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Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nachvollziehbar erklärt - Alle wichtigen Ereignisse, Wendepunkte und Hintergründe - Schlachten, Taktiken, Ideologien: vom Aufstieg des Nationalsozialismus über Pearl Harbor, D-Day, Hiroshima bis zur Gründung des Staates Israel 1948 - Anschaulich & verständlich mit innovativen Grafiken aufbereitet - Mit Kurzporträts wichtiger Persönlichkeiten - Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes in Europa Big Ideas: Das große Buch über den Zweiten Weltkrieg zum Nachschlagen Welche Schlachten führten dazu, dass die Alliierten den Krieg gewinnen konnten? Wie hat der Zweite Weltkrieg die zukünftige politische Landschaft geformt? Das innovative Nachschlagewerk aus der DK Erfolgsreihe Big Ideas führt durch die historischen Hintergründe, Ursachen, Ideologien und Folgen des Kriegs – abwechslungsreich aufbereitet in informativen Texten und anschaulichen Grafiken. Von den 1930er-Jahren bis zum Staat Israel: Das Buch fasst die wichtigsten Ereignisse und Wendepunkte des Zweiten Weltkrieges zusammen und erklärt Abläufe von Schlachten sowie Taktiken und Technologien. Dabei werden alle beteiligten Nationen berücksichtigt. Biografie-Kästen liefern Informationen zu den bedeutendsten Persönlichkeiten. Der Zweite Weltkrieg fundiert und zugänglich – Basiswissen zum Studieren, Informieren oder Nachschlagen. Dieses Buch ist Teil der Reihe "Big Ideas".
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2025
EINLEITUNG
DIE SAAT DES KRIEGS
1914–1939
Krieg zur Beendigung aller Kriege
Der Erste Weltkrieg
Ein Friede, gebaut auf Treibsand
Ein trügerischer Friede
In der Theorie ist die Demokratie wunderbar
Italien und der Aufstieg des Faschismus
Grausamkeit verlangt Respekt
Aufstieg der Nationalsozialisten
Heil Hitler
Errichtung des NS-Staats
Höhepunkt der Entfremdung
Diktatoren und fragile Demokratien
Kommunismus wird es hier nicht geben
Der Spanische Bürgerkrieg
Zur Befreiung des Landes müssen wir die Freiheit opfern
China in Aufruhr
Expansion ist der Auftrag des japanischen Volks
Japan auf dem Vormarsch
Wir fordern Land und Boden
Deutsche Expansion
Sieg der Barbarei
Die Pogromnacht
Heute wir, morgen ihr
Versagen des Völkerbunds
Frieden für unsere Zeit
Appeasementpolitik
DER KRIEG IN EUROPA
1939–1940
Ein Wendepunkt in der Geschichte Europas
Europa am Abgrund
Sie entkommen den Deutschen nicht
Der Überfall auf Polen
Über ganz Europa liegt bange Stille
Der Sitzkrieg
Männer … seid standhaft!
Kriegsvorbereitungen
Sofortiger Angriff, bei Tag oder bei Nacht
Schlacht am Río de la Plata
Die Wölfe werden zu fressen haben
Der Winterkrieg in Finnland
Deutsche Bomber beschossen uns
Einmarsch in Dänemark und Norwegen
Wenn die Panzer Erfolg haben, folgt der Sieg
Blitzkrieg
Eine wundersame Rettung
Dünkirchen
Zermalmt von den Kräften, die gegen uns wüten
Der Fall Frankreichs
Ich brauche nur ein paar Tausend Tote
Italiens Kriegseintritt
Kampf fürs Mutterland
Koloniale Bindungen
Noch nie hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken
Die Luftschlacht um England
Von Feuern verheert, von Explosionen erschüttert
»The Blitz«
Wir werden uns nie ergeben
Großbritannien rüstet sich für den totalen Krieg
FLÄCHENBRAND
1941–1942
Wir müssen das Arsenal der Demokratie sein
Ende der Neutralität der USA
Sie ging glorreich unter
Die Versenkung der Bismarck
Ein Torpedo, ein Schiff
Verschärfung des U-Boot-Kriegs
Nie gesehene Todesverachtung
Krieg auf dem Balkan
Die Wüste ist ein gottverlassenes Land
Nordafrika und das Mittelmeer
Handschlag mit Russland über den Iran
Einflusssphären im Nahen Osten
Die Welt wird den Atem anhalten
Unternehmen Barbarossa
Kämpft für Vaterland und Sieg!
Der Große Vaterländische Krieg
Holocaust durch Kugeln
NS-Massaker
Das bedeutet Krieg mit Amerika
Japans Dilemma
Tag der Schande
Angriff auf Pearl Harbor
Wir akzeptieren nur einen vollständigen Sieg
Die USA im Krieg
Ich werde nur für den Kaiser sterben
Japans Offensiven
Was hat Indien … von Großbritanniens Krieg?
Indien im Zweiten Weltkrieg
Schlagabtausch im Pazifik
Die Verteidigung Australiens
Ein bedeutender Sieg zeichnet sich ab
Die Schlacht um Midway
Eine nordische Saga von Heldentum, Tapferkeit und Ausdauer
Angriffe auf die Nordmeergeleitzüge
Der meistbombardierte Ort der Welt
Die Belagerung Maltas
Macht geht vor Recht
Europa unter NS-Herrschaft
Die Endlösung
Der Holocaust
Wir müssen die Stadt verteidigen oder bei dem Versuch sterben
Die Schlacht von Stalingrad
Wir waren keine Gefangenen, wir waren Sklaven
Kriegsgefangene
Die grausame Wirklichkeit
Deutschland und die Realität des Kriegs
Das Ende des Anfangs
Von Gazala bis El Alamein
Endlich sind wir auf dem Weg
Operation Torch
Gänse, die goldene Eier legen und niemals schnattern
Der geheime Krieg
DIE MILITÄRISCHE WENDE
1943–1944
Sie sind am Ende
Sieg in der Wüste
Der Feind ist brutal, gerissen und skrupellos
Invasion in Italien
Der Friedhof der japanischen Armee
Kampf um die Salomonen und Neuguinea
Der Feind kann uns jetzt orten
Ende der Atlantikschlacht
Ein Feuersturm brauste durch die Straßen
Bomben auf Deutschland
Das Kriegspotential ist ganz auszuschöpfen
Deutsche Rüstungsindustrie
Freunde in der Tat, im Geist und im Ziel
Gipfeltreffen
Wacht auf und kämpft!
Widerstandsbewegungen
Sie waren um uns herum, auf uns und zwischen uns
Die Schlacht von Kursk
Lose Zungen versenken Schiffe
Propaganda
Der glorreiche heldenhafte Kampf
Aufstand im Warschauer Getto
Jeder Mann muss sein Äußerstes geben
Der Westpazifik
Töten, Niederbrennen, Plündern
China und Japan im Krieg
Rom ist mehr als ein militärisches Ziel
Befreiung Roms
Überbezahlt, übersexualisiert und überall bei uns
US-Soldaten in Großbritannien
Das Blatt hat sich gewendet
Landung in der Normandie
Der Morgen brachte keine Erholung, die Wolken keinen Schutz
V-Waffen
Der Weg der Vergeltung!
Operation Bagration
Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird
Attentat auf Hitler
Warschau wird komplett zerstört
Der Warschauer Aufstand
Endlose Lkw-Kolonnen
Alliierter Vorstoß nach Osten
Das ist ein Himmelfahrtskommando
Operation Market Garden
Wir müssen nur den Rhein überqueren
Kämpfe an der deutschen Grenze
Wir müssen übermenschlich sein, um zu siegen
Die Schlacht im Golf von Leyte
Es ist tägliche Pflicht … zu sterben
Kamikaze-Piloten
Einhundert Millionen Herzen im Gleichklang
Die japanische Heimatfront
Ein heftiger und verlustreicher Angriff
Die Ardennenoffensive
DAS ENDE
1945
Die endgültige Niederwerfung des gemeinsamen Feindes
Die Alliierten am Rhein
Jetzt ernten sie Sturm
Zerstörung deutscher Städte
Die Ostfront ist wie ein Kartenhaus
Russischer Vormarsch
Nehmt Rangun vor dem Monsun
Kampf um Burma
Kein Mensch konnte begreifen, was wir sahen
Befreiung der Konzentrationslager
Wir kämpften für die gute Sache …
Letzte Gefechte in Italien
Die Welt muss wissen, was passiert ist, und darf es nie vergessen
Sieg in Europa
Wir werden die Insel … bis zum Ende verteidigen
Japan unter Belagerung
Mein Gott, was haben wir getan?
Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki
Vom Himmel regnet nicht mehr der Tod
Japan kapituliert
Für euer Morgen gaben wir unser Heute
Der Preis des Kriegs
… Die Zivilisation … würde eine Wiederholung solchen Unheils nicht überleben
Kriegsverbrecherprozesse und Entnazifizierung
Im Frieden bewahren, was wir im Krieg gewonnen haben
Nachspiel
ZITATNACHWEIS
DANK UND BILDNACHWEIS
Der Zweite Weltkrieg war der größte und verheerendste Konflikt in der Geschichte, eine von Ideologien geprägte Konfrontation, bei der die beiden Gegner – die Achsenmächte und die Alliierten – einen erbitterten Kampf führten, der nur mit der vollständigen Unterwerfung einer Seite beendet werden konnte. Mehr als 50 Mio. Menschen starben, und Millionen blieben körperlich und seelisch gezeichnet. Der entsetzliche Höhepunkt war der Abwurf der Atombomben über Japan – der Einsatz einer neuen Waffe mit einem enormen Vernichtungspotenzial.
Die Wurzeln dieses Kriegs lagen in zwei Konflikten an verschiedenen Enden der Welt. Im Fernen Osten führte die japanische Invasion der Mandschurei von 1931 sechs Jahre später zum offenen Krieg mit China. In Europa markierte der deutsche Überfall auf Polen 1939 den Beginn eines Kriegs, der in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung der Konflikte des Ersten Weltkriegs darstellte. Was die beiden Aggressoren Japan und Deutschland verband, war das Streben nach einem Großreich und einer neuen Ordnung, die das alte Machtgefüge ablösen sollte.
Italien, die dritte Achsenmacht, strebte ebenfalls nach imperialer Macht, zunächst in Afrika, später im gesamten Mittelmeerraum. Für alle drei Achsenmächte war der Krieg nicht etwa ein Ausnahmezustand, sondern ein Mittel der Außenpolitik.
Ihre Eroberungszüge eskalierten in einem globalen Krieg. Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 zog die UdSSR in den Konflikt hinein, was die Japaner zum Angriff im Pazifik ermutigte, woraufhin Hitler den Vereinigten Staaten den Krieg erklärte. Ende des Jahres 1941 umspannte der Konflikt die Welt, und überall waren es die Achsenmächte, die Angriffskriege führten. Sie setzten darauf, dass ihr »überlegener Kampfgeist« ausreichen würde, um die »dekadenten«, wenn auch materiell überlegenen Alliierten zu besiegen.
»Die Erwerbung von neuem Grund und Boden zur Ansiedelung der überlaufenden Volkszahl besitzt unendlich viel Vorzüge, besonders wenn man nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ins Auge faßt.«
Adolf Hitler
Mein Kampf, 1925
Während Italien von Anfang an nicht stark genug war, erzielten Deutschland und Japan in der ersten Phase des Kriegs eine Reihe militärischer Siege, die sogar einen anderen Ausgang des Kriegs möglich erscheinen ließen. Allerdings unterschätzten sie ihre Gegner, die sich nach anfänglichen Rückschlägen neu aufstellten und am Ende den Sieg sicherstellten.
Sowohl die deutsche Wehrmacht als auch die Streitkräfte Japans waren gut ausgerüstet und wurden militärisch gut geführt. Ihre teils fanatische Kampfmoral war ein Faktor, der den Krieg verlängerte.
Auf der obersten Führungsebene waren die Alliierten den Achsenmächten überlegen. Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin teilten einen globalen Blick auf den Krieg und waren bereit, an einmal formulierten Zielen gemeinsam zu arbeiten. Im Gegensatz dazu war die japanische Militärregierung intern zerstritten und besaß im Grunde keine Vision, die über den Expansionismus hinausging. Ähnlich eingenommen war Adolf Hitler von seiner Idee, im Osten »Lebensraum für das deutsche Volk« zu erobern. Mussolini war kaum mehr als ein Fantast. Keine der Regierungen unternahm ernsthaft den Versuch, mit ihren Verbündeten zu kooperieren.
Die Alliierten verfügten über größere Materialressourcen, die sie zudem effizienter nutzten. USA und Sowjetunion waren zur Massenproduktion in der Lage, und auch Großbritannien leistete einen wichtigen Beitrag zur militärischen Stärke der Allianz. Während die Alliierten weit mehr als 4 Mio. Panzer und andere Kampffahrzeuge bauten, produzierten die Achsenmächte nur 670 000. Auch die Versorgung mit Öl war ein entscheidender Faktor. Die Achsenmächte waren Ende 1944 kaum noch in der Lage, die ihnen verbliebenen Kampfmaschinen zu betreiben.
Darüber hinaus erwiesen sich die Alliierten als fähiger in der Geheimdienstarbeit. Sie knackten relevante deutsche und japanische Codes und setzten erfolgreich Zivilisten in der Entwicklung neuer Technologien ein. Das Wissenschaftsland Deutschland war den westlichen Alliierten unterlegen. Zwar konnte es seinen Vorsprung auf dem Gebiet der Düsentriebwerke und Raketenantriebe behaupten, diese Entwicklungen kamen aber zu spät.
Der Zweite Weltkrieg war mehr als der militärische Konflikt, und er war mehr als das Leid, das Millionen von Menschen angetan wurde. Die Bevölkerung machte neue Erfahrungen, die politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Gang setzten. Beispielsweise mussten Frauen in großer Zahl Arbeitsplätze besetzen. Viele kehrten nach dem Krieg wieder in ihre traditionelle Rolle zurück, aber ihr Beitrag zur Kriegsanstrengung ließ sich nicht leugnen. In den USA kamen Millionen von Schwarzen Arbeitern aus dem ländlichen Süden in die Industriezentren in Kalifornien und im Norden, was eine tiefgreifende demografische Umwälzung zur Folge hatte.
»Hitler schlägt mit aller Macht, die ihm zur Verfügung steht, zu. Er ist ein verzweifelter Spieler, und es geht ihm um nichts Geringeres als um die Weltherrschaft.«
The Committee to Defend America by Aiding the Allies, 1940
In Asien und Teilen Afrikas erlebten die kolonisierten Völker die Demütigung und Ohnmacht der europäischen Nationen mit und erkannten die Möglichkeit, sich selbst zu regieren und Unabhängigkeit zu fordern. Der Krieg führte zu einem weltweiten Machtverlust Europas und beschleunigte den Aufstieg der USA und der UdSSR zu zwei um die Vorherrschaft ringenden Supermächten.
Dieses Buch soll zeigen, wie es zu diesem Krieg kam, wie die Alliierten die Achsenmächte besiegten und welche Ergebnisse und Folgen der globale Konflikt hatte. Zweifellos sind die Auswirkungen des Kriegs bis heute in unserer Gesellschaft spürbar. Wir hoffen auch, den Leserinnen und Lesern eine Vorstellung davon zu vermitteln, was die Menschen in diesen sechs Kriegsjahren erlebten.
1919
Im Juni endet der Erste Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag. Deutschland verliert Staatsgebiet und einen Großteil seiner Streitkräfte.
1923
Unruhen in Deutschland ermutigen Hitler zu einem Putschversuch in München. Er scheitert, und Hitler wird vorübergehend inhaftiert.
1925
Feldmarschall Paul von Hindenburg wird deutscher Reichspräsident. Er gilt als stabilisierende politische Figur.
1929
Der Zusammenbruch der New Yorker Börse löst eine globale Wirtschaftskrise aus.
1932
Die Nationalsozialisten werden stärkste Partei im deutschen Reichstag, haben aber keine absolute Mehrheit.
1934
In der »Nacht der langen Messer« (30. Juni–2. Juli) lässt Hitler viele seiner Gegner ermorden.
1936
Italien annektiert nach der Besetzung Addis Abebas offiziell Abessinien (heute Äthiopien).
1938
Großbritannien vermittelt das Münchner Abkommen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei, in dem die Tschechen Land an Deutschland abtreten müssen.
1922
In Italien führt Mussolinis »Marsch auf Rom« zum Staatsstreich und zum Sturz der Regierung.
1924
Der Dawes-Plan regelt die deutschen Reparationszahlungen neu und stabilisiert das deutsche Finanzsystem.
1928
USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland und Japan unterzeichnen den Briand-Kellogg-Pakt zur Ächtung des Kriegs.
1931
Japanische Truppen besetzen einen Großteil der chinesischen Mandschurei.
1933
Hitler spielt seine politischen Gegner gegeneinander aus und wird Reichskanzler.
1935
Hitler führt die Wehrpflicht wieder ein und verkündet die Wiederaufrüstung. Mit den Nürnberger Gesetzen beginnt die Judenverfolgung.
1937
Japan greift China an, nimmt Shanghai ein und rückt auf Nanjing vor.
1938
In der Pogromnacht vom 9./10. November greifen Nationalsozialisten in Deutschland und Österreich Juden und jüdische Einrichtungen an.
Die Ursachen des Zweiten Weltkriegs liegen im Versailler Vertrag vom Juni 1919, mit dem der Erste Weltkrieg beendet wurde. Der Friedensvertrag war ein Versuch der Siegermächte Großbritannien, Frankreich, Italien und USA, weitere Kriege zu verhindern, aber tatsächlich schuf er mehr Probleme, als er löste. Zusammen mit den Wirtschaftskrisen, die Europa in der Nachkriegszeit erschütterten, legte er den Keim für einen weiteren mörderischen Weltkrieg.
Der Versailler Vertrag veränderte die Landkarte Mitteleuropas. Österreich-Ungarn wurde aufgelöst. Österreich wurde zu einem Kleinstaat, Ungarn musste Gebiete an Rumänien abtreten. Die neuen Staaten Tschechoslowakei und Jugoslawien entstanden. Deutschland verlor Gebiete an die Tschechoslowakei und den wiedergeborenen Staat Polen.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war einer der Leitgedanken des Vertrags, konnte aber die widerstreitenden Ambitionen nicht befrieden. Latente Feindschaften zwischen den Ländern beförderten Konflikte. Als besonders gefährlich sollte sich die Bildung großer deutschsprachiger Minderheiten in der Tschechoslowakei und in Polen erweisen, die die Nationsozialisten später für ihre Expansionspläne nutzten.
Die Bedingungen des Versailler Vertrags schwächten Deutschland politisch, ökonomisch und militärisch. Frankreich gewann Elsass-Lothringen zurück und besetzte das Saarland. Die Sieger forderten hohe Reparationszahlungen, Deutschland verlor seine Kolonien, und das Heer wurde auf 100 000 Mann verkleinert. Der Vertrag erzeugte den Wunsch nach Vergeltung.
Der Völkerbund wurde gegründet, um zukünftige Konflikte auf dem Wege der Verhandlung und Diplomatie zu lösen. Er hatte jedoch keine militärische Rückendeckung, und die USA und die UdSSR traten ihm nicht bei, was seine Macht zusätzlich einschränkte. Er konnte weder den Einmarsch Japans in die Mandschurei 1931 noch die Eroberung Abessiniens durch Italien vier Jahre später verhindern.
Wirtschaftliche Not führte in vielen Ländern zum Erstarken rechtsnationaler Parteien, in Japan, Italien und Deutschland halfen sie ihnen an die Regierung. Der Erfolg der Nationalsozialisten bei den Wahlen 1933 war einer der wichtigsten Faktoren, die in Europa zum Krieg führten. Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler machte sich Adolf Hitler an die Zerstörung der demokratischen Institutionen, die ihn an die Macht gebracht hatten. Gewerkschaften und Oppositionsparteien wurden verboten und Gesetze gegen Juden und »Nichtarier« erlassen. Deutschland wurde eine totalitäre Diktatur.
Hitler warb damit, dass er die Gebietsverluste aus dem Ersten Weltkrieg rückgängig machen und die deutsche Großmachtstellung wiederherstellen wolle. Ein erster Versuch, in Österreich die Macht zu ergreifen, scheiterte 1934, offenbarte aber seine wahren Interessen. Unter Missachtung des Versailler Vertrags trieb Hitler die Wiederbewaffnung des Landes voran und legte dabei den Schwerpunkt auf Panzer, Bomber und Unterseeboote. Er bereitete einen Angriffskrieg vor.
Als Nächstes ging Hitler daran, verlorene Gebiete zurückzugewinnen und die Grenzen Deutschlands zu erweitern. Im März 1936 besetzten deutsche Truppen das Rheinland, ohne bei Großbritannien oder Frankreich auf Widerstand zu stoßen. Hitler unterstützte die Nationalisten unter General Franco im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) und nutzte den Konflikt als Versuchsfeld für neue Waffensysteme und Taktiken der Streitkräfte. Die Erfolge der deutschen Luftwaffe bei der Bombardierung spanischer Städte schüchterten die anderen westeuropäischen Mächte ein, und sie setzten auf Beschwichtigung.
Großbritannien und Frankreich taten nichts, um den »Anschluss« Österreichs im März 1938 zu verhindern, und stimmten auch sechs Monate später beim Münchner Abkommen der Aufteilung der Tschechoslowakei zu, als Hitler die Abtretung des Sudetenlands forderte. Erst als die Wehrmacht im März 1939 auch in die restlichen Gebiete der Tschechoslowakei einmarschierte, begannen die Alliierten, sich auf einen offenbar unvermeidlichen neuen Krieg vorzubereiten. Als Hitler die Rückgabe des Polnischen Korridors (schmale Landbrücke, die Polen Zugang zur Ostsee gewährte) forderte, gab man die Appeasementpolitik schließlich auf.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Brüchiger Frieden
FRÜHER
1881 Deutschland bildet mit Österreich-Ungarn und Italien den Dreibund.
1897 Mit dem Aufbau der deutschen Hochseeflotte beginnt der Rüstungswettlauf mit Großbritannien.
1907 Großbritannien, Frankreich und Russland schließen die Triple Entente.
1912/13 Aus zwei Balkankriegen geht Serbien als starker Staat hervor.
SPÄTER
1. Dezember 1918 Jugoslawien wird gegründet.
14. Februar 1919 Bei der Pariser Friedenskonferenz schlagen die Alliierten einen Völkerbund als Forum internationaler Kooperation vor.
1923 Deutschland leidet unter einer Hyperinflation.
Nur Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfasste H. G. Wells einen Essay mit dem Titel »Krieg zur Beendigung aller Kriege«. Die Formulierung wurde zum geflügelten Wort und schließlich 1918 in ganz Europa zur Hoffnung auf bessere Zeiten nach dem Krieg. Aber war diese Hoffnung gerechtfertigt?
Zwischen 1914 und 1918 führten mehr als 30 Länder Krieg, der Großteil aufseiten der Alliierten, darunter Serbien, Russland, Frankreich, Großbritannien, Italien und die USA. Ihnen gegenüber standen Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich. Was als relativ begrenzter Konflikt in Südosteuropa begann, eskalierte zu einem Krieg der europäischen Staaten nicht nur an der Westfront, sondern auch in Ost- und Südosteuropa, Afrika und im Nahen Osten mit Auswirkungen auf die Heimatfront.
Französische Soldaten im Graben in der Schlacht an der Aisne 1917, dem gemeinsamen Versuch von Franzosen und Briten, die Deutschen aus Frankreich zurückzudrängen.
Der Krieg forderte 17 Mio. Tote und 20 Mio. Verwundete; zugleich führte er zu neuen Entwicklungen in der Medizin, wie Prothesen, Bluttransfusionen, Antiseptika und plastischer Chirurgie. Politische und gesellschaftliche Sichtweisen veränderten sich: Das Stimmrecht wurde erweitert, Gewerkschaften wurden zu Großorganisationen, und Millionen von Frauen traten in die Arbeitswelt ein. Hinzu kamen neue Entwicklungen in der Rüstungstechnologie in Form von Flugzeugen, Unterseebooten und Panzern. Diese Veränderungen machten eine Rückkehr zum Vorkriegs-Status-quo unmöglich.
Vier Großreiche zerbrachen in diesem Krieg: Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich sowie Russland durch die Oktoberrevolution 1917. Deutschland hoffte, dass Lenins Eingreifen in Russland das Land so in Unruhe versetzen würde, dass es als Kriegsgegner ausfiele. Die Russische Revolution bewirkte tatsächlich den Rückzug aus dem Krieg, schuf aber auch einen Staat, dessen radikale politische Ideologie zur Herausforderung für Regierungen in aller Welt wurde.
Die kämpfenden Länder betrachteten sich als Weltreiche. Millionen von Nichteuropäern kämpften für ihre europäischen Kolonialherren. Für die Alliierten bedeutete dies, dass ihre Kolonialmacht gesichert und sogar gestärkt wurde. Das kleine Kaiserreich Japan annektierte deutsche Besitzungen in Asien und Seestraßen im Pazifik. Der Erfolg bestärkte es in seinen Hegemonialbestrebungen in Asien.
Der Zerfall der alten Machtordnung hinterließ ein Vakuum, in dem Staaten wie Polen, Jugoslawien und die Tschechoslowakei entstanden, die aber bald um ihre Grenzen kämpfen mussten. Durch den Versailler Vertrag schrumpfte Deutschland, verlor seine Kolonien und musste beachtliche Reparationen leisten. Der Kaiser ging ins Exil, und das Land stürzte in ein wirtschaftliches und politisches Chaos, das Hitler den Weg ebnete. Die Deutsche Zeitung beschrieb die Stimmung im Land mit dem Schwur: »Wir werden nicht innehalten, bis wir zurückgewonnen haben, was uns zusteht.«
»Dies ist kein Friede; es ist ein Waffenstillstand für die nächsten 20 Jahre.«
Ferdinand Foch
Französischer General
Bei Kriegsende 1918 bestanden Territorialkonflikte, koloniale Bestrebungen und nationale Spannungen fort, jetzt verschärft durch politische, ökonomische und gesellschaftliche Instabilität. Die Hoffnung auf ein »Ende aller Kriege« sollte sich als Illusion erweisen.
Adolf Hitler (rechts) diente im Ersten Weltkrieg im bayerischen 16. Reserve-Infanterie-Regiment. Er wurde zweimal verwundet und 1918 mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Friedensverträge
FRÜHER
1648 Der Dreißigjährige Krieg endet mit dem Westfälischen Frieden, der die Unverletzlichkeit souveräner Staaten festschreibt.
1814/15 Der Wiener Kongress beendet die Koalitionskriege und zieht die Grenzen in Europa neu, um Frieden durch ein Gleichgewicht der Kräfte zu erzielen.
SPÄTER
1945 Das Potsdamer Abkommen schreibt die militärische Besatzung Deutschlands und die geografische Neuordnung Europas fest.
1945 50 Länder unterzeichnen die Charta der Vereinten Nationen.
1947 Die Pariser Friedensverträge sehen u. a. Reparationen, Minderheitenrechte und eine territoriale Neuordnung vor.
Delegierte aus rund 30 Ländern beraten im Schloss von Versailles über die Friedensbedingungen. Verhandlungsführer waren die USA, Großbritannien, Frankreich und Italien.
Als im November 1918 die Kampfhandlungen endlich endeten, mussten vor der Demobilisierung der Armeen die Bedingungen für einen Frieden verhandelt werden. Am 18. Januar 1919 kamen im Schloss von Versailles die Führer der Siegernationen zur Pariser Friedenskonferenz zusammen, um in fünf langen Monaten einen Friedensvertrag auszuhandeln, der später von den meisten Historikern als fehlerhaft angesehen wurde, weil er die Saat für den nächsten Weltkrieg legte.
An der Konferenz waren Delegierte aus vielen Ländern beteiligt, aber führend waren die »Großen Vier«, US-Präsident Woodrow Wilson, der britische Premierminister David Lloyd George, der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau und der italienische Ministerpräsident Vittorio Orlando. Das vom Bürgerkrieg zerrüttete Russland nahm nicht teil. Die Besiegten waren ausgeschlossen.
»Wir werden in 25 Jahren erneut Krieg gegeneinander führen müssen.«
David Lloyd George
Britischer Premierminister
Die Dominanz der Großen Vier war Stärke und Schwäche des Vertrags zugleich. Sie motivierte diese Nationen, die Vereinbarungen einzuhalten, sorgte bei den ausgeschlossenen Ländern aber auch für Ablehnung.
Wilson legte ein 14-Punkte-Programm für einen dauerhaften Frieden vor, das unter anderem Geheimverträge untersagte, freien Handel und fairen Umgang mit den Kolonialvölkern vorsah und Vorschläge zur Neuordnung Europas nach dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker enthielt. Der letzte und für Wilson entscheidende Punkt war die Gründung eines Völkerbunds, einer internationalen Organisation, die Staaten jeder Größe vor äußeren Bedrohungen schützen sollte.
Großbritannien und vor allem Frankreich, das im Krieg überrannt worden war, wollten, dass Deutschland für die Katastrophe des Kriegs bezahlen und nie wieder zu einem Angriffskrieg in der Lage sein sollte. Als Gegenleistung für deren Zustimmung zum Völkerbund akzeptierte Wilson die »Kriegsschuld-Klausel«. Deutschland wurde zu hohen Reparationszahlungen verpflichtet, und Frankreich übernahm die Kontrolle über die Industrieregion des Saarlands. Das deutsche Heer wurde verkleinert und das Rheinland demilitarisiert.
Die Regierung der Weimarer Republik, die nach der Abdankung des Kaisers in Deutschland gegründet wurde, hatte keine andere Möglichkeit, als dem Vertrag zuzustimmen. Viele Deutsche machten sie für die folgende Wirtschaftskrise verantwortlich, die auch den Aufstieg Hitlers mit verursachte.
Der Vertrag von Versailles war eine tickende Zeitbombe, aber zunächst bedeutete er Frieden. Souveräne Staaten wie die Tschechoslowakei entstanden mit Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Auf der anderen Seite teilten die Großmächte den Nahen Osten und Afrika ohne Rücksicht auf die Bevölkerung unter sich auf und schufen damit ein koloniales Erbe, das bis heute für Konflikte sorgt.
Der Völkerbund schuf zwar den Rahmen zum Umgang mit internationalen Uneinigkeiten, verfügte aber über keine militärische Macht. Erst mit der Gründung der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine handlungsfähige Organisation geschaffen.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Totalitarismus
FRÜHER
1914 Mussolini wird aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen und wendet sich dem Faschismus zu.
1915 Der Londoner Vertrag bietet Italien Land als Gegenleistung für den Kriegseintritt.
1919 Italienische Nationalisten besetzen das italienischsprachige Fiume in Kroatien.
SPÄTER
1943 Nach dem Einmarsch der Alliierten in Italien wird Mussolini verhaftet und von deutschen Soldaten befreit.
1945 Mussolini wird auf der Flucht in die Schweiz von Partisanen erschossen.
1948 Bei den ersten freien Wahlen seit 1921 erhält das neofaschistische Movimento Sociale Italiano nur 2 Prozent der Stimmen.
Italiens Weg in den Faschismus verlief brutal und überraschend schnell. Noch ehe Hitler Mein Kampf zu Ende geschrieben hatte, erklärte sich Benito Mussolini 1925 zum Diktator und forderte, Il Duce (der Führer) genannt zu werden. Nicht nur in dieser Hinsicht war er ein Vorbild für Hitler.
Italien war einer der Sieger im Ersten Weltkrieg, aber das hatte Menschenleben und Geld gekostet, ohne die erhofften Landgewinne einzubringen, wofür man Ministerpräsident Vittorio Orlando die Schuld gab. Als der Wirtschaftsabschwung kam, suchten viele nach Alternativen zur liberalen Demokratie.
Millionen von Arbeitern und Bauern neigten dem Sozialismus zu und forderten die Vergesellschaftung von Fabriken und Bauernhöfen. Die verängstigten Landbesitzer und die Mittelklasse wandten sich den Fasci di combattimento (Kampfbünden) unter dem früheren Offizier Mussolini zu. Die Faschisten, wie sie bald genannt wurden, bezogen ihren Namen vom lateinischen Begriff fasces, Bündel von Birkenruten, die Einigkeit und Stärke symbolisierten.
Für Mussolini war die Demokratie gescheitert. Er erklärte Freiheit zu einer Illusion und verkündete, nur unter staatlicher Macht könnten Menschen wahrhaft frei sein und Klassenbewusstsein überwinden. Alles, was die nationale Einheit gefährde, sei eine Bedrohung, die notfalls mit Gewalt bekämpft werden müsse.
Schon bald gingen faschistische Kampfgruppen, die Schwarzhemden (camicie nere), brutal gegen ihre Gegner vor, vor allem gegen die Sozialisten. Im Oktober 1922 marschierten 50 000 Schwarzhemden auf Rom und übernahmen die Regierung. Mussolini wurde zum Ministerpräsidenten ernannt.
»Alles im Staat, nichts außerhalb des Staats, nichts gegen den Staat.«
Benito Mussolini
Italienischer Ministerpräsident
Der Marsch der faschistischen Schwarzhemden war das Vorbild für Hitlers gescheiterten Bierkeller-Putsch im November 1923 in München.
Die Sozialisten leisteten Widerstand, wurden aber rücksichtslos unterdrückt, und der Mord an ihrem Anführer Giacomo Matteoti 1924 erstickte jede Opposition im Keim. Mussolini rief den Einparteienstaat aus und erklärte sich zum obersten Führer Italiens; eine Position, die er bis zu seinem Sturz 1943 innehatte.
Er baute einen Führerkult auf und hielt emotionale Reden, bei denen die Menge »Glaubt, gehorcht, kämpft« und »Il Duce hat immer recht« skandieren musste. Die Nation stand an erster Stelle, und Mussolini würde sie zum Sieg führen. Um dieses Ziel zu erreichen, strukturierte er die Wirtschaft um und reorganisierte Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft in staatlich kontrollierten »Korporationen«. Wer sich ihm entgegenstellte, brachte sich in große Gefahr; es sollte jedoch bis in die 1930er-Jahre dauern, ehe der italienische Faschismus die antijüdische Rassenpolitik der deutschen Nationalsozialisten übernahm.
Um die Aufmerksamkeit von innenpolitischen Problemen abzulenken, vergrößerte Mussolini das Kolonialreich und marschierte 1935 in Abessinien (heute Äthiopien) ein. Im folgenden Jahr unterstützte er Francos Faschisten in Spanien und unterzeichnete 1936 einen Freundschaftsvertrag mit Hitler, der die Aufteilung Europas in deutsche und italienische Einflusssphären vorsah. Im Mai 1939 schlossen Hitler und Mussolini den Stahlpakt, ein militärisches und politisches Bündnis und ein wichtiger Schritt in ihren Kriegsvorbereitungen.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Deutsche Politik
FRÜHER
1919 In Berlin wird der kommunistische Spartakusaufstand von paramilitärischen Freikorps niedergeschlagen.
1920 Republikfeindliche Gruppen um den Politiker Wolfgang Kapp verüben in Berlin den Kapp-Putsch. Der Umsturz scheitert, und Kapp flieht ins Ausland.
1922 Im Vertrag von Rapallo verzichten Deutschland und die UdSSR auf Reparationsforderungen, weiten den Handel aus und vereinbaren die heimliche Ausbildung deutscher Soldaten in der Roten Armee.
SPÄTER
1933 Der Reichstagsbrand liefert der Hitler-Regierung den Vorwand für die Aushebelung des Parlaments.
1934 In der »Nacht der langen Messer« eliminiert Hitler Rivalen innerhalb und außerhalb der Partei.
1935 Die Gebietsansprüche der Nationalsozialisten werden deutlich, als Hitler die westlichen Gebiete des Saarlands, das seit 1920 von Frankreich verwaltet wird, zurückfordert.
1936 Im Spanischen Bürgerkrieg unterstützt Hitler Franco mit Flugzeugen und Panzern.
1940 Mit dem Dreimächtepakt werden Italien, Deutschland und Japan zu Verbündeten. Später kommt Ungarn dazu.
Im Jahr 1923 stürzte die Weimarer Republik in eine Krise, die über die nächsten zehn Jahre hinweg Hitler und den Nationalsozialisten zur Macht verhelfen sollte. Außenpolitisch waren die Beziehungen zu den Siegermächten des Ersten Weltkriegs über die Reparationszahlungen in die Brüche gegangen, während im Innern Zusammenstöße zwischen linken und rechten Extremisten die Gesellschaft erschütterten.
Die Alliierten hatten die Reparationen auf 132 Mrd. Goldmark festgesetzt. Der sozialdemokratische Reichspräsidenten Friedrich Ebert bemühte sich vergeblich um eine Verringerung der Reparationslast. Um die Schulden tilgen zu können, wurde immer mehr Geld für den Devisenankauf gedruckt, was direkt in die Hyperinflation führte. 1922 war das Land zahlungsunfähig.
Um die Erfüllung der Reparationsleistungen sicherzustellen, besetzten im Januar 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Die Weimarer Regierung ermutigte daraufhin die Arbeiterschaft, aktiven Widerstand zu leisten. Bei den Streiks und Demonstrationen kamen 130 deutsche Zivilisten ums Leben, und die Verbitterung im Land wuchs.
Mit der Hyperinflation gingen Unternehmen in Konkurs, und Menschen verhungerten. Binnen elf Monaten stieg der Preis für ein Brot von 250 auf 200 000 Mio. Mark. Im November 1923 war ein Dollar 4,2 Trillionen Reichsmark wert.
Der Rückhalt für die Weimarer Republik schwand in der Bevölkerung zugunsten links- und rechtsextremer Parteien. Zu Letzteren zählte auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die 1919 zunächst als Deutsche Arbeiterpartei in München gegründet worden war. Hitler, der als Informant der Reichswehr den Auftrag bekam, die neue Partei auszukundschaften, trat ihr stattdessen bei. 1920 verkündete er ihr 25-Punkte-Programm. Es forderte unter anderem die Aufkündigung des Versailler Vertrags, pochte auf das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen und lehnte die deutsche Staatsbürgerschaft für Juden ab.
Antisemitismus, brutale Straßenschlägereien und Einschüchterung waren von Anfang an Mittel der NSDAP. 1920 gründete Hitler die Sturmabteilung (SA), die wegen der Farbe ihrer Uniformen auch Braunhemden genannt wurde. Sie bestand aus ehemaligen Soldaten und Arbeitslosen, die Parteitreffen und Aufzüge bewachten und regelmäßig politische Gegner zusammenschlugen.
1923 hielt Hitler, inzwischen Parteivorsitzender, in ganz Bayern umstürzlerische Reden, in denen er die Berliner Regierung und ihre angeblichen Verbündeten – jüdische Bankiers und kommunistische Staatsfeinde – für die Notlage der Nation verantwortlich machte, und fand Tausende Zuhörer.
Die Nationalsozialisten waren eine militante Gruppierung und traten schon bei ihrem Parteitag 1923 in München, auf dem auch Hitler redete, mit Hakenkreuzfahnen und Armbinden auf.
Straßenkämpfe waren in 1920ern an der Tagesordnung. Hier stoßen 1927 der Rotfrontkämpferbund, der sich oft mit der SA prügelte, und die Berliner Polizei aufeinander.
In Fehleinschätzung seiner Stärke unternahm Hitler am 8. November einen Putschversuch. Mit Hunderten von teilweise schwer bewaffneten Braunhemden stürmte er einen Münchner Bierkeller, in dem der bayerische Regierungsbeamte Gustav von Kahr zu einer Rede erwartet wurde. Hitler wollte von Kahr dazu bewegen, nach Berlin zu marschieren und die Reichsregierung zu stürzen. Er konnte die Versammlung für sich einnehmen, aber am nächsten Tag stoppte die Polizei den Marsch der Putschisten an der Feldherrnhalle, wobei vier Polizisten und 16 Parteimitglieder starben. Hitler floh, wurde aber später festgenommen.
Der des Hochverrats beschuldigte Hitler verteidigte sich in stürmischen Reden, die ihm weitere Unterstützer eintrugen. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, aber schon nach zehn Monaten freigelassen. In der Haft schrieb er das Buch Mein Kampf.
Nach seiner Entlassung sorgte Hitler dafür, dass die getöteten Parteimitglieder als Märtyrer geehrt wurden. Eine mit ihrem Blut getränkte Fahne wurde zur Partei-Reliquie: Die »Blutfahne« wurde auf allen großen Versammlungen präsentiert.
Der Putschversuch hatte landesweite Aufmerksamkeit erregt, aber sein Scheitern führte bei Hitler zu der Einsicht, dass ein gewaltsamer Umsturz der falsche Weg war. Er beschloss, mithilfe des demokratischen Systems an die Macht zu gelangen.
Da er bis 1927 mit einem öffentlichen Redeverbot belegt war, richtete Hitler sein Hauptaugenmerk darauf, die NSDAP zu einer landesweiten Partei auszubauen. Um junge Leute zu gewinnen, schuf er den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund und den Deutschen Frauenorden (aus dem 1931 die Nationalsozialistische Frauenschaft wurde). Zur Ausweitung seiner politischen Einflussnahme ernannte er regionale Gauleiter. Gauleiter in Berlin wurde der Journalist Josef Goebbels, der jede Gelegenheit zur Agitation nutzte. Der Hitlergruß mit erhobenem rechten Arm wurde für alle Parteimitglieder verpflichtend.
Hitler reformierte auch seine Sicherheitskräfte. Er straffte die Organisation und die Disziplin in der SA und schuf die Schutzstaffel (SS) als persönliche Leibwache. 1930 gehörten ihr 3000 Mann unter der Führung des fanatischen Antisemiten Heinrich Himmler an.
»Entweder Sieg der arischen Seite oder ihre Vernichtung und Sieg des Juden.«
Adolf Hitler
12.4.1922
Ein Wahlplakat der NSDAP von 1932 zeigt die Massen (»das Volk«), die zum Hakenkreuz streben. Die »1« für Liste 1 steht auch für die Position, die die Nationalsozialisten im Land anstrebten.
Zwischen 1925 und 1929 wuchs die Mitgliederzahl der NSDAP von 25 000 auf 180 000 und sollte bald in die Millionen gehen. Ab 1927 hielt Hitler wieder öffentliche Reden und betrieb Wahlkampf. Im folgenden Jahr errang die Partei ihre ersten zwölf Sitze im Reichstag, während die Sozialdemokraten 153 Sitze gewannen und damit ihre Führung um 22 Sitze ausbauten.
Die folgenschweren Ereignisse im Jahr 1929 veränderten die politische Landschaft. Im Oktober brachen die Aktienkurse an der Wall Street ein, mit katastrophalen Folgen auch für Deutschland. Ohne amerikanische Kredite kollabierte die Industrie. Die Arbeitslosigkeit stieg innerhalb von einem Jahr auf 1 Mio. Bis 1934 waren es 6 Mio. Arbeitslose.
Gegen den Willen des Reichstags setzte Reichspräsident Paul von Hindenburg im Juli 1930 per Notverordnung die von Kanzler Heinrich Brüning vorgeschlagenen Kürzungen der Staatsausgaben, einschließlich der Löhne und des Arbeitslosengelds, durch. Der Reichstag lehnte die Verordnung ab, und es kam zu Neuwahlen.
Das Vertrauen in die Weimarer Republik schwand, und die Deutschen wandten sich extremistischen Parteien zu. Hitler nutzte die Gelegenheit, sich mit antisemitischer und antikommunistischer Propaganda als möglicher Retter des deutschen Volks zu präsentieren. Bei den Wahlen im September 1930 erlitten die demokratischen Parteien hohe Verluste, und die NSDAP gewann 107 Sitze, nur 36 weniger als die Sozialdemokraten und 30 mehr als die Kommunistische Partei. Mächtige Industrielle waren bereit, Hitler zu unterstützen, aus Sorge, dass weitere Zugewinne der Kommunisten sie ihren Reichtum kosten könnten.
In dem Irrglauben, Hitler steuern zu können, ging der Medienmogul und Führer der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Alfred Hugenberg, eine Verbindung mit den Nationalsozialisten ein. Gemeinsam bildeten sie 1931 die Harzburger Front, um die Regierung Brüning zu stürzen. Hitler und Goebbels nutzten die Reichweite von Hugenbergs Zeitungsimperium aus, aber die beiden Parteien bildeten keine geschlossene Front.
Im Februar 1932 nahm der Österreicher Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft an, um bei der Reichspräsidentenwahl im März als Herausforderer von Amtsinhaber Paul von Hindenburg anzutreten.
In den folgenden Monaten stürzte die Regierung ins Chaos. Im Mai entließ Hindenburg Reichskanzler Brüning, und dessen Nachfolger Franz von Papen hob das zwischenzeitliche Verbot der SA auf, um sich von der NSDAP unterstützen zu lassen. Die NSDAP profitierte von der Einschüchterung der Wähler durch die SA und vom Zerfall des politischen Systems. Bei den Reichstagswahlen im Juli wurde sie mit 230 der 608 Sitze stärkste Partei. Das Amt des Vizekanzlers lehnte Hitler ab. Im Januar 1933 ernannte Hindenburg ihn zum Reichskanzler. Der Weg zur Machtübernahme war frei.
Hitlers Herkunft
Der 1889 in Braunau in Österreich geborene Adolf Hitler war in der Schule und später als Maler in Wien wenig erfolgreich. Er wurde für den Kriegsdienst untauglich geschrieben, nahm aber als Freiwilliger in einem bayerischen Regiment am Ersten Weltkrieg teil. Hier fand er Disziplin und eine Bestimmung und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
1919 trat Hitler der Deutschen Arbeiterpartei (ab 1920 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) bei und war dort für Propaganda zuständig. Sein rhetorisches Talent trugen der NSDAP Anhänger in allen Schichten ein, von kommunistenhassenden Industriellen bis zu den vielen Enttäuschten, die einen Sündenbock für die Misere des Landes suchten. Hitlers Charisma brachte ihm auch die Gefolgschaft anderer Parteimitglieder wie Joseph Goebbels und Rudolf Hess ein.
Sein unerschütterlicher Glaube an sich selbst als Retter des deutschen Volks und die rücksichtslose Verfolgung seiner Ziele endeten in den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und in seinem Suizid 1945 in Berlin.
Mein Kampf
Adolf Hitlers in zwei Bänden 1925 und 1927 erschienenes Buch Mein Kampf ist ein düsteres Manifest. Der erste Band, den er 1924 in der Haft schrieb, erzählt von seiner Jugend, seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, und er spricht vom »Betrug an den Deutschen« in Versailles, für den er die Weimarer Regierung, die »parasitischen« Juden und die Marxisten verantwortlich macht. Hitler beschreibt darin die Arier als Herrenrasse, die in den slawischen und russischen Ländern den ihr zustehenden Lebensraum finden soll. Der zweite Band stellt die Entwicklung der NSDAP dar und erörtert, wie diese die Macht übernehmen und notfalls mit Gewalt behalten soll.
Die nationalistische, antikommunistische und rassistische Demagogie traf den Nerv der deutschen Eliten und des Volks. Bis 1939 wurde es in elf Sprachen übersetzt und erreichte eine Auflage von 5 Mio. Exemplaren.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Totalitäre Herrschaft
FRÜHER
1923 Der Bierkeller-Putsch bringt Hitler öffentliche Aufmerksamkeit.
1928 Die Nationalsozialisten ziehen in den Reichstag ein.
1931 In Deutschland und Österreich brechen infolge der Weltwirtschaftskrise Banken zusammen.
SPÄTER
1938 Hitler annektiert Österreich. Der »Anschluss« wird per Volksabstimmung abgesegnet.
1939 Deutschland überfällt Polen. Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Im Jahr 1932 befand sich die Weimarer Regierung in Auflösung, und Deutschland steckte in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die NSDAP verzeichnete Zuwächse in allen Bevölkerungsschichten und war jetzt die stärkste Partei im Reichstag. Als Reichskanzler Franz von Papen zum Rücktritt gezwungen wurde, entschied sich Reichspräsident Hindenburg trotzdem dagegen, dieses Amt Hitler anzutragen, dem er misstraute und den er verachtete. Stattdessen fiel seine Wahl auf seinen engen Vertrauten Kurt von Schleicher.
Von Schleicher warb vergeblich um die Unterstützung der Nationalsozialisten für seine Regierung und musste Ende Januar 1933 wieder zurücktreten. Die größte Leistung seiner kurzen Amtszeit war die Erweiterung des Programms zum Ausbau von Straßen, Kanälen und Schienen, das später oft fälschlicherweise Hitler zugeschrieben wurde.
Am 30. Januar 1933 ließ sich Hindenburg schließlich dazu überreden, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. NSDAP-Anhänger zogen im Triumph durch die Straßen von Berlin.
Am 27. Februar brannte der Reichstag. Der niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe wurde als Rädelsführer einer behaupteten kommunistischen Verschwörung verhaftet. Ein Gericht urteilte später, dass er als Einzeltäter gehandelt habe, aber die Nationalsozialisten nutzten den Vorfall als Vorwand, um endgültige die Macht zu ergreifen.
»In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.«
Franz von Papen, Januar 1933
Vizekanzler (1933/34)
Einige Wochen zuvor hatte Hitlers Kabinett bereits per Dekret die Presse- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Am Tag nach dem Brand erließ das Kabinett die Verordnung zum Schutz von Volk und Staat und erklärte den Notstand. Die Kommunistische Partei wurde aus dem Reichstag ausgeschlossen, und die Schutzstaffel (SS) trieb Tausende von Gegnern der Nationalsozialisten zusammen und internierte sie in den ersten Konzentrationslagern wie Dachau bei München.
Am 23. März 1933, 14 Tage nach einer weiteren Reichstagswahl, bei der die NSDAP erneut die absolute Mehrheit verfehlte, peitschte Hitler das Ermächtigungsgesetz durch den Reichstag. Es bevollmächtigte Kabinett und Reichskanzler, Gesetze ohne parlamentarische Beratung zu erlassen und durchzusetzen. Noch zwei Monate zuvor hatte die Frankfurter Zeitung geschrieben, dass die Vielfalt der deutschen Demokratie zu stark für eine Diktatur sei. Auch die Jüdische Rundschau war überzeugt, dass das Land sich auf jeden Fall »einer barbarischen antijüdischen Politik« widersetzen würde. Beide hatten sich geirrt, und die Weimarer Demokratie war faktisch gescheitert.
Der Reichstagsbrand brach gegen 21 Uhr aus und zerstörte die Glaskuppel und den Sitzungssaal. Augenzeugen berichteten, sie hätten vor dem Brand Glas bersten gehört. Kurz darauf wurde Marinus van der Lubbe verhaftet.
Am 10. Mai 1933 verbrennen Studenten Tausende von »undeutschen« Büchern, die nicht zur NS-Ideologie passten. Es war der Auftakt zu einer strengen Kunstzensur.
Am 1. April 1933 rief die NSDAP zu einem landesweiten Boykott jüdischer Geschäfte auf, um die Juden, die schon lange als Sündenbock für die Wirtschaftskrise herhalten mussten, weiter zu dämonisieren. Uniformierte Schergen bedrängten Kunden vor jüdischen Geschäften und hinderten sie am Betreten. Die jüdischen Unternehmen, die diese Schikanen überstanden, wurden häufig von Nationalsozialisten für einen Preis aufgekauft, der weit unter ihrem tatsächlichen Wert lag.
Am 7. April erließ das Regime das Berufsbeamtengesetz, das Nichtarier aus dem öffentlichen Dienst drängte. Dazu zählten alle jüdischen und nichtarischen Lehrer, Professoren und Angehörigen der Judikative, mit wenigen Ausnahmen für lang gediente Beamte und Angehörige von Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Ziel der Säuberungen war der schnelle Umbau der deutschen Gesellschaft in Übereinstimmung mit den politischen Zielen der Nationalsozialisten und ihrer antisemitischen Ideologie.
Mit dem Reichskonkordat von 1933 sicherte sich Hitler die Unterstützung der katholischen Kirche. Er sagte zu, sich nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen, solange sie sich seiner Politik nicht widersetzte. NS-Leitsätze wie »Kinder, Küche, Kirche«, die verheiratete Frauen aufforderten, nicht berufstätig zu sein und viele Kinder zu gebären, deckten sich mit den Vorstellungen der Kirche von Mutterschaft.
Im Juli 1933 verbot Hitler alle anderen Parteien. Ohne Opposition stimmten 92 Prozent der Wähler im November für die Nationalsozialisten. In nur sieben Monaten war aus einer Demokratie ein totalitärer Staat geworden.
Anfang 1934 schlug Ernst Röhm, der Führer der paramilitärischen Sturmabteilung (SA), in der 2 Mio. Braunhemden organisiert waren, der NSDAP vor, seine Truppen in die Wehrmacht einzugliedern, die Hitler unter Verletzung des Versailler Vertrags heimlich als Ersatz für die Reichswehr aufbaute. Hitler misstraute Röhms Ehrgeiz, und er wollte die Generäle der Reichswehr nicht brüskieren, deren Unterstützung er benötigte und die eine Integration der SA ablehnten. Unter dem Vorwand, Röhm plane eine Verschwörung, ließ er ihn am 30. Juni 1934 verhaften und erschießen. Noch in derselben Nacht ließ er Dutzende weitere SA-Angehörige und andere unerwünschte Personen durch SS und Gestapo (Geheime Staatspolizei) ermorden, darunter auch den ehemaligen Reichskanzler von Schleicher. Diese »Nacht der langen Messer« wurde in der Öffentlichkeit als unvermeidliche antirevolutionäre Maßnahme gerechtfertigt.
»Sie [die Regierung] wird an Stelle turbulenter Instinkte wieder die nationale Disziplin zum Regenten unseres Lebens erheben.«
Regierungsproklamation
1. Februar 1933
Eine der Hauptaufgaben der Gestapo war das Aufspüren und die Verhaftung von politischen Gegnern der Nationalsozialisten. Sie war ein Jahr zuvor von Hermann Göring aus Teilen der Preußischen Geheimpolizei gebildet worden und entwickelte sich zu einer landesweit tätigen Geheimpolizei. Mithilfe von Spitzeln und Spionen spürte sie anfangs vor allem politische Gegner, später aber auch Juden, Roma und Homosexuelle auf, die sie größtenteils in Arbeitsund Konzentrationslager sperrte.
Im August fiel für Hitler mit dem Tod Hindenburgs die letzte Hürde auf dem Weg zur uneingeschränkten Macht. Er fasste die Ämter von Reichspräsident und Kanzler in seiner Person zusammen, nannte sich selbst »Führer«. Sein Ziel war Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne. Die Innenpolitik überließ er treuen Gefolgsleuten, deren Befugnisse sich aber bewusst überschnitten, damit er ihre Ambitionen im Zaum halten konnte. Die Kommunalregierungen wurden von NS-Funktionären geleitet, Gewerkschaften waren verboten, und Sondergerichte schalteten auch in der Judikative jede Opposition aus.
Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht wurde 1934 zum Reichswirtschaftsminister ernannt und erhöhte die Staatsausgaben, um gewaltige Infrastrukturprogramme zum Bau von Häusern, Autobahnen und Wasserwegen zu finanzieren. Dadurch sanken die Arbeitslosenzahlen, die aber nicht die aus ihren Ämtern im öffentlichen Dienst gedrängten Juden berücksichtigten, die 1935 durch die Nürnberger Gesetze ihre Bürgerrechte verloren.
Patriotische Propaganda, besonders an Reichsparteitagen, unterzog die Bevölkerung einer Gehirnwäsche. Jüdische und andere »undeutsche« Einflüsse wurden aus den Künsten getilgt, die nun Patriotismus, militärische Stärke und Deutschlands physische Kraft betonten.
Angesichts einer sich erholenden Wirtschaft konnte der »Führer« sich nun der Außenpolitik und seinen aggressiven Expansionsplänen widmen.
Der deutsche Gruß im Reichstag demonstriert die einmütige Unterstützung Hitlers (vordere Tischreihe, ganz rechts) nach einer Rede, in der er die Morde an »Staatsfeinden« rechtfertigte.
Die Propagandamaschine der Nazis
Die Manipulation von Informationen war der Schlüssel zum politischen Erfolg der Nationalsozialisten. Verantwortlich für die Parteipropaganda war ab 1928 der rhetorisch geschulte Joseph Goebbels. Goebbels schuf einprägsame Parolen und baute mit am Führerkult um Adolf Hitler. Das Hakenkreuz, ein altes Glückssymbol, wurde in den Dienst der Legende von der arischen Abstammung gestellt. Goebbels nutzte sämtliche Medien, Massenaufmärsche und gesellschaftliche Ereignisse zur Verbreitung von Propaganda. Zu einer Zeit, in der die Deutschen keine anderen Informationsquellen hatten, gewann er damit blinde Loyalität. Von Hitlers Vertrautem Albert Speer stammt die zynische Bemerkung, ein Merkmal des Dritten Reichs sei seine Fähigkeit, Kommunikation zu nutzen und seinen Untertanen die Macht des eigenständigen Denkens zu nehmen.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Bedrohte Demokratie
FRÜHER
1799 Napoleon übernimmt in Frankreich die Macht.
1871 Otto von Bismarck wird der erste Reichskanzler des Deutschen Reichs.
1919 Der Versailler Vertrag beschneidet das Staatsgebiet und die Stellung Deutschlands.
1922 Mussolini wird Ministerpräsident in Italien.
SPÄTER
1974 Georgios Papadopoulos’ Militärjunta, die Griechenland sieben Jahre lang regiert, kollabiert im Zuge der türkischen Invasion auf Zypern.
1980 Mit Josip Titos Tod endet die Diktatur in Jugoslawien.
1989 In Rumänien wird der Diktator Nicolae Ceaușescu von einem Erschießungskommando hingerichtet.
Auch wenn die Diktaturen Hitlers und Mussolinis herausragen, war in den 1920er- und 1930er-Jahren der Faschismus auch anderswo in Europa allgegenwärtig. Viele europäische Länder fielen in die Hände faschistischer Diktatoren.
Am stärksten betroffen waren Ost- und Mitteleuropa, jene Region, die zwischen Stalins kommunistischem Russland auf der einen Seite und den kapitalistischen Westmächten auf der anderen eingezwängt lag. Aber auch in Großbritannien, Frankreich und den USA fanden faschistische Ideen großen Zulauf, zumal unter den Veteranen des Ersten Weltkriegs, die sich an Befehlsgewalt gewöhnt hatten, viele waren, die sich auch in Friedenszeiten zu autoritären Machtstrukturen hingezogen fühlten.
Ein Teil der Anziehungskraft des Faschismus war seine klare Haltung gegenüber dem Kommunismus, den vor allem die Vermögenden für eine Bedrohung hielten. In jedem Land gab es kommunistische Gruppierungen, und der Export der Ideologie war ein zentrales Anliegen des russischen Kommunismus.
Hinzu kam die Ernüchterung darüber, dass die Demokratie das Grauen des Ersten Weltkriegs, der zudem zwischen demokratischen Staaten geführt worden war, nicht hatte verhindern können. Ebenso wenig die Entwicklungen, die zur Weltwirtschaftskrise führten und vor allem Menschen am unteren Ende der Einkommensskala in große Not stürzten. In dieser Situation überrascht es kaum, dass viele Menschen einer Ideologie den Vorzug gaben, die klares Handeln und schnelle Lösungen versprach. Die Demokratie sei gut gemeint, so sagten die Faschisten, aber sie sei zu langsam und könne außerdem die Ausbeutung der Armen durch die Reichen nicht aufhalten.
Mit dem Zusammenbruch der Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn waren nationale Identitäten unsicher geworden, und die Menschen fühlten sich verwundbar. Nationalismus und Rassismus lieferten starke Parolen und eine Bestätigung der eigenen Identität. Es gab aber auch subtilere Aspekte. Die Faschisten hoben Individualismus und Instinkt über Wissenschaft und Vernunft. Sie versprachen all jenen, die sich von der modernen Welt überfordert fühlten, eine Rückkehr zu traditionellen Werten. Und sie stifteten neue Sinnhaftigkeit für Millionen von Soldaten, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs Kameradschaft und Zielstrebigkeit erfahren hatten und nach der Rückkehr Schwierigkeiten mit der Wiedereingliederung in das Zivilleben hatten.
Die Weltwirtschaftskrise der 1930er traf die Europäer hart, deren Gedanken offen für die schnellen Lösungen waren, die Nationalismus und Faschismus versprachen.
In den meisten Ländern waren die Faschisten in der Minderheit, aber sie agierten rücksichtslos und entschlossen, und ihre Gegner waren oft hoffnungslos zerstritten. Land um Land fiel in die Hände autokratischer Herrscher. Mussolini machte in Italien den Anfang, 1923 gefolgt von Miguel Primo de Rivera in Spanien. Der autoritäre Nationalist de Rivera betrachtete es als seine Mission, Spanien vor der alten Politikergarde zu retten und den Weg für die »reinen« Patrioten zu ebnen. Er löste das Parlament auf, deportierte Dissidenten auf die Kanaren und schlug katalonische Autonomiebestrebungen brutal nieder.
Im benachbarten Portugal putschte das Militär 1926, und António de Oliveira Salazar wurde nach Wahlen 1932 Ministerpräsident eines Einparteienstaats. Historiker sind sich uneins, ob er Faschist oder Autokrat war, aber seine Machtergreifung passt ins zeitgenössische Muster der Machtübernahmen von rechts.
Im selben Jahr, in dem Salazar an die Macht kam, beschloss ein weiterer Offizier, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In Polen marschierte Marschall Jósef Piłsudski an der Spitze einer Armee nach Warschau und forderte eine starke Regierung. In einer Wahl gewann er das erforderliche Mandat, lehnte das Amt des Präsidenten jedoch ab, weil es ihm zu wenig Macht gab. Fünf Monate später ernannte er sich selbst zum Ministerpräsidenten und regierte neun Jahre lang als Diktator. Währenddessen stürzte ein Militärputsch die Regierung in Litauen und brachte die Litauische Nationalpartei unter Antanas Smetona an die Macht. Unter dem Vorwand einer bolschewistischen Verschwörung ließ Smetona 350 Kommunisten verhaften. Beweise wurden nie vorgelegt, aber Smetona verbot 14 Jahre lang alle anderen Parteien, bis die Sowjetunion unter dem Vorwand einmarschierte, Litauen vom Faschismus zu befreien. In Lettland überstand die Demokratie eine ähnliche Krise nur knapp.
António de Oliveira Salazars Diktatur in Portugal war typisch für die Verbindung von autoritärer Herrschaft und militärischer Stärke, die in den 1920ern und 1930ern in Europa vorherrschte.
Zwei Jahre später erfassten Faschismus und Nationalismus auch Mitteleuropa. Im 1918 gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das seit 1921 vom serbischen König Alexander I. regiert wurde, herrschten nationale und ethnische Rivalitäten. Die Feindseligkeiten zwischen Serben und Kroaten eskalierten 1928 mit der Ermordung des kroatischen Oppositionspolitikers Stjepan Radić mitten in einer hitzigen Parlamentsdebatte. Während das Land im Chaos versank, erklärte sich König Alexander I. am 6. Januar 1929 zum Alleinherrscher. Während seiner Königsdiktatur erklärte er Nationalitäten für bedeutungslos, teilte das Land in neun Regionen auf und benannte es in Königreich Jugoslawien um. Der Name blieb bis in die 1990er-Jahre erhalten.
Im Süden schwankte das demokratische Griechenland zwischen Diktatur, Republikanismus und Monarchie, bis es 1936 unter General Ioannis Metaxas endgültig zum totalitären Staat wurde.
Um der darniederliegenden Wirtschaft zu helfen, setzte der österreichische Bundeskanzler Johann Schober sich erfolgreich für reduzierte Reparationszahlungen an die Tschechoslowakei und Jugoslawien ein. Kurz darauf übernahm 1930 die Heimwehr – eine rechtsgerichtete Miliz ähnlich der SA – die Regierung und unterdrückte jegliche Opposition. In den Novemberwahlen dieses Jahres lehnten die österreichischen Wähler die Heimwehr entschieden ab und stimmten für die Sozialisten, aber das sollte nur eine kurze Atempause für die Demokratie sein. Als Hitler in Deutschland an die Macht kam, wuchs der Einfluss der Nationalsozialisten auch in Österreich. Ab Sommer wehte die einst verbotene Hakenkreuzfahne ungehindert über Wien, und Nazi-Sympathisanten marschierten durch die Straßen. 1938 erfolgte der »Anschluss« Österreichs an Deutschland.
Der Faschisten-Gruß, der angeblich auf den römischen Gruß zurückgeht, wurde von rechtsextremen Parteien in ganz Europa übernommen, wie hier 1938 in Rumänien.
»Faschismus, Nazismus und Stalinismus … bilden den Höhepunkt der Entfremdung.«
Erich Fromm
Deutschstämmiger Philosoph
Unterdessen gewannen antisemitische Ansichten auch in Ungarn und Rumänien an Popularität. In Rumänien gründete der Politiker Corneliu Codreanu die Eiserne Garde. Sie war zwar 1930 noch eine Minderheitspartei, aber ihre Brutalität gegenüber Juden war extrem. Mitte der 1930er-Jahre schloss sie sich mit anderen ultrarechten Parteien zusammen und forderte die Eliminierung von Juden, Ungarn und Kommunisten aus dem öffentlichen Leben.
In Großbritannien gründete Oswald Mosley mit Unterstützung des Pressebarons Lord Rothermere die British Union of Fascists und deren uniformierte Truppe, die Blackshirts. Im Establishment waren Sympathien für den Faschismus und Bewunderung für Hitler verbreitet, aber die breite Öffentlichkeit widersetzte sich heftig. Im Oktober 1936 stießen antifaschistische Demonstranten – Gewerkschaftler, Kommunisten, Anarchisten, Juden, irische Dockarbeiter und Sozialisten – bei einem Faschistenmarsch in London mit der Polizei zusammen. Die Schlacht in der Cable Street gilt als Niederlage des britischen Faschismus. Kurz darauf wurde auch das Tragen von politischen Uniformen in der Öffentlichkeit verboten.
Der Faschismus war nur eine Seite extremistischer Politik in den Zwischenkriegsjahren. In Russland errichtete Josef Stalin ein kommunistisches System, das ebenso totalitär war wie das Hitlers. Mithilfe der Geheimpolizei Tscheka und des Geheimdienstes NKWD schaltete er nicht nur viele seine Gegner aus, indem er sie inhaftieren, exekutieren oder ermorden ließ, sondern etablierte auch eines der grausamsten Unterdrückungssysteme in der Geschichte.
Die Rote Armee paradiert am 1. Mai 1938 über den Roten Platz in Moskau und demonstriert die in Europa so gefürchtete Stärke des Kommunismus.
1929 begann Stalin mit der Entkulakisierung, einem Programm zur Enteignung wohlhabender »Kulaken« (Bauern), um auf ihrem Land Staatsgüter zu errichten. Nach der Enteignung wurden die Kulaken von der Geheimpolizei erschossen oder inhaftiert, nach Sibirien, in den Ural oder nach Kasachstan deportiert oder in Arbeitskolonien auf ihrem eigenen Land eingesperrt. Die Maßnahmen werden heute als Völkermord eingestuft – mehr als 5 Mio. Russen kamen vermutlich ums Leben.
Als Ende der 1930er-Jahre der Krieg drohte, hing die Demokratie weltweit am seidenen Faden, herausgefordert von Faschismus, Kommunismus und anderen extremistischen Ideologien.
Charles Lindbergh
Der US-amerikanische Volksheld Charles Lindbergh (1902–1974) erlangte 1927 mit dem ersten Nonstop-Alleinflug von New York über den Atlantik nach Paris Berühmtheit. Als fünf Jahre später sein zweijähriger Sohn entführt und ermordet wurde, bekam diese Popularität einen tragische Zug.
1938 reiste Lindbergh im Auftrag der US-Regierung zur Begutachtung der deutschen Luftflotte nach Deutschland und wurde zu einem Anhänger des Nationalsozialismus. Nur wenige Wochen vor den Novemberpogromen verlieh ihm Hermann Göring einen Orden, und Lindbergh wurde zu einem Apologeten Adolf Hitlers, der nach seinen Worten »Erfolge (im Guten und im Schlechten) erzielte, die ohne einen gewissen Fanatismus kaum möglich sind«.
Lindbergh war ein überzeugter Antisemit. 1941 sprach er sich vehement gegen das amerikanische Leih- und Pachtgesetz aus. Für ihn waren die Juden schuld am Krieg, in ihrem Reichtum und Einfluss auf Filmindustrie, Presse, Rundfunk und Regierung sah er die größte Gefahr für die USA.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Totalitarismus
FRÜHER
1922 Mussolini kommt an die Macht. Er beschreibt den faschistischen Staat als totalitario – d. h., individuelle Freiheit ist dem Staat in jeder Hinsicht untergeordnet.
1923–1930 Unterstützt von König und Militär wird General Miguel Primo de Rivera zum ersten Diktator Spaniens.
1928 In der UdSSR verstaatlicht Stalin im Rahmen des ersten Fünfjahresplans Landwirtschaft und Industrie.
SPÄTER
1975 Franco stirbt. Auf ihn folgt König Juan Carlos I., der Spanien in die Demokratie führt.
1989 Der Fall der Berliner Mauer läutet den Zusammenbruch des Totalitarismus in Osteuropa ein.
Als am 18. Juli 1936 rechtsgerichtete Militärs gegen die republikanische Regierung putschten – eine zur Frente Popular (Volksfront) zusammengeschlossene linke Koalition –, war das der Auftakt zum Spanischen Bürgerkrieg. General Francisco Franco rief in einer Radioansprache alle Offiziere auf, sich der »nationalistischen« Revolution anzuschließen. Von Marokko aus eroberten die Nationalisten schnell den größten Teil Nordspaniens und einige Städte im Süden, darunter Sevilla. Franco stellte den Staatsstreich als Kampf gegen den Kommunismus dar.
1931 hatte eine große Mehrheit der Bevölkerung bei Wahlen für die Abschaffung der Monarchie und die Gründung einer liberalen Republik gestimmt, aber die linke Regierung geriet schon bald in Schwierigkeiten. Ihre ambitionierten Reformen verprellten nicht nur die Elite, die den Kommunismus fürchtete, sondern auch die konservative Landbevölkerung, die die Angriffe auf die katholische Kirche ablehnte. Später machte die Weltwirtschaftskrise die Reformen unbezahlbar.
Freiwillige eilen 1936 der Republik zu Hilfe. In den Milizen kämpften mehr als 1000 Frauen, Tausende weitere unterstützten den Kampf.
Die Neuwahlen 1933 brachten eine rechte Regierung an die Macht. Franco wurde 1935 zum Generalstabschef des Heeres ernannt, nachdem er einen Aufstand der Anarchisten im Norden niedergeschlagen hatte. 1936 war die Frente Popular seit fünf Monaten wieder an der Regierung, als es zum Militärputsch kam.
Franco vereinte die verschiedenen Rechtsparteien unter dem Dach der faschistischen Falange und erhielt militärische Unterstützung von Mussolini und Hitler, der ihm den Luftwaffenverband Legion Condor zur Verfügung stellte. Während sich die Nationalisten vereinigten und gemeinsam vorrückten, zersplitterten die Republikaner in verschiedene (liberale, kommunistische, anarchistische) Fraktionen, die sich gegenseitig bekämpften. In Barcelona riefen anarchistische Arbeiter sogar ihre eigene Revolution aus und verwandelten das Hotel Ritz in eine Arbeiterkantine.
Die Republikaner wurden von der Sowjetunion mit Waffen unterstützt, und Tausende idealistische Ausländer aus aller Welt schlossen sich den Internationalen Brigaden aufseiten der Republikaner an, darunter auch der Schriftsteller George Orwell. Andere, wie der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway, lieferten als Kriegsreporter eindrucksvolle Augenzeugenberichte.
Hunderttausende Zivilisten starben im Bürgerkrieg bei Exekutionen und Bombenangriffen, unter anderem auch durch die Flächenbombardements der Legion Condor. Als Pablo Picasso ein Werk für die Pariser Weltausstellung von 1937 schaffen sollte, malte er Guernica im Gedenken an die baskische Stadt, die 1937 beim ersten Bombenangriff auf Zivilisten in Europa zerstört worden war.
Madrid hielt anfangs den Angriffen der Nationalisten mithilfe der Internationalen Brigaden stand. Doch nach 28-monatiger Belagerung seit Oktober 1936 war die Stadt ohne Heizung, ausgehungert und schutzlos. Am 28. März 1939 marschierten rund 200 000 Nationalisten ein. Die Regierung war nach Frankreich geflohen, aber Tausende in der Stadt verbliebene Republikaner wurden hingerichtet. Franco wurde zum Caudillo de España (Führer von Spanien) und regierte 36 Jahre lang.
»Wir streben eine vereinte nationale Front an … gegen Moskau und die marxistischen Gesellschaften.«
Francisco Franco
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Gespaltenes China
FRÜHER
1899 Ziel des Boxeraufstands ist die Zurückdrängung ausländischer Einflüsse in China.
1912 Ein Aufstand zwingt den letzten Kaiser, Pu-Yi, zur Abdankung. Sun Yat-sen wird Präsident der Republik China, muss aber das Amt an General Yuan Shikai abtreten.
SPÄTER
1949 Chiang Kai-shek wird ins Exil auf Taiwan gezwungen, und Mao Zedong wird Präsident der kommunistischen Volksrepublik China.
1966–1976 Maos Kulturrevolution bekämpft Konterrevolutionäre und zwingt Kapitalisten und Intellektuelle zu körperlicher Arbeit.
1976 Mao Zedong stirbt.
Nach der Abdankung des letzten Kaisers, Pu-Yi, 1912 war China zwischen den Republikanern um Sun Yat-sen und die Koumintang (KMT, Nationale Volkspartei Chinas) und der Militärfraktion unter General Yuan Shikai gespalten. Diese Schwäche sowie den Umstand, dass die westliche Welt vom Ersten Weltkrieg absorbiert war, nutzten die Japaner aus, um China praktisch zu einem Protektorat zu machen.
Als 1919 die Pariser Friedenskonferenz die Welt neu ordnete, hofften viele junge Chinesen, der Westen würde Japan zwingen, China aufzugeben. Stattdessen schlossen Frankreich und die USA Abkommen mit Japan und stellten ihre Unterstützung für China ein. Am 4. Mai 1919 demonstrierten in Peking 3000 Studenten gegen diese als Verrat empfundene Politik. Die Behörden schlugen den Protest nieder und lösten damit eine Protestwelle im ganzen Land aus.
»Wenn der Imperialismus nicht aus dem Land verbannt wird, geht China als Nation unter.«
Chiang Kai-shek
Ermutigt durch die Russische Revolution, gründeten 1921 einige junge Demonstranten – unter ihnen Mao Zedong und Zhou Enlai – die Kommunistische Partei Chinas (KPCh). Doch bevor es zu einer Erhebung der Massen kommen konnte, musste die KPCh die Warlords im Norden es Landes bekämpfen, die seit dem Tod von General Yuan 1916 eigenmächtig regierten. Dazu schloss sie sich mit Sun und der Kuomintang zusammen. Als Sun 1925 starb, übernahm sein Schwager Chiang Kai-shek die Führung der KMT.
1928 waren die Warlords beseitigt, und Chiang wurde Präsident der Republik China. Dieses Amt behielt er bis an sein Lebensende 1975, auch, als er 1949 ins Exil nach Taiwan ging. Zwischen der KPCh und Chiang gab es von Anfang an Konflikte. Die KPCh betrachtete die KMT als elitär. Noch vor Chiangs Amtsantritt schlugen dessen Truppen 1927 einen Arbeiterstreik brutal nieder, wobei 5000 Arbeiter und Kommunisten ums Leben kamen. Mao überlebte das Shanghai-Massaker und zog sich mit Parteigenossen aufs Land zurück. Die Bauern waren für ihn der Schlüssel zur Revolution. In der Provinz Jiangxi im Osten des Landes baute er die Rote Armee auf und führte aus dem Schutz der Berge heraus Guerillaangriffe durch.
1934 kesselten die Truppen der Kuomintang die unterbewaffnete Rote Armee im Jinggang-Shan-Gebirge ein. Diese durchbrach die Linien der KMT und machte sich auf einen 9500 Kilometer langen Marsch durch die Berge, der später als der »Lange Marsch« bezeichnet wurde. Als sie ein Jahr später die Provinz Shaanxi in der Mitte des Landes erreichte, hatte die Rote Armee durch Kälte, Hunger und Fahnenflucht drei Viertel ihrer ursprünglichen Stärke verloren. Die gewaltige Leistung trug der KPCh allerdings den Respekt vieler Chinesen ein und machte Mao zum unangefochtenen Anführer der Kommunisten.
Mao Zedong (rechts) und Angehörige der Roten Armee auf dem Langen Marsch. Rund 80000 Kommunisten marschierten 368 Tage lang nach Shaanxi.
1937 nutzte Japan die Uneinigkeit der Chinesen erneut aus und griff im Juli Peking an. Chiang beharrte darauf, dass der Kampf gegen die KPCh seine oberste Priorität sei, aber seine Untergebenen zwangen ihn, eine Einheitsfront mit den Kommunisten gegen die Japaner zu bilden, die jedoch schnell den Osten des Landes eroberten und die vereinte Abwehr überrannten.
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Japans Expansion
FRÜHER
1895 Japan besiegt im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg China.
1904/05 Japan siegt über Russland – zum ersten Mal in der Neuzeit besiegt eine asiatische Macht eine europäische.
1919 Auf der Pariser Friedenskonferenz legen die USA ein Veto gegen Japans »Vorschlag zur Rassengleichheit« ein.
1933 Die japanische Besetzung der Mandschurei wird vom Völkerbund als Aggression verurteilt. Japan verlässt den Völkerbund.
SPÄTER
Juli 1941 Vichy-Frankreich erlaubt die Besetzung Indochinas durch Japan.
7. Dezember 1941 Japan greift den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor an und stößt nach Südostasien vor.
Im 19. Jh. übernahm Japan westliche Technologie und Militärstrukturen, bewahrte aber Traditionen wie den Kaiserkult und das Kriegerethos der Samurai. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs war Japan eine dominierende Regionalmacht, die über Korea und Formosa (Taiwan) herrschte. Doch japanische Nationalisten gaben sich mit einer untergeordneten Stellung in einer von Weißen beherrschten Welt nicht zufrieden. Sie träumten von einem asiatischen Reich, das dem Westen ebenbürtig war. Die chaotischen Zustände in China boten Gelegenheit zum Handeln.
1931 kam es in der mandschurischen Stadt Mukden zu einem angeblich von Chinesen verübten Sprengstoffanschlag auf eine durch das Land führende japanische Bahnlinie. Als Reaktion auf den »Mukden-Zwischenfall« besetzten die Japaner die Mandschurei.
Die Besetzung wurde nicht etwa von der japanische Regierung, sondern durch nationalistische Offiziere angeordnet, die in den 1930er-Jahren in Tokio eine Reihe von Attentaten und Putschversuche verübten, um den Widerstand in der Bevölkerung gegen eine Expansion zu brechen.
»… ich musste so viele Leichen in den letzten Wochen sehen, dass ich meine Nerven unter Kontrolle halten muss, wenn man diese schrecklichen Fälle mit ansieht. … Ein Mann kann nicht über diese Art der Grausamkeiten schweigen!«
John Rabe
Augenzeuge des Nanjing-Massakers
