Gailing - Mathias Petry - E-Book

Gailing E-Book

Mathias Petry

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Beschreibung

Im ehrenwerten Swingerclub, den Helga Dürnbichler in Gailing, einem Ortsteil der bayerischen Gemeinde Hudlhub, betreibt, stirbt ein Kirchenmann unter mysteriösen Umständen. Die Spur führt zur geheimnisvollen Fondazione Rotonda Tiberiana, die gnadenlos die Durchsetzung ihrer Interessen verfolgt und in deren Machenschaften die unterschiedlichsten Personen auf unterschiedlichste Art und Weise freiwillig oder unfreiwillig verwickelt sind: der undurchsichtige Landtagsabgeordnete Ludwig Haderlein, der machtgierige Bürgermeister, der durchtriebene Generalvikar und sogar der liebenswürdige Ortspfarrer und die tapferen Jungs vom Feuerwehrtrupp Hudlhub. Und was passiert, wenn plötzlich all diese Fäden zusammenlaufen? Richtig: ein Inferno fegt über die ländliche Idylle! Und danach wird in dem beschaulichen Örtchen nichts mehr so sein, wie es mal war ...

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

1 | 00:01

2 | 00:33

3 | 01:30

4 | 05:12

5 | 05:14

6 | 05:44

7 | 05:55

8 | 05:59

9 | 06=01

10 | 06:10

11 | 06:24

12 | 06:49

13 | 07:12

14 | 08:08

15 | 08:45

16 | 08:59

17 | 9:31

18 | 09:32

19 | 09:39

20 | 09:41

21 | 09:48

22 | 10:01

23 | 11:02

24 | 11:07

25 | 11:34

26 | 11:34

27 | 11:34

28 | 11:34

29 | 11=38

30 | 12:01

31 | 12:12

32 | 12:29

33 | 12:34

34 | 12=45

35 | 12:48

36 | 13:15

37 | 13:21

38 | 13=33

39 | 13=57

40 | 14:10

41 | 14:30

42 | 14:40

43 | 15:01

44 | 15:11

45 | 15:35

46 | 15:47

47 | 15:48

48 | 15:49

49 | 15:52

50 | 15:53

51 | 16=12

52 | 16=42

53 | 16=42

54 | 16=49

55 | 19:41

NACHSPIEL

1 | 20:01

2 | 21:02

3 | 22:03

4 | 23:04

5 | 23:55

Rahmbraten mit Parmesanpürree

Weltfrieden

1 | 00:01

Helga Dürnbichler war eine durch und durch ehrenwerte Frau.

Jeder, der den Darkroom ihres Swingerclubs im Hudlhubber Ortsteil Gailing besuchte, konnte sich ihrer Diskretion gewiss sein.

Erst recht, wenn er sich an die Regeln hielt.

Der Bürgermeister zum Beispiel, er pflegte immer pünktlich zu sein. Er kam nie vor 23 Uhr, und spätestens um 1.30 Uhr verließ er das Dürnbichler’sche Anwesen wieder. Man konnte fast die Uhr danach stellen.

Oder die Wildwengers aus Wolnzach. Sie führten eine offene Ehe, und wenn sie sich bei Helga Dürnbichler wieder hinreichend Inspiration für daheim geholt hatten, zogen sie entspannt von dannen. Sie schmutzten nicht, sie waren stets gut gelaunt und immer höflich.

Helga Dürnbichler schätzte das sehr.

Oder der Hudlhubber Landtagsabgeordnete Ludwig Haderlein, seit vielen Jahren ein Hinterbänkler, aber in der richtigen Partei. Seinen Bentley parkte er immer an der örtlichen Bushaltestelle zwei Höfe weiter, er kam und er ging zu Fuß. Beim Trinkgeld war er niemals knausrig.

Heute hatte er es allerdings etwas eilig. Er musste nachher noch nach Berlin, die Bundesversammlung tagte, wieder einmal wurde also der Bundespräsident gewählt. Und er, der Hudlhubber, durfte dabei sein. Haderlein war sich der Ehre durchaus bewusst, seine gewohnten Strukturen wollte er dennoch nicht mehr als nötig über Bord werfen. Und samstags schaute er halt schon gern mal bei der Helga vorbei. Sie war ja auch wirklich eine ganz besonders bezaubernde Dame.

Der erste ICE ging um 4.53 Uhr am Bahnsteig 2 des Ingolstädter Hauptbahnhofs, den durfte er nicht verpassen. Denn Haderlein wollte spätestens um halb elf in der Hauptstadt sein, das war eh knapp kalkuliert.

Helga Dürnbichler wusste nicht, was heute für ein Tag war, sie interessierte sich nicht für Politik. Ihr war nur eines wichtig: dass ihre Gäste zufrieden nach Hause gingen. Und nicht alle Gäste kamen paarweise. Der gelegentliche Männerüberhang stellte sie vor ein Problem, das logistisch nicht immer ganz einfach zu lösen war. Entsprechend froh war sie, dass sie immer wieder Besuch von einigen lieben Freundinnen erhielt, allesamt Single, allesamt von untadeligem Charakter. Und sehr besondere Fähigkeiten hatten sie obendrein!

Ling-ding Dao, Su Mei und Dong Chiuwah waren allesamt zertifizierte Chiropraktikerinnen und Masseurinnen, sie wussten ganz genau, wo sie hinlangen mussten, damit ihre Patienten glücklich waren.

Ja, Helga Dürnbichler war sehr froh über ihre drei Freundinnen, die garantierten, dass es niemals Stress gab in ihrem kleinen, aber feinen Swingerclub.

Und damit es ihren Freundinnen gutging, buk sie ihnen gern appetitliche Kuchen, die sie mit nach Hause nehmen durften, meist garniert mit aufwendig verziertem Papier.

Natürlich fälschungssicher.

So nett, so zuvorkommend waren die Damen des Hauses, dass Helga Dürnbichlers Club stets gut besucht war. Gar nicht so sehr von Gästen aus der Nachbarschaft, sondern überwiegend von weither.

So wie dieser etwas müde wirkende, mediokre, maulfaule Mittfünfziger, der heute zum ersten Mal den Weg in Helga Dürnbichlers Etablissement gefunden hatte.

Vom Akzent her war er Augsburg-Schwabe, mit dem besonders offenen A. Er hatte sich zuvor telefonisch angemeldet und gefragt, ob er heute noch vorbeikommen dürfe.

»Aber natürlich«, hatte die Dürnbichlerin erwidert. Dann kündigte er noch an, er werde allein kommen, ob das ein Problem sei.

»Nein, gar kein Problem«, erwiderte die Chefin.

»Des isch ja ganz wunderbaaar«, hatte der Augsburger sich gefreut und noch angefügt, ihr Haus stehe »im vorzüglichen Ruf, höggschd dischkrääät zu sein«. Da fühlte sich Helga Dürnbichler geschmeichelt.

Entsprechend enthusiastisch hatte sie den neuen Gast willkommen geheißen. Er war unauffällig gekleidet, trug dunkle Hosen und graues Sakko, dazu einen grauen, enganliegenden Pulli und schlichte, schwarze Schuhe. Die grau werdenden, einst dunklen Haare schmiegten sich korrekt gescheitelt an den eher kleinen Kopf. Er sah nicht nur unauffällig aus, er bewegte sich auch so, fand Helga Dürnbichler.

Im Gegensatz zum Augsburger vermittelte sie in jeder Hinsicht Fröhlichkeit. Ihr ansteckendes, offenes Lächeln hatte ihr über die Jahrzehnte kecke Fältchen neben den Augen beschert. Sie hatte einen noch immer schönen Mund. Die dunklen Augen bildeten einen passenden Akzent zum nackenlangen, glatten, aber voluminös geföhnten kastanienbraunen Haar. Sie trug einen pfiffigen hellgrau-organgefarben quergestreiften Pulli, dazu eine passende Lederjacke.

So aus dem Ei gepellt, wie sie ihre Gäste begrüßte, hätte sie gut und gerne auch in einer Vorabendserie im Fernsehen mitspielen können: eine leuchtende, jung gebliebene Mitsechzigerin, die man sah und sofort mochte.

Helga Dürnbichler begleitete ihren neuen Gast zum Umkleidebereich und präsentierte ihm auf dem Weg dorthin die verschiedenen Zimmer, die sie über die Jahre liebevoll und mit viel Pfiff hergerichtet hatte, jedes nach einem anderen Motto.

Der neue Gast hatte weder Fragen noch stellte er große Ansprüche.

»An Oraaaaschnsaft, bitte«, raunte er mit seiner leisen Stimme, als Helga Dürnbichler ihm ein Getränk anbot. Ein paar Vitamine, sehr vernünftig. Die Gastgeberin nickte.

»Ich stelle ihn hier auf der Kommode ab«, sagte sie und zog sich zurück. Sie wusste genau, wann ihre Gäste allein gelassen werden wollen. Und es gab ja auch noch eine Menge zu tun, Buchungsbestätigungen versenden, die nächste Lieferung beim Getränkegroßhändler anfordern und natürlich noch ein paar Kuchen für ihre lieben asiatischen Freundinnen backen, die was für eine wunderbare Überraschung! auch heute wieder vorbeigekommen waren.

Ja, Helga Dürnbichler hatte es schön.

Sie konnte alle Vorteile des Lebens auf dem Land genießen, sie war, wenn sie es wollte, unter Leuten, sogar unter Freunden, und es bereitete ihr ein königliches Vergnügen, anderen eine königliche Freude zu bereiten. So vergingen die Jahre, die Monate, die Wochen, die Stunden wie im Flug.

Helga Dürnbichler schaute kurz auf die Uhr, es war inzwischen NulL uhrdreiunddreißig.

2 | 00:33

Flatsch!

»Ich sagte: zwei Schaufeln Zement auf sechs Schaufeln Sand!«

»Hab ich doch!«

»Ja ... aber, sieh dir das doch mal an! Was soll das denn für ein ekliger Schleim sein? Das hält doch niemals!«

»Aber es sind sechs Schaufeln Sand und zwei Schaufeln Zement!«

»Aber-wie das wabert! Wie soll denn das jemals fest werden? Da kann man doch kein Haus drauf bauen!«

»Das seh ich auch, aber da kann ich doch nichts dafür.«

»Wie da kannst du nichts dafür. Wer hat denn den Beton hier angemischt?«

»Na, ich.«

Flatsch!

»Wie viel Wasser hast du denn genommen?«

»Ja, keine Ahnung, Wasser eben.«

»Kann das sein, dass du es mit dem Wasser vielleicht etwas gut gemeint hast? Da, schau, da schwimmt doch alles wieder nach oben.«

»Warte, ich schaufel einfach mal ein bisschen Sand direkt drauf... so ... vielleicht klappt das ja ... schau ... einfach oben drauf und schon siehst du nichts mehr.«

»Und wie bringst du den Beton jetzt dazu, dass er pappt? Der muss ja irgendwann auch mal fest werden ...?

»Ja, äh, was weiß denn ich. Schau, ich rühr einfach ein wenig um. Mit der Schaufel. Das ist doch sowieso eine blöde Idee, dass man eine Leiche nicht im Sarg bestattet, sondern in einem Fundament.«

»Du hast wohl noch nicht viele Leichen bestattet...?«

»Tatsächlich noch nie.«

»Deine Oma?«

»Ist 92, es geht ihr blendend. Die gute sizilianische Luft.«

»Und dein Opa?«

»Der ist schon 100, und er spielt immer noch regelmäßig mit seinen Schulkameraden Boccia. Er trinkt immer schön seinen Grappa, und drum geht’s ihm gut, Paolo. Musst du auch machen: Jeden Tag ein, zwei Grappa, dann wirst du auch 100.«

Flatsch.

»Mensch, Giacomo! So wird das nichts. Du musst da wirklich mehr Zement reintun! Jetzt mach schon! Ich würd’s dir ja vormachen, aber ich muss heute noch zurück nach Bayern.«

»Was gibt es denn wieder Wichtiges.«

»Weißt du doch, Giacomo. Geschäfte. Immer Geschäfte. Irgendwer muss sich ja um alles kümmern.«

»Um die Lebenden und die Toten. Der hier ist keine 100 geworden.«

»Nein, ist er nicht. Ich glaube, er war 39. Da, pass auf, da treibt der Fuß wieder hoch.«

»Verzeihung Paolo. Warte, ich drück ihn gleich wieder runter.«

»Wieso bestattest du den armen Mann überhaupt kopfüber?«

»Entschuldigung, Paolo, das war keine Absicht. Er ist mir beim Abladen aus der Hand gerutscht. Und schon lag er so drin. Naja, und ich dachte mir: Ist doch egal, wie er drinliegt, er ist ja eh tot.«

»Giacomo, Giacomo! Für dieses Mal ist es zu spät. Aber du solltest eines nicht vergessen: dass unsere Auftraggeber Ehrenmänner sind. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.«

»Da hast du recht, Paolo. Beim nächsten Mal taste ich seine Würde nicht an.«

»Sehr gut, Giacomo.«

»Aber angetastet hat ihn ja schon jemand, den hier.«

»War wohl so.«

»Woran ist er denn gestorben. Paolo?«

»Woran? Lustig, dass du das fragst, Giacomo. Ich will es dir sagen: Er starb an Gier.«

»Wie kann man denn an Gier sterben, Paolo?«

»Ach, Giacomo! Du weißt ja wirklich überhaupt nichts! Dieser Mann hier hat für uns Expertisen ausgestellt.«

»Expertisen, Paolo?«

Schhhhhphhh.

»Sieh mal an, Giacomo! Jetzt klingt’s schon viel besser. Ich glaube, du hast die richtige Mischung gefunden.«

»Dann kann ich ja jetzt eine Expertise ausstellen.«

»Du sollst dabei allerdings keine Fehler machen.«

»Was hat der Typ hier für Fehler gemacht, Paolo?«

»Es geht um Geschäfte, Giacomo. Immer um Geschäfte. Und deswegen muss ich jetzt auch los.«

»Nach Bayern.«

»Richtig, Giacomo, nach Bayern.«

»Kann man da gute Geschäfte machen, in Bayern?« »Oh ja, Giacomo. Du würdest dich wundern.«

3 | 01:30

»Pfiat di, Bürgermeister«, sagte Helga Dürnbichler, strahlte ihn an und kontrollierte ihre Uhr.

»Pfiat di, Helga!«, erwiderte der knurrige Bär von einem Mann und schob seine über Weihnachten wieder ein Stück gewachsene Senkbrust vor sich aus dem Haus. Er war kein Mann großer Worte, so lange er nicht auf einer Bühne stand, um eine Rede zu halten. Da allerdings war er kaum zu bremsen und baute Kunstpausen derart ausufernd ein, dass das Publikum ihm begeistert an den Lippen hing. Glaubte er. Tatsächlich liefen Wetten wegen seiner Aussetzer. Keiner hörte zu, alle zählten mit.

Ling-ding Dao und Dong Chiuwah standen draußen im Hof, sie hatten sich dick eingepackt, auch wenn es erstaunlich warm für diese Jahreszeit war. Auch mit ihren Schals und Mützen waren sie noch überaus attraktiv, zwei wunderschöne, makellose junge Frauen. Vor einer Weile hatten sie den Landtagsabgeordneten Haderlein verabschiedet. Heute war der 12. Februar, so etwas Ähnliches wie Winter. Richtige Winter gab es hier ja schon lange nicht mehr.

Ling-ding Dao und Dong Chiuwah störte das durchaus nicht. Sie genossen die Nachtluft draußen vor der Tür, surften auf ihren Smartphones, rauchten eine Zigarette, die sie mit ihren zarten Fingern ganz hinten, genau am Übergang vom Filter zum Tabak, hielten. Jedesmal, wenn sie den papstwahlgeeigneten, weiß-grauen Rauch in den klaren und noch pechschwarzen Morgenhimmel bliesen, legten sie den Kopf genüsslich in den Nacken. Ling-ding Dao und Dong Chiuwah hatten heute eh nichts mehr vor, daheim wartete niemand auf sie.

Helga Dürnbichler nahm die beiden durchs alpenländische Sprossenfenster im fahlen Licht der Hoflampe wahr und winkte ihnen zu. Und die beiden winkten freundlich lächelnd zurück.

Diese Fenster hatten schon für viel Gesprächsstoff in der Gemeinde gesorgt. Der ganze Hof war gebaut wie eine Bergalm, und das passte eigentlich überhaupt nicht nach Hudlhub, und auch nicht in den Gemeindeteil Gailing. Heutzutage wäre so etwas überhaupt nicht mehr genehmigungsfähig. Denn das Hudlhubber Land war zwar ziemlich hügelig, vom Voralpenland aber doch ein gutes Stück entfernt.

Die Alm hatte natürlich eine Vorgeschichte: Die Großmutter ihres verstorbenen Mannes hatte einst einen echten Senner kennengelernt. Und der hatte versprochen, dass er sich brav um alle Liegenschaften der Familie in Gailing kümmern werde, aber nur, wenn er ein Stück Heimat mitbringen dürfe. Weil er ein lieber Kerl war, willigte die Großmutter ein. So durfte der Senner in die Familie einheiraten, und er stellte eine blitzsaubere Alm hin. Aus dicken Balken, mit einem Schindeldach, mit Schnitzereien und allem Drum und Dran.

Ling-ding Dao und Dong Chiuwah winkten freundlich lächelnd zurück. Auch sie mochten Helga. Man musste sie einfach gern haben. Deshalb machte es ihnen auch nichts aus, dass es heute womöglich etwas länger gehen würde als sonst.

Der neue Gast, der sich unter dem Namen Traugott Foss eingetragen hatte, war zum ersten Mal da, und einen neuen Freund gewinnt man nicht, wenn man ihn beim ersten Mal rauswirft. Ling-ding Dao und Dong Chiuwah wussten, worauf es ankam, Helga Dürnbichler auch.

Klar, ein Unternehmen erfolgreich zu führen, war schließlich kein Pappenstiel. Das erforderte die ganze Frau. Da konnte man sich nicht mal eben nebenbei hinstellen, ein paar Telefonate führen und darauf setzen, dass der Rest von ganz allein lief. Man muss sich die Menschen schon anschauen, sie und ihre Bedürfnisse verstehen, dann klappt’s auch mit dem Nachbarn.

Also übte sie sich wie schon in so vielen Nächten zuvor in Geduld, zupfte noch einmal das Schleifchen an Su Meis Küchelchen zurecht, kontrollierte zwischendurch im Spieglein an der Wand den perfekten Sitz ihrer pfiffigen Frisur und perfektionierte anschließend die Kanten des kleinen Stapels Visitenkarten, die sie ihren Gästen bisweilen für den Heimweg mitgab.

Dann erstarrte sie zur Salzsäule.

Der gellende Schrei erfüllte das ganze Haus. Kein Zweifel, er kam aus dem Tausendundeinenachtharem.

Helga Dürnbichler fackelte nicht lange, griff nach ihrem nagelneuen Smartphone und rannte, so behände sie um diese Zeit noch konnte, los, vorbei an der Las-Vegas-Honeymoonsuite, am Auf-der-Almda-gibt’s-koa-Sünd-Kammerl, vorbei am russischen Lederkeller, an der Käptn-Hook-Kajüte, am Krankenschwestern-Raum und am Grönland-Iglu. Kaum zu glauben, dass das alles hier einmal ein stinknormaler Schweinestall gewesen war.

Vor der Tausendundeinenachtharemstür blieb Helga Dümbichler stehen. Der Orangensaft stand noch unangetastet auf der Kommode. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Helga Dürnbichler sah, wie die zierliche Su Mei gerade dabei war, sich von der Last des bewegungslosen Mannes zu befreien, der sie fast vollständig bedeckte. Sie fackelte nicht lang und packte mit an, bis sich Su Mei mühsam unter ihm herausgewunden hatte.

Helga Dürnbichler schloss sie direkt in die Arme.

»Su Mei«, sagte sie, so ruhig, so mütterlich, wie es ihre Art war. »Su Mei, bist du in Ordnung?«

»Del Mann!«, krächzte Su Mei. Vor lauter Schreck brachte sie kaum einen Ton heraus, deutete nur auf das Bett, wo Traugott Foss regungslos bäuchlings mit gespreizten Beinen das rubinrote Seidenlaken bedeckte. Helga Dürnbichler konnte erkennen, was sich zwischen seinen Beinen befand, das nötigte ihr Respekt ab. Sie nickte anerkennend.

»Ist er ...?«, fragte sie, und Su Mei machte mit dem Kopf eine Bewegung, die Helga Dürnbichler bedeutete, dass Traugott Foss definitiv kein Stammkunde für ihren Club werden würde. Seufzend aktivierte sie ihr Smartphone und wählte die 112. Auch wenn das hier mutmaßlich kein Notfall mehr war.

Su Mei zog sich etwas über, Helga Dürnbichler legte ihr noch einen dicken Wollmantel über die Schultern und führte sie zu den anderen in den Hof. Die beiden Freundinnen nahmen sich ihrer liebevoll an.

Der gellende Schrei hatte sie nicht sonderlich erschreckt. War ja nicht das erste Mal, dass hier jemand unerwartet laute Laute von sich gab. Die asiatischen Fachkräfte hatten die Ruhe weg, wusste Helga Dürnbichler.

Zen und so.

Sie selbst kehrte in den Tausendundeinenachtharem zurück, nahm ein Papiertuch aus der Box vom Nachttisch, wickelte es um die rechte Hand und griff Traugott Foss in die Sakkotasche. Sie fand ein paar korrekt zusammengefaltete Din-A4-Blätter und eine korrekt-unscheinbare Geldbörse, schmal und abgegriffen. Viel war nicht drin, abgesehen von drei Hundertern, zwei Fuchzigern und einem Zwanziger.

Den Zwanziger und einen Hunderter für die Glaubwürdigkeit ließ sie ihm, der Rest verschwand mit einer geschickten Handbewegung auf Nimmerwiedersehen. Für die Auslagen und den Umsatzausfall. Man muss ja sehen, wo man bleibt, dachte Helga Dürnbichler.

Dann fand sie Traugott Foss’ Visitenkarte.

»Oh Gott!«, sagte Helga Dürnbichler. Das Design seiner Visitenkarte ließ keinen Zweifel aufkommen: Dieser Mann hier war ganz offensichtlich ein Geistlicher. Traugott Foss wohnte auch nicht in Augsburg, sondern direkt in Rom.

Die zusammengefalteten Zettel aus der Jackentasche enthielten Namen und Adressen. Deutsche, Österreicher und Italiener. Zumindest auf den ersten Blick, Helga Dürnbichler hatte nicht die Muße, alles ganz genau zu lesen. Nur noch dies: »Fondazione Rotonda Tiberiana« stand obendrüber.

Fondazione Rotonda Tiberiana.

Was sollte das denn sein? Fondazione, das war eine Stiftung, da war sich Helga Dürnbichler sicher.

»Tiberiana«. Rom lag am Tiber. Eine tiberianische Rotonda. Irgendwas Rundes. Eine Runde. Ein Zigarrenclub. Ein Grappaverein vielleicht? Oder am Ende was mit der Mafia?

Helga Dürnbichler holte ihr Smartphone heraus und fotografierte die Blätter ab. Es schien sich um mehrere Kopien derselben Liste zu handeln. Sie faltete sie korrekt wieder zusammen und steckte sie in die korrekte Jackentasche des korrekten Toten zurück. Ihre Fingerspitzen wurden dabei durch das Kosmetiktuch vom direkten Kontakt mit dem Papier getrennt.

Fondazione Rotonda Tiberiana.

Vielleicht war das ja auch so etwas wie eine Kirchenstiftung, die sakrale Bauwerke instandsetzte, ein Kirchenverschönerungsverein? Und dieser Traugott Foss war ein Wohltäter, der der Nachwelt Schätze der Vergangenheit bewahrte. So was in der Art.

Oder er war Mitglied einer Vereinigung wie die Illuminati. Helga Dürnbichler hatte in Ingolstadt, wenige Kilometer von Hudlhub entfernt, schon einmal an einer Führung teilgenommen. Die Illuminati waren ja seinerzeit genau dort begründet worden, von einem gewissen Adam Weishaupt.

Das allerdings würde Ärger bedeuten. So richtig Ärger. »Ein Geheimbund«, murmelte sie, »das wär ja ein ... Sakrileg ...«

4 | 05:12

Haderlein hatte es geschafft. Er saß im Zug nach Berlin. Überraschend pünktlich hatte der ICE am Ingolstädter Hauptbahnhof Halt gemacht. Um 4.55 Uhr, mit gerade zwei Minuten Verspätung.

Es war nicht das erste Mal, dass Haderlein einen Bundespräsidenten wählen durfte. Auch damals war er mit dabei, als die Kanzlerin unbedingt und mit aller Gewalt ihren bevorzugten Staatsmanndarsteller durchdrücken wollte. Was für ein jämmerlicher Akt das war! Das fand sogar Ludwig Haderlein, der von seiner Grundeinstellung her garantiert kein Linker ist.

Das Volk wollte damals einen anderen, aber die Kanzlerin wollte ihn nicht. Die Bundesversammlung wollte am Ende, was die Kanzlerin wollte, aber nicht ohne ihr zu zeigen, dass sie eigentlich schon etwas anderes gewollt hätte.

Es kam, wie es kommen musste: Als das Ergebnis des Unterlegenen genannt wurde, gab es nicht den Hauch einer Regung im Kanzlerinnenlager. Nicht einmal eine höfliche Respektbezeugung, stattdessen versteinerte Mienen. Wie peinlich für die Regierenden, dass der Unterlegene seinerseits dem Gewinner sehr wohl respektvoll applaudierte und auch herzlich gratulierte.

Selbst Haderlein war das zu schmutzig gewesen. Und Haderlein war auf dem politischen Feld eines garantiert nicht: ein Kind von Traurigkeit.

Aber am Ende bekam das Volk den damals Unterlegenen dann ja doch noch, und er hatte seine Sache, wie sich im Nachhinein zeigte, auch nicht schlecht gemacht, fand Haderlein. Aber das war alles schon wieder lange her. Nun also würde er ein weiteres Mal bei einer Bundespräsidentenwahl dabei sein. Das gefiel ihm.

Die Nacht war etwas kurz gewesen, vielleicht hätte der Abstecher nach Gailing heute nicht unbedingt sein müssen.

»Was soll’s«, dachte Haderlein, »man lebt nur einmal.« Er schielte kurz zu seinem Mitfahrer rüber, als hätte der seine Gedanken entlarvt. Zugegeben: Sein Gehirn fühlte sich etwas sämig an, ein wenig übernächtigt war er tatsächlich.

Der Mitfahrer, das war Ferdinand Adler, ebenfalls ein Hudlhubber. Auch er war in die Bundesversammlung berufen worden, auch er durfte den Bundespräsidenten mitwählen, obwohl er dem Landtag nicht angehörte. Aber Ferdy Adler war seit vielen Jahren Delegierter, engagierte sich überregional für die gemeinsame Sache, und weil die Grippewelle in diesem ausgesprochen virenreichen Winter den eigentlichen Delegierten und auch noch dessen Stellvertreter niedergestreckt hatte, durfte er einspringen.

Viren konnten Ferdy Adler nichts anhaben.

Er war nämlich nicht nur Geschichtslehrer an der Realschule in der benachbarten lebenswertesten Stadt des Universums, sondern vor allem auch Schamane. Einem, der mit ihr im Einklang lebte, legt die Natur kein Ei. Wäre ja auch noch schöner.

Auch diesen Tag hatte Ferdy Adler mit einem rituellen Morgengruß begonnen. So stimmten er und die Natur sich aufeinander ein. Dann hatte er sich die Augen verbunden und war ein wenig im Wald spazieren gegangen.

Er spürte, wenn Bäume kamen, an manchen ging er vorbei, andere umarmte er, denn wie die Pflanzen ihre Kraft in die Wurzeln zurückziehen, nahm er, was er nehmen, und gab, was er geben konnte. Ehe er umkehrte, rief er noch ebenfalls wie jeden Morgen die Himmelsrichtungen, bis ihn die Kraft des Nordens erreicht hatte. So im Einklang mit allem war er Teil von allem.

Aber eben nicht Teil von lästigen Viren.

Ludwig Haderlein hatte Ferdy Adler angeboten, gemeinsam in die Hauptstadt zu reisen, schließlich kannte er sich dort aus und der schamanische Lehrer nicht. Sie waren froh, dass sie nun im ICE saßen, und dass diesmal die Neigetechnik funktionierte. Mit etwas Glück würden sie es pünktlich nach Berlin schaffen, na, wer sagt’s denn.

In Hudlhub sagte um diese Zeit noch niemand etwas.

Nicht einmal Luigi, der stolze, italienische Gockel von Resi Meiers Hof drüben in der Eichenstraße. Ganz kurz hatte er mal mit dem Kopf gewackelt, als das Taxi mit Haderlein und Adler durch den Ort tuckerte er erkannte messerscharf, dass dieser Radau nichts mit seinen Hühnern zu tun hatte, und träumte ganz einfach weiter. Von den Hühnern natürlich.

5 | 05:14

»Dann zeigen Sie uns mal, wo Sie den Toten gefunden haben, Frau Dürnbichler.« Die Polizei war da.

»Gerne, Herr Wachtmeister. Gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Das war vielleicht ein Schreck.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Wachtmeister Leo Preckel kannte solche Situationen. Wenn man das nicht gewöhnt war, konnte einem der Anblick eines Toten schon die Füße wegziehen. Der hier allerdings sah eher unspektakulär aus. Ein Herr in den besten Jahren lag bäuchlings auf einer medizinischen Behandlungsliege. Offensichtlich war ihm der Rücken massiert worden.

Er trug eine Jogginghose und weiße Tennissocken, von der Hüfte abwärts war er mit einem Handtuch abgedeckt. Das Gesicht steckte in dem dafür vorgesehenen Loch, damit der Kopf entspannt gerade liegen und man dennoch weiteratmen kann.

Dieser Mann sah nicht aus wie ein Toter, sondern wie ein Patient, der bei der Massage ganz einfach eingeschlafen war. Leo Preckel dachte kurz nach, er konnte mittlerweile auf einen bemerkenswerten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Gerade hatten ihm seine Kollegen zum 40. Geburtstag eine Art Maibaum in den Garten gestellt, mit lauter versteckten Hinweisen auf die vielen Fälle, die er schon gelöst hatte.

Das hier sah nicht nach einem Fall aus; er fragte sich vielmehr, was er hier überhaupt sollte. Das war etwas für einen Arzt, der einen Totenschein ausstellen würde, oder vielleicht noch fürs Gewerbeaufsichtsamt. Aber nichts für die Polizei.

»Sie, Frau Dürnbichler, wieso behandeln Sie eigentlich sonntagmorgens Patienten haben Sie denn bei der Gemeinde eine Ausnahmegenehmigung für Nachtarbeit beantragt?«, fragte Preckel pflichtgemäß. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, er hätte irgendwie geschlampert.

»Du meine Güte, nein!«, rief Helga Dürnbichler eine Prise zu entsetzt. »Das muss ich vergessen haben, wie konnte mir das nur passieren? Aber wissen S’, Herr Wachtmeister, das war wirklich ein Notfall. Der Mann hatte angerufen, und er klang furchtbar. Und ich habe ja so gutes Personal...«

»Sie betreiben hier also eine Praxis für Krankengymnastik, Frau Dürnbichler?«, fragte Preckel. Er entschied, zunächst auf der offiziellen Schiene zu bleiben. Natürlich hatte er schon von Helga gehört. Aber nachdem es nie Klagen über sie gab, hatte die Polizei auch keinen Grund, einzuschreiten.

»Nicht ganz, Herr Oberwachtmeister«, antwortete Helga Dürnbichler. »Sie befinden sich hier in meiner Wellnessoase. Aber ich habe so gut ausgebildete Mitarbeiterinnen, dass man eben auch einmal etwas fester massiert, wenn es den Patienten gut tut.«

»Mit happy ending?« Verdammt. Jetzt war es ihm doch rausgerutscht.

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Herr Kommissar, ich kann leider kein... war das Englisch?« Sie konnte ja so was von naiv schauen.

»Nicht so wichtig Frau Dürnbichler. Und haben Sie schon einen Arzt angefordert, um den Totenschein auszustellen?«

»Aber nein, Herr Oberkommissar, ich dachte, das machen Sie. Ich hatte bisher keine Erfahrung mit Toten, seit damals mein Mann, wissen S’ schon... er ist viel zu früh gegangen. Aber meine Gäste verlassen uns sonst immer entspannt, erholt und gesund auf zwei Beinen, Herr Hauptkommissar.«

»Kein Problem, Frau Dürnbichler, wir veranlassen das gleich.« Und er nickte kurz seinem Kollegen zu, der griff sofort zum Funkgerät.

Preckel ließ den Blick durch den Raum streifen. Wie eine Wellnesspraxis sah der Raum eigentlich nicht aus, da fehlte es an den typischen Farben, braun, gelb oder auch grün. Keine Buddhas, keine Klangschalen, das war schon alles sehr steril. Eher wie im Krankenhaus. Naja, aber das war ja kein Verbrechen, dachte Preckel.

»Arzt ist unterwegs!«, meldete der Kollege.

»Danke«, sagte Preckel und wandte sich wieder Helga Dürnbidhler zu. »Und wie genau ist das nun passiert?«

»Mei, Herr Chefkommissar, er ist halt massiert worden, und dann hat er kurz aufgeschrien, und dann lag er plötzlich tot da.«

»Waren Sie dabei?«

»Nein, meine Mitarbeiterin, Su Mei.«

»Kann ich sie mal sprechen?«

»Sie steht unter Schock, Herr Hauptwachtmeister, sie ist hinten in meiner Küche und weint.«

»Dann lassen wir ihr noch ein paar Minuten«, nickte Preckel verständnisvoll. »Kannten Sie den Toten?«

»Nicht persönlich, Herr Meisterkommissar, er war zum ersten Mal da, aber er hat so nett geklungen, am Telefon, und ich sei ihm empfohlen worden, und er habe solche Schmerzen da habe ich halt eine Ausnahme für ihn gemacht, gell, das verstehen Sie doch, Herr Oberermittler.«

»Mein Name ist übrigens Preckel. Es reicht völlig, wenn Sie mich mit meinem Namen ansprechen, Frau Dürnbichler.«

»Oh, Herr Preckel, wie wunderbar. Natürlich, Herr Preckel. Sehr gern!«

»Wissen Sie denn den Namen des Toten?«

»Des Toten, Herr Ober ... Herr Preckel... aber natürlich. Er heißt Traugott Foss. Hier ist seine Karte.«

»Ein Kirchenmann?«, fragte Preckel. Er musste nur einen kurzen Blick auf die Karte werfen.

»Es sieht so aus.«

»Dann ist das womöglich doch ein Fall für die Polizei. Frau Dürnbichler. Es war doch gut, dass Sie uns gerufen haben.«

»Danke, Herr Ober ...«

6 | 05:44

Der Herr Pfarrer war schon auf.

Er liebte es, vor dem Frühstück einmal durch seine Kirche zu gehen diese wunderbare, nicht fassbare Stille -, und wie so oft rechnete er auch an diesem Morgen fest damit, dass das Hauptportal wie von Geisterhand aufgehen und eine Klosterschwester herein schweben würde, wie damals bei den »Blues Brothers«, als sich Elwood und Jake ihren göttlichen Auftrag abholten. Sie nannten die Klosterschwester Pinguin, erinnerte sich der Herr Pfarrer, und er mühte sich redlich, bei dem Gedanken nicht zu grinsen.

Das schickt sich schließlich nicht für einen Geistlichen. Ein klein wenig lustig war’s in dem Zusammenhang eigentlich schon, wie er insgeheim zugeben musste.

Ein ganz klitzekleines bisschen.

Dann riss er sich zusammen und er hörte besonders genau hin, um angesichts solch unschicklicher Gedanken die Stimme seines Herrn nicht zu verpassen, die für ihn klang wie die in den Don-Camillo-Filmen. Ernst Kuhr hieß der Synchronsprecher, dem diese Stimme geschenkt worden war.

Gerade wandte sich der Herr nicht an ihn, es blieb alles ruhig.

Der Pfarrer sah sich um. Seine Bewegungen waren nicht gleitend und elegant, sondern eher ein bisschen steif, eigentlich wirkte er viel zu alt für einen Mann seines Alters, hoch aufgeschossen und schlank obendrein. Allerdings hatte er sich über die Jahre eine leicht vorwärts gebeugte Haltung angewöhnt, sie war Teil seines Wesens geworden.

Nach einem großen Brand in der Sakristei an Fronleichnam war alles wieder vollständig hergestellt.

Bald ein Jahr war das her. Um ein Haar wäre er in den Flammen umgekommen. Es war Charlie vom Feuerwehrtrupp von Hudlhub, der ihm mit einem gleichermaßen verrückten wie heroischen Akt das Leben gerettet hatte.

Inzwischen waren das nur noch Erinnerungen, eher wie aus einem Film als real. Der Pfarrer war manchmal gar nicht ganz sicher, ob er das wirklich erlebt oder ob er das alles nur geträumt hatte.

Das Handy klingelte. Um diese Zeit? Diese Nummer kannte er. Eines seiner Schäftein, in die Jahre gekommen und bedürftig. Der Pfarrer atmete kurz tief durch, dann ging er ran.

»Ja?«

»Herr Pfarrer, sind Sie das? Ich möchte ja nachher so gern in den Sonntagsgottesdienst gehen, aber wissen Sie was, Herr Pfarrer, ich muss Ihnen da etwas erzählen ...«

»Gute Frau, halten Sie ein, heute ist doch keine Sonntagsme ...«

»... weil es ist nämlich so, Herr Pfarrer. Gestern, da bin ich nämlich ...«

Der Pfarrer wusste, dass er keine Chance haben würde, jetzt noch einmal zu Wort zu kommen. Nicht bei dieser Dame, einer ehemaligen Friseurin, die stramm gen Neunzig marschierte. Ihre Friseurstube hatte sie noch immer, und sie sah noch genauso aus wie vor 50 Jahren. Ein sanftes Lächeln legte sich in sein Gesicht, er erinnerte sich an ein früheres Telefonat mit der Dame am Festnetztelefon.

Als er eine Weile nicht zu Wort gekommen war, hatte er sich einfach in sein Auto gesetzt und war zu ihr hingefahren, sie wohnte etwa sechs Minuten vom Pfarrhaus entfernt. Dann war er ausgestiegen, hatte seine Sachen sauber zurechtgezupft, geklopft, die Tür war offen, und dann war er zu ihr in die Küche gegangen.

»... und ich kann mich einfach nicht daran erinnern, dass ich mein Gewand ins Bad getan hätte ... und wissen S’ was, Herr Pfarrer, es war dann am Abend einfach nicht mehr da. Sie, Herr Pfarrer, das ist doch ein Zeichen, nicht wahr? Da will mir doch jemand ...«

Und da war sie gesessen, in ihrem Kittel am Küchentisch, Kaffeetasse und Knabbergebäck vor ihr, das Telefon in der Hand und überhaupt nicht bemerkend, dass der Pfarrer in diesen Minuten während der Fahrt kein einziges Wort gesprochen hatte. Der Pfarrer hatte dann noch einmal an den Türrahmen geklopft, die Friseurin schaute auf und bedeutete ihm einfach mit ihm weiter telefonierend ungerührt, dass er doch reinkommen und sich setzen möge.

Dann nahm sie das Telefon vom Ohr, starrte es ungläubig an, starrte ihn ungläubig an und sagte: »Ja, Herr Pfarrer, das ist ja jetzt ein Wunder, oder? Gerade habe ich mit Ihnen geredet und jetzt sind Sie da!«

»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, hatte Hochwürden mit einem milden Lächeln geantwortet.

»Aua!«

Jetzt war ihm doch tatsächlich das Handy aus der Hand geglitten und zielsicher so was von genau auf dem kleinen Zeh gelandet. Das tat vielleicht weh. Da hatte er doch tatsächlich vergessen, vor seinem frühmorgendlichen Kirchgang Socken und Schuhe anzuziehen, an diesem 12. Februar. Drum hatte er so kalte Füße.

Der Pfarrer sog vor Schmerz zischend Luft durch die Zähne. Er bückte sich, um den Zeh zu reiben, während es aus dem Telefon munter weitersprudelte.

»Und Sie glauben ja nicht, Herr Pfarrer, was ich dann heute Morgen hier in meinem Bad ...«

»Doch, glaube ich, gute Frau«, stöhnte er, immer noch ungelenk gebückt ins noch am Boden liegende Smartphone, »ich glaube nämlich ...«

»Sehen Sie, Herr Pfarrer, und ich glaube ja auch! Aber Sie werden nicht glauben, wie mein Glaube an diesem Morgen geprü ...«

Der Schmerz im kleinen Zeh ließ langsam wieder nach. Ganz schön hart, so ein Smartphone, wenn es auf die falsche Stelle knallt. Der Pfarrer griff nach dem brabbelnden Telefon, hob es auf, richtete sich auf und rammte sich dabei den Holzhaken in die Hüfte, der seitlich an der Kirchenbank angebracht war. An Fronleichnam wurde hier der Himmel verankert.

»Aua!«

Jetzt schrie der Pfarrer auf, hielt sich instinktiv mit der Hand die lädierte Stelle und ließ das Smartphone erneut fallen. Klar, wo es landete. Immer auf der gleichen Stelle. Der Pfarrer spürte, wie die Hüfte und der kleine Zeh gleichzeitig im Takt pochten. Wie viel Pech kann ein Mensch haben?

»Gell, Herr Pfarrer, Glaube tut manchmal weh!«, hörte er vom Boden aus das Smartphone sagen. Wenigstens war das Display noch ganz. »Und Sie werden verstehen, dass ich mich jetzt auf die Suche nach meinen Sachen ... und deshalb kann ich heute nicht zu Ihrer Sonntagsmesse...«

»Sie ... Frau... äh... ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, dass heute keine Sonntagsmesse ist, weil das Bistum ...«

»Ja, Herr Pfarrer, so ist das. Dann wünsche ich Ihnen also eine schöne Sonntagsmesse, auch wenn ich heute ausnahmsweise nicht dabei bin.« Klack.

Der Pfarrer stöhnte, und er war nicht sicher, ob er stöhnte, weil er die Dame los war oder weil der Zeh immer noch pochte. Er dehnte sich kurz und atmete tief durch, bis der Schmerz weg war. Manchmal, da lässt das Leben dann doch Fragen offen.

Und eine Frage gab es ja tatsächlich, die ihn immer wieder umtrieb, und die war (nicht nur) für Hochwürden bis heute unbeantwortet geblieben: Warum um alles in der Welt hatte die Feuerwehr damals, am Tag jenes großen Brandes, kein Löschwasser? Warum war kein Druck auf der Leitung, als die Einsatzkräfte am Kirchplatz standen und dem Feuer in der Sakristei den Garaus machen wollten?

Was für eine himmlische Fügung, dass genau zum richtigen Zeitpunkt ein gigantischer Platzregen über dem Kirchplatz niederging, der den Flammen keine Chance ließ!

Alle Hydranten am Kirchplatz waren im Nachhinein mehrfach überprüft worden, eine Leitungssonde wurde eingesetzt, über ein Kilometer Rohrleitung untersucht ohne Befund. Niemand hatte eine Erklärung für dieses technische Versagen. Bis heute nicht.

Alle in Hudlhub waren sie ahnungslos.

Sogar derjenige, der schuld gewesen war an der Misere: Ludwig Haderlein. Der hatte nämlich vor Jahren schon die einzige Wasserleitung, die nach Hudlhub führte, angezapft, um so seine geheime Testbierbrauerei zu speisen. Ausschließlich, um keine große bürokratische Sache draus zu machen, versteht sich. Die paar hundert Kubikmeter Wasser standen schließlich in keinem Verhältnis zu all den selbstlosen Beiträgen, die er für die Gesellschaft und das Gemeinwohl einbrachte. Also bitte.

Jedenfalls hatte er ausgerechnet an jenem Fronleichnams tag, an dem die Kirche Zur Heiligen Mutter Gottes Verkündigung brannte, nichtsahnend einen Brauvorgang eingeleitet und ließ der Feuerwehr vorübergehend kein Wasser zum Löschen übrig.

Denn Haderlein hatte einen großen Traum: Er wollte die Menschheit mit dem gesündesten Bier der Welt beschenken. Dazu bedurfte es nicht nur gehöriger Investitionen und zahlreicher Experimente, sondern eben auch der Unterstützung der Allgemeinheit. Haderlein fand das folgerichtig und keineswegs dreist oder gar unverschämt. Denn das gesunde Bier würde ja später ebenfalls der Allgemeinheit zugutekommen.

Hochwürden war jedenfalls froh, dass inzwischen alles wieder halbwegs im Lot war.

Noch einmal sah er sich in seiner Kirche um, dann sprach er ein kurzes Gebet, lauschte, ob Gott ihm mit der Don-Camillo-Filmstimme etwas sagen wollte (das war heute nicht der Fall), dann ging er zurück ins Pfarrhaus. Immer noch barfuß.

Zeit fürs Frühstück.

Dachte er. Und für Socken. Der kleine Zeh war ganz rot.

Dann vibrierte sein Smartphone, eine SMS. »Werter Herr Pfarrer, ich erlaube mir, Ihnen für heute gegen 11 Uhr den Besuch unseres neuen Generalvikars anzukündigen. Gez. Vorzimmer Dr. Dr. Höllenmeier.«

Wie bitte? Der Generalvikar kam nach Hudlhub? Das hatte es ja noch nie gegeben! 100 Gedanken gleichzeitig schossen dem Pfarrer durch den Kopf, es gelang ihm nicht, sie zu sortieren.

Fast im selben Augenblick klingelte das Telefon.

Em Toter in Gailing. Vermutlich ein Priester. Ob der Herr Pfarrer nicht kommen und ein Gebet sprechen könnte.

Der Pfarrer seufzte.

Dieser Tag ging ja gut los. Er riss ein Blatt vom Zettelblock und schrieb eine Nachricht an seine Haushälterin, dass heute Mittag mit Besuch vom Generalvikar zu rechnen sei, und ob sie nicht eine etwas größere Portion vorbereiten könne.

Er riss den Zettel ab, klebte ihn an die Küchentür des Pfarrhauses, holte sich ein paar Socken, zog sie an, schlüpfte in bequeme schwarze Schuhe, setzte sich sein Don-Camillo-Käppchen auf, das er so sehr liebte, strich sein Hemd glatt, zog sich einen Mantel an, richtete den Kragen, nahm die Auto schlüssel und machte sich auf den Weg zu Helga Dürnbichler.

7 | 05:55

Als Charlie erwachte, hatte der Wecker noch nicht geklingelt. Sonntagsmodus. Normalerweise waren sie um diese Zeit längst auf.

Steffi hatte sich an ihn gekuschelt ihre Hand lag auf seiner Brust, sie grunzte ein wenig. Naja, sie seufzgrunzte. Naja, oder so ähnlich.

Charlie wusste nicht so genau, wie das richtige Wort dafür war, wenn eine Frau sich an einen kuschelt und ein entspanntes, zufriedenes Seufzgrunzen von sich gibt.

Mit einem leichten Schmatz schmachten dazu.

Naja, eigentlich auch kein Schmatzen, er mochte es nämlich gar nicht, wenn jemand schmatzte, und das hier, das mochte er sehr wohl. Irgendwie war es schon ein Schmatzen. Ein Schmachtschmatzen eben. Mit Seufzgrunzen.

Jedenfalls fand er das schön.

Vorsichtig wagte Charlie einen Blick auf sein Schrittzählerarmband. Eine leichte Bewegung, und das Display zeigte die Zeit an. Fünfuhrfünfundfünfzig. Noch fünf Minuten, dann würde der Wecker bimmeln.

Naja, genau genommen nicht, er hatte nur eine Wecker-App, die so tat, als wäre sie ein Wecker. Und auf dem Display hüpfte dann auch eine Vektorgrafik eines altertümlich anmutenden Blechdingens aus grauer Vorzeit auf einem nicht minder altertümlichen Nachttisch hin und her, bis es, wenn man die Bildschirmsperre entriegelte und noch rechtzeitig auf die Schellen tippte, vom Nachttisch stürzte und in tausend Teile zerbarst.

Am nächsten Morgen war dann, oh Wunder, alles wieder ganz. Als wäre all das nie passiert.