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Humboldts zeitlose Anleitungen zur charakterlichen und geistigen Mündigkeit Wilhelm von Humboldt gilt als einer der wichtigsten Bildungsphilosophen. Seine Ideen zur Mündigkeit, zum Selbstdenken und zur Selbstbildung sind wegweisend. Diese Auswahl aus seinen Schriften gibt Humboldts eigenen Bildungsprozess wieder. So wird die Dramatik seines Denkens und Lebens nachvollziehbar, die bis in die gegenwärtige Auseinandersetzung über Wirksamkeit seiner Bildungsidee nachwirkt. Wilhelm von Humboldts Bildungsgedanken können auch nach über 200 Jahren Wege zu einer besseren Bildung aufzeigen, die zur Mündigkeit erziehen will. Diese Auswahl seiner bildungsphilosophischen Schriften macht Mut, ein freiheitliches, individualistisches und zugleich auf den Austausch mit anderen angewiesenes Lernen in seiner Bedeutung zu verstehen und zu verteidigen. Wer nach Argumenten sucht, um die Essenz der Allgemeinen Menschenbildung zu beschreiben, findet bei dem literarisch hochtalentierten Humboldt – der ja auch Mitbegründer der Berliner Universität mit ihrem weltweit bedeutsam gewordenen Ideal der Akademischen Freiheit war – wertvolle Erkenntnisse und Anregungen.
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2022
Wilhelm von Humboldt
Bildungstrieb und Freiheitsdrang
Über die Erziehung zur Mündigkeit
Herausgegeben von Jürgen OverhoffMit einem Vorwort von Manfred Geier
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Klett-Cotta
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Alle Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
unter Verwendung einer Abbildung von DEEPOL by plainpicture/VITTA GALLERY
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-98670-9
E-Book ISBN 978-3-608-11921-3
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
von Manfred Geier
Wilhelm von Humboldt
Bildungstrieb und Freiheitsdrang. Über die Erziehung zur Mündigkeit
Bruchstück einer Selbstbiographie.
I.
Auf dem Weg zur Mündigkeit 1767–1790
An Joachim Heinrich Campe
An Henriette Herz
An Friedrich Heinrich Jacobi
An Caroline von Dacheröden
An Georg Forster
Über Religion und Gesetzgebung. 1790
II.
Selbstbildung als Lebensprinzip 1791–1802
An Georg Forster
Über die Gesetze der Entwicklung der menschlichen Kräfte. 1791
An Friedrich Gentz
Ideen über Staatsverfassung, durch die neue französische Constitution veranlasst. 1791
An Georg Forster
Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. 1792
An Carl Gustav von Brinckmann
An Friedrich August Wolf
An Christian Gottfried Körner
Theorie der Bildung des Menschen – Bruchstück 1794/95
Ueber den Geschlechts-unterschied und dessen Einfluss auf die organische Natur. 1795
Über Denken und Sprechen. 1795/96
An Friedrich August Wolf: Über Charakterkenntnis und vergleichende Anthropologie
Plan einer vergleichenden Anthropologie. 1797
Das achtzehnte Jahrhundert. 1797
Über den Geist der Menschheit. 1797
III.
Auf den Spuren der Antike. Rom 1802–1808
An Friedrich Schiller
An Carl Gustav von Brinckmann: Über Rom, das Romantische und den Weg der Metaphysik
An Caroline von Humboldt
An Johann Wolfgang von Goethe
An Caroline von Humboldt
An Christian Gottfried Körner
Latium und Hellas oder Betrachtungen über das klassische Altertum. Frühjahr 1807
Ueber den Charakter der Griechen, die idealische und historische Ansicht desselben. 1807
Geschichte des Verfalls und Untergangs der griechischen Freistaaten. 1807
IV.
Der Bildungspolitiker 1808–1810
An Caroline von Humboldt
An Caroline von Humboldt
An Caroline von Humboldt
An König Friedrich Wilhelm III.
An Caroline von Humboldt
An Georg Heinrich Ludwig Nicolovius
An Caroline von Humboldt
An Caroline von Humboldt
An Caroline von Humboldt
Antrag auf Errichtung der Universität Berlin. Juli 1809
An Friedrich August Wolf.
Der Königsberger Schulplan
Der Litauische Schulplan
An Friedrich August Wolf
An Caroline von Humboldt
Bericht der Sektion des Kultus und Unterrichts an den König
An Caroline von Humboldt
Über Prüfungen für das höhere Schulfach
Ueber die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. 1809/10
An Caroline von Humboldt
Entlassungsgesuch
An Caroline von Humboldt
Anmerkungen
Vorwort:
Bruchstück einer Selbstbiographie, 29. Januar 1816.
An Joachim Heinrich Campe, 31. August 1781.
An Henriette Herz, Februar 1788.
An Friedrich Heinrich Jacobi, 17. November 1788.
An Caroline von Dacheröden, 22. Mai 1789.
An Georg Forster, 8. Februar 1790.
Über Religion und Gesetzgebung, 1790.
An Georg Forster, 16. August 1791.
Über die Gesetze der Entwicklung der menschlichen Kräfte, 1791.
An Friedrich Gentz, Winter 1791.
Ideen über Staatsverfassung, durch die neue französische Constitution veranlasst.
An Georg Forster, 1. Juni 1792.
Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, 1792.
An Carl Gustav von Brinckmann, 3. September 1792.
An Friedrich August Wolf, 31. MÄRZ 1793.
An Christian Gottfried Körner, 19. November 1793.
Theorie der Bildung des Menschen. Bruchstück. 1794/95.
Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluss auf die organische Natur, 1795.
Über Denken und Sprechen, 1795/96.
An Friedrich August Wolf, 23. Dezember 1796.
Plan einer vergleichenden Anthropologie, 1797.
Das achtzehnte Jahrhundert, 1797.
Über den Geist der Menschheit
, Dezember 1797.
An Friedrich Schiller, Rom, 30. April 1803.
An Carl Gustav von Brinckmann, 22. Oktober 1803.
An Caroline von Humboldt, 19. Juni 1804.
An Johann Wolfgang von Goethe, 23. August 1804.
An Christian Gottfried Körner, 8. Juni 1805.
Latium und Hellas oder Betrachtungen über das classische Altertum, Frühjahr 1807.
Über den Charakter der Griechen, 1807.
Geschichte des Verfalls und Unterganges der griechischen Freistaaten, Herbst 1807.
An Caroline von Humboldt, 16. November 1808.
An Caroline von Humboldt, 18. Dezember 1808.
An Caroline von Humboldt, 28. Dezember 1808.
An Caroline von Humboldt, 19. Januar 1809.
An Georg Heinrich Ludwig Nicolovius, 25. März 1809.
An Caroline von Humboldt, 21. April 1809.
An Caroline von Humboldt, 2. Juni 1809.
Antrag auf die Errichtung der Universität Berlin, 24. Juli 1809.
An Friedrich August Wolf, 31. Juli 1809.
Der Königsberger Schulplan, 27. September 1809.
Der Litauische Schulplan, Königsberg 1809.
An Caroline von Humboldt, 17. Oktober 1809.
Bericht der Sektion des Kultus und Unterrichts an den König, Dezember 1809.
Über Prüfungen für das höhere Schulfach, 11. April 1810.
Über die innere und äussere Organisation der höheren Wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, 1809/1810.
An Caroline von Humboldt, 14. April 1810.
Entlassungsgesuch, 29. April 1810.
An Caroline von Humboldt, 28. Juli 1810.
Editorische Notiz
Literaturverzeichnis
Register
von Manfred Geier
Nach seiner Teilnahme am Wiener Kongress(1) zur Neuordnung des europäischen Staatensystems und an den Friedensverhandlungen in Paris(1) nach der endgültigen Niederlage Napoleons(1) war der bald 49-jährige Wilhelm von Humboldt(1), geboren am 22. Juni 1776 in Potsdam, von November 1815 bis Januar 1817 als Bevollmächtigter Preußens an den Territorialverhandlungen(1) in Frankfurt am Main(1) beteiligt. Es galt Gebietsstreitigkeiten zwischen den süddeutschen Staaten zu schlichten. Doch es ging ihm zu dieser Zeit nicht nur um die Klärung der nationalstaatlichen Verhältnisse in Europa und Deutschland. Er wollte sich auch über seine eigene Stellung in der Welt klar werden, über seinen Charakter(1) und die Antriebskräfte(1) seines Denkens und Handelns. Zwar hatte er schon mehrmals in Briefen und Tagebüchern sich selbst zum Gegenstand autobiographischer Selbstreflexion(1) gemacht. Aber jetzt, im Januar 1816, wollte er endlich seine Selbstbiographie(2) zu Papier bringen, um auch den Menschen, denen er sich verbunden fühlte, ein offenherziges Bild seiner selbst zu vermitteln, damit sie wissen konnten, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten. Sie ist, wie so vieles aus seiner Feder, zwar nur ein Bruchstück geblieben, dennoch erhellend in ihrer skizzenhaften Kürze.
Bereits in früheren Selbstreflexionen(2) hatte sich Wilhelm von Humboldt(2) in der komplementären Person seines zwei Jahre jüngeren Bruders Alexander gespiegelt. Während es diesen schon früh nach draußen in die Welt trieb, auch wenn es anfänglich nur der Park und die Umgebung des familiären Besitzes in Tegel(1) waren, und er sich eifrig um soziale Anerkennung und seine Wirkung auf andere Menschen kümmerte, war Wilhelm stärker auf sich selbst konzentriert. Auch er war zwar geschmeidig genug, sich äußeren Herausforderungen anzupassen. Aber er war doch stets bemüht, innerlich immer der zu bleiben, als der er sich für sich verstand. Er empfand sich schon früh als ein »innerlicher Mensch« der Selbstbeherrschung(1), der alles, was er als äußere Welt der Tatsachen erfahren konnte, in seine eigene Individualität(1) transformieren wollte, über deren inneren Wert er sich selbstbewusst sicher war. Nur so glaubte er auch, seine Einsamkeit(1) und Fremdheit in der Welt bewältigen zu können.
Zwar sollte auch diese selbstbezogene Charaktereigenart ganz aus seinem inneren Antrieb entstanden sein. Doch es war keine neutrale Information, dass Humboldt(3) in seinem autobiographischen Bruchstück seine »unbedingteste Selbstbeherrschung(2)« durch die Altersangabe »seit meinem 12. Jahre« spezifizierte. Auch in anderen Versuchen einer Selbstcharakterisierung hatte er mehrmals darauf hingewiesen, dass er bis in sein zwölftes Lebensjahr ein ganz »natürlicher« Junge gewesen sei. Erst seit diesem Schicksalsjahr habe er sich in sich selbst und in die Lektüre der Bücher zurückgezogen, in denen er zu finden hoffte, was er in der Welt und bei den Menschen nicht finden konnte. Das lässt sich als Hinweis auf das unerwartete Ereignis entschlüsseln, das am 6. Januar 1779 geschah und den jungen Zwölfjährigen traumatisierte. Denn an diesem Tag war sein Vater gestorben, die einzige Person, die durch ihre lebensfrohe(1) Heiterkeit den familiären Zusammenhang belebte.
Es überrascht deshalb nicht, dass der junge Humboldt(4) auf Begriffe und Denkweisen des griechischen Altertums(1) zurückgriff, um bewältigen zu können, was ihn beunruhigte und verstörte. Den sicheren Punkt seiner Selbstbeherrschung(3) fand er in der Philosophie(1) der antiken(1) Stoiker(1). Seit seinem zwölften Jahre begann er die stoischen Selbstermahnungen von Seneca(1), Epiktet(1) und Marc Aurel(1) zu lesen, die ihm einen Weg zeigten, wie man trotz aller Schicksalsschläge seine Seele beruhigen und in Sicherheit(1) bringen kann. Im Stoizismus(2) fand Humboldt(5) die Rettung dessen, was als einziges zählt, wenn alles verloren scheint: ein autonomes Selbstsein, das ohne Gott und Herrn seine eigene Festung gegen alle Angriffe schützen kann. Sei dein eigener Befreier, der nur die Selbstbeherrschung, aber keine Macht außer oder über sich, als Antriebskraft(2) anzuerkennen bereit ist; und sorge dich moralisch nur um das, worüber der menschliche Wille(1) frei verfügen kann, während all das für gleichgültig zu halten sei, das jedem Menschen nur von außen zustoßen kann. Nur so lasse sich auch die Angst vor dem Tode bewältigen, der seinen Schrecken verliert, wenn man stoisch zu sterben gelernt hat.
Humboldts(6) Willensherrschaft(1) und Selbstbewahrung zwangen ihn jedoch nicht, sich aus der Welt zurück zu ziehen. Er blieb in der Welt tätig. Und so konnte er in seiner Selbstbiographie(3) daran festhalten: »Was aber die Welt betrifft, so habe ich, statt mich von ihr zu trennen, immer soviel, als möglich, von ihr zu kennen und zu sehen gesucht, und nur mitten in ihr fremd werden wollen. Das Auffassen der Welt in ihrer Individualitaet und Totalitaet ist ja gerade durchaus mein Bestreben, und liegt selbst der Willensherrschaft(2), als Zweck, zum Grunde.«
Ideen(1) haben eine Geschichte. Auch Wilhelm von Humboldts(7) Idee(1) der Bildung(1) fiel nicht vom Himmel. Sie fand ihre lebenslang tragende Begründung im Jahr 1785. Denn in diesem Jahr vollzog der achtzehnjährige Wilhelm, zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Alexander, jenen entscheidenden Schritt in die Welt, der sie aus der glücklosen Einsamkeit(2) und Einengung befreite, unter der sie als Kinder gelitten hatten, besonders nach dem überraschenden Tode ihres Vaters. Sie hatten keine Schule besucht, keine Klassenkameraden kennengelernt, mit denen sie spielen und ihre kindlichen Freuden und Sorgen hätten teilen können. Ständig waren sie unter der Aufsicht von Erwachsenen, die zwar das Beste für sie wollten, aber ihre Empfindungen nicht mitvollzogen. Der Familiensitz in Tegel(2), weit draußen vor den Toren der Stadt Berlin(1), wo sie die Sommer zubrachten, war ihnen nur ein ödes Schloss der Langeweile. Ihre Erziehung(1) wurde, wie es in vielen vornehmen und begüterten Familien üblich war, zunächst von wechselnden Hauslehrern (Joachim Heinrich Campe(1), Johann Heinrich Koblank(1), Johann Clüsener(1)) gelenkt, seit 1777 dann zwölf Jahre lang durch Gottlob Johann Christian Kunth(1), bis sie beide ab 1789 in Göttingen(1) gemeinsam zu studieren begannen und endlich eigene Schritte ohne Gängelband unternehmen konnten. »Er leitete meine ganze Kindheit«, wird Wilhelm am 22. Mai 1789 rückblickend seiner Geliebten Caroline(1) von Dacheröden mitteilen. »Wie ich jetzt bin, so ward ich, nicht durch ihn, aber bei ihm, auf seine Veranlassung.«
Kunth(2) war es auch, der den Brüdern den Zugang zu gesellschaftlichen Kreisen öffnete, die ihnen einen Ausweg aus der jugendlichen Unmündigkeit(1) bieten konnten. Denn 1785 traten sie in das Bildungsmilieu der Berliner Aufklärung(1) ein. Sie lernten jenen harten Kern von etwa 30 Persönlichkeiten kennen, die ein kulturelles(1) Netzwerk mit vielen Querbezügen bildeten und jenen besonderen Konversationsstil kultivierten, der für die Aufklärung in Preußen charakteristisch war: Gelehrte Menschen, die ihren eigenen Verstand(1) mutig zu gebrauchen wussten, versuchten durch respektvolles dialogisches Argumentieren herauszufinden, was man gemeinsam für vernünftig halten kann.
Ihr Eintritt ins öffentliche Leben der Stadt Berlin(2) führte die jungen Adeligen zunächst in den Salon Herz, der zu Beginn der 1780er Jahre von dem jüdischen(1) Arzt Marcus Herz(1), der bei Immanuel Kant(1) in Königsberg(1) studiert hatte, und seiner Frau Henriette(1) eingerichtet worden war. Es war eine Form(1) gemischter Geselligkeit, in der Adel und Bürgertum, Männer und Frauen, Christen und Juden, Theologen und Freigeister, Staatsbeamte und Künstler, Wissenschaftler und Philosophen(2) zwanglos zusammenkamen, um sich im Geist der Aufklärung(1) gemeinsam zu bilden. Neben dem Salon Herz gab es noch eine besondere Lesegesellschaft, die sich regelmäßig beim Kastellan des Königlichen Schlosses traf, wobei Wissensdurst und Lebensfreude(2), geistige Aufklärung(2) und gesellige Kultivierung zusammenspielten. Und nicht unerwähnt bleiben darf auch die sogenannte »Mittwochsgesellschaft(1)«, die sich, wie es der Name sagt, jeweils mittwochs reihum in wechselnden Privatwohnungen traf, um zunächst im geschlossenen Kreis ihre Gedanken zur Lösung vielfältiger politischer, moralischer(1) oder religiöser Probleme fruchtbar zu machen. Als öffentliches Publikationsorgan stand dieser Gesellschaft von Freunden der Aufklärung(3) die Berlinische Monatsschrift zur Verfügung, die 1783 gegründet worden war und alle Mitglieder der Mittwochsgesellschaft(2) zu ihren Autoren zählte.
Einige von ihnen wurden zu Humboldts(8) privaten Lehrern. Christian Wilhelm von Dohm(1), Geheimer Staatsrat(1) im Departement für Auswärtige Angelegenheiten, führte ihn in die Prinzipien der Politischen Geographie und Freihandelspolitik ein. Der Kammergerichtsrat Ernst Ferdinand von Klein(1), der in der Berlinischen Monatsschrift, April 1784, ein flammendes Plädoyer gegen die frömmelnde Dummheit tyrannischer Geistlicher und für die eigenständige Denk- und Druckfreiheit(1) gehalten hatte, machte ihn vor allem mit dem Naturrecht(1) vertraut. Den stärksten Eindruck hinterließ der Dritte im Bunde: Johann Jakob Engel(1), der sich als populärer »Philosoph(3) für die Welt« einen Namen gemacht hatte und seinen Schüler zum richtigen Gebrauch der Vernunft(1) in der Erkenntnis der Wahrheit anleitete. Er war Mitglied zur Reformierung des preußischen Unterrichtswesens, die dem königlichen Leitspruch Friedrichs des Großen folgte: »Wer zum besten raisonieren kann, wird immer zum weitesten kommen, besser als der, der nur falsche Schlüsse zieht.« Räsonieren war dabei nicht als nörgelnde Vernünftelei gemeint, sondern als ein Denken(1), das sich an der Vernunft orientiert und auf klare Begriffe, begründete Urteile und stimmige Schlussfolgerungen setzt.
Zur gleichen Zeit, 1785/86, wurden die Brüder(1) Humboldt(9) mit einigen Schriften Immanuel Kants(2) bekannt, der im fernen Königsberg(2) als Professor der Philosophie(4) arbeitete und dort auch Lehrer von Marcus Herz(2) gewesen war. Für die Berlinische Monatsschrift hatte er seine Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung(4)? geschrieben, die in der Dezemberausgabe 1784 erschienen war und in den Berliner Kreisen aufmerksam besprochen und gelesen wurde. Bemerkenswert war vor allem Kants(3) philosophischer Ansatz, die strittige Frage nach der Aufklärung(5) mit der wesentlichen Bestimmung des Menschen zu verknüpfen. Was ist der Mensch? Er ist, antwortete Kant(4), ein mündig(2)es Wesen, das aus der ihm zur zweiten Natur(1) gewordenen Unmündigkeit(2) einen Ausweg finden kann. Er kann lernen, allein und selbstverantwortlich durch das Leben(1) zu gehen und seinen eigenen Verstand(2) zu gebrauchen, befreit aus der Vormundschaft staatlicher, religiöser und weltanschaulicher Autoritäten. »Sapere aude(1)!« Zu denken habe Mut! Dabei war es vor allem der öffentliche Vernunftgebrauch(2) des Gelehrten, den Kant(5) mit diesem Leitspruch der Aufklärung(6) einforderte. Er mochte dabei an seine eigene geistige Arbeit und moralische(2) Verantwortung gedacht haben. Aber es konnte auch für Wilhelm von Humboldt(10) zum Leitspruch seiner geistigen Arbeit werden. Durch Kant(6), vermittelt über die Berliner Freunde der Aufklärung(7), war ihm der Zugang zu einer Welt geöffnet worden, in der er seinen Verstand bilden und gebrauchen konnte. Vor sich sah er ein Gelehrtenleben in größtmöglicher Freiheit(1). An Mut und Entschließung hat es ihm nicht gefehlt.
Doch nicht nur sein Verstand(3) hatte durch den Kontakt mit der Aufklärung(8) seine nachhaltige Orientierung gefunden. Auch sein Herz fühlte sich durch neu gewonnene Freundschaften und Liebeleien angesprochen. Er verliebte sich schwärmerisch in die charmante und geistreiche Henriette(2) Herz, deren Berliner Salon die beiden Humboldt(2)s zu seinen begeisterten Gästen zählen konnte. Der erhoffte erotische Genuss mit dieser geliebten Freundin blieb ihm jedoch versagt. Stattdessen bot ihm Henriette Ende des Jahres 1787 an, dem »Tugendbund(1)« beizutreten, den sie zusammen mit ihrer Freundin Brendel (»Brenna«) Veit, Moses Mendelssohns(1) ältester Tochter, und dem jungen, äußerst schönen Karl Laroche(1) gegründet hatte zum Zweck einer gegenseitigen sittlichen und geistigen Bildung. Doch zu seinem Glück wird ein Jahr später auch Caroline(2) von Dacheröden zu diesen Tugendbündlern stoßen, die für Humboldt(11) nicht mehr nur geistig-sittliche Gefährtin sein sollte, sondern seine wirkliche Geliebte und Ehefrau wurde.
Nach nur einem Semester, das die Brüder(3) Humboldt, noch immer angeleitet durch ihren langjährigen Erzieher Kunth(3), an der Universität in Frankfurt an der Oder zubrachten, begann Wilhelm schon im April 1788 – bis 1789 zunächst noch ohne seinen Bruder Alexander – allein an der Universität in Göttingen(2) zu studieren, die als »deutsches Athen« einen ausgezeichneten Ruf besaß. Zwar war er nur als »studiosus juris« immatrikuliert, aber er studierte alles, was ihn interessierte. Bei Johann Georg Heinrich Feder(1) arbeitete er sich in Logik und Metaphysik(1) ein. Er lernte Christian Gottlob Heyne(1) kennen, den führenden Analytiker und Interpreten der antiken(2) Sprachen(1) und Literaturen, der die spezialisierte Philologie zu einer umfassenden kulturgeschichtlichen(2) Altertumswissenschaft(1)(2) erweitert hatte. Auch an Vorlesungen Georg Christoph Lichtenbergs(1) nahm er teil, der sich für eine Aufklärung(9) aus dem Geist der Experimentalphysik engagierte.
Und er besuchte Vorlesungen und Übungen des Professors für Medizin und Naturgeschichte(1) Johann Friedrich Blumenbach(1), der ihn mit seiner Theorie eines organischen »Bildungstriebes« (nisus formativus) vertraut machte. 1781 hatte Blumenbach(2) in seinem Werk Über den Bildungstrieb(1) und das Zeugungsgeschäft(1) diesen besonderen Trieb(1) eingeführt, der zu den Lebenskräften(1) gehöre und bei der Erzeugung, Gestaltung und Regeneration von lebenden Organismen die Hauptrolle spiele. Aus einem noch ungeformten männlich-weiblichen Zeugungsstoff bilden sich unter Leitung dieser besonderen Triebkraft(3), die von mechanischen Kräften(1) physischer Körper unterschieden werden müsse, stets neue Organismen zu ihren individuellen Gestaltformen: »Daß in allen belebten Geschöpfen vom Menschen bis zur Made und von der Ceder bis zum Schimmel herab, ein besondrer, eingebohrner, lebenslang würksamer Trieb(2) liegt, ihre bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann zu erhalten, und wenn sie ja zerstört worden, wo möglich wieder herzustellen.«
Wilhelm von Humboldt(12) wird später Blumenbachs(3) biologischen Bildungsbegriff(1) ins Kulturelle(3) und Geistige übertragen, und er wird dabei nicht zufällig von einer »organischen Natur der Bildung« sprechen. Das lässt sich durchaus wörtlich verstehen. Seine eigene Theorie der Bildung(1) wird er gleichsam als Überbau auf einem lebenswissenschaftlichen(1) Fundament entwickeln. Doch den wichtigsten Impuls für seine geistige Entwicklung während seines Göttinger Jahres, April 1788 bis April 1789, bot die eigenwillige Lektüre der Schriften des Königsberger Weltweisen Immanuel Kant(7). Für sich studierte er dessen Kritik der reinen Vernunft(1), deren zweite Auflage 1787 erschienen war und deren angestrengte, konzentrierte Durcharbeitung ihm ein hochgradiges geistiges Vergnügen bereitete. Intensiv begann er sich auch mit der praktischen Philosophie(5) Kants(8) zu beschäftigen, dessen Grundlegung zur Metaphysik(2) der Sitten 1785 publiziert worden war, 1788 gefolgt von der Kritik der praktischen Vernunft(1). Die reine theoretische Vernunft(1) war durch einen »reinen guten Willen(1)« ergänzt worden, der als regulative Idee(2) vorzeigte, wie zu leben sei, wenn man ein gutes Leben(2) in moralischer(3) Hinsicht führen will.
Recht zufrieden mit dieser kantischen Reinigung scheint Humboldt(13) nicht gewesen zu sein. Denn sie verdrängte alles, was den 21-jährigen Studenten, endlich befreit aus dem Gängelband familiärer Vormundschaft und hofmeisterlicher Erziehung(2), reizte: Sinnlichkeit(1), Leidenschaft, Lebensfreude(3) und Genuss. Henriette(3) Herz hatte es schon früh erkannt. Ihr junger Verehrer habe zwar oft, mit stoischer Abgeklärtheit, die Seelenruhe(1) und selbstbezogene Willensfreiheit(2) als Grundbedingung seiner idealischen Existenz gepriesen. Doch ebenso gern habe er sich auf den Pfaden der ausschweifenden Sinnlichkeit bewegt und nach »Genußliebe« gestrebt. Das Leben in Berlin(3) und Tegel(3) hatte ihm dazu allerdings kaum Gelegenheiten geboten. Jetzt aber war er allein in Göttingen(3) und freute sich über jede Gelegenheit, ungeleitet seiner Neigung, seiner Begierde(1) und seiner Leidenschaft folgen zu können.
Die erste bot sich ihm im Haus des Altphilologen und Altertumswissenschaftlers(2)(3) Heyne(2), wo er nicht nur in die Dichtungen Homers(1) eingeführt wurde, sondern sich auch mit Heynes(3) Tochter Therese(1) anfreundete. Sie soll zwar keine Schönheit gewesen sein, aber eine geistige Schnelligkeit und leidenschaftliche Energie(1) ausgestrahlt haben, die den verliebten Wilhelm überwältigte und schwärmen ließ. Dabei schien es ihn kaum gestört zu haben, dass Therese seit drei Jahren mit dem Naturforscher(1) Georg Forster(1) verheiratet war, der durch seine mit James Cook(1) 1772 bis 1775 unternommene Reise um die Welt allgemeines Ansehen gewonnen hatte und fast zu einer Legende geworden war. Wie sehr bedauerte er, dass die begehrte Therese mit ihrem Mann nach Mainz übersiedeln musste, wo Georg Forster(2) den Posten des Universitätsbibliothekars erhalten hatte. Aber schon bald gab es die Gelegenheit, sie dort zu besuchen und mit ihr lange Gespräche über Freundschaft und Liebe(1), eheliches Glück und Unglück zu führen.
Denn die universitären Herbstferien 1788 nutzte Wilhelm von Humboldt(14), ausgerüstet mit einem dicken Bündel von Empfehlungsbriefen, zu einer politisch-philosophischen Reise nach dem Reich, die ihn über Marburg an der Lahn, Frankfurt am Main(2) und Darmstadt nach Mainz führte, wo er am 7. Oktober gleich zu den Forsters ging. Während der nächsten Tage hatte er nicht nur das Glück, mit Therese allein sein zu können und den Diskurs der Liebe(2) zu genießen. Aber wirklich freigeistig, politisch interessant und geistig herausfordernd waren nun die Diskussionen mit Georg Forster(3), mit dem er während der vier Tage seines Mainzer Aufenthalts eine enge Freundschaft schloss. Die Erfahrungen und Ansichten des republikanischen Weltbürgers und weitgereisten Forschers schärften sein eigenes Urteilsvermögen. Anlass dazu bot vor allem das am 9. Juli 1788 erlassene staatliche Edikt, die Religionsverfassung(1) in den preußischen Staaten betreffend, durch das eine dogmatisierte christliche Lehre ganz unter staatliche Kontrolle gebracht wurde, um sie vor aufklärerischen Irrlehren zu schützen. Der eigene Verstandes-gebrauch(4), der Humboldt(15) durch Kants(9)Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung(10)? zur selbstbewussten Programmidee(3) geworden war, sollte durch staatliche Vormundschaft außer Kraft gesetzt werden. Mit diesem geistigen und kulturellen(4) Rückschlag für Preußen wollten sich weder Forster(4) noch Humboldt(16) abfinden.
Ende Oktober 1788 reiste Humboldt(17) von Mainz über Aachen, wo er sich mit Christian Wilhelm von Dohm(2), seinem ehemaligen Lehrer aus der Berliner Aufklärung(2), traf und lange Gespräche über die Grenzen der Staatsgewalt(1) führte, nach Pempelfort(1), einem kleinen idyllischen Landsitz in der Nähe Düsseldorfs. Forster(5) hatte ihn auf seinen Freund Friedrich Heinrich Jacobi(1) neugierig gemacht, der sich in diese ländliche Ruhe zurückgezogen hatte, um mit all seinen Empfindungen und Gefühlen sowohl dem sinnlichen Dasein der Dinge wie dem übersinnlichen Dasein Gottes nahe kommen zu können. Das war für Humboldt(18) eine radikal neue Sicht auf die Welt, die sich nicht durch trockene Begriffsanalyse und strenge Urteilslogik eingrenzen ließ. Zu den Gegenständen selbst! Jacobi(2), der empfindsame Glaubensphilosoph(1), versuchte ihm nahe zu bringen, dass es nicht darauf ankomme, in der Schmelzküche einer reinen Vernunft(3) alles Erfahrbare in Nichts aufzulösen. Es gehe vielmehr darum, sich Gott und die Welt durch unmittelbare Anschauung zu eigen zu machen.
In Erinnerung an die vier glücklichen, unvergesslichen Tage in Pempelfort(2), 31. Oktober bis 3. November 1788, schrieb Humboldt(19) am 17. November an Jacobi(3) einen Dankesbrief, in dem er ihm zunächst zustimmte: »Wendet man sich zu den Gegenständen selbst, hält man nichts eher für wahr, als bis man es selbst angeschaut hat; so mag der Weg vielleicht langsamer sein, aber er ist auch sichrer und reizender und der Stoff des Nachdenkens(2) ebenso unerschöpflich, als die Menge der Gegenstände in der Natur(2).« Doch Humboldt(20) war nicht bereit, Jacobi(4) in jenes außersinnliche Reich zu folgen, wohin es diesen gläubigen Schwärmer trieb. Sein aufgeklärter, durch intensive Kant(10)-Lektüre geschulter Verstand(5) hinderte ihn daran, die unmittelbare Offenbarung eines Übernatürlichen, das Jacobi(5) als Tatsache »ES ISTGOTT« zum Wesen aller Wesen erklärte, anzuerkennen oder für möglich zu halten. Die Immanenz der Welt kann nicht mit der Transzendenz eines göttlichen Daseins kurzgeschlossen werden.
Neun Monate später war es wieder eine Reise, die Humboldt(21) auf neue Gedanken kommen ließ. Sie führte ihn nicht »nach dem Reich«, sondern über die Grenze nach Frankreich. Sein erster Erzieher Joachim Heinrich Campe(2), der sich als populärer Kinder- und Jugendbuchautor, erfolgreicher Verleger und praktisch orientierter Bildungsreformer(1) einen Namen gemacht hatte, lud seinen ehemaligen Zögling ein, mit ihm nach Paris(2) zu reisen, um Augenzeugen der revolutionären Ereignisse sein zu können, die den Sturz des dekadenten Ancien Régime in Gang setzten. Gedacht, getan! Am Vortag der historischen Sitzung der Nationalversammlung, in der das Feudalsystem aufgehoben wurde, kamen die Reisenden am 3. August 1789 in Paris an. Sie erlebten den Freiheitsdrang(1) des französischen Volkes, das sich aus den Fesseln der absolutistischen Herrschaft befreien wollte. Der Mut der Bürger und der Geist, der sie zum Aufstand trieb, faszinierten sie, auch wenn Humboldt(22) wahrnehmen konnte, dass die Ideale(1) der Freiheit(2), Gleichheit und Brüderlichkeit an elenden Lebensbedingungen(1), maßlosem Machtstreben und einer allgemeinen Gesetzgebung, ohne Rücksicht auf besondere Anwendungsfälle, zu scheitern drohten.
Alle Erfahrungen und Gedanken, die ihn vor allem seit Beginn seines selbstständigen Studiums in Göttingen(4) beschäftigten und herausforderten, verdichtete Humboldt(23) in seiner ersten größeren Schrift. Seine sinnlichen erotischen Erlebnisse und sein Studium von Kants(11) Vernunftphilosophie(6)(4) im Geist der kritischen Aufklärung(11), sein Bildungstrieb(2) und Freiheitsdrang(2), seine Kritik des autoritären Religionsedikts(2), das Ende des Jahres 1788 durch ein intolerantes Zensuredikt flankiert worden war, seine Gespräche mit dem welterfahrenen Natur(2)- und Menschenforscher Georg Forster(6) und dem gottseligen Glaubensphilosophen(2) Friedrich Heinrich Jacobi(6), schließlich der unmittelbar erlebte Beginn der Französischen Revolution(1): all das fand seinen reflektierten Ausdruck in seinen 1790 zu Papier gebrachten Ideen(2)Über Religion und Gesetzgebung, in denen innerlich wirksamer, selbsttätiger Bildungstrieb(3) und nach außen gerichteter, selbstbewusster Freiheitsdrang(3) zusammenspielen. Sie richteten sich gleichermaßen gegen jede befohlene, durch Autorität beglaubigte Religion(3) und alle Staatsgewalt(2), die den Menschen nicht als seinen eigenen Zweck schätzt, sondern nur als Mittel staatlicher Maßnahmen instrumentalisiert. Im Zeitalter der Aufklärung(12) stehe die Freiheit(1) sich selbst bildender Bürger über einer vorgeschriebenen Religion(4) und einer staatlich verordneten Gesetzgebung. »Daher muss es immer des Gesezgebers eifrigstes Streben bleiben, die Bildung der Bürger bis dahin zu erhöhen, dass sie alle Triebfedern(3) zur Beförderung des Zweks des Staats(1) allein in der Idee(4) des Nuzens finden, welche ihnen die Staatseinrichtung(1) zu Erreichung ihrer individuellen Absichten gewährt. Zu dieser Einsicht aber ist Aufklärung(13) und hohe Geistesbildung(1) nothwendig, die da nicht emporkommen können, wo der freie Untersuchungsgeist durch Geseze beschränkt wird.«
Was Wilhelm von Humboldt(24) 1790 programmatisch entworfen hatte, sollte auch seinem eigenen Leben zur Orientierung dienen. Ein Jahrzehnt lang war er bestrebt, selbst nach den Maximen zu handeln, über die er in seiner ersten größeren Schrift, die erst 1903 veröffentlicht wurde, Rechenschaft abgelegt hatte. Es war das Jahrzehnt eines freischwebenden Intellektuellen auf der Suche nach den Antriebskräften(4) der menschlichen(1) Natur. Freiberuflich konzentrierte er sich auf anthropologische und historische Forschungen, auf Charakterstudien(2) zu individuellen, geschlechtsspezifischen(1) und nationalen Eigenarten, sowie auf eine philosophisch(7) fundierte Theorie der Bildung(2) des Menschen.
Doch zunächst begann er Anfang 1790, nach Abschluss seines Jurastudiums, bei verschiedenen Gerichten in Berlin(4) zu arbeiten. Einer erfolgreichen Karriere im Staatsdienst(1) schien nichts im Wege zu stehen; und da er sich am 16. Dezember 1789 mit seiner geliebten Caroline(3) von Dacheröden verlobt hatte, wäre auch für seine Familienplanung eine feste Anstellung im Justiz- und Auswärtigen Departement von Nutzen gewesen. Auch gewann er während seiner Berliner Zeit neue Freunde, die staatspolitisch tätig waren und ihn in das gesellschaftliche Berliner Leben mit seinen libertinen, lustvollen Möglichkeiten hineinzogen: den Geheimen Staats(2)- und Kriegsrat Friedrich von Gentz(1) und Carl Gustav Freiherr von Brinckmann(1), Legationssekretär bei der Schwedischen Gesandtschaft. Doch weder der Staatsdienst noch die freizügige Geselligkeit konnten ihn von seinem Streben nach Freiheit(3) und Bildung abbringen, das er in sich selbst als seine eigene Kraft(5) drängen fühlte. Weihnachten 1790 schien die Entscheidung gefallen zu sein, ein berufsloses Leben als Privatgelehrter zu führen, der sich nur den Programmideen(5) der Aufklärung(14) verpflichtet fühlte. Auch Caroline(4) stellte sich dem Freiheitsstreben(4) ihres Verlobten nicht in den Weg. Bereits im Mai 1791 reichte er dem König sein Entlassungsgesuch ein, das er lakonisch mit zwingenden Familienangelegenheiten begründete. Es wurde bewilligt. Und am 29. Juni 1791 fand in Erfurt(1) die Hochzeit zwischen »Li« und »Bill« statt, wie sie sich vertraut ansprachen.
Er hatte sich von allen Geschäften frei gemacht, Berlin(5) verlassen und sich mit Caroline auf ländliche Güter seines Schwiegervaters in Burgörner(1) und Auleben(1) zurückgezogen, um dort, wie er Georg Forster(7) mitteilte, »in einer unabhängigen, selbstgemachten, unendlich glücklichen Existenz« zu leben, die durch zwei starke subjektive Prinzipien geleitet war, die ihn durch sein ganzes Leben führen sollten: »Die Sätze, daß nichts auf Erden so wichtig ist als die höchste Kraft(1) und die vielseitigste Bildung der Individuen und daß daher der wahren Moral(4) erstes Gesetz ist: Bilde dich selbst, und nur ihr zweites: Wirke auf andere durch das, was du bist; diese Maximen sind mir zu eigen, als daß ich mich jemals von ihnen trennen könnte.«
Humboldts(25) erste Arbeit als freiberuflicher Gelehrter betraf ein politisches Problem, worüber er selbst erstaunte. Aufmerksam hatte er die Ereignisse in Frankreich verfolgt, und er sympathisierte mit den Idealen der Freiheit(4) und der Volkssouveränität, die revolutionär(1) verwirklicht werden sollten. Aber er gab in einem langen Brief an seinen Berliner Freund Gentz(2), August 1791, zu bedenken, dass diese Revolution(2) scheitern werde, weil sie gleichsam durch ein von außen verordnetes System von Gesetzen gesteuert werde, ohne auf die inneren Kräfte(1) der Menschen in ihren besonderen gesellschaftlichen und geschichtlichen Situationen zu achten. Auch in politischer Hinsicht hat Humboldt(26) in seinen brieflich skizzierten Ideen(3) über Staatsverfassung(1), durch die neue französische Constitution veranlasst die Aufmerksamkeit auf die menschlichen Kräfte(2) gerichtet, die etwas hervorbringen können. Ohne sie seien die Werke nur wie Blüten, die man mit Fäden an Pflanzenstängel angebunden habe und die bei der ersten Morgensonne versengt seien. Humboldts(27) Brief, der 1792 in der Januarausgabe der Berlinischen Monatsschrift veröffentlicht wurde, bot genügend Stoff, um zu einem größeren Werk ausgearbeitet zu werden. So kam es zu seinem »Grünen Buch«, den Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats(2) zu bestimmen, diesem Schlüsseltext des modernen Liberalismus(1), in dem Humboldt(28) die Frage zu beantworten versuchte, wie sich die menschlichen Kräfte(3) in ihrer freien Selbsttätigkeit(1) am besten und wirksamsten bilden lassen? Und welche Rolle soll dabei dem Staat(3) zukommen, der sich um das Zusammenleben seiner Bürger zu sorgen habe und es gesetzlich regeln müsse? Seine Ideen konzentrierten sich positiv auf geistige Aufklärung(15) und bildende Kultur(5). Sie erklärten »die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte(1) zu einem Ganzen« zum wahren Zweck des Menschen, einer Bildung, die auf Freiheit(5) und vielfältige Anregungen angewiesen sei. Negativ dagegen schnitten Humboldts(29) Ideen aus dem Machtanspruch des Staates alles ab, was nicht seine wesentliche Aufgabe sein sollte. Am Ende dieses Reduktionsverfahrens blieb nur eine eng begrenzte Wirksamkeit des Staates übrig: er habe sich nicht um das physische Wohl seiner Bürger zu sorgen, nicht um ihren religiösen Glauben(3) und moralischen(5) Gemeinsinn, auch nicht um eine öffentliche Erziehung(1), die für die Vielfalt der Ausbildung(1) hinderlich und nachteilig sei. Er solle Humboldt(30) zufolge keinen Schritt weiter gehen, als zur Sicherheit(2) der Bürger gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist. Zu keinem anderen Endzweck dürfe er die Freiheit(6) der Menschen und die anregende »Mannigfaltigkeit(1) der Situationen« einschränken, aus denen allein sich eine fruchtbare Entwicklung der inneren menschlichen Kräfte(4) ergeben könne. »Die Freiheit(7) erhöht die Kraft(5), und führt, wie immer die grössere Stärke, allemal eine Art der Liberalität(1) mit sich. Zwang(1) erstikt die Kraft, und führt zu allen eigennüzigen Wünschen, und allen niedrigen Kunstgriffen der Schwäche.«
Vielleicht war es Humboldt(31) selbst während der Arbeit an seinen Ideen(4) bewusst geworden, dass das zurückgezogene Leben(2) in der ländlichen Ruhe und Einsamkeit(3) nicht mannigfaltig genug war, um seine eigenen Kräfte(1) weiterbilden zu können. Er blieb mit seiner Caroline(5) und ihrer ersten Tochter, die im Mai 1792 geboren worden war, zwar noch ein weiteres Jahr in der Abgeschiedenheit von Auleben(2), wo er sich verstärkt Gedanken machte Über das Studium des Alterthums(4), und des griechischen insbesondere. Am politischen Handeln, historischen Forschen, ästhetischen Dichten, metaphysischen Philosophieren(8) und sinnlichen Genießen der »Alten« wollte er die bildende Kraft(2) und treibende Energie(2) aufzeigen, die den »Neueren« verloren zu gehen drohe, die sich vordringlich nur um ihren Wohlstand und Besitz sorgten, also das Hervorgebrachte höher schätzten als das Hervorbringende, Ergon(1) mehr als Energeia(1).
Vielleicht war es auch dieser Blick zurück in die Antike(3), der Humboldt(32) neue menschliche Beziehungen knüpfen ließ. Er nahm Kontakt auf mit Friedrich August Wolf(1), dem Altphilologen und Begründer der Homer(2)-Kritik, der im benachbarten Halle lebte. Er machte sich mit Christian Gottfried Körner(1) bekannt, dem alten und beständigsten Freund Friedrich Schillers(1), der sich der Philosophie(9) Kants(12) verpflichtet fühlte. Und er intensivierte seine Bekanntschaft mit Schiller(2) selbst, dem er zum ersten Mal am Weihnachtsabend 1789 begegnet war, als Schiller(3) offiziell seine Verlobung mit Charlotte von Lengefeld(1) bekannt gegeben hatte, die wiederum Caroline(6) von Dacheröden zu ihren Freundinnen zählte und auch mit dem Berliner »Tugendbund(2)« verbandelt war.
Jedenfalls entschied sich Humboldt(33), nach zweieinhalb Jahren seine unabhängige, selbst gewählte und unendlich glückliche Existenz auf dem Lande aufzugeben. Im Februar 1794 zog er mit Frau und Tochter nach Jena(1), um Friedrich Schiller(4) nahe zu sein. Sie lebten nun nachbarschaftlich und konnten sich täglich treffen, oft mehrmals am Tage und bis spät in die Nacht hinein. Worüber sie gemeinsam nachdachten und disputierten, lässt sich in Schillers(5) Briefen Über die ästhetische Erziehung(1) des Menschen nachlesen, die er im Herbst 1794 zu schreiben begann, wobei ihm Humboldt(34) anregend begleitend zur Seite stand. Denn auch Schiller(6) war ein Liebhaber von Ideen(5), die er aus sich selbst zu entwickeln versuchte, Kants(13) Wahlspruch der Aufklärung(16) folgend: »Sapere aude(2)! Erkühne dich, weise zu sein!« Und wie Humboldt(35) blickte auch er von der Gegenwart, in der voneinander getrennte, auf Einzelheiten spezialisierte Individuen als Elemente einer gesellschaftlichen Maschinerie vordringlich an ihren nützlichen Werken interessiert waren, zurück in eine ganzheitliche griechische Kultur(6), deren großes Idol nicht der Nutzen war, sondern das freie Zusammenspiel von Kräfte(2)n und Energie(3)n(4). Schillers(7) ästhetische Erziehung(2) wollte einen spielerischen Bildungstrieb(4) zur Geltung bringen, in dem sich sinnlicher Trieb(1) und geistiger Formtrieb(1) vermittelten. Die Kunst galt ihm als Tochter der Freiheit(8), und er dachte sich den Bau einer wahren politischen Freiheit als das vollkommenste aller Kunstwerke.
Schiller(8) publizierte seine Ideen(6) Anfang 1795 in den ersten Heften seiner neu gegründeten Kulturzeitschrift Horen(1), zu deren Mitarbeit er die besten Köpfe der Zeit eingeladen hatte, um über alles schreiben zu können, was »der schönen Welt zum Unterricht und zur Bildung, und der gelehrten zu einer freien Forschung der Wahrheit und zu einem fruchtbaren Umtausch der Idee(6)« dienen sollte. Auch von Humboldt(36) wünschte er sich einen Beitrag mit kultiviertem Geschmack und philosophischem(10) Geist. Also schrieb sein Freund für den ersten Band der Horen seinen Aufsatz Über den Geschlechtsunterschied(1) und dessen Einfluß auf die organische Natur. (3)Wie erotische Doppelgänger von Schillers(9) Stoff- und Formtrieb(2), die im freien Spiel zur Geltung kommen, brachte er anschaulich die Energie(5)n(6) des Weiblichen und des Männlichen ins Spiel, die ganzheitlich zusammenwirken, um ein ideales Gegenbild zur wirklichen Welt in ihrer Vereinzelung, Zersplittertheit und Begrenztheit denk- und erlebbar zu machen.
An der Verschiedenheit der Geschlechter(2) wollte er demonstrieren, wie es der Natur(4) selbst gelingt, aus der Ungleichartigkeit und endlichen Begrenztheit ihrer Kräfte(3) und Formen ein Ganzes herstellen zu können. Er rief den Geschlechtsbegriff(3), in dem Blumenbachs(4) Bildungstrieb(5) und Zeugungsgeschäft(2) ihre Spuren hinterlassen haben, als organischen Zeugen für ein dialektisches Naturschauspiel auf, in dem ungleichartige Kräfte durch Wechselwirkung(1) zusammenfinden, um etwas Neues schaffen zu können. Aber es war nicht nur die Erinnerung an seinen Göttinger Professor, die hier naturgeschichtlich(2) zur Geltung kam. Es war auch das Liebesglück(3), das Humboldt(37) mit seiner Frau erleben konnte, in gegenseitig gewährter Freiheit(9) und ersehnter Harmonie; und wie eine Liebeserklärung an Caroline(7) klingt der letzte Satz seines Horen(2)-Beitrags, in dem der Gott Eros(1) zur Sprache kam: »So gehorcht daher die Natur(5) derselben Gottheit, deren Sorgfalt schon der ahndende Weisheitssinn der Griechen die Anordnung des Chaos übertrug.«
Der Umzug aus der selbst gewählten Einsamkeit(4), wo er nur seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte, ins gesellige Jena(2), das auch Johann Wolfgang von Goethe(1) seit diesem Wunderjahr 1794 gern besuchte, um seine Freundschaft mit Friedrich Schiller(10) zu kultivieren, veränderte Humboldts(38) Lebenseinstellung(3). Er wollte sich nicht mehr durch den Rückzug in seine Innerlichkeit eingrenzen lassen. Ab jetzt drängte es ihn nach draußen in die Welt. Seine Leselust und geistige Selbsttätigkeit(2) wurden durch eine Reiselust supplementiert, die er jedoch nicht befriedigen konnte, solange seine Mutter noch lebte und seine Hilfe einforderte. Im Schloss Tegel(4) und in Berlin(6), wohin er im Winter 1795/96 zog, fühlte er sich zu Freudlosigkeit und Untätigkeit verdammt. Aus seiner geistigen Lähmung befreite ihn der Tod Marie Elisabeth von Humboldts(1), die am 14. November 1796 starb. Wilhelm von Humboldt(39) war vermögend geworden und konnte nun, wie auch sein Bruder Alexander, endlich ungebunden die Reisepläne verwirklichen, die beide geschmiedet hatten.
Die nächsten Jahre war Humboldt(40) mit seiner immer größer werdenden Familie in Europa unterwegs. Nach einer Zwischenstation in Wien zogen sie im Winter 1798 nach Paris(3), das ihnen durch den 1795 in Basel geschlossenen Sonderfrieden zwischen Preußen und Frankreich zugänglich war. Ein Jahr später reisten sie nach Spanien und fanden auch Gelegenheiten, das Land der Basken besuchen zu können. Humboldt(41) war wieder produktiv geworden, auch wenn er mehrere seiner neuen Projekte nicht zu Ende führte. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass er in seinen neuen Arbeiten weiterhin den Motiven folgte, die er vor seiner Reise entworfen hatte. Vor allem den Geschlechtsunterschied(2), auf den er sich konzentriert hatte, um ein ganzheitliches Bildungskonzept als organisch begründet zu verdeutlichen, erweiterte er in diesen Jahren durch sprachbezogene, anthropologische, zeitgeschichtliche und philosophische(11) Studien.
So folge auch das Spannungsverhältnis zwischen Denken(3) und Sprechen(1), reiner geistiger Tätigkeit und hörbaren Sprachzeichen(1), dem Wechselspiel zwischen Sinnlichkeit(2) und Form(2), um zu einem holistischen Sprach-Denken(4) finden zu können. Wie die vergleichende Anatomie von männlicher und weiblicher Menschengestalt lasse sich ebenso eine Vergleichende Anthropologie(1) konzipieren, welche die Verschiedenheiten von Individuen und Menschenklassen untersucht, die alle zu der einen menschlichen Gattung gehören. Das achtzehnte Jahrhundert diente Humboldt(42) als Anschauungsmaterial, um in ihm das Beste und Höchste zu suchen, wozu menschliche Kräfte(6) und Energien(7) in der Lage sind, wenn sie alles, was in verschiedenen Richtungen getan und erfahren wurde, zu einem Ganzen gestalten können. Und schließlich schlug er einen doppelten Weg ein, um das Große fassen zu können, zu dem der Geist der Menschheit aufsteigen kann. Der Erfahrungsweg(1) sollte ihn zu denjenigen Individuen führen, welche in ihrer Verschiedenheit »den besten und höchsten Begriff vollendeter Menschheit geben«; während der Vernunftweg(1) ihn zu einer Bestimmung des Menschen als eines freien und selbsttätigen Wesens führen sollte, dessen lebendige Kraft(2) des Geistes allein in ihm selbst enthalten ist und sich nur durch sein inneres Streben als tätig und wirksam erweisen kann.
Schon zu Beginn seiner Reiselust hatte Wilhelm von Humboldt(43) den Plan gefasst, Italien(1) zu besuchen, um auf den Spuren von Goethes Italienischer Reise die antike(4) Aura nacherleben zu können. Auch hatte er sich danach gesehnt, das ewige Rom(2) zu besuchen, das ihm als die Hauptstadt der alten Welt galt. Doch der Feldzug der Französischen Revolutionsarmee Napoleons(2) nach Italien ließ die Reise nach Rom(3) zunächst als zu gefährlich erscheinen. Doch schließlich war zu seinem Glück ein Posten im diplomatischen Dienst frei geworden, der ihm die Chance bot, sich mit seiner Familie in Rom(4) niederzulassen. Nach zehn Jahren kehrte Wilhelm von Humboldt(44) in den preußischen Staatsdienst(2) zurück, von dem er sich 1791 nur hatte »beurlauben« lassen. um sich allein um seine geistige Selbstbildung(2) und seine kultur(1)(7)- und sprachwissenschaftlichen(1) Studien kümmern zu können. Er bewarb sich um die Stelle des »Preußischen Residenten beim Päpstlichen Stuhl«, und am 15. Mai 1802 wurde er von König Friedrich Wilhelm III.(1) zum Regierungsvertreter am Vatikan ernannt.
Am 25. November kamen Wilhelm(45), Caroline(8) und ihre mittlerweile fünf Kinder Caroline(1) (geboren 1792), Wilhelm(1) (1794), Theodor(1) (1797), Adelheid(1) (1800) und Gabriele(1) (1802) in Rom(5) an. Sie wohnten zunächst in der Villa de Malta, die sich schon bald als viel zu klein für die Familie erwies. Im Frühjahr 1803 zogen sie in den Palazzo Tomati an der Via Gregoriana, nahe der Spanischen Treppe. Sie freuten sich über die schöne Aussicht auf ganz Rom. Es war zwar keine glänzende Stelle mit großem Renommee, die Humboldt(46) einnahm. Diplomatisch hatte er allgemeine Kirchenfragen zwischen Preußen und dem Vatikan zu klären, wobei es besonders die Verhältnisse zwischen den katholischen preußischen Staatsbürgern und Papst Pius VII.(1) zu regeln galt. Aber es war ja auch nicht der Posten, der ihn nach Rom(6) gelockt hatte. Rom galt ihm als der ausgezeichnete Ort, an dem sich für ihn das ganze griechische und römische Altertum(5) in einer Gestalt verdichtete. Wilhelm und Caroline(9) verschlossen ihre Augen nicht vor dem Elend der Bevölkerung und der Verschmutzung der Stadt, deren enge Straßen voller Unrat waren. Doch alle negativen Seiten wurden aufgehoben durch die Spuren, die das große und imposante Altertum(6) in der italienischen Metropole hinterlassen hatte. Die aktuellen Wahrnehmungen waren durch eine antike(5) Aura geschichtsgesättigt, die auf Schritt und Tritt zu erleben war.
Die Stellung als preußischer Resident wurde gut bezahlt. Seine Geschäfte ließen Humboldt(47) genügend Zeit, zusammen mit seiner Frau den Palazzo Tomati zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt zu machen, an dem sich die politische, wissenschaftliche(1), künstlerische und literarische Elite traf, um sich im Geist des klassischen Altertums(7) gemeinsam zu bilden. Zu den Gästen gehörten unter anderen Lucien Bonaparte(1), der Bruder Napoleons(3), und der bayerische Kronprinz Ludwig, die Bildhauer Bertel Thorvaldsen(1), Christian Rauch(1) und Christian Friedrich Tieck(1), auch der spätere Baumeister Karl Friedrich Schinkel(1), sowie August Wilhelm Schlegel(1), der Begründer der literarischen Romantik in Deutschland, in Begleitung von Madame de Stael(1).
Während sich seine diplomatische Tätigkeit in engen Grenzen hielt, konnte sich seine Bildungswelt erweitern und vertiefen. Es waren sechs glückliche Jahre in Rom(7), weil Humboldt(48) hier erleben konnte, was ihn seit Beginn seiner Existenz als Privatgelehrter begeisterte. Seinen Freund Carl Gustav von Brinckmann(2) informierte er, dass sich ihm alles, was er in Rom(8) sah und studieren konnte, in »Form(3) der Kunst und der Phantasie(1)« zeigte. Jedes Einzelne lenkte den Blick auf etwas Allgemeines. Es zersplitterte und vereinzelte nicht die Wahrnehmungen und Gedanken, sondern versammelte sie auf jenes »Ganze«, das schon der junge Wilhelm seinem Bildungstrieb(6) als Ziel vorgezeichnet hatte.
Doch dieses Glück war nicht ungetrübt. Deprimierende Ereignisse drohten ihn zu überwältigen. Der plötzliche Tod seines ältesten Sohnes Wilhelm Mitte August 1803 ließ ihn am Leben in seiner Sterblichkeit verzweifeln. Dann entschloss sich Ende Februar 1804 seine über alles geliebte Frau, mit zwei ihrer Kinder Rom(9) zu verlassen und nach Paris(4) zu ziehen, um dort ihrem Liebhaber, dem schlesischen Grafen Gustav von Schlabrendorff(1), nahe zu sein. Und schließlich starb Anfang Mai 1805 Friedrich Schiller(11), der, wie Humboldt(49) am 8. Juni 1805 an den gemeinsamen Freund Christian Gottfried Körner(2) schrieb, der »Leitstern aller meiner intellektuellen Richtungen« gewesen war. »Alles Beste in mir war immer an ihn gerichtet, und zugleich gab er mir auch immer die Stimmung und die Kraft(3).«
Gegen all diese Verlusterfahrungen, die ihn von außen beunruhigten, vermochte er sich jedoch mit dem stoischen Gedanken zu trösten, dass es doch eigentlich nicht darauf ankomme, in der Welt glücklich zu leben(4), sondern sein eigenes inneres Wesen festzuhalten und in sich selbst zu bilden, um mit einer Art schonungsloser Kühnheit im äußeren Leben(4) bestehen zu können. Man kann es nachlesen in den zwei großen Arbeiten, in denen sich Humboldt(50) in die Ideenwelt(7) der altgriechischen Kultur(8) versenkte, um dort zu finden, was ihm innere Sicherheit(3) und Seelenruhe(2) bieten konnte.
Um 1806 begann er Latium(1) und Hellas(1) oder Betrachtungen über das classische Altertum(8) zu schreiben, um jenen Genuss bewusst zu machen, den er in der Sprache(1), Kunst und Literatur, in der Geschichte und der Lebensform(5) der römischen und griechischen Antike(6) zu finden glaubte. Wie Beschwörungen klangen seine Darstellungen des griechischen Menschen, den er bewunderte, weil er sich nicht auf die Welt als Gesamtheit vereinzelter Dinge und Tatsachen beschränkte, sondern in allem, was er tat, empfand und dachte, eine ganzheitliche Menschlichkeit anstrebte. In Latium(2) und Hellas(2) versuchte Humboldt(51), die Ideale(2) und Ideen(8) des klassischen Altertums(9) für die Moderne zu vergegenwärtigen. Er versuchte, das Streben und die Sehnsucht(1), die Energien(8) und Kräfte(4) bewusst zu machen, die einst gewirkt hatten und die es wieder zu erwecken galt, um im Heute bestehen zu können.
Dass dieser Appell auch politisch gemeint sein konnte, dokumentiert Humboldts(52) große Untersuchung der Geschichte des Ver-falls und Unterganges der Griechischen Freistaaten, die er 1807/08 anstellte. Sie wurde angeregt durch die katastrophalen Niederlagen Preußens in den Schlachten bei Jena(3) und Auerstedt am 14. Oktober 1806. Denn auch in dieser Arbeit ging es wesentlich darum, gegen die äußeren Verhältnisse, die in den Untergang und die Verzweiflung zu reißen drohten, jene inneren Energien(9) bewusst zu machen, die einst in der griechischen Kultur(9) und Charaktereigenschaft(3) vorbildlich zum Ausdruck gekommen waren. Die Geschichte der griechischen Freistaaten sollte als Muster für die geistig und politisch anzustrebende Entwicklung Deutschlands dienen. Es galt, einen geistigen und sittlichen Bildungstrieb(7) zu reaktivieren, um den gewaltsamen, übermächtigen Verhältnissen widerstehen zu können, und einen Drang zur Freiheit(5) lebendig zu halten, der vielleicht nie sein Ziel erreichen kann, aber gerade deshalb eine immerwährende Sehnsucht(2) zu evozieren vermag, die gegen alle widrigen äußeren Ereignisse innere Ruhe und Heiterkeit bewahren hilft.
Doch trotz all seiner bewundernden Rückblicke in das klassische Altertum(10) war es Humboldt(53) klar und deutlich bewusst, dass es zwischen vergangener und gegenwärtiger Welt eine »Kluft« gab, die nicht zu überbrücken war. War es also nur seine subjektive Illusion, wenn er Rom(10) als den Ort für »die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte(4) zu einem Ganzen« erlebte? In seinem ausführlichen Brief vom 23. August 1804 an Goethe(2) beantwortete er diese selbstkritische Frage mit dem doppelsinnigen Hinweis, dass eine phantasievolle(2) Einbildungskraft(1) wirksam sein müsse, wenn man, wie er selbst und sein Freund Goethe(3), Rom(11) als den Ort vergangener Größe sieht: »Wie Homer(3) sich nicht mit andern Dichtern, so läßt sich Rom(12) mit keiner andern Stadt, Römische Gegend mit keiner andern vergleichen. Es ist allerdings das Meiste an diesem Eindruck subjectiv, aber es ist nicht bloß der empfindelnde Gedanke zu stehen, wo jener oder dieser große Mann stand. Es ist ein gewaltsames Hinreißen in eine von uns nun einmal, sey es auch durch eine nothwendige Täuschung, als edler und erhabener angesehene Vergangenheit; eine Gewalt, der selbst, wer wollte, nicht widerstehen kann, weil die Oede in der die jetzigen Bewohner das Land lassen, und die unglaubliche Masse der Trümmer selbst das Auge dahin führen, und da nun diese Vergangenheit dem innern Sinn in einer Größe erscheint, die allen Neid ausschließt, an der man überglücklich sich fühlt nur mit der Phantasie(3) Theil zu nehmen, ja an der keine andere Theilnahme nur denkbar ist.«
So war Rom(13) für den Bildungsbürger Humboldt(54) nicht nur der Ort, an dem er die glücklichsten Jahre seines Lebens verbrachte. Es war auch das Symbol einer Vergänglichkeit, der sich die erhabene Größe der antiken(7) Kultur(10) nicht entziehen konnte; und zugleich das Symbol eines Weltzusammenhangs, wie er einst geistig und ästhetisch bestanden hatte und im gegenwärtigen Rom(14) nacherlebt werden konnte, obwohl nur mit dem wehmütigen Gefühl, dass der moderne Mensch sich mit den leblosen Trümmern und Spuren zufrieden geben müsse, wenn er sich auf die Suche nach der verlorenen Ganzheit begibt, in der Hoffnung, dass sie dennoch lebendig vergegenwärtigt werden könne. In seiner 61 Strophen langen, Vergangenheit und Gegenwart vermittelnden Elegie Rom(15) hat er dafür die Worte gefun-den:
»Denn es soll vergehn des Menschen Treiben;
Ewig währet nur, was leblos starrt.
Nichts soll von der langen Vorzeit bleiben,
Was nicht lebend trägt die Gegenwart;
Kraft an Kraft(5) sich funkensprühend reiben,
Hauch beleben Hauch, nach Geisterart.
Der selbst, von dem alles Leben(1) stammet
Ist nur ewig, weil stets neu er flammet.«
Es waren persönliche Gründe, die Humboldt(55) schließlich im September 1808 einen »Heimaturlaub« beantragen ließen. Ein paar Eigentumsverhältnisse mussten geklärt werden. Am 14. Okto-ber verließ er das geliebte Rom(16), in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ohne es zu wollen, geriet der Urlauber in eine Problemsituation, die alles ändern sollte. Wilhelm von Humboldt(56) hat Rom(17)
