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Reisen durch Europas Bierwelt Viele tausend verschiedene Biere gibt es in Deutschland zu verkosten - und noch viele tausend weitere in der ganzen Welt. Eine breite Palette faszinierender Geschmackserlebnisse - Geschmackserlebnisse, die Volker R. Quante auf die Bierpirsch gehen lassen. Seine Erfahrungen sammelt er seit Jahren in einem Blog, Highlights seiner Bierreisen legt er nun erstmals in einem Buch vor. Volker R. Quante, der selbsternannte "Chief Beer Officer", testet für sein Leben gerne Bier und hilft mit qualifiziertem Urteil dem deutschen Bierliebhaber, Entscheidungshilfen im Dschungel der Biersorten zu erhalten. Und mit diesem "Bierreiseführer" kann der Leser auch selbst auf die Pirsch nach Kleinstbrauereien, Craftbierläden und anderen Orten gehen, wo interessante Biere zu entdecken sind.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Quante Bier vor Ort
Volker R. Quante
Bier vor Ort
Reisen in Europas Bierwelt
© 2016 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung der
Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Umschlag: Thorsten Hartmann
Fotos und Umschlagfoto: Volker R. Quante
ISBN 978-3-944369-63-1
eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net
Inhalt
Vorbemerkung
Baden-Württemberg
Andreasbräu, Eggenstein-Leopoldshafen
Brauhaus »Zum Sternen«, Hambrücken
Bayern
Berghof Babel, Wald
BernardiBräu, Rettenberg
Brauerei im Eiswerk, München
Giesinger Biermanufaktur, München
Imbiss-Kiosk Laguz, Nürnberg
Neumarkter Lammsbräu, Neumarkt
Privatbrauerei Märkl, Freudenberg
Urban Chestnut Brewing Company, Wolnzach
Berlin
Bierbar Herman, Berlin
Bierlieb, Berlin
Flessa-Bräu, Berlin
Heidenpeters Brauerei, Berlin
Circus Hostel Brewing, Berlin
Brandenburg
Lido, Senftenberg
Hamburg
Braugasthaus Altes Mädchen, Hamburg
Bierland, Hamburg
Buddelship Brauerei, Hamburg
Galopper des Jahres, Hamburg
Schankwirtschaft, Hamburg
Hessen
BrauStil, Frankfurt
Niedersachsen
Craft Bier Bar, Hannover
Nordrhein-Westfalen
Altes Gasthaus Leve, Münster
Brauerei Kürzer, Düsseldorf
Uerige Obergärige Hausbrauerei, Düsseldorf
Rheinland-Pfalz
Ottersheimer Bärenbräu, Ottersheim
Sachsen
Frenzel-Bräu, Bautzen
Hausbrauerei Schiller, Coswig-Neusörnewitz
Weltenbummler, Berggießhübel
Sachsen-Anhalt
Wasserburg zu Gommern, Gommern
Thüringen
Michels Eichsfelder Braumanufaktur, Hüpstedt
Belgien
A la Bécasse, Brüssel
Brouwerij Cantillon, Brüssel
Le Corbeau, Brüssel
Huisbrouwerij De Halve Maan, Brügge
La Porte Noire, Brüssel
Finnland
Mallakosken Panimo, Seinäjoki
Panimoravintola Plevna, Tampere
Frankreich
ArtMalté, Annecy
La Grihète, Nyons
Großbritannien
Camden Town Brewery, London
London Fields Brewery, London
Island
Bruggsmiðjan, Árskógssandi
Brugghús Steðja, Borgarnes
Italien
Birrificio del Mugello i’B, Scarperia
Ma Che Siete Venuti A Fà, Rom
Open Baladin, Rom
Lettland
Alus Darbnĩca Labietis, Rīga
Callous Alus – Beerfox, Rīga
Niederlande
Stadsbrouwerij van Kollenburg, ’s-Hertogenbosch
Österreich
Stadl-Bräu, Berwang-Rinnen
Brauerei Gegenbauer, Wien
Polen
Browar Twigg, Kraków
Pracownia Piwa, Modlniczka
Ursa Maior, Uherce Mineralne
Wyszak Browar Rodzinny, Szczecin
Schweden
Malmö Brygghus, Malmö
Schweiz
Fischerstube, Basel
Tschechien
Sousedský Pivovar Bašta, Praha
Berounský Medvěd, Beroun
Pivovar Chomout, Chomoutov
Pivotéka Dobré Pivo, Uherské Hradiště
Illegal Beer, Praha
Modrá Hvězda, Dobřany
Monopol, Teplice
Pivovarský Dvůr – Hotel Purkmistr, Plzeň
Ukraine
Pivovarnia Stargorod – Пивоварня Старгород, Lemberg
Vorbemerkung
Vor rund zwanzig Jahren stand ich in einer norddeutschen Millionenstadt in einem Erlebnis-Getränkemarkt und bestaunte eine Auswahl an unterschiedlichen Bieren, die ich so bis dato noch nicht gesehen hatte. Und auf diese Art präsentiert schon gleich gar nicht. Eingebettet in ein buntes Sammelsurium von Ausstellungsstücken, deren Vielfalt es unmöglich macht, einen geeigneten Sammelbegriff dafür zu finden, sondern sich erstreckt von einer lebensgroßen Marilyn-Monroe-Puppe über einen auf Knopfdruck jodelnden, lederbehosten Teddybär bis zum absonderliche Geräusche von sich gebenden Pickup-Truck, standen und stehen bis heute Bierkisten, -kästen und -kartons und eine erkleckliche Anzahl von Einzelflaschen und -dosen in den Regalen. Neben den bekannten deutschen Fernsehbiermarken und vereinzelten Weißbierbeutestücken aus den südlichen Provinzen unserer Republik auch Flaschen aus aller Herren Länder. Bunte Etiketten und exotische Namen, die – wie ich später erfahren sollte – oft nur den enttäuschenden Inhalt attraktiv machen sollten oder die direkt, wie beim Rubbel Sexy Pils, auf die niederen Instinkte des Otto-Normal-Biertrinkers abzielten.
Hier, in diesem Erlebnis-Getränkemarkt, fasste ich den Entschluss, mich dem Thema Bier in Zukunft etwas systematischer zu widmen, Qualität vor Quantität zu stellen, studentischen Bräuchen und Trinksitten endgültig abzuschwören – und langsam, geradezu bedächtig, als hätte ich schon eine Ahnung, was daraus erwachsen könnte, begann ich, den Einkaufswagen zu beladen. Ob ich diese Ahnung wirklich schon hatte, oder ob ich nur eine Ahnung dieser Ahnung hatte, kann ich heute nicht mehr sagen, aber meine holde Ehefrau hatte diese Ahnung definitiv nicht, andernfalls sie mich nämlich am Oberarm gegriffen und nachdrücklich, notwendigenfalls auch laut zeternd aus dem besagten Erlebnis-Getränkemarkt gezogen oder geschoben hätte.
Ich lud also ein. Flasche um Flasche füllte den Einkaufswagen und der erste Schritt in die Systematik bestand darin, sorgfältig darauf zu achten, keine Flasche versehentlich doppelt einzuladen, der zweite hingegen darin, die Flaschen so zu verstauen, dass die angesichts der Größe der Auswahl doch begrenzte Fassungskapazität des Einkaufswagens bestmöglich genutzt wurde und kein unnötiger Totraum zwischen Flaschen unterschiedlicher Farbe, Form und Größe entstand. Wobei, dies sei zugegeben, die Farbe nur verhältnismäßig nachrangigen Einfluss auf diesen Totraum hatte.
Der Eigner des Erlebnis-Getränkemarkts war ein pfiffiger Mann. So hatte er nicht nur die Idee, überhaupt einen solchen zu eröffnen, sondern diesen auch schon damals – wir sprechen immerhin von den längst verflossenen, frühen Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ach was, Jahrtausends – mit einer bargeldlosen Kasse auszustatten, auf dass der Biereinkauf aber auch wirklich niemals daran scheitern möge, dass der allerletzte Hunni, wie man die damals gebräuchlichen, blassblauen Deutschmark-Scheine in ihrer beliebtesten Stückelung geradezu zärtlich zu nennen pflegte, Minuten zuvor schon von oben erwähnter holder Ehefrau für vordergründig unnötige Dinge wie Obst, Gemüse und Brot ausgegeben worden war.
Die Euroscheck-Karte, wie sie seinerzeit noch hieß, rutschte also durch das Kartenlesegerät und stolz schob ich meinen Einkaufswagen in Richtung Heimat, setzte mich vor meinen Computer, einen blitzschnellen 486er mit Windows 3.1 und einem Arbeitsspeicher von immerhin 4 Mbyte, und begann, meine neu erworbene Sammlung schriftlich zu erfassen. Einschließlich des dazugehörigen Geschmacks, wie sich von selbst erklärt, denn ein Bier, das nicht getrunken wird, sondern lediglich im Regal eines Sammlers sein Dasein fristen muss, hat seinen Beruf verfehlt.
Die Erfassung des Geschmacks setzte dem ehrgeizigen Treiben des ersten Abends rasch eine natürliche Grenze, aber dem ersten Abend folgten viele weitere und bald schon war der Erlebnis-Getränkemarkt kein Erlebnis mehr, sondern begann, trotz seiner zunächst unendlich erscheinenden Auswahl, durch Wiederholung zu langweilen. Und so wurde der Radius um das traute Heim, in dem die Bierdatenbank nur darauf wartete, mit immer neuen Bieren gefüttert zu werden, nach und nach immer größer und größer. Weitere Getränkemärkte kamen hinzu, Brauereien, Biergärten und Bierbars.
Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2016, und um in einem akzeptablen Rahmen zu bleiben und nicht wie die Brockhaus-Redaktion auf den Kunstgriff von 20 Bänden zu je etwa 2000 großformatigen und kleinbedruckten Seiten zurückgreifen zu müssen, ist ein Zeitsprung vonnöten. »Fasse Dich kurz!«, hieß es doch, die Zukunft dieses Buches schon vorausahnend, bereits in der Reklame der Deutschen Bundespost in den siebziger Jahren für ihre Telefondienste. Die, wie ich meine, einzige Reklame, die den Kunden bat, weniger statt mehr zu konsumieren, und die offensichtlich auch aus diesem Grunde in Kreisen der Werbestrategen – und jetzt bediene ich mich derer neudeutschen Sprache – nur ungerne erinnert wird.
Zeitsprung also. Aus dem systematischen Erfassen der Biere wurde ein nahezu ebenso systematisches Besuchen von Brauereien, Biergärten, Bierbars, Biergeschäften und damit verbunden die Dokumentation dabei erfahrener Erlebnisse.
Ob aus Mitteilungsdrang oder Selbstdarstellungstrieb – ich begann jedenfalls, diese Erlebnisse in einem Blog zu veröffentlichen. Zunächst für mich und meinen Freundeskreis, zumeist Bierliebhaber und -kenner, wenn auch der eher unsystematischen, oftmals dafür aber standfesteren und durchhaltefähigeren Sorte, später dann auch für eine nach dem Schneeballprinzip wachsende Leserschaft. Und irgendwann offensichtlich auch für den Verleger dieses Buches, der mich mit dem Geschick eines Staubsaugervertreters schließlich davon überzeugte, mich nun endlich, in Vervollständigung des systematischen Ansatzes, auch des klassischen Mediums Buch zu bedienen. Zur Not auch mit seiner Hilfe.
Das Resultat liegt vor Ihnen. Ein Sammelsurium von Biererlebnissen. Meistens nahe der Quelle, in der Brauerei oder ihrem Ausschank, manchmal aber auch weiter entfernt, immer aber »vor Ort«, dort wo das Bier gebraut, ausgeschenkt, verkauft, verkostet oder ihm auf andere Art die angemessene Aufmerksamkeit zuteil wird. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Gerechtigkeit, sondern so, wie es sich ergeben hat. Möge es Anregung sein, die eine oder andere Bierreise selbst zu unternehmen und eigene, unvergleichliche Biererlebnisse zu haben.
Viel Vergnügen und sehr zum Wohle!
Volker R. Quante
BADEN-WÜRTTEMBERG
Andreasbräu, Eggenstein-Leopoldshafen
Ein bisschen nördlich von Karlsruhe liegt die Gemeinde EggensteinLeopoldshafen, einer von den Orten, die nach irgendeiner Gebiets-, Verwaltungs- oder Sonstwas-Reform mit einem unaussprechlichen Doppelnamen gesegnet sind, der Behördengänge zur Qual macht. »Wo kommen Sie her?« – »Engschteinleppolshafn!« – »Wie bitte? Buchstabieren Sie doch mal!«
... und schon ist der halbe Vormittag rum.
Wie schön, dass der Name der hier gelegenen Gasthausbrauerei einfach und einprägsam ist: Andreasbräu. Benannt nach dem Inhaber Andreas Philipp, der gleichzeitig auch Braumeister ist und das Andreasbräu im Jahr 1996 gegründet hat.
Die Adresse Donauring klingt etwas seltsam, liegt Eggenstein-Leopoldshafen doch mitnichten an der Donau, sondern am Rhein, aber das kann man der Brauerei ja nicht zum Vorwurf machen.
Ein kleines Einkaufszentrum so ungefähr in der Mitte zwischen den Ortsteilen Eggenstein und Leopoldshafen, mit ein paar Geschäften, einem Reisebüro und der Brauerei. Von außen dadurch nicht gerade ein Kleinod mitteleuropäischer Baukunst, sondern eher ein Zweckbau. Drinnen dafür aber gemütlich. Viel Holz, in der Mitte des Raumes die Schanktheke, um die herum man es sich direkt an der Bar gemütlich machen kann, und ansonsten viele Tische und Stühle im kleinteilig gegliederten Schankraum. Das in der Farbe von dunklem Kupfer glänzende Zwei-Geräte-Sudwerk steht ein wenig in die Ecke gezwängt – ein Zugeständnis wohl daran, dass das Andreasbräu stark frequentiert ist und jeder Quadratmeter für Sitzgelegenheiten genutzt werden muss.
An einem ganz normalen Wochentag ist das Andreasbräu am frühen Abend rappelvoll und nur mit Mühe kann ich mich noch an die Theke quetschen. Zwei Biere sind im Ausschank, das Pils (als Standardbier) und – noch vom Jahreswechsel – das Neujahrs-Altbier, mit 5,7 % etwas stärker eingebraut und etwas dunkler als das Pils. Gleichmäßig trüb und mit einem kremigen Schaum wird es serviert, sieht appetitlich aus. Ein wenig zu vollmundig, mastig schon fast – noch gut trinkbar, aber doch recht sättigend. Ich persönlich bin nicht so richtig zufrieden, vermisse ein wenig Originalität und bin der Meinung, dass ein wenig längere, kalte Lagerung dem Bier sicherlich gut getan hätte. Mit Altbier hat das nicht so wirklich viel zu tun, schmeckt eher wie ein ungefiltertes Märzen oder Festbier.
Die Bedienungen sind fix, sehr fleißig und ausgesprochen freundlich; die Küche bietet große Portionen und das Essen, das an mir vorbeigetragen wird, sieht sehr appetitlich aus.
Das Publikum ist gemischt über alle Alters- und Statusgruppen hinweg, Studenten, ältere Damen und Herren, der Arbeiter, der nach einem langen Tag noch schnell seinen Durst stillt. Die typische Mischung, wie man sie im Südwesten der Republik häufiger antrifft; ein Umfeld, das auf der Homepage der Brauerei nett beschrieben ist: Hier im Südwesten Deutschlands, wo die selige Pfalz aufs liebliche Baden trifft, der Hardtwald eine fleißig forschende, elitäre Technologieregion begrünt und der Rhein sich zum Baden breit macht. Hier in Eggenstein-Leopoldshafen, wo der Inhaber Andreas Philipp ein echter Braumeister ist und noch selbst für seine Gäste braut.
Etwas holpriger allerdings ist das Gedicht, das auf einer geschnitzten Tafel am Sudwerk angebracht ist:
Mit Gottes Segen brauen hier
Zwei Andreasbrauer
Ihr uriges Bier
Unfiltriert fein
Natürlich und rein,
Versuchs mal, es mundet auch Dir!
In der Summe kann man es hier gut aushalten und einen gemütlichen Abend genießen.
Nachtrag: Kaum habe ich im Internet über meine Eindrücke berichtet, kommt auch schon eine Reaktion vom Betriebsleiter: »Jetzt warst Du endlich mal vor Ort und ich hatte ausgerechnet an diesem Tag frei …!«
Nun, dieser Beschwerde kann abgeholfen werden, und so bin ich erneut zu Besuch im Andreasbräu, bekomme einen deutlich detaillierteren Einblick in die Brauerei. Neben dem Kucken in alle Kessel und Pfannen gibt es auch ein neues Saisonbier zu verkosten, ein Rauchmärzen, das das Neujahrs-Alt abgelöst hat. Nur dezent rauchig, angenehm sämig und trotzdem frisch – ein sehr schönes Bier. Und was das nur zurückhaltende Raucharoma anbelangt, so erzählt der Betriebsleiter, dass man natürlich ein wenig auf die eher vorsichtigzurückhaltende Kundschaft Rücksicht nehmen müsse. Etwas Neues ausprobieren, ja gerne, aber zu radikal darf es nicht sein, sonst tränken es nur noch die wenigen Hardcore-Bierfans, die aber nicht für ausreichend Umsatz sorgen würden.
Bei einer Sudlänge von 10 hl verständlich – 10001 eines allzu exotischen Bieres verkaufen sich dann wohl in der Tat zu langsam.
Wir runden den heutigen Besuch mit einem Rundgang durch den Gär- und Lagerkeller sowie mit einem asiatischen Glasnudelsalat ab – eine schöne Kombination: Leckeres Bier und asiatische Küche. Etwas, das ich hier gar nicht vermutet hätte, was meiner persönlichen Präferenz aber sehr entspricht. Prima!
Das Andreasbräu ist täglich ab 10:00 Uhr durchgehend geöffnet. Zu erreichen ist es problemlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, die Haltestelle der Stadtbahn ist direkt nebenan; aber auch mit dem Auto ist es kein Problem, da das Einkaufzentrum einen großen Parkplatz bietet.
Andreasbräu
Gasthausbrauerei, Likör- & Wurstmanufaktur
Donauring 71a
76 344 Eggenstein-Leopoldshafen
Baden-Württemberg
Deutschland
+49 7247 963 200
Brauhaus »Zum Sternen«, Hambrücken
»Rindvieh!«
»Was? Ich habe doch gar nichts gemacht!«
»Nein, nicht Du! Da, auf dem Bürgersteig!«
Und in der Tat: Mitten auf dem Bürgersteig an der Hauptstraße in Hambrücken steht ein Rindvieh. Schwarz und aus Plastik. Ein richtiger Stier sogar, mit bedrohlich spitzen Hörnern. Auf der Flanke groß die Aufschrift »Hambrücker Wurst- und Brauhaus« und daneben das schmucke Wappen des Brauhaus »Zum Sternen«.
Nix wie hinein.
Statt der unterbewusst erwarteten typischen Gasthausbrauereiatmosphäre (glänzende Kupferkessel, Bier-Memorabilia allerorten) empfängt mich eine urgemütliche kleine Gastwirtschaft, die so aussieht, als würde es sie schon immer geben. Ein wenig altmodisch, das Motto verkörpernd: »Wenn was geändert werden müsste, dann täten wir das ja schon, aber es ist doch gut so, wie es ist!« Eine kleine Theke mit vier Zapfhähnen, eine Reihe von Holztischen mit Stühlen rundherum, ein Nebenraum. Die Eckkneipe nebenan.
Brauerei? Auf den ersten Blick: Fehlanzeige. Auf den zweiten: Ja, in der Karte ist die Rede von Sternenbräu. Und an der Theke hängt eine Kreidetafel: Sternenbräu Festbier. Weihnachten ist schon eine Weile vorbei, also schnell das Festbier bestellt, bevor es vielleicht bald alle ist. Hellbernsteinfarben mit einem kräftigen Schaum steht es vor mir im hübschen Glaskrug. Das gleiche Wappen wie draußen auf dem Rindvieh leuchtet mich an.
Der Geschmack? Kräftig, herb, süffig. Nicht glatt und gefällig, sondern knackig. Ordentlich herb, leicht malzaromatisch. Tolles Bier.
»Und das ist hier gebraut? Ich seh ja gar nix von einer Brauerei?«, flachse ich die freundliche Bedienung an. »Doch, doch! Kommen Sie mal mit. Die ist ganz winzig, hier, im Nebenraum!« Eine Aufschrift auf der Holztür im Treppenhaus verspricht: Sudhaus. Die Dame öffnet die Tür zu einer winzigen Kammer, und da steht sie, die Brauerei. Eingezwängt in ein kleines, gefliestes Räumchen. Eine simple Konstruktion aus Stahl, auf Zweckmäßigkeit getrimmt, schmucklos. Kein Aushängeschild, das man sich mitten in die Gaststube stellt, sondern ein Arbeitsgerät.
Zwei Fragen schießen mir sofort durch den Kopf. Erstens: Wie kann der Brauer sich in diesem winzigen Raum überhaupt bewegen?, und zweitens: Wozu braucht es eigentlich andernorts all die auf Hochglanz polierten Luxus-Sudwerke, wenn doch hier, auf dieser einfachen Anlage, so ein wunderbares Bier entsteht?
Mit dem festen Vorsatz, hier möglichst bald wieder einzukehren, um auch die anderen Biersorten zu verkosten, steige ich wieder ins Auto und fahre in die neblige Nacht. Aber meine Gedanken bleiben noch eine Weile in dieser kleinen und idyllischen Gastwirtschaft, in der die Welt einfach noch in Ordnung zu sein scheint.
Das Wirtshaus ist im Jahr 1904 gebaut worden und befindet sich seit 1907 bis heute im Besitz der Familie Grub. Die winzige Brauerei wurde 2006 installiert, und seitdem gibt es vier Biersorten im Angebot. Helles, Schwarzes und Hefeweizen als Standardbiere und dazu ein regelmäßig wechselndes Saisonbier – zum Zeitpunkt meines Besuchs eben das Festbier. Neben dem Brauereibetrieb wird hier auch noch selbst geschlachtet; die in der Speisekarte aufgeführten Fleisch- und Wurstgerichte sind aus eigener Herstellung.
Das Brauhaus »Zum Sternen« ist dienstags, mittwochs und sonntags ab 12:00 Uhr geöffnet, donnerstags und freitags ab 15:30 Uhr und sonnabends ab 16:30 Uhr. Montags ist Ruhetag. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Hambrücken nicht so einfach zu erreichen – die nächste Bahnstation ist gut zwei, drei Kilometer entfernt. Aber mit dem Wagen ist es problemlos, und entlang der Hauptstraße kann man gut parken.
Brauhaus »Zum Sternen«
Hauptstraße 160
76 707 Hambrücken
Baden-Württemberg
Deutschland
+49 7255 5198
BAYERN
Berghof Babel, Wald
Es gibt Orte und Momente, in denen präsentiert sich das Allgäu so überirdisch perfekt, dass es nur noch kitschig ist, gar nicht mehr anders als kitschig sein kann.
Leicht wellen sich die Hügel des Voralpenlands, die Straße schlängelt sich in gleichmäßigen, ruhigen Windungen hinauf und hinab. Am Horizont grüßen die schneebedeckten Gipfel der Alpen. Nach den Regenfällen der vergangenen Tage steht das frische Gras leuchtend grün und saftig; noch saftiger und noch satter leuchten die buttergelben Köpfe des Löwenzahns.
Allgäuer Frühling.
Vor uns auf dem Hügel taucht ein großes, sehr gepflegtes Gehöft auf – der Berghof Babel. Die Häusergruppe liegt etwas außerhalb des Örtchens Wald. Der Kies knirscht leise unter den Reifen, als wir auf den Parkplatz rollen. »Walder Käskuche« steht an der Hauswand, und darunter »Schaukäserei, Brauerei«.
»Mutig, mutig!«, denke ich, Käsebakterien und Bierhefe traut vereint unter einem Dach, das wird wohl eine echte Herausforderung an die Betriebshygiene und die Qualitätskontrolle sein.
Das Erdgeschoss des Gebäudes ist nicht nur groß, sondern auch großzügig. Eine einladende Käsetheke für den Direktverkauf gleich rechts, eine blitzblank polierte Brautheke der Firma Kaspar Schulz gleich links. Ein Großserienprodukt, gewissermaßen, aber doch immer wieder sehenswert. Vor uns der Schankraum mit überraschend wenig Tischen, dafür aber viel Platz davor, und rechts hinten hinter Glas die Schaukäserei.
Staunend starren wir durch die großen Fenster. Blitzblank ist alles, sauber hergerichtet, effizient angeordnet. In unseren Gedanken sehen wir den Käser zwischen den Bottichen hin und her laufen, sehen, wie er die Käseharfe durch die eingedickte, langsam ausflockende Flüssigkeit zieht.
Doch halt, wir sind ja nicht wegen des Käses, sondern eigentlich eher wegen des Biers hier. Flugs also einen Platz gesucht. Blitzschnell kommt die freundliche Bedienung angelaufen und empfiehlt uns, als hätte sie unsere Fragen schon geahnt, die Tiroler Brotzeitplatte, da seien mehrere Käsesorten aus eigener Produktion dabei, luftgetrockneter Schinken, und natürlich ein Glas des hier gebrauten Biers, des Hellen. Daneben gäbe es aber auch immer ein Weißbier und zur Zeit auch einen Maibock als Saisonbier.
Na wunderbar, das lässt sich gut an.
Die Brotzeitplatte schmeckt hervorragend, lediglich das simple Graubrot ist ein wenig einfallslos – etwas mehr als nur ein ganz normales Mischbrot hätte es gerne sein dürfen. Das Wald Bräu Hell dazu ist frisch, leicht herb, sehr solide und ordentlich. Und vor allem: keine Spur einer Kreuzinfektion mit den Käsebakterien.
Die zweite Sorte, das Hefeweißbier. Eigentlich ja nicht so meins, ich mag den Stil nicht, aber dieses hier schmeckt. Feine Bananennoten, vollmundig, fruchtaromatisch und fast schon ein wenig sämig.
Und schließlich die dritte Sorte, das Saisonbier: Walder Maibock! Ich mache große Augen. Pechschwarz mit einem leicht beigefarbenen, kremigen Schaum steht das Bier vor mir. Ein kräftiger Schluck. Malzig, voll, ein bisschen nach Röstmalz schmeckend, vielleicht sogar auch ein Hauch Färbemalz. Ein ganz exzellentes Bier, kräftig, nahrhaft, wärmend, sättigend. Aber ganz bestimmt kein Maibock! Ein Maibock ist hell, höchstens mal bernsteinfarben und hopfig-herb!
Dieser Bock hier ist tiefschwarz und malzig. Damit gibt er einen ausgezeichneten Christ-, Oster-, Doppel-, Schwarz-, Fest- oder Wasweißich-Bock ab, und zwar einen richtig guten, aber eben keinen Maibock.
Aber was soll’s. Er schmeckt und ich bin zufrieden, höre in mich hinein, wie der schwere Bock langsam zu wirken beginnt. Die Lider werden schwer, der Chronist schläfrig, die Stimmen der anderen Gäste verschwimmen. »He, penn mir jetzt bloß nicht am helllichten Tag bei Tisch ein!«, reißt mich die Stimme meines holden Eheweibs aus süßen Träumen. Ach, für einen Moment hatte alles gestimmt.
Auch der Kitsch.
Selbst der.
Der Berghof Babel wurde 2010 eröffnet. Von der Wurst und dem Speck über den Käse bis zum Bier kommt alles aus eigener Produktion. Die gewaltigen Torten, die es zur Kaffeezeit gibt, sind ebenfalls selbstgemacht. In einem großen Kupferkessel wird über offenem Feuer das Kesselfleisch warm gehalten oder ein Raclette angerichtet. Im angegliederten Hotel kann man nicht nur übernachten, sondern es sich auch im Sauna- und Wellness-Bereich gut gehen lassen. Die Kinder finden einen kleinen Spielplatz und viele Wiesen zum Toben vor, und wem das immer noch nicht reicht, der kann Reitausflüge buchen, sich massieren lassen oder was auch immer.
Mir allerdings haben das gute, deftige Essen und das leckere Bier völlig genügt.
Die Gaststube mit der Brauerei ist von Dienstag bis Sonnabend von 11:30 bis 18:00 Uhr geöffnet, am Sonntag und Feiertag erst ab 14:00 Uhr und am Montag ist Ruhetag. Das oben erwähnte Kesselfleisch gibt’s donnerstags, schaugekäst wird freitags – beides jeweils ab 19:30 Uhr. Durch die Lage außerhalb des Orts ist es schwierig, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Das Auto ist immer eine Option,Parkplätze gibt es genug, und die Harri Hurtigs dieser Welt können im Frühjahr natürlich wunderbar mit dem Fahrrad über die Wiesen des Voralpenlandes rollen und sich den nötigen Durst auf das Wald Bräu erstrampeln.
Berghof Babel
Nesselwanger Straße 44
87 616 Wald im Ostallgäu
Bayern
Deutschland
+49 8302 200
BernardiBräu, Rettenberg
Als sich das kleine Bergsträßchen durch Wiesen und Wälder langsam höher windet, vorbei an einem kleinen Bachlauf mit idyllischen Wasserfällen, durch Weiden mit braunen Kühen, bekomme ich das Gefühl, als müsse hinter der nächsten Kurve unbedingt die Hütte vom Alm-Öhi auftauchen und Heidi und Peter mit ihren Ziegen über die vom Löwenzahn gelb leuchtende Wiese gelaufen kommen.
Aber wir sind nicht in der Schweiz, sondern in den Allgäuer Alpen, direkt hinter dem Örtchen Kranzegg im Allgäu. Und vor uns liegt auch nicht die Hütte vom Alm-Öhi, sondern die ehemalige Station vom Skilift, in der sich seit 2014 eine kleine Brauerei befindet, und zwar die nach eigenen Angaben höchstgelegene Privatbrauerei Deutschlands, das BernardiBräu.
So richtig offiziell ist sie heute, am 4. Mai 2015, noch gar nicht eröffnet, obwohl schon gebraut wird und natürlich der Bierverkauf schon angelaufen ist. Aber die große Eröffnungsfeier ist erst für den Himmelfahrtstag geplant – mit Hoffest, Gaudi und Livemusik. Was mich natürlich trotzdem nicht davon abhält, mich mit Bernhard Göhl, dem Inhaber und Braumeister zu verabreden.
»Ich bin zwar Diplom-Braumeister und habe nach meiner Ausbildung in München anschließend in Weihenstephan studiert, aber hauptberuflich arbeite ich zur Zeit in der Abfülltechnik. Und da ich das Brauen vermisse, habe ich hier nebenher die kleine Brauerei aufgebaut«, erzählt Bernhard, während wir die Treppe zum Sudhaus hochgehen. »Angefangen hat es mit einem kleinen 80-l-Sudwerk, mittlerweile habe ich eine 5-hl-Anlage, die ich mir in großen Teilen selbst aufgebaut habe.«
Sehr solide schaut die Technik aus. Zwei kupferne Geräte der Firma MBT bilden das Rückgrat, alles andere rundherum hat Berni selbst konstruiert. »Eine wunderschöne Patina, oder?«, fragt er mich und streicht über die Sudpfanne. Und in der Tat, das in allen Farben schimmernde und irisierende Kupfer wirkt viel schöner und lebendiger als manche steril und seelenlos auf Hochglanz polierte Schauanlage. Es ist blitzsauber, das sieht man, aber die Spuren der Arbeit sind doch zu erkennen. Hier ist ein wenig saure, dort eher basische Flüssigkeit übergelaufen und hat ihre Spuren auf dem Kupfer hinterlassen. Nach sorgfältigem Putzen bleibt die ganz leicht eingeätzte Spur sichtbar und verleiht dem Sudwerk Leben.
Im Nachbarraum stehen die Gärbehälter. Offene Gärung, das ist Ehrensache. Und daneben wiederum in zwei Reihen die kleinen ZKGs, in denen das Bier der BernardiBräu bis zur Abfüllreife lagert. Blitzsauber und zweckmäßig.
Im Stockwerk darunter die Abfüllanlage. Ein kleine Gruber-Anlage, auf der Berni seine Spezialbiere und die ungewöhnlichen Flaschengrößen abfüllt; das Brot-und-Butter-Bier, also das Gigglstuinar Märzen, regelmäßig in größeren Mengen gebraut, wird bei einer befreundeten Brauerei abgefüllt.
Und nebenan, in einer großen Scheune, wird das abgefüllte Bier gelagert und verkauft. »Neben dem Märzen, das hier überall steht, braue ich ein dunkles Bockbier, das ich in Ein-Liter-Flaschen abfülle, schau her! Dann gibt es immer mal wieder ein besonderes Bier, zum Beispiel das Alms, ein Weizenbock mit rund 7 % Alkohol. Das gibt’s in kleinen Flaschen, zum bewussten Genießen. Und hier liegen schon die Etiketten für das Gigglstuinar Weizen – das wird das zweite Standbein der Brauerei!«
Bernhard erzählt von seinen Plänen und man merkt, dass sich hier jemand seinen ganz persönlichen Traum erfüllt. Im Brauen geht er auf – da macht es überhaupt nichts, dass das Ganze (noch?) als Nebenerwerb läuft und die Abende und Wochenenden drangegeben werden müssen. Neben all dem findet Bernhard auch noch Zeit, gelegentlich auf Volksfesten ein Schaubrauen zu veranstalten, mit einer kleinen, aber sehr hübschen Anlage. In Tracht steht er dann da und rührt im kupfernen Maischebottich; daneben der hölzerne Läuterbottich, das Ganze auf einem Ziegelstein-Sockel und, Zugeständnis an die Mobilität, auf Rollen.
Das Brauereidorf Rettenberg, das seit vielen Jahrzehnten damit wirbt, zwei erfolgreiche Allgäuer Brauereien zu beherbergen, hat eine dritte Brauerei dazubekommen. Viel kleiner als die anderen beiden, aber mit viel Herzblut. Und idyllisch gelegen. Oberhalb des Ortes, umgeben von Wiesen und Wäldern, inmitten der Natur. Wenn jetzt der Wettergott für den Himmelfahrtstag noch mitspielt, dann steht einer zünftigen offiziellen Eröffnung und einem großen Erfolg in der Region nichts mehr im Weg!
Das BernardiBräu ist mittwochs und freitags von 16:00 bis 19:00 Uhr und sonnabends von 09:00 bis 12:00 Uhr für den Rampenverkauf geöffnet. Möchte man zu anderen Zeiten Bier kaufen, sollte man unbedingt vorher anrufen; da es sich noch um einen Nebenerwerbsbetrieb handelt, ist nicht immer garantiert, dass jemand da ist. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Brauerei nicht wirklich gut zu erreichen – selbst wenn man bis Kranzegg mit dem Bus fährt, hat man noch eine ordentliche Wanderung das Bergsträßchen hinauf vor sich. Und auch mit dem Rad sollte man stramme Wadeln vorweisen können. Es gibt halt Situationen, in denen das Auto fast alternativlos ist.
BernardiBräu
Kammeregger Weg 7
87 549 Rettenberg OT Kranzegg
Bayern
Deutschland
+49 8327 9326 180
Brauerei im Eiswerk, München
Fast lautlos setzt sich das riesige Schwungrad in Bewegung. Als wollte sie noch einmal tief Atem holen, schnauft die alte Kältemaschine aus dem Jahr 1881 ein wenig, und dann beginnen sich die Pleuelstangen zum Verdichter zu bewegen. Nach einigen Sekunden ist die Arbeitsgeschwindigkeit erreicht; gleichmäßig, in ruhigem Takt, rotiert die Antriebswelle, und außer einem leisen Zischen hört man fast kein Arbeitsgeräusch.
Martin Zuber, der Geschäftsführer der Brauerei im Eiswerk, hatte die großen Schraubenschlüssel aus der Werkzeugkiste geholt, die Bremsen gelöst und das Wehr am Mühlbach geöffnet. Gebannt starren wir auf die oberschenkeldicken Pleuelstangen, die wie vor 134 Jahren kraftvoll und ruhig das Gas im Kompressor verdichten. 80 Tonnen Eis konnten seinerzeit mit dieser Maschine pro Tag erzeugt werden, und innerhalb von nur 12 Tagen hatte Carl von Linde sie installiert, um den Ober- und Unterliegern des Mühlbachs mit ihren Mehl-, Säge- und sonstigen Mühlen nicht zu lang das Wasser abzugraben.
90 Jahre lang war dieses Eiswerk in Betrieb und ermöglichte es der Paulaner-Brauerei, auch im Sommer Bier zu brauen und so das Fundament für den wirtschaftlichen Erfolg zu legen. Seit 1971 steht dieses wunderbare Industriedenkmal nun still, und nur ab und zu, wenn ein Augenblick Zeit und Muße ist, erwacht es noch einmal zum Leben.
Die Leitungen für das Kältemittel sind längst abgeklemmt; die Zahnräder, mit denen das Wehr geöffnet wird, leiden an Ausbruch, an Zahnausfall gewissermaßen. Die Stahl-Karies hat auch hier im Laufe der Jahrzehnte gnadenlos zugeschlagen, aber im Grunde funktioniert die Mechanik noch wie damals.
Die alte Kältemaschine, das älteste Eiswerk der Welt, ist Namensgeber für die Brauerei im Eiswerk, die sich direkt in den Nachbarräumen befindet.
Martin schließt uns die Tür zur Brauerei auf und der Kontrast könnte größer nicht sein. Blitzblanker Edelstahl, penibel gereinigt und poliert. Ein Drei-Geräte-Sudwerk mit 1,2 hl Ausschlagmenge. 2011 wurde diese Brauerei in Betrieb genommen und dient als Experimentalbrauerei für Paulaner, aber auch als Brauerei für edle Spezialbiere. »60 Sude sind hier im vergangenen Jahr entstanden, und dieses Jahr werden es noch viel mehr«, erzählt Martin. Jeder einzelne Sud wird von Hand abgefüllt, verkorkt, etikettiert, und auf jedes Etikett kommt eine laufende Nummer und die eigenhändige Unterschrift von Martin Zuber oder seiner Brauerkollegin Tanja Leidgschwender.
Fantastische Biere entstehen hier. Das Josephs Spezial oder das Eiswerk 1881 als eher dezent experimentelle Biere, nahe noch an dem, was der klassische Biertrinker erwartet. Daneben aber auch das Comet Ale mit dem typischen Aroma des Comet-Hopfens, der Weizenbock Mandarin mit einem intensiven Aroma des Mandarina-Bavaria-Hopfens. Und dann gibt es die fassgereiften Spezialitäten, den Bourbon Bock3, viele, viele Wochen im Holzfass ausgebaut, in dem sich vorher, na klar, Bourbon befunden hat. Und schließlich, die Essenz vom Feinsten, der Eis[werk]bock, ausgefroren aus dem sowieso schon edlen und ultrastarken Bourbon Bock3. 23 % Alkohol, keine Kohlensäure mehr – eine ganz besondere, fast schon likörartige Spezialität.
»Kommt mit in den Keller!«, heißt es, und mit großen Augen schauen wir Martin zu, wie er für uns einen winzigen Schluck eines noch im Holzfass reifenden Doppelbocks abzieht. Rum Martinique verrät uns die Aufschrift auf dem Fass. 1901 des hellen Doppelbocks reifen hier seit einigen Wochen. Die Farbe ist schon deutlich ins Kupfer umgeschlagen, der Rum und das Eichenholz machen sich bemerkbar. Auch das Aroma kommt schon wunderbar heraus. Ein wenig kantig, rau noch, aber es ist zu ahnen, wie wunderbar weich sich das Bier entwickeln wird.
Mit glühenden Wangen – ist es jetzt vom Alkohol oder von der Begeisterung? – klettern wir die steile Treppe wieder zurück in die Villa, in der früher der Braumeister der Paulaner-Brauerei wohnte und jetzt die Verwaltungsarbeit der Brauerei im Eiswerk erledigt wird. Verkostungsseminare finden hier statt, Genussschulungen und ab und an zu festen Terminen alle paar Wochen werden zwei Stunden lang die Eiswerk-Biere im Hofverkauf angeboten. Blitzschnell sind sie ausverkauft – Qualität findet immer ihre Liebhaber. Aber wir haben Glück. Die Flasche #1184 des Bourbon Bock3 wandert in meinen Rucksack und die allerletzte Flasche (!) des Eis[werk]bocks auch.
Mit geheimnisvollem Lächeln drückt Martin mir noch eine winzige Flasche ohne Etikett in die Hand. TNT 6,0
