eine Kriegshochzeit und damit nicht besonders ungewöhnlich. Es war das Brautpaar, das die Hochzeit zu einem interessanten Ereignis machte: der bekannte und reiche Obstbauer aus Essex, der die 20-jährige Tochter eines Dorfpolizisten heiratete, 14 Jahre jünger als er – wenn das nicht die Klatschmäuler des kleinen Dorfes Elmstead Market sechs Meilen östlich von Englands ältester Stadt Colchester anheizte.

Leben und Hintergrund der beiden hätten nicht unterschiedlicher sein können. Beth oder Betty bzw. Bessie, wie man sie damals noch nannte, wuchs in einem Haus ohne fließendes Wasser oder Strom im ländlichen Essex auf. Andrew Chatto, Sohn eines Verlegers aus der Mittelschicht und im reichen Ort Radlett in Hertfordshire aufgewachsen, war bereits als Teenager in Kalifornien gewesen. Die beiden passten auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen.

„Chestnuts“, Tye Green, Good Easter, Essex – das Haus, wo Beth als Betty Little zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Seley am 27. Juni 1923 geboren wurde.
William und Bessie Little mit den Zwillingen Betty (rechts) und Seley (links).

Beth und ihr Zwillingsbruder Seley wurden am 27. Juni 1923 im Haus der Eltern in Tye Green, einem Weiler außerhalb des Dorfes Good Easter, sieben Meilen nordöstlich von Chelmsford geboren. Beth nannte den Ort „wo sich in Essex Fuchs und Hase gute Nacht sagen“. Die Geschwister wurden auf die Namen Betty Diana und William Seley getauft. William nach dem Vater, für den ungewöhnlichen zweiten Namen des Bruders gibt es in der Familie scheinbar keinen Bezug oder eine Erklärung – aber jeder nannte ihn so.

Der Vater, William Little war Dorfpolizei-Wachtmeister, kein besonders belastender Beruf auf dem Lande im beschaulichen Essex. Aber der Beruf brachte Prestige und ein Haus mit sich. William hatte zu seiner Freude die Versetzung von der größeren Station in Grays nach Good Easter sechs Wochen vor der Geburt der Zwillinge erhalten. Enthusiastischer Kirchgänger und Gärtner, ordentlich und organisiert, polierte er nicht nur das Kirchensilber, sondern auch Spaten und Gabeln in seinem Gartengerätehaus. Er war das jüngste von sieben Kindern.

Sein Vater, der ebenfalls William hieß, war Analphabet und arbeitete wie sein eigener Vater zuvor als Knecht in der Landwirtschaft. Seinerzeit arbeiteten die meisten Menschen in East Anglia als Landarbeiter. Nach dem Gesetz galt die Schulpflicht bis zum 12. Lebensjahr, doch in den ländlichen Gemeinden wurde wenig getan, um Bildung zu fördern. William Senior kehrte der Landwirtschaft jedoch den Rücken und gründete vor dem Ersten Weltkrieg ein Fuhrunternehmen mit Pferdefuhrwerken in Writtle bei Chelmsford. Anfang der 1920er-Jahre machten motorisierte Autos und Busse die von Pferden gezogenen Busse überflüssig. William Junior musste sich also eine andere Arbeit suchen. Da Beths Vater das Fahren gelernt hatte, fand er eine Anstellung als Chauffeur bei einem örtlichen Arzt, bevor er schließlich 1921 bei der Polizei anfing.

Beths Mutter Bessie wurde 1887 in Warwickshire, genauer Wootten Wawen, nördlich von Stratford-upon-Avon geboren. Vor dem Ersten Weltkrieg stand sie als Mädchen für alles in einem dreiköpfigen Pfarrhaushalt in Tamworth in Staffordshire in Diensten. Diese Arbeit war äußerst anstrengend, weil es kein weiteres Hauspersonal gab. Als der Krieg ausbrach, meldete sie sich zur Ausbildung als Krankenschwester und wurde nach Essex versetzt. Sie verlor ihren ausgeprägten Midland-Akzent niemals und verstand es gut, eine ruhige Konversation zu führen. Schon sehr bald war sie mit Williams älterem Bruder John Little liiert, der als Heizer auf einem U-Boot diente.

Er starb, als das U-Boot am 19. Januar 1917 bei einem tragischen Zusammenstoß vor der Küste von Essex in der Nähe von Harwich sank. Bessie blieb der Familie eng verbunden und es dauerte nicht lange, bis sie mit Johns jüngerem Bruder William ausging, obwohl sie selbst 12 Jahre älter war als er. Im April 1922 wurde William als Polizeiwachtmeister angestellt und am 7. Oktober 1922 heirateten die beiden in der Kirche von Hammerwick bei Stafford im Beisein beider Familien. Beth und Seley wurden 8½ Monate später geboren, als Bessie 35 Jahre alt war.

Es war eine glückliche Ehe, die Littles bewahrten sich ihren Humor und Spaß, während sie sich stets an die strengen sozialen Regeln innerhalb und außerhalb ihres Hauses hielten. Ihr Leben war einfach, sie liebten das Dorfleben mit langen Spaziergängen und respektierten den Lauf der Jahreszeiten. Beth sah ihre Großmutter mütterlicherseits, Rhoda, aus Warwickshire nur selten, doch Bessie behauptete immer, dass Beth das Interesse für wilde Pflanzen und Kräuter von ihr geerbt hätte.

Als Beth oder Bet, wie die Familie sie nannte, und Seley noch Babys waren, bestand William im zweiten Anlauf das Examen zum Sergeant. Trotzdem blieb er während seiner gesamten Tätigkeit bei der Polizei nur Wachtmeister, da die Beförderung oft weniger mit Fähigkeit als mit freien Stellen zu tun hatte. Im Januar 1926 wurde er an eine neue Stelle versetzt und die Familie zog nach Great Chesterford in der Nähe von Saffron Walden. Sobald sie heimisch waren, kauften die Littles einen Rassehund, einen Golden Retriever namens Gypsy. Sie züchteten selbst und während einer kurzen, fröhlichen Zeit schien das Haus immerzu voller Welpen zu sein.

Als Bessie mit 41 Jahren nochmals schwanger war, schickte man Beth und Seley zu Großmutter Rhoda nach Warwickshire. Bei der Rückkehr nach einigen Monaten kamen die Kinder in ein trauriges Haus. Die Mutter hatte ein zweites Mal Zwillinge – einen Jungen und ein Mädchen – zur Welt gebracht, doch die kleine Mary lebte nicht einmal 24 Stunden. Und wenig später wurde der heiß geliebte Familienhund Gypsy von einem Auto überfahren.

Es sollte keine weiteren Kinder oder Hunde mehr geben. Beth blieb das einzige Mädchen zwischen zwei Brüdern. Sie war ein glückliches Kind, doch manchmal war sie auf die Brüder eifersüchtig, weil sie die Lieblinge der Mutter waren. Bessie Little war eine starke Frau mit traditionellen Ansichten. Von Beth wurde in ihrer Kindheit erwartet, dass sie im Haushalt mitarbeitete, während Seley und David niemals helfen mussten. Auf ihre alten Tage scherzte Bessie, dass ihre zielstrebige Tochter wohl besser ein Junge geworden wäre und der zartbesaitete Seley das Mädchen.

Das Haus der Littles in Great Chesterford, Essex, wo Beth ihr erstes kleines Fleckchen zum Gärtnern bekam.
Beth und Seley mit dem Familienhund Gypsy und einigen Welpen in Great Chesterford.

Im Heim der Littles ging es niemals langweilig zu. Die Familie lebte in einer alten Kapelle, die aus zwei zusammengelegten Häuschen bestand. Das Haus war verwinkelt und zugig.

Der malerische Brunnen mit Winde war keine Dekoration: Das Wasser musste heraufgezogen und ins Haus getragen werden. Im Dorf gab es weder Wasser noch Gas oder Strom, also lebte jeder mit Öllampen, Kerzen und Brunnenwasser. Die Kinder waren es gewohnt, kannten sie doch nichts anderes und hatten Spaß an den Eisblumen an den winterlichen Fenstern. Es gab zwei Holzöfen, einen Kohlenherd in der Küche und den Tortoise-Ofen im Wohnzimmer. Die Tortoise-Öfen stammten aus lokaler Herstellung in Essex, waren schwarz, zylinderförmig, aus Gusseisen und als kostengünstige Heizung weit verbreitet. Beth und ihre Brüder lagen vor dem Ofen in der Wärme und lasen.

In Great Chesterford waren die Littles fleißige Gärtner. Beth saß gelegentlich auf der Feldsteinmauer, um die Enten auf den Feldern zu beobachten.

Die Freizeit verbrachten sie mit Lesen, Spielen und Gärtnern, doch sie waren auch eine strenge religiöse Ordnung gewohnt. William und Bessie gingen regelmäßig in der örtlichen Anglikanischen Gemeinschaft in Great Chesterford zur Kirche. Kirchenchor, Sonntagsschule und Kirchgang nahmen im allwöchentlichen Programm breiten Raum ein.

Trotz der Großen Depression und der niedrigen Löhne war das Leben der Kinder glücklich und sorgenfrei. Die Kinderspiele hatten sich seit der Viktorianischen Ära kaum verändert. Beth war nicht besonders begabt im Reifenschlagen, liebte aber Murmeln, Kreiselspiele und das Ballspielen neben dem Haus, was ihre Mutter schier verrückt machte. Diese ländliche Welt sah nur wenige Automobile auf den Straßen, keine Traktoren auf den Feldern, keine Herbizide oder Pestizide.

Die Kinder der Littles genossen ihre Freiheit, krochen durch die Hecken, erforschten den Wald und die Feuchtwiesen, gingen zum Fischen. Der Weg zum Dorf führte direkt vor der Gartenmauer entlang. Beth saß gerne auf der Feldsteinmauer, um die Enten auf der Wiese gegenüber zu beobachten, 20 weiße Enten, die jeden Tag vom Bauernhof herunter zu den Senken mit Wasser kamen. An den Abenden im Spätfrühling saß die ganze Familie auf der Gartenmauer, um die Eulen beim Füttern ihrer Jungen in den Ulmen gegenüber zu beobachten.

Autos gab es im Dorf keine. Alle Waren für den Bäcker und den Krämer wurden per Pferdefuhrwerk gebracht, auch die Kohle. Fast jeder arbeitete entweder im Dorf oder in der Nähe, auf den Bauernhöfen oder in den Molkereien, wo Beth hinging, um zu sehen, wie Milch entrahmt und gebuttert wurde.

William und Bessie Little waren begeisterte Gärtner und bauten ihr eigenes Gemüse an. Der von William in Great Chesterford angelegte Garten war ein typischer Landhausgarten – eine unregelmäßige Mischung von Obst und Gemüse, in den Lücken dazwischen standen Blumen. Er erstreckte sich den Hang hinunter bis zur Wiese auf der anderen Seite der Straße und war von Feldsteinmauern umgeben. Darüber wuchsen Kletterrosen und Geißblatt. Es gab auch Reineclauden, die reif voller Wespen saßen. Beth kletterte gewöhnlich auf die Mauer und lief darauf, um an die Früchte zu gelangen. Der Garten war scheinbar voller verbotener Früchte – Stachelbeeren, Himbeeren, Schwarze und Rote Johannisbeeren, die wie üblich mit dünnen alten Vorhängen verhängt wurden, um Vögel und Kinder fernzuhalten. Letzteres war nicht so erfolgreich. Mit fünf oder sechs Jahren kroch Beth nach dem Pflücken unter die Stachelbeersträucher, um nach übersehenen Beeren Ausschau zu halten und darauf zu warten, dass die dicke Schale transparent-dünn oder pflaumenrot würde, um beim Essen diesen unvergesslichen Geschmack und die Süße zu schmecken.

Anders als ihre Brüder entwickelte Beth Spaß am Gärtnern und liebte es. Immer half sie dem Vater gerne und lernte dabei, Zwiebeln zu binden, Kartoffeln zu ernten oder Gemüse zu säen. Als Belohnung bekam sie ihre eigene kleine Parzelle, eine feuchte, schattige Ecke in der Nähe des Wassertrogs, wo sie einige Maiglöckchen setzte. Bald pflanzte sie Schneeglöckchen und Farn dazu.

Die Grundschule in Great Chesterford war eine typische Dorfschule der Kirche. Am ersten Schultag brachte Bessie Beth und Seley in einen riesigen Raum. Alle kleinen Schulbänke standen an einem Ende, der Tortoise-Ofen in der Mitte und die Spielfläche war am anderen Ende. Die jüngsten Kinder spielten mit Knetmasse und man gab Beth und Seley zum Zeitvertreib auch etwas davon, während der Lehrer mit ihrer Mutter sprach. Beth verschlang bereits viele Bücher, daher machte ihr die Knetmasse nicht lange Spaß. Sie war ein kluges Kind, das gerne lernte und die Schule liebte. Die Lehrer bemerkten rasch, dass sie schon alle Lektüren für das erste Jahr gelesen hatte und setzten sie in einen älteren Jahrgang.

Beth (Betty Little) als 10-jährige im Jahr 1933.

Die meisten Ortsansässigen arbeiteten in der Landwirtschaft. Daher drehte sich auch im Klassenzimmer der Stoff um die Jahreszeiten. Die Kinder lernten Erbsen und Bohnen auf Löschpapier zu ziehen, doch Beth hatte höhere Ziele und wollte Einjährige wie Astern säen. Die waren vielleicht nicht die beste Wahl für ihre schattige Ecke zuhause, aber sie fand es wunderbar zu beobachten, wie Spross und Wurzel im Glas langsam keimten.

Aufgrund ihrer Liebe zur Schule entschloss sich Beth ganz früh, Lehrerin werden zu wollen. Schon auf dem mit zehn Jahren gemachten Porträtfoto blickt sie entschlossen, die Arme aufmüpfig vor der Jacke verschränkt und das Kleid ordentlich geknöpft bis zum Spitzenkragen. Mit leichtem rätselhaftem Lächeln auf den Lippen zeigte sich Beth fleißig und ehrgeizig, wollte das Leben entdecken, reisen und Menschen treffen. „Ich hatte keine Ahnung, wohin oder wie ich gehen würde, aber irgendwie spürte ich den Drang, die weite Welt entdecken zu müssen.“

Im März 1935, als Beth zwölf Jahre alt war, versetzte man ihren Vater auf einen neuen und endgültigen Posten in Elmstead Market, am anderen Ende der Grafschaft Essex, sechs Meilen östlich von Colchester. Für Beth fühlte es sich wie das Ende der goldenen Kindheit an: Man verließ Great Chesterford, das Haus und den geliebten Garten, um in eine neu gebaute Polizeistation einzuziehen. Sie lag an einer geschäftigen Straße, die in die beliebten Ferienorte Clacton und Frinton an der Küste sowie in die Hafenstadt Harwich führte. In späteren Jahren hasste sie es zuzugeben, dass sie jemals in dem Haus gelebt hatte und erzählte nicht einmal ihren Enkelkindern davon.

Der Umzug eröffnete für Beth aber die Möglichkeit, in die sehr gute Mädchenoberschule Colchester County High School zu gehen. Ehrgeizig und ein Bücherwurm, liebte sie das hohe Niveau und die Herausforderungen dieser Schule. Sie war nicht in allen Fächern talentiert. Mathematik hasste sie und war auch nie gut darin. Aber sie hatte gute Englischnoten und liebte Poesie, Literatur und das Schreiben von Aufsätzen. Sie studierte stets die Texte anderer Verfasser, weil sie merkte, dass ihr das bei den eigenen Texten half.

In der Schule wurden sowohl die Kinder der Landgemeinde als auch die aus der Stadt unterrichtet. Trotz ihres jungenhaften Auftretens war Beth zurückhaltend, und weil sie erst mitten im Schuljahr in die Klasse gekommen war, freundete sie sich nur mit wenigen an. Die Angst vor dem möglichen Krieg schränkte das Leben der Schülerinnen zudem weiter ein. Die Direktorin Miss King verlegte die jüngeren Klassen nach Grey Friars – ein Haus aus dem 18. Jahrhundert mit Tennisplätzen nicht weit entfernt von der Burg in Colchester. Dort gab es auch Obstbäume und einen Gemüsegarten, die der Schulspeisung dienten. An der rückwärtigen Gartenmauer gab es 20 oder 30 kleine Parzellen, auf denen interessierte Mädchen eigene Gärten anlegen konnten. Beth gehörte unweigerlich dazu.

Obwohl sich immer zwei Mädchen eine Parzelle teilen mussten, konnten sie sie beliebig bepflanzen. Mit einem Samenpäckchen von Woolworth für einen halben oder einen Penny säten sie Mohn, Atlasblumen und Nacht-Levkojen. Sich selbst überlassen, lernten die Mädchen rasch voneinander, was ein Unkraut war, und jäteten die feinen Unkrautkeime zwischen den Blumensämlingen. Wer es besser als die Mitschülerinnen gemacht hatte, durfte ein Jahr lang ein besonderes Gärtnerabzeichen tragen. Das entging Beth natürlich nicht und schon bald trug sie eines.

Der Kriegsausbruch im September 1939 während Beths letztem Schuljahr an der Colchester-Oberschule für Mädchen veränderte unweigerlich das Leben bei Familie Little. Als örtlicher Polizeiwachtmeister bekam William Littles eine führende Rolle bei der Home Guard, die man 1940 als Verteidigung gegen eine mögliche Invasion etablierte. Essex stand als Grafschaft an der Küste in Südostengland in der ersten Reihe und Colchester war Garnisonsstadt sowie Militärbasis für etliche zusätzliche Bataillone und die eigene Division der Vierten Infanterie. Dutzende von Betonbunkern verteilten sich auf dem Land, auch in der Umgebung von Elmstead Market auf halber Strecke zwischen Colchester und der Küste.

Das Zuhause der Littles in der Polizeistation wurde zum Treffpunkt aller, die zur örtlichen Verteidigung beitrugen. In einer Atmosphäre, die ähnlich der im von der BBC ausgestrahlten Programm Dad's Army anmutete, hielten die Bewohner der Gemeinde Elmstead zusammen. Bessie sorgte für Kaffee und selbst gemachtes Gebäck, um auch mitten in der Nacht die Helfer zu unterstützen.

Dazu gehörte auch der seinerzeit 31-jährige Obstbauer Andrew Chatto. Die Wehrpflicht hatte dafür gesorgt, dass kaum Männer in seinem Alter da waren. Er war vom Militärdienst freigestellt, da die Arbeit in allen Bereichen der Lebensmittelproduktion, darunter auch der Obstanbau, vorrangig war. Neben der Leitung des Obsthofes wurde Andrew Luftschutzwart. Damit war er ein oft gesehenes Gesicht im Haus der Littles. Andrew organisierte zusammen mit William und dem örtlichen Schuldirektor auch die Unterbringung der aus London zur Sicherheit aufs Land evakuierten Kinder.

Beths Bruder, der junge David Little, ein cleverer 12-jähriger, genoss die Aussicht auf gelegentliche Schachpartien mit dem Obstbauern, um sich die Langeweile zu vertreiben. Seine 17-jährige Schwester saß dann am anderen Ende des Küchentischs konzentriert über ihren Hausaufgaben. Beth führte ein behütetes Leben, nicht nur wegen der Auswirkungen des Krieges im Dorf, sondern auch wegen der strengen Wertvorstellungen ihrer Eltern. Die Kinder durften abends mit Ausnahme des Gangs zur Kirche oder zur Chorprobe nicht hinaus und daher verkehrte man kaum mit anderen Familien im Dorf.

Das Erscheinen von Andrew Chatto im Haus der Littles war das glückliche Ergebnis sozialer Umbrüche, die der Krieg mit sich brachte. Klassen und Geschlechter mischten sich in einer Weise miteinander, die vordem selten war. Beths Hintergrund unterschied sich stark von Andrews privilegiertem Aufwachsen, doch es gab auch Ähnlichkeiten: Sie teilten Wertvorstellungen, die Liebe zur Natur und zum Landleben.

Andrew Chatto war wie vor ihm sein Vater nach dem Großvater genannt worden, dem Mitgründer des bekannten Verlages Chatto & Windus. Das Unternehmen war erfolgreich und die Chattos führten ein bequemes Leben. Fotos in den Familienalben zeigen den Wohlstand einer großen Familie zu Zeiten von Königin Viktoria und später König Edward, modisch im Zeitgeschmack gekleidet, so wohlhabend und kultiviert, dass sie ganz Europa und die Vereinigten Staaten bereisten. Andrews Vater, der in das Familienunternehmen eingetreten war, hatte seine Eltern damit überrascht, dass er die Amerikanerin Elizabeth Boote aus New Jersey geheiratet hatte. Sie war das einzige Mädchen inmitten von fünf Brüdern und bei der Hochzeit schon über 30. Beide waren eher schüchterne und introvertierte Charaktere, was sie ihrem Sohn vererbten.

Andrew, der in der eigenen Familie Dan genannt wurde, profitierte vom Erfolg des großväterlichen Verlagshauses und wuchs ziemlich begütert in Radlett in Hertfortshire auf. Seine Mutter Elizabeth Chatto fühlte sich in England jedoch immer einsam und verlassen, kränkelte viel und gewöhnte sich nicht an die englische Lebensart. 1921 schied ihr Mann aus dem Familienunternehmen aus und übersiedelte mit seiner Frau und dem 12-jährigen Sohn ins südliche Kalifornien, wo einer ihrer Brüder eine große Orangenplantage bewirtschaftete. Sie reisten erster Klasse auf der RMS Carmania, einem Dampfschiff der Cunard-Linie, nach New York. Dann ging es per Zug quer durch die USA, vorbei am Grand Canyon nach Laguna Beach in Orange County, wo sich meilenweit die Orangenhaine erstreckten.

Als der etwas unbeholfene englische Junge in dieser exotischen Landschaft ankam, machte er sich eilig an die Entdeckung der umliegenden Hügel. Er war beeindruckt von den echten Cowboys und den Indianern, die überall zu sehen waren, und später erzählte er seiner Tochter davon, wie zäh sie waren. Er machte Fotos in der Umgebung, kaufte Postkarten von berühmten Naturlandschaften wie dem Grand Canyon und klebte sie sorgfältig in Alben, die er sein ganzes Leben hindurch aufbewahrte. Besonders fasziniert war er von den Pflanzen, die überall wild wuchsen. Seine erste Frage lautete, wie Säckelblume und Goldmohn aus Radlett nach Kalifornien gekommen waren. Die Antwort, dass es in Kalifornien heimische Arten seien, weckte in ihm einen Gedanken. Diese denkwürdige Reise, von der in der Chatto-Familie oft erzählt wurde, sollte die stärkste Triebfeder in Andrews Leben werden. Er fragte unaufhörlich, wo die Blumen und Sträucher in seinem Vorstadtgarten in England ihre Heimat hatten und es wurde eine lebenslange Forschung daraus.

Die Chattos verbrachten zwei Jahre in den USA. Während dieser Zeit ging Andrew in einem Holzverschlag zur Schule, zusammen mit den vielen in das Land strömenden Einwanderern. Schließlich entschieden sich die Chattos zur Rückkehr nach England, damit Andrew keine solch primitive Schulausbildung mehr hätte. Nach der Schulzeit in einer britischen Privatschule nahe seinem Zuhause ging Andrew zum Studium nach Kent an die Landwirtschaftsschule Wye College. Trotz seiner wissenschaftlichen Neigungen hatte er kein Interesse, in das Verlagshaus der Familie einzutreten.

1930 zog die Familie nach Braiswick, einen Vorort von Colchester. Andrews Vater ließ dort ein Haus bauen, das er „Weston“ nannte, und er kaufte Land für den 21-jährigen Andrew, damit der darauf Obst anbauen konnte. Es sollte keine Orangenplantage werden wie beim Onkel in Kalifornien, sondern eine Obstplantage mit robusten englischen Tafeläpfeln und Birnen. White Barn Farm mit einer Fläche von 40 Hektar lag in Elmstead Market, ein gutes Stück entfernt von Andrews heimelig-bequemem Elternhaus in Colchester. Schnell war alles mit Obstbäumen bepflanzt. Andrew erkannte, dass der Standort für gutes Obst etwas unwirtlich war. Das Obst hatte ein wunderbares Aroma, doch in Elmstead war wegen des sandigen, steinigen Bodens ständige Bewässerung nötig. Trotz seiner Naturliebe und seines Wissens war Andrew kein bäuerlicher Typ. Das Alltagsgeschäft der Obstplantagen erfüllte ihn nicht, er bevorzugte das Lesen und die wissenschaftliche Forschung. Als er Beth kennenlernte, besaß er bereits ein enzyklopädisches Wissen über Pflanzen und Botanik.

Im Sommer 1940 machte Beth kurz nach ihrem 17. Geburtstag ihren Schulabschluss mit einer Prüfung in sechs Fächern. Sie hatte beste Noten in Englischer Literatur, Geschichte und Geografie. Ihr Ergebnis brachte ihr einen Platz an einer Ausbildungsstätte für künftige Lehrerinnen, dem Hockerill Teacher Training College, in Bishop's Stortford in Hertfordshire ein.

Im 19. Jahrhundert als „Bischöfliches Institut zur Ausbildung von Schullehrerinnen“ gegründet, atmete dieses College noch immer die religiösen Werte, die Herr und Frau Little von ihrer Tochter gewahrt wissen wollten.

Das College, einst ein Kloster, gruppierte sich um ein Geviert schöner alter Gebäude. Am 11. Oktober 1940, kurz nach Beths Ankunft, wurden jedoch Teile der Unterkünfte bombardiert. Es war der einzige direkte Treffer in Bishop's Stortford während des Krieges und drei Studentinnen starben. Man quartierte die Mädchen daher grüppchenweise mit bis zu zwölf Personen in alten viktorianischen Gebäuden im Ort ein. Einige ältere Lehrkräfte hatten ein Auge auf sie.

Am folgenden Tag waren die Mädchen in gewisser Weise bestürzt, weil man sie statt zum Unterricht zum Kartoffellesen auf die Ländereien des Colleges schickte. Da man wegen der Einberufungen mit Arbeitskräftemangel zu tun hatte, musste jede bei der Nahrungsmittelbeschaffung für die Schulmensa mithelfen. Die Kartoffeln wurden mit einer Maschine ausgegraben, aber die neuen Studentinnen mussten hinterherlaufen und sie in Eimer füllen. Obwohl Beth vom Land kam und eine erfahrene Gärtnerin war, vergaß sie niemals die Rückenschmerzen dieses ersten Collegetages.

Trotzdem hatte sie größten Spaß am Collegegarten. Zum College gehörte eine kleine Grundschule mit etwa zwei Dutzend Schülern zwischen acht und elf Jahren, an denen die angehenden Lehrerinnen ihre Fähigkeiten erprobten. Beth und zwei anderen Studentinnen hatten einen Monat lang die Verantwortung für die Kinder und durften jedes beliebige Projekt mit ihnen durchführen. Eine von Beths Freundinnen, Mary Martingale Taylor, war Musikerin und spielte Geige. Die andere, Margaret Versey, war literaturbegeistert, während Beth sich natürlich für das Gärtnern interessierte. Beth übernahm die Leitung und rasch war entschieden, dass der Garten im Mittelpunkt der Arbeit stehen sollte und der gesamte Unterricht darum konzipiert wurde. In Mathematik mussten die Kinder einen Plan des Gartens anlegen, rechte Winkel zeichnen und alle Maße aufnehmen. Die Musikerin Mary organisierte Tänze und Lieder zum Thema Garten. Und zusammen ermutigten sie die Kinder, poetische Gedanken zu Blumen und Pflanzen zu äußern. Das Experiment war ein großer Erfolg.

Während Beth in Bishop's Stortford war, begannen sie und der neue Freund der Familie Andrew Chatto einen regen Briefwechsel, in dem sie sich gegenseitig berichteten, was im College und auf der Plantage so passierte. Eine der ersten an Andrew gerichteten Fragen galt einem blühenden Strauch, den sie im Collegegarten entdeckt hatte: blätterlose Zweige mit kleinen, süß duftenden Blüten, die wie Drechselspäne aussahen. Als Antwort kam zurück: Chinesische Zaubernuss, Hamamelis mollis. Sie freute sich, dass sie eine so reiche Quelle gärtnerischen Wissens kannte.

Im College verbrachte Beth viel Zeit in der Bibliothek, wo sie nicht nur die Pflichtlektüre las, sondern auch frühe Veröffentlichungen zu Ökologie und der Anpassung von Pflanzen an Lebensräume. Wie sich die Flora von den Kalkböden ihrer Kindheit im westlichen Essex und die vom trockenen Sandboden in Elmstead Market unterschieden, hatte sie schon bemerkt.

Im Zuge der Lehrerausbildung mussten alle Studentinnen ein großes Projekt in einem ihrer Hauptfächer durchführen. Beth hatte Literatur, Biologie und Botanik gewählt und entschied sich unweigerlich für ein Botanikprojekt. In den Sommermonaten war sie mit Andrew regelmäßig zum Schwimmen in den von Gezeiten gefüllten Wasserläufen des Colne-Deltas gewesen. Dort hatten die unterschiedlichen Farbmuster der Salzmarschen ihre Aufmerksamkeit geweckt. Aufgrund der unterschiedlichen Salzkonzentration in den tief gelegenen Becken gab es unterschiedlich gefärbte Streifen von Pflanzen, die sich an die Stellen mit hoher Salzkonzentration angepasst hatten. Landeinwärts, wo mehr Süßwasser aus dem Hinterland kam, veränderten sich diese Streifen. Da Beth von Andrews Reise nach Kalifornien und seinem Interesse an Ökologie sowie der Kartierung von Pflanzengesellschaften wusste, nahm sie ihren Mut zusammen und bat ihn um Hilfe bei ihrem Projekt, einer Studie der Salzwiesen. Es überrascht nicht, dass er zustimmte.

Beth mit Margaret Versey (links) und einer Schulkameradin (Mitte) in Hillside House, einem Wohnheim des Hockerill Teacher Training College in Bishop's Stortford während des Krieges, Juli 1942.

Mit Lineal und Buntstiften bewaffnet, begannen sie die Studie, die zwei Jahre in Anspruch nahm. Andrews Anweisungen waren klar: „Stelle(n) auswählen, geografisch lokalisieren, Klima und Standort bestimmen, örtlichen Boden bestimmen, Karte zeichnen“. Sie begannen mit einem Raster von Quadraten mit sechs Fuß Länge in den salzreichsten Zonen und arbeiteten sich zu den Süßwasserzuflüssen hin. Jedes große Quadrat wurde dann in Quadrate von einem Fuß Länge und Breite aufgeteilt und jede Pflanze in jedem Quadrat farbig vermerkt. Dominante Pflanzen wurden durch kräftige Farbgebung angezeigt, weniger dominante durch abgestufte Farben. Einmal zu Papier gebracht, wurden Wiederholung und dann auch das Verschwinden mancher Pflanzen sowie der quantitative Zuwachs anderer Arten deutlich.

Andrew kritzelte Bemerkungen für Beth auf das offizielle Geschäftspapier von White Barn Farm, in denen er sie unter anderem daran erinnerte, wie wichtig es ist, ein Tagebuch zu führen, alle Pflanzen zu verzeichnen, eine Karte des Distrikts zu zeichnen und an verschiedenen Stellen Löcher zu graben, um Abweichungen in der Struktur des Unterbodens zu erkennen. Beths altes, rotes Englischheft verwandelte sich bald in ein Konzeptheft für das Projekt, mit Bleistift gezeichnete Karten und Notizen, gemischt in Beths starker, kurvenreicher Schrift und Andrews gelehrtem, kleinem Gekritzel. In Quadrat J war er erstaunt, Enteremorphia (Meersalat) zu entdecken, der wie er bemerkte bei Flut tief unter Wasser stand. „Ich hoffe“, schrieb er mit der zurückhaltenden Freude des in ihm verborgenen Wissenschaftlers, „dass wir Salicornia (Glasschmalz oder Queller) hier finden“. Hin und wieder entstanden während der Untersuchung auch lyrischere Texte, gespickt mit Tintenkleksen und Ausradierungen, welche die Leidenschaft des Augenblicks einfingen.

Skizzen der Quadrate in den Salzmarschen aus Beths altem Übungsheft der Colchester High School for Girls, die sie unter Anleitung von Andrew Chatto etwa 1940 erstellt hatte.
Salzwiesen des Flusses Colne bei Elmstead Market, ein Aquarell von Andrew Chatto.

Erst schrieb Beth folgendes:

Bei ziehenden Regenschleiern, dem Glitzern der sumpfigen Ebene, dem klagenden Ruf des Brachvogels und den spitzen Schreien der Möwen, dem Geräusch der Regentropfen auf unseren Schultern, wie wir so dastanden, bewegungslos, beobachteten wir in der scheinbaren Stille der trostlosen Landschaft das Aufsteigen und Niederstürzen einer Schwarzkopf-Seemöwe und der fesselnde Geruch regennasser, von der Gischt benetzter Marschlandpflanzen vermischte sich mit dem stechenden, salzigen Geruch des Meeres; – mattes Blaurosa des Strandflieders, ausgedehnte Gebiete in braun, grau und grün – das rötliche Purpur des jungen Queller, leuchtendes Graugrün des Marschlandgrases und auf dem Wasser treibende Bänder des Seetangs breiten sich im leise flüsternden Schlamm aus.

Danach folgte in Andrews krakeliger Schrift:

Dichte Regenvorhänge bewegen sich langsam über die sumpfigen Ebenen wie Geister, schwere Wolken, in Fetzen und zerzaust, werden eins mit den Marschen im silbernen Dunst. Kein Geräusch im weiten Grau als der sanft rauschende Regen, hin und wieder vom traurigen Flöten des Brachvogels unterbrochen, wenn er nach seiner Suche auffliegt, wo das Wasser sanft anschlägt. Weit draußen jenseits des glänzenden Sumpfs, zieht sanft der liebliche, kleine Fluss vorüber. Zartes Grün und Grau und Lavendeltöne, gedämpft, Melancholie legt sich über das Brachland. Wasser tropft und rinnt von den Ufern unzähliger Schluchten herab. Ein paar Mauersegler fliegen flussaufwärts, schwarze Schnäbel wirbeln durch den Regen.

Der schüchterne Andrew Chatto, schon 31 Jahre alt und so etwas wie ein Einsiedler, verliebte sich in das hübsche, kluge und resolute Mädchen von 17 Jahren, das sein botanisches Wissen so bewunderte. Es scheint so, als passten sie nicht besonders gut zusammen, wenn man an den unterschiedlichen sozialen Hintergrund und die 14 Jahre Altersunterschied denkt. Von der Nähe, die während des Projektes in den Salzwiesen entstanden war, ermutigt, machte er Beth mehrere Heiratsanträge. Beim ersten sagte sie Nein. Heiraten gehörte nicht zu ihrem Plan. Sie wollte unbedingt Lehrerin sein. Eine verheiratete Frau konnte seinerzeit keinem Beruf nachgehen, daher musste die Hochzeit warten. Auch war ihr Vater aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen gegen die Heirat. Möglicherweise machte er sich wegen des sozialen Unterschieds Gedanken oder er meinte, die beiden passten nicht zueinander. Andrew blieb aber beharrlich, weil er wirklich Angst hatte, dass Beth unmittelbar nach ihrem Studienabschluss aus seinem Leben verschwinden würde (oder von einem jüngeren, passenderen Verehrer weggeschnappt würde). Er hatte einen günstigen Zeitpunkt erwischt. Wegen des Krieges gab es kaum junge Männer und erst recht keinen, so schien es, der ähnliche Interessen und Intellekt hatte. Nach einem Jahr ihres dreijährigen Lehrerseminars und nach der Hälfte des Salzwiesen-Projekts gab Beth nach (und der Vater auch) und verlobte sich mit Andrew.

Kurz danach, als wäre es einer der ersten Schritte in das Leben der Mittelschicht, ging Beth in das Fotoatelier von Oscar Way in Colchester, um ein Porträtfoto machen zu lassen. Das war in der Mittelschicht üblich und sie würde regelmäßig in den ersten Ehejahren diese Fotos machen lassen. Formell in Pose, sieht sie älter aus als 18 Jahre. Sie ist im Profil aufgenommen und schaut sehnsüchtig in die Ferne, ihr glattes Haar ist nach der aktuellen Mode in einer sanften Dauerwelle gelegt. Sie trägt ein hübsches, moosgrünes Jerseykleid, eine Kameen-Brosche aus dem Chatto-Besitz und natürlich ihren Verlobungsring.

Zur Hochzeit zwei Jahre später, eine Woche nach Beths Abschluss in Hockerill im August 1943, waren Stoffe stärker rationiert. Obwohl es keine überstürzte Kriegshochzeit wie so viele andere war, dachte niemand an ein weißes Brautkleid. Jedem wurden 36 Rationierungspunkte für das Jahr zugeteilt und ein Kleid aus Wollstoff fraß allein 11 Punkte. Zweifellos haben die Familien etwas gehandelt, um Coupons für Beths elegantes puderrosa Kleid und das graue Reise-Ensemble zu bekommen, die im Zeitungsartikel erwähnt wurden. Mit ihrer Studienfreundin Margaret als Brautjungfer und zu den Klängen von „Love divine, all loves excelling“ trat die 21-jährige Betty Little mit einem Rosenstrauß vor den Altar. In der uralten, hübschen kleinen Kirche St. Anne and St. Laurence in Elmstead Market gab sie sich mit dem erleichterten Andrew Chatto das Jawort.

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Aus Betty wird Beth

Die zukünftige Frau Chatto, 1941.

Nach der Hochzeit teilte Beth das Schicksal vieler Kriegsbräute und zog in das Haus ihrer Schwiegermutter ein. Andrew lebte mit seinen Eltern zusammen in Braiswick, weil es auf der Plantage in Elmstead Market nur die Landarbeiterhäuschen gab. Sein Vater war 1941 an Nierenproblemen verstorben und auch seine introvertierte Mutter war nicht besonders gesund. Sie starb im Jahr nach der Hochzeit an Grippe.

Beths neues Zuhause „Weston“ lag im ruhigen, komfortablen Vorort Braiswick, unmittelbar westlich vom Zentrum der Stadt Colchester und sieben Meilen entfernt vom bescheidenen Heim ihrer Familie sowie White Barn Farm in Elmstead Market. Es lag in einer schmalen Gasse und war ein beeindruckendes Haus, völlig angemessen für eine wohlhabende Familie der Mittelschicht. Andrews Vater hatte es in den frühen 1930er-Jahren bauen lassen, ein frei stehendes, massives, zweigeschossiges Gebäude, im Erdgeschoss verputzt und im ersten Stock geschindelt. Die Fassade hatte etwas von dem seinerzeit modernen englischen Historismus, eine Mischung aus Tudor- und elisabethanischem Stil mit falschem Fachwerk, nicht gerade typisch für Essex oder East Anglia, dafür angelehnt an den schicken Look der südöstlich an London angrenzenden Grafschaften.

Zweifelsfrei war Beth sehr erleichtert darüber, dass das Verbot der Lehrtätigkeit für verheiratete Frauen zeitweise ausgesetzt war, zumindest bis Kriegsende, und so konnte sie ihren gewählten Beruf weiter ausüben. Einen Monat nach der Hochzeit trat sie ihre erste Stelle als Lehrerin an. Sie pendelte dafür mit dem Zug durch Colchester nach Great Bentley. Die dortige kleine Grundschule befand sich in einem viktorianischen Backsteingebäude direkt gegenüber dem Bahnhof.

Eine der ersten Unterrichtsstunden, die Beth hielt, war Nähen. Wegen des Krieges fehlte es an Stoff, und Beth bemerkte, dass sie nur knapp sechs Meter grünen Baumwollstoff für eine Klasse von 44 Schülern der vierten Klasse hatte. Als geübte Näherin, die von ihrer Mutter komplizierteste Stiche gelernt hatte, warf Beth ihre Idee über den Haufen, den 8-jährigen Nähte wie verdeckte Säume beizubringen. Stattdessen sollten die Kinder alle möglichen Stoffe mitbringen, die zuhause nicht benötigt wurden. So kamen alte graue Flanellhosen, zerrissene Kleider und ähnliches in die Schule. Aus diesem Sammelsurium stellten die Kinder eine Sammlung Stoffspielsachen her – überwiegend Elefanten wegen des grauen Flanells –, und die nicht so fingerfertigen Schüler richteten Stofffetzen als Füllmaterial. Die Spielsachen wurden später sogar im Dorf ausgestellt.

Die frisch verheirateten Mr und Mrs Andrew Chatto.

Es dauerte nicht lange, bis Schulleiter Swinden bemerkte, dass seine neue Lehrkraft eine enthusiastische Gärtnerin war. Beth wurde als Hilfe eingeteilt, den älteren Buben die im Krieg so lebensnotwendige Kenntnis des Gemüseanbaus beizubringen.

Ein Streifen Land hinter der Schule lieferte Nahrungsmittel für die Schulmensa. Einige der Jungen verweigerten sich dem Gartenbau-Unterricht von einer Lehrerin. Ein 10-jähriger sagte Beth einmal „Mein Papa macht' nicht so“. „Macht nichts“, entgegnete Beth, „es gibt gewöhnlich mehrere Wege eine Arbeit zu tun. Zuhause machst du es auf deine Weise und hier auf meine, und dann sehen wir mal, ob es Unterschiede gibt“. Später wurde bei den Chattos daraus ein geflügeltes Wort: Es gab den Beth-Weg etwas zu tun und den falschen Weg. Dieser Spruch sollte Beth bis an ihr Lebensende begleiten.

Nach zwei Jahren entschied sich Beth nach reiflicher Überlegung, obwohl sie gerne unterrichtete, den Beruf aufzugeben und Andrew mit der Obstplantage zu unterstützen. Vor dem Krieg beschäftigte er fünf oder sechs Männer auf dem Obsthof, doch die Hälfte war einberufen und nur die alten waren noch da. Die Ankunft eines halben Dutzend Helferinnen der Heimatfront als Ersatz für die fehlenden Männer schien nur auf den ersten Blick ein Vorteil. Andrews Schüchternheit erwies sich im Umgang mit den lebhaften Mädels aus dem Londoner East End geradezu als Alptraum. Es war klar, dass jemand mit den Mädchen aus der Stadt arbeiten musste, Andrew war nicht dazu imstande. Also sprang Beth ein. Sie beneidete die Mädchen um ihre hübschen Uniformen. Da die Mädchen aus London kamen, besaßen sie keine geeignete Bekleidung für das Land, wurden aber mit tauglichen Kniehosen, Röcken und wasserdichten Mänteln ausgestattet. Beth fand diese Kleidung schmuck.

Ein Etikett für die Obstkisten von Andrew Chattos Apfelplantage in Elmstead Market.

Während die ersten Mädchen der Heimatfront noch Freiwillige waren, hatte man die Helferinnen 1943 schon verpflichtet. Beth erkannte rasch, dass ihnen die Arbeit sehr schwer fiel und sie sich in vielen Fällen mutterseelenallein fühlten. Für die Arbeit auf dem Hof hielt sie sie für nutzlos. „Sie schmolzen eine nach der anderen wie Schneeflocken“, erinnerte sie sich später. Beth hatte von Andrew gelernt, wie man Apfelbäume schnitt. Sie dachte, dass man dieses Prinzip auf fast alle Gartenpflanzen übertragen konnte, die erzogen werden mussten. Nun lernte sie noch vieles mehr, darunter den Umgang mit Menschen und kargem Boden. Auf den Plantagen standen Apfel- und Birnbäume. Die sehr gefragte Sorte ‘Cox’s Orange Pippin’ ließ sich nur schwer kultivieren und brauchte ebenso viel Pflege wie ein Haustier. Man musste sie vor jeder Erkrankung schützen.

Obstbauern brauchen das Wohlwollen des Wettergotts. Andrew sagte immer, dass man mit viel Glück in fünf Jahren einmal ein gutes Ertragsjahr hätte, drei mittelmäßige und ein mieses, bei dem man eine Menge Geld verliert und bei der Bank einen Kredit nehmen muss. Beth lernte schnell, dass zu ihrer Rolle als Ehefrau in den schwierigen Jahren auch die Begleitung zur Bank, zum Rechtsanwalt und dann weiter zum Buchhalter gehörte. Obwohl es eine gute Schule für ihre spätere, eigene Geschäftstätigkeit gewesen sein mochte, hatte Beth immer Angst davor, kein Geld mehr zu haben und schlimmer noch, welches leihen zu müssen.

Nach Kriegsende begann für Beth das typische Leben vieler englischer Mittelschichtfrauen. Sie gaben die Karriere bei der Hochzeit auf und wurden Vollzeitmütter. Als die Männer aus dem Krieg heimkehrten, nahmen sie die Arbeit in der Landwirtschaft wieder auf und die Stadtmädchen wurden nicht mehr gebraucht, damit war auch Beths Hilfe auf der Plantage nicht mehr nötig. Als ihre erste Tochter, Diana, im März 1946 geboren wurde, gab es kein Zurück in den Lehrerberuf mehr. Im September 1948 kam Mary zu Welt.