Biberg - Mathias Petry - E-Book

Biberg E-Book

Mathias Petry

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Beschreibung

Kommt ein Bruder von Jesus nach Hudlhub ... Was wie der Anfang eines Schenkelklopfer-Witzes klingt, entpuppt sich in Biberg als Glaubensfrage und Zerreißprobe für die Menschen in der kleinen bayerischen Gemeinde. Als er eine Grube für einen Koikarpfenteich ausheben lässt, stößt der örtliche Landtagsabgeordnete Ludwig Haderlein nämlich auf eine Knochenkiste mit hebräischer Aufschrift. Wie kam sie hierher? Wie ist so etwas möglich? Ist am Ende doch etwas dran am Fluch, über den seit Jahrhunderten gemunkelt wird? Biberg ist eine Geschichte, die in drei Zeitebenen spielt: während der Besiedelung kurz nach Christi Geburt, dann im Barock, als der Dorfphilosoph Matthias Kronleichter mit seinen Weisheiten die kleine Gemeinde in Bewegung bringt, und natürlich in der Gegenwart, wo der Fund der ominösen Knochenkiste nicht nur Kriminelle inspiriert. Biberg. Ein weiterer Band der satirischen Erzählreihe, die so manche menschliche Eigenheit aufs Korn nimmt und bei der niemand, der glaubt, eine Rolle spielen zu können, ungeschoren davonkommt.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

ERSTER TEIL

1 | GRABUNGSARBEITEN

2 | DER FLUCH

3 | BAROCK: WER KANN, DER KANN

4 | PER DU

5 | BAROCK: IN GEREGELTEN BAHNEN

6 | DIVERS:ES

7 | AM LIMES: AUF EIN SPIEL

8 | BAROCK: KLEIDER MACHEN LEUTE

9 | AM LIMES: VERLAUFEN

10 | STEUERSPARMODELL

11 | BAROCK: EINE HÜRDE

12 | AM LIMES: DER NEUE

13 | DIE KOMMISSION

14 | BAROCK: BRUMMBRUMM

15 | EXPERTENBEDARF

16 | AM LIMES: GEWITTER

17 | BAROCK: EINE RUNDE SACHE

18 | ÖFFNUNGSFRAGE

19 | AM LIMES: WENN DIE DÜRRE KOMMT

20 | BAROCK: WELLEN

21 | FAHRGEFÜHL

22 | AM LIMES: ERINNERUNGEN

23 | BAROCK: WAS FÜR EIN HIRSCH

24 | NEUSCHWANSTEIN

25 | BAROCK: EIN GUTES GESCHÄFT

26 | DREHARBEITEN

27 | BAROCK: DAS RÄTSEL

28 | AM LIMES: EINE NEUE FRUCHT

29 | BAROCK: SCHRIFTKUNDE

30 | BAROCK: EINE BEICHTE

31 | AM LIMES: SCHLANGEN

32 | BAROCK: DAS OSSUAR

33 | WASSERSTANDSMELDUNG

34 | BAROCK: ES REGNET NICHT

35 | BAROCK: EIN ABSCHIED

ZWEITER TEIL

36 | OSSUARKUNDE

37 | FRAGESTUNDE

38 | GEHEIMSACHE

39 | ROLLERALARM

40 | REGENRINNENGEFÄLLE

41 | BLUTWURSCHTRAGOUT

42 | BRAUCHTUMSPFLEGE

43 | SPRECHSTUNDE

44 | KARPFENKUNDE

45 | SCHULSTUNDE

46 | ERZIEHUNGSMASSNAHME

47 | ROLLENSPIELE

48 | GEBÄCK

49 | ANZIEHUNGSKRAFT

50 | HILFERUF

51 | AUFTRAGSARBEIT

52 | GARTENZAUNPLAUSCH

53 | AKTENSTUDIUM

54 | PASSION

55 | SCHNECKENJAGD

56 | HOLLANDAISE

57 | TURTELTÄUBCHEN

58 | PILATES

59 | GUT ABGEHANGEN

60 | SONDIERUNGSGESPRÄCHE

61 | AUSRUFEZEICHEN

62 | ANGEKOMMEN

63 | ABGEFAHREN

64 | WIEDERSEHENSFREUDE

65 | SACKLZEMENTZEFIX

66 | VERFLUCHT

NACHSPIEL

67 | BAROCK: KEIN VERSEHEN

68 | ERFOLGSMELDUNG

69 | MIT BESTEN GRÜSSEN

70 | PASSION

WIRSING-PASTA à la HUDLHUB

GULASCH HUDLHUBOISE

DANKE

ERSTER TEIL

1 | GRABUNGSARBEITEN

Bekanntlich gibt es zwei Arten von Flüchen.

Die einen sind die, wenn man sich zum zweiten Mal am selben Tag mit viel Schwung denselben Zeh an genau derselben Stelle an einer hinterhältigen Türkante oder einer miesen Schrankecke anhaut. In Bayern, also auch in der kleinen Gemeinde Hudlhub, kommentieren die Älteren solcherlei Vorkommnisse für gewöhnlich mit Begriffen wie »Kreizkruzefix«, »Sacklzement« oder »Hagottsah«. Die Jüngeren sind längst globalisiert und stoßen in Momenten wie diesen eher Wörter wie »Shit!« oder »Fuck!« aus. Inzwischen, das muss man anerkennen, sind sie feste Bestandteile der bairischen Sprache.

Die anderen Flüche sind die, wo man noch Glück hat, wenn man nur binnen weniger Sekunden zu Staub zerfällt, weil man gerade verbotenerweise den Schlaf einer Mumie gestört hat. Wenn es blöd läuft, muss man sich nämlich im Zweifel lebenslang mit juckendem und unattraktivem Hautausschlag herumärgern, und das ist kein Spaß.

Das sogenannte Römergrab auf dem Biberg vor den Toren Hudlhubs war mit einem solchen Fluch belegt.

Wobei bis zu diesem Tag nicht ganz eindeutig klar war, was genau man an dieser Stelle zu unterlassen hatte und was einem blühte, wenn man alle Warnungen ignorierte, und seien sie noch so unscharf formuliert. Nur so viel war klar: Vom Römergrab ging immense Gefahr aus – und es galt gemeinhin als überaus ratsam, sich von dort fernzuhalten.

Der örtliche Landtagsabgeordnete Ludwig Haderlein glaubte nicht an solche Märchen.

Er bildete sich schon lange einen Koikarpfenteich ein, und er hatte dafür auch den perfekten Standort auserkoren: tatsächlich genau hier, am Römergrab, das sich auf dem angestammten Familiengrund in Biberg befand. Das Römergrab war, wenn es denn überhaupt jemals existiert hatte, genau genommen überhaupt nicht zu erkennen. Hier war nichts als eine weitläufige Wiese auf einem Plateau, an das sich eine Böschung anschloss, die sich im Winter prima als Rodelhang geeignet hätte. Kaum Büsche oder gar Bäume, dafür eine wundervolle Aussicht auf ein traumhaftes, idyllisches, spärlich besiedeltes Tal.

Und dieses Gerede um den Fluch? Das kannte er natürlich. »Alles Humbug!«, sagte Haderlein, dem man eine gewisse Ähnlichkeit zum Kabarettisten Christian Springer nachsagte, nur mit etwas mehr Bauch, pardon, mit einer Senkbrust. »Alles Humbug!«, sagte er also jedes Mal ungerührt zum Thema Fluch, und das seit vielen Jahren.

Allein schon die Mär, dass der altertümliche Minifriedhof die Form eines Hügelgrabs gehabt haben soll, sei doch Beweis genug, was für ein Käse das Gerede vom Fluch war. Römer bestatteten ihre Toten schließlich nicht in Hügelgräbern. Das lernte jedes Kind, das nicht gerade die ganze Zeit unter der Schulbank Whatsapps schrieb, im Latein- oder zumindest im Geschichtsunterricht und Erwachsene bei Terra X. Und hier war kein Buckel, sondern ein ganz einfach ein erstaunlich glattes, plattes, kahles Plateau.

Nichts da, sein stattlicher Koikarpfenteich sollte genau dort hin, an jenen herrlich gelegenen Ort, keine 100 Meter von seinem Anwesen im Hudlhubber Ortsteil Biberg entfernt. Weil er trotz oder gerade wegen all des Nichts rundherum Strahlkraft hatte. Irgendwie war dieser Ort besonders. Und: die perfekte Lage für einen Koikarpfenteich.

Der Weg dorthin war wunderbar windgeschützt, denn der Pächter seines landwirtschaftlichen Betriebs hatte vor langer Zeit eine mannshohe, natürliche Benjes-Hecke angelegt, die vom Hof aus bis hinüber zum Römergrab führte. Wie an einer natürlichen Mauer entlang, gelangte man so dorthin. Der Ausblick auf die Hügellandschaft von Edling hinüber nach Oberdummeltshausen und weiter hinten nach Hudlhub war von hier aus schlicht überwältigend.

Am 20. Januar 2007, als Haderlein seinen 30. Geburtstag feierte, hatte er genau hierhin zum großen Grillen rund um ein launig züngelndes Lagerfeuer inmitten der schneebedeckten Landschaft geladen. Und kaum war der Boden ein paar Monate später aufgetaut, wartete hier ein bequemer Campingstuhl auf ihn, in dem er, wann immer es ihm möglich war, die eine oder andere Feierabendhalbe genoss. In jenem Sommer passierte es: Haderlein entschied, hier, am Römergrab, eines Tages etwas Schönes zu bauen.

Inzwischen wusste er auch, was. Rund um den Teich stellte er sich einige hohe, schmale Bäume vor, edle Pflastersteine, große Sonnenschirme, dazu eine gemütliche Sitzecke im gemauerten Freisitz. Falls der Abendwind einmal zu heftig blasen sollte. »Da kannst du die Toskana vergessen, weil in Bayerns ist‘s genauso schön, wenn nicht schöner«, pflegte Haderlein zu sagen. »Und außerdem ist das Bier hier besser.«

Und weil er als Landwirt privilegiert war, konnte er ja eh bauen, was er wollte, von der Genehmigungslage her war das überhaupt kein Problem.

Heute war nun der Tag der Tage gekommen.

Endlich ging es los.

2 | DER FLUCH

Wenn in Hudlhub etwas gebaut wurde, dann machte man das von je her gemeinsam, in Nachbarschaftshilfe.

Ehrensache.

Vom Willi, der in der benachbarten Spargelstadt eine Baumschule betrieb, hatte sich Haderlein einen Bagger mit langem Schaufelarm geliehen, der nun schon eine ganze Weile auf dem weitläufigen Plateau stand und darauf wartete, nun endlich zum Einsatz zu kommen. Aber so ein Bagger, der steht ja gut, wenn er erst einmal dasteht.

Der Max, ein Landwirtssohn und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Hudlhub, war es, der das Gerät bedienen sollte. Ein Bild von einem Mann, mit Oberarmen, die dicker waren als die Oberschenkel des Landtagsabgeordneten. Und mit einem spitzbübischen Gesicht, mit dem er der Damenwelt den Kopf verdrehte, solange er nicht den Mund aufmachte. Ja, der Max konnte zupacken, und er sah auch noch gut aus dabei, aber er war leider nicht die hellste Kerze auf der Torte. Aber egal, blitzschnelle Auffassungsgabe war hier ja auch nicht gefragt. Sondern Geschick mit dem Bagger. Und damit konnte der Max allemal aufwarten.

Die Maurer- und Pflasterarbeiten würden später freundlicherweise einige der anderen Feuerwehrkameraden übernehmen, und bei der gärtnerischen Gestaltung, da sollte dann, ganz am Ende, wieder der Willi ins Spiel kommen.

Als Max, der dafür bekannt war, in der Regel als erster »Hier« zu rufen, wenn es etwas zu tun gab, nun am Römergrab stand, verhielt er sich allerdings irgendwie merkwürdig.

Er machte keinerlei Anstalten, den Bagger anzuwerfen und loszulegen. Stattdessen starrte er unverwandt auf das Plateau.

Dabei gab es hier überhaupt nichts zu sehen. Kein Grab, schon gar kein Hügelgrab, keine Erhöhung, keine Senke, ganz einfach nichts. Vor ihnen lag nicht mehr und nicht weniger als ein flaches Stück Land, an das sich eine steile Böschung nach unten anschloss.

Total langweilig.

Trotzdem.

»Bist da wirklich ganz, ganz sicher, Haderlein?«, fragte Max.

»Ja freilich bin ich sicher, und ich zahl doch auch gut für die Nachbarschaftshilfe, oder?«

»Ja logisch machst du das, Haderlein. Das ist es nicht. Aber bist wirklich ganz, ganz sicher?«

»Ja, warum sollte ich denn nicht ganz, ganz sicher sein?« Haderlein versuchte, nicht zu süffisant zu klingen.

»Es ist wegen ...«

»Jaaaaa?«

»Es ist wegen dem ...«

»Wegen dem … was, Max? Jetzt sag‘s halt endlich!«

»Na, wegen dem Fluch.«

So. Jetzt also war es heraus.

»Wer flucht?« Haderlein probierte es mit einem Kalauer.

»Na, der Fluch vom Römergrab.« Max genierte sich schon ein wenig. Ihm war klar, wie kleinlaut er dabei klang. Er wusste ja selbst nicht so recht, aber irgendwie … das war ja schon alles sehr unheimlich. Als er vorhin beim Frühstück seiner Oma erzählt hatte, dass er heute am Römergrab ein Loch für einen Koikarpfenteich ausheben würde, da war ihr vor Schreck gleich die Marmeladensemmel aus der Hand gefallen und selbstverständlich mit der bestrichenen Seite nach unten auf der Wachsdecke mit Blümchenmuster gelandet.

»Am Römergrab? Ja spinnst du, Max? Willst du, dass wir alle sterben?«, hatte sie gerufen und beide Hände flach an die Wangen gelegt. Dieselbe Pose wie bei Edvard Munchs berühmtem Bildnis »Der Schrei«.

»Was soll denn schon groß passieren?«, hatte der Max so cool wie möglich entgegnet, er wollte sich schließlich keine Blöße geben.

»Mei Bua! Das Römergrab! Du kennst doch die Geschichten!«, sagte die Oma nur. »Überleg dir gut, was du tust, Max!« Dann biss sie wieder in die Marmeladensemmel, die Reste auf der Wachsdecke waren längst wieder aufgewischt. Allein drüber zu reden, war schon gefährlich. Mei, die Oma.

»Wegen dem Fluch!«, sagte Max deshalb noch einmal, wie er so dastand, neben dem Landtagsabgeordneten, diesmal mit etwas festerer Stimme. Und er starrte auf das Plateau. Hauptsache, es kam jetzt nicht zum Blickkontakt.

»Wegen … dem … Fluch«, wiederholte Haderlein. Er überlegte kurz, ob er Max erklären sollte, dass der Dativ dem Genitiv sein Tod ist, aber korrekte Grammatik hätte die Situation gerade auch nicht besser gemacht. »Der Fluch«, sagte er nur noch einmal, und er versuchte, dabei irgendwie nachdenklich, sinnierend zu wirken. »Findest du nicht selbst, dass das ein bisschen albern klingt?«

»Ja, schon, aber du hast doch gewiss auch ,Die Mumie‘ gesehen, oder? Wie es die Leute da reihenweise zerbröselt! Eh du schaust, sind sie nur noch Staub. Wegen dem Fluch. Ich bin doch noch so jung! Und ich mag keine Krätze und auch keine Pickel. Und dass mein Körper von innen aufgefressen wird, bis ich nur noch ein leerer Hautsack bin, will ich auch nicht. Echt nicht.«

»Das mit dem ausgesaugten Hautsack verwechselst du jetzt. Das war nicht in ,Die Mumie‘, sondern in ,Raumschiff Enterprise‘.«

»Aber schön wäre es trotzdem nicht.«

Haderlein musste sich zusammenreißen, damit er nicht laut loslachte. Die Situation war auch deshalb so skurril, weil der Max ein Riesenkerl war, die schwere Arbeit als Landwirt hatte seinen Körper geformt. Und ins Fitnessstudio ging er obendrein. Seit Jahren. Und nun stand dieser Hüne neben ihm, dessen Oberarme dicker waren als Haderleins Oberschenkel – und war wieder ein ganz kleiner Bub. »Und du bist sicher, dass alles passiert einem, wenn man beim Römergrab ein Loch schaufelt?«

»Naja, sicher bin ich nicht, aber die Oma sagt …«

»Was sagt deine Oma, Max?«

»Na … dass …. dass … so genau hat sie es nun auch wieder nicht gesagt … eben … dass …«

»Schau, Max. Schon unser Dorfphilosoph Matthias Kronleichter (1726 - 1754), soll hier oben gesehen worden sein, und der war doch ein kluger Kerl. Der hätte sich doch niemals hierhergewagt, wenn er an den Fluch geglaubt hätte ...«

»Besonders alt ist er ja nicht gerade geworden ...«

»Ach was, siebenundzwanzigdreiviertel war doch für die damalige Zeit gar nicht so schlecht. Und mein Opa, der hat hier als junger Bub auch schon herumgegraben, und der ist bekanntlich 109 Jahre alt geworden, wie du vielleicht weißt. Und das an einem Stück.«

»Stimmt …«

»Eben. Und mein Vater hat hier auch schon herumgewühlt. Okay, der wurde tatsächlich nicht sehr alt. Aber das lag nicht an der Krätze, sondern daran, dass er beim Schnackseln nicht aufgepasst hat und unter den Mähdrescher kam.«

»Ich kenne die Geschichte.«

»Und als ich jung war, habe ich hier auch schon geschaut, ob ich nicht was finde. Weil ich ,Quo vadis‘ oder ,Ben Hur‘ im Fernsehen gesehen hatte. Also bin ich losgezogen und habe am Römergrab nachgesehen, ob da nicht womöglich ein echtes Römerschwert oder etwas Ähnliches zu finden wäre. Ein goldenes Lorbeerblatt hätte ich auch genommen. Ich habe vielleicht nicht so tief geschaufelt, wie wir das heute machen, aber immerhin. Und ich schwöre: Alle meine Eingeweide sind noch da. Sogar der Blinddarm. Und die Krätze habe ich auch nicht gekriegt.«

»Vielleicht kommt‘s ja noch ...«

»Max! Fährst du jetzt den Bagger, oder was?«

»Ist ja schon recht.«

Max schluckte, nickte, atmete tief durch, schüttelte die Schultern aus, ließ den Kopf ein paarmal exzessiv auf dem Nacken kreisen, drehte sich dann um, kletterte auf den Bagger, warf ihn an und begann zu schaufeln. Ludwig Haderlein, Landtagsabgeordneter in seiner fünften Wahlperiode, ging so lange in sein Büro.

Die Dienstgeschäfte.

Als er nach vier Stunden zurückkehrte, hatte sich schon einiges getan.

»Siehst du, Max?«, brüllte er hinüber zum brummenden Bagger.

Er brüllte offensichtlich nicht laut genug.

»Was?«

»Siehst du?«

»Was seh ich?«

»Nix siehst du!«

»Ich seh nix, Haderlein!«

»Sag ich doch, Max!«

»Was sagst?«

»Dass du nix siehst, Max! Kein Sarg! Keine Leiche! Keine Krätze!«

»Ach so.« Max nickte.

Klonk.

Hoppla.

Dieses Geräusch war nicht vorgesehen. Das gehörte hier nicht her. Der Bagger war auf etwas Hartes gestoßen.

»Wartet mal, Max!«, rief Ludwig Haderlein so laut er konnte.

Der Landtagsabgeordnete hätte wirklich mit allem Möglichen gerechnet. Dass der Vater genau hier seinen uralten Daimler entsorgt hatte, um sich den Aufwand und die Kosten und den Ärger mit dem Schrotthändler zu ersparen, hätte ihn beispielsweise nicht im Entferntesten überrascht.

Aber dieses »Klonk«, das klang definitiv nicht nach Daimler, dafür war es zu … zu … na, eben nicht wie ein Daimler. Haderlein dachte fieberhaft nach. Ihm stand nicht der Sinn nach Komplikationen. Weit genug unten, um aufzuhören und einfach das Fundament drüberzuschütten, waren sie noch nicht. Manchen Kois genügt es ja, wenn sie etwa eineinhalb Meter abtauchen können, aber nicht derjenigen, die Haderlein wollte. Zweieinhalb Meter, das war das absolute Minimum für artgerechte Haltung. Gerade waren sie vielleicht zwei Meter tief. Reichte niemals. Sie mussten definitiv weiter runter.

Am einfachsten wäre es natürlich gewesen, das Loch wieder zuzuschütten, Gras über die Sache wachsen zu lassen und es ein paar Meter weiter rechts oder links noch einmal zu probieren, aber dafür war es jetzt zu spät.

Die Neugierde war geweckt.

»Schau mal, ob du rundherum noch ein wenig Erdreich wegbringst, Max«, brüllte Haderlein nach oben.

Max nickte. Sein Herz pochte, er spürte den Puls in den Schläfen.

Der Fluch.

Der Fluch!!

Der FLUCH!!!

VERFLUCHT!!!!

Max sah seinen Fingern dabei zu, wie sie per Joystick die Baggerschaufel in Bewegung setzten. Sie arbeiteten, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Max funktionierte einfach. Wahrscheinlich war eh schon alles zu spät.

Nach einer Weile thronte ein kleiner Erdhügel in der Grube, vielleicht einen guten Meter breit, hoch und lang. Max hatte sich von oben herab rundherum von allen Seiten an das klonkgeräuschgebende Teil herangearbeitet.

»Komm jetzt runter, Max«, rief Haderlein von tief unten aus der Grube zu ihm herauf, »und bring zwei Spaten mit.«

»Schon unterwegs«, nuschelte der und nickte.

»Den Rest machen wir mit der Hand«, sagte Haderlein, als der Nachbarschaftshelfer schließlich neben ihm stand.

Mit »wir« meinte er natürlich Max. Haderlein hielt sich zwar auch an einer Schaufel fest, manchmal setzte er alibimäßig damit an, verteilte etwas Staub, schnaufte dabei wie eine Dampflokomotive auf ihrem Weg über die höchsten Alpenpässe und stützte sich dann doch sehr schnell wieder darauf ab.

Max hingegen legte nach und nach immer mehr honigmelonengroße, kantige Gesteinsbrocken frei, sie waren regelrecht ineinander verkeilt. »Also, wenn die Natur diese Steine so aufgeschichtet hat«, sagte Max nach einer Weile, »dann fresse ich einen Besen. Und ...«

»… was, Max ...?«

»… Besen schmecken furchtbar. Ich musste mit 13 mal ein Stück probieren.«

»Warum, Max!«

»Wettschulden.«

»Na, dann wetten wir hier lieber nicht, oder?«

»Also, hier würde ich mich trotzdem trauen.«

»Aber ich halt nicht dagegen, Max. Das hier stammt hundertprozentig von Menschenhand. Los, lass uns die Steine zur Seite räumen. Aber vorher mach ich noch ein paar Fotos mit dem Smartphone.«

Dieses »uns« sah dann natürlich wieder so aus, dass Max allein Steine abbaute, während Haderlein, wo er es schon in der Hand hatte, die Finger über seinem Smartphone gleiten ließ. Er scrollte und swypte, dass es eine wahre Freude war.

Bestimmt ganz wichtige Amtsgeschäfte, dachte Max. Oder aber auch nicht. Egal.

Max schwitzte. Es war wirklich ein ganzer Haufen Steine, der hier aufgeschichtet war. Manchmal war ihm danach, zu fluchen, weil sie gar so streng ineinander verkeilt waren, aber er wagte er dann nicht. Max musste immerzu an die Oma denken, sie hatte ihn gewarnt. Jedenfalls war es gerade eher angesagt, Stoßgebete nach oben zu senden, als den anderen da unten in der Hölle heraufzubeschwören.

Dann, endlich, lugte unter all den Steinen etwas hervor, das anders war. Etwas Dunkles! Eine Mumie womöglich? Max erinnerte sich gut an die Bilder, die er einmal bei einer »Terra X«Dokumentation gesehen hatte, von schwarzer, verdörrter Haut der Jahrtausende alten Leichen aus dem Tal des Todes. So eine Farbe hatte das, was da zwischen den Steinen hervorlugte.

Max drehte sich zu Haderlein um, fast hilfesuchend. Vielleicht sollte man die Toten doch besser ruhen lassen? Aber Haderlein war grad derart in sein Geswype vertieft, dass er nichts um sich herum wahrnahm. Max fühlte sich in diesem Augenblick so schrecklich allein und verloren wie nie zuvor in seinem Leben. Ach, hätte er doch nur auf die Oma gehört. Wahrscheinlich war jetzt eh schon alles zu spät. Max seufzte also – und machte weiter.

Eine Viertelstunde später war, endlich eine merkwürdige, pechschwarze Kiste freigelegt. Keine Leiche, keine Mumie, ganz einfach eine Kiste. Max atmete erleichtert auf und ließ den Kopf ein paarmal auf den breiten Schultern kreisen.

Das Ding war etwa einen dreiviertel Meter lang und einen halben Meter breit und hoch. Der Bagger hatte sie nicht beschädigt, die Steine hatten wie ein Schutzwall gewirkt.

Haderlein fuhr mit der Hand über die Oberfläche. Fühlt sich an wie – Holz. Tatsächlich: wie sehr altes Holz. Auf der Seite war etwas eingeritzt, das wie Schriftzeichen aussah. Haderlein konnte sie nicht entziffern.

»Verflucht!«, sagte Max.

»Quatsch, Max. Schau, ich habe sie angefasst – und ich lebe noch. Ich zerfalle nicht, und ausgezutzelt wie eine Weißwurscht hat mich auch niemand.«

»Das meine ich doch gar nicht, Haderlein, mir hätte nur grade beinahe eine Taube auf den … egal ...«, murmelte Max. Jedenfalls nutzte er den Moment, um Haderlein sehr genau zu mustern. Vielleicht dauerte es ja etwas, bis der Fluch loslegte. Da, der Fleck auf der Abgeordnetenwange, der war doch eben noch nicht da, oder? Bei »Tomb Rider« hatte er mal gesehen, wie die Bösewichte, die ein Artefakt berührt hatten, schon wie die sicheren Sieger aussahen – und dann erst verfärbten sie sich erst blau, dann schwarz, und schließlich zerbröselten sie doch noch.

»Was machen wir damit?«, fragte Max schließlich, während Haderlein weiter die Finger prüfend über die Oberfläche gleiten ließ. Bisher, das musste er zugeben, sah der Abgeordnete noch ziemlich gesund aus. Er widerstand dem Fluch wacker.

»Na, herausheben.«

»Und was glaubst du, was da drin ist, Haderlein?«

»Ein Schatz wird es nicht gleich sein.«

»Glaub ich auch nicht. Sieht eher aus wie ein Sarkophag«, fand Max. »Dann wäre da ein Kind drin...«

»Wäre schon möglich.«

»Nichts ist unmöglich«, sagte Max.

Die Kiste war extrem schwer, aber Max hatte die Kraft von zwei Männern. Er hob sie so weit aus dem Minihügel in der Grube heraus, dass er mit der Baggerschaufel den Rest erledigen konnte.

Die beiden kletterten aus der Grube, Max behände, Haderlein nicht so. Dann aber waren sie doch oben, und das unheimliche Ding auch.

Hier, im gleißenden Sonnenlicht, wirkte das Holz fast noch schwärzer als unten in der Grube. Wobei – dunkler als schwarz, das ging ja eigentlich gar nicht. Jedenfalls war trocken, von Dutzenden zentimetertiefen Furchen durchzogen und auch sonst irgendwie faserig.

»Soll ich sie aufmachen?«, fragte Max.

Inzwischen war ihm alles egal. Einerseits sah er sich schon, wie er von einem schwarzen, surrenden, gruseligen Heuschreckenschwarm angefallen und binnen Sekunden auffressen würde, nachdem er den Deckel kaum zwei Millimeter aufgeklappt hätte. Er sah aber auch, wie sich seine Hände durch Berge von gleißenden Golddukaten kämmten, um sie schließlich übermütig in den Himmel über Biberg zu werfen, von wo aus sie zu Tausenden auf ihn herabregneten, als hätte er eben bei Günther Jauch die Millionenfrage richtig beantwortet: »C!«. »Sind Sie sicher?«, hätte Günther Jauch noch nachgehakt, »also, ich würde diese Nummer nicht machen.« Aber »C« war richtig! Goldregen!

Haderlein holte ihn wieder zurück in die Wirklichkeit. »Auf keinen Fall machen wir das Ding auf«, sagte er, »das überlassen wir Experten. So etwas muss fachgerecht behandelt werden, vielleicht ist es ja tatsächlich was wert.«

»Kennst du denn jemanden, der sich mit so was auskennt?«

»Na freilich, was denkst du denn. Und bis wir mehr wissen, behalten wir diesen Fund schön fein für uns, Max! Dass das klar ist!«

»Jawohl, Chef.«

»Jetzt fährst du mir die Kiste eben in die Werkstatt und lädst sie ab, und dann wäre es eine super Sache, wenn du die Baugrube fertig machen könntest. Wie besprochen: mindestens zweieinhalb Meter tief.«

»Jawohl, Chef.«

»Und wenn du auf noch so ein Ding stößt, dann machst mit dem genau dasselbe wie mit dem hier.«

»Jawohl, Chef.«

»Und du hältst deinen Mund.«

»Jawohl, Chef.«

»Dann ist‘s ja gut. Weil, ich muss jetzt in den Landtag, ich habe da ja noch diesen kleinen Nebenjob.«

»Jawohl, Chef.«

»Und Max ...«

»Ja, Chef?«

»Jetzt kannst wieder aufhören mit deinem ,Jawohl, Chef‘.«

»Jawohl, Chef.«

3 | BAROCK: WER KANN, DER KANN

»Nun, mein Freund, da waren wir wohl leider zu langsam«, sagte Matthias Kronleichter, während er sich mit seinem frisch geschärften Messer einen Weg zum Gehirn der ausgewachsenen Ziege bahnte, die er vorhin gefangen hatte. Wie man seiner Beute das Genick bricht, hatte er schon als Kind gelernt. Zupacken, mit der Armbeuge den Kopf halten, dann eine schnelle, beherzte Drehung, und schon war es passiert.

»Warst wirklich ein hübscher Kerl«, sagte Kronleichter mit leiser Stimme.

Er legte das Hirn in die dafür vorgesehene Schale und deckte es mit einem Tuch ab. Dann machte er sich daran, dem Tier die Haut abzuziehen, um sie wenig später, wie schon Hunderte Male zuvor, mit Holzwäscheklammern an der Leine zu befestigen, die er zwischen zwei Bäume gespannt hatte.

Kronleichter, ein gut aussehender, noch 27-jähriger Mann mit edlen Gesichtszügen und stahlblauen Augen, wie man sie bei einem bayerischen Gerber nicht unbedingt erwartet hätte, legte den Kopf in den Nacken und sog die kühle, frische Luft ein, die der kurze Sommerregenschauer, der eben über dem Hudlhubber Land niederging, vorbeischickte. Das dichte Dach der Baumkronen ließ die Regentropfen nicht durch, obwohl gerade einiges herunterkam. Er war froh, an jenem Morgen des 28. Juni 1754 hier in seiner Freiluftwerkstatt zu sein, die eine gute halbe Stunde von Hudlhub entfernt lag, in jenem Hain am Fuß des Bibergs, fernab der nächsten Besiedelung. Weil er hier seinen sauberen, trockenen Unterstand hatte. Kronleichter wagte einen Blick hinaus. Keine hundert Meter oberhalb, am oberen Ende einer steilen Böschung, befand sich ein Ort, den die Leute »Römergrab« nannten und der angeblich verflucht war.

Kronleichter hatte davon bisher nichts mitbekommen.

Für ihn war es vielmehr ein großes Glück, diesen Ort vor einigen Jahren entdeckt zu haben. Es musste schließlich niemand wissen, dass er, den alle den Dorfphilosophen nannten, sein Auskommen nicht mit Denken, Kunst und Wissenschaft erwarb, sondern mit seinem einzigartigen, selbst gegerbten, besonders weichen Leder.

Nach getaner Arbeit rieb sich Kronleichter die beschmutzten Hände und Unterarme mit Erdreich ein und dann mit einem Tuch ab, das er regelmäßig in einem kleinen Bächlein am Fuße des Hügels auswusch. Hauptsache, seine Haut kam möglichst wenig mit Wasser in Berührung, nicht, dass sein Körper dadurch aufgeschwemmt würde und platzte. Man hörte da ja die abenteuerlichsten Sachen.

Wasser war bekanntlich brandgefährlich für den Menschen.

Bisher hatte er immer Glück gehabt, und wenn die Hände doch mal nass wurden oder ihn ein Regenschauer erwischte, dann war er stets unbeschadet davongekommen, aber man konnte ja nie wissen.

Damit die Damenwelt mehr von ihm hatte, zog sich Kronleichter jedes Mal um, ehe er seine Werkstatt verließ. Er war der Einzige in der Gemeinde, der sich solche edlen, weißen Strümpfe leisten konnte, die unter jener eleganten Kniebundhose endeten, die sich hauteng an seinen Körper schmiegte. Sein rundes Hinterteil gefiel den Damen, und es störte Matthias Kronleichter keineswegs, wenn sie sich tuschelnd und kichernd nach ihm umdrehten. Freilich nur dann, wenn er seinen Gehrock, der den Allerwertesten sonst bedeckte, über dem Arm trug.

Das Haupt zierten zumeist eine – zugegeben – etwas in die Jahre gekommene, weiß gepuderte Knüpfperücke und ein edler, schwarzer Zweispitz, dessen Existenz ihn optisch deutlich von allen anderen Gemeindebürgern in Hudlhub abhob.

Kronleichter wollte das so.

Er hatte hart für seinen Ruf als Dorfphilosoph, als Künstler, Dichter und Wissenschaftler gearbeitet. Er hatte Opfer gebracht, Mut bewiesen. Sich im zarten Alter von nicht einmal 14 Jahren ganz allein hinaus auf eine mehrjährige Reise in die große, weite Welt zu wagen, das machte ihm so leicht keiner nach.

Bis nach Augsburg war er damals gekommen! Kein anderer Hudlhubber hatte es je so weit geschafft. Und kein anderer hatte eine Vorstellung davon, wie es in einer richtigen Stadt zuging.

In Hudlhub wusste man nicht viel von der Welt da draußen. Es gab gerademal zwei Bücher in Hudlhub: eine Bibel und eine Ausgabe von »Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel, geboren vß dem land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat. XCVI seiner geschichten« – sowie vereinzelte Zeitungsausgaben, die aber nie ein Bild zeigten, und mit denen eh kaum einer in der Gemeinde etwas anzufangen wusste. So gesehen, hätten weitere Bücher ohnehin nichts gebracht, wer – außer dem Pfarrer und ihm – konnte schließlich lesen und schreiben. Fahrende Händler erzählten hie und da ihr abstrusen Geschichten von steinernen Straßen, mehrstöckigen Häusern, von Orchestern und von Banketten mit Gerichten, die so gar nichts mit dem Leben hier, in der Einsamkeit der heilen Hügellandschaft rund um Hudlhub zu tun hatten.

Und natürlich gab es die Erzählungen der Vorfahren, die von Generation zu Generation weitergegeben worden waren. Dass Hudlhub dereinst von zwei Römern gegründet worden sei, denen Himbeeren aus dem Tal mit ihrer heilenden Wirkung das Leben gerettet hätten. Und dass sie in einem Hügelgrab oben auf dem Biberg beigesetzt worden seien. Und dass man diesen Ort tunlichst meiden sollte, weil er mit einem Fluch belegt sei.

Soviel wusste Matthias Kronleichter: Von einem Hügelgrab war dort oben jedenfalls heutzutage weit und breit nichts zu sehen.

So oder so, Kronleichter war das alles viel zu wenig. Er erwartete mehr vom Leben. Er gab sich nicht damit zufrieden, geboren zu werden, zu arbeiten, eine Familie zu gründen und durchzubringen, um dann irgendwann wieder zu Staub zu werden.

Er wollte lernen, er wollte verstehen, er wollte wissen.

Und er hatte Glück.

Kronleichter war damals in Augsburg bei einer äußerst netten Familie untergekommen, die noch viel weiter gereist war als er selbst. Karl und Luise Marksteiner waren im Indianerland jenseits des großen Teichs aufgewachsen, als Kinder abenteuerlustiger Einwanderer. Die Abenteuerlust der Eltern hatten sie geerbt. Sie wollten nun ihrerseits deren Heimat in der alten Welt erkunden, während die Geschwister weiter ihr Glück in der neuen Heimat suchten. So ging es für Teile der Familie Marksteiner einmal hin- und einmal herüber über den großen Teich. Karl und Luise Marksteiner vereinten dadurch in sich das Wissen zweier Kontinente, und es bereitete ihnen große Freude, dieses Wissen weiterzugeben.

Man sah ihnen ihre Weltgewandtheit auch an. Karl Marksteiner war zwar stets gut gekleidet, aber er scherte sich nicht um Erwartungshaltungen der Gesellschaft. Die grauen Haare ließ er lockig wachsen, und er machte keinerlei Anstalten, die Mähne zu bändigen. Aber er war stets gepflegt und frisch gepudert, wie auch seine werte Gattin, die ihrerseits ihr Haar zu immer anderen Zopfungetümen auf dem Haupt zu flechten pflegte, und die auch jetzt, im fortgeschrittenen Alter stets darauf achtete, beweglich zu bleiben. Von ihr war nicht zu erwarten, dass sie sich jemals aufs Altenteil zurückziehen und sich auf die Arbeit in der Küche und im Gemüsegarten beschränken würde. Sie sprach anders mit ihrem Mann, als andere Frauen in der Stadt es taten – die beiden waren auf Augenhöhe, und das ziemte sich eigentlich nicht. Man verzieh es den Marksteiners nur, weil man um ihre beeindruckende Lebensgeschichte und die Prägung vom anderen Kontinent wusste.

Wer zu ihnen kam, wurde mit weit geöffneten Armen und erwartungsfrohen Blicken empfangen. Auch jener Burschen vom Land, dieser Matthias Kronleichter, aufgeweckt, freundlich, zugewandt, neu- und wissbegierig, wie er war. Sie fanden schnell Gefallen an ihm und nahmen ihn in ihrem großen Haus am Eisenberg gleich hinterm Augsburger Rathaus auf, um dort mit ihnen zu wohnen, zusammen mit den zwischenzeitlich zwölf Kindern, von denen allerdings sieben in den vier Jahren, in denen Kronleichter bei der Familie blieb, starben.

Das war traurig, aber so war nun mal der Lauf der Dinge.

Matthias Kronleichter nahm aus dieser Zeit viel für sein weiteres Leben mit. Sehr viel. Genau genommen: alles.

Dank der Marksteiners hatte er von der verbotenen Lehre Keplers gehört. Dass die Sterne sich in eierförmigen Bahnen am Himmel bewegten – kaum vorstellbar.

Stunden um Stunden verbrachte Kronleichter des Nächtens auf dem Rücken liegend unter freiem Himmel, um den Lauf der Sterne zu verfolgen und die Perspektive zu wechseln, und er ließ selbst dann nicht davon ab, wenn dabei eine schöne Maid auf ihm ritt, so lange sie ihm nicht mit ihren Haaren die Sicht auf die Sterne da oben versperrte. Die Wissenschaft erforderte eben manches Opfer.

War das wirklich möglich, dass da oben alles in Bahnen lief? Ein kaum zu denkender Gedanke.

Kronleichter lernte auch noch ganz andere Dinge von den Marksteiners. Wie man die Poren der Haut von Kindern gleich nach der Geburt mit Öl und Talg verstopfte, um sie vor den Gefahren von Wasser zu schützen, auf dass nur ja nichts in sie eindringen konnte.

Und er lernte die Kunst des Hirngerbens, die in der bayerischen Heimat bis dahin nicht verbreitet war, wohl aber jenseits des großen Teichs, bei den Eingeborenen, den Indianern, die sich fast ausschließlich mit hirngegerbtem Leder bekleideten (und sich mit Vogelfedern sowie dem Haupthaar erlegter Feinde schmückten).

Hirngerben ist eine feine Sache.

Zumindest für diejenigen, die gerne gerben.

Matthias Kronleichter gerbte gern, und wenn er gerbte, dann mit Hirn. Also, nicht mit Köpfchen, sondern mit Hirn. Also, unter Zuhilfenahme von Hirn.

Eine feine Sache allein schon deshalb, weil Hirn ja stets vorhanden ist, wenn man ein Tier tötet. Auch das hatte Matthias Kronleichter gelernt: Indianer töten immer nur aus Notwendigkeit und mit Respekt vor dem anderen Leben, den sie dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie alles verwerten, was das getötete Tier ihnen bietet.

Ein Ansatz, der ihm gut gefiel.

Allerdings hat die Hirngerbung auch Nachteile: Man muss lange üben und sehr genau wissen, was man tut. Und es bedarf spezieller Konservierungstechniken, damit das Leder lange weich bleibt, alles nicht so einfach.

Man kann das Hirn frisch verwenden; Kronleichter zog es allerdings vor, es zunächst zu kochen und dann erst auf die Haut aufzutragen, ganz behutsam in kleinen Häppchen.

Als nächstes galt es, die Hirnmasse so kräftig in die Haut einzumassieren, als wolle man sie auf der anderen Seite wieder herausdrücken. Kronleichter arbeitete dabei zum Teil mit runden Steinen, die er in Bächen gefunden hatte, zum Teil aber auch mit den Handballen, so, wie es die Marksteiners ihm beigebracht hatten.

Im nächsten Schritt brachte er auch das Hirnkochwasser ins Leder ein, aber erst, wenn die Haut der eigenen Hände mit Tüchern vor der Flüssigkeit geschützt war.

Er war ja nicht blöd.

Nur kein Risiko eingehen.

Waschen, das war für Kleidung gedacht, aber doch nicht für Menschen! Das wäre ja lebensgefährlich!

Die Marksteiners hatten Kronleichter sehr genau erklärt, was beim Hirngerben passiert: Die Gehirnmasse löst das hauteigene Fett und bewirkt zugleich einen Fülleffekt. Weil die Hirnmasse verhindert, dass sich Fett und Wasser trennen, dringt der Gerbstoff tief in die Haut ein. Das verleiht dem Leder eine besondere Beschaffenheit, die man fühlen kann.

Der letzte Schritt des Prozesses war dann die Konservierung. Dazu wurde das Leder in Holzrauch gelagert. Marksteiner hatte Kronleichter beigebracht, wie man ein Zelt baut, in dem das besonders gut klappt. Das Leder veränderte dabei seine Farbe von Weißlich in Dunkelbraun.

In Hudlhub verfügte niemand sonst über solcherlei Wissen.

Und niemand ahnte, welch herausragende handwerkliche Fähigkeiten dieser Matthias Kronleichter beherrschte, mit zwei Ausnahmen: Jakob, der fahrende Händler, der beste Geschäfte mit Kronleichters Wunderleder machte, der sehr genau verstanden hatte, dass er nie wieder auch nur eine einzige dieser wertvollen Häute zu Gesicht bekommen würde, sollte er dieses Geheimnis lüften. Also behielt er es bei sich.

Der andere war Elias.

4 | PER DU

»Haderlein, ich brauch Sie!«

»Wie, mich?«

»Ja, Sie!«

Es war wirklich ER.

ER sprach ihn an.

Auf dem Gang, in der Staatskanzlei.

Unglaublich.

Dass ich das noch erleben darf, dachte Haderlein und huschte schnellen Schrittes herbei. Direkt vor der Tür zum Büro.

Haderlein deutet eine tiefe Verbeugung an: »Herr Mi ...«

»Aber nicht doch. Wir hätten das ja schon längst mal machen sollen, ich bin der ...«

»… aber das weiß ich doch. Und ich bin der… Ludwig ...«

»… und das wiederum weiß ich. Ein königlicher Name. Aber nicht zu hoch fliegen, mein Guter, denn ganz oben, da sitzt schon wer, nicht wahr?«, lachte ER und haute seinem gar nicht so viel kleineren Gegenüber beherzt auf die Schultern.

»Sowieso, Herr Mi ...«

»Na!«

»Entschuldigung, ich muss mich erst noch dran gewöhnen.«

»Na gut. Hast denn gerade ein paar Minuten Zeit für mich, mein lieber Ludwig?«

5 | BAROCK: IN GEREGELTEN BAHNEN

»Du riechst so gut, Matthias Kronleichter!«

»Findest du?«

»Ja, nicht so wie mein Mann.«

»Wie riecht denn dein Mann?«

»Er riecht nicht, er stinkt! Dieser grobschlächtige Kerl! Ach, hätte er doch ein bisschen etwas von dir, mein Liebster!«

»Aber du hast doch jetzt, gerade, in diesem Augenblick, ein bisschen was von mir, meine Teuerste!«

»Meine Teuerste! Welch zauberhafte Worte du kennst! Warum nur höre ich so etwas nie von ihm?«

»Na, immerhin versorgt er dich gut, nicht wahr?«

»Schon, aber das ist nicht alles. Er stinkt. Wie machst du das nur, dass du nicht stinkst, Kronleichter?«

»Was für einen Tag haben wir heute?«

»Wieso? Es ist der 28. Juni 1754.«

»Ah, dann! Immer am 28. Juni reibe ich mich mit Rosenblättern ein.«

»Nehme er mich nicht auf den Arm, sonst geh ich wieder!«