Anette Lucius
Betrunkene Fliegen
Ein Roman nach einer wahren Geschichte.
über die Autorin
Anette Lucius, 1961 in Mecklenburg geboren, arbeitete siebenunddreißig Jahre als Zahnärztin, dreißig davon in ihrer eigenen Praxis.
Nach der deutschen Wiedervereinigung erfüllt sie sich einen Kindheitstraum: Wochenlange Arbeitsaufenthalte in afrikanischen Ländern werden zu den Abenteuern ihres Lebens.
Mit sechsundfünfzig Jahren durchkreuzt eine unheilbare Krankheit ihre Zukunftspläne, zwingt sie zur Praxisaufgabe und in die Frührente.
Wie weit der Weg bis zur Annahme eines unabänderlichen Schicksals sein kann – davon erzählt sie in diesem Buch.
IMPRESSUM
1. Auflage 2024
© 2024 by hansanord Verlag
Alle Rechte vorbehalten
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ISBN Buch 978-3-947145-88-1
ISBN E-Book 978-3-947145-89-8
Autorenfoto | Inhalt | Umschlag: Dörthe Nippe-Stöhr
Cover | Umschlag: Tobias Prießner
Lektorat: Ursula Schötzig
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Inhalt
TEIL 1
2016 Zwei Jahre vor der Diagnose
Kapitel 1 Ulrike. Ein Geschenk
Kapitel 2 Nichts wird gut. In Afrika
Kapitel 3 Luise und Frau G
2017 Ein Jahr vor der Diagnose
Kapitel 4 Es muss von zentral kommen
Kapitel 5 Die Erde ist eine Scheibe
Kapitel 6 Die Katze aus dem Sack
2018 Das Jahr der Diagnose
Kapitel 7 Die Arroganz der Gesunden
Kapitel 8 Der Professor hat sich geirrt
TEIL 2
Kapitel 9 Seitenwechsel
Kapitel 10 Der Zusammenbruch
Kapitel 11 Die Klinik am See
Kapitel 12 Ich will diese Krankheit nicht!
2019 Ein Jahr nach der Diagnose
Kapitel 13 Scherben
Kapitel 14 Sie wird es mir nicht verzeihen
2020 Zwei Jahre nach der Diagnose
Kapitel 15 Viren und Metastasen
Kapitel 16 Abschied
Kapitel 17 Ich bin wirklich krank
2021 Drei Jahre nach der Diagnose
Kapitel 18 Herr Weber und der Valentinstag
Kapitel 19 Professor Anton
2022 Vier Jahre nach der Diagnose
Kapitel 20 Der Brief meiner Schwester
Kapitel 21 Vergebung
Kapitel 22 Der eigene Rucksack ist nicht der schwerste
Kapitel 23 Du bist zu empfindlich, Lina!
2023 Fünf Jahre nach der Diagnose
Kapitel 24 Es ist, wie es ist
Kapitel 25 Hoffnung
Der Pilz des Glückes ist ein Warteschwein
Für meinen Vater
Für meinen Sohn
Für meinen Enkel
In Erinnerung an Bruno, Else, Melanija,
Birgit, Hans, Astrid und Sigrid
Mittwoch, 11. Januar 2023
»Karoline, hast du mal darüber nachgedacht, deinen Weg abzukürzen? Oder willst du ihn bis zum Ende gehen?«
»Ich versteh deine Frage nicht, Kai-Olaf. Meinst du, ob ich mich umbringen will, oder was?«
»Ja genau. Das meine ich.«
TEIL 1
Donnerstag, 15. Februar 2018, 19 Uhr, im Wohnzimmer meiner Eltern
»Ich habe Darmkrebs«, hörte ich meinen Vater sagen.
»Und ich hab Parkinson«, flüsterte ich. Ratlos starrte ich von einem zum anderen.
Meine Mutter, die fast taub ist, hatte es wieder einmal nicht verstanden, sodass ich laut und deutlich wiederholen musste:
»Ja, Mama, es stimmt. Ich habe wirklich Parkinson.« Fast schrie ich es aus mir heraus.
In die daraufhin einsetzende Stille flüsterte ich irgendwann: »Papa, was sollen wir denn jetzt machen?«
Mein Vater sah mich lange an mit seinem gütigen Blick.
»Na, kämpfen, Lina. Was denn sonst?«
Dann stand er langsam auf von seinem Lieblingsplatz auf dem Sofa und kam auf mich zu. Er nahm meine Hand, schaute sie an und schüttelte sie.
»Na, siehst du. Geht doch. Du zitterst ja gar nicht. Da hat sich die Schwester wohl geirrt.«
»Es war nicht die Schwester, Papa. Ich war beim Professor.«
»Na, dann hat sich eben der Professor geirrt«, sagte mein Vater, nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest.
In diesem Moment wurden wir zu Komplizen.
* * *
»Miriam, wissen Sie, wohin ich meine Praxisschlüssel schon wieder verlegt habe?«
Immer dasselbe mit mir, denke ich, und ziehe die Skalpellklinge durch die Schleimhaut. Ich schiebe den Schleimhautlappen zurück, spanne die Knochenfräse ein und suche nach dem passenden Hebel. Miriam assistiert mir heute, ausnahmsweise, denn eigentlich arbeitet sie vorn an der Rezeption.
Ein paar Minuten später liegt der Weisheitszahn in der Zange auf dem OP-Tisch und ein leichter Kaffeeduft aus dem Personalraum erinnert mich an die Frühstückspause. Ich vernähe die Wunde, schneide den Faden ab und stutze. Ich kann die Schere nicht aus der Hand legen. Ich will sie auf dem Instrumententisch ablegen. Es geht nicht.
Moment, bitte! Finger, könnt ihr mal tun, was das Gehirn euch sagt?
Mein Kopf gibt der Hand den Befehl: Schere loslassen! Sofort! Es geht nicht. Ich kann die Bewegungen meiner Finger nicht steuern. Als wäre die Leitung zwischen Gehirn und Hand gestört. Ich habe nicht ewig Zeit, und die Patientin will auch nach Hause, also gibt mein Kopf Anweisung: Die linke Hand nimmt der rechten die Schere aus den Fingern und legt sie auf den Tisch. So! Hat das außer mir noch jemand gemerkt? Miriam vielleicht? Unauffällig suche ich in ihren Augen nach einem Zeichen.
»Ist alles in Ordnung, Miriam?«
»Ja, alles gut, Chefin. Wir waren schneller als geplant.«
Ich verbiete mir, jetzt weiter darüber nachzudenken. Es ist früh am Morgen und ich habe viel zu tun an diesem ganz gewöhnlichen Montag im September 2016.
Meine Praxisschlüssel findet Miriam im Röntgenraum und legt sie mir ins Büro.
Das Jahr 2016
Zwei Jahre vor der Diagnose
Kapitel 1 Ulrike. Ein Geschenk.
Sonntag, 3. Januar 2016
Seit Stunden schneit es. Von der Rezeption aus kann ich durch die Glasfassade der Praxis bis zu den Häusern meiner Patienten sehen, und wenn ich aufstehe, sogar bis an den Waldrand. Wie verzaubert sieht die Welt da draußen aus. Mein Blick bleibt am Korkspindelstrauch vor der Eingangstür hängen. Die Schneekristalle auf seinen Zweigen glitzern in der Sonne.
Im Personalraum riecht es nach Glühwein. Ich kippe das Fenster an und stelle mir den Teller mit den Weihnachtsplätzchen an die Anmeldung neben den Computer. Bevor ich die Post aus dem Briefkasten hole, gieße ich den afrikanischen Bleistiftbaum im Wartezimmer und mache mir einen Kaffee.
Heute ist der erste Sonntag im neuen Jahr. Schreibtischtag.
An der Rezeption ist es hell und warm, mein Lieblingsplatz, wenn ich allein in der Praxis bin. Die tief stehende Wintersonne fällt auf das große Wandbild im Wartezimmer, ein Geschenk meines Künstlerfreundes zur Praxiseröffnung vor neunzehn Jahren. Ich wusste, dass ich diesen Neuanfang nie bereuen würde. Alles ist genau richtig, wie es jetzt ist, und es soll bitte so bleiben, auch in diesem Jahr.
Das ist mein einziger Neujahrswunsch, an wen auch immer.
Acht Stunden später brennen meine Augen, mein Rücken tut weh, und ich fühle mich alt. Ich werfe einen Blick in das Bestellbuch und finde kaum einen freien Termin im Januar. Seit dem letzten Herbst werden wir von Neupatienten geradezu überrannt.
Draußen hauche ich Nebelwölkchen in die klare Luft und wandere eine Runde durch das Wohngebiet. Nur eine Zahnarztpraxis gibt es hier, und das ist meine. Ich fege den Schnee von der Frontscheibe meines Wagens, und bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Praxisfenstern hoch. Nebenan in den Wohnzimmern läuft der Sonntagabendkrimi.
Erschöpft, als hätte ich einen harten Tag am Behandlungsstuhl hinter mir, fahre ich nach Hause.
Mein Name ist Karoline, doch fast alle nennen mich Lina. Ich bin Zahnärztin aus Leidenschaft. In die Stadt meiner Kindheit zurückzukehren, stand nicht auf meinem Lebensplan. Es ergab sich so, damals, vor einunddreißig Jahren.
Meine Mitarbeiterinnen behaupten, sie wollten in keiner anderen Praxis arbeiten – und zugleich, dass sie es hin und wieder nicht leicht hätten mit mir. Kann sein, sie meinen damit meinen Hang zur Perfektion. Nur gut zu sein, reicht mir nicht. Ich orientiere mich an den Besten meines Faches, und auf einigen Gebieten bin ich selbst vorn mit dabei.
Es ist Freitagmittag, fünf Minuten vor Sprechstundenschluss. Die Patientin, die vorn an der Anmeldung steht, kenne ich nicht. Sie hält Unterlagen in der Hand und bittet um eine Zweitmeinung. Miriam begleitet sie ins Behandlungszimmer. Zusammen schauen wir uns die mitgebrachten Röntgenaufnahmen an. Die Entzündung an der Wurzel ihres Schneidezahnes ist so groß wie eine Linse und im Wurzelkanal sieht man eine verunglückte Wurzelfüllung.
»Mein Zahnarzt sagt, der Zahn muss raus.«
Hoffnungsvoll schaut die Patientin mich an. Miriam holt schon mal das Bestellbuch.
»Wir können versuchen, den Zahn zu retten. Alles Weitere bespricht die Helferin mit Ihnen. Miriam, ich brauche eine Stunde für den nächsten Termin.«
»So lange?« Die Patientin guckt überrascht.
»Der größte Feind der Qualität ist die Eile. Stimmts, Miriam?« Meine Helferin lächelt hinter ihrem Mundschutz und nickt. Sie weiß um das komplizierte Innenleben eines Zahnes und welch mühselige Angelegenheit Wurzelkanalbehandlungen sein können. Schon im Studium faszinierte mich dieser Teil der Zahnheilkunde, und seit sieben Jahren gehört das weite Feld der Wurzelkanalbehandlungen zu meinen Spezialgebieten.
Ich lebe allein, und seitdem mein Sohn zu Hause ausgezogen ist, trinke ich meinen Morgenkaffee im Bett. Ich tue so, als wäre das ein Ritual, dabei ist es nur der Versuch, die Einsamkeit in den Griff zu bekommen, die sich hin und wieder ungebeten mit an den Frühstückstisch setzt.
Seit ein paar Tagen muss ich meine Tasse mit beiden Händen festhalten, wenn der Kaffee nicht auf der Bettdecke landen soll. Es ist, als wolle sie mir aus der Hand fallen, wenn ich sie anhebe. Ich beobachte das Problem eine Weile, doch es erledigt sich nicht von selbst. Als ich meiner Freundin Erica davon erzähle, meint die, ich solle mir einen Handmuskeltrainer zulegen.
»Handmuskeltrainer?«
»Gibt’s im Sportladen«, antwortet sie, ehe ich fragen kann, was das sein soll.
Erica arbeitet als Trainerin im Seniorensport und lässt keine Gelegenheit aus, mir zu erklären, dass Joggen allein nicht ausreicht, wenn ich bis ins hohe Alter fit bleiben will. Ich weiß, dass ich mich mehr um meine Muskulatur kümmern muss. Seit einer Woche bin ich fünfundfünfzig, und in dem Alter regelt der Körper nicht mehr viel von allein. Überall tun sich ohne große Vorwarnung Baustellen auf, die man schnell in den Griff bekommen sollte, wenn man Chefin einer Praxis ist.
Den Handmuskeltrainer muss ich reklamieren, der lässt sich nicht einen Millimeter bewegen. Verärgert lege ich ihn der jungen Verkäuferin auf den Tisch. Die zeigt mir lächelnd, wie gut er funktioniert. O Gott, ist mir das peinlich! Verdattert ziehe ich ab, aber wenigstens weiß ich jetzt, dass Erica recht hatte und fehlende Muskelkraft die Ursache für die Schwäche in meiner Hand ist. Zwei Wochen später kann ich den Handmuskeltrainer locker mehr als dreißig Mal zusammendrücken. Meine Kaffeetasse muss ich noch immer mit beiden Händen festhalten.
Es ist Ende Mai, und endlich wird meine neue Behandlungseinheit geliefert. Zehn Jahre will ich noch arbeiten, so ist der Plan. Mein Gefühl sagt mir, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für die letzten großen Praxisinvestitionen. Mein Steuerberater sieht das auch so. In der Praxis sieht es wie auf einer Baustelle aus, überall liegen Bauteile herum. Die Helferinnen wuseln aufgeregt durch das Chaos, packen geschäftig Kartons aus und ein und können es kaum erwarten, in die hochmoderne Technik eingewiesen zu werden.
Zwei Tage braucht der Monteur, bis er die Behandlungseinheit aufgebaut hat. Majestätisch steht sie da, eine optische Meisterleistung des Herstellers. Ehrfürchtig schleichen wir um sie herum und begießen sie mit Praxissekt.
Ich mag die kleinen Auszeiten vom durchgeplanten Sprechstundenalltag, wenn lautes Lachen durch die Praxisräume schallen darf und ich nichts dagegen haben muss. Und ich mag meine Helferinnen. Die drei wissen, dass sie mein Dream-Team sind, beliebt bei den Patienten, einfühlsam und frei von jeder Zickigkeit.
Die beiden Tage Arbeitspause wegen der Montage des Behandlungsstuhls kommen mir gerade recht, denn seit Wochen nerven mich Schmerzen in der rechten Schulter. Das überrascht mich nicht. Jahrzehntelanges Arbeiten in angespannter Körperhaltung hinterlässt eben Spuren, erst recht, wenn man so hochgewachsen ist wie ich.
Von Tag zu Tag werden die Schmerzen heftiger und meine Laune schlechter. Erica organisiert mir einen Termin bei Herbert, dem angeblich besten Osteopathen der Stadt, und redet so lange auf mich ein, bis ich hingehe. Insgeheim denke ich nämlich, meine Beschwerden gehörten besser in die Hände eines richtigen Arztes. Meine Freundin hat recht. Nach drei Terminen bei Herbert hat sich mein Schulter-Arm-Problem in Luft aufgelöst. Beeindruckt von seinen meisterhaften Fähigkeiten schwöre ich ihm ewige Dankbarkeit, denn es gibt nicht viel, das mich mehr verunsichert als Sorgen, die ich mir um meine Arbeitsfähigkeit machen muss.
Die letzten Tage vor dem Sommerurlaub haben es in sich. Im Wartezimmer reichen die Stühle nicht, und abends komme ich nicht pünktlich aus der Praxis. Mein Frühstück esse ich zum Mittag oder gar nicht, und der Monat mit den hellsten Nächten zieht wieder einmal unbemerkt an mir vorbei.
Endlich ist Freitag und ich kann die Praxistür für drei Wochen von außen abschließen. Im Treppenhaus läuft mir der Hauswart über den Weg und lädt sich auf einen Kaffee ein. Ich vertröste ihn auf nach dem Urlaub.
In einer Stunde bin ich mit Tilman verabredet, einem Freund aus Studententagen. In der Studienzeit war er mein Vertrauter. Jetzt wohnen wir zwei Autostunden voneinander entfernt, und noch immer besucht er mich ein Mal im Jahr.
Wir treffen uns vor dem Café am Marktplatz. Die Tische und Stühle stehen draußen. Wir setzen uns an den einzigen freien Tisch und lassen uns von der Sonne bescheinen. Gerade hat der Kellner den Lillet gebracht. Tilman überlegt laut, warum ich so unentspannt aussähe.
»Lina, hast du mal darüber nachgedacht, kürzerzutreten?« Überrascht schaue ich ihn an. »Kürzertreten? Ich weiß gar nicht, wie man das macht.«
Irgendetwas sollte ich ändern, meint Tilman, und zwar dringend. »Vielleicht kannst du die Behandlungszeit an deinen langen Montagen reduzieren?«
Ich muss ihm versprechen, mit Miriam zu reden. Sie ist meine Praxismanagerin und wird das mit den Helferinnen abstimmen.
»Aber erst nach dem Urlaub. Jetzt will ich nach Hause, Koffer packen.« »Schwöre mir, dass du besser auf dich aufpasst, Lina«, sagt Tilman und nimmt mich zum Abschied in den Arm.
Mein Flug nach Marseille geht Samstagnachmittag.
Die Wanderreise in der Provence hatte ich vor zwei Wochen spontan gebucht, als kleines Vorspiel für mein Reiseabenteuer in den afrikanischen Regenwald, das für Herbst auf meinem Programm steht.
Ich bin gern unterwegs, besonders in den Bergen. Doch was Bergwandern mir wirklich bedeutet, weiß ich erst, seit das Land, in dem ich aufwuchs, fast über Nacht verschwand und mir ein Geschenk hinterließ, von dem ich vorher nicht ahnte, wie sehr ich es vermisste: die Freiheit zu reisen. Und damit meine ich nicht an die Ostsee. In der Abflughalle des Flughafens hole ich mir einen Kaffee und suche auf der Anzeigetafel nach meinen Flugdaten.
Vor dem Check-in-Schalter fällt sie mir zum ersten Mal auf: die edle Dame, etwas älter als ich, knabenhaft schlank, klein und irgendwie besonders. Das natürliche Grau ihrer Haare steht ihr fantastisch. Ich zwinge mich, sie nicht anzustarren, denn ihr Gesicht mit den großen freundlichen Augen zieht meinen Blick magisch an.
Nach der Landung in Marseille steht sie am Gepäckband direkt neben mir, und wir stellen fest, dass wir dieselbe Reise gebucht haben. Sie heißt Ulrike.
Während der Bus uns vom Flughafen weg durch malerische Landschaften und einsame Bergdörfer schaukelt, erzählt Ulrike von ihrer Arbeit als Schulleiterin und von den afrikanischen Flüchtlingskindern, um die sie sich kümmert. Eine tiefe Zuneigung klingt aus ihren Worten und lässt mein Herz schneller schlagen.
Seit meiner Kindheit träume ich von Afrika. Der Zauber, der von Menschen mit dunkler Haut ausgeht, berührte mich früh. Eine meiner Babypuppen hatte die Farbe der Kinder, die dort leben. Wie groß Wasserlöcher in der Savanne sind, wollte ich wissen, und ob die Tiere da wirklich so gefährlich sind, wie man sagt. In meiner Fantasie sah ich mich unter riesigen Schirmakazien sitzen und Webervögel an ihren Nestern flatternd beobachten.
Jedes Mal, wenn meine Füße heute die ockerbraune Erde Afrikas berühren, durchflutet mich ein tiefer innerer Frieden.
Ulrike denkt wie ich, und sie fühlt wie ich, so etwas merke ich schnell. In ihrer Nähe fühle ich mich wohl, und schon beim Aufwachen am Morgen freue ich mich auf unsere Tagesgespräche. Jeden Tag laufen wir an blühenden Lavendelfeldern vorbei, sogar die Luft ist hier lila. Bald ist nicht zu übersehen, dass ich mit Ulrikes Wanderschritt nicht mithalten kann. Ich verstehe nicht, warum ich so langsam bin. Andauernd stolpere ich über meine Wanderstiefel oder bleibe irgendwo hängen. Keiner aus der Gruppe stolpert so oft wie ich. Es wird der Arbeitsdruck der letzten Wochen sein, beruhige ich mich, und die kurzen Nächte, in denen wir nicht zum Schlafen kommen, weil wir einander unsere Leben erzählen.
Am letzten Tag der Wanderwoche fragt Ulrike, ob ich Lust hätte, noch einmal mit ihr zu verreisen.
Wohin du willst, denke ich.
»Alles außer Asien«, sage ich.
»Mongolei?«, fragt sie.
Sogleich schickt meine Fantasie mir Bilder aus dem russischen Märchenbuch, das mein Vater mir schenkte, als ich neun war, und ich sehe Dschingis Khan durch die weite menschenleere Steppe reiten. »Oh, Mongolei? Gern«, antworte ich und staune, wie schnell sich meine jahrelange Abneigung gegen asiatische Reiseziele in diesem Augenblick in Luft auflöst.
Die Wochen danach bestärken mich in dem Gefühl, eine Freundin fürs Leben gefunden zu haben.
»Das ist ein Geschenk.« Ulrike bringt es bei einem unserer Telefonate auf den Punkt.
Wie wahr, denke ich, ein Geschenk, das man nicht mehr erwartet, wenn man Mitte fünfzig ist. Und das man sowieso nur selten im Leben bekommt.
Kaum ist der Urlaub vorbei, melden sich meine Schulterschmerzen zurück. Schuld ist die neue Behandlungseinheit, da bin ich mir sicher. Ich finde nicht in eine entspannte Arbeitshaltung und ärgere mich jeden Tag über meine teure Neuanschaffung.
Ab und an habe ich das Gefühl, als könne ich die Instrumente beim Legen aufwendiger Füllungen nicht richtig halten. Nicht, dass sie mir aus der Hand fielen, aber ich kann meine Finger nicht so bewegen, wie ich will. Mein Schulterproblem scheint bis in die Hand auszustrahlen.
Heute habe ich fast ohne Pause durchgearbeitet. Kurz vor Feierabend bitte ich Miriam in den Personalraum.
»Miriam, wir sollten die Behandlungszeit am langen Montag reduzieren. Auf sechs Stunden vielleicht?«
Überrascht schaut sie mich an, und ihre Augen leuchten auf.
»Gern, Chefin. Der Montag ist echt hart. Bei gleichem Gehalt meinen
Sie, oder?«
Ich schaue aus dem Fenster.
»Natürlich nicht, die Stunden müssen wir herunterrechnen.« »Nee, Chefin, das geht nicht, das kann ich mir nicht leisten. Und wohin soll ich dann die Patienten bestellen?«
Eigentlich bin ich den Stress seit Jahren gewohnt, denke ich, er gehört eben zu einer eigenen Praxis dazu. Und so lassen wir alles, wie es ist.
Abends im Bett jedoch, wenn das Gedankenkarussell Fahrt aufnimmt, redet immer öfter eine Stimme auf mich ein.
Mit dir stimmt was nicht, nervt mich die Stimme. Dein Körper wird dir den Stress nicht ewig verzeihen. Du wirst krank, Karoline. Sieh dich mal um, alle werden krank, die so übertreiben wie du.
Tritt kürzer und nimm Abstand von deiner Praxis!
Du hast ja recht, antworte ich der Stimme, aber ich habe keine Ahnung, wie das geht. Kürzertreten. Abstand nehmen. Von dem, was ich am liebsten mache und am besten kann? Soll ich einen Teil meiner Patienten wegschicken, oder was? Die Ansprüche an meine Arbeit herunterschrauben?
Es geht nicht, denke ich.
Es wird schon gut gehen, hoffe ich.
Es wird etwas passieren, fühle ich.
Und mache einfach weiter.
Weil doch bisher alles gut ging in meinem Leben. Und weil ich den Weg einfach nicht finde – den Weg heraus aus dem Hamsterrad.
Wieder sitze ich beim Osteopathen, es hilft ja nichts.
Ich bitte Herbert, sich meine Schulter noch einmal anzuschauen, und wegen der Sache mit der Schere will ich ihn auch fragen.
Das mit der Schulter kriegt Herbert hin. Aber warum guckt der so komisch, als ich ihm erzähle, was mir vor zwei Wochen mit der Schere passiert ist? Und das Muskelzucken in seinem Gesicht macht mich ganz nervös.
»Nein, Karoline, mit der Schulter hat das nichts zu tun.«
Ach, Mensch, Herbert, natürlich kommt das aus der Schulter. Du magst mehr Ahnung haben als mancher Arzt, aber meinen Körper kenne ich selbst am besten. Du kannst mir glauben, es strahlt aus der Schulter in die Hand aus.
Ein Gefühl, das ich nicht einordnen kann, lässt mich nicht aussprechen, was ich denke.
»Sag das bitte deinem Neurologen, Lina«, gibt Herbert mir mit auf den Weg.
Ja, ja, im Dezember. Aber erst fliege ich nach Afrika.
Kapitel 2 Nichts wird gut. In Afrika.
Achtundzwanzig Jahre alt war ich, als sich das Land meiner Kindheit in Luft auflöste. Übersichtlich und planbar war mein Leben bis dahin, vor allem aber vorhersehbar. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr klar, und es sollten Monate vergehen, bis ich die Ereignisse im Jahr des Mauerfalls in ihrer Unglaublichkeit verstand. Die Träume meiner Kindheit erwachten und die Sehnsucht nach dem schwarzen Kontinent ließ mich nicht mehr in Ruhe. Eines Tages war es so weit: Ich konnte losziehen in das geheimnisvolle Afrika. Mit eigenen Augen sah ich, wie groß die Wasserlöcher in der Savanne sind, und fasziniert beobachtete ich, wie die Tiere sich Seite an Seite das Wasser daraus teilen. Ich lernte, mich vor Malaria zu schützen und Spitzmaul- von Breitmaulnashörnern zu unterscheiden. Eingetaucht in glutrote Sonnenuntergänge stand ich am Ufer des Sambesi, dem Sehnsuchtsfluss meiner Kindheit. Anderntags setzte ich mit der Fähre über ihn, eingezwängt zwischen Einheimischen und stumm vor ehrfurchtsvollem Staunen und vor Glück. Ohne Furcht zeltete ich wild in der afrikanischen Steppe. Nachts lauschte ich dem fernen Brüllen der Löwen, und wenn ich zum Sonnenaufgang ins Freie trat, fand ich Elefantenkacke neben meinem Zelt.
Den Bewohnern des schwarzen Kontinents wollte ich mich nicht auf touristischen Pfaden nähern. Da, wo nie ein Tourist seinen Fuß hinsetzen würde, wollte ich sein und tief in ihr Leben eintauchen. Nichts erschien mir nahe liegender, als diesen Traum mit meiner Arbeit zu verbinden. Ich suchte mir eine Hilfsorganisation und reiste Jahr für Jahr in die abgelegenen Dörfer Westkenias nahe dem Victoriasee, allein oder zusammen mit ähnlich gesinnten Kollegen.
Jeder zerstörte Zahn, den ich entfernte, und jeder Patient, den ich von monatelangen Schmerzen befreite, machte mich froh, manchmal geradezu glücklich. Je öfter ich zu ihnen zurückkehrte, umso näher kam ich den Menschen und ihrer afrikanischen Seele. Sie luden mich in ihre Hütten ein, und nicht wenige öffneten mir ihr Herz. Ich hörte mich in ihre Sprache hinein und fand Antworten auf die Fragen meiner Kindheit.
Einen kleinen Teil meines Herzens ließ ich zurück in Afrika bei meinen Patenkindern. Alle vier platzten in mein Leben, als sie noch nicht zur Schule gingen und schon keine Eltern mehr hatten. In der Gegend um den Victoriasee hat die HIV-Epidemie ganze Arbeit geleistet. Von vielen Menschen meiner Generation können nur noch deren Kinder erzählen. Ich sorgte dafür, dass sie genug zu essen hatten und zur Schule gehen konnten, und sie dankten es mir mit Fröhlichkeit und guten Zeugnissen. Inzwischen sind sie erwachsen, und solange sie wollen, werde ich aus der Ferne ein Teil ihres Lebens bleiben.
In diesem Herbst führt mich meine Reise zunächst nach Uganda.
Wir sind zu zweit unterwegs, meine Kollegin Jenny begleitet mich. Dieses Mal kommen wir als Touristen. Wir wollen Berggorillas im Regenwald beobachten. Ausgerüstet mit hochmodernen Outdoorklamotten und teuren Kameras werden wir bei Sonnenaufgang von unserem Camp aus an den Rand des Dschungels gefahren. Im Morgennebel kämpfen wir uns durch fast undurchdringliches Dickicht, bis wir ihnen auf einer Lichtung begegnen: der großen Gruppe Menschenaffen mit den vielen Kindern.
Die Gorillas beglotzen uns und fühlen sich gestört. Ich hänge auf einem steilen Abhang fest und traue mich nicht weiter. Zwei Armlängen unter mir hockt ein Gorillaweibchen im Busch und reißt mit bemerkenswerter Eleganz Zweige von den Sträuchern. Es dreht sich zu mir um und scheint mich zu fragen, was ich hier zu suchen hätte. Jenny meint, Geld heilige auch hier die Mittel und dass wir mit unseren Eintrittsgeldern zum Erhalt von Was-weiß-ich-Allem beitrügen. So hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen, und ich kann das Zusammentreffen mit unseren wundersamen Verwandten am Ende doch noch genießen.
Am anderen Tag bringt mich eine zufällige Begegnung mit den Pygmies an die Grenzen meiner Afrikasehnsucht. Vom Wuchs her klein leben sie versteckt in den Tiefen des Regenwaldes an der Grenze zum Kongo, bekleidet mit nichts weiter als mit tuchähnlichen Umhängen aus Baumrinde. Man sagt, sie machen Jagd auf die seltenen Waldelefanten, und dass sie Gorillakinder mit Pfeil und Bogen aus den Bäumen schießen. Krank und schlecht ernährt sehen sie aus. Beim Anblick ihrer Füße erschrecke ich und frage mich, wie sie mit solchen Wunden laufen können. Aus rot unterlaufenen Augen schauen sie mich so lange an, bis ich meinen Blick abwende. Am Ende des Tages wiegt die Erschütterung über das Gesehene schwerer als all meine romantischen Afrikaträumereien.
Eine Woche später geht es weiter nach Kenia, an den Victoriasee. Meine Patenkinder erwarten uns. Die Räder des Geländewagens wirbeln den Staub der roten Erde von der holprigen Landstraße direkt in mein Gesicht. Ich halte es in die Morgensonne und schaue dem Glitzern der Staubkörnchen zu.
Schon von Weitem kann ich sie hören, die vertrauten Gesänge. Die große Dorfkirche ist erfüllt von den Klängen der Musik und den Rhythmen der Tänze. Die letzten Minuten des Gottesdienstes, laut, eine unbändige Lebensfreude der ärmsten Menschen. Sie feiern das Leben auf Afrikanisch und wehmütig schaue ich dabei zu. Wie gern würde ich in diesem Moment zu ihnen gehören. Wir setzen uns in die letzte Reihe der Kirchenbänke.
Kaum ist der Gottesdienst zu Ende, rennen mir Shereen und Shirley, meine beiden Patenmädchen, auf dem Kirchenvorplatz direkt in die Arme. Hinter ihnen warten Bonface und Austin in respektvollem Abstand auf den Handschlag zur Begrüßung. Durchtrainierte junge Männer sind aus ihnen geworden. Nur diesen einen Tag haben wir miteinander, und sie ahnen nicht, wie froh ich bin, sie gesund und gut ernährt anzutreffen.
Am anderen Morgen umarmen sie mich zum Abschied, und wir halten einander lange fest. In Afrika ist das Leben bunt und die Zukunft ungewiss, nie weiß ich, ob wir uns wiedersehen werden. Ich achte darauf, dass sie meine Tränen nicht sehen, als ich ihnen ein letztes Mal aus dem Auto zuwinke.
Unsere Reise geht weiter nach Sandai. Vor fünf Jahren entdeckte ich die Farm am Fuße des Mount Kenya, und vom ersten Augenblick an war sie mein ganz eigenes Paradies. In ihrer Nähe teilt der Äquator die Erde in Halbkugeln.
Vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag braucht der Fahrer für die dreihundert Kilometer über staubige Holperstraßen. Der Wachmann hat unser Auto kommen hören und öffnet das Tor. Wir klettern aus dem Jeep und laufen den Weg bis zum Haupthaus zu Fuß. Von der Terrasse kommt uns Petra entgegen, in der Hand eine Schale mit Mangos und Passionsfrüchten.
Petra ist die Hausherrin auf Sandai. Vor mehr als dreißig Jahren baute sie dieses Kleinod mitten ins kenianische Hochland und ließ ihre schwäbische Heimat für immer hinter sich für eine andere Zukunft auf dem afrikanischen Kontinent.
Heute ist Petra Kenianerin. Sie lebt ihren Traum und will nicht dafür bewundert werden. Ich tue es trotzdem und weiß, ich selbst werde für immer weiterträumen von Afrika.
Es ist spät geworden an diesem Abend. Lange haben wir auf dem Hügel an der Feuerstelle beim Sundowner gesessen und den einsamen Elefanten-Opa auf der Nachbarfarm im Dickicht der Bäume beobachtet. Mit der Taschenlampe leuchten wir uns den Weg zum Gästehäuschen. Im Bad schalte ich die Solarleuchte ein.
Schon in Uganda hatte ich es bemerkt. Eine Verunsicherung, die ich schnell vergessen wollte, doch jetzt drängelt sie sich erneut in mein Bewusstsein. Mit der Zahnbürste in der Hand stehe ich vor Jennys Bett.
»Du, Jenny, ich kann mir seit Tagen die Zähne nicht richtig putzen.« Jenny ist damit beschäftigt, eine Zikade, die sich verflogen hat, aus ihrem Moskitonetz zu befreien. Verwundert schaut sie mich an.
»Was meinst du?«
»Ach, ich weiß es selbst nicht. Ich kann meine Hand nicht so bewegen, wie ich will.«
Jenny zuckt mit den Schultern. »Dann kauf dir endlich eine elektrische Zahnbürste, wenn wir wieder zu Hause sind.«
Ich gehe zurück ins Bad, betrachte meine Hand und verstehe nichts. Und ein Schluchzen, das tief in meiner Seele hockt, bahnt sich seinen Weg nach außen. Als ich in den Spiegel schaue, sehe ich Tränen über meine Wangen laufen.
Am anderen Morgen sitze ich auf der Terrasse unseres Gästehäuschens. Jenny schläft noch. Die Sonne klettert eben über den Mount Kenya, und ich schaue einer RotkopfAgame beim Sonnenbaden zu. Ein bunter Vogel hüpft um sie herum, ärgert sie und vertreibt sie dann. Es ist so still, selbst Zikaden schlafen irgendwann.
Ich hole mir einen Stift und will in meinem Tagebuch weiterschreiben. Es geht nicht. Das ging doch gestern noch, verdammter Mist! Meine Hand schreibt die Buchstaben nicht so, wie ich will, sie werden krakelig und immer kleiner. Die Finger machen nicht das, was mein Gehirn ihnen sagt. Sie fühlen sich komisch an und seltsam fremd. Genauso fremd, wie meine Schrift mir auf einmal vorkommt.
Als hätten betrunkene Fliegen auf dem Papier herumgetanzt. Kurz bevor aus meiner Fassungslosigkeit Angst werden kann, ruft Petra uns zum Frühstück.
Die Tage auf Sandai vergehen mit wundersamen Tierbegegnungen und philosophischen Gesprächen abends am Kaminfeuer. Wir lassen uns auf die Langsamkeit des afrikanischen Lebens ein, und ich weiß, dass ich immer hierher zurückkehren kann.
Es ist dunkel und der Abendwind streicht durch unsere Shirts, die wir zum Trocknen in die Akazie vor dem Gästehäuschen gehängt haben. Wir sitzen auf der Terrasse, lauschen in die hereinbrechende Nacht mit ihren fremden Geräuschen und schauen in den Sternenhimmel. Die Mondsichel liegt hier auf dem Rücken, sagt Jenny. Die letzten Stunden auf Sandai rennen uns davon. Ich möchte die Zeit anhalten, will nicht zurück in die Kälte, in die Hektik der Vorweihnachtszeit mit den vielen gestressten Menschen. Will mich nicht mit dem Unheimlichen beschäftigen müssen, das mich ängstigt und das ich nicht abschütteln kann.
Wir nehmen die rote Erde Afrikas mit nach Hause: an unseren Schuhen, an Händen und Füßen, in den Klamotten und Rucksäcken. Meine Schlafshirts werde ich daheim ein paar Nächte ungewaschen weitertragen. So nehme ich mir die Gerüche Afrikas mit bis in mein Bett.
Der Abschied von der Farm und ihren Bewohnern ist afrikanisch kurz, und eine kleine Traurigkeit nehme ich mit auf die Heimreise, wie jedes Mal.
Zu Hause kaufe ich mir eine elektrische Zahnbürste. In der Praxis wundern sie sich, weil ich bisher unseren Patienten die Handzahnbürstentechnik empfohlen habe. Ich erzähle irgendetwas von neuen Erkenntnissen und bin froh, dass mein Putzproblem vorerst gelöst zu sein scheint.
Inzwischen ist es Dezember. Im Wartezimmer von Herrn Doktor Kluth riecht es streng. Zu viele besetzte Stühle für diesen kleinen Raum. Ich schließe die Augen und sehne mich nach Savanne und dem Staub der roten Erde.
Doktor Kluth ist Facharzt für Neurologie und Nervenheilkunde und kennt mich seit zwei Jahren. Ich habe ihn mir ausgesucht, weil er nicht zu jung ist und einen guten Ruf hat. Hoffentlich kann er heute Licht in das Dunkel meiner seltsamen Körperwahrnehmung bringen. Eigentlich bin ich wegen depressiver Verstimmungen bei ihm in Behandlung. Sie kamen in mein Leben, als ich Ende zwanzig war. Mit Medikamenten haben wir sie nahezu perfekt im Griff, vorausgesetzt, ich komme nicht auf die Idee, im Alleingang auszuprobieren, ob ich die Tabletten wirklich brauche. Mit Antidepressiva spielt man besser nicht herum, habe ich herausgefunden. Derzeit beschränkt sich der Kontakt mit Doktor Kluth auf das Abholen des Folgerezeptes nach Überprüfung meiner Reflexe mit dem Neurohämmerchen.
Auch dieses Mal fällt mein Besuch kurz aus. Ich berichte ihm von der Sache mit der Schere und den Merkwürdigkeiten beim Zähneputzen. Die passende Erklärung liefere ich gleich mit. Es kann nur an der neuen Behandlungseinheit liegen, und alle Probleme mit meiner Hand müssen aus der Schulter kommen.
Der Kollege klopft mit dem Reflexhammer auf meinen Sehnen herum, befindet meine Handmuskeln trotz Training als zu schwach, ist aber ansonsten einverstanden mit meiner Theorie, alles komme aus der Schulter. Wir werden es beobachten, in drei Monaten bitte wieder zur Kontrolle.
Erleichtert ziehe ich ab. Zu Hause fällt mir ein, dass ich vergessen habe, ihm zu sagen, wie merkwürdig meine Schrift an jenem Morgen auf Sandai aussah.
Lina, es war nur Einbildung. Du weißt, dass deine Schrift seit dem Studium nicht mehr gut zu lesen ist, beruhigt mich meine innere Stimme.
Kapitel 3 Luise und Frau G.
In drei Tagen ist Weihnachten. Ich sitze im Schneidersitz auf der Couch und schaue in den Garten. Seit heute Morgen schneit es, und ich weiß, dass ich bis zum Frühling frieren werde. Jedes Mal, wenn ich aus Afrika zurückkehre, braucht alles in mir Zeit, zu Hause anzukommen.
Meine Freundin Luise ruft an und fragt, ob sie vorbeikommen kann. Sie will meinen Reisebericht von Uganda hören und wissen, wie es den Patenkindern geht. In einer Stunde wird sie hier sein. Ich hole einen Hokkaido aus dem Keller und koche uns Kürbis-Mango-Suppe. Luise fällt auf. Mit ihrer extravaganten Art, sich zu kleiden, und ihrem etwas vorlauten Wesen. Ein Hauch von Ungewöhnlichkeit umgibt sie. Vor sieben Jahren begann unsere Freundschaft, auf einer Fortbildungsreihe an zwölf Wochenenden, verteilt über ein ganzes Jahr. In der Sommerpause dieser Fortbildung flog ich für drei Wochen zum Arbeiten an den Victoriasee. Als ich Luise danach wiedertraf, sprudelten meine unglaublichen Erlebnisse nur so aus mir heraus. Stundenlang hörte sie zu, stellte Fragen über Fragen, und bald war uns beiden klar, dass wir uns demnächst gemeinsam auf den Weg machen würden. Luise erzählte Nora, ihrer früheren Assistentin, von unseren Plänen. Die ließ sich nicht lange bitten, und ein paar Monate später saßen wir zu dritt im Flugzeug, das uns nach Nairobi brachte. Das Arbeiten auf der Südhalbkugel war für uns Spaß und Freude. Fernab jeder Bürokratie und abseits aller Vorschriften liebten wir es, einfach nur unsere Arbeit zu tun und uns an der Dankbarkeit der Patienten zu erfreuen. Es war uns eine Ehre, stolze Massai-Krieger von ihren Zahnqualen zu befreien. Den Kindern brachten wir außer Zähneputzen auch Gummihopse und Humpeltick bei, und geduldig ließen wir uns von ihnen unzählige Rastazöpfe in unsere langen Haare flechten.
Auf dem Landweg zogen wir weiter nach Tansania.
Nie zuvor sah ich den Himmel so hoch und so übervoll mit Sternen wie nachts am offenen Küchenfeuer in Mengwe, einem kleinen Bananendorf am Fuße des Kilimandscharo, dessen Hütten nie vorher eine weiße Frau betreten hatte. Schon am zweiten Tag vergaßen wir unsere helle Hautfarbe. Wir nahmen die Gerüche der afrikanischen Erde, der Luft und unserer Gastgeber an, wuschen uns aus Mangel an Wasser nur manchmal und genossen auch das in vollen Zügen. Wie überlegen afrikanische Frauen uns in den einfachen Dingen des Lebens sind und wie weit sich unser eigenes Leben längst von allem Ursprünglichen entfernt hat – nie spürte ich es deutlicher als in diesen Tagen.
Noch bevor wir den Kontinent wieder verließen, hatte das Sehnsuchtsvirus Afrika meine Gefährtinnen infiziert und sie ahnten nicht, was ich längst wusste: Es würde sie nie mehr loslassen.
Wir sitzen in der Küche und schauen dem Tanz der Schneeflocken vor dem Fenster zu. Aus ihrem Küchenfenster zu Hause könne sie im Winter die Ostsee sehen, sagt Luise.
Es wird einer dieser Abende, an denen wir einander immer wieder die gleichen Geschichten erzählen, und nie wird uns langweilig dabei. Luise fragt, ob wir den Jahreswechsel zusammen feiern wollen, am liebsten an der Ostsee. Sie würde sich um alles kümmern, ich bräuchte nur ›Ja‹ sagen zu ihren Ideen und Plänen.
Ich liebe diese besonderen Tage nach dem Fest und vor dem Wechsel der Jahre, wenn die Praxis geschlossen ist, alles und alle zur Ruhe kommen, und irgendwann sogar ich.
Am drittletzten Tag des Jahres fahren wir auf die Insel mit den endlos scheinenden weißen Sandstränden. Das Sternehotel, das Luise ausgesucht hat, steht direkt am Strand. Wir wandern und reden über unsere Arbeit, das Personal und über Afrika, und nachdem wir zwei Stunden im Strandsand herumgelaufen sind, suchen wir uns ein Café.
Ich merke, dass ich die Kaffeetasse nicht anheben kann, meine rechte Hand hat nicht genügend Kraft und der Kaffee schwappt auf die Untertasse. Ich hebe sie mit beiden Händen hoch.
»Was ist denn mit deiner Hand los, Lina, und warum hältst du die Tasse so komisch?« Luise guckt verwundert.
Ich erzähle was von kalten Händen und warmer Tasse und schaue an ihr vorbei aus dem Fenster.
Beim Abendessen im Hotel fragt Luise, warum ich den Löffel in der linken Hand halte. Dieses Mal fällt mir keine schnelle Ausrede ein, und so vertraue ich ihr meine Ratlosigkeit an, schließlich ist sie meine Freundin. Sie nimmt mein Problem ernst. Ich finde, das ist ein schlechtes Zeichen und wechsle das Thema.