Betrunkenes Betragen - Craig MacAndrew - E-Book

Betrunkenes Betragen E-Book

Craig MacAndrew

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Beschreibung

Singen, Tanzen, Reden, Rasen – und Karneval feiern? Die simple Erkenntnis lautet: Was wir tun, wenn wir Alkohol getrunken haben, ist alles eine Frage der Kultur. Aus eigener Erfahrung glauben wir zu wissen: Alkohol enthemmt. Schüchternheit, Vernunft, Anstand? Für ein paar Stunden vergessen! Das führt manchmal zu schönen Dingen wie einem ersten Kuss oder wilden Tanzflächen-stunts – und manchmal zu hässlichen, die vor Gericht landen und dort entschuldigt werden: It's the alcohol, stupid! Die amerikanischen Ethnologen MacAndrew und Edgerton zeigen unterhaltsam und überzeugend: Menschen auf der ganzen Welt betragen sich betrunken völlig unterschiedlich, und zwar je nach Tradition, Situation, historischen Umständen oder Vorbildern aggressiv oder friedlich, schweigsam oder redselig, sangeslustig oder gewalttätig, und sie sind dabei oft bemerkenswert fähig, selbst im Vollrausch noch zu unterscheiden, wen sie küssen oder schlagen – und wen nicht. Wir lesen erstaunliche, schöne und schreckliche Geschichten und erkennen verblüfft: Nicht der Alkohol ist verantwortlich für unser trunkenes Tun, wir haben es schlicht und einfach so gelernt. Lange nach der Veröffentlichung hat Jakob Hein diesen Wissensschatz wiederentdeckt und übersetzt, der unsere Auffassung von der »enthemmenden« Wirkung des Alkohols bis hin zum Konzept der »verminderten Schuldfähigkeit« radikal infrage stellt.

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Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Craig MacAndrew / Robert B. Edgerton

Betrunkenes Betragen

Eine ethnologische Weltreise. Wiederentdeckt und übersetzt von Jakob Hein

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Über Craig MacAndrew / Robert B. Edgerton

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Craig MacAndrew / Robert B. Edgerton

Craig MacAndrew, geboren 1928, lehrte Anthropologie an der University of California. Sein bahnbrechendes Buch Drunken Comportment. A Social Explanation, das er zusammen mit Robert B. Edgerton verfasste, erschien 1969 bei Aldine, Chicago.

 

Robert B. Edgerton (1931–2016) lehrte Anthropologie an der University of California. Sein bahnbrechendes Buch Drunken Comportment. A Social Explanation, das er zusammen mit Craig MacAndrew verfasste, erschien 1969 bei Aldine, Chicago.

Über Jakob Hein

Jakob Hein arbeitet als Psychiater. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Mein erstes T-Shirt (2001), Herr Jensen steigt aus (2006), Wurst und Wahn (2011), Kaltes Wasser (2016) und Die Orient-Mission des Leutnant Stern (2018). Sein Buch Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis (2020) stand nach Erscheinen wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Zuletzt erschien sein Roman Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken im Frühjahr 2022.

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Über dieses Buch

Singen, Tanzen, Reden, Rasen – und Karneval feiern? Die simple Erkenntnis lautet: Was wir tun, wenn wir Alkohol getrunken haben, ist alles eine Frage der Kultur.

Aus eigener Erfahrung glauben wir zu wissen: Alkohol enthemmt. Schüchternheit, Vernunft, Anstand? Für ein paar Stunden vergessen! Das führt manchmal zu schönen Dingen wie einem ersten Kuss oder wilden Tanzflächen-stunts – und manchmal zu hässlichen, die vor Gericht landen und dort entschuldigt werden: It’s the alcohol, stupid!

Die amerikanischen Ethnologen MacAndrew und Edgerton zeigen unterhaltsam und überzeugend: Menschen auf der ganzen Welt betragen sich betrunken völlig unterschiedlich, und zwar je nach Tradition, Situation, historischen Umständen oder Vorbildern aggressiv oder friedlich, schweigsam oder redselig, sangeslustig oder gewalttätig, und sie sind dabei oft bemerkenswert fähig, selbst im Vollrausch noch zu unterscheiden, wen sie küssen oder schlagen – und wen nicht. Wir lesen erstaunliche, schöne und schreckliche Geschichten und erkennen verblüfft: Nicht der Alkohol ist verantwortlich für unser trunkenes Tun, wir haben es schlicht und einfach so gelernt.

Lange nach der Veröffentlichung hat Jakob Hein diesen Wissensschatz wiederentdeckt und übersetzt, der unsere Auffassung von der »enthemmenden« Wirkung des Alkohols bis hin zum Konzept der »verminderten Schuldfähigkeit« radikal infrage stellt.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Titel der Originalausgabe: Drunken Comportment. A Social Explanation

© 1969 by Craig MacAndrew und Robert B. Edgerton

Aus dem Englischen von Jakob Hein

© 2024, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Lisa Neuhalfen

Covermotiv: © VikiVector

 

ISBN978-3-462-31299-7

 

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Übersetzers

Vorwort der Autoren

Motto

1 Die herkömmliche Auffassung

2 »Manche Menschen vertragen wirklich viel Alkohol.«

3 »Ich sehe was, was du nicht siehst.« Der Einfluss von Zeit und Umständen auf betrunkenes Betragen

4 Enthemmung und die Begrenzungsklausel. Das Problem betrunkener Veränderungen zum Schlechteren

5 Betrunkenheit als Auszeit. Eine alternative Lösung für das Problem alkoholbedingter Veränderungen zum Schlechteren

6 »Indianer vertragen keinen Schnaps.« A. Die konventionelle Auffassung und ihre Probleme

7 »Indianer vertragen keinen Schnaps.« B. Unsere Argumentation auf dem Prüfstand

8 Schlussbemerkungen

Nachwort

Vorwort des Übersetzers

(2024)

Warum um alles in der Welt sollte ein 50-jähriger Psychiater ein Fachbuch übersetzen, das älter ist als er selbst? Dazu möchte ich zunächst erzählen, wie dieses Buch und ich einander getroffen haben.

Medizinprofessoren (und auch die wenigen Professorinnen) müssen heute wirtschaftlich handeln und dies gegenüber ihren Universitäten transparent machen. Es ist genau festgelegt, wie viele Stunden Lehre sie erbringen, wieviel an Fördergeldern sie heranschaffen und wie viele Betten auf wie vielen Stationen sie möglichst voll belegen sollen.

Die aus meiner Sicht augenfälligste Lücke in diesem Erwartungshorizont ist dabei, dass keine Zeit für das Lesen oder gar das Schreiben von Büchern vorgesehen ist. Diese wundervollen (und ehemals als wichtig erachteten) Tätigkeiten können in der Freizeit erbracht werden, spielen aber in der Beurteilung von Qualität für Hochschullehrkräfte keine Rolle mehr. Umso glücklicher konnte ich mich schätzen, dass mein ehemaliger Chef des Lesens und Schreibens nicht nur kundig war, sondern dies auch gerne tat. Und doch wunderte ich mich, als mir Professor Heinz nach einem Treffen in seinem Büro plötzlich ein damals vierzig Jahre altes Buch in die Hand drückte: Drunken Comportment. Warum sollte ich mich mit vierzig Jahre alten Mutmaßungen über die Wirkung von Ethanol auseinandersetzen, wenn es schon kaum zu schaffen war, alle wichtigen wissenschaftlichen Artikel der letzten vier Jahre dazu zu lesen?

Wie Sie sehen, konnte ich meine Skepsis überwinden. Beim Lesen verstand ich immer besser, warum ich mich als Arzt, der sich mit Alkoholkrankheiten beschäftigt, nicht nur mit Veröffentlichungen zu Bildgebung und Neurotransmitterveränderungen bei Suchterkrankungen befassen, sondern auch dieses Werk studieren sollte. Die interessanten Erkenntnisse dieses Buches sind bis heute nicht Teil des allgemeinen oder auch nur des wissenschaftlichen Verständnisses der Wirkung von Alkohol auf unser Verhalten geworden. Und die 50 Jahre alten Fragen der Autoren an Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft haben kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt. Wie verhalten sich Menschen eigentlich, wenn sie betrunken sind? Was an ihrem Verhalten ist zwangsläufig, gewissermaßen biologisch, und was davon unterliegt weiterhin ihrer Steuerung?

Durch Studien an Mensch und Tier kann gezeigt werden, dass der Konsum von Alkohol zu einer Schädigung des Gleichgewichtssinns, von Grob- und Feinmotorik führt. Aber es gibt bis heute keine medizinischen Beweise dafür, dass er die Hemmungen unserer Psyche löst und uns zu reinen Spielbällen unserer Triebe werden lässt. Die von den Ethnologen MacAndrew und Edgerton aus aller Welt und vielen Jahrhunderten zusammengetragenen Fakten scheinen eher das Gegenteil zu beweisen! Wenn aber ein verändertes Verhalten unter Alkoholeinfluss tatsächlich nicht biologisch determiniert ist, dann stellt sich die Frage nach seiner zweifelsohne besonderen Stellung in unserer Gesellschaft noch einmal neu. Denn es ist schon bemerkenswert, dass wir schwere gesundheitliche Folgen, starke negative gesellschaftliche Konsequenzen und massive Regelverletzungen bis hin zu einer erhöhten Rate von Straftaten in Kauf nehmen, ohne nennenswerte Anstrengungen gegen deren Ursache zu unternehmen. Der Konsum von Alkohol wird von Millionen von Menschen als Freifahrtschein für bestimmte Verhaltensweisen genutzt und dies wird trotz der unbestritten negativen Folgen weithin toleriert. Offensichtlich wird genau diese Funktion als kultureller Freifahrtschein von der Gesellschaft als zu wertvoll erachtet.

Insofern war und ist es mir ein Anliegen, erneut auf diese wichtige und weiterhin eigentlich revolutionäre Perspektive der Autoren hinzuweisen. Denn an der von MacAndrew und Edgerton in ihrer einleitenden Bestandsaufnahme dargestellten »herkömmlichen Auffassung« über die psychologische, »enthemmende« Wirkung von Alkohol hat sich im Wesentlichen bis heute nichts geändert.

Nur das mit dem Übersetzen hatte ich mir nicht gut überlegt. Ich habe immer sehr viel Achtung für Übersetzerinnen und Übersetzer gehabt, ihre Arbeit ist ein schweres künstlerisches Handwerk, das zu wenig gewürdigt und im Allgemeinen zu schlecht bezahlt wird. Gleichzeitig dachte ich mir, dass ich als Psychiater und Schriftsteller ja wohl ein psychiatrisches Fachbuch aus dem Englischen in Deutsche übertragen können würde. Und irgendwie sind die vorliegenden Seiten ja auch der Beweis dafür, dass ich das kann.

Aber wie schwer es war! Rein fachlich ist es so, dass die Namen einiger der Kulturen, von denen die Autoren schreiben, im Deutschen völlig anders lauten. So würde man beispielsweise die Vico auf Deutsch im Wesentlichen den Quechua zurechnen – wie ich das zu lösen versuchte, dürfen Sie in Kapitel 2 lesen. Noch schwieriger war die Herausforderung, den Autoren im Geist gerecht zu werden. Sie schreiben häufig von tribes, chiefs und indians, wie es zu ihrer Zeit üblich war und als kultursensibel galt. Doch dem ist heute nicht mehr so, darum versucht der Text auf Deutsch den aktuelleren Gepflogenheiten zu entsprechen.

Die Geschwindigkeit sprachlicher Anpassung ist zwischen den verschiedenen Sprachen unterschiedlich. So ist der Begriff »Kreolen« für die meisten Deutschen nicht besonders problematisch, da sie nie wussten, was er bedeuten soll. Häufig sind im Deutschen damit große Ohrringe gemeint. In Südamerika sieht man diesen Begriff ganz anders. Andere Begrifflichkeiten wie die vom »Volk der Bantu« oder die Bezeichnung der Lovedu sind heute überholt, hier wurden die aktuell richtigen Begriffe verwendet. Wieder andere Worte klingen wunderschön, wie z.B. »Pazifizierung« (pacification). Doch wenn damit gemeint ist, dass Gesellschaften durch das mächtigere herrschende System und systematische Gewalt unterdrückt wurden, kann dieser Begriff aus heutiger Sicht und nach meiner Auffassung nicht einfach Eingang in einen Text finden. Rassismus und Kolonialismus haben unsere Sprache so tief durchdrungen, dass es wohl noch einige Generationen brauchen wird, bis sie dereinst hoffentlich verschwunden sind.

Und dann gab es Fälle wie die aus den Quellen von 1950 übernommene Stadt »Shionasu«, die es in Japan gar nicht gibt – mit großen Mühen und dem Studieren der Originalquelle konnte ich die Präfekturhauptstadt Okayama als einzig richtige Möglichkeit recherchieren. Doch Okayama hieß nie »Shionasu«, womöglich nannten nur die Bewohner und Bewohnerinnen der kleinen Insel selbst, von der der Autor der Studie berichtete, die Stadt so? Wie soll es der Übersetzer hier richtig machen? Über dieses und viele andere meiner Probleme wie die Frage nach der richtigen Übersetzung des Gegensatzpaares hard and soft sciences oder der veränderten Bezeichnungen der verschiedensten indigenen Völker Nordamerikas in den vergangenen 50 Jahren werden richtige Übersetzerinnen und Übersetzer sicher nur müde lächeln können, mich hat es einigen Aufwand gekostet.

Überdies gibt es ein Grundproblem des ganzen Unterfangens: Die Beobachtung indigener Völker durch Personen aus dem Westen fußt in aller Regel auf einem ethnozentrischen Weltbild. Wir beobachten die anderen Völker und notieren unsere Beobachtungen. Und leider ist »gut gemeint« manchmal der Anfang von schlimmen Dingen. Auch fragt man sich angesichts mancher Berichte westlicher Forscher (und einiger weniger Forscherinnen), ob diese in der Lage waren, das Geschehene aus der Sicht der beschriebenen Menschen zu beurteilen, oder ob sie westliche Reaktionsmuster von Menschen gewissermaßen einfordern, die nicht durch diese Muster geprägt sind. So bedeutet die Abwesenheit von lautem Weinen und Wehklagen keineswegs die Abwesenheit von Trauer und ein souveräner Umgang mit Kindersterblichkeit kann ebenso dem beklagenswerten Umstand geschuldet sein, dass diese in einer Gesellschaft viel höher ist, als wir das im Westen seit über hundert Jahren kennen. Zudem fragt man sich, wie stark eine Inselgesellschaft mit nur 250 Bewohnerinnen und Bewohnern allein durch das Eintreffen eines Teams mehrerer westlicher Wissenschaftler verändert wird. Wenn nur eine deutsche Person aus einer anderen Gegend in Deutschland in ein Dorf zieht, führt das zu Reaktionen der Dorfgemeinschaft – wie stark muss ein solcher Einfluss durch Menschen von einem anderen Kontinent erst auf eine seit Jahrhunderten vom Einfluss anderer isolierte Gesellschaft wirken?

Hinzu kommen noch solche Dinge wie der in den 1960er-Jahren in der westlichen Welt völlig übliche Sexismus. So schreiben die Autoren im Original regelmäßig von men, wenn sie Menschen meinen; nicht nur an dieser Stelle habe ich mich bemüht, den Text geschlechtergerecht zu übertragen. Aber es bleiben Fragezeichen. In manchen der beschriebenen Gesellschaften konsumieren Männer und Frauen alkoholische Getränke, in anderen trinken nur die Männer Alkohol, was gerade im Zusammenhang mit der Thematik dieses Buches ein hochinteressanter, untersuchenswerter Umstand wäre. Doch bedauerlicherweise bemerken die Autoren, die im vorliegenden Buch einen blinden Fleck der westlichen Wahrnehmung von Alkoholeffekten untersuchen, diesen blinden Fleck nicht. Das ist für mich ein Lehrbeispiel dafür, dass selbst bei wohlmeinenden, klar kultursensiblen Menschen ihrer Zeit einige Jahrzehnte später doch Lücken und Ungerechtigkeiten in ihrer Sichtweise wahrnehmbar werden – eine Erinnerung daran, dass wir heute die Fehler machen, über die sich die Menschen in spätestens fünfzig Jahren wundern werden.

Einerseits. Andererseits bieten gerade die von den Autoren hier aufgeführten historischen Quellen, die zum Teil stark kolonialistische Sichtweisen offenbaren und die ich in meiner Übersetzung – im Unterschied zum Text von Edgerton und MacAndrews – nicht behutsam modernisiert habe, einen Schatz von Wissen über den Einfluss von Alkohol auf Menschen, der unbeeinflusst ist von Prägungen durch andere, vor allem auch westliche Kulturen. MacAndrew und Edgerton nutzen diese Berichte, um die allgemeine westliche Auffassung von der Wirkung des Alkohols auf das menschlichen Verhalten infrage zu stellen. Sie gehen dabei implizit davon aus, dass die Menschen und ihre Körper, ihre Gehirne gleich sind und nicht etwa, dass die unterschiedlichen Effekte der Substanz Ethanol auf die Verhalten verschiedener Gesellschaften auf biologische Merkmale oder gar »Rassen« zurückzuführen wären. Hinzu kommt, dass der Umgang mit Alkohol in vielen der beschriebenen Gesellschaften dem in unserer westlich geprägten Welt in sozialer Hinsicht deutlich überlegen scheint, und es wäre schade, nichts von diesem – im Grunde beispielgebenden – Verhalten zu erfahren. An vielen Stellen führen die Autoren außerdem die katastrophale Wirkung der westlichen Alkoholauffassung auf Gesellschaften aus, denen der Alkohol im Zuge des Kolonialismus massiv aufgedrängt wurde. Und nicht zuletzt zeigen sie auf der Grundlage dieser Berichte überzeugend auf, wie wenig die allgemeine (westliche) Auffassung von der Wirkung des Alkohols (die sich bis heute nicht wesentlich von biblischen Berichten unterscheidet) wissenschaftlichen Kriterien genügt.

Darum hat der Text aus meiner Sicht weiterhin eine Berechtigung. Die darin enthaltenen historischen Forschungsberichte werden heute zu Recht kritisch betrachtet, aber sie beruhen nicht auf Verbrechen und daher wäre es wenig sinnvoll, diese Arbeiten in den Orkus zu werfen. Wir lesen sie heute mit kritischer Distanz, aber wir sollten nicht die Augen vor den Erkenntnissen verschließen, die sie uns weiterhin liefern können. Denn diese Erkenntnisse sind höchst relevant!

Der Konsum von Alkohol und das daraus resultierende »betrunkene Betragen« ist ein riesiges Problem sehr vieler Gesellschaften und dieser Text stellt eine der Grundannahmen in unserem Umgang damit grundlegend infrage. Wegen dieser Grundannahme von der »enthemmenden« Wirkung des Alkohols werden Straftaten unter Alkoholeinfluss deutlich geringer bestraft, ja häufig sogar überhaupt nicht verfolgt. Regelmäßige großflächige Alkoholexzesse wie Karneval, Oktoberfest oder Silvesterfeiern werden nicht als Tatbestände gesehen, die es zu reduzieren gilt, wie beispielsweise Diebstahl, sondern als Teil unserer Kultur mit bedauerlichen, aber eben unvermeidlichen Nebenwirkungen. Doch die dem zugrunde liegende These ist nicht nur unbewiesen, sie kann mithilfe dieses Buches sogar als widerlegt angesehen werden.

Daher habe ich mit wachsender Demut und großer Freude dieses Buch übersetzt, alle Schwierigkeiten brav als Herausforderungen akzeptiert und bin durch das mit dieser Arbeit verbundene gründliche Studium des Textes noch viel klüger geworden, als ich es nach den ersten drei, vier Lesungen des Buchs war, was leider nicht heißt, dass ich auch nur ein bisschen klug wäre. Und ich hoffe, dass diesem Buch und seinen Thesen in unserer alkoholgetränkten Gesellschaft die gebührende Aufmerksamkeit zuteilwird!

Vorwort der Autoren

(1969)

Es gehört zu den Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens, dass alles, was den aktuellen Wissensstand ausmacht, stets überprüft und – sofern notwendig – verworfen werden kann. An einem bestimmten Punkt kann eine der Lehrmeinung widersprechende Faktenlage so viel Gewicht bekommen, dass die bislang gültigen Positionen durch Hypothesen ersetzt werden, die eher mit dem aktuellen Wissensstand übereinstimmen.

Doch leider entwickeln sich die Dinge nur im Idealfall so. Denn die Wissenschaft ist zugleich immer auch eine soziale Angelegenheit und ihre Ausführenden sind alles andere als makellose Verkörperungen purer Rationalität. Intellektuelle Verpflichtungen, Freundschaften, moralische und ethische Vorlieben und oftmals ganze berufliche Laufbahnen (um nur einige der »irrelevanten«, also praktischen Erwägungen zu erwähnen, die dazwischenkommen könnten) sind häufig eingewoben in den aktuellen Stand der Wissenschaft. Daher erfolgt der erwähnte wissenschaftliche Erneuerungsprozess nicht immer automatisch oder geräuschlos, selbst wenn das »Gewicht der Fakten« erdrückend scheint. Tatsächlich finden sich in der Geschichte jeder wissenschaftlichen Disziplin Beispiele, in denen die Diskrepanz zwischen belegbaren Fakten und der gängigen Theorie schon nahezu skandalös war, bevor der Widerstand überwunden werden konnte und das Alte dem Neuen Platz machen musste.

So weit zum Allgemeinen. Die hier vorliegende Arbeit schlägt die kritische Überprüfung einer konventionellen Betrachtungsweise der menschlichen Beziehung zum Alkohol vor: die Annahme, dass Alkohol durch seine toxische Wirkung auf das zentrale Nervensystem bei Menschen einen Kontrollverlust auslöst, sodass diese Dinge tun, die sie ohne Alkohol nicht tun würden. Wir behaupten, dass zwischen den üblichen Annahmen über die Alkoholeffekte auf betrunkenes Betragen und den verfügbaren Fakten darüber, was Menschen tatsächlich tun, wenn sie betrunken sind, bereits so skandalöse Widersprüche bestehen, dass diese die Grenzen des Tolerierbaren überschreiten.

Und es muss noch hinzugefügt werden, dass Aberglaube und Fehler und Fantasie aller Art Teil der gewöhnlichen Sprache werden und manches Mal sogar den Überlebenstest bestehen (nur, wenn sie es tun, warum sollten wir dies nicht aufspüren?).

John Langshaw Austin, A Plea for Excuses. Proceedings of the Aristotelian Society, 1956 

1Die herkömmliche Auffassung

Ganz gleich ob wir viel oder wenig trinken oder vollkommen abstinent sind – wir alle haben eine Menge »vernünftiger« Ansichten über die Wirkung von Alkohol auf Menschen. Die Puzzleteile der »Evidenz«, aus denen sich unser kollektives Verständnis zusammensetzt, stammen aus den verschiedensten Quellen: Eltern, Gleichaltrige, Schulen, Bücher, Zeitschriften, Radio und Fernsehen[a], und natürlich unsere eigenen täglichen Erfahrungen. Diese verschiedenen »Beweisstücke« werden uns chronologisch und inhaltlich ungeordnet vorgelegt. In ihrer Gesamtheit wirken diese Puzzleteile wie ein unbedachtes Potpourri, in dem der Zufall die größte Rolle zu spielen scheint. Aber wie unterschiedlich unsere »Quellen« und wie zufällig unsere Kontakte zu ihnen auch scheinen mögen, sie schaffen doch einen hohen Grad an Übereinstimmung darüber, was wir für absolut gesichertes Wissen über die Effekte von Alkohol auf den Menschen halten.

So weiß man, dass »Alkohol am Steuer« nichts zu suchen hat. Selbst wenn es nicht unsere persönlichen Erfahrungen sind, die uns davon überzeugen, müssten wir nur die Lokalnachrichten lesen, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht von einem schweren Verkehrsunfall berichtet und die Alkoholintoxikation einer oder beider Unfallparteien als ursächlich genannt wird. Manchmal finden solche Unfälle sogar landesweite Beachtung, wenn der betrunkene Fahrer ein Eisenbahner und das betreffende Fahrzeug ein Zug ist. So stand es in folgender Meldung der Nachrichtenagentur UPI:

Die Regierungsbehörde führte am Montag aus, dass Biertrinken die Fähigkeiten des Lokführers »erheblich beeinträchtigt« habe, dessen Zug an der Grenze zwischen Montana und Idaho am 10. Juni entgleist sei, was den Tod eines Kindes und die Verletzung von 272 anderen Personen zur Folge gehabt habe. … Die übergeordnete Behörde geht davon aus, dass der Lokomotivführer fünf Minuten vor dem Entgleisen des Zuges nach den Gesetzen des Staates Montana unter dem Einfluss alkoholischer Getränke gestanden habe.

Angesichts des kontinuierlichen Stroms von Forschungsergebnissen, die mit immer größerer Genauigkeit die negativen Effekte von Alkohol auf die sensomotorischen Fertigkeiten belegen, die Voraussetzung zum Führen eines Fahrzeugs sind – Ergebnissen, die unter Überschriften wie »Fünf Bier sind genug, um Fahrtauglichkeit zu behindern« und »Können Sie trinken und fahren? Psychologische Tests sagen: Nein« populär geworden sind –, bezweifelt niemand ernsthaft die Richtigkeit der Aussage: »Wenn Sie trinken, fahren Sie nicht Auto, und wenn Sie Auto fahren, trinken Sie nicht!«

Aber unsere Einschätzung über die Wirkung von Alkohol auf das Verhalten beschränkt sich nicht auf die Erkenntnis, dass Alkohol eine Vielzahl unserer sensomotorischen Fertigkeiten beeinträchtigt. Wir wissen ebenfalls, dass er unser Betragen[b] beeinträchtigt, also die Art und Weise, wie wir uns gegenüber anderen Menschen benehmen. Wenn Ogden Nash schreibt: »Konfekt ist ganz nett, aber Wein geht schneller rein«[c], dann kolportiert er den Gemeinplatz, dass der Widerstand einer Frau zwar durch Liebesbekundungen eines Mannes langsam erodieren kann, sich derselbe Effekt jedoch schneller mithilfe einiger Martinis einstellt. Und da die Richtigkeit dieses taktischen Ratschlags für Liebessuchende von Berichten betrunkenen Betragens noch aus den entferntesten Ecken der Welt regelmäßig bestätigt wird (beziehungsweise nehmen wir das an), halten wir eine kritische Überprüfung dieser Hypothese für überflüssig. Die »Beweise« finden sich schließlich überall, wie etwa im folgenden Bericht der Gruppe für den Fortschritt der Psychiatrie von 1966 über einen Forschungsassistenten und eine Studentin, der sich mit sexuellen Beziehungen an US-amerikanischen Universitäten beschäftigt:

Auf einer kleinen Feier in der Wohnung des Assistenten war Betty, eine Erstsemesterstudentin, betrunken und der Dozent hatte nach der Party mit ihr Geschlechtsverkehr. Er dachte sich nichts weiter dabei und war überrascht und verstört, als er zwei Tage später ins Dekanat geladen wurde. Dort erfuhr er, dass sich die Studentin beim Dekanat über ihn beschwert hatte. Sie sagte, er habe sie angegriffen und zum Sex gezwungen, als sie durch ihren intoxikierten Zustand nicht effektiv dagegen habe protestieren können. Der Dozent gab an, dass er keinerlei Zwang angewandt und in der Überzeugung gehandelt habe, dass die Studentin eine aktive Teilnehmerin an der Begegnung gewesen sei.[1]

Viele werden ein solches Nachspiel eines »schönen Abends« aktuell[d] eher als Ausnahme denn als Regel ansehen, es besteht weitgehende Übereinkunft darüber, dass zwar Fahren und Trinken nicht zusammenpassen mögen, Feiern und Trinken aber ganz bestimmt. Wir glauben sogar zu wissen, warum das so ist. Wir alle wissen beispielsweise, dass die relativ lockere Atmosphäre auf einer Cocktailparty zu einem nicht kleinen Anteil auf die Wirkung der Cocktails selbst zurückzuführen ist. Wir alle wissen, dass in den meisten »Party«-Situationen das Trinken typischerweise mit einem Gefühl allgemeiner Entspanntheit einhergeht. Wir wissen ebenfalls, dass wir mit fortschreitender Stunde mehr Gelächter und mehr Witze – manche davon etwas unangemessen – hören und das Verhalten mit der Zeit immer »leichtsinniger« werden wird. Wenn es eine wirklich gute Party ist, kann man sogar davon ausgehen, dass einige der Teilnehmenden »betrunken genug« sein werden, um Dinge zu tun, die sie »normalerweise nie tun würden«.

Uns ist gleichzeitig klar, dass solche Phasen von Sorglosigkeit nicht von Dauer sein können. Denn wenn der Alkohol fließt, das weiß jeder, dann ist das Ergebnis nicht immer ein ungestört fröhliches Beisammensein. Wir alle wissen außerdem, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines unerfreulichen Ereignisses – ein nicht ganz so harmloser Flirt, ein Streit, eine Prügelei, was auch immer – erhöht, wenn Menschen trinken. Tatsächlich kennen wir alle solche Begebenheiten nur zu gut. Aber wir haben gelernt, beides zu akzeptieren und den bitteren Nachgeschmack des Süßen zu erwarten. Wir sind normalerweise weder besonders überrascht noch enttäuscht, wenn eine »trunkene Prügelei« vor unseren Augen passiert. Zwar ist das bedauerlich, aber solche Episoden haben nichts Mysteriöses an sich, schließlich »waren sie ja betrunken, nicht wahr?«

Wir haben keinerlei Verständnisprobleme für das weitverbreitete Phänomen betrunkener Auseinandersetzungen. Auch darüber finden sich täglich Presseberichte und wir lesen regelmäßig Geschichten wie die folgende, die sich in der wohlhabenden und normalerweise sehr ruhigen Stadt Santa Barbara in Kalifornien zutrug. Unter der Überschrift »Sechs Jugendliche verhaftet nach Prügelei auf Jugendtanz« wird berichtet:[e]

Sechs Jugendliche wurden verhaftet, es wurden Autoscheiben zerschlagen und zahlreiche Personen erlitten leichte Verletzungen, als am Freitag um Mitternacht auf einem viel besuchten Tanzereignis im Freizeitzentrum die Schüler zweier rivalisierender Highschools aneinandergerieten. … Die Aufsichtsperson wurde ins Gesicht geschlagen, als sie versuchte, das Saallicht anzuschalten, nachdem die Prügeleien begonnen hatten. … Ein Dutzend Polizisten war vor Ort, um die Situation in dem Saal mit mehr als 1100 Schülern und Schülerinnen schließlich aufzulösen.

Weiterhin wird berichtet, dass, nachdem sich die Lage beruhigt hatte, der diensthabende Offizier zur Erklärung anführte, dass »ein paar der Jungs allem Anschein nach getrunken hatten«. Aus unserer Sicht ist an dieser Aussage bemerkenswert, dass weder der Polizist, der das gesagt haben soll, noch der Journalist, der es aufschrieb, noch die Agentur, die diese Nachricht verbreitete, es als notwendig erachtete, die Verbindung dieser »naheliegenden« Erklärung mit dem betreffenden Ereignis zu hinterfragen.

Aber woraus besteht dieses »Naheliegende«? Was genau wissen wir – oder glauben wir zu wissen – über das Phänomen der Betrunkenheit aus unserer Perspektive, Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Zivilisation?

 

Die herkömmliche Auffassung der Wirkung von Alkohol auf Menschen beruht seit Jahrhunderten bis heute auf einer als selbstverständlich angesehenen Grundannahme. Diese besagt, dass Alkohol im Körper eine doppelte Wirkung entfaltet (wir würden heute von pharmakologischen Effekten sprechen): Er beeinträchtigt eine Vielzahl sensomotorischer Fertigkeiten und er verändert die Art unseres sozialen Betragens. Diese Auffassung findet sich nicht nur in der Bevölkerung im Allgemeinen, sie ist auch tief in der wissenschaftlichen Vorstellungswelt verwurzelt. Es kann also mit einigem Recht behauptet werden, dass diese Grundannahme die Basis dessen ist, was jeder über diese Angelegenheit weiß.

Aber wie kann der Alkohol diese Veränderungen hervorrufen? Was die schädlichen Auswirkungen auf unsere sensomotorischen Fertigkeiten betrifft – diese Tätigkeiten, die wir in Grob- und Feinmotorik, visuelle Genauigkeit, Reaktionszeit und so weiter einteilen können –, so gibt es eine weitgehende, durch Studien gestützte Übereinstimmung, dass die unter Alkoholeinfluss beobachtbaren Einschränkungen auf die toxische Wirkung des Stoffs auf relevante Körperfunktionen zurückzuführen sind. Und obwohl die empirischen Details der toxischen Wirkung und solcher Dinge wie dem Zusammenhang zwischen Leistungseinbußen und verschiedenen Blutalkoholspiegeln usw. meist nur in groben Zügen vorliegen, denken alle (zu Recht, wie wir glauben), dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die ganze Geschichte vorliegt. In diesem Fall hat uns also die herkömmliche Auffassung von Alkoholwirkungen gute Dienste geleistet. Ähnlich scheint es bezüglich der Wirkungen des Alkohols auf unser Betragen zu sein. Zumindest schreiben die, die sich zu diesem Thema äußern, in der Regel so, als wären beide Arten der Veränderung im Wesentlichen ein und dasselbe und als gälte die herkömmliche Auffassung über die Wirkweise des Alkohols selbstverständlich für beide Gebiete. So werden wir in einer Stellungnahme zur Pharmakologie und Toxikologie des Alkohols vom Komitee für gerichtsmedizinische Probleme der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung (aus dem Jahr 1959) darüber informiert, dass Alkohol Veränderungen im Betragen durch die Schädigung höherer Hirnfunktionen verursache und dass eine der Folgen einer solchen alkoholbedingten Schädigung eine »Enthemmung« sei. Dort heißt es:

Inhibitionen oder Hemmungen sind unsere moralischen Bremsen. Der Hauptunterschied zwischen Mensch und niederen Tieren ist, dass Ersterer über viel mehr Bremsen verfügt. Ohne diese könnten Menschen kaum ein zivilisiertes Leben führen. … Alkoholkonzentrationen in Gehirn und Blut noch weit unter jenen, die messbare muskuläre Koordinationsstörungen auslösen, werden eine Abschwächung unserer Wachsamkeit und normaler Zurückhaltung zur Folge haben.[2][f]

Leon Greenberg, langjähriger Direktor des Instituts für Angewandte Physiologie der Universität Yale und einer der Gründer der Yale Alcohol Study, sagt (1953) Ähnliches:

Eine Blutalkoholkonzentration von ungefähr 0,5 Promille, die bei einer Person durchschnittlicher Größe durch das Trinken von 60 bis 90 Milliliter Whisky hervorgerufen wird, unterdrückt die höchste Gehirnebene – das Zentrum von Inhibitionen, Zurückhaltung und Urteilsvermögen. In diesem Stadium fühlt sich der Trinker überglücklich, er ist ein »freies menschliches Wesen«, viele seiner normalen Hemmungen verschwinden, er nimmt sich persönliche und soziale Freiheiten nach Laune, er ist weitschweifig und kann es jedem auf der Welt so richtig zeigen. So ein Mensch erlebt eine offensichtliche Schwächung von Selbstkritik. … Im Gegensatz zum alten und volkstümlichen Glauben stimuliert Alkohol nicht das Nervensystem. Die Illusion der Stimulation resultiert aus dem Wegfall der Inhibitionen und Zurückhaltungen.[3]

W.H. Neil stellt in seinem Aufsatz für eine medizinische Fachzeitschrift eine Quasipräzisierung des neurologischen Prozesses dar, auf den dieser »Wegfall der Inhibitionen« zurückzuführen ist:

Es ist wohlbekannt, dass Alkohol im Körper primär auf das Nervengewebe wirkt und dass diese Wirkung stets hemmend ist. Doch sind nicht alle Nervengewebe gleich empfindlich gegenüber den Wirkungen des Alkohols. Die einfacheren Arten von Nervengewebe, also jene Gehirnregionen, die Menschen und Tieren gemeinsam sind, haben eine höhere Widerstandskraft gegenüber den Alkoholwirkungen als die spezialisierteren Arten des Nervengewebes, die sich vor allem bei Menschen, aber auch zu einem gewissen Grad bei höheren Tieren finden. Von früher Kindheit an entwickeln Menschen spezialisierte Gehirnzellen, die Handlungen antisozialen Charakters begrenzen oder verhindern. Wenn beispielsweise ein anderer Fahrer plötzlich auf Ihre Fahrspur zieht, haben Sie möglicherweise den Impuls, ihn zu rammen. Aber die Nervenzellen, die die soziale Zurückhaltung steuern, hindern Sie daran, weil dies unangenehme Folgen hätte. So werden Sie vor antisozialem Verhalten geschützt. Wenn diese Hemmniszellen aber durch Alkoholwirkung gelähmt sind, wird der Impuls zum Rammen ausgeführt. Manche haben gesagt, solche unsozialen Akte seien auf die Stimulation von Impulsen zurückzuführen, aber es ist keine Stimulation, sondern eine Lähmung der Hemmungen.[4]

Chafetz und Demone bieten die folgende, mit der herkömmlichen Auffassung übereinstimmende Erklärung dafür, wie Alkohol unser Betragen verändert:

Die scheinbare »Stimulation« durch Alkohol ist das Ergebnis der Befreiung niederer Hirnregionen von der Kontrolle durch höhere Hirnregionen. Dadurch werden Inhibitionen reduziert und ein Verhalten, das dem nüchternen Individuum unpassend erscheint, wird akzeptabel. Beispielsweise kann eine ordentliche, damenhafte Frau im berauschten Zustand obszön und promiskuitiv werden.[5]

Die Verbundenheit der medizinischen Wissenschaft mit der herkömmlichen Auffassung wird auch von Marvin Block noch einmal belegt, der vielleicht führende Sprecher der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft zum Thema Alkohol:

Da der Alkohol das Urteilsvermögen unterdrückt, kann das Trinken von Hemmungen befreien. … Bezüglich sexuellen Verhaltens ist es wohlbekannt, dass Alkohol die Hemmungen des Individuums reduziert und die Kontrollmöglichkeiten schwächt. Das Individuum wird sorglos und tut unter Alkoholeinfluss oft Dinge, die es nicht tun würde, wenn das Urteilsvermögen nicht beeinträchtigt wäre. Insofern kann die Beeinträchtigung des Urteilsvermögens durch Alkohol zu sexuellem Verhalten führen, das nicht auftreten würde, unterläge es nicht dem Kontrollverlust, den der Alkohol mit sich bringt.[6]

Dass diese Vorstellung keineswegs auf die amerikanische Medizin beschränkt ist, belegt ein britischer Aufsatz über Alkoholismus von Kessel und Walton:

Nach einigen Drinks … wird zunächst die Fähigkeit zur Mäßigung unterdrückt. Die Inhibition unserer Handlungen oder unserer Wünsche, die wir alle annehmen, um uns mit unseren Mitmenschen zu vertragen, ist das Ergebnis der höchsten geistigen Prozesse und ebendiese werden zuerst geschädigt. Wenn die Beschränkung verschwindet, die wir unseren Urinstinkten normalerweise auferlegen, tritt leichtsinniges Verhalten in den Vordergrund und die befreiten Impulse werden energisch ausgelebt. … Manchmal fördert das Trinken eine Gruppenstimmung von Niedergeschlagenheit oder von Ärger, und die Leidenschaften von Menschen sind vom Alkohol schon so entfacht worden, dass sie grausame, sinnlose, unwiderrufliche Handlungen verübten, vor denen jedes Individuum zurückschrecken würde, wenn die höchsten mentalen Funktionen intakt wären.[7]

Letztendlich ist diese Auffassung von der Wirkung des Alkohols auch nicht besonders modern[g]. Während Aristoteles’ Beobachtung, dass Weintrinker eher auf dem Bauch und Biertrinker eher auf dem Rücken schlafen, längst in Vergessenheit geraten ist, ist hingegen Platos Ansicht, dass die Trunkenheit das in uns hervorbringt, was sonst ruht, ziemlich unreflektiert übernommen worden. Im alten Rom gab es beispielsweise ein strenges Trinkverbot für Frauen, damit »diese dadurch nicht in Schande fallen mögen«, wie es Valerius Maximus diskret auszudrücken versuchte. Und schon im ersten Jahrhundert unserer Zeit warnte Clemens von Rom vor der »tödlichen Verbindung von Wein und Weib«. Er kritisierte Frauen, die ihren Weinkonsum öffentlich zur Schau stellen und prahlerisch aufstoßen wie die Männer, und er empfahl Jungen und Mädchen, sich vom Wein fernzuhalten, der die Leidenschaften erregte.[8] Kaum anders liest sich die Warnung auf einem Poster der Anti-Saloon League von 1913, auf dem unter anderem steht:

Alkohol entflammt die Leidenschaften und stärkt so die Neigung zum geschlechtlichen Verkehr auf außergewöhnliche Weise. Alkohol vermindert die Kraft der Kontrolle und macht so das Widerstehen gegen diese Neigungen besonders schwierig. … Vermeidet jedes alkoholische Getränk in Gänze. Die Kontrolle geschlechtlicher Impulse wird dann leicht gelingen und Krankheit, Schmach, Schande und Entehrung werden vermieden.

Oder nehmen wir die folgende, kaum verhohlene Warnung aus einem Exzerpt eines belehrenden Traktats einer britischen religiösen Gemeinschaft, der Society of Friends aus dem Jahr 1934:

Urteilsvermögen, Bescheidenheit, Vernunft, Schamgefühl, Keuschheit – werden alle beschädigt von ein wenig Alkohol. Anders gesagt, der Alkohol betäubt als Erstes die Kräfte von Selbstkritik und Mäßigung, mit denen wir normalerweise unser Gebaren kontrollieren, und wenn diese Kontrolle gelockert wird, werden die körperlichen Impulse eines Menschen, schon in besten Zeiten gebieterisch genug, ihn zu Taten hinreißen, die seiner besseren Natur unwürdig sind. … Das Abrutschen eines Jungen oder Mädchen beginnt oft genug in einem Moment freudiger Erregung oder Sorglosigkeit, wenn der Alkohol die Kräfte der Selbstkontrolle eingeschläfert hat.[9]

Auch wenn die meisten der erwähnten Zitate sich auf sexuelle Fragestellungen beziehen, ging man nicht davon aus, dass die Wirkung von Alkohol auf das Betragen sich auf dieses Gebiet beschränkt. Ein Beleg dafür ist beispielsweise »Der Trunkenheyt acht Arten«, die Thomas Nash im Jahr 1592 notierte, ein Zeitgenosse von Shakespeare und persönlicher Freund von Marlowe:

Keinesfalls haben wir nur eine oder zwei Arten von Trunkenbolden, sondern acht. Der erste ist affentrunken und er springt und singt und brüllt und tanzt zum Himmel; der zweite ist löwentrunken und er wirft seinen Krug durch die Schänke, ruft seine Wirtin Dirne, zerschlägt Scheiben mit seinem Dolche und freut sich über Raufhändel mit jedem Mann, der nur mit ihm spricht; der dritte ist schweinetrunken, schwer, klumpig und schläfrig und schreit nach noch ein paar mehr Gläsern und ein paar mehr Kleidern; der vierte ist schaftrunken [sic], weise auf seine eigene Art, obwohl er nicht ein einziges Wort mehr sprechen kann, der fünfte ist magdalenatrunken, ein Kerl, der mitten in seinem Bier vor Rührung zu weinen anfängt, dich küsst und sagt: Mein Gott, Kapitän, ich liebe Sie, gehen Sie Ihrer Wege und gedenken Sie meiner nicht so oft wie ich Ihrer, und dann seinen Finger ins Auge steckt und zu weinen anhebt; der sechste ist martinstruken, wenn ein Mann betrunken ist und sich selbst nüchtern trinkt und dabei vor sich hinstarrt; der siebte ist ziegentrunken, wenn er in seinem Rausch nichts im Sinn hat als Wollust; der achte ist fuchstrunken, wenn er kunstvoll betrunken ist, wie es viele der Holländer sind, die niemals ins Geschäft kommen, wenn sie nicht betrunken sind. All diese Arten und mehr habe ich bei einer Gesellschaft in einer einzigen Zecherei in Aktion sehen können, als ich nüchtern unter ihnen war, nur um ihre verschiedenen Temperamente zu notieren.[10]

Ähnlich äußerte sich der US-amerikanische Arzt Benjamin Rush 1811 in seiner Diskussion verschiedener »Symptome« der Trunkenheit, die er beobachtet hatte:

Manch extravagantes Benehmen signalisiert zeitweisen Irrsinn. Dazu zählen Singen, Gegrüße, Gebrülle, Geräuschimitationen wilder Tiere, Hüpfen, Kleider-vom-Leib-Reißen, Nackttanzen, das Zerschlagen von Glas und Porzellan sowie das Werfen anderer Haushaltsgegenstände auf den Boden.[11]

Diesen fügte Rush (in der Reihenfolge ansteigender Schwere der Vergehen) hinzu: »Müßiggang, Spielsucht, Verdrossenheit, Streitsucht, Rauflust, Pferdewetten, Lügen und Fluchen, Diebstahl und Betrug, Meineid, Raub und Mord.«

Es war lange bekannt, dass Alkohol alle möglichen zerstörerischen Veränderungen zur Folge haben kann, aber selten wurde dies ernster genommen als während der Zeit der Prohibition. Und nirgendwo war die Alkoholgegnerschaft fanatischer als in den Südstaaten. Mindestens ein wichtiger Grund dafür war die ständige Sorge der weißen Südstaatler, dass »das Böse des Alkohols« den häuslichen Frieden bedrohte, und zwar vor allem durch betrunkene schwarze Menschen. In seiner Rede vor dem Repräsentantenhaus über einen Änderungsantrag zur Prohibition führte der Kongressabgeordnete Hobson aus Alabama folgende Gründe für diese Annahme auf:

Alkohol macht einen Rohling aus dem schwarzen Mann und bringt ihn dazu, unnatürliche Verbrechen zu begehen. Denselben Effekt hat er auch auf den weißen Mann, wobei es beim weißen Mann, der weiter entwickelt ist, länger dauert, ihn auf dasselbe Niveau zu reduzieren.[12]

Die meisten Prohibitionisten lehnten jedoch einen Zusammenhang zwischen der alkoholbedingten Primitivisierung und der Hautfarbe ab. Booker T. Washington äußerte im Sinne eines großzügigen Egalitarismus: »Zwei Drittel der Mobs, Lynchmorde und Verbrennungen auf Scheiterhaufen sind das Ergebnis von schlechtem Whisky, getrunken von schlechten schwarzen Männern und schlechten weißen Männern.«[13]

Zurück zur Gegenwart: Aus heutiger Sicht behaupten wir, dass es keine fundamentalen Unterschiede gibt zwischen der Theorie, die den Warnungen des Apostolischen Vaters Clemens oder der Anti-Saloon League zugrunde liegt, und zwischen der zeitgenössischen Äußerung von C. Nelson Davis, Direktor des Malvern Instituts für die Untersuchung psychiatrischer und alkoholbedingter Erkrankungen:

Beim Alkoholismus lautet die Gleichung, vereinfacht ausgedrückt: Mensch plus Alkohol ist gleich psychopathisches Verhalten. Mensch minus Alkohol ist gleich eine disziplinierte Person. Mit Alkohol ändert man das Verhaltensmuster. … Es besteht der Mythos, dass eine Person plus Alkohol die wahre Person zum Vorschein bringt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Um dein wahres Selbst zu sein, musst du die Kontrolle über all deine Fähigkeiten besitzen. Der Alkohol entzieht die Macht der Kontrolle über das Verhalten.[14]

Warum noch mehr Belege anführen? Die grundlegende Kraft der herkömmlichen Auffassung ist durch die Jahrhunderte hindurch klar und konstant. Wenn wir betrunken sind, machen wir manchmal Dinge, die wir »nie« tun würden, wenn wir nüchtern sind. Und ob wir diese Tatsache mit einer neurologischen oder quasineurologischen Version einer alkoholinduzierten »kortikalen Enthemmung« erklären oder, wie es die Psychoanalytiker tun, mit einer alkoholinduzierten Lähmung, Auflösung, Kastration (Sie dürfen wählen) des Über-Ich, so wählen wir doch nur verschiedene Worte, um eine im Wesentlichen gleiche Vorstellung davon zu vermitteln, wie der augenscheinliche Kontrollverlust entsteht. Die generelle Position lautet stets: So wie die Effektivität unserer sensomotorischen Fertigkeiten durch Alkoholeinwirkung beeinflusst wird, so verändert sich auch die Art, wie wir uns gegenüber anderen betragen.

Aber konnte der Einfluss von Alkohol auf unser Betragen tatsächlich ebenso bewiesen werden, wie das (zumindest in einem Maß, das die Richtigkeit der Vermutung nahelegt) im Fall verschiedener psychomotorischer Fertigkeiten geschehen ist? In aller Offenheit müssen wir diese Frage verneinen, wenn wir nur mal bedenken, was man für eine solche Beweisführung brauchen würde. Denn immerhin wird ein kausaler Zusammenhang zwischen Ereignissen in zwei miteinander verbundenen Sphären behauptet – die Sphäre des menschlichen Inneren und die Sphäre des menschlichen Betragens in der alltäglichen Welt. Um es überhaupt möglich zu machen zu beweisen, dass die Ereignisse in der einen Sphäre in einem kausalen Zusammenhang mit den Ereignissen in der anderen Sphäre stehen, ist eine präzise Beschreibung der Ereignisse in beiden Sphären vonnöten. Nicht einmal der überzeugteste Fürsprecher für den ursächlichen Einfluss des Alkohols auf das Betragen hat jemals behauptet, dass dies getan worden wäre. Tatsächlich stehen wir, was die Sphäre des Betragens betrifft, noch ganz am Anfang der deskriptiven Aufgabe.[15] Aber ohne das Vorliegen solcher Beschreibungen ist es elementar logisch, dass, selbst wenn – sagen wir – die Gehirnphysiologie die Alkoholeffekte auf das menschliche Gehirn genauestens und bis ins letzte Detail abschließend darstellen könnte, wir immer noch nicht mehr als heute wüssten über die Beziehung zwischen dieser nun vollständig aufgeklärten Sphäre und den angeblich daraus resultierenden Veränderungen im menschlichen Betragen.

Ohne eine solche Beweisführung kann man über die angeblich selbstverständliche Wirkung des Alkohols auf das menschliche Verhalten höchstens sagen, dass dies eine mögliche, aber bis heute unbewiesene Erklärung dafür ist, warum sich das Verhalten der Menschen so oft ändert, wenn sie ihre Körper alkoholisiert haben. Formal bleibt diese Behauptung aber bestenfalls eine Hypothese.

In den nächsten drei Kapiteln wollen wir Beweise anführen, um zu belegen, dass diese Hypothese zwar eine mögliche Erklärung dafür ist, warum sich Menschen anders betragen, wenn sie betrunken sind, dass diese Erklärung jedoch alles andere als erwiesen ist.

2»Manche Menschen vertragen wirklich viel Alkohol.«

In Kapitel 1 haben wir zu zeigen versucht, dass nach der herkömmlichen Auffassung der Alkohol, wenn er sich einmal in uns befindet, Veränderungen in zwei fundamental unterschiedlichen Bereichen hervorruft. Zunächst führt er in unserem Inneren zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit zumindest bestimmter sensomotorischer Fertigkeiten. Und mit diesem Teil der herkömmlichen Auffassung haben wir Autoren auch kein Problem. Angesichts der verfügbaren evidenten Beweise erscheint es unvorstellbar, dass jemand ernsthaft bezweifeln könnte, dass die Anwesenheit von Alkohol im Körper in der Tat diverse sensomotorische Leistungseinbußen verursacht. Unbestreitbar ist auch die Tatsache, dass Alkohol in ausreichend hohen Konzentrationen schwere und sogar tödliche Körperfunktionsstörungen bewirkt. In dieser Hinsicht hat Alkohol fraglos die Wirkungsmacht, die ihm allgemein zugesprochen wird. Darüber hinaus besteht die herkömmliche Auffassung aber auch darauf, dass Alkohol die Funktionen »höherer Hirnzentren« unterdrückt und dadurch eine Situation erzeugt, in der weder menschliche Vernunft noch Gewissen ihre richtungsweisenden und hemmenden Funktionen ausüben können. Mit diesem Aspekt der herkömmlichen Auffassung wollen wir uns im Folgenden kritisch auseinandersetzen.

Wir haben bereits angemerkt, dass trotz ihrer einhelligen Akzeptanz der formale Status der Annahme, dass Alkohol ebenso ein »moralischer« wie ein sensomotorischer Störenfried ist, bestenfalls der einer Hypothese ist. Denn wo findet sich der empirische Beleg für die These, dass Alkohol den Menschen auf den Status eines bloßen Geschöpfs seiner eigenen, nun unbeherrschten Triebe reduziert? Nun, so lautet das Argument, man müsse doch nur die Augen öffnen und um sich schauen, Beweise dafür gebe es überall. Hätten wir nicht alle schon Leute im Alkoholrausch Dinge tun sehen, an die sie im nüchternen Zustand nicht einmal denken (also nicht ernsthaft denken) würden? Darauf würden wir antworten: Natürlich haben wir das. Aber wir würden rasch hinzufügen, dass das nicht alles ist, was wir gesehen haben; und dass wir – wie der Begründer des Konsequentialismus John Dewey nie müde wurde, uns zu erinnern – Schlussfolgerungen unvoreingenommen ziehen müssen.

Tatsächlich sind einige Veränderungen im Betragen, die wir gewöhnlich als Zeichen der Enthemmung wahrnehmen, häufig die Folge von Trunkenheit, doch sind sie nicht zwangsläufig die Folge davon. Unterschiede zwischen »nüchternem« und »betrunkenem« Betragen gibt es fraglos, doch sind diese Unterschiede geradezu unglaublich uneinheitlich. Im Vergleich zu unserem nüchternen Betragen können wir beispielsweise ungestüm oder feierlich, depressiv oder euphorisch, unerträglich gesellig oder vollkommen zurückgezogen, bösartig oder lammfromm, unverhohlen oder unverbindlich, energetisch oder schlaff, amourös oder feindselig werden … und diese Liste könnte noch seitenlang fortgesetzt werden. Der Punkt ist, dass wir uns unter Alkoholeinfluss in einer wundersamen Vielzahl von Arten verändern können. Und ebendiese Vielzahl stellt genau das Problem dar. Denn wie lässt sich mit der herkömmlichen Überzeugung, dass Alkohol enthemmend wirkt, der Umstand erklären, dass selbst innerhalb unserer eigenen Kultur Menschen, die ihre Körper alkoholisiert haben, sich so drastisch untereinander und auch in Bezug auf das eigene Verhalten in ihrem Handeln unterscheiden? Wir wissen alle um die Verbindung zwischen Trunkenheit und solchen Dingen wie Promiskuität und Gewaltverbrechen, aber wir wissen auch, dass nicht jeder, der betrunken wird, ipso facto promiskuitiv oder gewalttätig wird. Wir wissen sogar, dass diejenigen, die es werden, sich nicht jedes Mal so betragen, wenn sie ein paar Gläser intus haben. Wie kann es sein, möchten wir fragen (und nicht als rhetorische Frage), dass derselbe Mann in derselben Bar drei Abende hintereinander augenscheinlich dieselbe Alkoholmenge trinkt und im Ergebnis am ersten Abend missmutig und streitlustig, am zweiten liebenswürdig und am dritten mürrisch und zurückgezogen ist? Sind unsere Triebe – angeblich die Quelle unseres Verhaltens – tatsächlich so wechselhaft? Und was ist schließlich mit der Person, von der wir sagen: »Sie kann wirklich viel Alkohol vertragen«? Sollen wir, wenn bei ihr keine wahrnehmbaren Veränderungen im alkoholisierten Zustand auftreten, ernsthaft annehmen, dass bei ihr keine Hemmungen vorliegen?

Aber es bringt nichts, weiter auf diesem Punkt herumzureiten, weil jeder – einschließlich der lautstärksten Fürsprecher der herkömmlichen Auffassung – mit diesem Rätsel, das das betrunkene Betragen in unserer eigenen Gesellschaft betrifft, nur allzu vertraut ist. Diese Vertrautheit hat jedoch zu nichts geführt, denn trotz seiner offensichtlichen Relevanz für die Beurteilung der allgemeinen Ansicht wurde und wird dieses Phänomen fleißig ignoriert.