Big Ideas. Das Black-History-Buch - Paula Akpan - E-Book

Big Ideas. Das Black-History-Buch E-Book

Paula Akpan

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Beschreibung

Die Geschichte der Schwarzen grundlegend erklärt Warum nannte man Ghana das Land des Goldes? Wer waren die blauen Männer aus Mali? Was wurde auf der Berliner Konferenz beschlossen? Wie kam es zu den Unruhen in Brixton? Das innovative Nachschlagewerk beantwortet Fragen über die Geschichte der Schwarzen mit informativen Diagrammen & originellen Grafiken – klar und leicht verständlich. Von den frühen Bantu-Völkerwanderungen über die Sklaverei bis hin zur Black Lives Matter Bewegung. Der neue Titel aus der DK Erfolgsreihe Big Ideas! Das große Black-History-Buch zum Nachschlagen – Zusammenhänge, Theorien & Biografien abwechslungsreich und einfach aufbereitet: • Einzigartig: ein globales Nachschlagewerk zu den wichtigsten Meilensteinen der Geschichte der Schwarzen innerhalb und außerhalb Afrikas • Umfassend: von der Wiege der Menschheit über den Trans-Atlantik Sklavenhandel, die Harlem-Renaissance und die Dekolonialisierung bis zur Black-Lives-Matter-Bewegung • Informativ: mit zahlreichen Porträts herausragender Persönlichkeiten wie Rosa Parks, James Baldwin, Martin Luther King sowie Nelson Mandela und Alice Walker • Fundiert: geschrieben von einem Expertenteam von Autor*innen aus verschiedenen Wissensgebieten – Geschichte, Anthropologie, Arabistik, Afrikanistik, Religionswissenschaften, Kunst, Kultur Topaktuelle Gesellschafts-Debatte: Black History entdecken und verstehen! Ein einzigartiger Überblick über die Geschichte der Schwarzen jetzt in der DK-Erfolgsreihe Big Ideas!

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Seitenzahl: 546

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALT

EINFÜHRUNG

UR- UND FRÜHGESCHICHTE

V. CHR.

Afrika, die Wiege der Menschheit

Die ersten Menschen

Wir waren alle Afrikaner

Wanderungsbewegungen aus Afrika

Der Schmelztiegel der antiken ägyptischen Zivilisation

Prädynastisches Ägypten

Das Geschenk des Nils

Ägyptens Altes, Mittleres und Neues Reich

Das Land des Bogens

Das nubische Königreich von Kerma

Die Ausbreitung von Sprache

Wanderungen der Bantu

Die reichste Stadt der Antike

Seefahrer siedeln sich in Karthago an

Eine lodernde Flamme löscht das Wissen aus

Die verlorene Bibliothek von Alexandria

Karthago muss zerstört werden

Die Römer erreichen Afrika

IMPERIUM UND EXPANSION

1–800

Das drittgrößte Reich der Welt

Das Handelsimperium von Aksum

Ergebenheit trotz Verfolgung

Das Christentum erreicht Afrika

Ghana, das goldene Land

Das Ghana-Reich

Wir haben Alexandria erobert

Die muslimische Eroberung Ägyptens

Eine endlose Route

Der Transsahara-Sklavenhandel

Die Bewohner der Küste

Der Aufstieg der Swahili-Stadtstaaten

Meister sämtlicher Disziplinen

Die Mauren in al-Andalus

GLAUBE UND HANDEL

800–1510

Die Zandsch riefen zu den Waffen

Der Sklavenaufstand der Zandsch

Die Nachfahren der Verfolgten

Die äthiopischen Juden

Alle Reiche folgen ihrem König

Die Ursprünge des Songhai-Reichs

Eine einzigartige afrikanische Hochkultur

Die Stadt Groß-Simbabwe

Wir sind Menschen der Wüste

Ghana konvertiert zum Islam

Der Knotenpunkt Afrikas, die Wiege des Islam

Das Kanem-Reich

Die heilige Stadt

Die Entstehung von Benin

Die Wunder von Lalibela

Äthiopiens Felsenkirchen

Mali wird niemals untergehen

Das Mali-Reich

Die, die darin beten werden deinen Namen preisen

Die Große Moschee von Djenné

Eine Mission im Zeichen des Islam

Das Sultanat von Ifat

Ein fruchtbarer Baum lockt alle Vögel an

Ankunft der Europäer in Afrika

Die blauen Männer aus dem Sahel

Die Stadtstaaten der Haussa

Sie folgen ihren Tieren auf Schritt und Tritt

Die Wanderschaft der Massai

Die Meister von Technik und Kunst

Die legendären Benin-Bronzen

Handel statt Eroberung

Die Ming-Dynastie treibt Handel mit Ostafrika

Hierorts gefördert und unterstützt

Mohren*im England der Tudorzeit

* Sprachgebrauch im 16. Jahrhundert (siehe S. 4)

Ein afrikanisches Eldorado

Der Goldhandel in Mosambik

Unser Königreich ist verloren

Die Mani-Kongo-Nachfolge

VERSKLAVUNG UND WIDERSTAND

1510–1700

Ein Schandfleck in der Menschheitsgeschichte

Der Beginn des atlantischen Sklavenhandels

Ob krank oder gesund, es hieß Arbeit, Arbeit, Arbeit

Das Leben auf den Plantagen

Amerikas erster Aufstand der Versklavten

Die Sklavenrebellion auf Hispaniola

Eine blutige Rebellion auf den Zuckerplantagen

Aufstände der Sklaven in Mexiko

Brasiliens Kriegerdörfer

Widerstandscamps der Sklaven

Die Herrin des Donners

Königin Nzinga widersetzt sich Portugal

Wir sind eins und wir sind frei

Die jamaikanischen Maroons

Vom Himmel her in einer Wolke aus weißem Staub

Die Geburt des Aschanti-Reichs

Der unzerbrechliche Felsen

Changamire Dombo und seine »Zerstörer«-Armee

Rasse ist eine Erfindung des Menschen

Die Entstehung des »Rassen«-Konzepts

AUFLEHNUNG UND WIDERSTAND

1700–1900

Wir waren niemals versklavt

Die Garifuna

Bemerkenswert mutig und gefährlich

Die Kriegerinnen von Dahomey

Sklaven haben kein Recht auf Eigentum

Der Code Noir von Louisiana

Bin ich kein Mensch und Bruder?

Abolitionismus in Europa

Was bedeutet dem amerikanischen Sklaven schon Euer 4. Juli?

Abolitionismus in Amerika

Die Toten werden auferstehen, um den weißen Mann zu vertreiben

Die Xhosa-Kriege

Die Afrikaner nach Hause schicken

Die Gründung von Sierra Leone

Unabhängigkeit oder Tod

Die Haitianische Revolution

Die müden Reisenden fliehen aus dem Land der Knechtschaft

Die Underground Railroad

Koranverse als leuchtende Schwerter

Die Eroberung durch die Fulani

Erhebt euch! Kinder der Zulu

Das Zulu-Reich

Land der Freien

Die Besiedlung von Liberia

Weiße Geister und schwarze Geister in der Schlacht

Nat Turners Aufstand

Gegen Stoffe und Perlen getauscht

Der Sklavenhandel auf Sansibar

Schwarze, ergreift die Waffen!

Der Krieg zur Beendigung der Sklaverei

Der Preis des Unheils Sklaverei

Das Goldene Zeitalter der Reconstruction

Die Ausbeutung des Landes und seiner Ressourcen

Der Goldrausch in Botswana

Wir sind jetzt ein Teil Europas

Der Bau des Sueskanals

Getrennt, aber gleich

Jim-Crow-Gesetze

Teilen und herrschen

Der Wettlauf um Afrika

Das Goldene Gesetz

Die Beendigung der Sklaverei in Brasilien

Die siegreichen Löwen von Abessinien

Äthiopien trotzt dem Kolonialismus

ENTKOLONIALISIERUNG UND DIE DIASPORA

1900–HEUTE

Die Vereinigten Staaten von Afrika

Der Panafrikanismus

Für Schwarze von Schwarzen

Die Schwarze Wall Street

Wem gehört Hereroland?

Der Völkermord an den Herero und Nama

Das Wasser des Lebens

Der Maji-Maji-Aufstand

Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne

Der Erste Weltkrieg und das Ende der deutschen Kolonialzeit

Die Stimme der Rasse

Black Movements in Brasilien

Jung, talentiert und schwarz

Die Harlem-Renaissance

Das unsterbliche Tom-Tom, das in der Seele des Negers*schlägt

Die Jazz-Ära

* Sprachgebrauch im Jahr 1926 (siehe S. 4)

Wir verlangen, Bürger zu sein

Black Movements in Frankreich

Wurde deine Mutter gezählt?

Die Frauenaufstände von 1929

Ein Schwarzer König wird gekrönt werden

Die Rastafari-Bewegung

Wir haben die gleiche Uniform getragen

Schwarze Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Sie erzählen dir, es sei das Mutterland

Die Windrush-Migration

Es gibt keinen einfachen Weg in die Freiheit

Nelson Mandela und die Anti-Apartheid-Bewegung

Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Gerechtigkeit

Der Mau-Mau-Krieg

Warum sollten unsere Kinder einen so weiten Schulweg haben?

Der Fall Brown gegen Board of Education

Zeigt es den Menschen

Der Lynchmord an Emmett Till

Ich war es einfach leid nachzugeben

Der Busboykott von Montgomery

Ghana ist für immer frei!

Ghana erklärt seine Unabhängigkeit

Dies ist ein neuer Tag für Afrika

Das Jahr Afrikas

Keine Gendergerechtigkeit ohne Rassengerechtigkeit

Der Aufstieg des Schwarzen Feminismus

Ich habe einen Traum

Der Marsch auf Washington

Die Unabhängigkeit ist erreicht

»Zik« und das unabhängige Nigeria

Eine neue Gesellschaft muss geboren werden

Die Black-Power-Bewegung

Rasse zu verleugnen bedeutet, die Realität zu verleugnen

Die Politik der Farbenblindheit in Frankreich

Ich kam, ich sah, ich siegte. Das ist ein Ball.

Die Ballroom-Szene in den USA

Das Maß ist voll

Die Brixton-Krawalle

Stellt euch einander und der Welt vor

Die Schwarze Bewegung in Deutschland

Wir sind nicht sicher, ob die Polizei zu unserem Schutz da ist

Der polizeiliche Übergriff auf Rodney King

Null Toleranz für Rassismus

Der Macpherson-Report

Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen getötet werden

Der Genozid in Ruanda

Die afrikanische Renaissance steht vor der Tür

Der afrikanische Wirtschaftsboom

Yes, we can!

Die Wahl Barack Obamas

Black Lives Matter

Weltweite Antirassismus-Kampagnen

Unsere Vorfahren sind bei uns

Die afrikanische Diaspora heute

VERZEICHNIS VON PERSONEN UND BEWEGUNGEN

ZITATNACHWEIS

DANK UND BILDNACHWEIS

VORWORT

Die Black History, also die Geschichte der Schwarzen, ist eine globale Geschichte – sie spielt sich in Afrika, Europa, Amerika, Asien und im Nahen Osten ab. Sie ist eine sehr lange Geschichte, was kaum verwunderlich ist, da bereits die ersten Menschen vor Hunderttausenden von Jahren auf dem afrikanischen Kontinent zu Hause waren. Doch zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wurden die Geschichte der Schwarzen und die Geschichte des afrikanischen Kontinents größtenteils ignoriert oder gar nicht erst notiert und weitergetragen.

Schwarze Bevölkerungsgruppen, die weite Teile der Welt beherrschten und herausragende Kunst und Architektur schufen, blieben in den Geschichtsbüchern der westlichen Länder oftmals unerwähnt. Einige europäische Philosophen gingen sogar so weit zu behaupten, Afrika habe gar keine wirkliche Geschichte. Gleichzeitig wurden die Jahrhunderte, in denen Schwarze Menschen gegen Versklavung, Kolonialismus und Rassismus kämpften, oft unter den Teppich gekehrt.

Angesichts dessen sind die Wahrung und Würdigung ihrer Geschichte für viele Schwarze fast schon heilig geworden, insbesondere für diejenigen, deren Vorfahren versklavt waren. Doch auch wenn sie eine ganz besondere Bedeutung für das Leben und die Identität von Millionen Schwarzer Menschen auf der ganzen Welt hat, ist die Black History selbst die Geschichte aller Menschen. Wer von sich für das alte Rom begeistert, muss kein Europäer sein, und ebenso wenig muss man Schwarz sein, um vom Königreich von Mali oder von Benin fasziniert zu sein. Und so wie nicht-jüdische Menschen von den Gräueltaten des Holocaust wissen, sollten wir alle von den Gräueltaten der Sklaverei erfahren und davon, wie die Schwarzen Widerstand geleistet haben.

Ich fing an mich für die Geschichte der Schwarzen zu interessieren, als ich ein Teenager war. In ihr suchte ich nach Antworten. Die Black History erläuterte mir die Geschichte des britischen Weltreichs, zu dem auch meine multiethnische Familie gehört. Durch sie habe ich verstanden, woher die rassistischen Vorstellungen, die ich überall um mich herum beobachtete, stammten, und sie erklärte mir, wie und warum sich diese Ideen entwickelt hatten. Die Black History hat mir auch klar gemacht, wie lange Schwarze Bevölkerungsgruppen gegen Rassismus und Kolonialismus angekämpft haben – Kämpfe, die bis zum heutigen Tag andauern, angeführt von jungen Menschen.

Dieses Buch veranschaulicht die Black History in ihrer ganzen Komplexität, von der Frühzeit bis hin zu den aktuellen Debatten und Initiativen. Es zeigt uns, welchen Platz Afrika tatsächlich in der Weltgeschichte einnimmt, und lässt uns die Ursprünge der Ungleichheiten nachvollziehen, die auch heute noch unsere Gesellschaften prägen.

In den Jahrhunderten, in denen die Geschichte Afrikas in den Hintergrund gedrängt wurde und die Bedeutung der Schwarzen für die internationale Gesellschaft unerkannt blieb, wurde der ganzen Welt die Möglichkeit verwehrt, diese bedeutsamen und inspirierenden Geschichten zu hören. Die auf diesen Seiten dargestellten Geschehnisse bringen die lange Geschichte Afrikas und seiner Menschen zurück in die populäre Weltgeschichte – ein Gewinn für uns alle.

David Olusoga

EINFÜHRUNG

Black History erzählt die über Jahrtausende währende Lebensgeschichte von Schwarzen – von den Anfängen der Menschheit bis heute. Oft werden Schwarze pauschal als Menschen afrikanischer Abstammung aus Ländern südlich der Sahara definiert. Diese Verallgemeinerung lässt allerdings die verschiedenen Nationalitäten, Kulturen und Lebenserfahrungen Schwarzer Bevölkerungsgruppen außer Acht.

Vielfalt der Völker

Die ersten Menschen hatten ihren Ursprung vor mehr als 200 000 Jahren im heutigen Afrika. Diejenigen, die auf dem afrikanischen Kontinent blieben, also nicht auswanderten und die Bevölkerungen Asiens, Australasiens, Amerikas und Europas begründeten, verstanden sich über Generationen hinweg nicht als Schwarze, sondern als ethnische Gruppen wie Nubier, Yoruba und Swahili. Diese unterschiedlichen Völker hatten und haben auch heute noch einzigartige Sprachen, Traditionen und Kulturen sowie beeindruckende und komplexe Regierungssysteme. Ab dem 16. Jahrhundert wurden jedoch alle Afrikaner, die südlich der Sahara lebten, als homogene Gruppe betrachtet. Sklavenhändler und Kolonialisten rechtfertigten die Ungleichbehandlung und Unterdrückung dieser uralten Völker mit der Behauptung, dass sie alle zu einer »minderwertigen Rasse« gehörten.

»Rassismus ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nur eine Rasse – die der Menschen.«

Toni Morrison

Schwarze US-amerikanischeSchriftstellerin (1931–2019)

Jahrhunderte der Unterdrückung

Europäische Händler kauften versklavte Afrikaner von anderen Afrikanern und brachten sie als »Fracht« in die Neue Welt. Dort wurden sie auf den Märkten wie Vieh als Arbeitskräfte in den verschiedenen Teilen Amerikas und der Karibik verkauft, wobei die meisten Versklavten nach Brasilien kamen. Zahlreiche von ihnen leisteten in dieser Zeit Widerstand – an der Küste Westafrikas, während der strapaziösen Atlantiküberfahrt und auf dem amerikanischen Kontinent, wo viele unter entsetzlichen Bedingungen zu harten Arbeiten gezwungen wurden.

Nach Jahrhunderten der Versklavung und der Rebellion kamen die Weißen in der Neuen Welt und in Europa endlich zu der Einsicht, dass Sklaverei ein Verbrechen ist, und sie unterstützten die Schwarzen im Kampf um deren Abschaffung. 1861 brach in Nordamerika der Bürgerkrieg zwischen den pro Sklaverei eingestellten Südstaaten und den Nordstaaten aus, die sich gegen Versklavung positionierten. Im Jahr 1865 siegte der Norden und noch im selben Jahr schafften die USA die Sklaverei ab. Ihre Beendigung war allerdings kein Allheilmittel zum Wohle der Schwarzen, denn viele der ehemals Versklavten waren in der Neuen Welt weiterhin mit Ungerechtigkeiten konfrontiert.

Um dieser andauernden Unterdrückung zu entkommen, entschieden sich einige der ehemals Versklavten nach Liberia in Westafrika zu emigrieren. Dieses Land wurde u. a. von Weißen amerikanischen Sklavereigegnern gegründet, um Schwarze in Afrika anzusiedeln, ohne jedoch auf die bereits dort lebenden Afrikaner Rücksicht zu nehmen. Tatsächlich begannen viele europäische Mächte bald nach Abschaffung der Sklaverei mit der Kolonisation der afrikanischen Länder südlich der Sahara. Sie hielten an der Fiktion fest, dass Schwarze eine »minderwertige Rasse« seien, und behaupteten, sie müssten die Afrikaner »zivilisieren«. Im Verlauf der Kongokonferenz von 1884–1885 teilten schließlich mehrere europäische Mächte Afrika unter sich auf. Die Kolonien wurden zu einem Ort der Unterdrückung zahlreicher Schwarzer Einwohner. Sie rebellierten gegen die europäischen Verantwortlichen, die sie häufig zur Zwangsarbeit einsetzten und diejenigen bestraften oder töteten, die nicht genug Ertrag erwirtschafteten.

Grundrechte und mehr

Da auch noch im 20. Jahrhundert weltweit viele Schwarze als den Menschen europäischer Abstammung untergeordnet behandelt wurden, schöpften sie Kraft aus ihrer Schwarzen Identität. Sie drückten sie in kraftvoller Musik, Kunst und Literatur aus und schlossen sich zu internationalen Bewegungen zusammen. Sie bezeichneten sich auch selbst mit eigentlich abwertenden Begriffen wie »Neger« und »Farbiger«, um ihre Solidarität zu bekunden; der Begriff »Schwarzer« wurde erst im späteren 20. Jahrhundert gebräuchlicher. Der Panafrikanismus, eine Bewegung, die zum gemeinsamen politischen und sozialen Engagement aller afrikanischer Menschen aufrief, gewann allmählich an Boden. Im Jahr 1900 leitete der aus Trinidad stammende Henry Sylvester Williams die erste panafrikanische Konferenz in London. Es folgten acht weitere in europäischen und afrikanischen Städten sowie in New York.

Doch auch auf lokaler Ebene kämpfte die Schwarze Bevölkerung für ihre Rechte. In Afrika wurde um die Unabhängigkeit und ein Ende der kolonialen Unterdrückung gerungen. In den USA traten Schwarze Amerikaner für ein Ende der Rassentrennung ein, und die Schwarzen aus den französischen und britischen Kolonien, die nach Frankreich und Großbritannien gezogen waren, forderten ihrerseits das Recht, als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden. All diese Anstrengungen waren in unterschiedlichem Maße erfolgreich. Ghana wurde 1957 unabhängig und andere afrikanische Länder konnten diesem Beispiel folgen. In den USA trug das Grundsatzurteil im Fall einer Sammelklage gegen die Schulbehörde im Jahr 1954 zur Aufhebung der Rassentrennung in den Schulen bei, und in Großbritannien war 1965 die Verabschiedung des »Race Relations Act« ein entscheidender erster Schritt zur Eindämmung der Rassendiskriminierung.

Der Kampf geht weiter

Das Erbe der Versklavung und Kolonialisierung hinterlässt noch immer seine Spuren – der Freiheitskampf geht weiter. Black Lives Matter, eine Initiative aus dem Jahr 2013, wurde zu einer weltweiten Bewegung, die auf die vielen Ungerechtigkeiten hinweist, denen Schwarze noch immer ausgesetzt sind. In diesem Sinne soll auch dieses Buch die Missstände aufzeigen, doch ebenso die Geschichte und Errungenschaften der Schwarzen hervorheben, wie sie unsere moderne Welt geprägt und verändert haben.

»Ab sofort sind wir kein Kolonialvolk mehr, sondern frei und unabhängig.«

Kwame Nkrumah

Erster Präsident von Ghana (1909–1972)

UR- UND FRÜHGESCHICHTE

V. CHR.

VOR 315 000 JAHREN

Der erste nachgewiesene Mensch lebt in Jebel Irhoud, Marokko.

VOR 12 000 JAHREN

Die ersten Menschen siedeln sich im »Fruchtbaren Halbmond« an, einige davon im Niltal.

UM 3150 V. CHR.

Die prädynastischen ägyptischen Staaten werden unter König Narmer vereinigt, der die erste ägyptische Dynastie gründet.

VOR 215 000 JAHREN

Die früheste anhand von Funden nachgewiesene Ausbreitung des Menschen aus Afrika.

UM 3400 V. CHR.

Im afrikanischen Königreich Nubien, einer der ältesten Kulturen der Welt, wird eine Monarchie errichtet.

2575–1069 V. CHR.

Die altägyptische Zivilisation floriert im Alten, Mittleren und Neuen Reich.

UM 1000 V. CHR.

Bantusprachige Völker aus dem Nigerdelta migrieren in den Süden und verbreiten ihre Sprachen und Kulturen in ganz Afrika.

760 V. CHR.

Das nubische Königreich von Kusch erobert Ägypten, was zur Herrschaft der fünf »Schwarzen Pharaonen« führt.

332 V. CHR.

Alexander der Große, König von Makedonien, erobert Ägypten. Ein Jahr später gründet er die Stadt Alexandria.

146 V. CHR.

Die Römer nehmen Karthago ein, das ein wichtiger Hafen für das riesige Handelsnetz des Reichs wird.

814 V. CHR.

Die Phönizier errichten die Stadt Karthago an einem strategisch günstigen Ort an der Mittelmeerküste Nordafrikas.

UM 600 V. CHR.

Meroe wird nach der Niederlage Kuschs gegen die Assyrer die neue Hauptstadt des Königreichs.

UM 300 V. CHR.

Ptolemäus I. Soter gründet die Bibliothek von Alexandria mit dem Ziel, alle Werke der Welt zu besitzen.

Afrika ist nicht nur die Wiege der Black History, sondern der gesamten Menschheitsgeschichte. Der erste Homo sapiens stammt aus Afrika. Älteste Funde stammen aus Jebel Irhoud in Marokko, weitere frühe Individuen wurden in Kenia nachgewiesen. Menschliche Vorfahren wie der Homo habilis und der Homo heidelbergensis haben in ganz Afrika ihre Spuren durch fossile Relikte und frühe Werkzeuge hinterlassen. Wissenschaftler vermuten, dass sich die Menschheit aus diesen Vorfahren an mehreren Orten in Afrika entwickelt hat, und das vor mindestens 315 000 Jahren.

Um 215 000 v. Chr. begannen die Wanderbewegungen des Homo sapiens, ausgehend von Afrika. Nach und nach gaben einige Jäger und Sammler ihre nomadische Lebensweise auf und gründeten vor etwa 12 000 Jahren die ersten Siedlungen im »Fruchtbaren Halbmond« – eine Bezeichnung für das Niltal, den Nahen Osten und Mesopotamien. Diese frühen Gemeinschaften wurden durch die Flüsse Nil, Euphrat und Tigris getragen, deren fruchtbare Ufer ideal für die Entwicklung der Landwirtschaft waren. Die wichtigsten Zivilisationen in Afrika entstanden um das 4. Jahrtausend v. Chr.: angefangen mit dem Eintreffen bantusprachiger Völker im Nigerdelta bis hin zur Monarchiegründung in Nubien und der Reichseinigung des prädynastischen Ägyptens um 3150 v. Chr.

Ägyptische Expansion

Der Nil war die Grundlage für eine der ersten und größten Zivilisationen der Weltgeschichte. Die Gemeinschaften rund um den Fluß entwickelten Kulturen, deren Kunst, Sprachen sowie religiöse und politische Systeme immer komplexer wurden. Zur Zeit der letzten Kultur des prädynastischen Ägyptens, der Naqada-III-Kultur (um 3200–3000 v. Chr.), hatten sich örtliche Eliten zu mächtigen Staaten entwickelt, die um die Vorherrschaft rangen. Ihre Vereinigung unter König Narmer im Jahr 3150 v. Chr. markiert den Beginn des dynastischen Zeitalters in Ägypten.

Nach Narmer teilt sich die Geschichte des Alten Ägyptens in drei Goldene Zeitalter auf. Das Alte Reich (2575–2130 v. Chr.) war eine Blütezeit, in der die Ägypter nicht nur Städte und Häfen bauten, sondern auch monumentale Pyramiden mit Königsgräbern. Die Cheops-Pyramide von Gise ist eines der sieben Weltwunder der Antike. Das Neue Reich (1570–1069 v. Chr.) war Heimat einer Hochkultur mit komplexer Infrastruktur, regiert von mächtigen Pharaonen, die ihre Herrschaft auf den Nahen Osten und den Sudan ausdehnten.

Machtkämpfe

Nubien (im heutigen Sudan und südlichen Ägypten angesiedelt) bildete eine weitere mächtige afrikanische Zivilisation. Dort – um 5000 v. Chr. erstmals besiedelt – entstand das Königreich von Kusch im unteren Niltal. Mit seiner Hauptstadt Kerma war es ein wichtiger (Handels-)Partner für seine nördlichen Nachbarn, doch die Ägypter sahen seine Stärke bald als Bedrohung an. Kermas Armeen versuchten vergeblich um 1550 v. Chr. in Ägypten einzufallen, und lösten damit einen 50-jährigen Krieg aus, der schließlich mit dem Sieg der Ägypter endete. Das nubische Königreich von Napata und Meroe währte nicht lange und fiel 600 bzw. 350 v. Chr. an die äthiopischen Mächte Abessinien und Aksum. Ägypten selbst wurde 666 v. Chr. von den Assyrern und 332 v. Chr. vom antiken Griechenland erobert.

Kämpfe um Nordafrika

Im 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Phönizier die Hafenstadt Karthago (im heutigen Tunesien). Die Metropole wurde zum Drehkreuz für den Handel zwischen Afrika und Europa und wuchs bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. zu einer wohlhabenden Macht mit einer multiethnischen Bevölkerung heran. Die Einwohner stammten hauptsächlich aus den phönizischen Gebieten an der östlichen Mittelmeerküste und aus den nahe gelegenen nordafrikanischen Königreichen Ägypten und Kusch, woraus eine »punische« Kultur mit afrikanischen sowie mediterranen Anteilen entstand.

Auch Karthago wurde von den aufstrebenden europäischen Mächten bedroht. Die punische Marine kämpfte zwischen dem 6. und 3. Jahrhundert v. Chr. gegen Griechenland und die karthagischen Armeen setzten sich ab 264 v. Chr. in den Punischen Kriegen gegen das Römische Reich zur Wehr. Dieses plünderte Karthago 146 v. Chr. und annektierte Ägypten ein Jahrhundert später. Die Herrschaft des Römischen Reichs über Nordafrika war nur der Anfang des europäischen Vordringens auf den afrikanischen Kontinent.

AFRIKA, DIE WIEGE DER MENSCHHEIT

DIE ERSTEN MENSCHEN (VOR 300 000 JAHREN)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Afrika

FRÜHER

Vor 6–7 Mio. JahrenSahelanthropus tchadensis – der erste bekannte Hominin – taucht in Afrika auf.

Vor 4,4 Mio. JahrenArdipithecus ramidus, ein früher Hominin, ist nachgewiesen.

Vor 1,4 Mio. Jahren In Kenia gefundene gebrannte Tonerde deutet auf Verwendung von Feuer durch H. erectus hin.

SPÄTER

1921 Ein Schädel, später als H. heidelbergensis bestimmt, wird in Sambia gefunden.

1929–1935 Relikte in Israel werden später als H. sapiens bestimmt und auf 80 000–120 000 Jahre datiert.

2019 Ein H.-sapiens-Schädel aus Griechenland wird auf die Zeit vor mehr als 210 000 Jahren datiert.

Im Jahr 1987 stützte eine bahnbrechende Studie die Theorie des britischen Naturforschers Charles Darwin aus dem Jahr 1871, dass die Abstammung aller Menschen (Homo sapiens) in Afrika wurzelt. Die amerikanischen Genetiker Rebecca Cann und Mark Stoneking sowie der neuseeländische Biochemiker Allan Wilson verglichen die mitochondriale DNA in verschiedenen Populationen auf der ganzen Welt. Sie entdeckten eine durchgängige Linie, die zu einer Frau führte, die vor etwa 200 000 Jahren in Afrika lebte. Sie wurde als mitochondriale »Eva« bezeichnet. Afrika ist die älteste und reichhaltigste Quelle für fossile Überreste der Hominini – des Stammes, zu dem der moderne Mensch und seine Vorfahren gehören, die sich vor etwa 7 Mio. Jahren von anderen Affen zu unterscheiden begannen.

Mehr als 20 Arten der Hominini entstanden, bevor der Homo sapiens um 300 000 v. Chr. auftauchte. Zu den ersten gehörten – etwa vor 4 Mio. Jahren – die affenähnlichen Australopithecinen, während der früheste bekannte Vertreter der Gattung Homo der Homo habilis (geschickter Mensch) war, der vor etwa 2,4 bis 1,6 Mio. Jahren lebte. Die erste Spezies mit körperlich vergleichbaren Proportionen war Homo erectus (aufrechter Mensch), der vor etwa 2 Mio. Jahren auftauchte und bis vor etwa 100 000 Jahren noch in Asien existierte. Unser unmittelbarer Vorfahre – Homo heidelbergensis – lebte vor 700 000 bis 300 000 Jahren.

Evolution des Menschen

Australopithecus afarensis hatte einen großen Kiefer und ein kleines Gehirn.

Homo erectus mit kleinerem Kiefer, aber größerem Gehirn.

Homo neanderthalensis mit ausgeprägtem Überaugenwulst und großer Nase.

Homo sapiens verfügt über ein großes Gehirn und ein kleines Gesicht.

Fortschritte der Menschen

Frühe Homininen entwickelten überlebensnotwendige Fähigkeiten. Steinwerkzeuge, in der Nähe des Turkana-Sees in Kenia gefunden (etwa 3,3 Mio. Jahre alt), wurden wahrscheinlich vom Kenyanthropus platyops hergestellt. Vor etwa 2,4 Mio. Jahren benutzte Homo habilis solche Werkzeuge, um Mark und Fleisch von Kadavern zu entfernen, während Homo heidelbergensis Steine zu Speerspitzen verarbeitete. Die Entwicklung des Homo sapiens vor etwa 300 000 Jahren aus afrikanischen Populationen von Homo heidelbergensis wird mit einer zunehmenden Zahl von Belegen für komplexe Verhaltensweisen in Verbindung gebracht wie z. B. die Verwendung natürlicher Pigmente, die in der Twin-Rivers-Höhle in Sambia nachgewiesen wurde. Die frühen Menschen schufen Faustkeile aus Steinen, mit denen sie Fleisch, Häute und Holz bearbeiten konnten. Feuer spendete ihnen Licht und Wärme und diente zum Kochen.

Mit der veränderten Ernährung passten sich auch Zähne und Aussehen an, und ihre Gehirngröße und ihre Fähigkeiten erweiterten sich. In der Blombos-Höhle in Südafrika wurden Knochenwerkzeuge, eine Werkstatt zur Verarbeitung von Ocker und die vielleicht älteste Zeichnung der Welt gefunden (etwa 70 000 Jahren alt). Die frühesten bekannten Minen in den Bergen von Swasiland wurden 43 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung von den Einheimischen ausgehoben, in denen Hämatit für die Verwendung als Farbstoff abgebaut wurde.

Homo-sapiens-Fossilien

Im Jahr 2005 wurden zwei Schädelteile, die der kenianische Anthropologe Richard Leakey 1967 in Äthiopien entdeckte, auf ein Alter von 195 000 Jahren geschätzt. Im Jahr 2017 wurden jedoch Fossilien eines Schädels, Gesichts und Kieferknochens, die 315 000 Jahre alt sein sollen, aus Jebel Irhoud, Marokko, eindeutig als Homo sapiens identifiziert. Man geht nun davon aus, dass sich der Homo sapiens nicht in einem Gebiet, sondern auf dem ganzen Kontinent entwickelt hat. Der Paläoanthropologe Jean-Jacques Hublin erklärte: »Der Garten Eden in Afrika ist wahrscheinlich ganz Afrika – und es ist ein sehr großer, großer Garten.«

Die ersten Menschen könnten wie diese Rekonstruktion aus Homo-sapiens-Fossilien ausgesehen haben. Ursprünglich dachte man, dass sie von einem Neandertaler-Mensch-Hybrid stammen.

Evolutionstheorie vor Darwin

Jahrhunderte vor Charles Darwins Veröffentlichung von Die Entstehung der Arten (1859) und Die Abstammung des Menschen (1871) entwickelte ein mittelalterlicher Schwarzer Schriftsteller eine frühe Evolutionstheorie. Obwohl er in Arabisch schrieb und in Bagdad lebte, war Abu Uthman al-Jahiz (781–869) ostafrikanischer Abstammung. Zu seinen Werken gehört das Buch der Tiere, das zu einem großen Teil Volksüberlieferungen wiedergibt. Eine Passage jedoch ist besonders wichtig: Er erklärt, wie alle Lebewesen sich ernähren, fortpflanzen, sich schützen und neue Eigenschaften entwickeln, um so ihr Überleben zu sichern. Diese gewonnenen Eigenschaften werden an die Nachkommen weitergegeben, wodurch sich die Art im Laufe der Zeit verändert. Obwohl Al-Jahiz seine Ideen nicht zu einer umfassenden Theorie formulierte, waren sie für seine Zeit sehr fortschrittlich. Sein Buch war ein wichtiger Beitrag zum frühen Evolutionsverständnis.

WIR WAREN ALLE AFRIKANER

WANDERUNGSBEWEGUNGEN AUS AFRIKA (UM 215 000–60 000)

IM KONTEXT

SCHAUPLÄTZE

Afrika, Asien, Europa

FRÜHER

Vor 1,8–1,6 Mio. JahrenH. erectus taucht in Dmanisi, Georgien, auf und gelangt vor 1,6 Mio. Jahren nach Java, Indonesien.

Vor 780 000 Jahren Funde aus Gesher Benot Ya-aqov, Israel, lassen vermuten, dass H. erectus Feuer machte.

Vor 430 000 Jahren DNA aus Fossilien in Spanien zeigt, dass sich aus den Homininen, die sich von Afrika ausbreiteten, die Neandertaler entwickelten.

SPÄTER

1930er In den Höhlen von Qafzeh und Skhul in Israel wurden Überreste des H. sapiens gefunden, die 80 000-120 000 Jahre alt sein sollen.

1949 Der Chemiker Willard Libby erschafft die Radiokohlenstoffdatierung, die auch zur Fossildatierung genutzt wird.

Im Jahr 2019 berichtete die britische Fachzeitschrift Nature, dass ein in den 1970er-Jahren in Südgriechenland entdeckter Teilschädel von einem Homo sapiens stammt und mehr als 210 000 Jahre alt ist – mindestens 15 000 Jahre älter als Kiefer und Zähne, die 2002 in Israel gefunden wurden, und 164 000 Jahre älter als alle anderen in Europa nachgewiesenen Überreste von Homo sapiens. Damit handelt es sich um den frühesten Beweis für die Migration des Menschen von Afrika ausgehend.

Mehr als eine Wanderung

Anthropologische und genetische Daten deuten darauf hin, dass alle Menschen ihren Ursprung in Afrika haben. Früher gingen Wissenschaftler davon aus, dass es vor etwa 70 000 bis 50 000 Jahren eine einzige große Migrationswelle gab. Die griechischen und israelischen fossilen Relikte lassen vermuten, dass die frühen Menschen Afrika in mehreren Migrationsbewegungen verließen, die mindestens 140 000 Jahre zurückliegen. Bislang sind diese wenigen Funde jedoch die einzigen Beweise für solche frühen Wanderungen. Es scheint denkbar, dass weit mehr Menschen Afrika vor etwa 125 000 Jahren verlassen haben. Dies könnte zum Teil auf dortige Dürreperioden oder andere Naturkatastrophen zurückzuführen sein. Möglicherweise zwang dies die Menschen, soziale Netzwerke aufzubauen, über die sie ihre Ressourcen miteinander teilen konnten, was ihre Verbreitung über die ganze Welt beschleunigte.

Dieser bearbeitete Stein (ca. 70 000 Jahre alt) aus der Blombos-Höhle in Südafrika zeigt die älteste bekannte Zeichnung und ist ein Beweis für die hohe Entwicklungsstufe des Homo sapiens.

»Diese Riesenmigration verschaffte unserer Spezies eine weltweite Dominanz, die sie bis heute nicht wieder aufgegeben hat …«

Guy Gugliotta

»The Great Human Migration«, Smithsonian Magazine

Legende:

1. Vor 300 000 Jahren

2. Seit 100 000 Jahren

3. Seit 60 000 Jahren

4. Vor 45 000–35 000 Jahren

5. Vor 45 000–35 000 Jahren

6. Vor 20 000–15 000 Jahren

7. Vor 15 000–12 000 Jahren

8. Vor 3500 Jahren

9. Vor 2500 Jahren

10. Vor 800 Jahren

Der Homo sapiens verließ Afrika erstmals vor mehr als 200 000 Jahren. Die Pfeile zeigen Wanderbewegungen auf, die auf archäologischen und genetischen Nachweisen beruhen.

Weltweite Verbreitung

Das Ausbreitungsmuster ist nach wie vor umstritten. Mit Ausnahme des 210 000 Jahre alten Schädels aus Griechenland wurden die ältesten Relikte von Homo sapiens (etwa 80 000 bis 180 000 Jahre alt) in Israel gefunden. Einige mutige frühe Menschen haben sich jedoch viel weiter nach Osten gewagt. Zähne aus einer Höhle in Südchina sollen etwa 100 000 Jahre und Steinwerkzeuge aus Indien über 74 000 Jahre alt sein. Dies deutet darauf hin, dass einige Menschen vom Horn von Afrika über die Straße von Bab el Mandeb nach Arabien gelangten, dann über die Straße von Hormus nach Eurasien und von dort aus nach Südostasien. Die wesentliche Expansion des Menschen aus Afrika fand wahrscheinlich vor etwa 70 000 Jahren statt, worauf fossile Relikte aus Bulgarien und England hinweisen. Als sich die Menschen in Eurasien verbreiteten, trafen sie auf eng verwandte Arten, darunter Neandertaler und Denisova-Menschen. Heutige genetische Untersuchungen zeigen, dass diese Arten sich vermischt haben. Vor 40 000 Jahren hatte sich der Homo sapiens von Afrika aus weit verbreitet, andere Homo-Arten waren dagegen verschwunden.

Der Homo sapiens erreichte den amerikanischen Kontinent vor 15 000 Jahren, eventuell sogar noch deutlich früher. Im Jahr 2020 wurden in der Chiquihuite-Höhle in Mexiko Steinwerkzeuge gefunden, die auf ein Alter von 26 000 Jahren geschätzt wurden, obwohl man dazu sagen muss, dass die frühen Daten sehr umstritten sind. Man vermutet, dass frühe Siedler Amerika von Nordostasien aus über eine riesige Landmasse namens Beringia erreicht haben. Nach einigen Eiszeiten hat diese Region Sibirien und Alaska miteinander verbunden.

Evolution des Menschen

Homo sapiens hatte ursprünglich dunkle Haut. Als sich die Menschen vom Äquator entfernten, nahm der evolutionäre Druck, sich durch dunkle Haut vor intensiver UV-Strahlung zu schützen, ab. Mit der Verteilung der Menschen über die ganze Welt veränderte sich die Hautfarbe erheblich. Die heute bekannte sehr helle Form der Pigmentierung entwickelte sich im lichtarmen Skandinavien um 5700 v. Chr., verbreitete sich aber erst mit der Ankunft der frühen Bauern aus dem Nahen Osten nach 6000 v. Chr. in ganz Europa. Je nach Klima und anderen Faktoren wurden auch die Körperformen und Gesichtszüge vielfältiger. Genetisch gesehen sind jedoch alle Homo-sapiens-Populationen auf der ganzen Welt sehr eng miteinander verwandt.

DER SCHMELZTIGEL DER ANTIKEN ÄGYPTISCHEN ZIVILISATION

PRÄDYNASTISCHES ÄGYPTEN (UM 6300–3150 V. CHR.)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Ägypten

FRÜHER

Um 10 000 v. Chr. Im Wadi Kubbaniya, in der Nähe des heutigen Assuan, werden Gerste und Weizen angebaut.

Um 7500 v. Chr. In Nabta-Playa, Südägypten, entstand der älteste, nach den Sternen und der Sonne angeordnete Steinkreis der Welt.

SPÄTER

3100 v. Chr. Die erste ägyptische Dynastie etabliert sich in der Stadt Memphis.

2575 v. Chr. Mit dem Amtsantritt von König Snofru beginnt das Alte Reich in Ägypten.

Um 2560–2500 v. Chr. Auf dem Gise-Plateau entstehen die größten Pyramiden des Alten Ägypten.

671 v. Chr. Der assyrische König Esarhaddon erobert Ägypten.

Die ursprünglichen Ägypter waren afrikanische Ureinwohner. Sie siedelten in der Sahara, als diese noch eine feuchte Region mit viel Weideland und reichlich Wasser war. Um 8000 v. Chr. existierte dort eine weit verbreitete neolithische Kultur, die hauptsächlich von Viehzucht, Fischfang und Ackerbau lebte. Gleichzeitig veränderte sich das Klima in der Sahara langsam von feucht zu trocken – verursacht durch eine leichte Verschiebung der Erdachse. Im Zuge dessen wanderten die Afrikaner von dort ins Niltal, nutzten die fruchtbaren Überschwemmungsgebiete und legten den Grundstein für verschiedene Dynastien, die die altägyptische Zivilisation prägten.

Die graue Schluffstein-Palette aus der Zeit um 3100 v. Chr. zeigt König Narmer, den Begründer der 1. ägyptischen Dynastie, wie er im Kampf einen Gegner tötet.

Vor den Dynastien

Archäologen unterteilen die ägyptische Frühgeschichte in Kulturen, die nach den Orten benannt sind, an denen die ersten Überreste entdeckt wurden. Steinwerkzeuge, die an Fundstellen im Niltal um den Qarun-See im Norden Ägyptens gefunden wurden, gehören zur Qarunien-Kultur, die um 6300 v. Chr. entstand. Die Merimde-Kultur im westlichen Nildelta bildete sich in der Zeit um 4800 v. Chr. heraus. Die Menschen dort bauten Getreide an, hielten Vieh und stellten einfache Töpferwaren her. Weiter südlich entstand die Badari-Kultur, etwa zeitgleich mit Merimde, aber höher entwickelt. Ihre Gräber enthielten Kupferperlen, -nadeln und -armbänder sowie Töpferwaren.

Die Sonnenhymne zeigt Hieroglyphen, die jeweils einen Gegenstand oder einen Klang darstellen. Dieses frühe Schriftsystem entstand zur Zeit der Naqada-Kultur.

Die Verarbeitungsqualität dieser Produkte war in der Geschichte des Alten Ägypten unübertroffen. Die Naqada-Kultur (um 4000–3500 v. Chr.) folgte auf die Badari-Kultur. Die Bevölkerung verwendete Lehmziegel zum Bau von Gebäuden und fertigte Boote aus Papyrus. Sie trieb Handel entlang des Nils und importierte Waren wie Gold und Obsidian (ein dunkles vulkanisches Glas) aus Nubien sowie Zedernholz aus der phönizischen Stadt Byblos.

Auf Naqada I folgte Naqada II von etwa 3500 bis 3200 v. Chr. Die rot bemalten Töpferwaren waren mit zahlreichen plastischen Motiven verziert, darunter Menschen, Flamingos und Boote. Über den Handelsweg gelangten Silber – vermutlich aus dem Nahen Osten – und Elfenbein ins Land, das zu Gebrauchsartikeln wie Afrokämmen verarbeitet wurde. Die Naqada-II-Kultur breitete sich zu einer Reihe von Stadtstaaten in Oberägypten aus. Unter König Narmer eroberten sie um 3150 v. Chr. Unterägypten, was zur Gründung der 1. Dynastie führte.

Fortschrittliche Kommunikation

Einige der Symbole auf der Naqada-Keramik waren die Prototypen der Hieroglyphenschrift, einer vollständig alphabetischen und teils bildhaften Schriftform. Ab etwa 3000 v. Chr. entwickelten die Ägypter der 1. Dynastie die hieratische Kursivschrift, die für Handel, mathematische und religiöse Dokumente genutzt wurde. Beide Schriftformen wurden auf Papyrusrollen verewigt – ein nützliches Produkt aus der Papyruspflanze.

»Ist es nicht möglich, ein bestimmtes Dorf im Niltal herauszugreifen, um daran den ethnischen Wandel von ›Schwarz‹ zu ›Weiß‹ nachzuzeichnen?«

Shomarka Keita

Afroamerikanischer Anthropologe

Waren die alten Ägypter Schwarze?

Die seit Langem geführte Debatte über die ethnische Zugehörigkeit der alten Ägypter spitzte sich Anfang der 1970er-Jahre zu, als die UNESCO eine achtbändige Geschichte Afrikas in Auftrag gab. Die Rolle des Alten Ägypten in diesem Werk wurde zu einem Streitpunkt, warum die UNESCO im Januar 1974 zu einem Symposium zum Thema einlud. 18 europäische und arabische Wissenschaftler behaupteten, dass die alten Ägypter Kaukasier waren. Zwei afrikanische Professoren, Cheikh Anta Diop und Theophile Obenga, vertraten die Ansicht, dass »das alte Ägypten von seinem Anfang bis zum Ende der einheimischen Dynastien von schwarzen Afrikanern bevölkert war«. Im Abschlussbericht wurde eine »mangelnde Ausgewogenheit in den Diskussionsrunden« festgestellt und zur Unterstützung der afrikanischen Historiker erklärt, dass »nicht alle Teilnehmer vergleichbare Beiträge vorbereitet haben wie die Professoren Cheikh Anta Diop und Theophile Obenga«.

DAS GESCHENK DES NILS

ÄGYPTENS ALTES, MITTLERES UND NEUES REICH (2575–1069 V. CHR.)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Ägypten

FRÜHER

Um 9000–6000 v. Chr. Neolithische Bauern siedeln in der Fayyum-Oase Nordägyptens.

Um 3500 v. Chr. In der Naqada-Kultur werden erstmals Verstorbene mumifiziert.

SPÄTER

671–666 v. Chr. Die Assyrer erobern schließlich Ägypten unter Assurbanipal.

332 v. Chr. Alexander der Große erobert Ägypten; sein General Ptolemaios gründet 305 v. Chr. eine neue Dynastie.

30 v. Chr. Kleopatra VII. stirbt; Ägypten wird römische Provinz.

639–642 n. Chr. Das Rashidun-Kalifat erobert Ägypten; die Muslimherrschaft beginnt.

1517 Das Osmanische Reich inkorporiert Ägypten.

»Die Geschichte Subsahara-Afrikas wird so lange nicht vollständig erfasst werden können, bis afrikanische Historiker es wagen, sie mit Ägyptens Geschichte zu verknüpfen.«

Cheikh Anta Diop

Senegalesischer Historiker (1923–1986)

Die Geschichte des Alten Ägypten spielt sich rund um den Nil mit seinen reichhaltigen Ressourcen ab. Der fischreiche Fluss versorgte eine Gesellschaft, die in der mediterranen Welt fast 3000 Jahre lang einzigartig blieb. Der Ackerbau auf dem fruchtbaren Boden des Schwemmlandes richtete sich nach den Jahreszeiten. Bergbau, Handel und der Transport von Materialien zum Bau riesiger königlicher Bauwerke in der Wüste hingen von der Fließgeschwindigkeit des Nils ab.

Herrschende Dynastien

Der Aufstieg Ägyptens setzte ein, nachdem Narmer um 3150 v. Chr. Ober- und Unterägypten einte. Er gründete die Stadt Memphis im Nildelta, die im Laufe der 3. Dynastie Thinis als Ägyptens Hauptstadt ablöste. Nach der 2. Dynastie folgten drei Goldene Zeitalter, die als Königreiche bekannt sind: das Alte Reich (Dynastien 3 bis 6), das Mittlere Reich (Dynastien 11 und 12) und das Neue Reich (Dynastien 18 bis 20). Die drei dazwischenliegenden Perioden waren von politischen Krisen, internen Konflikten und Angriffen von außen überschattet. Dennoch machte das Alte Ägypten in allen Lebensbereichen Fortschritte, sei es in der Hieroglyphenschrift, der Kunst und der Mathematik oder beim Bau von Städten und monumentalen Grabmälern.

Göttlicher Herrscher

Die Pharaonen, die Herrscher Ägyptens, wurden als Vermittler zwischen den Menschen und einer Vielzahl von Göttern verehrt, wovon viele als Hybridformen aus Mensch und Tier dargestellt wurden. Die Götter, so der Glaube, lenkten alle Aktivitäten auf Erden – von Fruchtbarkeit und Geburt über Nilfluten und Ernten bis hin zum Leben nach dem Tod. Führende Gottheiten waren der Sonnengott Ra und Osiris, Gott des Todes und der Auferstehung sowie letzter Seelenrichter. Riesige Pyramiden beherbergten königliche Gräber, die mit Gemälden und Schätzen ausgestattet waren. Die Rituale der Mumifizierung und des Totenzaubers sollten den Eintritt in ein Leben nach dem Tod gewährleisten, das einer Utopie des irdischen Lebens glich. Der Pharao hatte die Aufgabe, die von der Göttin Maat verordnete kosmische Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten und das Wohlergehen des Volkes zu sichern. Die Umsetzung seines Willens erfolgte durch den Wesir, den obersten Beamten, und wurde in den Nomen (Provinzen) umgesetzt, in die Ober- und Unterägypten unterteilt waren.

Das Alte Reich

Während des Alten Reichs (2575–2130 v. Chr.) wurden bis zu 13 Pyramiden gebaut. Die erste, die Stufenpyramide in Sakkara, in der Nähe des Deltas, war Teil des Grabkomplexes für Pharao Djoser, den zweiten Regenten der 3. Dynastie. Das sechsstufige Bauwerk ist das älteste monumentale Steinbauwerk Ägyptens und wird Djosers Wesir Imhotep zugeschrieben, einem legendären Priester und Universalgelehrten, der später als Gott der Medizin verehrt wurde. Snofru, der erste Herrscher der 4. Dynastie, gab die Meidum-Pyramide sowie weiter nördlich in Dahschur die Knickpyramide und die Rote Pyramide in Auftrag. Das Grab seiner Königin Hetepheres, das 1925 in Gise entdeckt wurde, enthielt einen Alabaster-Sarkophag, goldverzierte Möbel und Silberarmbänder, die mit Halbedelsteinen besetzt waren. Die Cheops-Pyramide wurde für den Nachfolger von Snofru, Cheops, gebaut, die beiden kleineren Pyramiden für Chephren und Menkaure. Während dieser Ära des Wohlstands entwickelte sich Ägypten zu einer urbanen Hochkultur mit Städten, Ortschaften und Häfen entlang des Nils und einer Bevölkerung von etwa 8 Mio. Menschen, die auf einer Fläche von 29 785m2 entlang des Flusses lebten. Mit der Zeit verlagerte sich die Macht, da der Reichtum und die Ressourcen der Hauptstadt durch den Bau von Tempeln und massiven Grabmälern dezimiert wurden. Die Provinzen, die unter der Kontrolle der Gaufürsten (Bezirkspriester) standen, konkurrierten um die Macht, und die Herrschaft war während der Ersten Zwischenzeit (2130–2040 v. Chr.) gespalten. Es war eine Ära der Unruhen, in der die Armen den Reichen die Macht entrissen und Eindringlinge aus dem Nahen Osten einströmten.

Die Cheops-Pyramide

Sie ist eines der sieben Weltwunder der Antike und 146,5m hoch. Sie wurde aus rund 2,3 Mio. Steinblöcken errichtet und war ursprünglich mit glattem weißem Kalkstein verkleidet.

Goldene Zeiten und Kampf

Die als Mittleres Reich (2040–1782 v. Chr.) bekannte Epoche begann, nachdem Mentuhotep II. die Provinzstadt Herakleopolis in Unterägypten besiegt und Theben, die dem Gott Amon geweihte Metropople in Oberägypten, zur Hauptstadt eines wiedervereinigten Landes gemacht hatte. Unter Senwosret II. in der 12. Dynastie florierten die Provinzen durch Investitionen in ausgehobene Brunnen und Wasserreservoirs. Die neue Stadt al-Lahun verfügte über rechtwinklig verlaufende Straßen und steinerne Abwasserkanäle. Die kleinen Häuser hatten vier bis sechs Zimmer, die Herrenhäuser bis zu 70. In der Zweiten Zwischenzeit (1782–1570 v. Chr.) drangen semitische Nomaden in den Norden ein und gründeten ihre Hauptstadt Avaris. Von der 13. bis zur 17. Dynastie wurde Ägypten von Eroberern regiert, bevor die Letzten von ihnen – die Hyksos – von Ahmose I. gestürzt wurden. So begann das Neue Reich (1570–1069 v. Chr.), in dem die Expansion Ägyptens in den Nahen Osten und den Sudan vorantrieben wurde. Amenhotep I., der zweite Herrscher der 18. Dynastie, brachte während seiner 25-jährigen Regierungszeit Künstler, Dichter, Wissenschaftler und Theologen zusammen und sorgte für eine kulturelle Blütezeit. Bis zu 13 Frauen regierten zeitweise in Ägypten, doch Hatschepsut (18. Dynastie) war eine der wenigen, die den Titel und die Macht eines Pharaos erhielten. Während ihrer 21-jährigen Regentschaft gab sie einen in Felsen gehauenen Tempel in Deir el-Bahri in Auftrag. An den Wänden finden sich Aufzeichnungen über Reisen ins Goldland Punt, am südlichen Ende des Roten Meeres, von denen etwa Weihrauch, wilde Tiere, Kautschuk, Gold, Elfenbein und Ebenholz mitgebracht wurden. Diese Zeit des Wohlstands hielt auch während der Herrschaft von Amenhotep III. an. Den ägyptischen Exporten von Getreide, Papyrus, Leinen und Leder standen Importe von Holz, Olivenöl, Eisen für Waffen, Wein aus Kleinasien und Syrien sowie Kupfer und Silber von den Inseln der Ägäis und des Mittelmeeres gegenüber.

Amenhotep III. (der Prächtige) verhalf Ägypten im Neuen Reich zu größter Macht und Reichtum. Diese Granodiorit-Statue (um 1350 v. Chr.) ist aus seinem Grabtempel in Theben.

Vier große Statuen von Ramses II., 20 m hoch und aus den Sandsteinfelsen gehauen, stehen vor den Tempeln der Sonnengottheiten Ra und Ra-Horachti in Abu Simbel nahe Assuan.

»Du ziehst hinauf zum Horizont, du bringst Licht in die Dunkelheit … und du erleuchtest die Zwei Länder wie die Sonne bei Tagesanbruch.«

Hymne an Osiris

Das Totenbuch von Ani, um 1275 v. Chr.

Aufstieg und Untergang

In ihrer Blütezeit im 14. Jahrhundert v. Chr. hatte die Stadt Theben (das heutige Luxor) bis zu einer Million Einwohner. Am Rande der Stadt säumten gut ausgestattete Häuser mit bis zu 60 Zimmern die baumreichen Alleen. In der Nähe des Zentrums stand der Königspalast. In den großen Tempeln am Ostufer arbeiteten zahlreiche Priester und Gelehrte. In der 18. Dynastie änderte Amenhotep IV. seinen Namen in Echnaton und gründete in Amarna eine monotheistische Religion. Tutanchamun führte jedoch später die alte Religion wieder ein. In der 19. Dynastie erlebte Ägypten unter Pharaonen wie Ramses II. den Höhepunkt seiner Macht, doch in der 20. Dynastie gab es eine Machtverschiebung zugunsten der Amun-Priester in Theben. Unruhen, Thronfolgestreit und eine Dürre trieben Ägypten in den Niedergang. In der Dritten Zwischenzeit (1069–525 v. Chr.) fielen die Assyrer, die Perser und die Griechen in Ägypten ein. Nach dem Tod der letzten Pharaonin, Kleopatra VII., im Jahr 30 v. Chr. herrschten die Römer mit Unterbrechungen 600 Jahre lang über Ägypten, bis zur ersten muslimischen Besetzung im 7. Jahrhundert.

Das Totenbuch des Hunefer (um 1275 v. Chr.) ist ein Papyrus mit illustrierten Zaubersprüchen, die die Reise der Seele vom Grab zum Schilffeld, dem Paradies, erleichtern sollen.

Ramses der Große

Ramses II., der zweite König der 19. Dynastie, kam 1279 v. Chr. an die Macht, als sich das Neue Reich auf seinem Höhepunkt befand. Er verdiente sich den Titel Ramses der Große in Anerkennung seiner gewaltigen Feldzüge und seines architektonischen Erbes. Während seiner 66-jährigen Herrschaft stellte er ein stehendes Heer von 100 000 Soldaten auf, um Gebiete zurückzugewinnen, die unter früheren Königen verloren gegangen waren, und um Angriffe abzuwehren.

Sein berühmter Sieg über die Hethiter in der Schlacht von Qadesch ist umstritten, aber nachdem er mehrere schwer zu kontrollierende Gebiete gewonnen hatte, schloss er 1258 v. Chr. einen Friedensvertrag mit den Hethitern. Seine Ehe mit einer hethitischen Prinzessin sicherte diesen Pakt ab. Ramses’ architektonisches Vermächtnis bestand aus einer neuen Hauptstadt (Pi-Ramesse), einem Tempelkomplex (Ramesseum) und zwei in Fels gehauenen Tempeln in Abu Simbel. Er starb im Jahr 1213 v. Chr. im Alter von 96 Jahren.

DAS LAND DES BOGENS

DAS NUBISCHE KÖNIGREICH VON KERMA (UM 2400–1500 V. CHR)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Sudan

FRÜHER

Um 5000 v. Chr. Afrikaner aus der Sahara und weiter südlich siedeln sich im Niltal an.

Um 3400 v. Chr. In Ta-seti – dem späteren Nubien – wird eine Monarchie gegründet.

Um 3200 v. Chr. Siedlungsbeginn in der Gegend von Kerma.

SPÄTER

Um 860 v. Chr. Eine mächtige Generation kuschitischer Könige etabliert sich in Napata.

Um 727 v. Chr. Pije, König von Kusch, fällt in Ägypten ein, erobert Theben und gründet die 25. Dynastie.

350 n. Chr. Das Aksum-Reich erobert Meroe, die letzte Hauptstadt von Kusch, wodurch das nubische Königreich erlischt.

Das Alte Ägypten war nicht die einzige Hochkultur des Niltals. Das südlich davon gelegene Kusch – in Nubien, dem heutigen Südägypten und Sudan – stellte ein ebenso altes und fortschrittliches Königreich dar. Seine Bevölkerung entwickelte komplexe Städte, ein mächtiges Heer und ein Handelsnetz, das sich nach Süden und Osten sowie in den Norden Ägyptens erstreckte. Viele Jahre lang nahmen Weiße Historiker und Archäologen an, dass Kusch lediglich ein Außenposten Ägyptens war. Erst im späten 20. Jahrhundert wurde klar, dass es sich um ein eigenständiges indigenes Königreich handelte, das gelegentlich sogar seinen ägyptischen Nachbarn in den Schatten stellte.

Die Nubier huldigen Ägypten auf einer Wandmalerei aus dem Grab eines Vizekönigs. Sie überbringen nubische Waren, darunter Gold und Weihrauch.

Kermas Aufstieg

Die Stadt Kerma lag im Herzen von Kusch und wurde um 2400 v. Chr. zur Hauptstadt eines geeinten Staates. Um 2000 v. Chr. war Kusch der engste Handelspartner Ägyptens und besaß ein Heer, dessen Soldaten für ihre Kampfkünste, insbesondere im Bogenschießen, bekannt waren. Ägypten nahm den wachsenden Einfluss des kuschitischen Kerma wahr, wodurch in den nächsten 500 Jahren Konflikte vorprogrammiert waren. 1750 v. Chr. eroberte Kerma das Königreich Sai, das auf einer Insel im Nil lag. Dies brachte Kerma die Vorherrschaft über den Handel zwischen dem Ersten und dem Vierten Katarakt (siehe rechts) des Nils ein und sein Goldenes Zeitalter begann.

Kerma wuchs zu einer dicht besiedelten Stadt mit bis zu 10 000 Einwohnern heran. Das Stadtzentrum war von einer massiven, mehr als 9 m hohen Lehmziegelmauer mit Türmen umgeben. Innerhalb der Mauer, hinter vier Wehrtoren, befanden sich Gärten, der Königspalast, Adelshäuser und die Deffufas – große weiße Tempel (siehe unten). Hinter einer weiteren Mauer waren zudem Bronzegießereien, Lagerräume, Kapellen und Priesterwohnungen untergebracht. Auf einem Friedhof lagen königliche Gräber, von denen einige mehr als 60 m breit und mit Hunderten Menschen- und Tieropfern gefüllt waren. Die Entdeckung von Skarabäus-Siegeln und -Amuletten an dieser Stätte lässt auf einen regen Handel mit Ägypten schließen.

Die Stadt besaß Goldminen und kontrollierte wichtige Handelsrouten zwischen Ägypten und anderen afrikanischen Ländern. Zudem exportierte sie Versklavte und Waren wie Weihrauch, Ebenholz, Elfenbein, Tierhäute und Straußeneier. Kerma produzierte darüber hinaus feinste Fayence-Glasuren und Keramik sowie Bronzewerkzeuge.

Das Königreich geht unter

Um 1550 v. Chr. versuchte Kerma erfolglos Ägypten einzunehmen. Die Ägypter schlugen daraufhin zurück, bis sie im Jahr 1500 v. Chr. Kerma eroberten. Ägypten besetzte Kusch für die nächsten 500 Jahre. Der endgültige Niedergang der Stadt wurde durch das Versiegen der Nilkanäle, die Wasserversorgung der Stadt, beschleunigt.

Legende

Kusch

Moderne Ländergrenzen

Das Kerma-Reich machte das kuschitische Gebiet zu einem Großreich, das weite Teile des Niltals kontrollierte. Der Nil wurde anhand seiner sechs flachen, felsigen Stellen bemessen – die sogenannten Katarakte (aus dem Griechischen für »hinunterstürzen«).

Lehmtempel

Zwei monumentale Tempel in Kerma zeugen von der 1000-jährigen Vorherrschaft der Stadt. Sie werden Deffufas genannt, nubisch für »Gebäude aus Lehmziegeln«. Der besterhaltene Tempel, der westliche Deffufa, ist 18 m hoch, hat drei Stockwerke und umfasst eine Fläche von etwa 1400m2, die von einer Grenzmauer umgeben ist. Im Inneren des Tempels führte ein Netz von Gängen zu den mit Säulen gesäumten Räumen. Die Raumwände waren bunt bemalt und mit Kacheln und Blattgold verziert. Eine Treppe führte auf das Dach, wo auf einem Altar öffentliche Zeremonien, vermutlich Opferungen, stattfanden.

Die östliche Deffufa, ein eher gedrungenes, zweistöckiges Bauwerk mit etwa 10m dicken Außenmauern, liegt in der Nähe eines Friedhofs mit 30 000 hügelähnlichen Gräbern. Der Tempel, bei dem es sich möglicherweise um die königliche Grabkapelle handelte, verfügte über zwei Säle die mit Tierporträts in den Farben Rot, Blau, Gelb und Schwarz gestaltet waren.

Die dicken Lehmziegelmauern des westlichen Deffufa hielten die Zeremonienräume trotz brütender Hitze in der nubischen Wüste kühl.

DIE AUSBREITUNG VON SPRACHE

WANDERUNGEN DER BANTU (UM 1000 V. CHR.)

IM KONTEXT

SCHAUPLÄTZE

Zentral- und südliches Afrika

FRÜHER

Um 3500 v. Chr. Die Ur-Bantu sprechenden Menschen leben im Nigerdelta.

Um 3500–2500 v. Chr. Einige wenige Bantu verlassen ihre Heimat.

SPÄTER

Um 1000–500 v. Chr. Bantuvölker lassen sich in Zentralafrika nieder.

Um 600 v. Chr. Beginn der Eisenproduktion in Meroe.

Um 200 v. Chr. Bantu ziehen nach Südostafrika.

Um 300–500 Bantuvölker leben in KwaZulu-Natal und im Flussgebiet des Limpopo in Südafrika.

Um 200–1400 Bantu tauchen in der Region der Großen Seen im östlichen Zentralafrika auf.

Die Wanderbewegungen der Bantu aus dem Nigerdelta um das Jahr 1000 v. Chr. gehören zu den wichtigsten Migrationsbewegungen in der Geschichte Afrikas. Sie veränderten das zentrale und südliche Afrika, indem sie die Eisenverhüttung und verbesserte Formen der Landwirtschaft einführten und einen Wissensaustausch ermöglichten, der zu gemeinsamen Kunst- und Handwerkstraditionen führte.

Gemeinsame Sprache

Der Begriff »Bantu« bezeichnet keine bestimmte Ethnie, sondern bezieht sich vielmehr auf eine bestimmte Sprachengruppe, die über das westliche, zentrale, östliche und südliche Afrika verteilt ist. Die Mehrheit der Bantusprechenden, etwa 100 bis 150 Mio. Menschen, lebt heute in der Demokratischen Republik Kongo (DRK), der Republik Kongo, Uganda, Kenia, Tansania, Malawi, Simbabwe und Swasiland.

»[Die Bantuwanderungen waren] weder ein zielloses nomadisches Umherziehen noch eine organisierte kriegerische Eroberung.«

Gamal Mokhtar

General History of Africa, 1981

Ursprung

Mündliche, sprachliche und archäologische Quellen zeigen, dass die Ur-Bantu im Benue- und Cross-River-Becken im östlichen Nigeria und westlichen Kamerun in Zentralafrika beheimatet waren. Forschungen deuten darauf hin, dass der Übergang von einer gefährlichen »Jäger und Sammler«-Wirtschaft zu einem sesshafteren Leben, ermöglicht durch Ackerbau und Viehzucht, zu einem starken Bevölkerungswachstum führte. Dies veranlasste einige von ihnen, ihre Heimat zu verlassen und nach neuen Siedlungsgebieten zu suchen. Es gibt keine Beweise dafür, dass dies zu einer zeitgleichen Massenwanderung führte, und es gab keine vorher festgelegte Route, sondern nur eine Tendenz, in südliche Richtung zu ziehen. Die Migration aus dem Nigerdelta begann um 2000 v. Chr. Die meisten Historiker vermuten, dass die klimabedingte Regenwaldzerstörung im westlichen Zentralafrika vor etwa 2500 Jahren den Bantuwanderungen neuen Antrieb bot. Einige Theorien besagen, dass die Agraraktivitäten der Bantu selbst Grund für den Waldschwund waren und es notwendig machten weiterzuziehen.

Legende

Urheimat der Bantu

Erste Wanderbewegung

Ostbantu

Westbantu

Ausbreitung der Bantu

Die Bantu zogen grundsätzlich nach Süden. Grund war die Wüstenbildung in Nordafrika ab 5000 v. Chr. Über viele Generationen hinweg schufen sie ein kontinentales Netz bantusprachiger Volksgruppen.

Kulturelle Ausbreitung

Die Wanderbewegungen der Bantu zeigen, wie die Interaktion zwischen Menschen den Fortschritt von Kulturen begünstigt. Die Ausbreitung der Bantusprechenden ist nicht durch Kriege und Eroberungen erfolgt. Vielmehr passten sie sich an ihre neue Umgebung an und führten erfolgreich Innovationen wie die Eisenverhüttung oder verzierte Töpferwaren ein. Kontakte zwischen afrikanischen Bevölkerungsgruppen führten zur Verbreitung künstlerischer Ideen, religiöser Praktiken sowie von Ernährungsgewohnheiten, gemeinschaftlichen Bräuchen bis hin zur Entwicklung von Vokabular und Satzbau.

Aus der Ursprache entwickelten sich nach und nach Sekundärsprachen – das Westbantu und das Ostbantu. Das Westbantu breitete sich zwischen den Flüssen Sangha, Ubangi und Kongo-Lualaba sowie später in Angola und Namibias Südwesten aus. Das Ostbantu erreichte die Kilimandscharo-Region in Tansania sowie Mosambik und gelangte schließlich nach Südostafrika. Um 1200 zogen Bantusprechende in die Regionen der Großen Seen des heutigen Ruanda, Burundi und Uganda.

Eisenverarbeitung, Landwirtschaft und Handwerk

Die Bantu waren Vorreiter in der Eisenverhüttung und gründeten eisenzeitliche Siedlungen in ganz Subsahara-Afrika. Während einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass die Bantugruppen die Fähigkeiten zur Eisenverarbeitung in ihrer Heimat erwarben, vermuten andere, dass sie sich diese um 600 v. Chr. nach Kontakten mit dem Königreich von Meroe aneigneten. Eisenwerkzeuge waren jenen aus Kupfer und Bronze weit überlegen. Bauern konnten mit ihnen selbst sehr steinige Böden kultivieren, und Kunsthandwerker nutzten sie, um etwa Töpferwaren mit komplexen Mustern zu verzieren. Kulturell ähnliche Volksgruppen verwendeten gleiche Muster und Methoden für die Verzierung von Gegenständen, wodurch Ethnologen Töpferwaren der Bantu von denen anderer Gruppen unterscheiden können.

Die Rillen auf dem stilisierten Gesicht einer Kupferfigur der Kota in Gabun sind ein typisches Merkmal der Bantukunst.

DIE REICHSTE STADT DER ANTIKE

SEEFAHRER SIEDELN SICH IN KARTHAGO AN (814 V. CHR.)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Karthago (Tunesien)

FRÜHER

1550–1350 v. Chr. Die phönizischen Städte Tyros, Sidon, Beirut und Byblos florieren unter ägyptischer Oberhoheit.

1200–800 v. Chr. Die phönizischen Stadtstaaten etablieren Handelsposten im gesamten Mittelmeerraum und an der nordafrikanischen Küste.

SPÄTER

580–265 v. Chr. Territorialkonflikte auf der strategisch wertvollen Insel Sizilien eskalieren zu wiederholten Sizilienkriegen zwischen Karthagern und Griechen.

264–146 v. Chr. Karthago und die Römer ringen in den drei Punischen Kriegen um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum.

146 v. Chr. Die Römer erobern und zerstören Karthago.

Zwischen dem 8. und 2. Jahrhundert v. Chr. beherrschte der Stadtstaat Karthago, in der Nähe des heutigen Tunis, den westlichen Mittelmeerraum und war in seiner Blütezeit die reichste Siedlung der Antike. Karthago hatte eine multiethnische afrikanische Identität. Die Stadt wurde von den Phöniziern gegründet, die als Schiffsbaumeister und Seefahrer aus Küstenstädten stammten. Seit etwa 1200 v. Chr. überquerten sie das Mittelmeer auf der Suche nach Silber, Kupfer und Zinn und handelten mit feinem phönizischem Glas, Textilien, Keramik, Wein und Metallwaren. Der Name Phönizier bedeutet, aus dem Griechischen übersetzt, so viel wie »Purpurvolk« und bezog sich auf ihre Herstellung eines lukrativen Purpurfarbstoffs, der aus einer Meeresschnecke gewonnen und von Roms Elite für ihre Gewänder verwendet wurde.

Gründungsgeschichte

Eine Version der Gründungslegende Karthagos stammt vom römischen Dichter Vergil. Im Jahr 814 v. Chr. war eine phönizische Prinzessin gezwungen, aus Tyros zu fliehen, nachdem ihr Mann von ihrem Bruder, dem König von Tyros, ermordet worden war. Nach einer langen Seereise landete sie mit ihrer Flotte an der nordafrikanischen Küste, wo sie mit einem Berberkönig den Bau von Qart Hadasht (Karthago), was so viel wie »Neue Stadt« bedeutet, aushandelte.

Karthagos kreisförmiger Militärhafen, der Kothon, hatte Platz für 220 Kriegsschiffe und wurde von der Admiralität überwacht, die auf der Zentralinsel untergebracht war. Ein angrenzender Handelshafen führte auf das Meer hinaus.

Maritimes Großreich

Strategisch günstig an der nordafrikanischen Küste gelegen und durch den Golf von Tunis geschützt, wurde Karthago zum Handelsmittelpunkt zwischen Afrika und Europa. Karthagische Seefahrer beschafften Zinn, Kupfer und Silber entlang ihrer etablierten Handelsrouten und versenkten Schiffe anderer, um ihre Vorherrschaft zu sichern. Im 3. Jahrhundert v. Chr. erstreckte sich das karthagische Reich bis zur marokkanischen Atlantikküste und hatte zusätzlich Siedlungen auf Sardinien, Korsika, Sizilien, Malta, den Balearen und dem spanischen Festland. Historiker beschreiben die Phönizier als Mittler zwischen den Kulturen der antiken Welt. Punisch, ihre Sprache und Schrift, war im Mittelmeerhandel weit verbreitet. Im 3. Jahrhundert v. Chr. soll Karthago eine Bevölkerung von 500 000 Menschen gehabt haben, die meisten afrikanischer Abstammung. Einige hatten ihre Wurzeln in Kusch, im Niltal, und im Alten Ägypten. Viele besaßen phönizische Vorfahren.

Die Stadt war von einer 37 km langen gewaltigen Stadtmauer umgeben, die Häuser mit bis zu sechs Stockwerken und prächtige, mit Metallen, Holz und Marmor verzierte Tempel umfasste. Eine hohe Zitadelle, die Byrsa, überragte die Wohnviertel mit Theatern, Bibliotheken und Bädern. Es gab Kasernen für 20 000 Soldaten, Stallungen für 4000 Pferde und 300 Elefanten. Die Stadt mehrte ihren Reichtum durch die Landwirtschaft, und es wurden Weintrauben, Oliven und Gemüse exportiert, die auf städtischen, von Kanälen bewässerten Anlagen angebaut wurden, sowie Getreide von den fruchtbaren Feldern außerhalb der Stadt. Die Glas- und Metallverarbeitung vereinte libysche, berberische, griechische, nubische und ägyptische Einflüsse. Säulen und Statuen in den Stadtruinen ehrten die Göttin Tanit und ihren Partner Baal Hammon, wichtige phönizische Gottheiten, die das Fundament der karthagischen Religion bildeten.

Kampf und Untergang

Vom 6. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. wurden Seegefechte zwischen Karthago und seinen griechischen Rivalen um die Insel Sizilien ausgetragen, die zwischen der nordafrikanischen Küste und Süditalien liegt. Ab 264. v. Chr. versammelte Karthago Armeen von Libyern, Numiden, Phöniziern und Menschen gemischter punisch-nordafrikanischer Abstammung, um die römische Vormachtstellung anzugreifen. Die daraus folgenden drei Punischen Kriege führten 146 v. Chr. zum Untergang Karthagos.

Glaspastenanhänger mit menschlichen Köpfen waren ein Markenzeichen der Glasmacher in Karthago. Dieser stammt aus dem 4. oder 3. Jh. v. Chr.

Entwicklung des Alphabets

Den Phöniziern wird die Erfindung eines Alphabets mit 22 Buchstaben um 1050 v. Chr. zugeschrieben, das sich durch den Handel im Mittelmeerraum und entlang der Ägäisrouten nach Kreta und bis auf das griechische Festland verbreitete. Ihr Schriftsystem, das aus vereinfachten linearen Zeichen besteht, wurde wohl von einem frühen, auf ägyptischen Hieroglyphen basierenden Bildalphabet abgeleitet. Es könnte von semitisch sprechenden Menschen in Mittelägypten um 1400 v. Chr. entwickelt worden sein. Das phönizische Alphabet, das mit den Buchstaben Aleph, Beth, Gimel und Daleth beginnt, war die Grundlage für das altgriechische Alphabet. Die griechischen Buchstaben wiederum stellen Vorläufer der heute weit verbreiteten lateinischen Schrift dar. Der lateinische Buchstabe A wird etwa vom griechischen Buchstaben Alpha abgeleitet, dieser wiederum stammt vom phönizischen Buchstaben Aleph ab.

EINE LODERNDE FLAMME LÖSCHT DAS WISSEN AUS

DIE VERLORENE BIBLIOTHEK VON ALEXANDRIA (UM 300 V. CHR.)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Ägypten

FRÜHER

Um 331 v. Chr. Alexander der Große gründet Alexandria.

307 v. Chr. Der Statthalter von Athen, Demetrios von Phaleron, flüchtet nach seinem Sturz nach Alexandria.

305 v. Chr. Der General Ptolemaios I. Soter folgt auf Alexander den Großen an der Spitze Ägyptens und begründet dort die letzte Dynastie.

SPÄTER

Um 40 v. Chr. Kallimachos stellt einen Bestandskatalog der Großen Bibliothek zusammen.

639 n. Chr. Das Kalifat erobert Ägypten.

1517 Der osmanische Sultan Selim I. besiegt das ägyptische Mamlukensultanat und macht sein Reich zu einem der mächtigsten der Welt.

Um 300 v. Chr. begann der ägyptische Herrscher Ptolemaios I. Soter eine Bibliothek zu errichten, die ein Exemplar sämtlicher Bücher der Welt enthalten sollte. So entstand die Bibliothek von Alexandria, die über einen Bestand von bis zu einer halben Million Papyrusrollen verfügt haben soll. Auf Anregung eines seiner Berater, Demetrios von Phaleron, errichtete Soter in enger Beziehung zur Bibliothek ein Kulturzentrum, das sogenannte Museion. Dieses und die Papyrusbestände wurden von Soters Sohn, Ptolemaios II. Philadelphus, erweitert. Die Sammlungen waren bald so umfangreich, dass eine Zweigbibliothek, das Serapeiom, auf dem Gelände des Serapis-Tempels errichtet wurde. Zusammen bildeten das Museion, die Bibliothek und das Serapeion die bedeutendste wissenschaftliche Einrichtung der Antike.

Die Bibliothek brennt

Von der Bibliothek ist heute nichts mehr erhalten und der damit einhergehende Mangel an archäologischen Funden hat zu verschiedenen Mythen beigetragen. In Wahrheit gab es kein »einzelnes helles Feuer«. Nicht belegt ist auch, dass der römische General Julius Caesar den ersten Schaden verursacht haben soll, als er um 48 v. Chr. die ägyptische Königin Kleopatra im Krieg gegen ihren Bruder und Mitregenten Ptolemaios XIII. unterstützte. Ptolemaios belagerte Caesar im Königspalast, der daraufhin seinen Soldaten befohlen haben soll, Ptolemaios’ Schiffe im Hafen in Brand zu setzen. Das Feuer soll dann auf andere Teile der Stadt, auch auf einen Teil der Bibliothek, übergegriffen haben.

Die Bibliothek wurde nicht durch eine Brandkatastrophe zerstört, wie auf diesem Gemälde aus dem Jahr 1876 zu sehen, sondern durch jahrzehntelange Konflikte und Vernachlässigung.

Um 391 n. Chr. ließ der Patriarch einen Mob von Christen das Serapeion in Brand setzen. Der römische Kaiser Theodosius I. hatte zur Zerstörung heidnischer Tempel aufgerufen. Unklar ist, ob die Bibliothek und das Mauseion über das 4. Jahrhundert hinaus erhalten blieben. Nach der Eroberung Alexandrias im Jahr 640 n. Chr. fragte angeblich ein muslimischer General den Kalifen Umar ibn al-Chattab, wie mit den Sammlungen der Bibliothek verfahren werden solle. Seine Antwort sei gewesen: »Entweder widersprechen sie dem Koran, dann sind sie Ketzerei, oder sie stimmen mit ihm überein, dann sind sie überflüssig.« Die Schriftrollen seien dann als Brennstoff für die Öfen in den Badehäusern verwendet worden. In Wahrheit war der Niedergang der Bibliothek schleichend. Da die porösen Schriftrollen beschädigt und nicht ersetzt wurden, verloren die Gelehrten das Interesse. Ihr Ruf blieb jedoch erhalten, und ihre Aufgabe, Wissen zu sammeln, lebt in modernen Bibliotheken weiter.

Der Mord an Hypatia

Im Jahr 415 n. Chr. wurde die Philosophin Hypatia in Alexandria von einem Mob von Christen ermordet. Damit endete die sogenannte heidnische Tradition in der Stadt, die sich mit intellektuellen Themen wie Astronomie, Wissenschaft und Philosophie befasste. Auch die Bibliothek war heidnischen Gottheiten gewidmet. Über das frühe Leben der Hypatia ist wenig bekannt. Ihr Vater Theon, ein Mathematiker, Astronom und Philosoph, war der Leiter des Museions. Hypatia selbst genoss eine fundierte Ausbildung im Bereich der Künste und Wissenschaften und wurde zwischen 395 und 408 n. Chr. Leiterin einer Philosophenschule. Sie stand Orestes, dem römischen Präfekten von Alexandria, sehr nahe. Er führte jedoch eine Fehde mit dem Bischof Kyrill, der seine Autorität immer wieder untergrub. In der christlichen Gemeinde Alexandrias hielt sich das Gerücht, Hypatia habe die beiden an einer Versöhnung gehindert. Die meisten Gelehrten geben Kyrill die Schuld an ihrem Tod, da er den Mob hätte zurückhalten können.

Hypatia wurde aus ihrer Kutsche in eine Kirche gezerrt, wo sie von christlichen Fanatikern zu Tode geprügelt wurde.

KARTHAGO MUSS ZERSTÖRT WERDEN

DIE RÖMER ERREICHEN AFRIKA (146 V. CHR.)

IM KONTEXT

SCHAUPLATZ

Karthago (Tunesien)

FRÜHER

814 v. Chr.