Big Ideas. Das Soziologie-Buch - Chris Yuill - E-Book
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Big Ideas. Das Soziologie-Buch E-Book

Chris Yuill

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Beschreibung

Kann soziale Ungerechtigkeit beseitigt werden? Wie hat das Internet unsere Beziehungen verändert? Wieso haben wir Angst vor dem Fremden? Soziologie fragt nach den Strukturen, die unser Zusammenleben prägen und untersucht ihren Wandel. Dieses Buch erklärt knapp 90 bedeutende Theorien einflussreicher Sozialwissenschaftler und zeigt spannend und anschaulich, was sie über uns und unsere Gesellschaft verraten. Übersichtliche Grafiken, Illustrationen und Chroniken veranschaulichen die Kernthesen und zentralen Gedankengänge auf leicht verständliche Art. Biografie-Kästen liefern Infos zu Leben und Werk der jeweiligen Denker. Jede Theorie wird durch übersichtliche Querverweise in einen historischen Zusammenhang gestellt und einer Ideenlehre zugeordnet. So entsteht eine spannende Einführung in die Soziologie und ihre unterschiedlichen Fachbereiche. Perfekt für Schüler, Studenten und alle Interessierten!

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Seitenzahl: 521

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

GRUNDLAGEN DER SOZIOLOGIE

Eine physische Niederlage hat noch nie das Ende einer Nation herbeigeführt

Ibn Chaldun

Menschen wanderten, ließen sich nieder, waren sich einig oder stritten – und das stets in Truppen und Kompanien

Adam Ferguson

Wissenschaft kann dazu dienen, die Welt besser zu machen

Auguste Comte

Die Unabhängigkeitserklärung bezieht sich nur auf die Hälfte der Menschheit

Harriet Martineau

Der Fall der Bourgeoisie und der Sieg des Proletariats sind gleichermaßen unvermeidlich

Karl Marx

Gemeinschaft und Gesellschaft

Ferdinand Tönnies

Wie der menschliche Körper besteht auch die Gesellschaft aus untereinander verbundenen Teilen, Bedürfnissen und Funktionen

Émile Durkheim

Der eiserne Käfig des Rationalismus

Max Weber

Viele persönliche Probleme müssen im Sinne öffentlicher Belange verstanden werden

Charles Wright Mills

Schenke den alltäglichsten Verrichtungen dieselbe Aufmerksamkeit wie seltenen Ereignissen

Harold Garfinkel

Wo Macht herrscht, gibt es auch Widerstand

Michel Foucault

Geschlecht ist eine Art Nachahmung von etwas, für das es kein Original gibt

Judith Butler

SOZIALE UNGERECHTIGKEIT

Ich beschuldige die Bourgeoisie des sozialen Mordes

Friedrich Engels

Das Problem des 20. Jahrhunderts ist das Problem der Rassentrennung

W.E.B. Du Bois

Die Armen werden von normalen Lebensentwürfen, von alltäglichen Gewohnheiten und Aktivitäten ausgeschlossen

Peter Townsend

There ain’t no black in the Union Jack

Paul Gilroy

Ein Gefühl vom eigenen Platz in der Gesellschaft

Pierre Bourdieu

Der Orient ist die Bühne, auf die der gesamte Osten beschränkt wird

Edward Said

Das Getto ist dort, wo die Schwarzen leben

Elijah Anderson

Die Instrumente der Freiheit werden zur Quelle der Demütigung

Richard Sennett

In der hegemonialen Männlichkeit verdichtet sich das männliche Interesse am Patriarchat

R.W. Connell

Weiße Frauen sind mitschuldig an dem von weißer Vorherrschaft geprägten imperialistischen, kapitalistischen Patriarchat

bell hooks

Für eine Analyse der Ungleichheit der Geschlechter ist das Konzept des »Patriarchats« unabdingbar

Sylvia Walby

MODERNES LEBEN

Fremde werden nicht als Individuen, sondern als Fremde eines bestimmten Typus empfunden

Georg Simmel

Die Freiheit, unsere Städte und uns selbst zu erneuern

Henri Lefebvre

Auf der Straße muss es Augen geben

Jane Jacobs

Nur die Kommunikation kann kommunizieren

Niklas Luhmann

Die Gesellschaft sollte sagen, was gut ist

Amitai Etzioni

Die McDonaldisierung erfasst praktisch alle Aspekte der Gesellschaft

George Ritzer

Die Bindungen innerhalb unserer Gemeinschaften sind verkümmert

Robert D. Putnam

Die Disneyfizierung setzt an die Stelle alltäglicher Leere spektakuläre Erfahrungen

Alan Bryman

In einem Loft zu wohnen ist, als wohnte man in einem Schaufenster

Sharon Zukin

LEBEN IN EINER GLOBALISIERTEN WELT

Lasst alle Hoffnung auf Totalität fahren – Ihr, die Ihr eintretet in die Welt der flüchtigen Moderne

Zygmunt Bauman

Das moderne Weltsystem

Immanuel Wallerstein

Globale Themen, lokale Perspektiven

Roland Robertson

Klimawandel ist ein Hinterkopf-Thema

Anthony Giddens

Ohne globale kognitive Gerechtigkeit keine soziale Gerechtigkeit

Boaventura de Sousa Santos

Die Entfesselung der Produktionskapazitäten durch die Kraft des Geistes

Manuel Castells

Wir leben in einer nicht länger kontrollierbaren Welt

Ulrich Beck

Manchmal scheint es, als wäre die ganze Welt unterwegs

John Urry

Nationen lassen sich mit relativ wenig historischem Rohmaterial konstruieren

David McCrone

Globale Städte sind strategische Orte für neue Arten von Tätigkeiten

Saskia Sassen

Verschiedene Gesellschaften eignen sich das Material der Moderne auf unterschiedliche Weise an

Arjun Appadurai

Veränderungsprozesse haben die Beziehungen zwischen Menschen und Gemeinschaften umgestaltet

David Held

KULTUR UND IDENTITÄT

Das »I« und das »me«

G.H. Mead

Die Herausforderung der Moderne besteht darin, illusionslos zu leben, ohne zu desillusionieren

Antonio Gramsci

Der Zivilisationsprozess schreitet permanent »voran«

Norbert Elias

Die Massenkultur verstärkt die politische Repression

Herbert Marcuse

Die Gefahr der Zukunft liegt darin, dass Menschen zu Robotern werden können

Erich Fromm

Kultur ist gewöhnlich

Raymond Williams

Stigma bezieht sich auf ein zutiefst diskreditierendes Attribut

Erving Goffman

Wir leben in einer Welt wachsender Information und schwindender Bedeutung

Jean Baudrillard

Moderne Persönlichkeiten sind dezentriert

Stuart Hall

Alle Gemeinschaften sind vorgestellt

Benedict Anderson

Überall auf der Welt hat sich die Kultur beharrlich ins Zentrum gedrückt

Jeffrey Alexander

ARBEIT UND KONSUM

Der Geltungskonsum wertvoller Güter stellt für den Freizeitmenschen einen Weg dar, seine Seriosität zu demonstrieren

Thorstein Veblen

Die Puritaner wollten »berufen« arbeiten, wir sind dazu gezwungen

Max Weber

Technologie ist, wie die Kunst, für die menschliche Vorstellungskraft eine erhebende Aufgabe

Daniel Bell

Je ausgereifter die Maschinen, desto weniger qualifiziert sind die Arbeiter

Harry Braverman

Die Automatisierung steigert die Kontrolle des Arbeiters über seinen Arbeitsprozess

Robert Blauner

Die romantische Ethik fördert den Geist des Konsumismus

Colin Campbell

In der Arbeit mit Menschen ist das Produkt eine psychische Verfassung

Arlie Russell Hochschild

Zwang geht mit spontaner Zustimmung einher

Michael Burawoy

Ebenso wie wir sie erzeugen, erzeugen uns die Dinge

Daniel Miller

Die Feminisierung hat die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nur in bescheidenem Maße verringert

Teri Lynn Caraway

DIE ROLLE DER INSTITUTIONEN

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur

Karl Marx

Das eiserne Gesetz der Oligarchie

Robert Michels

Gesunde Menschen brauchen keine Bürokratie, um sich zu paaren, Kinder zu gebären und zu sterben

Ivan Illich

Manche verüben als Reaktion auf eine gesellschaftliche Situation Verbrechen

Robert K. Merton

Totale Institutionen berauben die Menschen ihres Unterstützungssystems und ihres Selbst

Erving Goffman

Regierung ist das richtige Verfügen über die Dinge

Michel Foucault

Religion hat ihre Glaubwürdigkeit und ihre gesellschaftliche Bedeutung verloren

Bryan Wilson

Unsere Identität und unser Verhalten werden davon bestimmt, wie wir beschrieben und eingeordnet werden

Howard S. Becker

Aus ökonomischen Krisen werden unmittelbar gesellschaftliche Krisen

Jürgen Habermas

Schule wurde für die Armen geschaffen – und ihnen zugleich angetan

Samuel Bowles und Herbert Gintis

Gesellschaften fallen hin und wieder Perioden moralischer Panik anheim

Stanley Cohen

Die Zeit der Stämme

Michel Maffesoli

Wie Arbeiterkinder Arbeiterstellen bekommen

Paul Willis

FAMILIE UND PRIVATLEBEN

Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden kulturell erzeugt

Margaret Mead

Familien sind Fabriken, in denen Persönlichkeiten hergestellt werden

Talcott Parsons

Der westliche Mensch ist zum bekennenden Tier geworden

Michel Foucault

Heterosexualität muss als Institution erkannt und untersucht werden

Adrienne Rich

Westliche Familienkonstellationen sind divers, flüchtig und ungelöst

Judith Stacey

Der Ehevertrag ist ein Arbeitsvertrag

Christine Delphy

Hausarbeit ist das direkte Gegenteil von Selbstverwirklichung

Ann Oakley

Sobald die Liebe siegt, muss sie alle möglichen Niederlagen einstecken

Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim

Sexualität hat genauso viel mit Glauben und Ideologie zu tun wie mit dem Körper

Jeffrey Weeks

Queer-Theorie hinterfragt das Fundament der Identität

Steven Seidman

WEITERE SOZIOLOGEN

GLOSSAR

DANK

EINLEITUNG

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Im Verlauf unserer gesamten Entwicklung haben wir stets in Gruppen gelebt und gearbeitet. Sie wurden mit der Zeit immer größer und komplexer – von Familien über Sippen und Stämme, Dörfer und Städte bis hin zu Nationalstaaten. Unsere Neigung, zusammen zu leben und zu arbeiten, brachte uns dazu, Gemeinschaften zu bilden, die im Zuge unserer wachsenden Kenntnisse und technologischen Fortschritte immer größer wurden. Die Art der Gesellschaft, in der wir leben, beeinflusst wiederum unser soziales Verhalten und wirkt in alle Aspekte unseres Lebens hinein.

Die Soziologie erforscht das Verhalten des Menschen in Gruppen und, umgekehrt, ihre Rückwirkung auf das Individuum – etwa, wie Gruppen gebildet werden, welche Dynamiken sie antreiben, wie diese Dynamiken zum Erhalt oder zur Veränderung der Gruppe und so zum sozialen Wandel beitragen. Heutzutage reicht die Bandbreite der Soziologie von der theoretischen Analyse sozialer Prozesse, Strukturen und Systeme bis hin zur Anwendung dieser Theorien im Rahmen von Sozialpolitik. Und da Gemeinschaften sich aus Individuen zusammensetzen, besteht unweigerlich eine Verbindung zwischen den Strukturen der Gesellschaft und dem Verhalten ihrer einzelnen Mitglieder. Soziologen können deshalb neben den Institutionen und Organisationen der Gesellschaft einzelne Gruppen und Schichten darin oder auch die Interaktionen und Erfahrungen von Individuen betrachten.

»Die Soziologie wurde aus der modernen Begeisterung geboren, die Gesellschaft zu verbessern.«

Albion W. Small(1854–1926)

Es mag überraschen, dass die Soziologie eine verhältnismäßig junge Wissenschaft ist. Obwohl schon im alten China und Griechenland Philosophen die Existenz einer zivilen Gesellschaft und die Vorzüge einer sozialen Ordnung erkannten, dachten sie eher politisch als soziologisch: Sie fragten sich, wie eine Gesellschaft organisiert und regiert werden sollte, anstatt die Gesellschaft, die sie vorfanden, zu studieren. Und wie sich aus den antiken Gesellschaften die politische Philosophie entwickelte, so zeigt sich die Soziologie als Resultat grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen im Zeitalter der Aufklärung.

Insbesondere die technischen Neuerungen im Zuge der Industriellen Revolution veränderten die Produktionsweisen radikal und ließen rasant wachsende Industriestädte entstehen. Traditionelle Sicherheiten, wie sie etwa die Religion bot, wurden durch die Aufklärung infrage gestellt. Damit wurde nicht allein die Autorität der Kirche untergraben: Das sogenannte Zeitalter der Vernunft bedrohte auch die alte Ordnung der Monarchie und Aristokratie – und seine Forderungen nach repräsentativer Herrschaft führten in Amerika und Frankreich zu sozialen Revolutionen.

Gesellschaft und Modernität

Die Aufklärung schuf eine neue, moderne Gesellschaft, und als Antwort auf diese Transformation entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts die Soziologie. Denker und Philosophen suchten die Natur der Moderne und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu verstehen. Einige beklagten den Zusammenbruch traditioneller Gemeinschaften und des sozialen Zusammenhalts von Familien und ländlichen Gemeinden. Sie hielten an den überkommenen Werten und Glaubenssätzen der Religion fest. Andere indes erkannten, dass nun neue soziale Kräfte am Werk waren, die die Gesellschaft neu ordnen, aber auch Spannungen erzeugen konnten.

Ganz im Geiste der Aufklärung suchten diese frühen sozialen Denker nach Wegen, die Gesellschaft objektiv zu untersuchen und eine wissenschaftliche Disziplin zu begründen, die sich von Geschichte, Politik und Philosophie unterschied. Die Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Astronomie und Biologie) waren bereits etabliert – und so war die Zeit reif für das Studium des Menschen und seines Sozialverhaltens.

Die Industrielle Revolution und der sie vorantreibende Kapitalismus begünstigten die Entwicklung der Ökonomie als Erste der neuen »Sozialwissenschaften«. Ihre Grundlagen legte 1776 Adam Smiths Werk Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Etwa zeitgleich wurde auch die Soziologie begründet – durch Theoretiker wie Adam Ferguson und Henri de Saint-Simon sowie etwas später Auguste Comte, dessen Herangehensweise zur Erforschung der Gesellschaft das wissenschaftliche Fundament für die Soziologie als eigenständige Disziplin legte. Ihm folgten drei bahnbrechende Soziologen, deren Analyse und Interpretation des menschlichen Sozialverhaltens den Themenkatalog des Faches im 20. Jahrhundert und darüber hinaus bestimmen sollten: Karl Marx, Émile Durkheim und Max Weber. Jeder von ihnen sah einen anderen Aspekt der Moderne am Werk, durch den die soziale Ordnung geschaffen oder bedroht bzw. ein Wandel herbeigeführt wurde. Der materialistische Philosoph und Ökonom Marx konzentrierte sich auf das Wachstum des Kapitalismus und den daraus folgenden Klassenkampf, Durkheim nahm die Arbeitsteilung im Zuge der Industrialisierung unter die Lupe, und Weber betrachtete die Säkularisierung und Rationalisierung der modernen Gesellschaft. Alle drei fanden enthusiastische Anhänger, die bis heute die zentralen soziologischen Denkrichtungen beeinflussen.

»Die menschliche Natur ist … außerordentlich formbar … und reagiert genau, aber auf verschiedene kulturelle Bedingungen entsprechend unterschiedlich.«

Margret Mead

Eine Wissenschaft der Gesellschaft

Die Soziologie ist ein Produkt des Zeitalters der Vernunft, in dem rationales Denken und die Naturwissenschaften zunehmend den Ton angaben. Die ersten Soziologen achteten deshalb darauf, dass ihre Methoden als wissenschaftlich anerkannt wurden – keine leichte Aufgabe, bedenkt man das Objekt ihrer Untersuchung: das Sozialverhalten des Menschen. Comte schuf die Grundregeln der neuen Wissenschaft »Soziologie«: Sie basierte, wie die Naturwissenschaften, auf empirischen Ergebnissen. Marx bestand ebenfalls auf einer wissenschaftlichen Herangehensweise, und Durkheim errang wohl als Erster die Anerkennung der akademischen Welt für sein Fach.

Um wissenschaftlich zu sein, muss eine Forschungsmethode quantifizierbar sein – das bedeutet: Sie muss messbare Ergebnisse zutage fördern. Marx und Durkheim belegten ihre Theorien mit zahlreichen Fakten, Zahlen und Statistiken. Andere bestanden darauf, Sozialforschung müsse vornehmlich qualitativ sein. So verfolgte insbesondere Max Weber einen interpretatorischen Ansatz bei seiner Untersuchung des modernen Lebens und der Interaktionen und Beziehungen, die für den sozialen Zusammenhalt notwendig sind.

Obwohl anfänglich viele diesen Ansatz als unwissenschaftlich ablehnten, wurden die Methoden der Soziologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend interpretativ und kombinierten häufig quantitative und qualitative Forschungstechniken.

Soziale Reform

Für viele Soziologen ist Soziologie weit mehr als die objektive Erforschung der Gesellschaft und die Analyse und Beschreibung sozialer Strukturen und Systeme. Um die Gesellschaft, in der wir leben, zu verbessern, lassen sich soziologische Theorien (ähnlich wie naturwissenschaftliche) praktisch anwenden. So sahen im 19. Jahrhundert Marx und Comte die Soziologie als Instrument an, um das Funktionieren der Gesellschaft zu verstehen und sie verändern zu können. Ein berühmter Ausspruch von Marx, den sich seine vielen Anhänger zu Herzen nahmen, lautet: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.«

Durkheim, der politisch bei Weitem nicht so radikal war wie Marx, unternahm große Anstrengungen, damit sein Fach als akademische Disziplin anerkannt wurde. Dafür musste er den entsprechenden Autoritäten nicht nur die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Soziologie vor Augen führen, sondern auch ihre Objektivität – und das angesichts der politischen Unruhen, die seinerzeit schon über ein Jahrhundert lang in Europa tobten. Dieser Kampf im »Elfenbeinturm« der Wissenschaft (jenseits der realen Welt) beherrschte die Soziologie bis ins 20. Jahrhundert hinein. Doch indem Soziologen zunehmend eine interpretierende Haltung einnahmen, befürworteten sie auch eine Soziologie als Instrument für soziale Reformen.

»Aufgabe der Soziologie wie aller Wissenschaften ist es, Verborgenes zu enthüllen.«

Pierre Bourdieu

Dies zeigte sich v. a. bei marxistischen und anderen politisch links orientierten Soziologen. Nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchten z. B. Charles Wright Mills und Michel Foucault die Macht in der Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf das Individuum. Und auch andere Soziologen weiteten ihre Fragestellungen aus: von einer rein akademischen Untersuchung der Gesellschaft, wie sie ist, hin zu praktischen Implikationen für die Politik, um einen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.

Institutionen und Individuen

Als Ausdruck wachsender Relevanz der Soziologie erfuhr das Fach in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr Akzeptanz und auch öffentliches Interesse. Und indem sich immer mehr Denker sozialen Fragen widmeten, weiteten sich die Themen innerhalb der Soziologie aus. Neben traditionelle Studien über die Strukturen und Systeme einer modernen Gesellschaft, die Kräfte des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Ursachen sozialer Spannungen traten Untersuchungen zu den Verbindungen der genannten Aspekte sowie zur Interaktion zwischen Individuen und sozialen Gruppen.

Vor rund 100 Jahren teilte sich die Soziologie, grob gesehen, in zwei Lager: jene, die ihren Gegenstand auf Makroebene betrachteten (also die Gesellschaft als Ganzes und ihre Institutionen im Auge hatten), und die Soziologen, die sich auf die individuelle Lebenserfahrung innerhalb der Gesellschaft und damit auf die Betrachtung der Mikroebene konzentrierten. Wenngleich diese Unterscheidung noch immer gültig ist, sehen Soziologen heute die enge Verbindung zwischen beiden Ebenen und viele arbeiten über in beiden Sphären angesiedelte Gruppierungen, etwa soziale Schichten, ethnische und religiöse Gruppen, Familien oder durch sexuelle Zugehörigkeit oder Orientierung definierte Gruppen.

Daneben reagiert die Soziologie auf den immer schnelleren Wandel. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Konventionen zugunsten neuer sozialer Normen abgeschafft. Im Westen prangerten Bürgerrechts- und Frauenbewegungen die fehlende gesellschaftliche Gleichstellung der Rassen und Geschlechter an, und soziologische Theorien halfen mit, die Haltung zu Sexualität und Familie in der Gesellschaft zu verändern – ganz im Sinne Zygmunt Baumans, der sagt: »Die Aufgabe der Soziologie ist es, dem Individuum zu helfen. Wir stehen im Dienste der Freiheit.«

Das globale Zeitalter

Die technologischen Erneuerungen zogen mindestens einen ebenso großen sozialen Wandel nach sich wie einst die Industrielle Revolution. Zunehmende Automatisierung und Computerisierung, die wachsende Dienstleistungsindustrie und Konsumgesellschaft – sie alle tragen zu der Gesellschaft, in der heute viele leben, bei. Während einige Soziologen sie als Fortsetzung des Modernisierungsprozesses betrachten, sehen andere sie als Indiz für den Beginn des postmodernen, postindustriellen Zeitalters.

Fortschritte in der Kommunikation und Mobilität lassen die Erde zudem schrumpfen. In jüngster Zeit wenden sich Soziologen daher Fragen kultureller und nationaler Identität sowie den Auswirkungen der Globalisierung zu. Wachsende Internetkommunikation und immer mehr Fernreisen lassen neue soziale Netzwerke entstehen: Sie kommen ohne persönliche Begegnung aus und bringen dennoch Individuen und Gruppen auf eine Art und Weise zusammen, die noch vor 50 Jahren unvorstellbar war. Und moderne Technologien liefern der Soziologie neue Instrumente zur Erforschung und Analyse dieser neuen sozialen Strukturen.

»Die wahre politische Aufgabe in einer Gesellschaft wie unserer ist es, die Funktion der scheinbar neutralen und unabhängigen Institutionen … zu kritisieren und gegen sie anzugehen …, sodass man sie bekämpfen kann.«

Michel Foucault

GRUNDLAGEN DER SOZIOLOGIE

um 1377

Ibn Chaldun beschreibt in seiner al-Muqaddima die asabiya als arabisches Konzept der »Solidarität« bzw. des sozialen Zusammenhalts.

1813

Henri de Saint-Simon propagiert in seiner Denkschrift über die Wissenschaft vom Menschen eine Wissenschaft der Gesellschaft.

1837

Harriet Martineau beschreibt in ihrer Theorie und Praxis der Gesellschaft in Amerika die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten bei der Unterdrückung von Sklaven, Frauen und der Arbeiterklasse.

1867

Karl Marx schreibt am ersten Band von Das Kapital – einer umfassenden Analyse des Kapitalismus.

1887

Ferdinand Tönnies unterscheidet in seiner Schrift Gemeinschaft und Gesellschaft zwischen traditioneller Gemeinschaft und moderner Gesellschaft.

1767

Adam Ferguson erläutert in seinem Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft die Bedeutung des Gemeinsinns, um dem destruktiven Einfluss des Kapitalismus in der Gesellschaft zu begegnen.

1830–1842

Auguste Comte beschreibt in Die Soziologie. Die positive Philosophie im Auszug die Entwicklung der Soziologie als Wissenschaft.

1848

Karl Marx und Friedrich Engels sagen in ihrer Schrift Das Kommunistische Manifest den sozialen Wandel als Resultat einer proletarischen Revolution voraus.

1874–1885

Herbert Spencer legt in seinem mehrbändigen Werk System der synthetischen Philosophie die Entwicklung von Gesellschaften nach demselben Prinzip wie bei Lebensformen dar: Nur die Stärksten überleben.

1895

Émile Durkheim gründet den ersten Europäischen Fachbereich der Soziologie an der Universität von Bordeaux und veröffentlicht Die Regeln der soziologischen Methode.

1946

C. Wright Mills und Hans Heinrich Gerth führen Max Webers Ideen im englischsprachigen Raum ein.

1967

Harold Garfinkel präsentiert in Studies in Ethnomethodology eine neue Methode für die Soziologie, indem er alltägliche, die soziale Ordnung fördernde Verhaltensweisen untersucht.

1990

Judith Butler stellt in Das Unbehagen der Geschlechter das traditionelle Verständnis von Geschlecht und Sexualität infrage.

1893

In Über soziale Arbeitsteilung beschreibt Émile Durkheim die organische Solidarität zwischen voneinander abhängigen Individuen.

1904/05

Max Weber bietet in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus eine neue Erklärung zur Entwicklung der modernen Gesellschaft.

1959

C. Wright Mills fordert in seiner Schrift Kritik der soziologischen Denkweise, Soziologen sollten die Mittel zur Verbesserung der Gesellschaft vorschlagen.

1975

Michel Foucault beginnt in seinem Werk Überwachen und Strafen mit Untersuchungen über die Natur der Macht in der Gesellschaft.

Obwohl die Soziologie erst im 20. Jahrhundert ihre Legitimation als wissenschaftliche Disziplin vollends etablierte, entwickelten Historiker und Philosophen zahlreiche ihrer Ideen, Fragen und Herangehensweisen bereits Jahrhunderte zuvor. Die erste erkennbar soziologische Untersuchung führte im 14. Jahrhundert Ibn Chaldun durch; die Pioniere der Soziologie finden sich indes erst im ausgehenden 18. Jahrhundert, als westeuropäische Gesellschaften sich grundlegend veränderten: Die Ideen der Aufklärung lösten überlieferte Glaubenssätze ab und die Industrielle Revolution veränderte das Leben und Arbeiten der Menschen. Die Beobachter sahen im Wandel der Gesellschaft neue Kräfte am Werk und fassten sie unter dem Begriff der »Moderne« zusammen, darunter die Auswirkungen von Industrialisierung und Säkularisierung sowie das Wachstum des Kapitalismus.

Eine Gesellschaftswissenschaft

Die moderne Gesellschaft war das Produkt rationaler Ideen und wissenschaftlicher Erkenntnisse. In diesem Sinne suchten Pioniere der Soziologie wie die Franzosen Henri de Saint-Simon und Auguste Comte nach überprüfbaren Beweisen für ihre Theorien. So glaubte Comte nicht nur, die sozialen Kräfte ließen sich – wie in der Physik und Chemie – durch Gesetze beschreiben, sondern ging auch davon aus, dass angewandte Soziologie soziale Reformen in Gang setzen konnte.

Analog dazu sah auch Marx den Zweck eines Studiums der Gesellschaft nicht allein in ihrer Beschreibung, sondern in ihrer Verbesserung. Als wissenschaftliches Modell diente ihm die Ökonomie: Seiner Ansicht nach war der Kapitalismus die treibende Kraft für den sozialen Wandel in der Moderne.

Beinahe ein Jahrhundert vor Marx hatte der Schotte Adam Ferguson vor dem kapitalistischen Eigennutz als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt gewarnt. Später beschrieben Harriet Martineau und Friedrich Engels die sozialen Ungerechtigkeiten kapitalistisch-industrialisierter Gesellschaften im 19. Jahrhundert. Ein weiterer früher Soziologe, Ferdinand Tönnies, entwickelte Fergusons Ideen weiter und beschrieb zwei Formen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, den in traditionellen und den in modernen Gesellschaften.

Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich dank Émile Durkheim die Soziologie als eigenständige Disziplin neben Geschichte, Philosophie, Politik und Ökonomie etabliert. Wie Comte stützte auch er sich auf wissenschaftliche, der Biologie entlehnte Methoden: Durkheim betrachtete, wie Herbert Spencer, die Gesellschaft als »Organismus« – mit verschiedenen »Organen« und jeweils eigenen Funktionen.

Ein interpretierender Ansatz

Während Durkheims Genauigkeit ihm akademische Anerkennung einbrachte, sahen längst nicht alle Soziologen es als möglich an, soziale Fragen mit naturwissenschaftlichen Methoden zu untersuchen und auf diese Weise gar gesellschaftliche »Gesetze« zu entdecken. Max Weber verfolgte einen weitaus subjektiveren, »interpretierenden« Ansatz. Während Marx den Kapitalismus und Durkheim die Industrialisierung als dominierende Kraft der Moderne untersuchten, verfolgte Weber die Auswirkungen der Rationalisierung und der Säkularisierung auf das Individuum. In der Soziologie wurden streng naturwissenschaftliche Methoden mehr und mehr von qualitativen Fragestellungen abgelöst, z. B. durch so unmessbare Konzepte wie Kultur, Identität und Macht. Mitte des 20. Jahrhunderts hatte sich ihre Perspektive von der Makro- auf die Mikroebene individueller Erfahrungen verlagert.

C. Wright Mills forderte, die Auswirkungen gesellschaftlicher Institutionen (v. a. der »Machteliten«) auf das Leben der normalen Bürger zu untersuchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen andere den Gedanken auf: Harold Garfinkel befürwortete einen kompletten Methodenwechsel, um die soziale Ordnung mithilfe des Alltagsverhaltens der Bürger zu untersuchen; Michel Foucault analysierte die Art, wie Machtverhältnisse Individuen zur Konformität mit sozialen Normen zwingen – ein Gedanke, den Judith Butler in ihren Studien zu Geschlecht und Sexualität aufgreift.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in der Soziologie eine Balance zwischen objektiven Untersuchungen der Gesellschaft insgesamt und interpretierenden Studien individueller Erfahrungen – Methoden, die gegenwärtig, in einer zunehmend globalisierten spät-modernen Welt, in soziologischen Fragestellungen zum Tragen kommen.

EINE PHYSISCHE NIEDERLAGE HAT NOCH NIE DAS ENDE EINER NATION HERBEIGEFÜHRT

IBN CHALDUN (1332–1406)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Solidarität

WICHTIGE DATEN

um 622 In Medina wird der erste islamische Staat errichtet.

um 1377 Ibn Chaldun vollendet seine al-Muqaddima, eine Einführung in die Geschichte der Welt.

1835 Im 1. Band seiner Demokratie in Amerika beschreibt Alexis de Tocqueville, wie die Vereinigung von Individuen zu einem gemeinsamen Ziel Politik und Zivilgesellschaft nützen.

1887 Ferdinand Tönnies schreibt Gemeinschaft und Gesellschaft.

1995 Robert D. Putnam erläutert in seinem Artikel »Bowling Alone« das Konzept des sozialen Kapitals.

1997 Michel Maffesoli setzt in seiner Schrift Du Nomadisme seine Studien zum Neotribalismus fort.

Ibn Chaldun zeigte sich fasziniert von den Dynamiken, die manche Gesellschaften aufblühen und andere dominieren ließen. Der arabische Historiker und Philosoph wurde durch seine mehrbändige Universalgeschichte Kitab al-’Ibar und deren ersten Teil, al-Muqaddima, berühmt: Da er dort die arabischen und Berbergesellschaften analysiert, gilt er als Vorläufer der heutigen Soziologie.

Als Erklärung für den Erfolg einer Gesellschaft dient ihm der arabische Begriff asabiya: gesellschaftliche Solidarität. Ursprünglich bezog sich das Wort auf die Familienbande in Klans und Nomadenstämmen. Im Zuge wachsender Gemeinschaften war damit die Art Zugehörigkeit gemeint, die man heute als »Solidarität« bezeichnet. Nach Ibn Chaldun existiert asabiya in kleinen Gemeinschaften wie Klans ebenso wie in Großreichen, allerdings schwindet der Sinn für ein gemeinsames Ziel und Schicksal mit zunehmender Größe und Dauer. Das schwächt eine Zivilisation – und so wird eine kleinere und jüngere mit stärkerem Solidaritätssinn die Macht über sie übernehmen. Eine Nation mag physisch besiegt werden, doch erst wenn sie »das Opfer einer psychologischen Niederlage wird …, bedeutet dies das Ende der Nation.«

Chalduns Konzept der Solidarität und des sozialen Zusammenhalts nimmt zahlreiche Ideen moderner Soziologen zu Gemeinschaft und Bürgersinn vorweg, darunter Robert D. Putnams Theorie, nach der die heutige Gesellschaft unter dem Zusammenbruch der Partizipation an der Gemeinschaft leidet.

Beduinenstämme in der Wüste beschrieb Ibn Chaldun in seiner Gruppentheorie. Danach spielen soziale und psychologische Faktoren beim Aufstieg und Fall einer Zivilisation eine Rolle.

MENSCHEN WANDERTEN, LIESSEN SICH NIEDER, WAREN SICH EINIG ODER STRITTEN – UND DAS STETS IN TRUPPEN UND KOMPANIEN

ADAM FERGUSON (1723–1816)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Gemeinsinn

WICHTIGE DATEN

1748 Der französische Philosoph Montesquieu fordert in Vom Geist der Gesetze, politische Institutionen sollten sich aus den sozialen Normen einer Gesellschaft ableiten.

1767 Adam Ferguson veröffentlicht Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft.

1776 Mit Der Wohlstand der Nationen etabliert Adam Smith die moderne Ökonomie.

1867 Im 1. Band von

Das Kapital analysiert Karl Marx den Kapitalismus.

1893 Émile Durkheim untersucht in Über soziale Arbeitsteilung die Bedeutung von Glaubenssätzen und Werten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

1993 Amitai Etzioni gründet »Das Kommunitäre Netzwerk«.

Fortschritt ist so wünschenswert wie unvermeidlich, doch wir müssen uns stets der sozialen Kosten dafür bewusst sein – so die Warnung des Philosophen und Historikers Adam Ferguson. Zusammen mit dem Philosophen David Hume und dem Ökonomen Adam Smith saß er in einem erlauchten Kreis Intellektueller und Aufklärungsbefürworter im schottischen Edinburgh. Wie Smith glaubte Ferguson, kommerzielles Wachstum werde vom Eigennutz angetrieben. Anders als sein Kollege indes analysierte er die Auswirkungen dieser Entwicklung und sah die traditionellen Werte Kooperation und Mitgefühl dabei schwinden. Vergangene Gesellschaften basierten auf Familien und Gemeinschaften, und der Gemeinsinn wurde durch Werte wie Loyalität und Ehre gestärkt. Der durch den Kapitalismus genährte Eigennutz aber schwächte diese Werte und führte schließlich zum gesellschaftlichen Zusammenbruch. Damit der Kapitalismus nicht die Saat seiner eigenen Zerstörung säte, propagierte Ferguson den Gemeinsinn und ermutigte seine Zeitgenossen, im Sinne der Gesellschaft statt des Eigennutzes zu handeln.

»Der Mensch wird in die Gemeinschaft hineingeboren … und er bleibt darin.«

MontesquieuFranzösischer Philosoph(1689–1755)

Fergusons Kapitalismuskritik wurde von seinen tonangebenden Kollegen Hume und Smith abgelehnt, später jedoch beeinflusste sie die politischen Ideen von Hegel und Marx. Da er aus sozialer und nicht aus politischer oder ökonomischer Perspektive argumentierte, legte Ferguson mit seinem Werk den Grundstein für die Soziologie.

WISSENSCHAFT KANN DAZU DIENEN, DIE WELT BESSER ZU MACHEN

AUGUSTE COMTE (1798–1857)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Positivismus und Studium der Gesellschaft

WICHTIGE DATEN

1813 Henri de Saint-Simon propagiert eine Wissenschaft von der Gesellschaft.

1840er-Jahre Karl Marx sagt: Die Wurzeln historischer Veränderungen liegen in ökonomischen Fragen.

1853 Harriet Martineaus gekürzte Übersetzung von Die positive Philosophie Auguste Comtes vermittelt Comtes Ideen einem größeren Publikum.

1865 Der englische Philosoph John Stuart Mill bezeichnet die frühen soziologischen und späteren politischen Ideen Comtes als die des »guten Comte« und des »bösen Comte«.

1895In Die Regeln der soziologischen Methode entwirft Émile Durkheim eine systematische Soziologie.

Ende des 18. Jahrhunderts setzte die unaufhaltsame Industrialisierung in den europäischen Gesellschaften einen radikalen Wandel in Gang. Frankreich sah sich in der Folge der Französischen Revolution gleichzeitig vor die Aufgabe gestellt, eine neue soziale Ordnung zu etablieren. Jean-Jaques Rousseau erklärte die sich rasant verändernde Gesellschaft in Begriffen der politischen Philosophie. Sein sozialistischer Kollege Henri de Saint-Simon versuchte dagegen, vor dem Hintergrund sozialer Unsicherheit im Land die Ursachen des sozialen Wandels und die Bedingungen für eine neue Ordnung zu analysieren. Er erkannte ein Muster des sozialen Fortschritts, nach dem die Gesellschaft verschiedene Stadien durchlief. Doch es sollte seinem Schützling Auguste Comte vorbehalten bleiben, eine umfassende Theorie zum Studium der Gesellschaft nach wissenschaftlichen Prinzipien auszuarbeiten, die er zunächst als »soziale Physik«, später mit dem Begriff »Soziologie« bezeichnete.

Verstehen und Verändern

Comte war ein Kind der Aufklärung, und seine Ideen wurzelten im Zeitalter der Vernunft. Die Entwicklung naturwissenschaftlicher Methoden während der Aufklärung beeinflusste auch Comtes Herangehensweise in der Philosophie. Er analysierte eingehend die Naturwissenschaften und ihre Methoden und schlug vor, alle Wissensgebiete sollten auf Basis dieser wissenschaftlichen Prinzipien arbeiten und ihre Hypothesen auf Beobachtung stützen. Ein zentrales Argument in Comtes positivistischer Philosophie besagt, jede Erkenntnis von Wert könne allein aus positiven, wissenschaftlichen Fragestellungen resultieren. Schließlich hatte er die Macht der Wissenschaft zur Veränderung selbst erfahren: Wissenschaftliche Entdeckungen hatten zu technologischen Fortschritten geführt und in der Welt, in der er lebte, die Industrielle Revolution in Gang gesetzt.

Nun war ihm zufolge die Zeit für eine Gesellschaftswissenschaft gekommen, die nicht nur die Mechanismen der sozialen Ordnung und ihres Wandels verstehbar machte, sondern den Menschen auch die Mittel zur Veränderung der Gesellschaft an die Hand gab – ganz nach dem Vorbild der Naturwissenschaften, die die physikalische Umwelt veränderten. Für ihn wartete die Soziologie mit den größten Herausforderungen auf und war folglich als »Königin der Wissenschaften« anzusehen.

Comtes Argument, in der wissenschaftlichen Untersuchung der Gesellschaft kulminiere die menschliche Suche nach Erkenntnis, war von den Ideen Henri de Saint-Simons beeinflusst und wurde im »Gesetz der drei Stadien« formuliert. Danach durchlief das menschliche Verständnis der Welt drei Phasen: eine theologische Phase, in der die Götter als Ursache der Phänomene betrachtet wurden; eine metaphysische Phase, in der die Welt mit abstrakten Konzepten und Begriffen erklärt wurde, und schließlich die positive Phase, in der Erkenntnisse durch wissenschaftliche Methoden verifiziert wurden.

Comtes Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung bot auch eine Analyse des sozialen Fortschritts – über die bloße Beschreibung als Jäger-und-Sammler-, Nomaden-, Agrikultur- oder industriell-kommerzielle Gesellschaften hinaus. Comte zufolge blieb die französische Gesellschaft bis zur Aufklärung im theologischen Stadium verwurzelt und ihre soziale Ordnung fußte auf den Regeln der Religion. Im Zuge der Französischen Revolution von 1789 trat Frankreich in das metaphysische Stadium ein. Die soziale Ordnung des Landes orientierte sich fortan an säkularen Prinzipien und den Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Angesichts der Defizite der postrevolutionären Gesellschaft sah Comte die Chance der Gesellschaft, noch zu seinen Lebzeiten in das positive Stadium einzutreten, in der die soziale Ordnung wissenschaftlich begründet werden konnte.

»Soziologie ist also kein Annex irgendeiner anderen Wissenschaft; sie ist selbst eine autonome und besondere Wissenschaft.«

Émile Durkheim

Comte sah drei Stadien beim Fortschritt der menschlichen Gesellschaft am Werk: Das erste Stadium der Religion kam mit der Aufklärung Ende des 18. Jh. zu seinem Abschluss. Im anschließenden metaphysischen Stadium des rationalen Denkens fand eine Art Paradigmenwechsel vom Göttlichen zum Humanen statt. Aus ihm entwickelte sich schließlich das Stadium der positiven Wissenschaft.

Eine Wissenschaft von der Gesellschaft

Auf der Basis der »exakten« Wissenschaften schlug Comte die Rahmenbedingungen für die neue Wissenschaft der Soziologie vor. Er entwickelte das Modell einer logisch angelegten Wissenschaftshierarchie, demzufolge jede Wissenschaft zu den auf sie folgenden Disziplinen beiträgt. Beginnend mit der Mathematik, setzte sich seine Rangfolge mit der Astronomie, der Physik, der Chemie und anschließend der Biologie fort. Den Gipfel dieser aufsteigenden Ordnung positiver Wissenschaften bildete die Soziologie. Comte sah das eingehende Verständnis der vorangehenden Disziplinen und ihrer Methoden als Voraussetzung dafür an, diese im Rahmen der Soziologie anzuwenden.

Oberstes Prinzip blieb jedoch die Verifizierbarkeit durch Beobachtung – d. h. Theorien mussten sich durch faktische Beweise belegen lassen. Zugleich aber erkannte Comte die Notwendigkeit von Hypothesen an, die der wissenschaftlichen Untersuchung eine Richtung gaben und Umfang und Ziel der Beobachtungen definierten. Und er teilte die Soziologie in zwei große Untersuchungsbereiche: das Feld der »gesellschaftlichen Statistik«, der Kräfte, die den Zusammenhalt und ihre Ordnung gewährleisteten, und das der »gesellschaftlichen Dynamik« – jener Kräfte, die den sozialen Wandel herbeiführten.

In dem Versuch, die Gesellschaft wissenschaftlich zu untersuchen, leistete Comte Pionierarbeit. Zudem bot seine positivistische Philosophie neben einer Erklärung der säkularen Industriegesellschaft zugleich Instrumente für soziale Reformen.

»Aus der Wissenschaft entwickelt sich die Prognose, aus der Prognose die Aktion.«

Auguste Comte

Von der Theorie zur Praxis

Comte formulierte seine Ideen in den politischen Nachbeben der Französischen Revolution und veröffentlichte den 1. Band seines sechsbändigen Werkes Die Soziologie: Die positive Philosophie im Auszug im Juli 1830, zeitgleich mit der zweiten Revolution.

Nach dem Sturz der Monarchie und ihrer Wiedereinsetzung teilte sich die französische Gesellschaft in diejenigen, die nach einer stabilen Ordnung, und jene, die nach Fortschritt riefen. Comte sah in seinem Positivismus einen dritten Weg: eine rationale statt ideologische Handlungsorientierung, die auf objektiven Untersuchungen der Gesellschaft beruhte.

In Frankreich fanden Comtes Theorien seinerzeit zunächst ebenso viele Anhänger wie Kritiker. Tatkräftige Unterstützung erfuhr er indes durch zwei britische Intellektuelle: Der liberale John Stuart Mill finanzierte die Fortführung seines Projekts und Harriet Martineau übersetzte eine überarbeitete Version seines Werks ins Englische.

Sein guter Ruf wurde durch spätere Arbeiten indes getrübt. Darin beschrieb Comte, wie der Positivismus sich politisch umsetzen lasse. Als Ursachen für den Wandel in Comtes Denken von einer rein wissenschaftlichen Betrachtung der Gesellschaft hin zu einer quasireligiösen Auffassung dessen, wie sie sein sollte, werden vielfach seine Scheidung, die anschließende Depression und eine unglückliche Liebe genannt.

Mill und andere britische Denker betrachteten Comtes Forderung nach Anwendung des Positivismus als diktatorisch und das daraus resultierende Regierungssystem als freiheitsberaubend. Zu dieser Zeit meldete sich bereits eine Alternative zu Comtes wissenschaftlicher Untersuchung der Gesellschaft zu Wort: Karl Marx legte eine Analyse des sozialen Fortschritts auf Basis der Ökonomie und ein Modell zur gesellschaftlichen Veränderung durch die politische Aktion vor. Es lässt sich leicht nachvollziehen, dass in einem von Revolutionen erschütterten Europa Comtes positivistische Soziologie im Wettlauf zwischen Kapitalismus und Sozialismus unterging. Dennoch gebührt ihm das Verdienst (noch vor seinem Mentor Saint-Simon), die Soziologie als echte Wissenschaftsdisziplin propagiert zu haben. Er etablierte insbesondere eine Methodologie der Beobachtung und eine Theorie der Sozialwissenschaften, die sich aus den Naturwissenschaften herleitete. Spätere Soziologen lehnten vielfach seinen Positivismus ab, vor allem Durkheim. Gleichwohl lieferte Comte für ihre Arbeiten eine solide Basis. Und auch wenn sein Traum von der Soziologie als »Königin der Wissenschaften« mittlerweile naiv anmutet, bleibt die von ihm propagierte Objektivität bis heute eines ihrer wegweisenden Prinzipien.

Die Julirevolution von 1830 fiel zusammen mit Comtes Veröffentlichung über den Positivismus und schien den Weg zu dem sozialen Fortschritt zu eröffnen, den er sich erhofft hatte.

»Die Philosophen haben die Welt nur … interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.«

Karl Marx

Auguste Comte

Comte wurde 1798 in der französischen Stadt Montpellier geboren. Seine Eltern waren Royalisten und Katholiken; er aber lehnte die Religion ab und wurde Republikaner. 1817 wurde er Henri de Saint-Simons Assistent, verließ jedoch nach Meinungsverschiedenheiten 1824 seinen Lehrer und begann, u. a. mit Unterstützung John Stuart Mills, mit der Arbeit an seinem Hauptwerk, Die Soziologie: Die positive Philosophie im Auszug.

Comte war psychisch instabil und seine Ehe mit Caroline Massin endete mit einer Scheidung. Seine Liebe zu Clotilde de Vaux blieb platonisch; sie starb 1846. Von nun an widmete sich Comte nur noch dem Schreiben und entwickelte eine positivistische »Religion der Humanität«. 1857 starb er in Paris.

Hauptwerke

1830–1842Die Soziologie: Die positive Philosophie im Auszug (6 Bände)

1848Der Positivismus in seinem Wesen und seiner Bedeutung

1851–1854System der positiven Politik (4 Bände)

DIE UNABHÄNGIGKEITSERKLÄRUNG BEZIEHT SICH NUR AUF DIE HÄLFTE DER MENSCHHEIT

HARRIET MARTINEAU (1802–1876)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Feminismus und soziale Ungerechtigkeit

WICHTIGE DATEN

1791 Die französische Dramatikerin und Aktivistin Olympe de Gouges veröffentlicht als Reaktion auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin.

1807–1834 Im britischen Empire wird die Sklaverei abgeschafft.

1869 Harriet Taylor und John Stuart Mill schreiben den Essay Die Unterwerfung der Frauen.

1949 Auf Simone de Beauvoirs Werk Das andere Geschlecht folgt die zweite Welle des Feminismus in den 1960er–1980er-Jahren.

1981 Die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) wird von 188 Staaten ratifiziert.

Im Jahre 1776 proklamierte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung: »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.« Rund 60 Jahre später reiste Harriet Martineau durch die USA und zeichnete danach ein völlig anderes Bild der US-amerikanischen Gesellschaft: Es war von einer deutlichen Diskrepanz zwischen den Idealen der Gleichheit und Demokratie und dem wirklichen Leben geprägt.

Bereits zuvor hatte sie sich als Journalistin für politische Ökonomie und soziale Themen einen Namen gemacht. Nun lieferte sie in Theory and Practice of Society in America neben der Beschreibung auch eine Analyse all der Formen sozialer Ungerechtigkeit, die sie in den USA vorfand.

Befreierin der Gesellschaft

Martineau maß den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft an den Bedingungen, unter denen ihre Menschen lebten. Theoretische Ideale jedenfalls bildeten, wenn sie nicht für alle galten, keinen Maßstab. Und die vermeintlichen Ideale der US-Gesellschaft, allen voran das der Freiheit, blieben in ihren Augen angesichts der fortbestehenden Sklaverei »der reinste Hohn«.

So widmete sich Harriet Martineau jahrzehntelang dem Kampf gegen die Sklaverei. Gleichzeitig zeigte sie weitere Formen der Ausbeutung und Unterdrückung auf – etwa die ungerechte Behandlung der Industriearbeiter in Großbritannien und nicht zuletzt die Unterdrückung der Frau in der gesamten westlichen Welt.

Martineau wies auf die Verlogenheit einer Gesellschaft hin, die stolz auf ihre Freiheit war und dabei weiterhin die Frauen unterdrückte. Größer konnte der soziale Affront kaum sein – schließlich machten Frauen die Hälfte der Menschheit aus: »Suchte man nach einem Gradmesser für Zivilisation, gäbe es kaum einen besseren als die Lebensbedingungen der Hälfte der Gesellschaft, über die die andere Hälfte ihre Macht ausübt.« Anders als viele Zeitgenossinnen gab sich Martineau nicht damit zufrieden, sich für das Bildungs- und Wahlrecht von Frauen einzusetzen, sondern beschrieb eingehend die Art und Weise, in der die Gesellschaft die Freiheit der Frauen, im häuslichen wie im öffentlichen Leben, beschnitt.

Harriet Martineau war zu Lebzeiten weithin bekannt. Ihr Beitrag zur Entwicklung der Soziologie wurde indes erst jüngst erkannt. Heute gilt sie als erste Frau, die eine methodologische Studie der Gesellschaft unternahm und erstmals eine soziologisch-feministische Perspektive entwarf.

Der Kontinentalkongress nahm am 4. Juli 1776 den höchst moralischen Regierungsplan an. Waren aber, so fragte Martineau, in einer ungerechten Gesellschaft soziale Tugenden überhaupt möglich?

Harriet Martineau

Harriets progressive Eltern sorgten im englischen Norwich für eine gute Erziehung ihrer Tochter. Früh interessierte sie sich für Politik und Ökonomie und arbeitete ab 1825 erfolgreich als Journalistin. Später zog sie nach London und reiste 1834–1836 durch die USA. Zurück in England, veröffentlichte sie eine dreibändige soziologische Kritik des Landes. Ihre Erfahrungen in den USA bestärkten sie in ihrem Kampf für die Abschaffung der Sklaverei und für die Emanzipation der Frau.

Bereits als Teenager litt Martineau unter Schwerhörigkeit. Dennoch arbeitete und engagierte sie sich bis in die 1860er-Jahre hinein. Inzwischen lebte sie, von schwerer Krankheit gezeichnet, im Lake District und starb dort 1876.

Hauptwerke

1832–1834Illustrations of Political Economy

1837Theory and Practice of Society in America (3 Bände)

1837/38How to Observe Morals and Manners

DER FALL DER BOURGEOISIE UND DER SIEG DES PROLETARIATS SIND GLEICHERMASSEN UNVERMEIDLICH

KARL MARX (1818–1883)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Klassengegensätze

WICHTIGE DATEN

1755 Jean-Jacques Rousseau erkennt im Privateigentum die Quelle für gesellschaftliche Ungerechtigkeit.

1807 G.W.F. Hegel legt in Die Phänomenologie des Geistes seine Interpretation des historischen Fortschritts dar.

1819 Der französische Sozialtheoretiker Henri de Saint-Simon propagiert in seinem Magazin L’Organisateur seine sozialistischen Ideen.

1845 In Die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt Friedrich Engels die Teilung der kapitalistischen Gesellschaft in zwei Klassen.

1923 In Frankfurt wird das Institut für Sozialforschung gegründet und zieht zahlreiche marxistische Gelehrte an.

Mitte des 19. Jahrhunderts kennzeichnete Europa eine politische Instabilität. Seit der Französischen Revolution verbreitete sich der Geist des Aufstands über den Kontinent und man versuchte, die alte monarchische und feudale Ordnung zu stürzen und durch demokratische Republiken zu ersetzen. Zugleich mussten große Teile des Kontinents die durch die Industrialisierung in Gang gesetzten gesellschaftlichen Veränderungen bewältigen. Manche Philosophen sahen die Probleme der modernen Industriegesellschaft als politische an und offerierten politische Lösungen. Andere, wie Adam Smith, betrachteten die Ökonomie als Ursache wie als Lösung. Die soziale Struktur der Gesellschaft war indes noch kaum erforscht.

Erst Auguste Comte hielt es für möglich und notwendig, die Gesellschaft wissenschaftlich zu untersuchen. Und auch Marx hielt ihre objektive, methodisch stringente Untersuchung für überfällig. Er nahm allerdings keine spezifisch soziologische Studie in Angriff, sondern versuchte, die moderne Gesellschaft mit historischen und ökonomischen Begriffen zu erklären und durch Beobachtung und Analyse die Ursachen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit auszumachen. Und wo Comte der Wissenschaft eine Rolle bei der Veränderung der Gesellschaft zuschrieb, tat Marx dies für die politische Aktion.

Historischer Fortschritt

Zu Lebzeiten Marx’ betrachtete man die Entwicklung der Gesellschaft als eine Evolution in Stufen – von Jägern und Sammlern über Nomaden, Hirten und Bauern hin zur modernen Gesellschaft. Als Philosoph erkannte Marx die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts und des ökonomischen Ursprungs der Industriegesellschaft sehr wohl an. Er entwickelte jedoch seine eigene Interpretation dieses Prozesses.

Wesentlichen Einfluss auf Marx’ Denken hatte G.W.F. Hegels dialektische Sicht auf die Geschichte: Danach waren Veränderungen das Resultat einer Synthese aus einander entgegengesetzten Kräften, in der die Spannung zwischen sich widersprechenden Ideen aufgehoben wurde. Allerdings sah Marx die Geschichte als ein Fortschreiten materieller Bedingungen – und nicht von Ideen – und er übernahm Hegels Dialektik, nicht aber seine Philosophie. Auch ließ er sich von französischen Sozialisten wie Jean-Jacques Rousseau beeinflussen, der im Privateigentum die Ursache für die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft erblickte.

Marx beschritt bei der Untersuchung des historischen Prozesses neue Wege. Ihm zufolge waren es die materiellen Lebensbedingungen der Menschen, die die Organisationsform der Gesellschaft bestimmten – und Veränderungen in der Produktionsweise (d. h. die Instrumente und Maschinen zur Erzeugung von Wohlstand) führten sozio-ökonomische Veränderungen herbei. Dieser Ansatz, der als »Historischer Materialismus« in die Geschichte einging, lieferte eine Erklärung des Übergangs von der feudalen zur modernen kapitalistischen Gesellschaft, der durch neue Produktionsmethoden in Gang gesetzt worden war. Im Feudalismus beherrschte der Adel – als Besitzer des Grund und Bodens, auf dem Bauern und Leibeigene arbeiteten – die landwirtschaftliche Produktion. Im Zeitalter der Maschinen trat mit den Besitzern dieser neuen Produktionsmittel eine neue Klasse hervor: die Bourgeoisie. Mit zunehmender Verbreitung der neuen Technologie löste die Bourgeoisie den Adel als vorherrschende Klasse ab und führte eine veränderte ökonomische Gesellschaftsstruktur herbei. So trugen die Gegensätze im Feudalismus die Saat des Kapitalismus, der ihn ablösen sollte, bereits in sich.

Fünf historische Epochen erkannte Marx im Lauf der Geschichte. Jeder entsprach eine Ära, in der die Menschen auf je eigene Art durch ihre Arbeit definiert wurden. Der bestimmende Faktor war die jeweils herrschende Produktionsform – von der frühesten menschlichen Gesellschaft, in der Gemeinschaftseigentum herrschte, bis zum Kapitalismus und seinen beiden großen gesellschaftlichen Klassen. In der Zukunft lag Marx zufolge die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus.

Marx’ Vorhersage einer kommunistischen Revolution wurde 1917 zwar Wirklichkeit – nicht aber, wie angenommen, in einer fortgeschrittenen Industrienation, sondern im zaristischen Russland.

In der mit Friedrich Engels verfassten Schrift Das kommunistische Manifest konstatierte Marx: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.« Während der Feudalismus durch die zwei Klassen Adel und Aristokratie sowie Bauern und Leibeigene gekennzeichnet war, brachte die moderne Industriegesellschaft einerseits die Bourgeoisie, die Kapitalistenklasse, und andererseits das Proletariat, die Klasse der Industriearbeiter, hervor.

Klassenkampf

Spannungen und Kämpfe zwischen den Klassen waren nach Marx unvermeidlich. Ähnlich wie der Feudalismus würden eines Tages auch der Kapitalismus und die herrschende Bourgeoisie überwunden werden. Dann werde das Proletariat das System stürzen, das es hervorgebracht hatte, und fortan die Geschicke der Gesellschaft bestimmen.

Nach Marx resultierte die soziale Struktur der kapitalistischen Gesellschaft (Kapital und Arbeit) aus ihren Produktionsweisen: Kapitalisten schöpfen ihren Reichtum aus dem Mehrwert der Güter, die in ihren Fabriken von den Arbeitern produziert werden. Proletarier hingegen besitzen nichts außer ihrer Arbeitskraft, die sie dem Kapitalisten verkaufen müssen, um sich zu ernähren.

Folglich ist die Beziehung zwischen den beiden Klassen durch Ausbeutung geprägt: Die Kapitaleigner werden reicher und reicher, die Arbeiter indes bleiben arm. Zudem führt die ungelernte Fabrikarbeit zum Gefühl der Dehumanisierung und trägt zur Entfremdung des Arbeiters vom Arbeitsprozess bei. Diese verschärft sich in Zeiten, in denen die Produktion den Bedarf übersteigt, durch die Gefahr der Arbeitslosigkeit.

Die Unterdrückung führt mit der Zeit zum Erwachen eines Klassenbewusstseins des Proletariats: Es erkennt, dass die Arbeiterklasse gemeinsam eine Bewegung zum Wohl aller organisieren kann. Eine ähnliche Entwicklung der Bourgeoisie wird indes durch die kapitalistische Orientierung am Eigennutz verhindert. Auch führt der permanente Wettkampf zu immer häufigeren ökonomischen Krisen. Die wachsende Solidarität in der Arbeiterklasse und die dauerhafte Schwächung der Bourgeoisie werden es, so Marx, eines Tages dem Proletariat ermöglichen, die Kontrolle über die Produktionsmittel zu übernehmen und eine klassenlose Gesellschaft zu errichten.

Ein Schlüsselbeitrag

Die Marxsche Analyse dessen, wie der Industriekapitalismus sozio-ökonomische Klassen schuf, fußte nicht allein auf theoretischen Annahmen und kann daher als eine der ersten »wissenschaftlichen« Untersuchungen der Gesellschaft angesehen werden. Sie lieferte ein umfassendes ökonomisches, politisches und soziales Bild der modernen Gesellschaft. Zudem steuerte Marx eine Reihe zentraler Kategorien der Soziologie bei – so den Klassenkampf, das Klassenbewusstsein sowie die Begriffe Ausbeutung und Entfremdung.

Seine Ideen beflügelten zahlreiche Revolutionäre – und es gab eine Zeit im 20. Jahrhundert, da lebte rund ein Drittel der Weltbevölkerung in Gesellschaften mit marxistischen Maximen. Doch nicht alle übernahmen Marx’ Konzept der durch die Ökonomie determinierten Klassen und seine Idee von der gesellschaftlichen Veränderung als unausweichliches Resultat von Klassenkämpfen. Schon eine Generation später formulierten Émile Durkheim und Max Weber als Antwort auf Marx alternative Sichtweisen.

Durkheim etwa erkannte durchaus, dass die Industrie die moderne Gesellschaft geformt hatte. Er machte jedoch die Industrialisierung für die sozialen Probleme verantwortlich, nicht den Kapitalismus.

Weber hingegen akzeptierte das Marxsche Argument, nach dem jedem Klassenkampf ökonomische Ursachen zugrunde lagen. Seine rein ökonomisch begründete Einteilung der Gesellschaft in Bourgeoisie und Proletariat hielt er indes für zu einfach. Weber sah vielmehr neben ökonomischen auch kulturelle und religiöse Ursachen für das Wachsen des Kapitalismus – und diesen entsprachen auf Ansehen, Macht und ökonomischem Status beruhende Schichten der Gesellschaft.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts, und besonders während des Kalten Krieges, gerieten Marx’ Ansichten in den USA zunehmend in Misskredit, während in Europa, vor allem in Frankreich, Philosophen und Soziologen seine Ideen weiterentwickelten. Heute, da technologische Entwicklungen erneut die Welt komplett verändern und die Menschen sich mehr und mehr der wachsenden ökonomischen Ungerechtigkeit bewusst werden, wenden sich manche politische und ökonomische Denker mit neu erwachtem Interesse den Grundideen Karl Marx’ zu.

»Wenn überhaupt jemand, dann [ist Marx] der wahre Vater der modernen Soziologie.«

Isaiah BerlinBritisch-russischer Philosoph(1909–1997)

Karl Marx

Karl Marx, einer der »Gründerväter« der Gesellschaftswissenschaft, war ein einflussreicher Ökonom, politischer Philosoph und Historiker. Er wuchs als Sohn eines Juristen in Trier auf und studierte in Bonn zunächst ebenfalls Jura. Später ging er nach Berlin und begann, sich für Hegel zu interessieren. 1841 wurde er in Abwesenheit an der Universität in Jena promoviert; zu dieser Zeit arbeitete er als Journalist in Köln. Bald ging er nach Paris und entwickelte dort zusammen mit Friedrich Engels seine ökonomische und politische Theorie. 1848 erschien ihr gemeinsames Kommunistisches Manifest. Nach dem Scheitern der 1848er-Revolutionen auf dem europäischen Kontinent ging Marx nach London. Hier starb 1881 seine Frau Jenny, mit der er fast 40 Jahre verheiratet war, und zwei Jahre später, 64-jährig, er selbst.

Hauptwerke

1848Das kommunistische Manifest (zusammen mit Friedrich Engels)

1859Zur Kritik der politischen Ökonomie

1867Das Kapital, Band 1

GEMEINSCHAFT UND GESELLSCHAFT

FERDINAND TÖNNIES (1855–1936)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Gemeinschaft und Gesellschaft

WICHTIGE DATEN

1651 Der englische Philosoph Thomas Hobbes beschreibt in Leviathan die Beziehung zwischen der Natur des Menschen und der Struktur der Gesellschaft.

1848 In Das kommunistische Manifest legen Marx und Engels die Auswirkungen des Kapitalismus auf die Gesellschaft dar.

1893 Émile Durkheim beschreibt in Über soziale Arbeitsteilung die Idee einer gesellschaftlichen Ordnung durch organische und mechanische Solidarität.

1904/05 Max Weber veröffentlicht Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.

2000 Zygmunt Bauman führt den Gedanken der »verflüssigten Moderne« in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft ein.

Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich zahlreiche Wissenschaftler mit den gesellschaftlichen Folgen der Moderne und dem unaufhörlichen Wachstum der kapitalistischen Industriegesellschaft – unter ihnen die »Gründungsväter der Soziologie«, Émile Durkheim, Max Weber und Ferdinand Tönnies. Tönnies’ grundlegender Beitrag bestand in seiner Typenanalyse sozialer Gruppen, die er erstmals 1887 in seinem viel beachteten Werk Gemeinschaft und Gesellschaft veröffentlichte. Darin legte er eine fundamentale Unterscheidung zwischen traditionellen ländlichen Gemeinschaften und modernen Industriegesellschaften dar. Erstere zeichneten sich durch Familien, Kirchen und ähnliche Verbände aus. Diese kleineren Gemeinschaften hatten ein gemeinsames Ziel, und die Interaktion ihrer Mitglieder war von Vertrauen und Kooperation geprägt.

Sieg des »Willens«

In größeren Gesellschaften wie denen moderner Städte führten Arbeitsteilung und Mobilität zur Auflösung der traditionellen Verbände – an ihre Stelle trat die Gesellschaft. Hier waren Beziehungen unpersönlicher und oberflächlicher, zudem von individuellem Eigennutz statt gegenseitiger Hilfe geprägt.

In der Praxis existierten in jeder gesellschaftlichen Gruppe mehr oder weniger große Anteile der beiden Extreme Gemeinschaft und Gesellschaft. Allerdings führte, so Tönnies, der Ethos des Kapitalismus in der Industriegesellschaft zur Vorherrschaft der Interaktionsformen der Gesellschaft.

»Die naturgegebenen Verhältnisse sind … gegenseitig, … [Gemeinschaft] ist dort gleichsam von Natur früher als seine Subjekte oder Glieder.«

Ferdinand Tönnies

Zentrale Kategorie dieser Theorie ist der »Wille«, der das Handeln der Menschen motiviert. Tönnies unterscheidet zwischen einem »natürlichen Willen« (Wesenswille) – der etwas um seiner selbst willen, aus Gewohnheit oder auch aus moralischer Verpflichtung tut – und dem »rationalen Willen« (Kürwille), der ein bestimmtes Ziel verfolgt. Während den Gemeinschaften ein Wesenswille unterliegt, handeln Gesellschaften wie große Organisationen und Unternehmen nach einem Kürwillen. Dieser charakterisiert die urbane Gesellschaft des Kapitalismus.

Trotz seiner politisch linksgerichteten Haltung wurde Tönnies von Zeitgenossen eher als konservativer Denker betrachtet, der stärker den Verlust der Gemeinschaft in der Moderne beklagte und sich weniger für soziale Veränderungen stark machte. Ungeachtet des Respekts, den er sich unter seinen Kollegen erworben hatte, erlangten Tönnies’ Ideen folglich zunächst nur wenig Einfluss. Gleichwohl ebneten seine Theorie und Methodologie den Weg für die Soziologie des 20. Jahrhunderts. So klingt in Durkheims Gedanke einer organischen und einer mechanischen Solidarität der Kontrast zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft nach – und Max Weber griff Tönnies’ Willenskategorie als Motor für gesellschaftliches Handeln auf.

Ferdinand Tönnies

Ferdinand Tönnies kam in Schleswig-Holstein zur Welt. Nach Philologie- und Geschichtsstudien in Straßburg, Jena, Bonn und Leipzig promovierte er 1877 in Tübingen. Anschließend widmete er sich zunehmend politischen und sozialen Fragen. 1881 wurde er Privatgelehrter an der Universität in Kiel; aus politischen Gründen erhielt er erst 1913 eine Professur dort. Eine Erbschaft ermöglichte ihm bald, sich auf eigene Forschungen zu konzentrieren. 1909 wurde er Mitbegründer der deutschen Gesellschaft für Soziologie. Seine Sympathien für die Sozialdemokratie und öffentliche Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus führten 1931, drei Jahre vor seinem Tod, zu seiner Entlassung aus dem Universitätsdienst.

Hauptwerke

1887Gemeinschaft und Gesellschaft

1922Kritik der öffentlichen Meinung

1931Einführung in die Soziologie

WIE DER MENSCHLICHE KÖRPER BESTEHT AUCH DIE GESELLSCHAFT AUS UNTEREINANDER VERBUNDENEN TEILEN, BEDÜRFNISSEN UND FUNKTIONEN

ÉMILE DURKHEIM (1858–1917)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Funktionalismus

WICHTIGE DATEN

1830–1842 Auguste Comte befürwortet in Die Soziologie. Die positive Philosophie im Auszug eine wissenschaftliche Untersuchung der Gesellschaft.

1874–1877 Herbert Spencer spricht im ersten Band seines Werks Die Prinzipien der Soziologie von der Gesellschaft als »sozialem Organismus«.

1937 In The Structure of Social Action greift Talcott Parsons in seiner Aktionstheorie den funktionalistischen Ansatz auf.

1949 Robert K. Merton nimmt in Social Theory and Social Structure Durkheims Anatomiegedanken auf, um gesellschaftliche Störungen zu untersuchen.

1976 Anthony Giddens bietet in Interpretative Soziologie eine Alternative zum strukturalen Funktionalismus.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Soziologie nur schrittweise als eigenständige sozialwissenschaftliche Disziplin neben der Philosophie anerkannt. Um als neues Forschungsfeld zu gelten, musste sie wissenschaftliche Maßstäbe einführen. Unter den Philosophiestudenten, die sich zu dem neuen Wissensgebiet hingezogen fühlten, war auch Émile Durkheim. Ihm zufolge hatte die Soziologie nicht nur das Zeug zu einer großen Theorie, sondern auch zu einer Methode, die dazu beitragen konnte, die Entwicklung der modernen Gesellschaft besser zu verstehen. Durkheim versuchte keineswegs als Erster, das Fach als anerkannte Wissenschaft zu etablieren; in seine Ideen flossen Werke früherer Denker mit ein. Gleichwohl gilt er, zusammen mit Karl Marx und Max Weber, als »Gründervater« der neuen wissenschaftlichen Disziplin.

Erfindung eines wissenschaftlichen Modells

Auguste Comte legte mit seiner Theorie, das Studium der menschlichen Gesellschaft stehe an der Spitze der Naturwissenschaften, das Fundament. Und da die Gesellschaft aus einem Kollektiv menschlicher Tiere besteht, lieferte die Biologie das Modell für die Sozialwissenschaften. Doch nicht jeder stimmte dem zu: Karl Marx etwa legte seinen soziologischen Ideen die neu entwickelte Ökonomie zugrunde. Und dann führte Charles Darwin mit seiner Theorie von der Entstehung der Arten zu einem radikalen Umdenken – vor allem in Großbritannien: Hier fand sein Modell der organischen Evolution in vielen Wissenschaftsdisziplinen Anwendung.

Einer, der sich von Darwin inspirieren ließ, war Herbert Spencer, ein Philosoph und Biologe, der die Entwicklung der modernen Gesellschaft mit der eines Organismus verglich: In beiden dienten verschiedene Teile verschiedenen Funktionen. Spencer führte die Idee eines »organischen« Modells für die Sozialwissenschaften ein.

Durkheim übernahm diesen funktionalen Gedanken sowie das Verständnis, nach dem die Gesellschaft mehr war als die Summe ihrer Individuen. Zudem half ihm Auguste Comtes »Positivismus« bei der Formulierung einer wissenschaftlichen Methode, die das Funktionieren der modernen Gesellschaft beleuchten sollte.

Durkheim konzentrierte sich auf die Gesellschaft insgesamt und ihre Institutionen (und weniger auf die Motivationen und Handlungsweisen ihrer Mitglieder). Vor allem interessierten ihn die Dinge, die die Gesellschaft zusammen- und ihre Ordnung aufrechterhielten. Ihm zufolge bestand die Grundlage soziologischer Studien aus »sozialen Fakten«, also »äußerlichen Tatbeständen des einzelnen Individuums«, die sich empirisch feststellen ließen.

»Ist es unsere Pflicht, ein vollendetes und ganzes Wesen werden zu wollen, ein Ganzes, das sich selbst genügt, oder im Gegenteil dazu nur Teil eines Ganzen zu sein, Organ eines Organismus?«

Émile Durkheim

In Religionen – insbesondere in so alten wie dem Judentum – sah Durkheim grundlegende gesellschaftliche Institutionen, die den Menschen ein starkes kollektives Bewusstsein verliehen.

Wie andere Pioniere der Soziologie versuchte auch Durkheim, die Kräfte, die die »Moderne« ausmachten, zu verstehen und zu erklären. Doch während Marx ihre Ursachen im Kapitalismus und Weber in der Rationalisierung sahen, verband Durkheim die Entwicklung der modernen Gesellschaft mit der Industrialisierung und insbesondere mit der durch sie in Gang gesetzten Arbeitsteilung.

Ein funktionaler Organismus

Was die moderne von der traditionellen Gesellschaft unterschied, war nach Durkheim eine völlig andere Art des sozialen Zusammenhalts: Die Industrialisierung brachte eine neue Form von Solidarität hervor. In seiner Dissertation mit dem Titel Über soziale Arbeitsteilung skizzierte er die verschiedenen Arten gesellschaftlicher Solidarität:

In primitiven Gesellschaften (z. B. der Jäger und Sammler) verrichten alle Individuen mehr oder weniger dieselben Arbeiten. Und obwohl jeder autark wirtschaften kann, wird die Gesellschaft durch den gemeinschaftlichen Zweck, gemeinsame Werte und die kollektive Erfahrung zusammengehalten. Die Ähnlichkeit der Individuen macht das aus, was Durkheim das »kollektive Bewusstsein« als Basis für die Solidarität dieser Gesellschaft bezeichnet.

Mit wachsender Komplexität der Gesellschaft entwickeln die Menschen zunehmend spezialisierte Fähigkeiten – und an die Stelle bisheriger Eigenständigkeit tritt gegenseitige Abhängigkeit. So benötigt der Bauer nun den Schmied für die Hufeisen seines Pferdes – und der Schmied den Bauern als Lieferanten seiner Lebensmittel. Die »mechanische« Solidarität traditioneller Gesellschaften wird durch eine, wie Durkheim sie nennt, »organische« Solidarität ersetzt, die auf den ergänzenden Unterschieden (bei gleichzeitig gegenseitiger Abhängigkeit) der Individuen basiert.

Diese Form der Arbeitsteilung erreicht mit der Industrialisierung ihren Höhepunkt: Aus der Gesellschaft wird ein komplexer »Organismus«, in dem die individuellen Elemente spezialisierte, zum Wohl des Ganzen gleichermaßen notwendige Funktionen ausüben. Dieser Gedanke – nach dem die Gesellschaft wie ein biologischer Organismus aus verschiedenen Teilen mit jeweils bestimmten Aufgaben funktioniert – wurde in der Soziologie als Funktionalismus bekannt.

Als »soziales Faktum« (damit bezeichnet Durkheim einen vom Willen des Individuums unabhängigen Tatbestand), das bei der Entwicklung von der mechanischen hin zur organischen Solidarität am Werk ist, identifiziert Durkheim das Wachstum und die Konzentration der Bevölkerung: Der Wettlauf um Ressourcen wird immer intensiver. Gleichzeitig steigen mit zunehmender Bevölkerungsdichte die Möglichkeiten für soziale Interaktionen und setzen bei Bedarf eine Arbeitsteilung zwecks Effizienzsteigerung in Gang.

In der modernen Gesellschaft stellt die gegenseitige Anhängigkeit der Individuen die Basis für den Zusammenhalt dar. Aber Durkheim stellt auch fest, dass mit der Arbeitsteilung infolge rapider Industrialisierung soziale Probleme entstehen. Gerade weil die organische Solidarität auf den Unterschieden zwischen den Menschen beruht, verlagert sie sich von der Gemeinschaft hin zum Individuum. Sie verdrängt dabei das kollektive Bewusstsein der von allen geteilten Werte und somit den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft. Ohne diese Verhaltensnormen aber wird die Gesellschaft instabil, die Individuen orientierungslos. Organische Solidarität kann nur wirksam werden, wenn eine Gesellschaft ein Mindestmaß an mechanischer Solidarität beibehält und ihre Mitglieder ein gemeinschaftliches Selbstverständnis teilen.

Die Arbeitsteilung fleißiger Insekten erzeugt im Bienenstock nicht nur ein funktionierendes Ganzes. Die Bienen halten auch eine symbiotische Beziehung zu ihrer Umgebung aufrecht.

Die rasante Industrialisierung, so Durkheim, erzwang eine ebenso rasante Arbeitsteilung, sodass sich die soziale Interaktion in der modernen Gesellschaft nicht in ausreichendem Maße ausbilden konnte, um den Niedergang des kollektiven Bewusstseins auszugleichen. Die Individuen verloren zunehmend den sozialen Zusammenhalt, insbesondere die vormals durch die mechanische Solidarität bereitgestellte moralische Orientierung (z. B. durch die Religion). Für dieses Defizit prägte Durkheim den Begriff der »Anomie« und beschrieb damit den Verlust kollektiver Maßstäbe und Werte und die daraus folgende Schwächung der individuellen Moral. In einer soziologischen Studie über Grundtypen des Selbstmords zeigte er die große Bedeutung der Anomie bei der Verzweiflung auf, die Menschen zur Selbsttötung treiben konnte. Seine Untersuchungsergebnisse zeigten, dass in Gemeinschaften mit starken kollektiven Werten – wie seinerzeit die Katholiken – die Selbstmordrate niedriger war als anderswo. Durkheim fand darin den Wert der Solidarität für die Gesundheit einer Gesellschaft bestätigt.

»… die Gesellschaft [ist] nicht bloß eine Summe von Individuen, sondern das durch ihre Verbindung gebildete System stellt eine spezifische Realität dar, die einen eigenen Charakter hat.«

Émile Durkheim

Eine akademische Disziplin

Durkheim entwickelte seine Ideen auf der Basis stringenter Untersuchungen und empirischer Ergebnisse, z. B. aus Fallstudien und Statistiken. Sein Hauptverdienst ist es, die Soziologie als akademische Disziplin begründet zu haben. Sein positivistischer Ansatz indes trug ihm manche Skepsis ein. Marx etwa (ebenso wie spätere Marxisten) lehnte die Idee ab, die komplexe und unvorhersehbare menschliche Gesellschaft könne durch naturwissenschaftliche Methoden erfasst werden. Gleichwohl verhalf Durkheims Gesellschaftsanalyse dem Funktionalismus innerhalb der Soziologie zu großer Bedeutung und beeinflusste v. a. Talcott Parsons und Robert K. Merton. Seine Erläuterungen zur Solidarität boten eine Alternative zu den Theorien von Marx und Weber. Und obwohl Durkheims Positivismus keinen Anklang mehr findet, spielen von ihm eingeführte Konzepte wie die der Anomie und des kollektiven Bewusstseins bis heute (unter dem Deckmantel der »Kultur«) in der Soziologie eine Rolle.

Émile Durkheim

Durkheim wuchs in der lothringischen Stadt Épinal in einer französischen Rabbinerfamilie auf. Er brach mit der religiösen Familientradition und studierte an der École Normale Supérieure in Paris. Nach seinem Abschluss 1882 in Philosophie interessierte er sich für Gesellschaftswissenschaften, nachdem er Auguste Comte und Herbert Spencer gelesen hatte. Zum Studium der Soziologie ging er nach Deutschland und lehrte ab 1887 in Bordeaux am ersten Fachbereich für Soziologie einer französischen Universität. 1902 ging er an die Pariser Sorbonne und wurde vier Jahre später dort Professor. Mit dem Ansteigen rechtsgerichteter und nationalistischer Politik während des Ersten Weltkriegs sah er sich mehr und mehr marginalisiert. 1917 starb Durkheim an einem Schlaganfall, nachdem sein Sohn André ein Jahr zuvor an der Front gefallen war.

Hauptwerke

1893Über soziale Arbeitsteilung

1895Die Regeln der soziologischen Methode

1897Der Selbstmord

DER EISERNE KÄFIG DES RATIONALISMUS

MAX WEBER (1864–1920)

IM KONTEXT

SCHWERPUNKT

Rationale Modernität

WICHTIGE DATEN

1845 In seinen Thesen über Feuerbach beschreibt Karl Marx erstmals den Gedanken des historischen Materialismus, nach dem die Ökonomie (und nicht Ideen) die Geschichte der Menschheit vorantreibt.

1903 Georg Simmel untersucht in seinem Werk Die Großstädte und das Geistesleben Auswirkungen des modernen Stadtlebens auf das Individuum.

1937 In The Structure of Social Action stellt Talcott Parsons seine Aktionstheorie vor, in der er die gegensätzlichen (subjektiven und objektiven) Ansätze von Weber und Durkheim zu integrieren sucht.

1956 In seinem Buch Die amerikanische Elite beschreibt C. Wright Mills die Entwicklung einer militärisch-industriell herrschenden Schicht als Resultat der Rationalisierung.

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein wurde das Wachstum der Wirtschaft in den deutschen Staaten eher durch Handel als durch Produktion erzielt. Doch als sich auch hier, wie schon in England und Frankreich, der Schritt hin zu groß angelegten Fertigungsindustrien vollzog, waren die Veränderungen rasant und dramatisch – vor allem in Preußen, wo die Kombination aus natürlichen Rohstoffvorkommen und militaristischer Tradition in kürzester Zeit einer effizienten Industriegesellschaft zum Aufstieg verhalf.

Deutschland hatte die Auswirkungen der Moderne bis dahin kaum zu spüren bekommen. Das bedeutete auch, dass soziologische Betrachtungen bisher kaum angestellt worden waren. Karl Marx war zwar Deutscher, seine soziologischen und ökonomischen Ideen fußten jedoch auf Erfahrungen in Industriegesellschaften andernorts. Erst zum Ende des Jahrhunderts wandten sich Wissenschaftler der neu entstehenden Gesellschaft in Deutschland zu. Unter ihnen war Max Weber, der wohl einflussreichste Mitbegründer der Soziologie.

Während auch er, wie seine französischen Kollegen Auguste Comte und Émile Durkheim, sorgfältige soziologische Untersuchungen für unabdingbar hielt, konnten diese in seinen Augen dennoch nicht restlos objektiv sein – ihr Gegenstand war schließlich das soziale Handeln, d. h. die Art und Weise, in der Menschen in der Gesellschaft interagierten. Dieses Handeln war notwendigerweise subjektiv und musste folglich vor dem Hintergrund der subjektiven Werte, die die Menschen mit ihren Aktionen verbanden, interpretiert werden. Dieses Verstehen bildete einen echten Gegenpol zu einer objektiven Untersuchung der Gesellschaft: Während Durkheim die Gesamtstruktur der Gesellschaft und die »organische« Natur ihrer einzelnen Teile studierte, wandte sich Weber der Untersuchung der individuellen Erfahrung zu.