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"Wie spielt "Chinatown" mit den Konventionen des Film noir? Welche Wirkung erzeugt die Episodenstruktur in "Pulp Fiction"? Wie beeinflussen die widersprüchlichen Erzählungen in "Rashomon" unsere Wahrnehmung von Realität? Dieses Buch stellt über 100 einflussreiche Meilensteine der Kinogeschichte vor – von "Metropolis" bis "Fargo", von "Casablanca" bis "Gravity". Neben Handlung und Entstehungsgeschichte analysiert "Das Film-Buch" die Machart und Konstruktion des Plots anhand von Sequenzprotokollen und Diagrammen. Cineasten erfahren alles über die Besonderheiten der Filme sowie ihre Einflüsse auf spätere Werke. Wichtige Regisseure und Schauspieler, die die Kinowelt nachhaltig mitgestaltet und geprägt haben, werden in Kurzbiografien vorgestellt. Und damit man beim Studieren der eigenen Lieblingsfilme gleich neue Anregungen bekommt, gibt es Querverweise auf ebenfalls sehenswerte Filme desselben Genres. Perfekt für Studenten der Filmwissenschaft und alle Liebhaber des guten Kinos!"
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Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2021
EINFÜHRUNG
VISIONÄRE
1902–1931
Labor omnia vincit
Die Reise zum Mond
Aus der ewig schaukelnden Wiege
Intoleranz
Ich muss Caligari werden!
Das Cabinet des Dr. Caligari
Worauf warten wir noch?
Panzerkreuzer Potemkin
Dieses Lied von Mann und Frau erklingt nirgends und überall
Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen
Aber die Hände, die den Turm Babel erbauten, wussten nichts …
Metropolis
Wenn du sagst, was du denkst, erdrossele ich dich
Wasser hat Balken
Hat Gott dir versprochen, dass du in den Himmel kommst?
Die Passion der Jungfrau von Orléans
Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt
Der blaue Engel
An deiner Stelle würde ich ein bisschen eine Szene machen
Menschen am Sonntag
Morgen werden die Vögel wieder singen
Lichter der Großstadt
GOLDENE ZEITEN IN SCHWARZ-WEISS
1931–1949
Will nicht! Muss! M –
Eine Stadt sucht einen Mörder
Wollen Sie mich heiraten? Hat er Ihnen Geld hinterlassen? Bitte beantworten Sie die zweite Frage zuerst
Die Marx Brothers im Krieg
Keine Sorge, meine Damen und Herren, diese Ketten sind aus Stahl
King Kong und die weiße Frau
Wir erklären den Krieg! Nieder mit Bewachung und Strafe!
Betragen ungenügend
Auf eine neue Welt der Götter und Monster!
Frankensteins Braut
Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Schneewittchen und die sieben Zwerge
Ich habe das Gefühl, wir befinden uns nicht mehr in Kansas
Der Zauberer von Oz
Jeder hat seine Gründe
Die Spielregel
Verschieben wir es auf morgen
Vom Winde verweht
Du bist wundervoll, auf abstoßende Art
Sein Mädchen für besondere Fälle
Man will sich nicht damit zufrieden geben, nur zu zeigen, was der Mann tat …
Citizen Kane
Von allen Kaschemmen der ganzen Welt kommt sie ausgerechnet in meine
Casablanca
Sie nennen mich Schmierenkomödiant?
Sein oder Nichtsein
Es ist heiß hier am Ofen
Ossessione – Von Liebe besessen
Wie einzigartig unschuldig ich heute Morgen aussehe
Laura
Ein gut gezielter Tritt in den Hintern kann alle Welt zum Lachen bringen
Kinder des Olymp
Kinder glauben, was wir ihnen erzählen
Die Schöne und die Bestie
Das ist das Universum. Groß, nicht wahr?
Irrtum im Jenseits
George, denk immer daran: Ein Mann, der Freunde hat, ist nie ein Versager
Ist das Leben nicht schön?
Ich stecke meine Nase nicht in fremde Dinge, ich belästige niemanden, und was bekomme ich? Ärger
Fahrraddiebe
Es ist so schwierig, Leute ordentlich umzubringen, mit denen man sich nicht so gut versteht
Adel verpflichtet
Außerhalb Ihrer Geschichten macht die Welt niemanden zum Helden
Der dritte Mann
FURCHT & STAUNEN
1950–1959
Wir alle wollen etwas vergessen, daher erzählen wir Geschichten
Rashômon – Das Lustwäldchen
Ich bin groß, die Filme sind es, die heute keine Größe mehr haben
Boulevard der Dämmerung
Auf die Freundlichkeit von Fremden habe ich mich immer verlassen
Endstation Sehnsucht
Eine harte Welt für hilflose Geschöpfe
Die Nacht des Jägers
Was lernt ein Schauspieler als Erstes? »The Show must go on!«
Singin’ in the Rain
Lass uns heimgehen
Die Reise nach Tokio
Als ich ein Kind war, habe ich erlebt, wie die Männer abfuhren und nicht wiederkamen
Der Lohn der Angst
Aber wenn wir unseren Apparat nicht gegen Godzilla einsetzen, was machen wir dann?
Godzilla
Warte nur, bis du deine Mutter siehst. Sie hat noch nie so gestrahlt
Was der Himmel erlaubt
Ich glaube nicht, dass ich auf diese Weise lernen will
… denn sie wissen nicht, was sie tun
Wenn es mir besser geht, gehen wir wieder zu den Zügen
Apus Weg ins Leben: Auf der Straße
Bringen Sie mich zu dieser Bushaltestelle und vergessen Sie, dass Sie mich je gesehen haben
Rattennest
Der Tag wird kommen
Der schwarze Falke
Ich bin schon lange an deiner Seite gegangen
Das siebente Siegel
Wenn ich tue, was du sagst, wirst du mich dann lieben?
Vertigo – Aus dem Reich der Toten
Was hast du während des Aufstands gemacht?
Asche und Diamant
Na und? Niemand ist vollkommen
Manche mögen’s heiß
Deine Eltern sagen, dass Du immer lügst
Sie küßten und sie schlugen ihn
REBELLION
1960–1974
Du bist die erste Frau des ersten Schöpfungstages
Das süße Leben
Nicht bremsen. Autos wurden gemacht, um zu fahren, nicht, um zu stehen
Außer Atem
Genau dafür sind all diese bekloppten Gesetze da: dass sie von Typen wie uns gebrochen werden
Samstagnacht bis Sonntagmorgen
Ich war nie so lange irgendwo
Letztes Jahr in Marienbad
Das ist die Geschichte eines Mannes, der in seiner Kindheit von einem Bild geprägt wurde
Am Rande des Rollfelds
Guy, ich liebe dich. Du riechst nach Benzin
Die Regenschirme von Cherbourg
Es gibt Gold im fernen Meer
Gott und der Teufel im Lande der Sonne
Aber meine Herren! Sie können doch hier nicht Krieg spielen, im Kriegsministerium!
Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
Ich kann einfach nicht aufhören zu singen, egal, wo ich bin
Meine Lieder, meine Träume
Es ist schwer, eine Revolution zu beginnen
Schlacht um Algier
Wer will ein Engel sein?
Chelsea Girls
Lasst uns die Sehenswürdigkeiten anschauen!
Tatis herrliche Zeiten
Das hier ist Miss Bonnie Parker. Ich bin Clyde Barrow. Wir rauben Banken aus
Bonnie und Clyde
Es tut mir leid, Dave, aber das kann ich nicht tun
2001: Odyssee im Weltraum
Wir werden zusammenhalten, genau wie früher
The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz
Wenn Sie mal ein freies Individuum sehen, macht es Ihnen eine Scheißangst
Easy Rider
Mögen Sie Fleisch?
Der Schlachter
Eines Tages, möglicherweise jedoch nie, werde ich dich um eine kleine Gefälligkeit bitten
Der Pate
Der Mann ist einen Kopf größer als ich, das kann sich ändern
Aguirre, der Zorn Gottes
Die Gäste sind da, Monsieur
Der diskrete Charme der Bourgeoisie
Hast du sie wirklich gesehen?
Wenn die Gondeln Trauer tragen
Du kannst mit ihm reden, wann immer du willst. Schließe einfach deine Augen und rufe ihn
Der Geist des Bienenstocks
Leute, die überall ihre Nase reinstecken, weißt du, was mit denen passiert?
Chinatown
Und dann kaufen wir uns ein Stückchen Himmel
Angst essen Seele auf
ENGEL & MONSTER
1975–1991
Sie werden ein größeres Boot brauchen
Der weiße Hai
Auf manche Fragen lassen sich keine Antworten finden
Picknick am Valentinstag
Eines Tages wird ein schwerer Regen kommen
Taxi Driver
Ich lüüübe dich, verstehst du? …
Der Stadtneurotiker
Die Macht ist stark in diesem da
Star Wars
Sie scheinen immer noch nicht zu begreifen, womit Sie es zu tun haben
Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt
Es ist so still dort. Es ist der stillste Ort der Welt
Stalker
Gute Männer braucht man! Gute Männer!
Das Boot
Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet
Blade Runner
Ich weiß nicht, ob du nur neugierig bist oder pervers
Blue Velvet
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Der Himmel über Berlin
Ich dachte, so etwas passiert nur im Film
Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs
Glücklich sein ist nicht so toll
Sex, Lügen und Video
Heute wird die Temperatur auf über 38 Grad steigen
Do the Right Thing
Das Gesicht eines Buddhas, aber das Herz eines Skorpions
Rote Laterne
KLEINE WELT
1992 – HEUTE
Die Wahrheit ist, du bist schwach. Und ich bin die Tyrannei der bösen Männer
Pulp Fiction
Ich spüre, dass etwas Wichtiges um mich herum geschieht. Und es macht mir Angst
Drei Farben: Rot
Entweder man entscheidet sich zu leben. Oder man entscheidet sich zu sterben
Die Verurteilten
Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!
Toy Story
Doch wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung
Hass
Ich bin nicht sicher, ob ich mit deinen Schlussfolgerungen hundertprozentig einverstanden bin, Lou
Fargo – Blutiger Schnee
Wir haben alle unsere Kinder verloren
Das süße Jenseits
Ich vermisse meinen Vater
Central Station
Auf den Mann, der meine Schwester umgebracht hat
Das Fest
Die Angst jedes Einzelnen erwacht zum Leben
Ring – Das Original
Ein Schwert allein hat keine Macht. Erst der Mensch erweckt es zum Leben
Tiger & Dragon
Erinnerst du dich nicht an deinen Namen?
Chihiros Reise ins Zauberland
Ich suche gern nach Dingen, die niemand sonst bemerkt
Die fabelhafte Welt der Amelie
Was für eine außerordentliche Haltung!
Lagaan – Es war einmal in Indien
Alles begann mit dem Schmieden der großen Ringe
Der Herr der Ringe – Die Gefährten
Du brauchst mehr als Mumm, um ein guter Gangster zu sein. Du brauchst Ideen
City of God
Lache, und die ganze Welt lacht mit dir. Weine, und du weinst allein
Oldboy
Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie
Das Leben der Anderen
Du wirst merken, dass das Leben nicht wie ein Märchen ist
Pans Labyrinth
Das ist unser Schicksal
Slumdog Millionär
Diese Kiste enthält alles, was mich fast umgebracht hätte
Tödliches Kommando – The Hurt Locker
Wenn ich sterbe, was für ein Tod!
Man on Wire – Der Drahtseilakt
Ich möchte dich etwas fragen, Vater
Das weiße Band
Jeder bezahlt für seine Taten
Es war einmal in Anatolien
Also, was gefällt dir daran, hier oben zu sein?
Gravity
Wir ziehen alle nur vorbei
Boyhood
ANHANG
REGISTER
DANK
Dieses Buch würdigt eine Auswahl an Filmen, die die Faszination des Kinos am deutlichsten auf den Punkt bringen. Es sind die Werke, die in den Augen der Autoren den nachhaltigsten Einfluss erzielten, sowohl auf das Kino wie auf die Welt – die Schwierigkeit einer derartigen Aussage mit eingerechnet.
Die Reise beginnt 1902, als der Pariser Illusionist, Theaterbesitzer und Filmpionier Georges Méliès den neuesten seiner Stummfilme präsentierte, die zur Unterhaltung seiner Landsleute dienten. Dieser zeigte einen Ausflug in den Weltraum unter dem Titel Die Reise zum Mond und wurde sofort ein Riesenerfolg – nicht nur in Frankreich, sondern weltweit. (Leider profitierte Méliès nur kurz, da der Streifen fortwährend unrechtmäßig kopiert wurde.) Gerade dessen Popularität war es auch, die dem Film den Stellenwert als führende Kunstform seiner Zeit sicherte. Kein Film zuvor war so spektakulär, keiner hatte eine ähnlich komplexe Handlung.
»Egal, wohin das Kino geht, wir können uns nicht leisten, seine Anfänge aus den Augen zu verlieren.«
Martin Scorsese
»Ich werd’ ihm irgendwas erzählen … es wird der Wahrheit ziemlich nahe kommen.«
Philip Marlowe / Tote schlafen fest
Als Méliès sein Mondabenteuer schuf, hatte sich das Kino bereits als leicht anrüchiger Zeitvertreib in Filmtheatern und auf Jahrmärkten etabliert. Um allerdings seine wahren Anfänge zu finden, muss man noch weiter zurückgehen – wieder nach Paris, doch diesmal mit Blick auf zwei Fotoindustrielle. Die Brüder Auguste und Louis Lumière erlebten ihren Durchbruch 1895. Nachdem sie ihre Filme im Jahr zuvor auf großer Leinwand vorgeführt hatten, präsentierten sie öffentlich Ankunft eines Zuges in La Ciotat. Die Szene dauert nur 50 Sekunden und zeigt einen in den Bahnhof von La Ciotat einfahrenden Dampfzug, aufgenommen vom benachbarten Bahnsteig. Bei diesem Anblick, so erzählte man sich zumindest, flohen die Zuschauer in Panik, überzeugt, sie würden von der heranrasenden Lokomotive überrollt. Ob dies der Wahrheit entspricht, bleibt im Verborgenen, aber entweder hatten die Brüder Lumière schnell den Dreh raus, die Leinwand mit scheinbar echtem Leben zu füllen, oder sie waren Werbegenies. Egal, ob dieses oder jenes, beide Fähigkeiten spielen in der Geschichte des Kinos eine wichtige Rolle.
Doch gehen wir noch weiter zurück, schließlich hatten auch viele andere Menschen Pionierleistungen erbracht, bevor die Brüder Lumière ihr Publikum in Schrecken versetzen konnten. Es gilt, dem amerikanischen Erfinder Thomas Edison Reverenz zu erweisen, der kurz zuvor einzelnen Zuschauern Filme mit boxenden Katzen und niesenden Männern präsentiert hatte, ebenso wie dem englischen Fotografen Eadweard Muybridge, dessen Bewegungsstudien von Menschen und Tieren aus den 1880er-Jahren wichtige Vorläufer für das Bewegtbild waren.
Tatsächlich könnte man die Ursprünge des Films bis in graue Vorzeit zurückführen, als unsere Urahnen am Feuer saßen und einer von ihnen Schattenfiguren an die Wand warf, um Geschichten von wilden Tieren und Helden zu illustrieren. Wenn das Publikum in die Kinosessel sinkt, um einen verrückt teuren, effektheischenden Blockbuster auf einer turmhohen IMAX-Leinwand zu bestaunen, sitzt es gewissermaßen wieder am Feuer. Film im 21. Jh. erzählt nach wie vor Geschichten mit Worten und Bildern, indem er diese glaubhaft zum Leben erweckt.
Dieses Buch versucht, eine Historie des Films entlang einer Betrachtung von etwa 100 Werken zu erzählen, angefangen bei Méliès durch das nächste Jahrhundert und darüber hinaus. Jeder Eintrag behandelt Ursprung und Einflüsse eines Films, seine Machart und Mitwirkenden ebenso wie seine Wirkungsgeschichte.
Es handelt sich dabei um eine Zeitreise, angefangen bei der Stummfilmära, als die ersten Frauen und Männer die Möglichkeiten der Bewegtbilder erprobten. Von dort schwenkt der Blick in die goldenen 1930er- und 1940er-Jahre, als sich Kinos in jeder Hauptstraße fanden und beliebte Massenunterhaltung boten, mit Stars wie Humphrey Bogart, Katharine Hepburn und James Stewart. In den 1950er-Jahren schufen Filmemacher aus Europa, Indien und Japan Meisterwerke, die bis heute geschätzt werden – es war die Zeit von Henri-Georges Clouzot, Akira Kurosawa, Yasujirô Ozu, Nicholas Ray und Satyajit Ray. Eine neue Generation brach in den 1960er- und 1970er-Jahren mit den etablierten Formen, und schon erreicht die Geschichte des Kinos die Gegenwart, in der es Techniken gibt, die auf Knopfdruck ganze Welten entstehen lassen, und die noch vor zehn Jahren selbst Stoff von Science-Fiction gewesen wären.
Das Schöne an Filmen ist, dass jeder Mensch sie auf eigene Weise liebt und sie sich individuell erschließt. Als Autor und Filmjournalist hat der Berater dieses Buches viel Zeit seines Erwachsenenlebens in Kinos verbracht, immer auf der Suche nach Filmen, die ihm die glückselige Versenkung schenkten, nach der er als Kind so süchtig war: »Ich sitze da, und wenn die Lichter ausgehen, bin ich wieder der Siebenjährige, der sich vor Lachen biegt, als Harpo Marx bei der Geburtstagsparty eines Freundes über eine improvisierte Leinwand läuft; oder der sich mit zehn Jahren von der Weihnachtsfeier stiehlt, um im ersten Stock auf dem alten Fernseher Citizen Kane zu sehen; oder den mit gerade einmal 14 Jahren die düsteren, nervenaufreibenden Filme von David Lynch umhauen. Diese Momente leben jedes Mal auf, wenn ich einen Film anschaue.« Zwei Jahrzehnte nach Die Reise zum Mond, als ein glückloser Méliès am Bahnhof Montparnasse Trödel verkaufte, erhielt das junge Medium einen Spitznamen, der noch heute passt: die »siebente Kunst«, nach Architektur, Malerei, Musik, Skulptur, Tanz und Dichtung. Er geht auf den italienischen Gelehrten Ricciotto Canudo zurück, für den die Macht des Films darin bestand, dass er alle großen Kunstformen der Vergangenheit in sich vereinte.
»Ich lebe jetzt in einer Welt der Geister, ein Gefangener meiner Träume.«
Antonius Block / Das siebente Siegel
»Jeder Film hat eine Art von Rhythmus, die ihm nur der Regisseur verleihen kann.«
Fritz Lang
»Wir können nicht anders, wir müssen uns mit dem Protagonisten identifizieren. Es ist in unsere Kinogänger-DNA einprogrammiert.«
Roger Ebert
Auch so viele Jahre später vermag der Sinnesrausch des Films das Publikum immer noch zu überwältigen – im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist schwer vorstellbar, dass die frühen Werke mit ihrem Knacken und Kratzen die Zuschauer so in den Bann ziehen konnten wie heutige Streifen – doch wie das Beispiel der Brüder Lumière zeigt, wirkten auch sie von Anfang an lebensecht.
Nachzuzeichnen, wie sich der Film als Kunstform entwickelt hat, ist eine der größten Freuden für einen Filmliebhaber. Manche Fortschritte sind offensichtlich, wie jene vom Stummfilm zum Tonfilm und von Schwarz-Weiß zu Farbe. Andere Revolutionen waren subtiler, je mehr Kameraführung und Schnitt ihr Eigenleben entwickelten.
Doch auch der historische Kontext ist wichtig. Wenn man über Filme spricht, spricht man nie nur über Filme. Sobald man sich in die Kinogeschichte begibt, gilt es, sich mit der allgemeinen Historie zu befassen. Beim Betrachten des letzten Jahrhunderts im Film wird deutlich, wie das echte Leben ihn durchströmt. Als Filmereignis ist Godzilla, das Filmmonster, das 1954 die Tokyo Bay in Angst und Schrecken versetzte, kaum überzubewerten – doch was war Godzilla anderes als die monströse Verkörperung von Japans nuklearem Trauma? Man muss kein Filmfan sein, um ein Zitat aus Manche mögen’s heiß zu kennen (»Niemand ist vollkommen!«) – aber wie anders wäre dieser Film geworden, hätte sein aus Österreich stammender Regisseur Billy Wilder nicht, wie viele andere Filmemacher Europas, in die USA fliehen müssen, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen? Die Russische Revolution, der Kalte Krieg, die Hippie-Ära, der Feminismus, das Computerzeitalter – jeder große Moment der Weltgeschichte ist irgendwo auf der Leinwand wiederzufinden. All das in einem Medium, das auf einem Jahrmarkt seinen Ursprung hatte, in Nachbarschaft zum Zirkus, das oft genug jungen Paaren als Vorwand diente, ein paar Augenblicke im Dunkeln allein zu sein. Dass daraus eine solch grandiose Unterhaltung entstehen würde, war unwahrscheinlich genug. Dass es zu einer Kunstform wurde, erstaunt vielleicht noch viel mehr.
In gewisser Weise haben die vielen Widersprüche den Film zu dem gemacht, was er heute ist. Wie sonst könnte man seine Publikumswirkung erklären? Wenn ein Zuschauer einen Film liebt, kann dieser ihm das Gefühl geben, er sei nur für ihn gemacht, als würde sich ihm von der Leinwand eine Hand entgegenstrecken. Und doch, wer je eine große Komödie in einem vollen Kinosaal angeschaut oder sich bei einem Horrorfilm neben 200 anderen in seinem Sessel verkrochen hat, weiß, dass Filme in Gemeinschaft angeschaut werden sollten, dass das Kino als Erfahrung groß wurde, die mit anderen geteilt werden sollte.
»Wenn wir einen Hai suchen wollen, werden wir ihn nicht an Land finden.«
Hooper / Der weiße Hai
»Kunst, das ist besonders. Was kannst du, was niemand anderes kann?«
Mr. Turlington / Boyhood
Im Laufe der Jahre waren Filme auf unterschiedliche Weise attraktiv. Zuerst brachten sie Neuheiten, waren billige Sensationsstreifen. Dann boten sie Glamour, Eskapismus, mit Stars in makellosem Schwarz-Weiß. Bald wurden sie tiefe Abbilder des menschlichen Daseins, geschaffen von großen Autoren. Heute sind es oft sehr kostspielige Spektakel, die Studios und Unternehmen große Umsätze einfahren sollen. Sie geben dem Zuschauer das Gefühl, in die Leinwandfiguren hineinzuschlüpfen, gleich einem Traum oder Zustand der Hypnose, bis er wieder ans Tageslicht stolpert und vielleicht etwas Neues über sich gelernt oder auch nur mal wieder herzhaft gelacht hat.
Einige der in diesem Buch vorgestellten Filme wurden von der Kritik hochgelobt, andere waren reine Publikumserfolge, nicht wenige sogar Flops, die erst spätere Generationen als Meisterwerke erkannten. Das Genre spielt keine Rolle. Thriller stehen neben Western, Romanzen neben Neorealismus, und alle müssen gelegentlich einem Musical Platz machen. Auch sind weder Sprache noch Nationalität von Belang. Hollywood ist gut repräsentiert – auch wenn der Name für manche befleckt ist, wissen wahre Filmfans, wie viel Qualität die Traumfabrik hervorgebracht hat. Aber es gab immer auch eine weite Welt jenseits von Beverly Hills, kein seriöses Buch über Film könnte das ignorieren. Das weiße Band (2009) hat seinen Platz darin ebenso wie Der weiße Hai (1975). Bestimmt wird sich jeder Leser ein ums andere Mal fragen, warum der eine Streifen übergangen, der andere aufgenommen wurde. Dass es keine zwei gleichen Meinungen über Filme gibt, trägt auch zum Reiz des Kinos bei. Wenn hier nur die Favoriten der Berater und Autoren erschienen, würde der Inhalt mancherorts vom jetzigen abweichen. Vielleicht denken Sie, Filme auszuwählen sei leicht, wenn man nur das Kriterium »Größe« anlegt, aber das ist ebenso subjektiv. Dieses Buch stellt einen Atlas von Einflüssen auf, eine Sammlung von Sehenswürdigkeiten, und hofft, Ersatz zu bieten, sollte der Lieblingsfilm eines Lesers fehlen. Hoffnung besteht auch, dass dieser auf den folgenden Seiten sogar die ein oder andere Entdeckung macht.
»Wenn man sie glättet, wenn man Filme respektabel macht, dann macht man sie kaputt.«
Pauline Kael
1894
Die französischen Brüder Lumière drehen den 46-sekündigen KurzfilmArbeiter verlassen die Lumière-Werke.
1914
In Charlie Chaplins zweitem Film, Kid Auto Races at Venice, erscheint erstmals die Figur des Vagabunden.
1920
Das Cabinet des Dr. Caligari, ein verstörender Klassiker des deutschen Expressionismus, spiegelt die Erfahrungen seines Schöpfers im Ersten Weltkrieg wider.
1922
F. W. Murnaus Nosferatu, eine nicht autorisierte Adaption von Bram Stokers Dracula, erscheint. Wegen eines Rechtsstreits wird der Film fast zerstört.
1902
Georges Méliès’ Die Reise zum Mond setzt neue Maßstäbe für hohe Produktionsstandards und Spezialeffekte.
1916
D. W. Griffiths 3,5-stündiges Epos Intoleranz wird einer der ersten Hollywood-Blockbuster.
1920
Buster Keaton spielt die Hauptrolle in seiner ersten abendfüllenden Komödie Der Dummkopf.
1922
The Toll of the Sea ist der erste Film in Technicolor, der in die Kinos kommt.
1924
Der Dieb von Bagdad mit dem Star Douglas Fairbanks und Tausenden Statisten ist ein frühes, aufwendig produziertes Fantasy-Abenteuer.
1927
Alfred Hitchcocks erster Thriller,Der Mieter – Eine Geschichte aus dem Londoner Nebel über die Jagd auf Jack the Ripper, wird in Großbritannien ein Kassenschlager.
1927
Der Jazzsänger ist der erste Film mit synchronisierten Dialogen. Er mischt Zwischentitel mit kurzen Tonsequenzen.
1930
Josef von Sternbergs Der blaue Engel kommt in einer deutschen und einer englischen Version heraus und macht Marlene Dietrich zum Weltstar.
1925
Sergej Eisensteins technisches MeisterwerkPanzerkreuzer Potemkin erscheint anlässlich des 20. Jahrestages der Russischen Revolution von 1905.
1927
Fritz Langs Metropolis, einer der ersten abendfüllenden Science-Fiction-Filme, spielt in einer technisch geprägten dystopischen Zukunft.
1929
Die erste Oscar-Verleihung findet im Hollywood Roosevelt Hotel in Los Angeles statt.
1931
Charlie Chaplin fordert den Tonfilm mit seinem erfolgreichen Stummfilmklassiker Lichter der Großstadt heraus.
Filme sind heute so fest in unserer Kultur verankert, dass man sich eine Zeit ohne sie kaum noch vorstellen kann. Ebenso schwer fällt es, sich auszumalen, mit welcher Ehrfurcht das Publikum in den 1890er-Jahren zusah, wie sich Bilder bewegten und geisterhafte Gestalten vor seinen Augen zum Leben erwachten. Aus Sicht des 21. Jh. ist es vor allem eindrücklich, wie stark sich diese Bewegtbilder in den ersten drei Jahrzehnten veränderten – und schnell zu wunderbar lebendigen Spielfilmen wurden.
Die ersten Filmemacher hatten keine Meister, von denen sie lernen konnten. Manche kamen vom Theater, andere von der Fotografie. In jedem Fall erschlossen sie Neuland, und keiner so sehr wie Georges Méliès. Kaum hatte dieser einstige Magier begonnen, das französische Publikum mit Filmen zu unterhalten, suchte er Möglichkeiten, diese mit Glanz und Aufregung zu füllen. Auch in Amerika waren Visionäre am Werk. Dort lebte das Kino dank Persönlichkeiten wie Edwin S. Porter auf. Der ehemalige Elektriker ließ am Ende seines Films Der große Eisenbahnraub von 1903 einen Bewaffneten auf das Publikum schießen.
Andere Filmemacher hatten größere Pläne. Einige Jahre später wurde Porter von einem jungen Drehbuchautor angesprochen, der ihm ein Skript verkaufen wollte. Porter lehnte das Drehbuch ab, stellte den jungen Mann aber als Darsteller ein. Dieser junge Mann, der begabte und bis heute umstrittene D. W. Griffith, wurde später selbst Regisseur und trug zur Entstehung des modernen Blockbusters bei.
Die Pioniere des Films waren zwar hauptsächlich in Frankreich und Amerika ansässig, doch in Deutschland wurde der Film erstmals zu Kunst. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden inmitten von politischem und wirtschaftlichem Chaos eine ganze Reihe Meisterwerke, die bis heute nachwirken. Die Stummfilmzeit brachte einige der glänzendsten, makellosesten Filmkunstwerke überhaupt hervor: Werke von Robert Wiene, F. W. Murnau und Fritz Lang. Doch selbst damals gebührte nicht allein den Regisseuren die Ehre – man denke an Karl Freund, ein riesiger Mann mit ebenso riesigem Wissen über Kameras, der ein meisterhafter Kameramann wurde. Er schnürte sich die Ausrüstung an den Leib oder auf ein Fahrrad und revolutionierte so die Optik des Films.
Auch Maler zog der Film an. 1929 schuf der berühmte Surrealist Salvador Dalí mit einem jungen Filmfanatiker namens Luis Buñuel den bis heute befremdlichen Streifen Ein andalusischer Hund; Dalí wandte sich dann vom Film ab, doch Buñuel drehte bis in die 1970er-Jahre weitere ikonoklastische Filme, die auch politisch revolutionär waren. In der Sowjetunion galt das Kino als Kunstform des Volkes. Filme nahmen im weltweiten Kampf um Herzen und Köpfe eine zentrale Stellung ein.
In Amerika machten Studiobosse erstmals ein Riesengeschäft aus Kino und Film, das auf Stars wie Rudolph Valentino, Douglas Fairbanks und Greta Garbo aufbaute. Doch die größten Stars waren Clowns, deren Komödien uns von allen Meisterwerken der Stummfilmzeit bis heute zuverlässig amüsieren. In Buster Keaton und Charlie Chaplin hatte Hollywood zwei Genies, die ihre Kunst im amerikanischen Vaudeville und der britischen Music Hall erlernt hatten und diese nun vor die Kamera brachten. Mit Mimik, Slapstick und Pathos war ihnen das Lachen des Publikums allein durch ihren Anblick sicher. Gleichzeitig waren sie penible und innovative Filmemacher.
»Charlie Chaplin und ich pflegten einen freundschaft lichen Wettstreit: Wer würde den Spielfilm mit den wenigsten Zwischentiteln hinbekommen?«
Buster Keaton
Wenn einer den frühen Film prägte, so der phänomenal berühmte und äußerst ehrgeizige Charlie Chaplin. Er steht am Ende der TonfilmÄra. 1927 erklärte Al Jolson in Der Jazzsänger: »Moment, ihr habt ja noch gar nichts gehört!« Dennoch blieb Chaplin dem geliebten Stummfilm treu und schuf 1931 mit Lichter der Großstadt einen der größten. Bis dahin hatte er dem Film bereits geholfen, den ihm gebührenden Platz einzunehmen – mitten im Leben.
IM KONTEXT
GENRE
Science-Fiction, Fantasy
REGIE
Georges Méliès
DREHBUCH
Georges Méliès, nach Romanen von Jules Verne und H. G. Wells (nicht im Abspann angegeben)
STARS
Georges Méliès, Bleuette Bernon, François Lallement, Henri Delannoy
FRÜHER
1896 Méliès’ trickreicher Kurzfilm Le manoir du diable gilt als der erste Horrorfilm.
1899 In Cendrillon nutzt Méliès mehrere Szenenbilder.
SPÄTER
1904 Méliès’ Voyage à travers l‘impossible ist ein weiterer Kurzfilm nach Jules Verne über Wissenschaftler, die in einem Dampfzug zur Sonne reisen.
Wie der Titel nahelegt, erzählt der 12-minütige Film Die Reise zum Mond von einer fantastischen Expedition in den Weltraum. Eine Gruppe Wissenschaftler kommt zusammen, eine riesige Kanone wird gebaut und Astronauten werden zum Mond geschossen, wo sie in die Hände der Mondbewohner, der Seleniten, fallen. Sie werden vor deren König gebracht, können aber fliehen und zur Erde zurückkehren. Dort wird ihnen zu Ehren eine Parade abgehalten und ein Außerirdischer zur Schau gestellt.
Revuetänzerinnen stehen bereit, um die erste Riesenkanone abzufeuern, die das Raumschiff zum Mond bringen soll. Méliès’ theatralischer Stil lässt die Handlung eher absurd als heroisch wirken.
Für manche Filmpioniere wie die französischen Brüder Lumière stellte das neue Medium einen wissenschaftlichen Durchbruch dar, es war ein Mittel, um die Realität zu dokumentieren. Dem Franzosen Georges Méliès, Regisseur von Die Reise zum Mond, ermöglichte es dagegen die Präsentation von Tricks. Méliès’ Kurzfilme waren einfache Unterhaltung, geschaffen für die sensationslüsternen Flaneure auf den Pariser Boulevards des Fin de Siècle. Voller Revuetänzerinnen, Geister und mephistophelischer Teufel entwickelten sich die vorerst einfachen Aufzeichnungen von Zaubertricks zu Geschichten, die mit innovativen, kühnen Kamerakunstgriffen realisiert wurden – den ersten Spezialeffekten des Kinos. 1902 schuf Méliès seine größte illusionistische Leistung, indem er das Publikum zum Mond und wieder zurück brachte.
Die Reise zum Mond war der erste Film, der von den beliebten »wissenschaftlichen Romanzen« Jules Vernes und H. G. Wells’ inspiriert war, und gilt als erster Science-Fiction-Film überhaupt. Doch auch wenn Méliès die grundlegende Ikonografie des Science-Fiction-Kinos beschwor – das schnittige Raketenschiff, den auf die Kamera zurasenden Mond und die kleinen grünen Männchen –, so hatte er kein neues Genre vor Augen. Sein Ziel war eine freche Satire auf die viktorianischen Werte, eine Slapstick-Komödie, die die rücksichtslosen Profiteure der industriellen Revolution verhöhnte.
In Méliès’ Händen werden Wissenschaftler zu destruktiven Idioten. Angeführt von Professor Barbenfouillis (von Méliès selbst gespielt), zanken und springen sie umher wie ungezogene Kinder. Bei ihrer Landung bohrt sich ihre Rakete dem Mann im Mond ins Auge, sie verursachen Chaos im Königreich der Seleniten – die sie wie dumme Wilde behandeln – und nur zufällig gelingt ihnen die Rückkehr. In der Schlussszene wird eine Statue von Barbenfouillis präsentiert – die Karikatur eines aufgeblasenen alten Mannes, erinnernd an einen von Méliès’ politischen Cartoons. Ihre Inschrift lautet Labor omnia vincit (»Arbeit besiegt alles«), was angesichts des Chaos zuvor äußerst ironisch wirkt.
Bei ihrer Ankunft auf dem Mond entdecken die Wissenschaftler ein seltsames Land. Aufgrund ihrer Arroganz gegenüber den Mondmenschen gilt der Film als anti-imperialistische Satire.
Georges Méliès Regisseur
Méliès Kurzfilme experimentierten mit theatralischen Techniken und Spezialeffekten, die er sich als Illusionist auf der Bühne angeeignet hatte. Die Kamera ermöglichte ihm, Menschen und Dinge zu verwandeln, sie verschwinden und wieder auftauchen zu lassen. Auch war er technisch äußerst innovativ. Méliès schrieb, führte Regie und spielte in über 500 Filmen mit. Er war wegbereitend für die Genres Science-Fiction, Horror und Abenteuer.
Wichtige Filme
1896Le manoir du diable
1902Die Reise zum Mond
1904Voyage à travers l’impossible
1912Die Entdeckung des Nordpols
Ebenfalls sehenswert:L‘homme à la tête en caoutchouc (1901) A Trip to Mars (1910) Metropolis (1927) Der Unsichtbare (1933) Die erste Fahrt zum Mond (1964) Hugo Cabret (2011)
IM KONTEXT
GENRE
Historisches Epos
REGIE
D. W. Griffith
DREHBUCH
D. W. Griffith, Anita Loos
STARS
Vera Lewis, Ralph Lewis, Constance Talmadge, Lillian Gish, Mae Marsh, Robert Harron
FRÜHER
1914 Der italienische Regisseur Giovanni Pastrone dreht Cabiria, eines der ersten Epen in Spielfilmlänge.
1915 Griffiths Geburt einer Nation ist der erste US-Spielfilm. Wegen seines rassistischen Inhalts ist er umstritten.
SPÄTER
1931 Griffiths letzter Film, Der Kampf (sein zweiter Tonfilm), wird ein Kassenflop. Er erzählt halb biografisch vom Kampf gegen den Alkohol.
Intoleranz gehört mit seinen epischen Dimensionen, aufwendigen Szenenbildern und unzähligen Statisten zu den einflussreichsten Filmen aller Zeiten. Es kommen Techniken wie Kamerafahrten und Nahaufnahmen zum Einsatz. Damit war Regisseur D. W. Griffith zwar nicht der Erste, aber er nutzte sie so meisterlich, dass er oft als Vater des modernen Films gilt.
Intoleranz war von Anfang an umstritten. Griffiths Vorgängerfilm, der erst The Clansman, dann Die Geburt einer Nation hieß, war der erste US-Spielfilm, dessen innovative Techniken jene von Intoleranz vorbereiteten. Obwohl viele seinen Rassismus verurteilten, weil er Sklaverei und den Ku-Klux-Klan verherrlichte, wurde er ein Kassenschlager.
Sein kommerzieller Erfolg finanzierte Tausende Statisten für Intoleranz, der jedoch ebenso hohe Verluste einfuhr wie Die Geburt einer Nation Gewinne. Manche Kritiker sahen Intoleranz als Wiedergutmachung für den Vorgängerfilm, doch weder seine Ambitionen noch seine Dimensionen wirken als solche.
Vier Geschichten über Intoleranz aus drei Jahrtausenden sind im Film ineinander verwoben, jede in einem anderen Farbstich. Verbunden werden sie durch das allgegenwärtige Bild einer Mutter, gespielt von Lillian Gish, die eine Wiege als Sinnbild für die kommenden und gehenden Generationen schaukelt. Der Untertitel »Aus der ewig schaukelnden Wiege« suggeriert, dass sich nichts verändert.
Der zentrale Hof in Babylon wurde in Form eines maßstabsgetreuen Sets nachgebaut. Über 3000 Statisten wurden für Belsazars Orgie herangezogen.
Die erste Geschichte erzählt den Konflikt beim Untergang des alten Babylon, angeheizt durch die intoleranten Anhänger zweier einander bekämpfender Religionen. Die zweite thematisiert, wie Christus nach der Hochzeit zu Kana durch Intoleranz in den Tod getrieben wird. Die dritte handelt vom Massaker der Katholiken an den Hugenotten am St. Bartholomäustag in Frankreich 1572. Der letzte Teil zeigt zwei junge Liebende im Konflikt zwischen skrupellosen Kapitalisten und moralisierend streikenden Arbeitern. Dabei steht Griffith aufseiten der Liebenden, die von der Art Sozialreformer gejagt werden, die gegen Die Geburt einer Nation protestiert hatten.
Der Wechsel zwischen den vier Handlungssträngen erfolgt immer schneller, je näher der Höhepunkt rückt. Antike Streitwagen der einen Geschichte treffen auf rasende Züge und Autos einer anderen. Dieser Effekt wurde fast nur im Schnitt erzielt, da Griffith die Episoden chronologisch drehte. Manche Kritiker empfinden den Effekt als fast symphonisch, andere als ermüdend. Sicher ist, dass diese Schnitttechnik enorm einflussreich wurde.
Weitere technische Innovationen des Werks, für uns heute selbstverständlich, sind Szenenübergänge und Ausblenden. Wohl am bedeutendsten war die Nahaufnahme. Die Ganzkörperaufnahmen älterer Filme erforderten einen übertriebenen, pantomimischen Schauspielstil, doch wie Griffith sagte: »Die Nahaufnahme ermöglichte uns echte Schauspielkunst, Zurückhaltung, Darstellung, die das echte Leben zeigt.«
Jesus trägt in der biblischen Geschichte des Films sein Kreuz durch eine johlende Menge.
D. W. Griffith Regisseur
David Llewelyn Wark Griffith wurde 1875 auf einer Farm in Kentucky geboren. Im Alter von zehn Jahren verlor er seinen Vater. Die Familie lebte in Armut. Nach Jahren der Arbeit an Theatern erhielt Griffith 1908 eine kleine Filmrolle. Bald drehte er selbst, u. a. einige der ersten Hollywoodfilme überhaupt. Er gründete seine eigene Firma, um Die Geburt einer Nation zu realisieren, dessen Rassismus Proteste und Unruhen im Land hervorrief. Griffith schuf rund 500 Filme, wobei seine Karriere nach Intoleranz bergab ging. Er starb 1948.
Wichtige Filme
1909A Corner in Wheat
1915Die Geburt einer Nation
1916Intoleranz
1919Eine Blüte gebrochen
Ebenfalls sehenswert:Cleopatra (1917) Eine Blüte gebrochen (1919) Sonnenaufgang (1927) Metropolis (1927) Moderne Zeiten (1936) Vom Winde verweht (1939) Ben Hur (1959)
IM KONTEXT
GENRE
Horrorfilm
REGIE
Robert Wiene
DREHBUCH
Hans Janowitz, Carl Mayer
STARS
Werner Krauß, Conrad Veidt, Friedrich Fehér, Hans Heinrich von Twardowski, Lil Dagover
FRÜHER
1913Die Waffen der Jugend ist Wienes erster Film (verloren).
SPÄTER
1924Orlacs Hände, ein weiterer expressionistischer Film Wienes, erlebt zwei Remakes und inspiriert viele Horrorfilme.
1925 Wiene dreht einen Stummfilm nach Richard Strauss’ Oper Der Rosenkavalier. Strauss dirigiert bei der Premiere ein Orchester. Eine US-Tournee wird mit Einführung des Tonfilms abgesagt.
»Ich habe seither nie wieder der autoritären Macht eines verrückt gewordenen, unmenschlichen Staates vertrauen können.«
Hans Janowitz
Der Somnambule Cesare, der, wie dem Besucher erzählt wird, seit 23 Jahren in Trance in einem Sarg schläft, wird von Caligari geweckt und im Sitzen gefüttert.
Das Cabinet des Dr. Caligari gilt als erster Horror-Spielfilm und sein Nachhall im modernen Kino ist beträchtlich, wenn auch nicht immer aus offensichtlichen Gründen. Das raffinierte Bühnenbild – mit seiner irrealen, theatralischen Szenerie nach wie vor avantgardistisch – ist sein auffälligstes Merkmal. Doch sind es subtilere Elemente von Robert Wienes bahnbrechendem psychologischem Thriller, die zum festen Inventar des filmischen Erzählens wurden.
Der »unzuverlässige Erzähler« war lange, seit dem antiken griechischen Dramatiker Aristophanes, ein literarisches Merkmal – sein Einzug ins Kino war neu. Caligari nutzt diese Technik erstmals in der Figur des Franzis (Friedrich Fehér). Die Geschichte, die Franzis erzählt, beginnt ganz unschuldig mit einer Dreieckskonstellation: Zwei Freunde umwerben dieselbe Frau – aber nicht alles ist, wie es scheint.
Erst beabsichtigten die Drehbuchautoren Hans Janowitz und Carl Mayer mit dem Film die deutsche Regierung während des Ersten Weltkriegs anzuklagen, indem sie Böse wicht Caligari vorführten, der einen Unschuldigen dazu veranlasste, schlafwandelnd zu morden. Je näher die Produktion des Films rückte, desto komplexer wurde er. Auch führte er eine weitere Neuerung ein: die unerwartete Wendung am Ende.
Janowitz und Mayer ließen sich von einer Geschichte aus dem 11. Jh. über einen hochstaplerischen Mönch inspirieren, der einen Mann in seiner Obhut manipulierte. Im Drehbuch wurde der Mönch zu einem Arzt, dem Franzis und sein Freund Alan (Hans Heinrich von Twardowski) auf einem Jahrmarkt begegnen.
Dr. Caligari (Werner Krauß) erscheint zunächst als Schausteller, der sein »Cabinet« – einen Sarg – öffnet, um seinem Publikum den darin liegenden geisterhaften Somnambulen Cesare (Conrad Veidt) zu präsentieren. Caligari, Cesares »Meister«, behauptet, sein Schützling kenne »alle Geheimnisse«, und fordert die Besucher auf, ihm eine Frage zu stellen. Der sichtbar aufgewühlte Alan erkundigt sich, wie lange er leben werde, worauf Cesare erwidert: »Bis zum Morgengrauen!« – ein weiteres aus unzähligen Geschichten übernommenes Element des Horrorfilms: der Naive, der das Schicksal herausfordert. Der unglückliche Alan wird am nächsten Morgen tot aufgefunden.
Der Stil des Films war vom legendären Leiter des Deutschen Theaters in Berlin, Max Reinhardt, geprägt. Der Anti-Realismus, beeinflusst von der expressionistischen Kunst Anfang des 20. Jh., umfasste auch die Künstlichkeit des Bühnenbilds und modellierte mehr das Dunkel als das Licht, um mit waberndem Chiaroscuro eine geheimnisvolle, unheimliche Atmosphäre zu schaffen.
Wiene setzte das Licht sorgfältig ein, um den Eindruck zu erzeugen, dass es sich hier einfach um ein absonderliches Melodram handelt – auch die häufigen bedrohlich wirkenden Nahaufnahmen, zumeist des wohl geisteskranken Caligari, machen das Publikum glauben, es sehe eine einfache Helden-Schurken-Geschichte. Indem sich allerdings zeigt, dass die Perspektive keiner Figur wörtlich genommen werden darf, ergeben die verzerrten Winkel und Kulissen des Szenenbilds auf einmal Sinn. Sie sind Bestandteil der Erzählung und nicht nur verstörendes Stilelement. Das Bühnenbild von Walter Reimann, Walter Röhrig und Hermann Warm symbolisiert eine Welt, die aus den Fugen ist.
Das Cabinet des Dr. Caligari hat die Zeiten überdauert, weil er, lange vor Alfred Hitchcocks Psycho, als erster Film das Publikum in das Innere eines Geisteskranken führt. Sein nachhallender Horror wurzelt in unserer Angst vor der Maske des gesunden Verstands, die selbst die Gestörtesten anlegen können, um ihre Umwelt zu täuschen.
Cesare verschleppt Franzis’ Geliebte durch eine Landschaft, die die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs heraufbeschwört, dessen Ende erst zwei Jahre zurückliegt.
Robert Wiene Regisseur
Robert Wiene kam 1873 in Breslau zur Welt. 1913 schuf er nach eigenem Drehbuch den Kurzfilm Die Waffen der Jugend, den ersten seiner etwa 20 Spiel- und Kurzfilme der Stummfilmära. Nach einer erfolgreichen Filmkarriere in Deutschland floh Wiene Anfang der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten nach Frankreich. Seinen letzten Film, Ultimatum (1938), vollendete nach seinem Krebstod der emigrierte Robert Siodmak (nicht im Abspann genannt).
Wichtige Filme
1913Die Waffen der Jugend
1920Das Cabinet des Dr. Caligari
1923Raskolnikow
1924Orlacs Hände
Ebenfalls sehenswert:Nosferatu (1922) Der letzte Mann (1924) Geheimnisse einer Seele (1926) Metropolis (1927) Dracula (1931) Ich kämpfe um dich (1945) Der dritte Mann (1949) Das weiße Band (2009, S. 323)
IM KONTEXT
GENRE
Historiendrama
REGIE
Sergej Eisenstein
DREHBUCH
Nina Agadschanowa
STARS
Alexander Antonow, Wladimir Barski, Grigori Alexandrow
FÜRHER
1925 Eisensteins erster abendfüllender Spielfilm Streik erzählt von der Arbeitsniederlegung in einer russischen Fabrik im Jahr 1903 und ihren negativen Folgen für die Arbeiter.
SPÄTER
1928 Eisensteins Zehn Tage, die die Welt erschütterten erzählt in dokumentarischem Stil die Oktoberrevolution 1917.
1938 In einem politisch restriktiven Klima weicht Eisenstein mit Alexander Newski in die ferne Vergangenheit aus.
Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin war von der sowjetischen Regierung beauftragt worden, um des 20. Jahrestages der Revolution von 1905 zu gedenken, als sich russische Matrosen gegen ihre Offiziere erhoben und im Hafen von Odessa (heute Ukraine) meuterten. Das Ergebnis war ein Film, der das Kino revolutionierte. 90 Jahre später gibt es kaum einen Actionfilm, den er nicht inspirierte.
Die Eröffnungsszenen sind historisch belegt. Die Köche beanstandeten das von Maden befallene Fleisch, das dennoch als essbar deklariert wurde. Der Sprecher der Belegschaft, Quartiermeister Grigori Wakulintschuk (Alexander Antonow) rief zum Boykott auf und wurde erschossen. Daraufhin richtete sich die Crew gegen ihre Offiziere, hisste die rote Flagge und segelte nach Odessa, wo schon seit Längerem Unruhen in der Bevölkerung herrschten. Wakulintschuks Leiche wurde öffentlich ausgestellt, mit dem Kommentar: »Vor euch liegt die Leiche des Matrosen Wakulintschuk, brutal ermordet vom Ersten Offizier des Panzerkreuzers Fürst Von Taurien.«
»Schauen Sie ihn so an, wie Künstler einen Rubens oder Raffael anschauen und studieren würden.«
David O. Selznik
Dies war eines der ersten Filmplakate der niederländischen Grafikerin Dolly Rudeman. Es zeigt einen kosakischen Soldaten mit einem seiner Opfer. Der kühne futuristische Stil ist typisch für die Plakate der 1920er-Jahre.
In dem Moment, in dem die Matrosen im Film Odessa erreichen, wird dieser zur Propaganda. Zwar trifft zu, dass Zar Nikolaus II. gegen die aufbegehrenden Bürger von Odessa vorging, doch war nicht die Treppe der Schauplatz. Der Regisseur nutzte jedoch alle 200 Stufen der Potemkinschen Treppe, ursprünglich Boulevard-Treppe genannt, um die zaristischen Truppen vorrücken zu lassen. Die Feier der Bevölkerung mit den Matrosen wird bald durch den kurzen Zwischentitel »Und plötzlich« unterbrochen. Das folgende Massaker beeindruckt bis heute. Niemand ist vor den Truppen sicher, die aus starker Untersicht gefilmt und oft kräftig beschnitten sind: Für den Regisseur mussten nur ihre Gewehre zu sehen sein. Die Matrosen feuern mit Granaten zurück, bevor sie sich aufs Meer zurückziehen.
Ein Kinderwagen holpert die Treppe hinunter, an Toten und Sterbenden vorbei. Die Mutter des Babys war erschossen worden. Als sie stürzte, stieß sie den Wagen an und setzte seine fatale Abwärtsfahrt in Gang.
Obwohl Geschichtslektion erlaubte sich Panzerkreuzer Potemkin gewisse Freiheiten, zumal genaue Fakten nie Eisensteins Ziel waren. Er wollte eine neue Filmsprache entwickeln, indem er die Montage-Experimente, in denen der sowjetische Filmtheoretiker Lew Kuleschow von 1910 bis 1920 führend war, fortführte. Für Kuleschow gaben nicht Einzelbilder die Bedeutung, sondern deren Zusammenhang, den der menschliche Geist herstellt: Indem er das Gesicht eines Mannes mit einem Suppenteller, einem Sarg und einer Frau montierte, konnte er z. B. Bilder von Hunger, Trauer und Begehren evozieren. Einsteins Glaube an die Montage – er zog die »Kollisionsmontage« vor – lässt sich auch statistisch belegen: Bei unter 80 Minuten zählt Panzerkreuzer Potemkin 1346 Aufnahmen, während der Durchschnittsfilm jener Zeit etwa 600 aufwies.
Eisensteins Erzähltechnik ist bis heute radikal. Sein Nebeneinanderstellen des Epischen und des Intimen verhindert, dass man sich mit den Charakteren identifiziert. In diesem Punkt ist der Film tatsächlich kommunistisch. Selbst Wakulintschuk, Held und Märtyrer, wird nur als Symbol der Menschlichkeit den gesichtslosen zaristischen Truppen gegenübergestellt. Die berühmteste Szene – ein Kinderwagen, der die Stufen hinabpoltert – ist Sinnbild für die Art, wie der Film unsere hilflosen Gefühle manipuliert.
Sergej Eisenstein Regisseur
Sergej Eisenstein, 1898 in Lettland geboren, begann 1920 als Regisseur im Proletkult-Theater in Moskau. Seine Bildtheorie setzte er in der »Revolutionstrilogie« (Streik, Panzerkreuzer Potemkin und Zehn Tage, die die Welt erschütterten) um. 1930 lud man ihn nach Hollywood ein. Nach stagnierenden Projekten zurück in der Sowjetunion hatte sich das politische Klima von seinen »formalistischen« Ideen ab- und dem traditionellen Erzählen zugewandt. Er starb 1948 und hinterließ acht Filme.
Wichtige Filme
1925Panzerkreuzer Potemkin
1928Zehn Tage, die die Welt erschütterten
1938Alexander Newvsky
Ebenfalls sehenswert:Streik (1925) Zehn Tage, die die Welt erschütterten (1928) Der Mann mit der Kamera (1929) Die Unbestechlichen (1987) JFK – Tatort Dallas (1991)
IM KONTEXT
GENRE
Stummfilmdrama
REGIE
F. W. Murnau
DREHBUCH
Carl Mayer (Drehbuch); Hermann Sudermann (Erzählung)
STARS
George O’Brien, Janet Gaynor, Margaret Livingston, Bodil Rosing
FRÜHER
1922 Murnaus Nosferatu, eine albtraumhafte Dracula-Version, prägt das Horrorfilm-Genre.
SPÄTER
1927Metropolis, Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker, zeigt ebenfalls das Aussehen der modernen Stadt.
1930 In Murnaus Unser täglich Brot verliebt sich ein Mädchen in einen Bauernsohn, wird aber von dessen Familie abgelehnt.
Ein Film veränderte 1927 den Lauf der Kinogeschichte: Der Jazzsänger mit Al Jolson, der erste Tonfilm in Spielfilmlänge. Doch auch andere Musik spielte in jenem Jahr in den Filmtheatern, und zwar als Begleitung eines Stummfilms. In Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen unternahm es der deutsche Regisseur F. W. Murnau, eine universelle menschliche Erfahrung in 90 Minuten zu bannen – monochrome Bilder ohne Worte, begleitet nur von Musik und Toneffekten.
In einem Dorf am See treffen sich zwei heimlich Liebende im Mondlicht. Der Mann (George O’Brien) ist ein ehrlicher Kerl vom Land, den die vamphafte Frau aus der Stadt (Margaret Livingston) verführt hat. Sie drängt ihn, seine Farm zu verkaufen und ihr zu folgen, um in der Stadt ein aufregendes Leben zu führen. Der Mann ist jedoch mit einer zauberhaften jungen Frau (Janet Gaynor) verheiratet. Auf die Frage: »Und meine Frau?« wird der Blick der Verführerin hinterhältig. »Könnte man sie nicht ertränken?«, lautet der eiskalte Zwischentitel.
Die ländliche Umgebung, Nebelschwaden und wabernde, spinnenartige Schatten erinnern in dieser Szene an Murnaus anderes Meisterwerk, den archetypischen Vampirfilm Nosferatu. Sonnenaufgang scheint eine ebenso sensationslüsterne Geschichte über Sex, Tod, Gewalt und Verrat zu erzählen. Aber wird der Mann zum Mörder? Mit ihrem schwarzen Bob, dem schicken Satinkleid und der glimmenden Zigarette verkörpert die Frau aus der Stadt die Amoralität der Metropole, der Mann hingegen die ländliche Unschuld. Der Zuschauer vermutet, dass Sonnenaufgang die Geschichte der Verderbnis erzählt – an einem Punkt erscheint das Gesicht der Frau teufelsartig auf der Schulter des Mannes und drängt ihn zum Verbrechen. Tatsächlich lädt dieser seine Ehefrau zu einer Bootsfahrt ein, doch als der Moment kommt, sie zu ertränken, scheitert er.
Die Ehefrau flieht und erst in einer Straßenbahn Richtung Stadt holt er sie ein. Aus Angst vor Zuhörern sitzen sie wortlos nebeneinander.
An dieser Stelle überrascht Sonnenaufgang. Die Metropole wirkt magisch auf den Mann und seine Frau. Sie wandern einen Tag lang durch die berauschende Menge und erleben, wie ihre Liebe wieder aufblüht.
Es folgen weitere dramatische Szenen und unvergessliche Bilder: Menschenmengen, durch die sich die Kamera zwängt, ein Straßenkarneval und halluzinogene Lichter. Auch die Gefahr flackert erneut auf, die Vergangenheit lässt nicht einfach los. Hinter dem ganzen Film steckt großer Ehrgeiz – Murnaus »Stadt« bestand aus riesigen, komplexen und enorm teuren Kulissen – sodass viele heute Sonnenaufgang als Höhepunkt der Stummfilmära ansehen, einen schönen letzten Walzer.
Sonnenaufgang war einer der ersten Filme mit Toneffekten, jedoch wurden seine Innovationen nicht erkannt.
Sonnenaufgang wirkt wie eine Montage der größten Hits der Stummfilmzeit, ein Karussell aus Melodram, Spannung, Horror, Spektakel, Slapstick und Tragödie. Die US-Fassung erhielt eine Tonspur mit Geräuschen, die den Film durch Schweinequieken, Hupen und andere grobe Effekte ergänzte, aber notwendig war das nicht. »Wo immer die Sonne auf- und untergeht«, heißt es auf dem letzten Zwischentitel, »in der Hektik der Stadt oder am weiten Himmel auf der Farm, ist das Leben weitgehend gleich; manchmal bitter, manchmal süß.«
»Murnaus Filme sind wunderbar, und Sonnenaufgang macht keine Ausnahme. Seine sinnlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und mitreißenden Kamerafahrten sind zeitlos.«
Pamela HutchinsonThe Guardian
Unfähig, den Mord zu begehen, folgt der Mann seiner Frau zu einer Straßenbahn. Schließlich fahren sie zusammen in die Stadt.
F. W. Murnau Regisseur
Friedrich Wilhelm Murnau wurde 1888 in Bielefeld geboren. Er erlebte den Horror des Ersten Weltkriegs als Kampfflieger, bevor er selbst Horror schuf: Nosferatu, die erste Verfilmung von Dracula. Der letzte Mann bewies, dass Murnau sein Publikum ebenso kunstvoll rühren konnte, wie er es zuvor in Schrecken versetzt hatte. Auch Goethes Faust brachte Murnau auf die Leinwand, bevor er 1926 nach Hollywood ging. Sein erster US-Film war Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen. 1931 starb Murnau bei einem Autounfall.
Wichtige Filme
1922Nosferatu
1924Der letzte Mann
1927Sonnenaufgang
Ebenfalls sehenswert:Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) Faust (1926) Der Mieter (1927) Flügel aus Stahl (1927) Engel der Straße (1928) Der Mann mit der Kamera (1929) Lichter der Großstadt (1931) A Star Is Born (1937)
IM KONTEXT
GENRE
Science-Fiction
REGIE
Fritz Lang
DREHBUCH
Fritz Lang, Thea von Harbou
STARS
Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge, Brigitte Helm
FRÜHER
1922 In Dr. Mabuse, der Spieler – Ein Bild der Zeit führen Lang und von Harbou den Erzkriminellen ins Kino ein.
1924Die Nibelungen ist ein zweiteiliges Stummfilm-Epos von Lang und von Harbou.
SPÄTER
1929Frau im Mond ist Langs nächstes Science-Fiction-Meisterwerk nach Metropolis.
1931 Langs und von Harbous düsterer Thriller M – Eine Stadt sucht einen Mörder entsteht.
Langs Vision von der Stadt der Zukunft war stark beeinflusst von den Wolkenkratzern, die zu jener Zeit in New York in die Höhe wuchsen.
Viele Filme reisen in die Zukunft und sind von Fritz Langs Metropolis inspiriert. Die Geschichte einer Stadt, 1927 in Deutschland entstanden, blickt 100 Jahre in die Zukunft.
Metropolis spielt im Jahr 2026, doch tatsächlich ist eine verzerrte Reflexion der Entstehungszeit des Films zu sehen. Seine eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bilder, die vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind, bilden die Albträume einer Welt im Wandel ab. Die mechanisierten Schrecken des Ersten Weltkriegs waren noch frisch in Erinnerung und bald sollten die Nationalsozialisten an die Macht kommen, die Deutschlands Probleme durch totalitäre Lösungen beheben wollten. Lang sagte, die Idee zu Metropolis sei ihm bei einem Besuch in New York im Jahr 1924 gekommen. Eindeutig inspirierte die amerikanische Metropole mit ihren Wolkenkratzern und ameisenkleinen Bewohnern die erste Science-Fiction-Stadt der Leinwand. Zusammen mit Spezialeffekte-Pionier Eugen Schüfftan erschuf Lang eine extreme Version Manhattans, mit Einschienenbahnen, schimmernden Häuserspitzen und riesigen Uhrwerken, in der die Menschen an den Maschinen kaum größer als Zahnräder sind. In Metropolis reflektiert die Architektur der Stadt die rigide Struktur ihrer Gesellschaft, deren herrschende Klasse, angeführt von Fredersen (Alfred Abel), in Luxustürmen lebt, während die Arbeiter, repräsentiert durch Maria (Brigitte Helm), in die düsteren Slums auf und unter der Erde verbannt sind. Die zwei Gruppen – die Oberen und die Unteren – wissen wenig voneinander, denn in der glatt funktionierenden Maschinenstadt kreuzen sich ihre Wege nie. Erst als Fredersens privilegierter Sohn sich in die Arbeiterin Maria verliebt, gerät die Maschine aus dem Takt, als das Herz die zwei Gruppen – »Kopf« und »Hände« – vereint.
»Soll ich jetzt sagen, dass ich Metropolis mag, weil etwas, das ich in meiner Vorstellung gesehen habe, wahr wird, obwohl ich ihn verabscheut habe, als er fertig war?«
Fritz Lang
Langs Film schwelgt zwar in allerneuesten Spezialeffekten, doch im Hinblick auf die Zukunft des Menschen traut er der Technologie nicht. Die Stadt des 21. Jh. wird als böswilliges Ungeheuer, als lebende und atmende Maschine gezeichnet, unfähig zu Mitgefühl. Maria erscheint als Maschinenmensch dupliziert, dessen unheilige Geburt Hollywood in Frankenstein (1931) imitiert. Mechanisierung dient dem Täuschen, der Entmenschlichung und Versklavung.
Metropolis wird oft die erste Leinwand-Dystopie genannt und seine geteilte deutsche Gesellschaft wirkt düster vorausahnend. Im Kern bleibt Langs Film allerdings optimistisch, denn das menschliche Herz kann selbst dann noch triumphieren, wenn sich Träume in drückende Albträume verwandeln, und trotz allem ist die Welt von morgen von erschreckender Schönheit.
In einer Art-déco-Vision der Hölle wird die Maschine, die die Stadt in Gang hält, als Opfertempel für Moloch gesehen, der seine Arbeiter vernichtet.
Alfred Abel Schauspieler
Alfred Abel, 1897 in Leipzig geboren, begann eine Forst-, dann eine Gärtnerlehre, erhielt eine kaufmännische Ausbildung und studierte Kunst, bevor er Schauspieler wurde. In Berlin gab ihm Theaterregisseur Max Reinhardt 1913 seine erste Rolle. Er trat in über 100 Stummfilmen auf, dessen berühmtester Metropolis war. Seine elegante, zurückhaltende Gestik blieb auch im Zeitalter des Tonfilms gefragt. Ein Ausflug in die Regie wurde kein Erfolg. Er starb 1937, zwei Jahre, nachdem das NS-Regime seiner Tochter Bühnenverbot erteilt hatte.
Wichtige Filme
1922Dr. Mabuse, der Spieler
1927Metropolis
Ebenfalls sehenswert:Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) Frankensteins Braut (1935, S. 52) Moderne Zeiten (1936) Blade Runner (1982) Brazil (1985) Matrix (1999) Minority Report (2002)
IM KONTEXT
GENRE
Komödie
REGIE
Charles Reisner
DREHBUCH
Carl Harbaugh
STARS
Buster Keaton, Tom McGuire, Ernest Torrence, Marion Byron
FRÜHER
1924 Keaton bricht sich bei einem Stunt für Buster Keaton – Sherlock Junior das Genick an.
1926 Keatons Der General, heute ein Klassiker, floppt an der Kinokasse.
SPÄTER
1928Wasser hat Balken inspiriert Walt Disney zu Steamboat Willie, den ersten Micky-Maus-Zeichentrickfilm.
1929 Keatons letzter Stummfilm Die unvollkommene Ehe erzählt von einer Berühmtheit, die sich von ihrem Mann trennt.
Buster Keaton war ein Meister des todernsten Slapsticks. Er wurde in eine Varieté-Familie hineingeboren und war von Kindheit an mit den Anforderungen des Slapsticks vertraut, den er von der Bühne auf die Leinwand übertrug. Auch wenn er sich nicht immer als Regisseur angab, war er stets der Kopf hinter den Späßen. Heute beeindrucken an seinen Filmen am meisten die Präzision der Komik und die Kunst, das Publikum in die Irre zu führen. Wasser hat Balken ist typisch dafür, wie Keaton mit Erwartungen spielt.
Der Film steigt sofort ins Thema ein: Der in die Jahre gekommene Kapitän eines heruntergekommenen Raddampfers bekommt Konkurrenz durch ein schickes neues Schiff, am selben Tag, als sein verlorener Sohn (Keaton) wieder auftaucht – und schon beginnt die Komik.
Noch bevor er selbst auftritt, zeigt Keaton jede Menge Gags. Als er schließlich als exzentrischer Bohemien mit Büchertasche, winziger Ukulele und Baskenmütze erscheint, stellt auch seine Figur jede Menge Dummheiten an, bevor ein Sturm für Tempo sorgt und ihn auf einem Krankenhausbett durch die ganze Stadt schiebt. Als er anschließend verdattert auf der Straße steht, stürzt eine ganze Hausfront über ihm zusammen – die Fensteröffnung im oberen Stock ist die Rettung. Die Szene – höchst gefährlich umzusetzen – steht für Keatons Philosophie: »Stuntmänner ernten kein Gelächter.«
Keaton führte Stunts selber aus. Viele, wie dieser, als ein Gebäude in Wasser hat Balken auf ihn fällt, erforderten eine exakte Zeit- und Positionsplanung, um Gefahren zu vermeiden.
Ebenfalls sehenswert:Verflixte Gastfreundschaft (1923) Buster Keaton – Sherlock Junior (1924) Der Navigator (1924) Der General (1926) Buster Keaton, der Filmreporter (1928)
IM KONTEXT
GENRE
Historiendrama
REGIE
Carl Theodor Dreyer
DREHBUCH
Joseph Delteil, Carl Theodor Dreyer
STAR
Maria Falconetti
FRÜHER
1917 Falconetti spielt die Hauptrolle in La Comtesse de Somerive, dem ersten ihrer beiden Spielfilme.
SPÄTER
1932 Dreyer dreht mit dem Horrorfilm Vampyr seinen ersten Tonfilm.
1943 Dreyers Film Tag der Rache über eine Hexenverfolgung im 17. Jh. kehrt zum Thema Hexerei zurück.
1957 Otto Preminger verfilmt George Bernard Shaws Stück Die heilige Johanna mit Jean Seberg in ihrer ersten Filmrolle.
Die Geschichte der Johanna von Orléans wurde öfter verfilmt, zumeist als Abenteuer, in dem die Heldin im Frankreich des 15. Jh. eine Armee gegen englische Eindringlinge anführt. Der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer zog hingegen die Akten des Prozesses gegen Johanna heran, um eine intime, zermürbende Darstellung ihrer Verfolgung und Exekution durch die Kirche zu liefern.
Berichten zufolge war der Dreh ebenso hart und strapaziös wie das Leinwandgeschehen, insbesondere für Maria Falconetti als Johanna, deren Rolle eine Tortur war. Die Kamera des Regisseurs nah vor das Gesicht gehalten, wird ihre gequälte Mimik mit den verkniffenen Zügen der Kleriker kontrastiert– alle aus extremer Nähe gefilmt, ohne Make-up und in hartem Licht.
Während sich die Umstände für Johanna verschlechtern, bannt der Film den Zuschauer so lang als möglich im Inneren ihrer gequälten Welt. Selbst noch auf dem Scheiterhaufen konzentriert sich Dreyer unerbittlich auf Johanna statt auf die Versuche, diese zu retten. Der Regisseur sagte einst: »Nichts in der Welt lässt sich mit einem menschlichen Gesicht vergleichen.«
Die Gerichtsszene wurde in einem enorm teuren Nachbau des kirchlichen Gerichtssaals im Palast von Rouen gedreht, wo der historische Prozess stattgefunden hatte.
Ebenfalls sehenswert:Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen (1927) Vampyr (1932) Tag der Rache (1943) Das Wort (1955) Gertrud (1964)
IM KONTEXT
GENRE
Melodram
REGIE
Josef von Sternberg
DREHBUCH
Carl Zuckmayer, Karl Vollmoeller, Robert Liebmann (Drehbuch); Heinrich Mann (Roman)
STARS
Marlene Dietrich, Emil Jannings
FRÜHER
1929 Von Sternbergs erster Tonfilm ist der US-Krimi Sie nannten ihn Thunderbolt.
SPÄTER
1930 Von Sternberg und Dietrich arbeiten bei der Hollywood-Romanze Marokko ein zweites Mal zusammen.
1932 Der vierte der sieben gemeinsamen Filme von Dietrich und Sternberg, Schanghai Express, wird ein Kassenschlager.
Marlene Dietrichs Lola Lola, die Tingeltangelsängerin aus Der blaue Engel, gehört zu den unvergesslichen Sirenen der Kinogeschichte. 1933 wurde der Film von den Nationalsozialisten verboten, doch Hitler, ein Fan von Dietrich, soll eine private Kopie besessen haben.
Lola drückt ihre Dekadenz und erotischen Ennui mit den Liedern aus, die die Dietrich berühmt machten: »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« wurde ihr Markenzeichen. Doch Josef von Sternbergs Film ist gleichzeitig eine Moralpredigt, die vor den Gefahren der fleischlichen Genüsse warnt: Er erzählt, wie der Gymnasialprofessor Immanuel Rath (Emil Jannings) in der Weimarer Republik seine Anstellung aufgibt und im Varieté »Der blaue Engel« der Sängerin Lola verfällt.
Professor Rath gerät in die Halbwelt des Showgeschäfts. Als Lola sich von ihm abwendet, endet er als Witzfigur: ohne Rückgrat, kraft- und machtlos, ein grotesker Schatten des Pedanten, der er früher war.
Professor Rath (Emil Jannings, rechts) wird in Lolas Truppe zum Clown herabgewürdigt. Als diese in seiner Heimatstadt gastiert, wird er zum Gespött des Publikums.
Ebenfalls sehenswert:Schanghai Express (1932) Blonde Venus (1932) Perlen zum Glück (1936) Der große Bluff (1939) Cabaret (1972)
IM KONTEXT
GENRE
Stummfilmdrama
REGIE
Robert Siodmak, Curt Siodmak
DREHBUCH
Curt Siodmak, Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Billy Wilder
STARS
Erwin Splettstößer, Annie Schreyer, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers, Brigitte Borchert
FRÜHER
1927 Walther Ruttmanns experimenteller Dokumentarfilm Berlin: Die Sinfonie der Großstadt zeigt, zu Orchestermusik, einen Tag in Berlin.
SPÄTER
1948 Vittorio De Sicas neorealistischer Film Fahrraddiebe erzählt eine alltägliche Geschichte, die vollständig an Originalschauplätzen entstand.
Das deutsche Kino der 1920er- und 1930er-Jahre stach durch Stil und technische Könnerschaft hervor. Menschen am Sonntag allerdings war in ganz anderer Hinsicht wegweisend: Er ist ein fließender, unbekümmerter Film, der Realismus anstrebt.
Die Filmemacher Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer, beide damals Neulinge, wurden später mit straffen Thrillern in Hollywood erfolgreich, doch Menschen am Sonntag stellt das Gegenteil dar. Er ist auch anders als die späteren Werke seines Drehbuchautors Billy Wilder, der sich mit dem Dokumentarstil an den Reportagen von Siodmaks Bruder Curt orienterte. Dieser wiederum schrieb später viele Vorlagen für die Horrorfilme der Universal Studios.
Der Untertitel des Films lautete »Film ohne Schauspieler«. Er zeigt 24 Stunden im Leben von fünf Berlinern, gespielt von Laien in Rollen, die ihrem wahren Leben entsprachen. Weinhändler Wolfgang flirtet mit Komparsin Christl. Sie verabreden einen Sonntagsausflug nach Nikolassee. Dann besucht Wolfgang den Taxifahrer Erwin und dessen Freundin Annie, ein Mannequin, die er ebenfalls einlädt mitzukommen. Nach einem Streit lässt Erwin sie zugunsten von Wolfgang, Christl und der Schallplattenverkäuferin Brigitte allein.
Im Rückblick ist dieses ungekünstelte Geschehen sehr berührend, denn alle Beteiligten mussten vor Ende des Jahrzehnts ins Exil. Doch es ist kein Zynismus spürbar, nur der optimistische Glaube an »morgen«.
»Wir saßen an einem Tisch in der Nähe, während sie entschieden, was wir an jenem Tag tun würden. Es war vollkommen improvisiert.«
Brigitte Borchert
Ebenfalls sehenswert:Fahrraddiebe (1948) Außer Atem (1960) Samstagnacht bis Sonntagmorgen (1960)
IM KONTEXT
GENRE
Stummfilmkomödie
REGIE
Charlie Chaplin
DREHBUCH
Charlie Chaplin
STARS
Charlie Chaplin, Virginia Cherrill, Harry Myers
FRÜHER
1921 Chaplin dreht seinen ersten Spielfilm Der Vagabund und das Kind mit der 13-jährigen Lita Grey, die er drei Jahre später heiratet.
1925 Chaplins Goldrausch wird der erste Kinohit, in dem ein Vagabund auftritt.
1927Der Jazzsänger, erster vollständig vertonter Spielfilm, beendet die Stummfilmära.
SPÄTER
1936 Chaplins letzter Stummfilm Moderne Zeiten klagt die Arbeitsbedingungen während der Großen Depression an.
Charlie Chaplins Lichter der Großstadt – für den er das Drehbuch schrieb, Regie führte und als Darsteller wirkte – war einer der letzten großen Filme der Stummfilmzeit. Für viele ist er eine der besten Komödien aller Zeiten. Obwohl er 1931 herauskam, vier Jahre nach dem ersten echten Tonfilm Der Jazzsänger, produzierte Chaplin Lichter der Großstadt trotzig als Stummfilm, nur mit einigen wenigen verzerrten Toneffekten und eigener Filmmusik.
Die Geschichte beginnt in einer Großstadt, wo Chaplins Vagabund vor einem Polizisten flieht, der ihn wegen Landstreicherei festnehmen will. Auf der Flucht klettert er durch ein Auto und begegnet dem blinden Blumenmädchen (Virginia Cherrill). Mit seiner letzten Münze kauft er ihr eine Blume ab und nachdem das Mädchen die Autotür hört, hält es ihn für einen reichen Mann.
Nicht als Vagabund erkannt, verliebt er sich in das Mädchen und will der reiche und schöne Wohltäter sein, für den sie ihn hält. Er beschließt, sie aus der Armut zu retten, und als er hört, dass eine Operation ihr das Augenlicht zurückgeben könne, sucht er nach Wegen und Mitteln, um das Geld dafür aufzutreiben: er fegt u. a. die Straßen und lässt sich in einem Preisboxkampf zusammenschlagen – Gelegenheiten für Chaplin, seine Markenzeichen Slapstick, Doppeldeutigkeit und Melodram zu entfalten.
Das Plakat für die Erstaufführung des Films im Kino von 1931 baut ganz und gar auf den Wiedererkennungseffekt von Chaplin in der Rolle des Vagabunden.
Nachdem der Vagabund einen Millionär, der von seiner Frau verlassen wurde, vom Selbstmord abhält, erhält er von diesem zum Dank 1000 Dollar für das Mädchen. Leider schätzt der reiche Mann den Vagabunden nur als Freund, solange er betrunken ist. Wieder nüchtern, beschuldigt er ihn des Diebstahls. Der Vagabund flieht und kann dem Mädchen nur noch das Geld für die Operation geben, bevor er ergriffen und ins Gefängnis geworfen wird.
