Bin ich schön genug? (Wissen & Leben) - Ada Borkenhagen - E-Book

Bin ich schön genug? (Wissen & Leben) E-Book

Ada Borkenhagen

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Beschreibung

Zwischen Optimierungsdruck und Selbstliebe - Wissenschaftliche Basis: Was finden wir heute schön und warum? - Veränderung anstoßen: Schädlichem Schönheitswahn mit psychologischem Wissen entgegentreten Hat sich unser Empfinden für Schönheit in Zeiten von Botox® und Co. verändert? Die Globalisierung und vor allem Social Media spielen eine große Rolle; Schönheitspraktiken und unser Blick auf uns selbst verändern sich. Heute ist Schönheit machbarer denn je und wer nicht schön ist, sei »selbst schuld«. Auch Altern ist zum Makel geworden. Doch was richtet der Optimierungswahn mit unserem Selbstbild und unserem Wohlbefinden an? Ada Borkenhagen befasst sich aus psychoanalytischer Sicht mit diesem Thema. Ihr Buch liefert unterhaltsam die wissenschaftlichen Fakten für eine Auseinandersetzung mit den Fragen: Wollen wir wirklich weiter unter diesem Druck leben? Wie können wir einen guten Umgang mit den immer neuen Angeboten der Schönheitsmedizin und Social Media finden – jenseits von Verbannung oder unkritischem Nacheifern?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dies ist der Umschlag des Buches »Bin ich schön genug?« von Ada Borkenhagen, Wulf Bertram

Ada Borkenhagen

Bin ich schön genug?

Schönheitswahn und Body Modification

Schattauer

WISSEN&LEBEN

herausgegeben von Wulf Bertram

Wulf Bertram, Dipl.-Psych. Dr. med, geb. in Soest/Westfalen, Studium der Psychologie, Medizin und Soziologie in Hamburg. Zunächst Klinischer Psychologe im Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf, nach Staatsexamen und Promotion in Medizin Assistenzarzt in einem Sozialpsychiatrischen Dienst in der Provinz Arezzo/Toskana, danach psychiatrische Ausbildung in Kaufbeuren/Allgäu. 1986 wechselte er als Lektor für medizinische Lehrbücher ins Verlagswesen und wurde 1988 wissenschaftlicher Leiter des Schattauer Verlags, 1992 dessen verlegerischer Geschäftsführer. Aus seiner Überzeugung heraus, dass Lernen Spaß machen muss und solides Wissen auch unterhaltsam vermittelt werden kann, konzipierte er 2009 die Taschenbuchreihe »Wissen & Leben«, in der mittlerweile mehr als 50 Bände erschienen sind. Bertram hat eine Ausbildung in Gesprächs- und Verhaltenstherapie sowie in Psychodynamischer Psychotherapie und arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis.

Für seine »wissenschaftlich fundierte Verlagstätigkeit«, mit der er im Sinne des Stiftungsgedankens einen Beitrag zu einer humaneren Medizin geleistet hat, in der der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit im Mittelpunkt steht, wurde Bertram 2018 der renommierte Schweizer Wissenschaftspreis der Margrit-Egnér-Stiftung verliehen.

Impressum

Besonderer Hinweis:

Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können. Hinsichtlich der angegebenen Empfehlungen zur Therapie und der Auswahl sowie Dosierung von Medikamenten wurde die größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die Beipackzettel und Fachinformationen der Hersteller zur Kontrolle heranzuziehen und im Zweifelsfall einen Spezialisten zu konsultieren. Fragliche Unstimmigkeiten sollten bitte im allgemeinen Interesse dem Verlag mitgeteilt werden. Der Benutzer selbst bleibt verantwortlich für jede diagnostische oder therapeutische Applikation, Medikation und Dosierung.

In diesem Buch sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs

Schattauer

www.schattauer.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

© 2025 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte inklusive der Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i. S.v. § 44b UrhG vorbehalten

Lektorat: Volker Drüke

Gestaltungskonzept: Farnschläder & Mahlstedt, Hamburg

Cover: Bettina Herrmann, Stuttgart

unter Verwendung einer Abbildung von © istock/kamisoka

Gesetzt von Eberl & Koesel Studio, Kempten

Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

ISBN 978-3-608-40078-6

E-Book ISBN 978-3-608-11964-0

PDF-E-Book ISBN 978-3-608-20586-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Einführung

Unser Sinn für Schönheit oder Warum wir Menschen Pfauen schön finden

Die nackte Haut oder Die erste Mode der Menschheit

Schamhaarentfernung oder Wie eine uralte Mode auch heute noch die Gemüter zu erhitzen vermag

Von der Schamhaarentfernung zur Schamlippenkorrektur

Als die Frauen das schöne Geschlecht wurden

Das Urteil des Paris oder Was ist schön?

Kleine Geschichte der weiblichen Schönheitsideale

Wie Kleider Schönheitsideale »machen«

Als Schlanksein zum Ideal wurde

Vom Schlankheitsideal zur Essstörung

Immer weniger Stoff

Mit Sport den Körper formen

Vom Siegeszug der Brustvergrößerung oder Wie der Boom der modernen Schönheitsmedizin begann

Der schöne Körper – das wichtigste Statussymbol der Frau

Der Körper als Kunstwerk – Körperfashioning als Identitätsarbeit

Botox® und Co. – Vom Siegeszug der minimal- und non-invasiven ästhetischen Verfahren

Selbstoptimierung als Lebensstil

Vom Fotohandy zur »Selfiemania«

Eine kleine Geschichte der Beauty-Filter

Die Kardashians und Co. – das Fleisch gewordene Instagram-Gesicht als Geschäftsmodell

Corona und die Folgen

Selfie-Kult und Beauty-Filter: Auswirkungen auf die Psyche

Schönheitsmedizin und Psyche

Wer nutzt Schönheitsmedizin? Versuch einer Typologie

Wer ist die typische Botox®- und Filler-Patientin?

Machen Schönheitsoperationen glücklich? Zur Psychologie der Schönheitsmedizin

Die Körperdysmorphe Störung oder Wenn Schönheitsoperationen zur Sucht werden

Die Körperdysmorphe Störung (KDS)

Geschichte der Körperdysmorphen Störung

Wer erkrankt an einer Körperdysmorphophobie (KDS)?

Symptomatik

Body Positivity oder Der Kampf gegen Schönheits- und Schlankheitswahn

Die neuen Moden des Körpers: Tätowierungen und Piercings

Tattoos – in Deutschland allgegenwärtig

Das Ende der Piercingwelle

Ausblick: Was bringt die Zukunft?

Literatur

Sachverzeichnis

Einführung

Hat sich unser Empfinden von Schönheit in Zeiten von Botox® und Co. verändert? Wollen wir heute tatsächlich anders schön sein als noch unsere Großmütter? Die Antwort lautet: ja. Die Globalisierung und das Internet haben auch unsere Schönheitspraktiken verändert und vor allem unseren Blick auf uns selbst. Im 21. Jahrhundert geht das Sich-schön-Machen weit über ein bisschen Schminken und Diäthalten oder Fitnesstraining hinaus. Heute ist Attraktivität selbstverständlicher Teil unserer Identität. Das vielbemühte »Der Wunsch nach Schönheit ist so alt wie die Menschheit selbst« greift hier zu kurz. Das heutige Schönheitsideal ist der gemachte Körper, den so weder unsere Großmütter noch die Steinzeitmenschen kannten. Denn Schönheit ist machbar geworden und deshalb ist derjenige, der nicht schön ist, selbst schuld. Zudem muss man, vor allem aber Frau auch noch bis ins hohe Alter schön sein. Altern ist ein Makel und es gilt daher, die Zeichen des Alters beständig zu bekämpfen. Dem trägt die Schönheitsmedizin Rechnung.

Warum wir heute anders schön sein wollen als noch unsere Großmütter und wie die neuen medizinischen Möglichkeiten der Körperoptimierung und die digitalen Medien das Bild, das wir uns von uns selbst machen und auch unsere Schönheitsideale verändern, davon handelt dieses Buch.

Unser Sinn für Schönheit oder Warum wir Menschen Pfauen schön finden

Charles Darwin verdanken wir die Erkenntnis, wie der Sinn für Schönheit entstanden ist und dass bereits Tiere einen Sinn für Schönheit haben. Denn augenscheinlich finden nicht nur die meisten Menschen, sondern auch Pfauenhennen das prächtige Gefieder des Pfaus attraktiv. Nach Darwin kann man sich die Entstehung dieses Schmuckgefieders so vorstellen: Zunächst dürften weibliche und männliche Pfauen ziemlich ähnlich ausgesehen haben. Weil aber die Hennen über einen langen Zeitraum immer wieder Pfauenhähne zur Paarung gewählt haben, die erblich bedingt längere und/oder farbigere Schwanzfedern hatten, konnten die Hähne diese Eigenschaften an ihre Söhne weitergeben. Durch die »Vorliebe« der Hennen für »lange und farbige Schwanzfedern« verstärkte sich dieses Merkmal von Generation zu Generation, bis hin zur Herausbildung des heutigen prächtigen Pfauenrades. Dabei machen die langen und auffälligen Schwanzfedern den Pfau zu einer leichteren Beute, aber die Attraktivität, die das Schmuckgefieder für die Hennen hat, wiegt dieses Handicap auf. Das prächtige Pfauenrad ist also nichts anderes als eine über Jahrtausende entstandene, erblich gewordene Mode. Die Entstehung solch biologischer Moden lässt sich in Experimenten eindrücklich zeigen. So verlängerte Moller (1988) Schwalbenmännchen die Schwänze mit künstlichen Federn. Die so verschönerten Männchen waren für die Schwalbenweibchen deutlich attraktiver, fanden schneller eine Partnerin und hatten mehr Nachwuchs als Männchen, die nicht »verschönert« worden waren (→ Abb. 1).

Abb. 1: Pfau im Botanischen Garten, Madeira (Foto: Amanda Grobe).

Und was für Pfauen gilt, spielt auch bei Menschen eine Rolle: Auch bei uns Menschen haben sich durch die Vorliebe für bestimmte Partner bzw. Partnerinnen spezifische Schönheitsmerkmale(1) für Frauen und Männer herausgebildet. Das Ergebnis dieser Partnerwahl ist, dass Frauen und Männer heute so aussehen, wie sie aussehen. Neben diesen im Lauf von Jahrtausenden evolutionär entstandenen Schönheitsmerkmalen kommt beim Menschen noch die Kultur hinzu. Beim Menschen überholt die kulturelle Evolution(1) die biologische oder, anders gesagt: Beim Menschen werden biologische Moden von kulturellen abgelöst. Als kulturelle Moden können sich ästhetische Vorlieben und Ideale viel schneller durchsetzen, als dies bei biologischen Moden je möglich wäre. Der Evolutionsbiologe Francis Galton hat dies bereits 1883 sehr treffend beschrieben:

»Würde die Pfauhenne es sich in den Kopf setzen, dass Streifen auf den Schwanzfedern ihres Gatten schöner wären als Augen, könnte sie einfach nicht bekommen, was sie will. Es bedürfte Hunderter von Generationen, während deren sich alle Pfauhennen auf denselben Geschmack einigen müssten, bevor geschlechtliche Zuchtwahl Einfluss auf die gewünschte Veränderung haben könnte. Das weibliche Pläsier, jeder Laune in Fragen des Schmucks nachgeben zu können, ist ein Luxus, der dem weiblichen Geschlecht in der Tierwelt versagt bleibt, und das Gesetz, welches den Wandel des Geschmacks regiert, kann nur ermittelt, wenn überhaupt studiert werden, indem man den Wechsel der Mode in zivilisierten Gemeinschaften beobachtet.«

(Galton 1883, S. 180)

Die sich im Laufe der kulturellen Entwicklung herausgebildeten Schönheitsmerkmale und Schönheitsideale des Menschen sind folglich sehr viel variabler als die der Tiere, die sich im Lauf der Evolution herausgebildet haben. Denn bekanntlich können sich Tiere nicht – wie wir Menschen – mit fremden Federn schmücken. Das Ausstaffieren der Schwalbenmännchen mit künstlichen Federn im Experiment entspricht beim Menschen der Frisur, dem Make-up, dem Bodybuilding oder dem Herausputzen mittels Kleidung und vielem mehr. Und die kulturellen Körpermoden sind heute wichtiger denn je.

Die nackte Haut oder Die erste Mode der Menschheit

Und Charles Darwin verdanken wir auch die Erkenntnis vom ersten Schönheitsideal des Menschen: nämlich unserer nackten Haut.1 Denn mit unserer nackten Haut unterscheiden wir uns unübersehbar von unseren nächsten Artverwandten, den Affen. Wie Menninghaus schreibt, ist die nackte Haut, vor allem die des weiblichen Körpers, eine über »Generationen ausgewählte Bekleidung des menschlichen Körpers«, die gerade durch das Fehlen von Federn, Haaren und Fell definiert ist (Menninghaus 2003, S. 90). Als eine frei gestaltbare Fläche eröffnet die nackte Haut ungeahnte Möglichkeiten für das Spiel von Körper- und Kleidermoden. Und die nackte Haut ist darüber hinaus ein (fast) untrüglicher Indikator für den Gesundheitszustand und das Alter eines Menschen.

Schamhaarentfernung(1) oder Wie eine uralte Mode auch heute noch die Gemüter zu erhitzen vermag

Aus der Mode der nackten Haut folgt, dass Haare stets nur an bestimmten Stellen des menschlichen Körpers als schön galten und gelten. Entsprechend gehört das Enthaaren des ohnehin fast haarlos wirkenden weiblichen Körpers in vielen Kulturen seit alters her zu den bevorzugten kosmetischen Praktiken. So kannte bereits das Altertum für die wenigen Stellen – die Achsel- und Intimregion –, an denen die Behaarung des menschlichen Körpers am stärksten der Konsistenz eines Fells entspricht, vielfältige Enthaarungspraktiken. In den Hochkulturen Mesopotamiens und Ägyptens nutzte man Harz, Pflanzenextrakte, Fett, Pech oder geschliffene Steine und Muscheln zur Haarentfernung.

Auf ägyptischen Grabmalereien wie auch antiken griechischen Vasenmalereien sind Frauen mit enthaarter Scham dargestellt. Und auch Kleopatra soll sich die Körperhaare entfernt haben. Dabei wechselte die kulturelle Bedeutung, die der teilweisen oder auch kompletten Enthaarung einer Körperregion oder des gesamten Körpers im Verlauf der Jahrtausende zukam. In den islamischen Kulturen gehört die Entfernung der Achsel- und Schamhaare bis heute zu den religiösen Reinlichkeitspflichten. Und im Christentum ist Körperhaar mit dem Tierischen und Unzivilisierten verbunden. So werden die Heiligen, vor allem aber Jesus Christus stets ohne Körperhaar dargestellt, was Unschuld, Reinheit und Spiritualität symbolisiert.

Das Unzivilisierte, Böse und Hässliche ist dagegen behaart, wofür die stets behaarten Teufelsfiguren ein eindrückliches Beispiel sind. Während im Mittelalter die Entfernung der Schambehaarung im europäischen Kulturkreis vorrangig religiös motiviert war, erfolgte das Epilieren der Schamhaare Anfang des 18. Jahrhunderts wieder, wie schon im Altertum, vorrangig aus ästhetischen Gründen. Eine mädchenhaft glatte Scham symbolisierte Jungfräulichkeit, Jugendlichkeit und Hingabebereitschaft (→ Abb. 2).

Abb. 2: Castello sforzesco: Donna impudica sec. XII da Porta Tosa (Foto: Giovanni Dall‘Orto).

Heute ist die Intimrasur im westlichen Kulturraum je nach Mode mal stärker und mal weniger stark verbreitet. Für den deutschen Sprachraum lassen sich folgende Phasen unterscheiden: In den goldenen 1920er-Jahren wurde die Intimrasur(1) zum Symbol selbstbewusster emanzipierter Weiblichkeit, blieb jedoch weitgehend auf die Schicht der Schauspielerinnen und der Bohemiens beschränkt. In der Nazizeit entsprach naturbelassenes Schamhaar dem gängigen Ideal »natürlicher Schönheit« (vgl. Gnegel 1995). Demgegenüber brandmarkte die Werbung der 1950er-Jahre die Körperbehaarung wieder als »unerwünscht«, »störend« und »lästig«. Unter den ärmellosen, leichten Kleidern der 50er-Jahre, knapper werdenden Badeanzüge und Bikinis sowie der aufkommenden Strand-, Urlaubs- und Freizeitmode lugte Körperbehaarung unerbittlich hervor. Entsprechend heißt es in »Messer & Schere« (1964, S. 212, zit. nach Gnegel 1995, S. 136): »Die Mode ärmelloser Kleider sowie die modernen Badeanzüge setzen bei der gepflegten Frau die Enthaarung der Achselhöhle voraus.«

Im Gegensatz zur Vorkriegszeit war die Entfernung der Achselhaare jetzt ein Muss, was das folgende Zitat von Arletta Hahn (1954, S. 39) belegt:

»Was auch immer Ihre Meinung zu diesem Punkt sein möge: Wenn Sie einen Badeanzug, ein Abendkleid oder ein ärmelloses Sommerkleid tragen, dann müssen Sie die Haare aus den Achselhöhlen entfernen. Sonst bieten Sie Ihren Mitmenschen einen unangenehmen, unästhetischen und irgendwie unerlaubt intimen Anblick.«

Demgegenüber war die Entfernung der Haare an den Beinen weniger bindend und beschränkte sich auf besonders dichten und dunklen Haarwuchs. Mit der Emanzipationsbewegung der 68er-Jahre kam es vor allem in den deutschsprachigen Ländern zu einer Wende: Üppige Bein-, Scham- und Achselbehaarung wurden nun zum Symbol der Befreiung von patriarchalen Normen. Noch in den 80er-Jahren zeigten Popstars wie Nena freizügig üppige Achselbehaarung, was heute wieder Anstoß erregt.

Die Werbung der Nullerjahre bezeichnete die Körperhaare bei Frauen nicht mehr nur als lästig und unerwünscht. Vielmehr ist die Entfernung von Körperhaaren zum integralen Bestandteil der Schönheits- und Körperpflege jeder sportlichen und modebewussten Frau geworden. Durch den immer größer gewordenen Beinausschnitt in der Bade- und Unterwäschemode dehnte sich auch die als »Bikinizone(1)« bekannte Fläche stark aus und mit ihr auch der Bereich, in dem die Schamhaare entfernt werden mussten. Durch die Zunahme freizügiger Fotos in der Werbung wurde die teilweise oder vollständige Rasur der Schamhaare salonfähig.

Heute ist die Entfernung der Schamhaare bei den jungen Frauen der westlichen Welt zu einem Teil normaler Schönheitspflege geworden. Das zeigen Äußerungen zahlreicher Prominenter, die sich öffentlich zur Intimrasur bekennen: So äußerte beispielsweise Victoria Beckham in einem Zeitungsinterview, der »Iro« (französische Intimrasur, bei der nur in der Mitte ein schmaler Streifen Schamhaar stehengelassen wird) sollte für alle Frauen ab 18 Pflicht sein. Auch in Deutschland breitete sich die Teil- und Vollintimrasur ab Anfang der Nullerjahre immer stärker aus. Seit Ende der 90er-Jahre sind die Frauen in Pornodarstellungen wie dem deutschen »Playboy« teilweise oder vollständig intimrasiert. 2001 wurde das erste vollständig im Intimbereich rasierte Playmate im Playboy gezeigt. Gleichzeitig kommen in den 90er-Jahren erstmals Berichte über Oralsex bei Frauen in den Populärmedien auf – besonders in den Frauenzeitschriften. Gleichsam als Voraussetzung für diese im Trend liegende Sexpraktik wird die weibliche Teil- bzw. Vollintimrasur von den Medien propagiert (→ Abb. 3).

Abb. 3: Werbung für die Intimrasur: Fotoaufnahme Schaufenster Berliner Waxing Shop (Foto: Ada Borkenhagen).

Dass sich deutschlandweit das Ideal einer teilweise enthaarten weiblichen Scham durchgesetzt hat, belegen inzwischen zahlreiche Studien (Brähler et al. 2015; Borkenhagen et al. 2019): Nach einer bundesweiten repräsentativen Befragung der Universität Leipzig von 2016 entfernte die überwiegende Mehrheit (rund 61 %) der in Deutschland lebenden Frauen regelmäßig die Achselhaare, 53 % enthaarten regelmäßig die Beine, 43 % den Intimbereich und 9,4 % die Arme (→ Abb. 4). Im Vergleich zu 2009 enthaarten in allen Altersgruppen deutlich mehr Frauen den Genitalbereich, wobei die kontinuierliche Zunahme bei den jungen Frauen (bis 34 Jahre) auf die Nachhaltigkeit dieses Trends hinweist. Auch die älteren Frauen praktizierten zunehmend die Genitalenthaarung, wobei die stärkste Zunahme mit 26 % bei den 45- bis 54-Jährigen zu verzeichnen war.