3,99 €
Der wirklich e ffektive Weg aus Beziehungsfrust.
Viele Menschen glauben, sie hätten ein Beziehungsproblem. Oft leiden sie unter enormem Stress deswegen. Doch alles, woraus ein Beziehungsproblem bestehen kann, basiert auf unseren Überzeugungen und Glaubenssätzen. Deshalb ist es selten aussichtsreich, vom Partner oder der Partnerin die erlösende Änderung zu erwarten. Viel mehr kommt in Bewegung, wenn wir unsere eigenen Gedanken und Urteile hinterfragen. Byron Katies THE WORK bietet hierfür das ideale Werkzeug. Ralf Giesen zeigt, wie Sie Ihrem „Beziehungsproblem“ mit THE WORK zu Leibe rücken und neue Türen im eigenen Verstand, neue Tore im Herzen öffnen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2015
Buch
Viele Menschen glauben, sie hätten ein Beziehungsproblem. Oft leiden sie unter enormem Stress deswegen. Doch alles, woraus ein Beziehungsproblem bestehen kann, basiert auf unseren Überzeugungen und Glaubenssätzen. Deshalb ist es selten aussichtsreich, vom Partner oder der Partnerin die erlösende Änderung zu erwarten. Viel mehr kommt in Bewegung, wenn wir unsere eigenen Gedanken und Urteile hinterfragen. Byron Katies THE WORK bietet hierfür das ideale Werkzeug. Ralf Giesen zeigt, wie Sie Ihrem »Beziehungsproblem« mit THEWORK zu Leibe rücken und neue Türen im eigenen Verstand, neue Tore im Herzen öffnen.
Autor
Ralf Giesen, Jahrgang 1965, ist Lehrer, Certified Facilitator (ITW), Lehrcoach (vtw), NLP-Lehrtrainer, sowie Gründer und Leiter des Instituts für angewandte Positive Psychologie (ifapp) mit Sitz in Berlin und auf Mallorca. Seit 1997 arbeitet er als Trainer und Coach. 2003 lernte er Byron Katies THEWORK kennen und unterstützte sie 2007 in Kalifornien bei der Gründung des Institute for THEWORK (ITW). Er ist Vorstandsvorsitzender des Verbands für THEWORK of Byron Katie (vtw) und lebt auf Mallorca.
Ralf Giesen
Beziehungsprobleme gibt es nicht
Mit THEWORK zur glücklichen Partnerschaft
Nachwort von Byron Katie
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
1. AuflageOriginalausgabe März 2015© 2015 Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbHUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenLektorat: Judith Mark, Freiburgcc ∙ Herstellung: cbSatz: Fotosatz Amann, MemmingenISBN 978-3-641-13998-8V002www.goldmann-verlag.de
Für Herbert, Hannelore und Chris
Einführung
Einen mehrmonatigen Vorlauf und eine gute Planung hatte es gebraucht, um eine vorübergehende Auszeit von meiner Tätigkeit als Seminarleiter zu organisieren. Als Aufenthaltsort wählte ich Barcelona. Dass viele der Einwohner es vorziehen, den heißesten Monat des Jahres an einem der nahen Strände zu verbringen, und dass die Touristen um diese Jahreszeit gar nicht erst kommen, machte es leichter, ein schönes Apartment für den August 2005 zu finden: der perfekte Rückzugsort mit herrlicher Dachterrasse und Blick über die Stadt. Bestens geeignet, um einerseits in Ruhe schreiben zu können und andererseits die Gelegenheit zu haben, mich zwischendurch ins städtische Getümmel zu stürzen, von dem es auch im August noch immer genug gab.
Mein Ziel für diesen Aufenthalt: die Erkenntnisse, die ich in meinen vielen Fortbildungen und Seminaren und vor allem bei der Arbeit mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Thema Beziehungen gewonnen hatte, in einem Buch festzuhalten. Dieser Schatz an Erfahrungen erschien mir so reichhaltig, dass ich es kaum abwarten konnte, ihn mit anderen zu teilen.
Das Projekt startete großartig. Die Struktur des Buches hatte ich im Kopf. Das Schreiben entlang dieses roten Fadens brachte Spaß, und ich machte täglich gute Fortschritte. Was dazwischenkam, war Chris. Ihn kennenzulernen war mir als Single allein in Barcelona zunächst eine willkommene Abwechslung. Doch je öfter wir uns sahen, desto mehr geriet das Buch in den Hintergrund.
Rückblickend betrachtet löst die Erinnerung an diesen Monat in Barcelona großes Schmunzeln und vor allem Dankbarkeit in mir aus. Im Nachhinein verstehe ich, dass ich zuerst mit dem Menschen zusammenkommen sollte, mit dem ich all die guten Ideen ausprobieren und in die Tat umsetzen konnte, bevor ich meine Erkenntnisse und Erfahrungen in einem Buch veröffentlichen würde.
Doch drehen wir die Uhr zunächst noch ein paar Jahre weiter zurück. Vor allem in meinen Zwanzigern war ich in Beziehungen nie wirklich zur Ruhe gekommen. An Intensität gab es keinen Mangel. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt war alles dabei, manchmal im Laufe eines Monats oder einer Woche, und wenn es richtig schlimm kam, dann erlebte ich alle vier Jahreszeiten auch schon mal an ein und demselben Tag. Ich begann in dieser Zeit, viel über Beziehungen und Kommunikation zu lesen und Seminare zu besuchen – hauptsächlich mit dem Ziel, endlich eine glückliche Beziehung führen zu können. Häufig wechselte ich die Strategie, und wenn das nicht half, die Partner. Und ich kann mich gut erinnern, dass ich das Vorhaben »glückliche Beziehung« für mich schon ad acta legen wollte.
Im Rückblick kann ich sehen, wie sich das ab dem Moment änderte, in dem zum ersten Mal The Work of Byron Katie in meinem Leben auftauchte. Unmittelbar nachdem ich The Work zum ersten Mal angewendet hatte, beobachtete ich an mir überraschende und inspirierende Veränderungen. Deshalb begann ich bald damit, so viel Erfahrung wie möglich mit der Anwendung dieser zunächst seltsam anmutenden vier Fragen und den Umkehrungen zu sammeln.
Nicht von heute auf morgen, aber stetig und nachhaltig änderte sich dadurch meine Perspektive auf das Thema Partnerschaft, und diese neue Sichtweise gewann zunehmend mehr Raum in meinem Leben.
Im Sommer 2004 hatte ich endlich die Gelegenheit, Byron Katie persönlich kennenzulernen. Für ihre Europatour buchte ich zwei Seminare. Am Ende war ich so beeindruckt, dass ich einfach nur das Bedürfnis hatte, The Work mit all den Menschen zu teilen, die ich aus meinen Seminaren im Berliner Raum kannte. So lud ich Byron Katie am Abend des letzten Seminartages für den darauffolgenden Sommer nach Berlin ein und freute mich sehr über ihre spontane Zusage.
In den Monaten, die folgten, wendete ich The Work fast täglich an. Als Single hatte ich genügend Zeit, aus früheren Situationen zu lernen, was mir zuvor verborgen geblieben war. Überall da, wo ich meinen Ex-Partnern noch nicht vergeben hatte, und überall da, wo ich mir selbst noch nicht vergeben hatte, gab es etwas zu tun. Und das war eine ganze Menge. Womöglich machte mich die Verarbeitung all dessen offen für eine neue Partnerschaft, denn genau dieser ersten Phase der intensiven Anwendung von The Work folgte der eingangs erwähnte Monat in Barcelona. Chris und ich lernten uns kennen. Wir verliebten uns, genossen unsere Zeit, und mit Schmetterlingen im Bauch gab es nicht so viel Grund zu worken. Als es dann allerdings nach ein paar Monaten »ernster« wurde, wurde The Work auch in unserer Beziehung wieder mein – und später auch Chris’ – ständiger Begleiter. Und seit dieser Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem ich Byron Katie nicht dankbar bin für The Work. In dem Prozess des Untersuchens der eigenen Gedanken durfte ich – und darf ich immer noch – unendlich viel über mich, über meinen Partner und über andere Menschen lernen und erkennen.
Das soll nicht etwa heißen, dass zwischen Chris und mir heute immer eitel Sonnenschein herrscht. Darum geht es mir auch gar nicht. Dank der intensiven Auseinandersetzung und der regelmäßigen Anwendung von The Work habe ich für mich die Zutaten für eine glückliche Beziehung gefunden. Im Gegensatz zu früher weiß ich heute, wie ich aus einem schlechten Zustand wieder zu einem guten finde, und genau dieses Rezept möchte ich mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, teilen.
Aus diesem Grund habe ich mir nun, einige Jahre später, erneut den entsprechenden Freiraum organisiert, den es für mich zum Schreiben eines Buches braucht. Wenn Sie das Ergebnis jetzt in gedruckter Form in Händen halten, ist das ein Zeichen dafür, dass dieses Mal nichts und niemand dazwischengekommen ist.
Ich möchte Sie einladen auf eine Reise, bei der Sie Drama, Abhängigkeiten und Unzufriedenheit Schritt für Schritt hinter sich lassen und sich für eine neue Erfahrung von Verbindung, Intimität und Zweisamkeit öffnen können. Wenn Sie sich auf diesen Weg machen möchten, setzt das jedoch auch voraus, dass Sie Zeit investieren, dass Sie sich auf einen intensiven Prozess einlassen und dass Sie das Interesse haben, sich selbst ehrlich zu begegnen. Wenn Sie die Offenheit mitbringen, auf die Antworten zu hören, die in Ihnen auftauchen, wird das vermutlich ein sehr spannendes Abenteuer werden. Das Lesen dieses Buches entspricht dann in gewisser Weise dem Studium der Wanderkarte – die eigentliche Wanderung unternehmen Sie dann selbst.
Doch bevor es losgeht, erlauben Sie mir an dieser Stelle noch einen Hinweis: Unterwegs werden Ihnen womöglich auch Frustration, Angst vor dem Scheitern oder das Gefühl von Sinn- und Ausweglosigkeit begegnen. Es lohnt sich jedoch dranzubleiben. Vielen Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, ging es ebenso, und auch aus meiner eigenen Erfahrung kann ich das bestätigen.
Im ersten Kapitel werden Sie erfahren, warum uns die üblichen Herangehensweisen bei Schwierigkeiten und Problemen in der Partnerschaft nicht unbedingt weiterbringen. Überlegen Sie sich zum Beispiel einmal, welcher der folgenden drei Aussagen Sie intuitiv am ehesten zustimmen würden, wenn es in Ihrer Beziehung gerade nicht glattläuft:
• »Wir haben ein Problem.«• »In unserer Beziehung gibt es ein Problem.«• »Ich habe ein Problem.«Wenn Sie sich für die erste oder zweite Aussage entschieden haben, ist das ein Hinweis darauf, dass Sie Ihre Beziehung eher aus systemischer Perspektive betrachten. Und aus dieser Perspektive schaut man vor allem auf die Beziehung zwischen den verschiedenen beteiligten Elementen beziehungsweise Personen und nicht so sehr auf die einzelnen Elemente selbst. Aus dieser Perspektive haben dann eher »wir« ein Problem und nicht »ich« oder »der/die andere«. Das ergibt zunächst auch Sinn, denn wir gehen ja davon aus, dass wir gemeinsam eine Beziehung haben. Und wenn es in dieser Beziehung dann knirscht oder kracht, haben eben »wir« ein Problem – ein Beziehungsproblem. Genau mit der Perspektive »Beziehungsproblem« führen wir uns selbst aber in eine Sackgasse. Wenn wir ein »Beziehungsproblem« unterstellen, hat das zur Folge, dass wir davon ausgehen, dass zwei Menschen nötig sind, um das Problem zu lösen. Was passiert aber, wenn der Partner/die Partnerin nicht mitspielt bei der Lösung? Wenn er/sie nicht mitkommt zum Coaching oder zur Therapie? Wenn er/sie Absprachen nicht einhält oder ganz einfach keine Lust hat, gemeinsam am Thema zu arbeiten? Wenn ich zur Lösung des Problems auf die Mitarbeit des anderen angewiesen bin, fühle ich mich abhängig und werde schlimmstenfalls zum Opfer.
Mit dem Fokus auf »Beziehung« und »wir« sitzen Sie bezüglich der Problemlösung also schnell in einer Falle. Daher ist es eine gute Nachricht, dass Sie ein Problem sehen, wo keines sein kann. Ein Problem existiert nach meiner Erfahrung nie »zwischen« zwei Menschen oder »in einer Beziehung«. Ein Problem existiert lediglich in einem einzigen denkenden Verstand. Es sind immer Sie, Sie allein, der/die ein Problem hat! Dass andere Ihnen bestätigen, dass es tatsächlich ein Problem in Ihrer Beziehung gibt, ändert daran nichts. Auch die Tatsache, dass Ihr Partner/Ihre Partnerin in der gleichen Situation ebenfalls ein Problem hat, ändert daran nichts. Denn selbst wenn Sie beide ein Problem haben, heißt das noch nicht, dass es dasselbe Problem ist oder dass Sie es gemeinsam lösen können, geschweige denn lösen sollten. Sie teilen sich nicht ein Problem, sondern haben in diesem Fall zwei – jeder hat eins. Und diese beiden Probleme werden wir hier nicht in einen Topf werfen, sondern genau auseinanderhalten.
Was Sie allein betrifft: Womöglich haben Sie nicht nur ein kleines oder ein großes Problem, sondern sogar mehrere oder ganz, ganz viele – nämlich all die stressvollen Überzeugungen, die das Einzige sind, worunter Sie leiden. Das zweite Kapitel hilft Ihnen zu verstehen, warum das so ist und weshalb es sogar eine gute Nachricht ist. Denn alle diese »Probleme«, die Sie allein haben, können Sie auch allein lösen.
Genau dieser Lösung widmet sich dieses Buch ab dem dritten Kapitel. Wenn Sie damit gleich loslegen wollen, dann lesen Sie am besten dort weiter. Behutsam werde ich Sie damit vertraut machen, Ihre eigenen stressvollen Gedanken wahrzunehmen, sie mithilfe von wiederkehrenden Fragen zu untersuchen und aus verschiedenen neuen Perspektiven zu betrachten. Dann lernen Sie verschiedene Arbeitsmaterialien kennen, die Sie auf Ihrer Reise unterstützen werden. Und schließlich werde ich Hilfreiches zum Umgang mit Befürchtungen ansprechen und zahlreiche andere Themen, die in Beziehungen zu Stress führen.
Sobald Sie sich auf den Weg gemacht haben und Schritt für Schritt vorankommen, profitieren Sie von Ihrem Einsatz. Es ist die beste Investition, die ich kenne. Vielleicht werden Sie sich klarer, freier und sicherer fühlen. Vermutlich werden Sie sich selbst mit jedem Schritt ein besserer Partner beziehungsweise eine bessere Partnerin.
So wie sich Ihre Beziehung zu sich selbst verändert, wird sich auch die Beziehung zu den Menschen um Sie herum verändern. Das bedeutet nicht automatisch, dass alles besser wird. Während sich einige Beziehungen womöglich intensivieren, werden andere vielleicht an Bedeutung in Ihrem Leben verlieren. Auf jeden Fall werden Sie verstehen, warum Sie weder Ihren Partner/Ihre Partnerin noch überhaupt einen Partner brauchen, um auf diesem Weg voranzukommen. Ganz so, als hätten Sie nie begonnen, sich mit The Work zu beschäftigen, werden Sie mit Ihrem Partner beziehungsweise Ihrer Partnerin zusammenbleiben – oder nicht. Lassen Sie sich einfach überraschen, wie sich Ihre Wahrnehmung der Menschen um Sie herum verändern wird und wer der Partner oder die Partnerin an Ihrer Seite eigentlich ist.
Im Verlauf des Buches wünschen Sie sich vielleicht Kontakt zu Gleichgesinnten oder die Unterstützung durch einen professionellen Coach. Auch dafür gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die ich Ihnen näher erläutern werde. Ebenso werden wir uns mit allerhand Tipps beschäftigen, die im Umgang mit den Schwierigkeiten hilfreich sind, die Ihnen auf Ihrem Weg begegnen können. Abschließend genießen wir dann gemeinsam mit Byron Katie und Stephen Mitchell die herrliche Aussicht aus dieser neuen Perspektive.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen auf Ihrer ganz persönlichen Reise.
»Nicht die Dinge selbst, sondern unsere Vorstellung über die Dinge macht uns glücklich oder unglücklich.«
Epiktet
1. Irrwege und Auswege
Seit einigen Jahren beginnt sich mit der »Positiven Psychologie« – auch bekannt unter dem Schlagwort »Glücksforschung« – ein Forschungsschwerpunkt zu etablieren, der sich nach eigenem Anspruch von den defizitorientierten Aspekten der Psychologie abwendet. Stattdessen stellt er in den Mittelpunkt, was den Menschen allgemein stärkt und was das Leben lebenswerter macht. In diesem Zusammenhang werden viele Daten erhoben, um herauszufinden, was uns glücklich macht, unter welchen Voraussetzungen wir besonders glücklich sind und ob es dazu Geld, Gesundheit, Freunde oder anderer Dinge bedarf.
Neben der Tatsache, dass die Höhe des Einkommens weniger Einfluss auf unser subjektives Wohlbefinden hat, als zunächst angenommen, war man vor allem von der Bedeutung »gelingender sozialer Beziehungen« überrascht. Eine gelungene Partnerschaft macht glücklich beziehungsweise umgekehrt: Glückliche Menschen führen glückliche Partnerschaften.
Der weitaus größte Teil der deutschen Bevölkerung sieht das genauso. Auf die Frage »Was ist Ihnen im Leben besonders wichtig?« gaben im Jahr 2013 in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie 84 Prozent der Befragten an: »Eine glückliche, stabile Partnerschaft.« Nur »Gesundheit« erhielt mit 90 Prozent einen noch höheren Wert. Alle anderen Aspekte, wie zum Beispiel »gute Freunde haben«, »finanziell abgesichert sein« und »Zeit für sich haben«, rangieren teils deutlich dahinter.1
Wunsch und Wirklichkeit klaffen allerdings auseinander. Denn parallel dazu zeigen andere Zahlen, wie weit viele von der Erfüllung dieses Wunsches nach einer glücklichen Beziehung entfernt sind: Während nur für jede/n Zehnte/n ohne feste Partnerschaft das Single-Leben ein Lebensmodell ist, das er/sie sich langfristig wünscht, hat die Zahl jener, die keinen festen Partner haben, in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Sie liegt derzeit bei 28 Prozent.2 Von den Befragten, die in einer festen Beziehung leben, gibt jede/r Dritte an, dass Eigenschaften wie Toleranz gegenüber den Eigenheiten und der Meinung des Partners/der Partnerin sehr wichtig oder wichtig seien. Gleichzeitig werde dies in der eigenen Beziehung nur »eher«, »eher nicht« oder »überhaupt nicht« gelebt. Für die Fähigkeit, Meinungsverschiedenheiten austragen zu können, miteinander diskutieren und streiten zu können, liegen die Werte zwischen Wunsch und Realität noch weiter auseinander. 3
Ist diese Diskrepanz verwunderlich? Nicht unbedingt, denn schließlich kommen wir weder mit einer guten Gebrauchsanweisung für Beziehungen auf die Welt, noch haben wir automatisch die geeigneten Vorbilder in unserem Umfeld. Es lässt sich also leicht erklären, dass die Suche nach dem geeigneten Partner oft vergeblich bleibt oder die Qualität der gelebten Beziehung nicht den eigenen Ansprüchen genügt.
Und genau aus diesem Grund gibt es vermutlich die unzähligen Angebote, die Hilfe versprechen. Von unterschiedlichsten Partnerbörsen im Internet bis hin zu jeder erdenklichen Form der Paarberatung scheint für jeden Typ und jedes Beziehungsproblem etwas dabei zu sein. Nach meiner Erfahrung sind viele dieser Angebote allerdings ebenso wenig hilfreich auf dem Weg zu einer glücklichen, stabilen Beziehung, wie Diäten langfristig zum Wunschgewicht führen.
Das Ende des Schmetterlingseffekts
Im Jahr 1972 hielt der amerikanische Meteorologe Edward N. Lorenz einen Vortrag zu seinen Forschungen über die Atmosphäre. Wenn die Entwicklung der Atmosphäre so instabil sei, wie der Forscher behaupte, dann müsse ja der Flügelschlag einer Möwe genügen, um ein Wetterphänomen in großer Entfernung auszulösen, wandte ein namentlich nicht bekannter Zuhörer ein. Dies sei in der Tat der Fall, erwiderte Lorenz und startete die Berechnung der sich nach einem Zeitraum von etwa zwei Wochen im Anschluss an den Flügelschlag ergebenden Änderungen. Im Laufe dieser Phase wurde aus der Möwe ein Schmetterling, und wenig später beantwortete Lorenz in einem zweiten Vortrag, dieses Mal vor der American Association for the Advancement of Science, die Frage, ob der Schmetterling in der Lage sei, mit einem Flügelschlag in Brasilien einen Tornado in Texas auszulösen, mit einem klaren Ja. Der »Schmetterlingseffekt« war geboren.4
Die Nachricht von der großen Empfindlichkeit komplexer, dynamischer Systeme für kleinste Veränderungen und Abweichungen in den Anfangsbedingungen machte schnell die Runde. Das eingängige Bild vom Schmetterling fand weite Verbreitung und verdrängte als neues Paradigma an vielen Stellen den bis dahin vorherrschenden Determinismus. Die von Lorenz gewählte bildhafte Verdeutlichung stand bald als Synonym für die Komplexität und die wachsende Bedeutung systemischer Betrachtungsweisen.
Während der Schmetterlingseffekt landauf, landab zitiert wurde, begann man allerorten, die Welt in den Kategorien System, Komplexität und Chaos »neu zu denken«. So hielt die systemische Sichtweise in den 1970er-Jahren auch in Bezug auf die Diagnose und Therapie seelischer Beschwerden und Konflikte zwischen Menschen Einzug. Der Fokus auf den Einzelnen nahm ab, und gleichzeitig nahm die Bedeutung von Zusammenhängen, von ganzheitlicher Betrachtung und der Beziehung zwischen den beteiligten Menschen zu. Ob in der Sozialarbeit, der Beratung von Organisationen, der Therapie von Einzelpersonen und Paaren: Beinahe alles wurde »systemisch« betrachtet und beurteilt.5
Die systemische Therapie suchte beispielsweise die Ursache und Verantwortung von »problematischem« Verhalten bei Kindern nicht mehr ausschließlich bei diesen, sondern bezog das größere Bild ein – die Familie und die Beziehung der einzelnen Familienmitglieder untereinander. Oftmals konnten so neue Ansatzpunkte für mögliche Lösungen und Verbesserungen identifiziert werden. Die neue Perspektive sorgte für die notwendige Unterstützung der »Problemträger«, verlegte den Ansatzpunkt für die Interventionen und erhöhte insgesamt die Chancen auf einen erfolgreichen Therapieverlauf.
Virginia Satir, die gemeinhin als Mutter der systemischen Familientherapie gilt, entwickelte nicht nur das systemische Repertoire und die Methodik. Sie beeinflusste außerdem – von ihr selbst durchaus skeptisch gesehen – die Einführung des Neuro-Linguistischen Programmierens und Verfahrens systemischer Aufstellung, beispielsweise die Familienaufstellung nach Bert Hellinger. Eine Reihe von Methoden also, die für die Beratung und Lösung von Paarkonflikten herangezogen werden.
In Bezug auf den Umgang mit Problemen in Partnerschaften führte der Wandel hin zu einer systemischen Betrachtungsweise unter anderem dazu, dass nun erstmalig zwei Menschen ein Problem miteinander haben – oder vielleicht auch gleich mehrere Probleme. Im Vordergrund standen nicht mehr ausschließlich das »Du« und das »Ich«, sondern das »Wir« und vor allem: »unsere Beziehung«.
An der muss man nun arbeiten, um die muss man sich kümmern. Man muss sie pflegen und sollte in sie investieren. Sie kann sich verschlechtern und verbessern, in die Brüche gehen oder ewig halten. »Die Beziehung« ist neben dem »Du« und dem »Ich« zu einem eigenständigen dritten Element geworden, auf das wir zwar Einfluss haben, das aber nicht unserer direkten, unmittelbaren Kontrolle unterliegt. Die Beziehung existiert plötzlich außerhalb von uns. Wir können unseren Fokus nun auf sie richten, sie nach allen Regeln der Kunst beschreiben, und wir schaffen Kriterien, mit deren Hilfe wir sie beurteilen können und denen sie genügen muss.
Etwas plakativ formuliert sind wir nicht mehr zu zweit, sondern zu dritt. Es gibt dich, mich und unsere Beziehung. Und auch wenn uns diese Perspektive heute ganz selbstverständlich erscheint, sollte uns dabei eine wichtige Frage nicht aus dem Blick geraten: Hilft uns diese Perspektive dabei, mit dem Partner beziehungsweise der Partnerin glücklich zu sein?
Ich meine, nein. Das Gefühl, es gäbe da ein drittes Element, das nicht unserer Kontrolle unterliegt, ist erwiesenermaßen ein Zustand, den wir nicht mögen, den wir zu vermeiden versuchen und der uns im schlimmsten Fall hilflos und depressiv macht.6
Vielleicht werden Sie nun einwenden: »Aber es gibt sie doch – unsere Beziehung. Sie existiert doch!« Und meine Antwort lautet: »Nein, es gibt sie nicht.« Es ist nur eine Sichtweise, dass so etwas wie »eine Beziehung« ein reales, selbstständiges Element sei, das man separat betrachten könne. Würden Sie eine Zeitreise in die 1960er-Jahre unternehmen und sich mit Paaren unterhalten, würden diese vermutlich nicht verstehen, wovon Sie reden.
So hat der Paradigmenwechsel der 1970er-Jahre dafür gesorgt, dass wir mehr und mehr erkennen, dass alles mit allem verbunden ist, und dass wir auf diese Weise leichter verschiedene Ansatzpunkte für Veränderungen in Systemen identifizieren können. Gleichzeitig führt er dazu, dass wir von einigen Dingen stärker getrennt sind als zuvor, dass wir Zusammenhänge stärker verdinglichen und ihnen mehr denn je ein Eigenleben zuschreiben. Und das hat weitreichende Folgen.
Wenn wir erst einmal beginnen, »unseren Umgang« miteinander zu thematisieren, können wir es uns praktisch im Kinosessel bequem machen und uns über dieses »Etwas« unterhalten. Es ist eine Ebene weiter entfernt und hat weniger mit uns direkt zu tun. Wir können dann »den Umgang miteinander definieren«, sind uns vielleicht einig oder auch nicht und haben gegebenenfalls etwas Weiteres, über das wir uns streiten können.
Wenn ich beginne, »Beziehungsarbeit« zu leisten, ist das so, als hätte ich ein neues Stück Garten – oder einen Acker – übernommen, um den ich mich nun kümmern will, muss, soll oder möchte. Egal, ob ich es nun will, muss, soll oder möchte, ich bemühe mich dann um etwas, das ich als getrennt von mir sehe.
Wenn ich als »Investition in unsere Beziehung« am Samstagmorgen das Frühstück zubereite und es meinem Partner/meiner Partnerin ans Bett bringe, dann ist das, als würde ich die Zeit nutzen, um in meinem Stück Garten endlich den Rasen zu mähen. Ich werde über kurz oder lang eine Rechnung aufmachen und schauen, ob es sich lohnt und ob ich Entsprechendes dafür zurückbekomme.
Wenn ich – weil ich Beziehungsarbeit für notwendig erachte – bereit bin, mir jeden Mittwochabend Zeit zu nehmen, um mich mit meinem Partner/meiner Partnerin auszutauschen, was aus meiner Sicht in der letzten Woche in unserer Beziehung gut gelaufen ist und was nicht, dann ist das möglicherweise nicht mehr, als einen Pflichttermin wahrzunehmen – ungefähr wie ein Elternabend in der Schule, an dem ich mich zwar hin und wieder sogar engagiere, aber doch froh bin, wenn er vorbei ist.
Irgendetwas stimmt hier nicht. Irgendetwas kann hier nicht funktionieren. Der Fokus auf »Beziehung«, in die ich investieren oder an der ich arbeiten muss, schränkt meinen Freiraum und meine Kontrolle über mein Leben ein. Er trennt mich von mir und von meinem Partner/meiner Partnerin gleichermaßen.
Damit kein Missverständnis entsteht: Die Bedeutung des Paradigmenwechsels in den 1970er-Jahren und die Veränderungsansätze, die dadurch möglich wurden, sollen hier nicht in Abrede gestellt werden. Sicherlich war es beispielsweise sinnvoll, verhaltensauffälligen Kindern nicht die alleinige »Schuld« an ihrem Verhalten und die Bürde der Veränderung aufzuerlegen, sondern nach Faktoren im Elternhaus Ausschau zu halten. Ebenso wie es Sinn ergibt, in Organisationen nicht automatisch den Symptomträgern zu unterstellen, sie seien auch die Verursacher eines Problems. Ob es uns aber in Beziehungen grundsätzlich hilft, das »Wir« in den Vordergrund zu stellen, möchte ich bezweifeln.
Der Schmetterlingseffekt gilt inzwischen übrigens als widerlegt. Es dauerte beinahe 30 Jahre, um herauszufinden, dass er einer detaillierteren Analyse nicht standhalten konnte. Inzwischen konnte nachgewiesen werden, dass ein korrektes einzelnes Forschungsergebnis auf unzulässige Art und Weise verallgemeinert worden war.7
Das macht die Wettervorhersage für Texas im Moment nicht einfacher, verstärkt aber womöglich Ihr Interesse, auch für die Lösung von Problemen mit dem Partner sich weniger auf die Beziehung zu fokussieren und mehr auf sich selbst. Denn wenn das Wetter nun mal so ist, wie es ist, und der Partner sich so verhält, wie er sich verhält, ohne dass ich darüber die Kontrolle habe, so kann ich doch immer noch beeinflussen, wie ich mich dazu verhalte und wie es mir damit geht.
Und damit sind wir schon bei einem weiteren »Irrweg«, den ich im nächsten Abschnitt beschreiben werde.
Mein Partner ärgert mich, macht mich traurig oder wütend
Häufig erscheint es uns im Alltag so, als sei unser eigener Zustand die direkte Folge dessen, was andere sagen oder tun. Betrachten Sie dazu bitte einmal folgendes Beispiel: Christine und Timo sind seit mehreren Jahren ein Paar. Aus beruflichen Gründen ist vor kurzem eine Wochenendbeziehung daraus geworden. Für den Freitagabend haben sie sich um 20 Uhr in ihrem Lieblingsrestaurant verabredet, in dem sie schon viele schöne Stunden verbracht haben. Christine ist bereits ein paar Minuten früher eingetroffen, während Timo bisher nicht erschienen ist. Ab 20 Uhr verschlechtert sich Christines Laune mit jeder Minute. Ihre Unzufriedenheit, Traurigkeit, ihre Enttäuschung, der Ärger oder die Wut scheinen eine direkte Folge von Timos Verhalten zu sein.
Das Gleiche gilt übrigens auch für seine Worte. Vor ein paar Wochen waren die beiden nämlich schon einmal in einer ähnlichen Situation. Da hatte Timo Christine am Nachmittag angerufen, um ihr mitzuteilen, dass aus ihrem Treffen nichts werden würde. Er hatte sich entschieden, den Abend mit ein paar Freunden zu verbringen, die zufällig in der Stadt waren. Christines Laune hatte sich in der Sekunde verschlechtert, in der sie diese Neuigkeit erfahren hatte. Kein Wunder also, dass es Christine so vorkam, als sei der Anruf beziehungsweise die Nachricht die Ursache und der Auslöser für ihren Stimmungswandel gewesen. Ganz gleich, ob es etwas ist, das der andere tut oder sagt – wenn es auf unsere Stimmung schlägt, nehmen wir unser Gegenüber als Verursacher wahr.
Für die angenehmen Gefühle gilt das selbstverständlich genauso. Wäre Timo pünktlich um 20 Uhr im Restaurant erschienen, noch dazu mit einer kleinen Aufmerksamkeit im Gepäck, hätte Christine sich vermutlich gefreut. Sie hätte sich geschätzt und geliebt gefühlt. Oder stellen wir uns vor, er hätte sie mittags angerufen, um ihr mitzuteilen, wie sehr er sich auf den Abend freue. Das hätte vielleicht ein Lächeln in ihr Gesicht gezaubert oder ihr Herz ein wenig schneller schlagen lassen. In beiden Fällen läge es nahe zu denken, das gute Gefühl hätte etwas mit Timo, ihrem wunderbaren Partner, zu tun.
Ob es die »unangenehmen« Worte oder Verhaltensweisen des anderen oder die »angenehmen« sind, das Schema bleibt das gleiche: Auf der einen Seite stehen sein Verhalten, seine Worte – die Ursache –, auf der anderen Seite ihr »Zustand« – die Folge.
Halten wir also fest, dass es weit verbreitet ist, einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verhalten/den Worten des Gegenübers und den eigenen Gefühlen zu unterstellen.
Was hat das zur Folge? In der Regel haben wir ein Interesse daran, gute Zustände zu mehren und schlechte Zustände zu meiden. Wenn ich nun davon ausgehe, dass das Verhalten eines anderen sich unmittelbar auf meinen Zustand auswirkt, dann bin ich letztlich davon abhängig, dass mein Gegenüber sich so verhält, wie ich es für mein Wohlbefinden brauche.
Falls es Ihnen schwerfällt, das nachzuvollziehen, könnte dies daran liegen, dass diese Abhängigkeit so allgegenwärtig ist, dass sie uns ganz selbstverständlich erscheint.
Solange die Worte und Taten des anderen angenehme Zustände in mir auslösen, ist natürlich alles in Ordnung. Zum Beispiel zu Beginn einer Beziehung, wenn wir verliebt sind. Dann kann der andere kaum etwas tun, das mich in einen schlechten Zustand versetzt. Doch früher oder später beginne ich, seine Verhaltensweisen zu bewerten und zu unterteilen in solche, die für mich angenehm sind, und andere, die für mich weniger angenehm sind. Ob ich will oder nicht, es gibt dann einfach Worte, die er sagt, und Dinge, die er tut, die mir gefallen, und andere Worte und Dinge, die mir nicht gefallen.
»Es nervt mich, wenn du immer wieder Geschirr benutzt und es anschließend einfach stehenlässt oder nur schmutzig in das Spülbecken stellst. Könntest du es gleich saubermachen und wegräumen oder wenigstens in die Spülmaschine stellen?« Wenn die Antwort lautet: »Na klar, Schatz, danke, dass du mich darauf aufmerksam machst, ich hatte ja keine Ahnung, dass dich das stören könnte« – und wenn sich anschließend auch noch das entsprechende gewünschte Verhalten einstellt –, dann, ja dann, ist immer noch alles gut.
Doch was, wenn die Antwort, die wir bekommen, nicht dem entspricht, was wir uns wünschen?
Wenn ich davon überzeugt bin, dass Worte und Taten des anderen die Ursache für meinen Zustand/mein Wohlbefinden sind, setzt eine unbefriedigende Antwort den Wunsch frei, Einfluss zu nehmen. Wenn es mir nicht gefällt, was er/sie sagt oder tut, habe ich scheinbar nur eine Wahl: Ich muss mein Bestes tun, damit sich sein Verhalten ändert! Je nach Gemüt bitten wir, werden fordernd, kreativ oder beginnen mit dezenter Beeinflussung. Vielleicht schlagen wir einen Tauschhandel vor – deine Socken gegen meine Zahnpastatube –, wir suchen Kompromisse oder manipulieren im Geheimen. Manchmal ziehen wir auch unsere Freunde zu Rate und werden von diesen in unserer Sichtweise und der Berechtigung unserer Wünsche bestätigt: »Ist doch klar, dass du wütend bist, weil dein Mann schon wieder zu spät gekommen ist.« Oder: »Ich kann gut nachvollziehen, dass du enttäuscht bist, weil sie immer weniger Interesse hat, mit dir zu schlafen.« Wir umgeben uns gern mit den Menschen, die unsere Reaktionen nachvollziehen können. Das scheint den Schmerz zu lindern – doch wenn man es genau betrachtet, gießen wir damit nur Öl ins Feuer.
Aus der dezenten Beeinflussung wird gegebenenfalls pure Manipulation. Unter dem Deckmantel der Liebe, unterstützt durch Moralvorstellungen jeder Art, scheint sie der einzige Weg zur Veränderung zu sein. Und zur Manipulation gehören Bestrafung, Belohnung, Druck, strategisches Vorgehen – alles Mögliche also, was sich nicht wirklich nach der Form von Beziehung anhört, die wir gerne führen möchten. Kein Wunder, denn es hat ja auch nichts mehr mit Liebe zu tun.
Doch Achtung! Das Ganze beruht auf einem Irrtum. Bei dem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang fehlt der wichtigste Bestandteil: das Denken.
Sein Einfluss ist weit größer, als uns in der Regel bewusst ist. Es ist unser Denken, das unseren Zustand »macht«. Wir reagieren auf unsere Gedanken, nicht auf das Verhalten oder die Worte des anderen.
Mithilfe der Ideen, die ich Ihnen in diesem Buch vorstelle, werden Sie Einfluss auf Ihr Denken nehmen, was sich wiederum ausnahmslos auf all die unangenehmen Dinge auswirkt, die in einer Partnerschaft gesagt oder getan werden.
Aus der Kombination der beiden Irrwege, die Sie nun kennengelernt haben, ergibt sich in der Praxis oftmals ein dritter, um den es im folgenden Abschnitt gehen wird.
Typische »Beziehungsthemen«
Spätestens wenn die »Beziehung« nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen, gehen wir auf die Suche nach Mustern: Ob wir wollen oder nicht, wir achten auf das Wiederkehrende in unserem Verhalten oder dem Verhalten des Gegenübers. Wir versuchen, den Ablauf zu entschlüsseln, wir wollen »verstehen«. Und das hat einen Grund: Wir gehen davon aus, dass »Verstehen« die Voraussetzung für eine Veränderung in die gewünschte Richtung ist. Wenn sich etwas nicht gut oder richtig anfühlt, dann möchten wir darauf Einfluss nehmen und Abhilfe schaffen, »es« verändern. Und wir glauben, dazu müssten wir »es« erst einmal verstehen.
Doch so nachvollziehbar der Wunsch nach Verstehen auch sein mag, er macht uns offen und empfänglich für alle möglichen Erklärungen und Theorien. Egal, ob wir mit anderen sprechen oder Bücher lesen, wir sind damit beschäftigt, Theorien zu erstellen und passende Erklärungen zu finden. Nicht die Details interessieren uns, zum Beispiel das, was ich am 10. April um 19:30 Uhr erlebt habe, sondern die Überschrift, unter der ich dieses und viele andere Erlebnisse subsumieren kann.
In Bezug auf unsere Beziehungen und die Lösung von Konflikten gehen wir davon aus, dass wir vorankommen, wenn wir entdecken, dass wir ein Thema haben mit »Eifersucht«, »Nähe und Distanz«, »Monogamie oder Fremdgehen«, »Angst vor Verlust«, »räumlicher Trennung«, »Abnahme der Libido« und Ähnlichem mehr. Wir atmen erleichtert auf, wenn im Zusammenhang mit einer Überschrift, einem Thema all die Phänomene beschrieben werden, die wir tagtäglich am eigenen Leib erleben. Wir hoffen, dem Glück in unserer Beziehung einen Schritt näher zu sein, wenn wir uns sicher sind, dass es in unserer Beziehung um »fehlende Wertschätzung« oder »mangelnde Anerkennung« geht. Wir lernen, dass wir als Partner »zu unterschiedlich« oder »zu ähnlich« sind, oder wir machen auf der Suche nach der treffenden Erklärung genetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern als Übel aus. Kurzum: Wir glauben, einen Schritt weitergekommen zu sein, weil wir die passende Kategorie für unser Problem gefunden haben.
Doch selbst ein Schritt, der sich gut und richtig anfühlt, ist manchmal ein Schritt in die falsche Richtung. Und dies ist aus meiner Sicht hier der Fall.
Wenn die Überschriften, die Sie gefunden haben, und die Kategorien, mit denen Sie ein Problem beschreiben, bisher nur dazu geführt haben, dass Sie meinen, es besser zu verstehen, wenn sie Ihnen aber nicht dabei helfen, es zu lösen – dann vergessen Sie die Kategorie, die Beschreibung und die Erklärung.
Anstatt zusammenzufassen und zu erklären, ist – wie Sie gleich sehen werden – das Gegenteil hilfreicher: Es gilt »das Problem« zu zerlegen in seine einzelnen Bestandteile. Und bei diesen Bestandteilen handelt es sich ausnahmslos um (Ihre) Gedanken. Ihre Gedanken über alles Mögliche und vor allem über Ihren Partner/Ihre Partnerin, über sich selbst und über Ihre Beziehung.
1 Studie des IfD (Institut für Demoskopie), Allensbach. Quelle: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 6264, (Juni 2013)
2 Studie des IfD (Institut für Demoskopie), Allensbach: »Die Attraktivität des Single-Lebens«, Anhangtabelle 1. Quelle: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 10084 (Dezember 2011)
3 Studie des IfD (Institut für Demoskopie), Allensbach: »Subjektiv wahrgenommene Defizite in der eigenen Partnerschaft«, Schaubild 49a. Quelle: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 10084 (Dezember 2011)
4 Vgl. Edward N. Lorenz: Predictability: Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas?, Vortrag auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science; in: Science 320 (2008) S. 431. Vgl. Spektrum der Wissenschaft 11/2001, S. 66
5 Vgl. Wikipedia: Systemische Therapie
6 Der Psychologe Daniel Gilbert zeigt in seinem Buch Ins Glück stolpern (2006) unter anderem, wie wichtig es ist, dass wir Menschen gerne Kontrolle haben. Wir möchten Dinge beeinflussen, ändern oder geschehen lassen. Wenn Menschen in der Lage sind, Dinge zu beeinflussen, steigert dies ihr Wohlbefinden und auch ihr Glücksgefühl. Haben die Menschen kein subjektives Gefühl von Kontrollmöglichkeit über ihr Leben, dann tendieren sie zu Depression und Hilflosigkeit.
7 Spektrum der Wissenschaft 11/2001, S. 66
»Glück ist wie ein Schmetterling. Solange du ihn verfolgst, bleibt er immer außer Reichweite, und wenn du still wirst, lässt er sich vielleicht auf dir nieder.«
Nathaniel Hawthorne
2. Standortbestimmung
Inzwischen dürfte klar sein, warum es so viele verschiedene Ansätze gibt, Beziehungen zu verändern, zu verbessern oder daran zu arbeiten – und vor allem wird deutlich, warum diese häufig nicht fruchten: Sie bauen ganz einfach auf falschen Voraussetzungen auf.
Petra und Sebastian haben sich sehr auf ihren Urlaub gefreut. Es ist lange her, dass sie zwei ganze Wochen für sich allein hatten, und nun sind sie froh, dass es endlich soweit ist. Für den heutigen Tag steht eine Wanderung auf dem Programm. Sie haben sich gleich nach dem Frühstück aufgemacht und sind nun schon fast zwei Stunden unterwegs. Beide freuen sich auf das Picknick und den wunderbaren Blick über das Rheintal von dem Aussichtspunkt, der in ihrem Reiseführer so zauberhaft beschrieben ist. Die Wegbeschreibung, die sie sich im Zimmer ihrer Pension im Internet angeschaut hatten, sah so einfach aus, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen sind, auf die Wanderkarte zu schauen, die sie immer im Gepäck haben. Außerdem hatten sie von mehreren Leuten gehört, dass in dieser Region sämtliche Wege gut ausgeschildert seien.
Petra und Sebastian sind guter Dinge, sie unterhalten sich über Berufliches, wozu sie bisher keine Zeit gefunden hatten, und dann gehen sie wieder eine Weile schweigend nebeneinander her. Beide genießen diese Verbindung zur Natur, das Geräusch des Windes, das Rascheln der Sträucher und das Schimmern der Sonnenstrahlen durch die dichten Kronen der hohen, majestätischen Bäume, die den Weg säumen. So sind sie noch eine ganze Weile voller Energie und Tatendrang.
Und dann gelangen sie an die erste Kreuzung, an der sie sich nicht sicher sind, wie es weitergeht. Sie tauschen sich aus, sind dann schnell wieder einer Meinung und setzen den Weg fort. Doch je länger die Wanderung dauert, desto mehr nimmt die Verunsicherung zu. Müssten sie nicht längst am Ziel sein? Inzwischen diskutieren die beiden an jeder Weggabelung und können sich nur schwer einigen. Nach einem Aussichtspunkt sieht es allerdings weit und breit nicht aus. Zum Glück kommt ihnen nun in Erinnerung, dass sie doch noch die Wanderkarte im Gepäck haben. Sie schlagen die Karte auf und sind froh, dass eine kurze Orientierung genügt. Anhand des Kirchturms, den sie durch die Bäume erkennen können, und des Verlaufs des Rheins weiter unten gelingt es Petra schnell, ihre Position zu bestimmen. Sebastian sieht das allerdings anders, und so überlässt sie ihm schließlich die Führung – jedoch nicht ohne im weiteren Verlauf des Weges beständig zu testen, ob er vielleicht doch die Orientierung verloren hat.
Als die beiden erneut an einer Kreuzung vorbeikommen, die sie schon kennen, beschließt Petra – unter Sebastians lautstarkem Protest –, die Sache nun doch selbst in die Hand zu nehmen, obwohl sie sich inzwischen auch nicht mehr sicher ist, wo sie sich nun wirklich befinden. Sebastian folgt ihr missmutig. Beide könnten inzwischen eine Pause gebrauchen, denn ihr Energielevel ist bereits deutlich gesunken. Je länger Petra darüber nachdenkt, desto mehr macht sich in ihr die Erkenntnis breit: Dieser Tag ist gelaufen.
Nach außen herrscht immer mehr Schweigen. Das Gespräch zwischen ihnen ist inzwischen beinahe vollkommen zum Erliegen gekommen. Auch die schönen Momente in Stille sind verschwunden. Beide sind innerlich einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Je weiter der Besuch des Aussichtspunktes und ein schöner Abschluss der Wanderung in die Ferne rücken, desto mehr haben beide für sich begonnen, sich selbst oder ihrem Partner Vorwürfe zu machen: »Ich hätte mir das genauer anschauen sollen.« – »Er hätte nicht behaupten sollen, er kenne sich aus.« – »Wir hätten uns besser vorbereiten sollen.« – »Ich hätte mich nicht auf sie verlassen sollen.« So geht es in ihren Köpfen vor und zurück. Die Schönheit der Natur um sie herum nehmen sie nun gar nicht mehr wahr. Und zu einer besseren Orientierung tragen die inneren Vorwürfe auch nicht gerade bei.
Wie lange kann und wird das so weitergehen?
Kommt Ihnen so etwas bekannt vor? Vielleicht kennen Sie vergleichbare Situationen, in denen es Ihnen ähnlich ging. Aber wichtiger noch: Manchmal steht die Situation bildhaft für die Art und Weise, wie wir unsere Beziehung führen. Wir haben eine Idee, ein Ziel vor Augen – die glückliche Beziehung – und verwenden unsere Energie auf eine bestimmte Strategie, um dieses Ziel zu erreichen. Frust stellt sich ein, wenn wir merken, dass das nicht funktioniert, dass wir unserem Ziel nicht näherkommen und so gut wie nichts erreicht haben. Wir erleben dann sogar im Gegenteil, wie sich die Beziehung verschlechtert und uns immer weniger zufriedenstellt.
