Bin ich eigentlich bekloppt? - Jörg Pilawa - E-Book

Bin ich eigentlich bekloppt? E-Book

Jörg Pilawa

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Beschreibung

Wie wir im Wahnsinn des Alltags uns selbst nicht verlieren

Jörg Pilawa lässt sich vom anstehenden 50. Geburtstag nicht in die Sinn-Krise jagen, er schreibt lieber ein Buch. Mit entwaffnender Offenheit und viel Humor schildert er seine Welt mit Kindererziehung, Schule und Job. Eben den täglichen Wahnsinn, den wir alle mitmachen. Warum eigentlich?

Regelmäßig gönnt er sich und seiner Familie offline-Zeiten aus dem rastlosen Alltag. In der Wildnis Kanadas, wenn alle Systeme heruntergefahren sind, spürt er, wie das Leben auch sein kann: reduziert, stressfrei und konzentriert auf die Menschen und Dinge, die wichtig sind. Wie sehr uns solche Erfahrungen im täglichen Hochgeschwindigkeitsrausch erden können, erzählt er in diesem Buch. Der beliebte Moderator gewährt uns berührende und persönliche Einblicke in sein Leben.

Ein ungemein entlastendes Buch für seine Generation und ein ideales Geschenk für seine vielen Fans.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2015

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JÖRG PILAWA

BIN ICH EIGENTLICH BEKLOPPT?

Vom Mut, die richtigen Dinge zu tun

Gütersloher Verlagshaus

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2015 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © achim van gerven photography / Hamburg

ISBN 978-3-641-16621-2V003

www.gtvh.de

INHALT

ANSTELLE EINES VORWORTS

Fasten für den inneren Frieden – Wie soll der Kopf ruhig bleiben, wenn der Magen knurrt?

ERSTER FASTENTAG

Unfreiwillige Rückblicke – Dem Vergessen (leider) entrissen

Neinsagen will gelernt sein

Familie erdet

Bonbonfarbene Sakkos, keine Telefonleitung in Bulgarien und wie mich Franz Beckenbauer mal gerettet hat

ZWEITER FASTENTAG

Helikopter-Eltern, Lernentwicklungsgespräche und was mein Vater wohl dazu gesagt hätte

Chancenlose Kinder: das andere Extrem unserer Erziehungswelt

Gelassen das Beste für seine Kinder tun!

Schulzeit ohne Politikverdruss

Katzenjammer ist die Schwester vom Muskelkater

Von der Kunst, sich richtig auszupowern

Leben in der Multioptionsgesellschaft – zu viel wählen kann quälen

Kinder verwöhnen? Klar, aber in Grenzen! Etwas mehr »Friss oder stirb« schadet nicht

Wir Eltern haben zu viel Furcht, konsequent zu sein

Spagat-Eltern: Gibt es bald mehr Väter in Teilzeit?

DRITTER FASTENTAG

Mief, Schweiß und Tränen

Whisky-Hype? Nein, danke!

Spätberufener Handwerker: Es liegt in der Familie

Die gemeinsame Zeit vor dem Tod nutzen: Warum ich manche Pläne nur ungern verschiebe

Hauptsache weit weg von hier!

Erste Liebe: Warum der Vater meiner Freundin plötzlich den Trockenstrauß gießen musste

Aufklärung damals und heute: Beides bekloppt, nur eben anders

VIERTER FASTENTAG

Der Hunger verschwindet, und trotzdem werde ich schwach

Einschaltquoten versus Entschleunigung

FÜNFTER FASTENTAG

Fernsehen, Internet & Co – Wohin steuert die Unterhaltung?

Castingshows – es gibt auch gute

Kinder und Castingshows: eine beunruhigende Mischung

Wetten, dass ... es weitergeht?

Die Rache des kleinen Mannes

Das Internet verbreitet Unwahrheiten schneller

Der Journalismus der Vielen

Der Schwiegersohntyp ist ja doch ganz spontan

Tweets machen noch keine Quote: mehr Gelassenheit bitte!

Bei Dir piept’s

Bestellte Klo-Paparazzi

Wenn Pädagogen hinterherhinken

Digitale Schaumschlägerei

Online- und Offlinesein lässt sich regeln

SECHSTER FASTENTAG

Kanada und Neuseeland – Unsere Zeit im Off

Genug ist genug: Vom Mut, weniger zu machen

SIEBTER FASTENTAG

Entspannter leben mit 50

1. Du sollst das Wochenende heiligen!

2. Sei auch mal offline!

3. Keine Sentimentalitäten: Was vorbei ist, ist vorbei!

4. Guck nicht nur über den Tellerrand, sondern verlass auch mal den Teller!

5. Hör mehr auf Dich und weniger auf andere!

ANSTELLE EINES NACHWORTS

Entspannter leben mit 50

ANSTELLE EINES VORWORTS

Fasten für den inneren Frieden – Wie soll der Kopf ruhig bleiben, wenn der Magen knurrt?

Nun werde ich also 50. Zeit für die Midlifecrisis! Soll ich mir ein Cabrio kaufen? Mir eine junge Geliebte suchen? Oder ein Buch schreiben? Ich fange einfach mal mit dem Buch an. Der Schauplatz für mein philosophisches Hauptwerk, das 1. Buch Jörg, jedenfalls stimmt schon mal: Ein Schloss aus dem 19. Jahrhundert, ein antik möbliertes Herrenzimmer, ein edler Schreibtisch aus Mahagoni und ein mit grünem Samt bezogener Sessel: Die gesamte Szenerie könnte direkt der Serie »Downton Abbey« entsprungen sein. Fehlt eigentlich nur noch der Kammerdiener, der anklopft und mit professioneller Unterwürfigkeit fragt: »Wünschen Mylord noch einen Scotch?«

Aber das alles hat mit der Realität ebenso wenig zu tun wie eine Queen, die höchstpersönlich die Monarchie abschafft und sämtliche Adelstitel kurzerhand gleich mit.

Immerhin sitze ich hier in einer Fastenklinik. Den Drink kann ich mir nicht aussuchen und er wurde bereits serviert: Glaubersalz, schön in Wasser aufgelöst. Ich hätte das natürliche Abführmittel wahlweise auch in diverse Säfte einrühren können, aber erstens steigert das den Genuss der bitteren Plörre auch nicht und zweitens sind wir ja nicht zum Vergnügen hier: Verzicht lautet die oberste Devise.

Ich bin mit dem Ziel angereist, der Klassenprimus unter den versammelten Teilzeit-Asketen zu werden: Eine Woche knallhart jeglicher Nahrung entsagen, dann die Rendite einfahren in Form von Glücksgefühlen, Weisheit und lebensverändernden Einsichten. Wenn nicht sogar schon währenddessen. Okay, ich will ehrlich zu Ihnen sein: Die Eitelkeit will in den kommenden Tagen auch befriedigt werden. Mit 50 zählen die inneren Werte – nur wölben sich jene in Form eines Bauches nach außen. Also: Erleuchtung darf schon sein, aber bitte ohne Kugel auf den Hüften!

Ich fühle mich reif und erwachsen wie selten zuvor in meinem Leben.

Man reiche mir Büttenpapier, Federkiel und Tintenfass. Es kann ja nur eine Frage von Stunden sein, bis sich Einsichten ihren Weg bahnen, die mir und womöglich sogar Zigtausenden anderen Menschen den Pfad zur ewigen Zufriedenheit weisen.

Und so etwas kann man wirklich nicht mal eben schnell in seinen Tablet-PC hacken, wo bleibt denn da der Zauber für die Nachwelt? Meine Euphorie wird sich bald geben, aus Erfahrung weiß ich bereits, dass die wundersame Erleuchtung wohl auch in dieser Woche ausbleiben wird. Schließlich tue ich mir diese Fasterei schon zum zweiten Mal an. Warum eigentlich?

Ich habe mir doch schon bewiesen, dass ich eine Woche nur mit Tee, Sport und heißen Leberwickeln durchstehen kann. In spätestens zwei Stunden werde ich meinen Sitzplatz wechseln müssen. Der Neue wird aus dem 21. Jahrhundert stammen, ist nach unten offen und verfügt über eine Wasserspülung.

Warum fallen wir Menschen nur auf die Werbung rein und glauben, dass unser Darm frei nach dem Slogan »Abflussfrei, das macht den Abfluss frei« gespült gehört.

Glauben Sie mir, in den kommenden Tagen werden meine Gedanken häufig um meine Verdauung kreisen, aber ich verspreche hiermit, Sie, liebe Leser, nur in begründeten Ausnahmefällen daran teilhaben zu lassen.

ERSTER FASTENTAG

Unfreiwillige Rückblicke – Dem Vergessen (leider) entrissen

Interessanterweise fühlt man sich in dieser Atmosphäre schon nach wenigen Stunden sehr klein und wird demütig. Völlig überraschend muss ich mich an eine der schwärzesten Stunden meines Berufslebens erinnern: Eine Episode, die mein Gehirn eigentlich schon längst dauerhaft im Ordner »gelöschte Objekte« abgelegt hatte. Ich muss an den Deutschen Filmpreis 2003 denken: ein Tiefpunkt meiner Karriere. Es gibt viele Gründe, um eine Sendung zu moderieren: Der mit Abstand dämlichste ist allerdings ein Missverständnis.

Der 6. Juni 2003 war ein extrem schwül-heißer Abend in Berlin, die Gäste der Filmpreisgala fächelten sich reihenweise Luft mit ihren Sitzkissen zu, aber niemand musste so sehr schwitzen wie ich auf der Bühne. Mein Büro hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, den Deutschen Fernsehpreis zu moderieren. Ich fühlte mich wahnsinnig geehrt und habe sofort zugesagt. Natürlich hatte sich schon wenige Tage später herausgestellt, dass es in Wirklichkeit um den Deutschen Filmpreis ging.

Ich habe von Film wirklich überhaupt keine Ahnung, ich hatte damals zwei kleine Kinder zu Hause, und während der durchschnittliche Deutsche anderthalbmal pro Jahr ins Kino geht, lag mein Schnitt damals ganz klar bei null. Der letzte Film, den ich bewusst gesehen hatte, war »Der mit dem Wolf tanzt« – und nicht einmal den hatte ich zu Ende gesehen. Die Szene, in der Kevin Costner liebevoll mit der Hand über die Ähren streicht, kenne ich nur aus Erzählungen, weil ich da im Kinosessel längst tief und zufrieden schlummerte. Nun sollte der Nichtcineast schlechthin den Deutschen Filmpreis präsentieren. Noch dazu sind viele nominierte Filme bei dieser Veranstaltung ja alles andere als Blockbuster, sondern Kunstfilme. Kurzum: Ich war objektiv gesehen die größtmögliche Fehlbesetzung, und das war mir von Anfang an auch klar. Aber ich hatte nun mal zugesagt, stand jetzt im Wort und litt mit 38 noch unter dem Sprachfehler, nicht Nein sagen zu können. Man hatte mir ein Drehbuch zur Preisverleihung vorgelegt, das mich geradezu zum Kulturpapst stilisierte. Ich hatte keinen einzigen dieser Filme gesehen und sollte auftreten wie der Reich-Ranicki des deutschen Kinos. Dazu ein Feuerwerk an Insidergags, die ich selbst größtenteils nur mit Mühe verstand. Der Gedanke, als Hochstapler vor den wichtigsten deutschen Schauspielern, Regisseuren und Produzenten dazustehen, war mir wahnsinnig unangenehm.

Deshalb hatte ich gemeinsam mit Show-Autoren, die ich aus anderen Produktionen kannte, die Vorlage ein wenig entschärft und – wie ich fand – »volksnäher« gemacht. Die Folge war ein Rieseneklat am Vorabend der Gala. Eine längere und lautstärkere Diskussion habe ich seitdem bei keiner anderen Sendung mehr erlebt, es fielen Worte wie »unterirdisch« und »Rummelplatzniveau«. Am Ende einer stundenlangen, hitzigen Debatte wurden einige wenige meiner Änderungen übernommen und der Vorschlag zur Güte lautete: Ich solle einfach einen Prompter benutzen.

Für alle, die sich darunter wenig vorstellen können: Bei einem Prompter läuft der vorgesehene Text parallel auf einem Monitor unter der Kamera mit und der Moderator kann ihn ablesen, ohne dass es dem Zuschauer auffällt. So lautet zumindest die Theorie. Wer mit diesem Hilfsmittel ungeübt ist, der liest im schlimmsten Fall stockend wie ein Grundschüler, der die Zeilen noch unsicher mit dem Zeigefinger abfährt. Und ich war ungeübt.

Ich habe mich selten so unwohl und bekloppt gefühlt wie in dem Moment, als ich auf dieser Bühne stand, die Augen starr auf die 20 Meter entfernten Textausschnitte gerichtet, auf die ich leider angewiesen war. Da ich normalerweise frei spreche, habe ich auch mal den einen oder anderen Nebensatz eingeflochten, der nicht im Skript stand. Ein grober Fehler, denn das brachte den Kollegen, der den Prompter bedient hat, komplett aus dem Konzept. Er fing an, die Stellen zu suchen, die es im geschriebenen Text ja gar nicht gab, und ich sah mit wachsender Unruhe die Passagen vor mir hektisch auf- und abwandern. Ich suchte mir also irgendwelche zufällig vorbeifahrenden Zeilen aus, bei denen ich wieder einstieg, und war mir in diesem Moment nicht mehr hundertprozentig sicher, ob das, was ich da gerade erzählte, überhaupt noch einen Sinn ergab. Schließlich kam es, wie es kommen musste: Zu allem Überfluss fiel der Prompter irgendwann aus. Ich stand vor einem schwarzen Monitor und war selbst komplett blank. So ahnungslos war ich das letzte Mal gewesen, als ich in der Schule an der Tafel die DNA-Doppelhelix erklären sollte und mein Lehrer mein Stammeln mit den Worten kommentierte: »Jörg, in Bio ist für Dich der Zug abgefahren!«. Pädagogisch zweifelhaft, inhaltlich völlig korrekt.

Anders als in der Lehranstalt stand mir beim Deutschen Fernsehpreis eine helfende Fee zur Seite. Die Regieassistentin schrieb mir die Namen der nächsten Gäste eilig auf Pappen, und ich salbaderte mithilfe von leeren Phrasen durch den Rest des Abends. Mit Ankündigungen wie »eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands« machen Sie eigentlich nie etwas falsch. Getoppt werden diese Phrasen nur noch von solchen: »Er ist einer der Besten, die wir haben!«. Das kann man sogar verwenden, wenn man bei einem kompletten Blackout gerade nicht weiß, ob es sich beim nächsten Gast um einen Schauspieler, Musiker, Sportler, Regisseur oder meinetwegen Hunde-Dompteur handelt. Persönlich und originell geht natürlich anders. Interessanterweise war die Einschaltquote mehr als ordentlich für diese Veranstaltung und plötzlich hatten einige der Verantwortlichen doch noch das Gefühl, dass der Pilawa die richtige Wahl war. Aber das Zuschauerinteresse hatte nichts mit mir zu tun, ich war an diesem Abend wirklich grottenschlecht – und möchte mich an dieser Stelle bei allen Verantwortlichen für diesen medialen Supergau entschuldigen.

Neinsagen will gelernt sein

Jetzt, in diesem Moment, in dem sich das Leben zwischen Sessel und Keramik abspielt, kann ich darüber lachen. Ich wage zu behaupten, dass ich heute den Arsch in der Hose hätte, den Verantwortlichen zu sagen: »Tut mir leid, meine Zusage war ein Versehen, glauben Sie mir, es ist für uns alle besser, wenn Sie einen meiner Kollegen fragen. Ich rufe ihn auch gern persönlich an.«

Das Wort »Nein« geht mir heute leichter über die Lippen als noch vor zehn Jahren.

Das Älterwerden hat also doch Vorteile. Die Haut mag schlaffer werden, ich bin dafür durchsetzungsstärker, es fällt mir sehr viel leichter, für meine Interessen einzustehen und den Erwartungen von außen nicht jedes Mal gerecht werden zu müssen.

Der folgende Deutsche Filmpreis wurde übrigens von Jessica Schwarz und Ulrich Wickert moderiert, die Süddeutsche Zeitung lobte damals, dass man dem Publikum immerhin »Pilawas Peinlichkeiten« erspart habe. Mein bleibendes Verdienst ist es somit, die Latte für meine Nachfolger tief gehängt zu haben.

Immerhin. Mein Vermächtnis für die Nachwelt.

Familie erdet

Glücklicherweise ist meiner Familie mein Job ziemlich gleichgültig. Es ist egal, ob ich gerade gefeiert oder heftigst verrissen wurde. Sobald ich die Haustür aufschließe, werde ich sofort geerdet. Meine Frau läuft weder gern über rote Teppiche, noch liegt ihr etwas daran, in der Boulevardpresse aufzutauchen.

Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Auftritt bei einer Musicalpremiere in Hamburg. Vor dem ersten Akt steht bei solch einer Veranstaltung der Spießrutenlauf durch die wartenden Fotografen. Händchenhaltend schritt ich mit meiner Göttergattin das Blitzlichtgewitter ab, als mir ein »Knipser« respektlos zurief: »Pilawa, wer ist die Frau an Deiner Seite?«. Mir entfleuchte der Satz: »Meine Geliebte, aber erzählen Sie das bitte nicht meiner Frau.« Es hätte seine Story werden können, es reichte aber nur für die Bildunterschrift: »Selten gesehene Gäste«.

Auch wenn meine Frau mir mit Rat und Tat zur Seite steht und mir in stressigen Produktionszeiten den Rücken freihält, wenn die Klappe gefallen ist, nimmt zu Hause – zum Glück – niemand groß Notiz davon, dass ich vielleicht gerade von einer Samstagabendshow komme, genauso gut könnte ich auf einer Messe für Autoteilezulieferer gewesen sein oder bei der Jahreshauptversammlung der Zahntechniker.

Alle Fragen, die mich umgetrieben haben, seit der Abspann durchgelaufen ist, sind auf einen Schlag unwichtig. Haben wir dramaturgische Fehler gemacht? Habe ich bei der Bemerkung von Gast XY gepennt? Hier und da hätte ich doch schön kontern können und sollen! War ich an einer anderen Stelle vielleicht zu forsch und zu direkt? All das ist plötzlich vollkommen egal. Meine dreijährige Tochter hat gerade wieder Friseur gespielt und ihrem Plüschseelöwen diesmal aus Versehen den Bauch aufgeschlitzt. Das Tier ist schwer verletzt und muss natürlich sofort gerettet werden – zwecklos, sie auf morgen zu vertrösten.

Und während ich schnell die Jacke in die Ecke pfeffere und umständlich mit Nadel und Faden hantiere, sagt sie plötzlich: »Ich hab Dich gesehen, hast Du mich auch gesehen?« Ich sage: »Ach wie blöd, da hab ich wohl leider vorbeigeguckt!« Sie sagt nur »schade« und tapert mit ihrem frisch geflickten Seelöwen davon.

Ich bin unglaublich froh, dass ich heute nach einer Sendung so schnell abschalten und mich wieder auf das Hier und Jetzt einlassen kann. Das ist mir früher nicht so leicht gefallen. Heute ist mir klar: Meine Arbeit ist vergänglich, nichts ist so alt wie die Show von gestern.

Diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu, aber erst seit wenigen Jahren gelingt es mir, auch einigermaßen konsequent danach zu leben.

Bonbonfarbene Sakkos, keine Telefonleitung in Bulgarien und wie mich Franz Beckenbauer mal gerettet hat

Dass ich meinen Beruf heute überhaupt ausübe, grenzt an ein Wunder, wenn ich mir meine Premiere vor der Kamera im Nachhinein vor Augen führe. Ich muss mich allerdings ausschließlich auf meine Erinnerung verlassen. Höhere Kräfte wie der Erdmagnetismus, Feuchtigkeit, die Auflösung der Bandbeschichtung oder sogar ein Zusammenspiel dieser Komponenten haben dafür gesorgt, dass die VHS-Kassette, mit der mein Auftritt damals zu Hause aufgezeichnet worden war, leider nicht mehr abspielbar ist. Mit diesem Material wäre ich bis vor wenigen Jahren erpressbar gewesen, ich hätte vermutlich sogar mein Haus, mein Auto oder eine Niere für dieses Band hergegeben, damit es nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Mir diesen Mitschnitt freiwillig anzusehen, wäre mir noch vor kurzem nicht in den Sinn gekommen, zu groß wären die Scham und die Furcht gewesen, diesen Moment noch einmal zu durchleiden. Beim Gedanken daran hatte ich nicht nur einen Kloß im Hals, sondern fast schon eine Bowlingkugel. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass ich sogar ehrlich darüber lachen könnte, es ist einfach genügend Zeit verstrichen.

Ich weiß nicht, was das Schlimmste war, aber sicher ist, dass das Grauen schon beim Sakko begann. Die Moderatoren von Sat1 waren zu jener Zeit kinderleicht an ihren bonbonfarbenen Jacketts zu erkennen, bevorzugt wurden Modelle in Grellgrün und Leuchtrot. Für die Fernsehzuschauer war das bestimmt eine gewaltige Erleichterung. Wenn es beim schnellen Durchschalten kurz flimmerte, wusste das geneigte Publikum: »Aha, Orange blitzt auf – Sendung mit der Maus. Stechendes Grün oder Rot – kann nur Sat1 sein.« Wir bei »Sat1 Regional Nord« trugen natürlich auch mit dem gebotenen Stolz diese Farben, allerdings wurde nicht jeder Moderator individuell ausgestattet, der Sponsor war bei unserem Regionalfenster wohl sparsamer als beim bundesweiten Programm.

In unserem Fundus hingen die Sakkos einfach in einer mittleren Größe, bei dem einen saßen sie zu eng, beim anderen schlackerten sie, aber letztlich passte das moderierende Personal mit ein bisschen gutem Willen schon hinein. Meine ersten Regionalnachrichten präsentierte ich in dem beliebten grellgrünen Modell, welches so weit von meinem Körper abstand, dass ich darin aussah wie ein ausgemergelter Konfirmand, der die abgelegten Klamotten seines leider 30 Kilo schwereren großen Bruders auftragen musste.

Es galt, ganze fünf Meldungen vorzutragen, die ich zuvor selbst verfasst hatte. Vor lauter Nervosität bin ich sie vor der Sendung mindestens 50-mal durchgegangen und war irgendwann so verunsichert, dass es mit jedem Versuch schlimmer wurde.

Als ich dann im Studio stand und meine Kamera Rotlicht hatte, mein Startsignal, holte ich einmal tief Luft und raste dann in einem Stück, ohne auch nur eine Sekunde abzusetzen, durch meinen Nachrichtenblock. Jeder kennt den Sprecher, der nach der Arzneimittelwerbung im Fernsehen immer möglichst zügig den Pflichtsatz »Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker« abfeuert. Stellen Sie sich vor, dieser Mann würde im identischen Tempo die Tagesschau präsentieren, dann bekommen Sie einen ziemlich genauen Eindruck von meiner Fernsehpremiere. Ich kokettiere nicht, wenn ich sage, dass ich ehrlich erstaunt war, dass ich am nächsten Tag wiederkommen durfte. Der Redaktionsleiter gab mir vor meinem zweiten Einsatz einen Tipp, an den ich bis heute noch oft denke. Er sagte: »Wenn Du in dieses schwarze Loch der Kamera hineinmoderierst, stell es Dir immer als das Gesicht Deines besten Freundes vor, erzähl es ihm.« Kaum zu glauben, aber dieser knappe Hinweis sorgte wirklich schon für eine leichte Verbesserung. Heute mit 50 kann ich locker über meine Geburtswehen schmunzeln, eine kleine Kostprobe gibt’s bei YouTube (Suchbegriffe: Sat.1 TopNews Jörg Pilawa 1994), bei diesem Ausschnitt war ich allerdings schon ein bisschen mehr in Übung.

Um aus mir tatsächlich einen Profi zu machen, sollte ich dann auch noch Sprechunterricht bekommen. Allerdings scheiterte die Trainerin kläglich bei dem Versuch, mir meine Hamburger Aussprache auszutreiben. Wir an der Waterkant Geborenen neigen ja dazu, die Vokale zu dehnen und somit alles ein bisschen breiter zu sprechen. Vielleicht lag es daran, dass in meinem Unterbewusstsein nach vielen Jahren Tanzsport verankert war, dass Dehnen wichtig ist. Ich ließ es mir jedenfalls auch beim Sprechen partout nicht austreiben.

Die vom Sender bezahlte Hüterin der kurzen Vokale, die immerhin nach Stunden abrechnete, schien kein gesteigertes Interesse daran zu haben, mir weiterhin Unterricht zu geben. Sie attestierte mir in korrektem Hochdeutsch völlige Talentfreiheit und verschwand. Ich fürchtete nun, dass das wohl das Aus für meine weiteren Ambitionen beim Fernsehen bedeuten würde. Glücklicherweise war mein Chef der Überzeugung, dass der Erfolg, den die zu dieser Zeit noch relativ jungen regionalen Radio- und Fernsehsender hatten, genau darin begründet lag, dass man uns unsere Herkunft anhörte. Seiner Meinung nach waren wir näher am Publikum, weil wir eben nicht so steril sprachen wie die öffentlich-rechtliche Konkurrenz.

Vielleicht war das aber auch nur seine Art, die Not, dass er damals nicht genügend Medienprofis mit hochdeutscher Aussprache zur Verfügung hatte, kurzerhand zu einer Tugend zu erklären. Ich war jedenfalls zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnte mit der unverwechselbaren Kombination aus breiten Sakkos und breiten Vokalen weitere Fernseherfahrung sammeln. Beim Radio hatte ich schließlich schon einiges erreicht und auch durchlitten.

Auf dem Weg in die Fastenklinik habe ich auf irgendeinem Radiosender diesen alten Hit von Bryan Adams gehört: »Everything I do, I do it for you«. Bis heute in Deutschland die erfolgreichste Single für den Rockstar aus Kanada, der mittlerweile lieber fotografiert und vor kurzem erst den Kollegen Gottschalk in Szene gesetzt hat, inklusive einer nackten Brust. Ein Mann von 65 Jahren darf das, eine Frau wäre sicherlich nicht ohne die Schlagzeile »Ganz Deutschland diskutiert ihren Busenblitzer« davongekommen.

Ich schweife ab, die meisten denken bei diesem Song wahrscheinlich an den Film »Robin Hood«, für dessen Soundtrack er geschrieben wurde. Ich bin in Gedanken sofort in Bulgarien. Keine naheliegende Assoziation, ich weiß, aber als dieser Titel auf Platz eins der deutschen Hitparade stand und überall in Dauerschleife lief, hatte ich meinen ersten Auslandseinsatz als Fußballreporter für den Radiosender RSH.

Am 6. November 1991 durfte ich den Flieger in die bulgarische Hauptstadt Sofia besteigen. Übrigens auch der Tag, an dem in der Sowjetunion der Geheimdienst KGB aufgelöst wurde. Letztlich war es nur ein Relaunch, seitdem heißt er einfach FSB und nutzt dieselben Ressourcen wie zuvor, so wie die Twix-Packung ja auch immer noch Raider enthält. Eine Umbenennung, die übrigens auch 1991 erfolgte. Conchita Wurst feierte ihren dritten Geburtstag und bekam vielleicht ihren ersten Rasierer geschenkt und der Hamburger Sportverein trat im UEFA-Cup gegen den ZSKA Sofia an.

Ja, liebe Kinder, es gab eine Zeit, als der HSV noch international spielte! Nicht nur das, er hat sogar gegen ausländische Top-Clubs gewonnen, in diesem Fall besiegte er den Gastgeber deutlich mit 4:1. Der Fußballreporter Pilawa hätte also frohe Kunde in die Heimat übermitteln können, wenn nicht dummerweise gerade das Jahr 1991 gewesen wäre. Flächendeckende Mobilfunknetze in ganz Europa lagen leider noch in weiter Ferne, das Internet war eine Spielerei für ein paar ausgewählte Wissenschaftler, es blieb also nur das Telefon. Klar, liebe Kinder, Ihr sagt jetzt: »Kenn ich von Oma, Festnetz oder wie das heißt, wo ist das Problem?«.

Bulgarien hatte ungefähr zeitgleich mit der DDR den Sozialismus abgeschüttelt, aber anders als im wiedervereinigten Deutschland war nicht sofort die Telekom mit Hundertschaften ausgerückt, um neue Leitungen zu verlegen und Millionen neuer Kunden zu gewinnen.

Die Ränge im Stadion waren übrigens immer noch voller Soldaten. Dass eine Ära der Freiheit angebrochen war, erkannte man nur daran, dass vor dem Anpfiff an diesem eiskalten Herbsttag auf der Aschenbahn noch schnell eine »Miss Bikini« gewählt wurde. Willkommen im Showbusiness. Nach dem Abpfiff begann dann für mich das Missvergnügen. Geschlagene fünf Stunden lang versuchte ich, vom Hoteltelefon aus eine Leitung ins Funkhaus in Kiel zu bekommen.

Das Telefonnetz war komplett überlastet, dafür sorgten nicht nur wir Sportreporter in Bulgarien, sondern auch die Korrespondenten, die ihre Berichte aus den Kriegsgebieten im benachbarten Jugoslawien absetzen wollten. Zweimal pro Minute habe ich mit dem Wählscheibentelefon die Nummer gewählt, es muss also grob im Bereich von Versuch Nummer 600 gewesen sein, als ich ein Freizeichen vernahm. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, es war mir irgendwann tatsächlich gelungen. Letzte Zweifel blieben: Hatte ich mich vielleicht verwählt? Würde deshalb gleich ein bulgarisches Ortsgespräch beginnen? Nein, es meldete sich tatsächlich das Funkhaus in Kiel, ich war sogar direkt in der Schlussredaktion gelandet, besser ging es nun wirklich nicht. Ich sagte: »Hallo, hier ist Jörg aus Sofia, ich möchte jetzt meinen O-Ton zum HSV abliefern.« Am anderen Ende der Leitung war ein hektischer Praktikant zu vernehmen, der nur kurz mitteilte: »Sorry, alle Bandmaschinen werden gerade benutzt, ruf in fünf Minuten noch mal an.« Schon hatte er aufgelegt. In diesem Moment war ich den Tränen nah, ich wurde nämlich nur nach O-Tönen bezahlt, ohne einen einzigen Beitrag galt dieses Unternehmen hier als private Vergnügungsreise und war selbstverständlich aus eigener Tasche zu begleichen. Als ich zurückkam, traf ich den besagten Praktikanten nicht mehr an, wegen nachgewiesener Unfähigkeit in mehreren schweren Fällen hatte man beschlossen, auf seine Dienste zu verzichten. Ein Glücksfall für mich, sonst wäre ich heute wohl vorbestraft.

Der Sportchef war dann noch so nett, meine inzwischen wahrlich nicht mehr aktuellen O-Töne irgendwann in der Nacht wegzusenden, weil er wusste, dass ich das Geld zum Überleben brauchte.

Wie viel schöner war es doch, drei Jahre später zum erlesenen Kreis der Reporter der Fußballweltmeisterschaft 1994 in den USA zu gehören. Na gut, dass mein Sender mir kein Journalistenvisum besorgt hatte und ich stattdessen als Tourist einreiste, der seine Bandmaschine komplett zerlegt und auf zwei Koffer verteilt hatte, um sie dann vor Ort wieder zusammenzumontieren: geschenkt! Aufzufliegen wäre wahrscheinlich auch damals schon kein Vergnügen gewesen, aber wenigstens war es noch die Zeit vor dem 11. September 2001. Vermutlich hätte man mich ein paar Stunden verhört und dann zurückgeschickt. Heutzutage würden die Mitarbeiter der Einreisebehörde den Kofferinhalt vorsichtshalber für Bestandteile einer Bombe halten, und während Experten das genauer analysieren, dürfte ich schätzungsweise das Ergebnis in Guantanamo abwarten.

Glücklicherweise winkte man mich bei der Einreise in Chicago zügig durch. Ich freute mich auf die Spiele der deutschen Mannschaft und die Berichte aus dem Trainingslager unserer Elf und fuhr bester Laune direkt zum Deutschen Haus, um mich offiziell anzumelden. Die Mitarbeiterin des Deutschen Fußballbundes ging die Namen auf ihrem Zettel mehrfach akribisch durch und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: »Es tut mir sehr leid, aber Sie stehen nicht auf unserer Akkreditierungsliste.« Ich bat sie, sofort in der DFB-Zentrale in Frankfurt anzurufen, aber sie verwies mit Recht darauf, dass in Deutschland gerade tiefe Nacht sei. Ich musste noch mindestens sechs Stunden auf eine Antwort warten und obwohl ich wirklich platt war nach diesem langen Flug, gelang es mir nicht, auch nur für eine Sekunde die Augen zu schließen. Am frühen Nachmittag kam eine Nachricht aus der Zentrale, die mich kurz hysterisch auflachen ließ. Mit ehrlichem Bedauern in der Stimme teilte man mir mit, dass eine Akkreditierung für Jörg Pilawa beantragt sei, allerdings nicht für die aktuelle Weltmeisterschaft, sondern für die Qualifikation zur Europameisterschaft zwei Jahre später. In Sachen WM sei jetzt wirklich nichts mehr zu machen.

Ich stand also in Chicago und konnte unmöglich arbeiten. Keine Akkreditierung bedeutete keinen Zutritt zum Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft und keinen Einlass in den Pressebereich der Stadien. Ich war schlechter dran als jeder angereiste Fan, die hatten wenigstens noch Eintrittskarten. Notgedrungen ließ ich also während der Spiele unserer Elf im Hotelzimmer im Hintergrund den Fernseher laufen und kommentierte live vom Schirm.

Das Internet hat auch drei Jahre nach Sofia noch keine Rolle gespielt und ein Archiv, in dem ich irgendetwas hätte nachschauen können, war natürlich ebenfalls Fehlanzeige. Kurzum: Es wäre ungleich praktischer gewesen, das Fernsehbild von Deutschland aus zu kommentieren, dann hätte ich mich besser vorbereiten können. Mein Einsatz hier hatte ausschließlich Nachteile. Immerhin waren auch die Fans zu Hause noch nicht in den Weiten des World Wide Web angekommen, dementsprechend war das, was die Kollegen und ich damals erzählten, nicht so leicht überprüfbar. Das galt erst recht für die Kommentare zum Spielverlauf, wenn wir »Abseits« gesagt haben, dann war Abseits, Punkt, keine Diskussion. Es waren weder wie heute 16 Kameras noch softwaregestützte Analysetools im Einsatz, die das Gegenteil beweisen konnten.

Für die Begegnungen der Deutschen hatte ich also eine improvisierte Lösung gefunden. Blöderweise war mein Sender der Meinung, dass sein Reporter auch dann, wenn Bertis Buben nicht spielen mussten, immer eine Stunde Programm gestalten sollte. Und wer wäre ich gewesen, ihm diesen Wunsch abzuschlagen, wo man mir doch diese traumhaften Arbeitsbedingungen geschenkt hatte?

Ich stand also am Zaun des Trainingslagers unserer Elf und hoffte, dass sich vielleicht Bundestrainer Vogts oder einer der Spieler erbarmten, kurz in mein Mikrofon zu sprechen. Mit einem Aufnahmegerät über der Schulter verfügst Du ungefähr über dieselbe Anziehungskraft wie ein Laienprediger, der sich in der Fußgängerzone in den Strom der vorbeiziehenden Shopper stellt und das Himmelreich verkündet. Du kannst sehr schön beobachten, wie alle um Dich herum ihren Schritt beschleunigen. Aber hin und wieder bleibt doch mal einer stehen und sei es, weil er sich die Schuhe zubinden muss. Das ist Deine Chance, um Gehör zu finden, das sind die wahren Glücksmomente, die Dich kurz wieder aufrichten und in Deinem schier aussichtslosen Tun wieder befeuern.

Normalerweise hätte ich mir meine gesammelten O-Töne aus dem Lager unserer Elf in Ruhe angehört, um die besten auszuwählen. Bei diesem Einsatz ging es nur noch darum, überhaupt welche zu bekommen. Ich hätte mir eigentlich ein Schild umhängen sollen: »Alles, was Sie hier sagen, wird eins zu eins in voller Länge gesendet.« Zumindest Lothar Matthäus hätte ich dann sicher gehabt. Die besten Ideen hat man immer erst viel zu spät, diese hier ist wahrscheinlich schon ein Vorbote des klaren Geistes, der sich durch das Fasten einstellt.

In meiner unglücklichen Lage als ewiger Zaungast konnte ich dankenswerterweise auf die Hilfe eines Kollegen von der Hörfunkabteilung der Presseagentur dpa hoffen, der mich immer wieder mit Infos versorgt hat.